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Das seit 1904 kontinuierlich erscheinende Bach-Jahrbuch ist weltweit das angesehenste Publikationsorgan der internationalen Bach-Forschung. Jahr für Jahr bietet es Beiträge namhafter Wissenschaftler über neu Entdecktes und neu Gewertetes zu Leben und Werk von Johann Sebastian Bach und anderen Mitgliedern seiner Familie.
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Seitenzahl: 613
Veröffentlichungsjahr: 2016
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BACH-JAHRBUCH
Im Auftrag der Neuen Bachgesellschaft
herausgegeben von
Peter Wollny
101. Jahrgang 2015
VERÖFFENTLICHUNGDERNEUENBACHGESELLSCHAFT
Internationale Vereinigung, Sitz Leipzig
VEREINSJAHR2015
Wissenschaftliches Gremium
Pieter Dirksen (Culemborg, NL), Stephen Roe (London),
Christoph Wolff (Cambridge, MA), Jean-Claude Zehnder (Basel)
Die redaktionelle Arbeit wurde unterstützt durch das Bach-Archiv Leipzig – Stiftung bürgerlichen Rechts.
Die Neue Bachgesellschaft e.V. wird gefördert durch die Stadt Leipzig, Kulturamt.
Das Bach-Jahrbuch ist urheberrechtlich geschützt.
Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung unzulässig und strafbar. Dies gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Geschäftsstelle der Neuen Bachgesellschaft: Burgstraße 1–5, 04109 Leipzig
Anschrift für Briefsendungen: PF 10 07 27, 04007 Leipzig
Anschrift des Herausgebers:
Prof.Dr.Peter Wollny, Bach-Archiv Leipzig, Thomaskirchhof 16, 04109 Leipzig
Anschrift für Briefsendungen: PF 10 13 49, 04013 Leipzig
Redaktionsschluß: 1. August 2015
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig, 2015
Notensatz: Frank Litterscheid, Hehlen
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2018
ISSN 0084-7982
ISBN 978-3-374-04518-1
Cover
Titel
Impressum
Abkürzungen
Martin Petzoldt (1946–2015) zum Gedenken
Christine Blanken (Leipzig), Christoph Birkmanns Kantatenzyklus „GOtt-geheiligte Sabbaths-Zehnden“ von 1728 und die Leipziger Kirchenmusik unter J. S. Bach in den Jahren 1724–1727
Michael Maul (Leipzig), „zwey ganzer Jahr die Music an Statt des Capellmeisters aufführen, und dirigiren müssen“ – Überlegungen zu Bachs Amtsverständnis in den 1740er Jahren
Peter Wollny (Leipzig), Vom „apparat der auserleßensten kirchen Stücke“ zum „Vorrath an Musicalien, von J. S. Bach und andern berühmten Musicis“ – Quellenkundliche Ermittlungen zur frühen Thüringer Bach-Überlieferung und zu einigen Weimarer Schülern und Kollegen Bachs
Robert L. Marshall und Traute M. Marshall (Newton, Massachusetts), Wenig bekannte Dokumente zu J. S. Bachs Ohrdrufer Zeit
Klaus Hofmann (Göttingen), Anmerkungen zu Bachs Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ (BWV 21)
George B. Stauffer (New Brunswick, New Jersey), Noch ein „Handexemplar“: Der Fall der Schübler-Choräle
Otfried Büsing (Freiburg/Br.), Hatte Nottebohm recht? – Überlegungen zur Fuga a 3 Soggetti aus Bachs Kunst der Fuge
Brigitte Huber (München), „Ehre dem würdigen Haupt, das einen so geweihten Namen trägt!“. Zur Wiederentdeckung des Porträts von Wilhelm Friedrich Ernst Bach (1759–1845)
Russell Stinson (Batesville, Arkansas), Neue Erkenntnisse zu Robert Schumanns Bach-Rezeption
Andreas Glöckner (Leipzig), Ein unbekannter Besuch Joseph Haydns auf der Leipziger Thomasschule
Hans-Joachim Schulze (Leipzig), Kantor Kühnhausen und Concertmeister Simonetti – Weggefährten der Bach-Familie?
Albrecht Lobenstein (Erfurt), Gottfried Albin de Wette als Gewährsmann für Orgeldispositionen der Bach-Zeit im Weimarer Landgebiet
Lynn Edwards Butler (Vancouver, BC), Ein Orgelbauer „unter dem Einfluß Andreas Werckmeisters“. Zacharias Hildebrandts Orgelkontrakte für Störmthal und Liebertwolkwitz
KleineBeiträge
Bernd Koska (Leipzig), Bachs Thomaner als Bewerber um den Schulmeisterdienst zu Schönefeld
Marc Roderich Pfau (Berlin), Entstanden Bachs vier späte Choralkantaten „per omnes versus“ für Gottesdienste des Weißenfelser Hofes?
Marc Roderich Pfau (Berlin), Die Freiberger Jubelmusiken von 1755 und die Antrittsmusik von Johann Friedrich Doles zum Leipziger Thomaskantorat im Jahr 1756
Dokumentation
Hans-Joachim Schulze (Leipzig), Das Flötenspiel des Preußenkönigs Friedrich II. und die Kunst des Accompagnierens
Neue Bach-Gesellschaft e. V. Leipzig Mitglieder der leitenden Gremien
Fußnoten
1. Allgemein
ADB
Allgemeine Deutsche Biographie, hrsg. von der Historischen Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften München, 56 Bde., Leipzig 1875–1912 (Nachdruck 1967–1971)
AfMw
Archiv für Musikwissenschaft, 1918–1926, 1952ff.
AMZ
Allgemeine Musikalische Zeitung, Leipzig 1799–1848
Bach-Kolloquium Rostock
Das Frühwerk Johann Sebastian Bachs. Kolloquium, veranstaltet vom Institut für Musikwissenschaft der Universität Rostock 11.–13. September 1990, hrsg. von Karl Heller und Hans-Joachim Schulze, Köln 1995
Bach-Symposium Marburg
Bachforschung und Bachinterpretation heute. Wissenschaftler und Praktiker im Dialog. Bericht über das Bachfest-Symposium 1978 der Philipps-Universität Marburg, hrsg. von Reinhold Brinkmann, Kassel 1981
BC
Hans-Joachim Schulze und Christoph Wolff, Bach Compendium. Analytisch-bibliographisches Repertorium der Werke Johann Sebastian Bachs, Bd. I/1–4, Leipzig 1986 bis 1989
Beißwenger
Kirsten Beißwenger, Johann Sebastian Bachs Notenbibliothek, Kassel 1992 (Catalogus Musicus. 13.)
BG
J. S. Bachs Werke. Gesamtausgabe der Bachgesellschaft, Leipzig 1851–1899
BJ
Bach-Jahrbuch, 1904ff.
BuxWV
Georg Karstädt, Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke von Dietrich Buxtehude. Buxtehude-Werke-Verzeichnis (BuxWV), Wiesbaden 1974
BWV
Wolfgang Schmieder, Thematisch-systematisches Verzeichnis der musikalischen Werke von Johann Sebastian Bach. Bach-Werke-Verzeichnis, Leipzig 1950
BWV2
Bach-Werke-Verzeichnis (wie oben); 2. überarbeitete und erweiterte Ausgabe, Wiesbaden 1990
BWV2a
Bach-Werke-Verzeichnis. Kleine Ausgabe nach der von Wolfgang Schmieder vorgelegten 2. Ausgabe, hrsg. von Alfred Dürr und Yoshitake Kobayashi unter Mitarbeit von Kirsten Beißwenger, Wiesbaden 1998
DDT
Denkmäler deutscher Tonkunst, hrsg. von der Musikgeschichtlichen Kommission, Leipzig 1892–1931
Dok I–VII
Bach-Dokumente, herausgegeben vom Bach-Archiv Leipzig. Supplement zu Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke.
Band I: Schriftstücke von der Hand Johann SebastianBachs, vorgelegt und erläutert von Werner Neumann und Hans-Joachim Schulze, Leipzig und Kassel 1963
Band II: Fremdschriftliche und gedruckte Dokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs 1685–1750, vorgelegt und erläutert von Werner Neumann und Hans-Joachim Schulze, Leipzig und Kassel 1969
Band III: Dokumente zum Nachwirken Johann SebastianBachs 1750–1800, vorgelegt und erläutert von Hans-Joachim Schulze, Leipzig und Kassel 1972
Band IV: Werner Neumann, Bilddokumente zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs, Kassel und Leipzig 1979
Band V: Dokumente zu Leben, Werk und Nachwirken Johann Sebastian Bachs 1685–1800. Neue Dokumente. Nachträge und Berichtigungen zu Band I–III, vorgelegt und erläutert von Hans-Joachim Schulze unter Mitarbeit von Andreas Glöckner, Kassel 2007
Band VI: Ausgewählte Dokumente zum Nachwirken Johann Sebastian Bachs 1801–1850, hrsg. und erläutert von Andreas Glöckner, Anselm Hartinger, Karen Lehmann, Kassel 2007
Band VII: Johann Nikolaus Forkel. Ueber Johann Sebastian Bachs Leben, Kunst und Kunstwerke (Leipzig 1802). Editionen. Quellen. Materialien, vorgelegt und erläutert von Christoph Wolff unter Mitarbeit von Michael Maul, Kassel 2008
Dürr Chr 2
Alfred Dürr, Zur Chronologie der Leipziger Vokalwerke J. S. Bachs. Zweite Auflage: Mit Anmerkungen und Nachträgen versehener Nachdruck aus Bach-Jahrbuch 1957, Kassel 1976 (Musikwissenschaftliche Arbeiten, hrsg. von der Gesellschaft für Musikforschung. 26.)
Dürr KT
Alfred Dürr, Die Kantaten Johann Sebastian Bachs mit ihren Texten, Kassel und München 1985
Dürr St
Alfred Dürr, Studien über die frühen Kantaten Johann Sebastian Bachs, Leipzig 1951
Dürr St 2
Alfred Dürr, Studien über die frühen Kantaten JohannSebastian Bachs. Verbesserte und erweiterte Fassung derim Jahr 1951 erschienenen Dissertation, Wiesbaden 1977
Eitner Q
Robert Eitner, Biographisch-bibliographisches Quellenlexikon der Musiker und Musikgelehrten, 10 Bde., Leipzig 1900–1904
Erler II, III
Erler, Georg. Die jüngere Matrikel der Universität Leipzig 1559–1809 als Personen- und Ortsregister bearbeitet und durch Nachträge aus den Promotionslisten ergänzt, 3 Bde., Leipzig 1909
Band II: Die Immatrikulationen vom Wintersemester 1634 bis zum Sommersemester 1709
Band III: Die Immatrikulationen vom Wintersemester 1709 bis zum Sommersemester 1809
Fk
Verzeichnis der Werke Wilhelm Friedemann Bachs, in: Martin Falck, Wilhelm Friedemann Bach. Sein Leben und seine Werke, Leipzig 1913, 21919 (Reprint Lindau/B. 1956)
Gerber ATL
Ernst Ludwig Gerber, Historisch-Biographisches Lexikon der Tonkünstler, Teil 1–2, Leipzig 1790–1792
Gerber NTL
Ernst Ludwig Gerber, Neues historisch-biographisches Lexikon der Tonkünstler, Teil 1–4, Leipzig 1812–1814
GraunWV
Christoph Henzel, Graun-Werkverzeichnis (GraunWV). Verzeichnis der Werke der Brüder Johann Gottlieb und Carl Heinrich Graun, 2 Bde., Beeskow 2006
Hob.
Anthony van Hoboken, Joseph Haydn: thematisch-bibliographisches Werkverzeichnis, 3 Bde., Mainz 1957–1978
HoWV
Uwe Wolf, Gottfried August Homilius (1714–1785). Thematisches Verzeichnis der musikalischen Werke (HoWV), Stuttgart 2014 (Gottfried August Homilius. Ausgewählte Werke, Reihe 5: Supplement, Bd.2)
Jahrbuch SIM
Jahrbuch des Staatlichen Instituts für Musikforschung Preußischer Kulturbesitz Berlin, 1969ff.
JAMS
Journal of the American Musicological Society, 1948ff.
JLB
Johann Ludwig Bach, Kantaten (gezählt nach BG 41, S.275ff.)
Kalendarium 32008
Kalendarium zur Lebensgeschichte Johann Sebastian Bachs. Erweiterte Neuausgabe, hrsg. von Andreas Glöckner, Leipzig und Stuttgart 2008 (Edition Bach-Archiv Leipzig)
Kobayashi Chr
Yoshitake Kobayashi, Zur Chronologie der Spätwerke Johann Sebastian Bachs. Kompositions- und Aufführungstätigkeit von 1736 bis 1750, in: Bach-Jahrbuch 1988, S.7–72
LBB
Leipziger Beiträge zur Bach-Forschung, hrsg. vom Bach-Archiv Leipzig
Band1: Bericht über die wissenschaftliche Konferenz anläßlich des 69. Bach-Fests der Neuen Bachgesellschaft, Leipzig 29.–30. März 1994. Passionsmusiken im Umfeld Johann Sebastian Bachs. Bach unter den Diktaturen 1933–1945 und 1945–1989, hrsg. von Ulrich Leisinger, Hans-Joachim Schulze und Peter Wollny, Hildesheim 1995.
Band3: Evelin Odrich und Peter Wollny, Die Briefkonzepte des Johann Elias Bach, Hildesheim 2000; zweite, erweiterte Auflage 2005
Band5: Bach in Leipzig – Band und Leipzig. Konferenzbericht Leipzig 2000, hrsg. von Ulrich Leisinger, Hildesheim 2002
Band9: Ulrich Leisinger, Johann Christoph Friedrich Bach. Briefe und Dokumente, Leipzig und Hildesheim 2011
Band10: Christine Blanken, Die Bach-Quellen in Wien und Alt-Österreich. Katalog, 2 Teilbde., Leipzig und Hildesheim 2011
Band11: Andreas Glöckner, Die ältere Notenbibliothek der Thomasschule zu Leipzig. Verzeichnis eines weitgehend verschollenen Bestands, Leipzig und Hildesheim 2011
Mf
Die Musikforschung, Kassel 1948ff.
MfM
Monatshefte für Musikgeschichte, hrsg. von der Gesellschaft für Musikforschung, redigiert von Robert Eitner, Berlin 1869–1883, Leipzig 1884–1905
MGG2
Die Musik in Geschichte und Gegenwart. Allgemeine Enzyklopädie der Musik. Begründet von Friedrich Blume. Zweite neubearbeitete Ausgabe, hrsg. von Ludwig Finscher, Kassel und Stuttgart 1994–2007
NBA
Neue Bach-Ausgabe. Johann Sebastian Bach. Neue Ausgabe sämtlicher Werke. Herausgegeben vom Johann-Sebastian-Bach-Institut Göttingen und vom Bach-Archiv Leipzig, Leipzig, Kassel 1954–2007
NZfM
Neue Zeitschrift für Musik, 1834ff.
RISM A/I
Répertoire International des Sources Musicales. Internationales Quellenlexikon der Musik, Serie A/I: Einzeldrucke vor 1800, Kassel 1971ff.
RISM A/II
Répertoire International des Sources Musicales. Internationales Quellenlexikon der Musik, Serie A/II: Musikhandschriften nach 1600 (http://opac.rism.info/)
Schulze Bach-Überlieferung
Hans-Joachim Schulze, Studien zur Bach-Überlieferung mim 18. Jahrhundert, Leipzig und Dresden 1984
SIMG
Sammelbände der Internationalen Musikgesellschaft, Leipzig 1899–1914 (Reprint: Hildesheim und Wiesbaden, 1970/71)
Spitta I, II
Philipp Spitta, Johann Sebastian Bach, 2 Bde., Leipzig 1873, 1880
TVWV
Werner Menke, Thematisches Verzeichnis der Vokalwerke von Georg Philipp Telemann, 2 Bde., Frankfurt am Main 1981, 1983
TWV
Martin Ruhnke, Georg Philipp Telemann: Thematisch-Systematisches Verzeichnis seiner Werke, Bd.1–3: Instrumentalwerke, Kassel 1984–1999
Walther L
Johann Gottfried Walther, Musicalisches Lexicon oderMusicalische Bibliothec, Leipzig 1732 (Reprint Kassel 1953)
Weiß
Katalog der Wasserzeichen in Bachs Originalhandschriften, von Wisso Weiß, unter musikwissenschaftlicher Mitarbeit von Yoshitake Kobayashi, Bd.1/2, Kassel und Leipzig 1985 (NBA IX/1)
Zedler
Johann Heinrich Zedler, Grosses vollständiges Universal Lexikon aller Wissenschaften und Künste […], Halle und Leipzig 1732–1754 (Reprint Graz 1999)
2. Bibliotheken
A-Ee
Eisenstadt, Fürstlich Esterhazysches Musikarchiv
A-Wn
Wien, Österreichische Nationalbibliothek, Musiksammlung
D-B
Staatsbibliothek zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz, Musikabteilung mit Mendelssohn-Archiv. Als Abkürzung für die Signaturen der Bach-Handschriften (Mus. ms. Bach P bzw. St) dienen P und St
D-Bsak
Bibliothek der Sing-Akademie zu Berlin (Depositum in D-B)
D-CEp
Celle, Kirchenministerialbibliothek Celle im Pfarrvikarseminar
D-Dl
Dresden, Sächsische Landesbibliothek – Staats- und Universitätsbibliothek, Musikabteilung
D-DS
Darmstadt, Hessische Landes- und Hochschulbibliothek, Musikabteilung
D-F
Frankfurt, Stadt- und Universitätsbibliothek, Musik- und Theaterabteilung
D-LEb
Leipzig, Bach-Archiv
D-LEm
Leipzig, Städtische Bibliotheken – Musikbibliothek
D-WFe
Weißenfels, Ephoralbibliothek
D-WRha
Hochschule für Musik Franz Liszt, Thüringisches Landesmusikarchiv
D-WRz
Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek
F-Pn
Paris, Bibliothèque Nationale
F-Sn
Strasbourg, Bibliothèque Nationale et Universitaire
GB-Cfm
Cambridge, Fitzwilliam Museum
GB-Lbl
London, The British Library
GB-Ob
Oxford, Bodleian Library
PL-Kj
Kraków, Biblioteka Jagiellońska
S-Smf
Stockholm, Stiftelsen Musikkulturens främjande
S-Uu
Uppsala, Universitetsbiblioteket
US-BETu
Bethlehem, PA, Lehigh University, Lucy Packer Linderman Memorial Library
US-Bp
Boston, Public Library, Music Department
US-PRu
Princeton, Princeton University Library
Mit Martin Petzoldt hat nicht nur die Neue Bachgesellschaft einen der engagiertesten Vorsitzenden ihrer Geschichte verloren, auch die Gemeinschaft der Bach-Forscher muss den Verlust eines ihrer kenntnisreichsten und weitestblickenden Vertreter beklagen. Als Absolvent der Dresdner Kreuzschule und Mitglied des Kreuzchores war er mit der Musik Johann Sebastian Bachs von Jugend an eng verbunden. Parallel zu einem erfüllten Leben als Theologe kam Petzoldt bereits kurz nach seiner Promotion als Assistent im Wissenschaftsbereich Systematische Theologie der Universität Leipzig mit der Bach-Forschung in Berührung. Seine Annäherung an dieses Forschungsgebiet unter politisch schwierigen Bedingungen hat er in einem stark autobiographisch gefärbten Vortrag geschildert, den er im Rahmen der Wissenschaftlichen Konferenz anläßlich des 69. Bach-Festes der Neuen Bachgesellschaft im März 1994 in Leipzig hielt.1 In diesem Vortrag heißt es, das Thema Bach sei „immer stärker zu einem mich tief beschäftigenden, ja zu einem existentiellen Anliegen“ geworden. Angetrieben von der „eigentümlichen Kraft und Ausstrahlung dieser Persönlichkeit und ihres Werkes“ kreisten Petzoldts Veröffentlichungen seit den frühen 1980er Jahren zum einen „um eine Bestimmung der Dimensionen“, in denen Bachs Leben sich vollzog, wobei er sich ausdrücklich nicht nur auf das biographische „Umfeld“ und den „historischen Ort“ Bachs beschränkte, sondern auch die geistige (theologische und philosophische) Komponente berücksichtigt wissen wollte; zum anderen galt seine wissenschaftliche Neugier den von Bach in Musik gesetzten Kantatendichtungen, in denen er einen Schlüssel zum Verständnis von Bachs Musik sah.
Im Bach-Jahrbuch war Petzoldt zwar nur gelegentlich als Autor anzutreffen, doch hat er durchweg gewichtige Beiträge geliefert, die den wissenschaftlichen Diskurs geprägt haben und bis heute beeinflussen. Sein erster in diesem Periodikum erschienener Aufsatz (BJ 1985) beschäftigte sich mit dem „Anteil der Theologie bei der Schulausbildung Johann Sebastian Bachs in Eisenach, Ohrdruf und Lüneburg“ und erschloss damit ein der Musikwissenschaft nur schwer zugängliches Gebiet. Es folgten Studien zur Entstehungsgeschichte und zum theologischen Hintergrund der Kantate „Ich hatte viel Bekümmernis“ BWV 21 (BJ 1993) und zu der theologischen Prüfung, der Bach sich vor Antritt des Thomaskantorats vor dem Kurfürstlichen Konsistorium in Leipzig unterziehen mußte (BJ 1998). In seinem letzten Beitrag (BJ 2007) spürte er den Vorfahren des von ihm verehrten Friedrich Nietzsche nach und legte dar, daß Nietzsches Urgroßvater Alumne der Thomasschule und unter Bach Präfekt gewesen war.
Die in diesen Aufsätzen zu spürende Leidenschaft, der Lebenswirklichkeit einer vergangenen Epoche mit bibliographischem und historischem Sinn nachzuspüren, kennzeichnet auch Petzoldts populärere Schriften, etwa seinen wunderschönen Bildband Johann Sebastian Bach. Ehre sei dir Gott gesungen. Bilder und Texte zu Bachs Leben als Christ und seinem Wirken für die Kirche (1988, 21992), seinen Reiseführer Bachstätten aufsuchen (1992; aktualisierte Neuausgabe unter dem Titel Bachstätten, 2000) oder seine kleine Monographie über die Taufzettel von Bachs Kindern im Bestand des Archivs von St. Thomae in Leipzig (Bachs Leipziger Kinder. Dokumente von Johann Sebastian Bachs eigener Hand, 2008).
Das Zentrum von Petzoldts nahezu vier Jahrzehnte umspannender wissenschaftlicher Beschäftigung mit dem Schaffen Johann Sebastian Bachs ist aber zweifellos sein monumentaler Bach-Kommentar, in dem der Autor den Versuch einer umfassenden „theologisch-musikwissenschaftlichen Kommentierung der geistlichen Vokalwerke Johann Sebastian Bachs“ unternimmt. Nachdem die Bände I und II in den Jahren 2004 und 2007 erschienen waren, arbeitete Petzoldt nach seiner Emeritierung an den abschließenden Bänden III und IV, die er trotz schwindender Kräfte noch kurz vor seinem Tod im Manuskript abschließen konnte. Es bleibt zu hoffen, dass die Veröffentlichung zügig erfolgen kann. Der Bach-Kommentar ist das eindrucksvolle Vermächtnis eines bedeutenden Forschers.
Martin Petzoldt hat die Geschicke der Neuen Bach-Gesellschaft ein Vierteljahrhundert lang maßgeblich geprägt. Er starb nach langer schwerer Krankheit kurz vor Vollendung seines 69. Lebensjahres am 13. März 2015 in Leipzig.
Peter Wollny
Von ChristineBlanken (Leipzig)
Im Zuge der Vorbereitung einer Ausstellung über die Tastenmusiksammlung des Nürnberger Organisten Leonhard Scholz (1720–1798), dieses für die süddeutsche Bach-Überlieferung wichtigen Sammlers,1 eröffneten sich bald neue Perspektiven auf ein altes Problem: der Frage nach den Beziehungen zwischen Bach und Nürnberger Musikern und Verlegern. Scholz war zunächst als Organisten-Substitut an St. Egidien tätig, einer Nürnberger Kirche, an der auch ein Pastor namens Christoph Birkmann wirkte. Von diesem Theologen, der von 1724 bis 1727 in Leipzig studiert hatte, ist seit langem folgende autobiographische Notiz bekannt:
Dabey ließ ich doch die Musik nicht ganz liegen, sondern hielte mich fleißig zu dem grossen Meister, Herrn Director Bach und seinem Chor, besuchte auch im Winter die Collegia musica, und erlangte hiedurch Gelegenheit, etlichen Studiosis mit Hülfe der welschen Sprache weiter zu helfen.2
Dieser Satz aus einer gedruckten Leichenpredigt3 hat so gut wie keine Beachtung gefunden. Im Kontext des autobiographisch dokumentierten Lebens und publizistischen Schaffens wird aber schnell klar, daß mit Birkmann nicht nur ein musikbegeisterter Theologiestudent nach Leipzig kam. Das einzige Exemplar eines von ihm veröffentlichten Textdrucks eines Kantatenjahrgangs läßt vielmehr den Schluß zu, daß mit Birkmann ein neuer Textdichter Bachs gefunden ist, dessen Libretti in direktem Kontakt mit Bach entstanden sein müssen. In überzeugender Weise runden weitere zeitgenössische Dokumente das Bild des jungen Musikers und Textdichters anschaulich ab, dessen Berührungspunkte mit dem Thomaskantorat und dem allgemeinen Musikleben in Bachs früher Leipziger Zeit nun vorgestellt werden sollen.
I.ZurBiographieChristophBirkmanns
Christoph Birkmann wurde am 10. Januar 1703 in Nürnberg in bescheidenen Verhältnissen geboren und besuchte hier die Lorenzer Armenschule sowie die Lateinschule am Heilig-Geist-Hospital, die sogenannte Spitaler Schule. Auslöser für eine stark musisch geprägte Erziehung soll sein „natürliches Geschick zur Singekunst und den schönen Wissenschaften“ gewesen sein. Mit Hilfe verschiedener namhafter Nürnberger Musiker sowie mehrerer Sprachlehrer bzw. Sprachlehren baute er dieses Geschick sukzessive aus und gab auch selbst, um sich ein Zubrot zu verdienen, jüngeren Schülern Sprach- und Musikunterricht. Schon in dieser Zeit schrieb er Parodietexte auf Kantaten Nürnberger Kantoren und komponierte auch.4 Die autobiographische Beschreibung seiner Nürnberger Schulzeit sei deshalb vollständig zitiert:
Ich besuchte nicht nur gar bald die öffentliche Schule, sondern auch privat Lehrer, die der sel[ige] Ambrosius Wirth damals noch in die Häuser der armen Bürger sandte.5 Als ich die ersten Buchstaben christlicher Lehre hinlänglich gefasset, und im Lesen fortkommen konnte, wurde ich, durch Vorsprache guter Leute, in die Lorenzer Armen=Schule aufgenommen, wo ich der treuen Anweisung Herrn Hechts und manche milde Gabe genoß, bis GOtt dem damaligen Herrn Ephoro, Herrn Christoph Fürer6 ins Herz gab, aus besagter Schule einige Knaben, die ein natürliches Geschick zur Singekunst und den schönen Wissenschaften hätten, durch den Cantor Deinl7 im neuen Spital aussuchen zu lassen. Nach ausgestandener Probe kam ich, nebst noch drey Knaben, in die Spitaler=Schule in die unterste Classe zu Herrn Müller, nach einem Jahr in die vierte, nach zwey Jahren in Tertiam, und nach abermaligen zwey Jahren in Secundam, und so mit in die Zucht des gottseligen Herrn W. C. Deßlers8, dessen schöner Lehrvortrag und demüthiger Wandel mir unvergeßlich ist. Endlich kam ich Primam zu Herrn Rector Hagedorn, und nach dessen Uebergang in die Lorenzer= Schule wurde Herr M[agister] Colmar9 mein Wegweiser in schönen Wissenschaften, bis ich A. 1722. nach einer öffentlichen gehaltenen lateinischen Rede: de Petro M. Russorum Imperatore solicito de successore regni, im Frühlings=Examine ad lectiones publicas befördert worden. In diesen Lesestunden hörte ich Wülferum, Moerlium, Eschenbachium, Doppelmaierum ohne Aussetzen.
Privat Unterweisung mochte [ich] Armuth halber nicht geniessen, hatte auch nicht wohl Zeit dazu, weil mir mit Informiren den Unterhalt verdienen musste.
Mein musicalisch Talent wollte auch gern anwenden, und fortsetzen, was ich bey Herrn Deinl gelernt hatte.
Drezel10, Fischer11 und andere wackere Meister, die mir den Zutritt verstatteten, zeigten mir, was mir noch fehlte, und machten mir gute musicalische Bücher bekant, die ich aber ohne Kenntniß der italiänischen französischen Sprache nicht wohl nutzen konnte. Tonelli12, Plaz13 und Kleemann14 gaben mir in genannten Sprachen die nöthige Unterweisung, worauf mich an die Composition wagte, und meine Aufsätze Herrn Drezel zur Prüfung unterweilen mitbrachte. Bey Herrn Fischer lernte ich noch mehr welsche Meister kennen und nachahmen, dadurch wurde gar zeitig in den Stand gesetzt, andere in der Musik gründlich zu unterweisen und daraus Nutzen zu ziehen.15
Ein klares Ziel stand ihm dabei zu Beginn seiner Ausbildung – ab 1723 in Altdorf und ab Ende 1724 in Leipzig – noch nicht vor Augen:
Nun stunde an, welche Lebensart ich einschlagen sollte. Ich hatte Lust, die schönen Wissenschaften zu studieren, aber keine Mittel. Ich hofte auf der hohen Schule ein Subsidium zu erlangen, und bezog das liebe Altdorf A. 1723. nach dem Pfingstfeyertagen, um das Iubilaeum Academicum mit begehen zu können. Ich besuchte die Collegia publica und priuata.
Eine besondere Neigung zur Mathematik trieb mich zu M. Kelsch,16 der auch ein Musicus war. Wir übten uns in der Composition, stellten Collegia musica an, und durch solchen Trieb kam in kurzen so weit, daß bey jährlicher Veränderung des Rectoris Magnifici zwo vollständige Musiken componirte und mit Beyfall aufführte.
Ich war immer noch nicht gewiß, ob daraus mein Hauptstudium machen, oder mich stärker an die Bücher halten sollte. Bisher hatte den Stylum bey Herrn Professor Schwarzen,17 die Historie bey Herrn Professor Köler18 getrieben, wie auch bey denen Theologis die griechische Sprache und Kirchengeschichte, und bey Hrn. D. Baier19 ein Botanicum gehöret. Die Kosten wurden mir aber allein zu schwer, weil noch keinen Heller Stipendium erhalten, daß gegen das Ende des 1724sten Jahres mit Genehmigung meiner Lehrer beschloß, Altdorf mit Leipzig zu verwechseln.20
Ich gieng im Namen GOttes über Coburg, Arnstadt, Erfurt und Jena meist zu Fuß dahin, und kam wohl behalten Freytags vor Advent mit geringer Baarschaft an,21 wurde aber bald mit denen Mascoviis22 und einige Zeit hernach mit M. Gaudlitz23 bekannt, durch deren Recommendation in vornehme Häuser kam. Als ich die heiligen Christferien selig zugebracht hatte, besuchte ich mit grossem Eifer die Lehrstunden D. Kortens24, D. Joh. Schmidt25 und anderer, um in den schönen Wissenschaften auf den rechten Grund zu kommen, deswegen auch noch die englische Sprache lernte. Herr Professor Hausen26 hätte gerne gesehen, wenn meine Zeit auf die Mathematik gewendet, und seinen Beobachtungen ordentlich beygewohnet hätte: als ich ihm aber meine schlechten Umstände entdeckte, drang er nicht weiter in mich, überredete mich aber gleichwol, daß eine Dissertation de motu solis circa propriam axem, unter ihm vertheidigte.
Weil bey M. Birnbaum27 einige Zeit im Hause war, bediente mich der schönen Gelegenheit, die sich wöchentlich in Red=Uebungen und Vertheidigung vermischter Sätze darbot, da es mich denn öfters traf, daß ex tempore peroriren muste. Von dem an, trieb die Theologie mit Ernst, hörte Pfeiffern28, Carpzoven29, Bernd30, Sibern31 und andere berühmte Lehrer auf beeden Cathedern,32 versuchte auch ein paarmal zu predigen, stellte aber die fernere Uebung bis auf bequemere Zeit aus, und ließ mir in Exegesi sacra et dispositione textuum sacrorumHoffmans und Tellers33 Anleitung gefallen, weil beyde nach Wunsch geniessen konnte.
Dabey ließ ich doch die Musik nicht ganz liegen, sondern hielte mich [S.23:] fleißig zu dem grossen Meister, Herrn Director Bach und seinem Chor, besuchte auch im Winter die Collegia musica,34 und erlangte hiedurch Gelegenheit, etlichen Studiosis mit Hülfe der welschen Sprache weiter zu helfen. A. 1727. wurde zu einer Zeit nach Wien und Dreßden für junge Herrschaften als Hofmeister verlangt, unter Versicherung, daß ich am letzten Orte nach einiger Zeit mit einem Amte versorgt werden sollte. Es rieth mir aber ein treuer Landsmann, ins Vaterland zurück zu kehren, wenn in Leipzig nicht länger subsistiren könnte: welchem Rath zu folgen Trieb und Lust bekam, zumal auch meiner Mutter Wille dahin gieng. Ehe aber die Heimreise anstellte, thate nach den Pfingstferien eine kleine Reise über Wittenberg nach Berlin und Dreßden in Gesellschaft des Herrn von Winkler35 und Herrn Jubelier Tieferer. Wittenbergs berühmte Lehrer hatte schon A. 1725. in Gesellschaft Herrn Engelharts36 kennen gelernt, daher ich jetzt nach Berlin eilte, und durch Empfehlungsschreiben in die Bekanntschaft der grossen Männer de la Croze,37de Vignoles,38Kirch,39Michaelis40 und anderer Gelehrten kam. In Dreßden hörte den berühmten Löscher41, den beliebten Hilscher42, und die grossen Virtuosen der königlichen Capelle,43 und besahe ausser den Büchersälen noch viele andere Seltenheiten jetzt ermeldten Residenzien. Zur andern Zeit habe auch Halle gesehen, und dortige berühmte Lehrer zum Theil besucht und gehöret, auch bey dem grossen Gundling44 mich in guten Credit gesetzt. Mit Anfang des Septembers 1727. habe das liebe Leipzig gesegnet, und meine Rückreise über Altenburg und Gera angestellt. Ich wollte auch Plauen nicht vorbey gehen, weil allda gute Freunde wuste.45
Nach zween Tagen erreicht ich Hof und Bayreuth, und endlich den 19ten September meine Geburtsstadt in vollkommenen Wohlstand. Um Michaelis begab ich mich noch einmal nach Altdorf.46
Zusammenfassend läßt sich Folgendes festhalten: An den ersten 14 Monaten an der Universität Altdorf interessiert vor allem, daß Birkmann gemeinsam mit dem Mathematiker und Organisten Michael Kelsch ein Collegium musicum organisierte und für akademische Festivitäten Kantaten komponierte. Offensichtlich hegte er aber die Hoffnung, im weltläufigen Leipzig besser seinen Lebensunterhalt verdienen zu können als in dem kleinen Städtchen Altdorf. Jedenfalls blieb er hier vom 1. Dezember 1724 bis Anfang September 1727. Seine bis dahin sehr vielfältig gepflegten Begabungen kommen konsequent weiter zum Tragen, allerdings ohne daß zunächst ein roter Faden erkennbar wäre. Er selbst schreibt, daß er sich als erstes den „Schönen Wissenschaften“ zuwandte und sich als weitere Fremdsprache Englisch aneignete, zudem hörte er auch die üblichen juristischen Vorlesungen. Sein Mentor Professor Christian August Hausen d. J. hat ihn dann zu einer Laufbahn als Mathematiker gedrängt. Im Sommer 1726 schrieb er auch eine entsprechende sphärengeometrische „Dissertation“,47 bezeichnete sich hier aber selbst bereits, anders als in früheren Stammbuchblättern, als „Sanctissimae Theologiae Cultor“. Die Konzentration auf die Theologie erfolgte mithin erst im Laufe der zweieinhalb Jahre in Leipzig. Zu diesem Sinneswandel dürfte maßgeblich auch der Leipziger Rhetoriker Johann Abraham Birnbaum beigetragen haben, bei dem Birkmann einige Zeit wohnte und dessen Kolleg er besuchte.
Die allgemein gehaltene Formulierung über seine Verbindungen zu Bach suggeriert, daß er – in einem weiteren, hier aber nicht präzise beschriebenen Sinn – die Figuralmusik in den Hauptkirchen instrumental bzw. vokal unterstützt hat,48 schließt indes auch Mutmaßungen über weitere Tätigkeiten für Bach nicht aus. Daß Birkmann zumindest ein Orchesterinstrument beherrscht haben muß, wird jedenfalls durch seinen Hinweis auf die – noch im selben Satz genannten – Veranstaltungen der studentischen Collegia musica deutlich, bei denen er ebenfalls mitgewirkt hat. Daß hier das Schottsche Collegium musicum gemeint ist, das in diesen Jahren zeitweilig – etwa bei universitären Festakten – Bach zur Verfügung stand, kann nur eine Mutmaßung sein.49 Der Kontakt zu gleichgesinnten Studenten scheint Birkmann gleich in mehrfacher Hinsicht erwähnenswert, da er hier nicht zuletzt durch das Erteilen italienischen Sprachunterrichts eine willkommene Gelegenheit fand, sich finanziell einigermaßen über Wasser zu halten. Geradezu kennzeichnend für die Beschreibung seiner Schüler- und Studentenzeit ist der wiederkehrende Hinweis auf finanziell prekäre Umstände – vor allem die Mitteilung, daß er lange Zeit auf ein Stipendium warten mußte, das dann wider Erwarten nur spärlich floß.50 Der Tenor seines autobiographischen Rückblicks aus der Warte des gestandenen Predigers lautet, daß er sich trotz widrigster Umstände für das kirchliche Amt entschieden habe und dies das Ergebnis einer ‚Erweckung‘ durch pietistisch geprägte Vorbilder gewesen sei.51 Er betont ausdrücklich, daß er eine ihm angetragene Stelle eines Hofmeisters in Dresden und Wien zugunsten der zielstrebigen Vorbereitung auf ein kirchliches Amt ausgeschlagen habe. Die lang zurückliegende Studentenzeit wirkt bisweilen etwas religiös verbrämt,52 und die einstmals vorhandenen Motivationen scheinen nicht immer richtig wiedergegeben zu sein. Manch ein Passus wurde 1771 bei der Drucklegung auch herausgekürzt. Immerhin, als Birkmann auf seine Reisen zu sprechen kommt, ist es namentlich Dresden, wo er die Musiker hervorhebt, die ihm den Besuch der Stadt lohnend machten.
Der dritte und letzte hier länger zitierte Abschnitt aus dem Ehren-Denkmal betrifft den Abschluß seiner Studentenzeit an der Altdorfer Universität bis hin zu seiner Ordination:
Der sel. D.Zeltner53 diente mir nicht allein mit seinen Vorlesungen, sondern ermunterte mich auch unterweilen zu predigen, und durchsahe meine Arbeiten. A. 1728. um Reminiscere wurde mir die Stelle eines Hofmeisters bey der hochadelich v. Pömerischen Jugend in Herrspruck angetragen,54 wobey ich nicht nur öfters auf dem Lande predigte, sondern auch in dem Städtlein selbst die Stelle eines Vicarii vertreten, wenn die ordentlichen Lehrer ihr Amt nicht versehen konnten.
Am 26ten Julii besagten Jahres nahm mich Herr PredigerHofmann mit etlichen Commilitonibus in numerum Candidatorum Rev. Ministerii, nach ausgestandenem Examine in seinem Hause, auf.
A. 1731. wurde durch einen Herrn Antistitem55 zu adelicher Jugend nach Nürnberg recommendirt. Herr Pfleger Pömer ließ mich ungerne weg. Da ich mich aber erbot, seine Herren Söhne mitzunehmen, und sie noch ferner zu unterweisen, so erreichte meinen Zweck, und fand in meiner Vaterstadt so gutes Zutrauen gegen mich, als sich [S.25:] damals nicht leicht einer rühmen konnte.
Ich bekam nicht nur verschiedene Söhne aus dem Patriciat in meine ordentliche Lehrstunden, sondern brachte auch ein Collegium oratorio practicum von 12 Membris zusammen. Es blieb mir bey diesen Uebungen dennoch so viel Zeit übrig, daß keine aufgetragene Predigt abschlagen durfte.
Ehe noch das Jahr um war, erhielte am Tage Sebaldi [= 19.8.1732] von einem hochlöblichen Magistrat eine rechtmäßige Vocation zum heiligen Predigtamt bey der Militz, und etliche Tage hernach auch zum Zucht= und Werk= wie auch Infectionshaus. Am Tage Augustini [= 28.8.1732] erhielte die Ordination in Altdorf, und den 13ten Sonntag nach Trinitatis A. 1732. habe im Namen des HErrn, des grossen Propheten, mein Amt bey St. Salvator angetreten, und der ganzen Gemeine Beyfall erhalten.56
1728 trat er doch eine Hofmeisterstelle an: In Hersbruck unweit von Nürnberg wurde er „Informator“ bei der Familie von Johann Friedrich Pömer von Diepoltsdorf (1674–1745), wo er vertretungsweise auch predigte. Gleich nach seiner Ordination am 8. August 1731 heiratete Birkmann am 11. November Sophia Magdalena Bickelmann – „sie steht in D. Jöchers Gelehrten=Lexicon als eine Dichterin“57 –, die aber knapp sechs Monate später bereits starb. Birkmann verheiratete sich daraufhin am 30. Juni 1733 mit der Pastorentochter Sibylla Magdalena Oehm.58 Diese brachte zwischen 1734 und 1743 sieben Kinder zur Welt,59 von denen lediglich die älteste Tochter Margaretha Barbara das Erwachsenenalter erreichte.60 Gemeinsam mit seiner Tochter, der er eine umfangreiche Bildung angedeihen ließ,61 unterstützte Birkmann später – wie viele andere Nürnberger auch62 – das umfangreiche Unterfangen des Altdorfer Historikers Georg Andreas Will (1727–1798), Biographien Nürnberger Persönlichkeiten in einem Gelehrten-Lexicon zusammenzutragen. Beide Birkmanns wurden dann aufgrund ihrer vielfältigen Publikationstätigkeit Mitglieder der Herzoglich Teutschen Gesellschaft zu Helmstedt, 1752 der Vater und im Jahr darauf die Tochter.63
Am Sonntag Cantate 1741 wurde Christoph Birkmann als Diaconus an St. Egidien eingeführt, und 1744 wurde er dort Feiertagsprediger. 1747 reduzierte er aus Gesundheitsgründen seine Tätigkeit an dieser Kirche und übernahm die Predigt der Sonntagsvesper. 1759 schließlich amtierte er an St. Egidien als Senior unter den dortigen Theologen. Zwischen 1745 und 1760 versah er zeitweilig noch verschiedene weitere Ämter: als Seelsorger der Gefängnisse und Frühprediger bei St. Peter, seit 1759 als Sonnabend-Vesperprediger an St. Veit.64 Für das 1759 gestochene Porträt (siehe Abb.4) präsentiert sich Birkmann im Ornat eines lutherischen Pastors mit seinem Motto aus 2 Kor 6,4 und läßt zudem auf seine zwei Mitgliedschaften in den Deutschen Gesellschaften zu Helmstedt und Altdorf verweisen. Im Amt des Seniors an St. Egidien verstarb Christoph Birkmann schließlich am 11. März 1771 in Nürnberg, sechs Tage nach seiner zweiten Frau Sibylla Magdalena. Der gesamte Besitz ging vermutlich vollständig auf die Tochter über.65 Der „Mobilien=Verkauf“ aus der Wohnung der Birkmanns hinter der Egidienkirche fand bereits im Juni/Juli 1771 statt.66 Die umfangreiche, mittels gezielter Ankäufe aus Patrizier- und Gelehrtenbibliotheken zusammengetrage Bibliothek wurde dann ab dem 22. April 1772 versteigert. Ihr fast fünftausend Nummern umfassender Auktionskatalog Bibliotheca Birckmanniana (Nürnberg [1772]) gibt Auskunft über Birkmanns breitgefächerte Interessen.67 Das Verzeichnis versammelt neben theologischer oder allgemein religiöser Literatur belletristische, geographische, wappenkundliche, medizinische und vielfältige mathematisch-naturwissenschaftliche Publikationen; Birkmanns ausgeprägten sprachlichen Fähigkeiten entsprechend sind darunter besonders viele fremdsprachliche. Von seinen musikalischen Neigungen zeugen indes nur wenige Einträge – Musiktheoretika von Praetorius,68 Prinz,69 Heinichen,70 Mattheson71und Mizler72 sowie etliche Textdrucke zu Kantaten-Jahrgängen73 und Liederbücher; Musikalien fehlen hingegen.74
II.DerKantatenzyklus„GOtt-geheiligteSabbaths-Zehnden“von1728undBachsAufführungskalender
Mit Abschluß seiner Zeit an der Heimatuniversität Altdorf 1727/28 dürfte Birkmanns Streben vor allem der Vorbereitung auf das Vikariat gegolten haben. Hier machte er sich jedoch schon bald auch eine bereits in Leipzig begonnene Arbeit zu Nutze: die Drucklegung eines Jahrgangs mit 71 Kantatentexten auf die Sonn- und Feiertage und die in Franken mit Figuralmusik begangenen Marien-, Heiligen- und Aposteltage sowie mit einem vollständigen Libretto zu einer umfangreichen Passionsmusik an Karfreitag.75 Dieser Zyklus wurde im Herbst 1728 veröffentlicht als:
GOtt-geheiligte | Sabbaths-| Zehnden/ | bestehend | aus | Geistlichen Cantaten | auf alle | Hohe Fest- Sonn- | und | Feyer-Täge | der | Herspruckischen Kirch-Gemeinde | zu Gottseeliger Erbauung | gewiedmet, | von | Christoph Bürckmann/ | Rev. Minist. Candid. | Nürnberg, gedruckt bey Lorenz Bieling.76
Ein junger, musikalisch versierter Theologe zeigt hier eine auffallende Begabung für religiöse Dichtung, gepaart mit großer Stilsicherheit in der Gattung Kantate sowie einer profunden Kenntnis geeigneter Bibel- und Choralverse. In der ausführlichen Vorrede kritisiert er den aktuellen Zustand kirchenmusikalischer Praxis, erläutert seine Intentionen vor diesem Hintergrund genauso wie vor ihrer langen Geschichte. Birkmanns Abhandlung beginnt, typisch für Kantatenlibretti, mit Kritik an der aktuellen Kirchenmusik („Lauigkeit in dem Lob des höchsten Gottes“), ihren Komponisten und Musikern:
Die die Music tractiren, fehlen erstlich darinnen, daß sie diese fürtreffliche Ubung gleichsam mit ungewaschenen Händen angreiffen und als ein formales Handwerk achten. Hernach ist dieses ein Fehler, daß sie keinen Unterschied machen, zwischen einer Theatralischen oder andern Profan-Music, und zwischen einer geistlichen Harmonie, die dem großen GOtt zu Ehren angestimmet wird.77
Der letzte Abschnitt, der Details über das Zustandekommen seines Zyklus preisgibt, sei vollständig wiedergegeben:
Allhiesiger Gemeinde kan man aufrichtig das Zeugniß geben, daß die meisten unter ihnen das ihrige zum Dienst des HERRN redlich beytragen. Dann ausser dem daß sie die liebe Jugend bey Zeiten zur Kirchen-Music angewöhnen lassen, so hat man auch ihren Eifer, für das Lob des unsterblichen GOTTES, daran vermerkt, daß, da vor einigen Jahren ein Jahr-Gang von Herrn Stolzenberg verfertigt, aufgeführt worden, sich die meisten die darzu gedruckten Texte angeschafft, um ihrer Andacht damit aufzuhelffen. Und diese rühmliche Exempel haben mich angereitzet, zur Ehre meines GOTTES und zum Dienst hiesiger Gemeine auch etwas beyzutragen und gegenwärtiges Werkchen zu unternehmen. Wolte jemand meine Arbeit als unnöthig und überflüssig ansehen, und meinen, man hätte ja so genug Kirchen-Stücken und gedruckte Cantaten in der Welt; so sage mir ein solcher aufs erste, warum ich denn als ein Christ nicht auch befugt sey meinen GOTT ein geringes Opfer zu bringen, und dann, ob denn alle Kirchen-Stücke so beschaffen, daß man selbe aller Orten gebrauchen kan? ich habe dieses Werk’chen nicht ohne Ursach GOtt-geheiligte Sabbaths-Zehnden betitelt; Denn die meisten Stücken sind am Tage des HERRN bey meiner Privat-Andacht verfertiget. Den Anfang hierzu habe schon vor einigen Jahren auf Einrathen eines guten Freundes gemacht, der mir selbst etliche Stücke vorgearbeitet, die auch wegen ihrer Natürlichkeit und Nachdruck dieser Collection einverleibet sind. Diese Arbeit hat eine Zeit gelegen, biß mir endlich vor kurzem der Trieb ankam, das Jahr voll und nach gepflognen Rath, durch den Druck gemein zu machen. Da ich denn die ehemahls verfertigten Stücke übersehen, von merklichen Fehlern gereinigt, auch häuffiger geistliche Gesänge und Macht-Sprüche heiliger göttlicher Schrifft mit einfliessen lassen: Weil ich bey mir selbst empfunden, wie nachdrücklich die Seele von einem schönen Kirchen-Choral afficiret und gleichsam in eine heilige Entzückung gesetzt wird. Und bin ich völlig persuadirt, daß, wie der Heilige Geist denen Gottseeligen Dichtern der alten Kirchen-Gesänge in reichem Maße beygewohnet, er sich auch bey denen Componisten nicht unbezeigt gelassen. Denn so hoch die Music bey hundert Jahren her gestiegen ist, so behalten doch die alten Gesänge ihre Krafft und Annehmlichkeit der Melodien. Wird mein Leser in denen Gedichten nicht gleiche Stärcke vermerken, so wird er mir solches nicht zurechnen, denn man ist nicht alle Tage zum Verse schreiben aufgelegt. Zudem so hat mir auch auf die letzt die Zeit etwas kurz werden wollen, daß also nicht überall mit der letzten Feile darüber kommen können. Alle hochtrabende poetische Einfälle und Gleichnisse von auswärtigen Dingen habe mit Fleiß vermeiden, und lieber mit der Schrifft reden wollen. In der Passion habe einige Arien von Herrn L. Brockes entlehnet, und Herrn Professor Rambach habe auch etliche abgeborgt, weil sie meine Gedanken offt auf das natürlichste ausgedrücket hatten.78 Den Druck anlangend, so habe alle mögliche Sorgfalt angewendet jedermann zu vergnügen, und sind insonderheit der lieben Jugend zum besten die Chorale ganz und mit grosser Schrifft gesetzt worden, damit sie durch fleissiges Nachlesen die Haupt-Sprüche und Herzens-Seufzer erlernen möge. Ubrigens danke dem grossen GOTT für seine Gnade, die er mir unwürdigen bey dieser heiligen Arbeit angedeyen lassen, und bitte ihn, er wolle das Wort bey allen die es hören oder lesen, kräfftig würken lassen: Er wolle auch mich ferner stärken, damit ich den Sinn des Geistes durch eine geschickte und erbauliche Harmonie recht ausdrücken, viele Seelen hierdurch zu seinem Lob anfeuren und zu Verherrlichung seines Ruhms zubereiten möge.
Amen! Der HERR thue es, um seines Namens Ehre willen.
Amen!
Geschrieben in Herspruck
den 26. Octobris.
Im Jahr Christi 1728.79
Der Jahrgang ist dem Kirchenjahr 1728/29 entsprechend geordnet, ist jedoch übervollständig, da 1729 – im Gegensatz zu dem Jahr, in welchem Birkmann den Druck vorbereitete – nur noch Texte zu 23 statt 26 Sonntagen nach Trinitatis erforderlich waren.80 Abgesehen von diesen knappen Äußerungen zur Entstehung bietet allein die handschriftliche Version seiner Autobiographie noch einen Passus zu den Sabbaths-Zehnden. Wie er hier schreibt, war die Veröffentlichung direkt für die Gemeinde in Hersbruck bestimmt. Er nennt sich ausdrücklich in einer dreifachen Funktion: als Dichter, als Kompilator und als Komponist:
So wurden auch, als ich noch in Herspruck lebte, auf Veranlaßung dasigen H. Pflegers81 meine Sabbaths Zehnden, oder Cantaten auf alle Sonn- und Feyertage, zum ersten mal gedruckt und hernach Ao 1740 verbeßert wieder aufgelegt. Diese Cantaten sind nicht alle meine Arbeit, sondern ich habe etliche von M. Brunner82 und Hn. Engelhart83 aufgenommen, um den Jahrgang vollständig zu machen, der von mir in Noten gesetzt, und in Herspruck, auch anderweits nachmals bey öffentlichen Gottesdienst aufgeführet worden.84
Ob die Kantaten aus den Sabbaths-Zehnden in Hersbruck oder anderswo vollständig aufgeführt wurden, ist aus dieser Formulierung allerdings nicht herauszulesen. Es konnten bislang überhaupt weder Kompositionen Birkmanns noch Belege über musikalische Aufführungen in der Hersbrucker Stadtkirche St. Marien85 aus den fraglichen Jahren gefunden werden.86 Bemerkenswert an Birkmanns Formulierung ist jedoch die weitere Konkretisierung seiner poetischen Vorlagen: Nennt er in der Vorrede nur Brockes und Rambach, so werden hier Beiträge seines engen Freundes Johann Philipp Engelhar(d)t (1701–1753) und eines bislang nicht identifizierten Magisters Brunner (oder Brummer?) genannt, auf die er zurückgreifen konnte. Es bleibt festzuhalten, daß die Sabbaths-Zehnden folglich nur zum Teil Birkmanns eigene poetische Schöpfungen darstellen. Die Formulierung auf dem Titelblatt – „der Herspruckischen Kirch-Gemeinde zu Gottseeliger Erbauung gewiedmet“ – ist demzufolge wörtlich zu nehmen: Birkmann bezeichnet sich nicht ausdrücklich als Autor aller Texte. Folglich verwundert es nicht, bereits beim ersten Durchblättern viele Texte von Bach-Kantaten aufzufinden, deren Autor bereits bekannt ist.
Die Sabbaths-Zehnden enthalten Texte von 31 nachweislich in den Leipziger Hauptkirchen musizierten Kantaten. Darunter befinden sich mindestens 23 Libretti zu gesicherten Kantaten Bachs sowie der Text der Johannes-Passion in der Textversion der Aufführung von 1725. All diese Werke sind in jenen gut zweieinhalb Jahren aufgeführt worden, in welchen Birkmann in Leipzig weilte. Anders gesagt: Der Textdruck spiegelt den Leipziger Aufführungskalender zwischen Advent 1724 und Epiphanias 1727:87
1724
Liturgische Bestimmung/ Datierung Leipziger Aufführung
Titel
Werk/Textdichter
1. Weihnachtstag
25. 12. (oder WA 1726?)88
Gelobet seist du, Jesu Christ
BWV 91
2. Weihnachtstag
26. 12. (oder WA 1726?)
Christum wir sollen loben schon
BWV 121
1725
Neujahr
1. Januar (oder WA 1.1.1727?)
Jesu, nun sei gepreiset
BWV 41
Karfreitag
30. März
Johannes-Passion
(„O Mensch, bewein“)
BWV 245, 2. Fassung
2. Ostertag
2. April (oder WA 13. April 1727?)
Bleib bei uns, denn es will Abend werden
BWV 6
3. Sonntag nach Trinitatis
17. Juni
Ich ruf zu dir Herr Jesu Christ
unbekannte Vertonung
Text: Johann Agricola 1529?/31
(textgleich mit Choralkantate BWV 177 von 1733)
Johannis
24. Juni
Gelobet sei der Herr, der Gott Israel
unbekannte Vertonung
Text: Erdmann Neumeister 1711
5. Sonntag nach Trinitatis
1. Juli
Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe
unbekannte Vertonung
Text: Erdmann Neumeister 1711
(daraus nur 4 Sätze)89
Mariae Heimsuchung
2. Juli
Meine Seele erhebet den Herrn
unbekannte Vertonung
Text: Maria Aurora von Königsmarck
6. Sonntag nach Trinitatis
8. Juli
Wer sich rächet, an dem wird sich der Herr wieder rächen
unbekannte Vertonung
Text: Erdmann Neumeister 1711
13. Sonntag nach Trinitatis
26. August
Ihr, die ihr euch von Christo nennet
BWV 164
Text: Salomo Franck 1715
1726
1. Sonntag nach Trinitatis
23. Juni
Brich dem Hungrigen dein Brot
BWV 39 (daraus nur 2. Teil: Nr.4–7)
Text: Meiningen 1704/1719
5. Sonntag nach Trinitatis
21. Juli
Siehe ich will viel Fischer aussenden
BWV 88 (daraus nur Nr.6–790)
Text: Meiningen 1704/1719
7. Sonntag nach Trinitatis
4. August
Es wartet alles auf dich
BWV 187
Text: Meiningen 1704/1719
8. Sonntag nach Trinitatis
11. August
Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist
BWV 45 (daraus nur Nr.5)
Text: Meiningen 1704/1719
10. Sonntag nach Trinitatis
25. August
Herr, deine Augen sehen nach dem Glauben
BWV 102 (daraus nur Nr.4–6),
Text: Meiningen 1704/1719
11. Sonntag nach Trinitatis
1. September
Durch sein Erkenntnis
JLB 15
Text: Meiningen 1704/1719
12. Sonntag nach Trinitatis
8. September
Geist und Seele wird verwirret
BWV 35
Text: Georg Christian Lehms 1711
14. Sonntag nach Trinitatis
22. September
Wer Dank opfert, der preiset mich
BWV 17
Text: Meiningen 1704/1719
Michaelis
29. September
Es erhub sich ein Streit
BWV 19
Text: Bearbeitung nach Picander 1725
18. Sonntag nach Trinitatis
20. Oktober
Gott soll allein mein Herze haben
BWV 169
19. Sonntag nach Trinitatis
27. Oktober
Ich will den Kreuzstab gerne tragen
BWV 56
20. Sonntag nach Trinitatis
3. November
Ich geh und suche mit Verlangen
BWV 49
21. Sonntag nach Trinitatis
10. November
Was Gott tut, das ist wohlgetan
BWV 98
22. Sonntag nach Trinitatis
17. November
Ich armer Mensch, ich Sündenknecht
BWV 55
23. Sonntag nach Trinitatis
24. November
Falsche Welt, dir trau ich nicht
BWV 52
1727
Sonntag nach Neujahr
5. Januar
Ach Gott, wie manches Herzeleid
BWV 58
Mariae Reinigung
2. Februar
Ich habe genung
BWV 82
Aufgrund ihrer Aufnahme in die Sabbaths-Zehnden wäre die Liste um die folgenden zwei, bisher nicht für Leipzig konkret nachweisbaren Weimarer Kantaten Bachs mit hoher Wahrscheinlichkeit zu ergänzen:
16. Sonntag nach Trinitatis91
WA vermutlich 16. September 1725
Komm, du süße Todesstunde
BWV 161
Text: Salomo Franck
Sonntag nach Weihnachten92
WA vermutlich 29. Dezember 1726
Tritt auf die Glaubensbahn
BWV 152
Text: Salomo Franck
Hinzu kommt eine Kantate, für die eine Leipziger Aufführung angenommen werden kann, auch wenn weder Bachs Autorschaft nachweisbar ist, noch ein konkreter Aufführungstag benannt werden kann:
7. oder 15. Sonntag nach Trinitatis
1725
Liebster Gott, vergißt du mich
BWV Anh. I 209
Text: Georg Christian Lehms
Diese in der Bach-Rezeption beispiellose Kongruenz zwischen einem später veröffentlichten auswärtigen Jahrgang und dem Aufführungskalender an St. Thomas und St. Nicolai gestattet nicht nur Rückschlüsse, sondern wirft auch Fragen auf. Im Zentrum der Aufmerksamkeit sollen dabei zunächst jene Kantatentexte stehen, die in den Sabbaths-Zehnden abgedruckt, aber sicherlich nicht von Birkmann sind. Gerade sie bieten die Möglichkeit, der Frage nachzugehen, welche Vorlagen ihm zur Verfügung standen und ob etwa Varianten zu den von Bach vertonten Texten oder zu dessen Vorlagen ausgemacht werden können.
Gerade bei der Weimarer Kantate „Tritt auf die Glaubensbahn“ BWV 152 weicht der in den Sabbaths-Zehnden überlieferte Text gegenüber der Weimarer Fassung von Franck93 und Bach94 mehr als marginal ab: Diese Kantate schließt im Druck von 1728 nicht mehr wie in der Weimarer Fassung mit dem Duett „Wie soll ich dich, Liebster“, sondern mit der Choralstrophe „Sag an, meins Herzens Bräutigam“.95 Ist dies nun eine eigenmächtige Zutat Birkmanns, oder spiegelt dieser Choral eine Leipziger Fassung der Kantate, von der bislang mangels Leipziger Aufführungsmaterialien nichts bekannt war?
Ein Textvergleich mit BWV 152 zeigt darüberhinaus einige der seltenen Beispiele, wie Birkmann gelegentlich in kleinen Details der Formulierung abweicht:
Rezitativ „Der Heiland ist gesetzt“ (Schluß):
Franck 1715: Der seinen Glaubens=Bau auf diesen Eckstein gründet
BWV 152/3: Der seinen Glaubens Grund auf diesen Eckstein leget
Sabbaths-Zehnden: Der seinen Glaubens-Grund auf diesen Eckstein gründet
Aria „Stein, der über alle Schätze“ (2. Vers):
Franck 1715: „Hilff/ daß ich in dieser Zeit“
BWV 152/4: „hilff, daß ich zu aller Zeit“
Sabbaths-Zehnden: „hilff daß ich zu aller Zeit“
Rezitativ „Es ärgre sich“ (2. und vorletzter Vers):
Franck 1715: „Verläßt den hohen Ehren=Thron“; „kann die Vernunft doch nie ergründen“
BWV 152/5: „den hohen Ehren Thron“; „kann die Vernunft doch nicht ergründen“
Sabbaths-Zehnden: „den hohen Himmels-Thron“; „kann die Vernunft doch nicht ergründen“
Der Befund ist nicht eindeutig: Einerseits scheint Birkmann die gedruckten Zyklen als Vorlage nicht gekannt oder zumindest nicht benutzt zu haben,96andererseits hat er in wenigen Fällen Formulierungen im Detail geändert – oder war der Text bereits von Bach für eine vermutete Leipziger Fassung der Kantate modifiziert worden? Da in diesem Fall kein Exemplar eines Hefts mit Texten zur Leipziger Kirchen=Music vorhanden ist, läßt sich nicht ergründen, ob Birkmann selbst der Urheber dieser Varianten war.
Der Neumeister-Text „Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe“, der in einer bislang unbekannten Vertonung am 1. Juli 1725 erklang, liegt hingegen in einem Heft mit Texten zur Leipziger Kirchen=Music vor.97 Birkmann, der aus dem Libretto nur einzelne Sätze verwendet (siehe Anhang), stützt sich hier jedoch nicht auf eine der gedruckten Neumeister-Ausgaben; dies belegen Varianten in der Arie „(Drum) tu nur das, was dir gebührt“:
Fünffache Kirchen=Andachten98, „Drum tu nur das“
Texte zur Leipziger Kirchen=Music und Sabbaths-Zehnden: „Tu nur das“
Fünffache Kirchen=Andachten, Vers 5: „hat wohl gebaut“
Texte zur Leipziger Kirchen=Music und Sabbaths-Zehnden: „hat wohl gethan“
Der Schlußchoral „Hierauf so sprech ich Amen“ (Strophe 5 von „Aus meines Herzens Grunde“ von Georg Niege) bestätigt diesen Befund:99
Fünffache Kirchen=Andachten: „GOtt wird es all’s zusammen Ihm wohl gefallen lahn: Drauf streck ich aus mein’ Hand“
Texte zur Leipziger Kirchen=Music und Sabbaths-Zehnden: „GOtt wird es allzusammen ihm wohlgefallen lahn, und streck drauf aus meine Hand“
Diese Beispiele mögen als Belege für die direkte Abhängigkeit der Sabbaths-Zehnden von den Texten zur Leipziger Kirchen=Music genügen. Derartige Rückgriffe auf fremde Dichtungen enthalten nur ausnahmsweise Änderungen in Details der Formulierung. Dort wo sich aber bereits bei Bach Textänderungen gegenüber den gedruckten Zyklen finden, stimmt Birkmann zumeist eher mit Bachs Worttext überein.100Und immer dann, wenn darüber hinaus kleine Abweichungen zwischen den Formulierungen in Bachs Notenhandschriften und den Texten zur Leipziger Kirchen=Music feststellbar sind, hält Birkmann sich in der Regel an letztere.101
Bei der Kantate zum 2. Ostertag „Bleib bei uns, Herr Jesu Christ“, deren Text zwischen Birkmann und Bach vergleichsweise starke Abweichungen aufweist, läßt sich hingegen mangels weiterer Textquellen keine eindeutige Aussage treffen. In der zweiten Aria heißt es in den Sabbaths-Zehnden: „JEsu, laß uns auf dich sehen, daß wir nicht in den Sünden-Wegen gehen, laß daß Licht deines Worts uns helle bleiben, und an dich beständig gläuben“; in den Originalquellen zu BWV 6/5 aber: „auf den Sünden Wegen gehen, laß das Licht deines Worts uns helle scheinen und dich iederzeit treu meinen“.102 Birkmanns Reim dürfte als poetisch klarer und reimschematisch sauberer zu werten sein. Ob es sich hier aber um den Eingriff eines Kompilators oder eine Formulierung aus dem entsprechenden Leipziger Textheft handelt, kann derzeit nicht entschieden werden, zumal auch der Librettist von BWV 6 noch nicht identifiziert werden konnte.
In Einzelfällen kompilierte Birkmann aber auch Texte unterschiedlicher Herkunft, woraus sich nicht schließen läßt, daß diese Pasticcio-Fassungen in Leipzig auch tatsächlich so erklangen: Die Sabbaths-Zehnden bieten zum 1. Sonntag nach Trinitatis eine Kantate mit dem Titel „Wohlzutun und mitzuteilen“. Es handelt sich hier um den zweiten Teil (Nr.4–7) von „Brich dem Hungrigen dein Brot“ BWV 39, wobei in den Sabbaths-Zehnden ein Choral („Es ist ja, Herr, dein Gschenk und Gab“) eingeschoben ist. Die Originalstimmen geben keinen Hinweis auf eine solche Fassung. Folglich ist es als wahrscheinlicher anzusehen, daß Birkmann selbst die umfangreiche Kantate auf eine für seine Zwecke passende Länge kürzte.
Betrachten wir die Folge der Trinitatis-Sonntage in den Sabbaths-Zehnden weiter, so gibt es noch vier Beispiele für nicht vollständig aus den Vorlagen übernommene Libretti: Die Kantate zum 8. Sonntag nach Trinitatis „Wer mich bekennet für den Menschen“ enthält zumindest eine einzelne Arie, die sicher von Bach vertont wurde („Wer Gott bekennt aus wahrem Herzensgrund“); sie findet sich in „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“ BWV 45 nach dem Meininger Zyklus. Die durch Originalstimmen belegte Aufführung dieses Werkes am 11. August 1726 hat Birkmann also vermutlich miterlebt.103
Etwas anders liegt der Fall bei der Kantate zum 24. Sonntag nach Trinitatis „Ach Gott, vom Himmel sieh darein“: Hier stammt eine einzelne Arie („Muß Israel gleich vieles leiden“) aus dem ersten, 1721 erschienenen Band von Christian Friedrich Weichmanns Poesie der Niedersachsen. Die Arie gehört zu dem vollständig abgedruckten Libretto von Johann Matthesons Oster-Oratorium Die durch Christi Auferstehung bestätigte Auferstehung aller Toten (Hamburg 1720).104 Ebenfalls der Poesie der Niedersachsen (Bd.3 von 1726) entstammt die Arie „Wanke, falle, donnernder Bogen“ von Matthäus Arnold Wilkens, die von Birkmann der Kantate zum 26. Sonntag nach Trinitatis „Kommet her, ihr Gesegnete meines Vaters“ einverleibt wurde.105 Bei Wilckens ist sie Teil einer Kantate über den 46. Psalm („Der Herr, der Hüter Israel, ist unsre Zuversicht“), die in Hamburg zum 4. Sonntag nach Epiphanias des Jahres 1726 in einer Vertonung Telemanns erklang. Daß diese textlichen Verbindungen zu Hamburg auf eine Aufführung dieser Werke in Leipzig hinweisen, ist unwahrscheinlich, da es 1726 den 24. bis 26. Sonntag nach Trinitatis gar nicht gab und Birkmann 1727 schon nach Franken zurückgekehrt war.106 Anders als die nur in verhältnismäßig wenigen Exemplaren überlieferten Zyklen Francks oder Lehms’ war die Reihenpublikation Poesie der Niedersachsen sehr weit verbreitet. Dies läßt ebenfalls weniger zwingend auf eine Leipziger Provenienz ihrer Vertonung schließen.107
Eine abschließende Bewertung des Quellenbefundes ist hier aber nicht möglich.108
Die Kantate zum 5. Sonntag nach Trinitatis mischt in den Sabbaths-Zehnden zwei in den Leipziger Hauptkirchen erklungene Kantaten, die beide diesem Sonntag zugeordnet sind: Aus der Kantate „Siehe, ich will viel Fischer aussenden“ BWV 88 (Meiningen 1704/1719), 1726 aufgeführt, sind die Texte der beiden letzten Sätze (Rezitativ Nr.6 „Was kann dich denn“ und Schlußchoral Nr.7 „Sing, bet und geh auf Gottes Wegen“) übernommen worden. Der gleiche Choral steht aber auch in der Kantate „Der Segen des Herrn machet reich ohne Mühe“, die in einer bislang unbekannten Vertonung 1725 erklang.109 Aus diesem Text von Neumeister wurden nun gleich weitere drei Sätze übernommen. Daß diese Textmischung auf eine Leipziger Aufführung zurückgeht, ist unwahrscheinlich.
Die vollständig übernommenen Kantaten aus dem Weimarer Zyklus von Franck und dem Meininger Zyklus zeigen wiederum ein anderes Bild: Wie der synoptische Textvergleich ergibt, hatte Birkmann nicht die originalen Vorlagen zur Hand, sondern die Leipziger Auswahl-Textdrucke für St. Thomas und St. Nicolai. Daraus läßt sich ableiten, daß auch die folgenden drei Texte aus Francks Zyklus Evangelisches Andachts=Opffer von 1715 sowie aus dem Meininger Zyklus von 1704/1719,110 in Leipziger Vertonungen vorlagen:111
4. Sonntag nach Trinitatis
14. Juli 1726?111
Ich tue Barmherzigkeit an vielen Tausenden
Text: Meiningen 1704/1719
9. Sonntag nach Trinitatis
18. August 1726?
Wer sich des Armen erbarmet / Machet euch Freunde mit dem ungerechten Mammon112
Text: Meiningen 1704/1719
17. Sonntag nach Trinitatis
23. September 1725?
Seht, so ist die falsche Welt
Text: Salomo Franck 1715
Die Kantate „Seht, so ist die falsche Welt“ wäre demnach als mutmaßlich verschollene Franck-Vertonung Bachs zu diskutieren.113 Bei den beiden Kantaten aus dem Meininger Zyklus ließe sich freilich auch an weitere Vertonungen von Johann Ludwig Bach denken. Mit acht Kantaten ist dieser Zyklus übrigens der von Birkmann meistverwendete. Gerade hier lohnt aber ein Blick auch auf jene Kantaten(-gruppen), deren Aufführung Birkmann in Leipzig wohl beigewohnt hat,114 die er dann aber nicht in seine Sabbaths-Zehnden aufnahm: Neben den Kantaten von Johann Ludwig Bach – hier ist bislang nur eine einzige Übernahme gesichert115 – sind dies zwischen Jubilate und Trinitatis 1725 die neun Dictum-Kantaten auf Texte von Christiane Mariane von Ziegler und zwischen Weihnachten 1725 und den Epiphanias-Sonntagen 1726 sechs Kantaten aus Lehms’ Gottgefälligem Kirchen-Opffer.116Daß Birkmann keinen einzigen Text von Christiane Mariane von Ziegler übernahm, ist besonders auffällig. Ob dies damit zusammenhängt, daß die wohl theologisch begründeten Divergenzen zwischen Bach und der Dichterin aus dem Kreis um Gottsched unter den studentischen Theologen-Musikern diskutiert wurden, sei vorerst dahingestellt. Bachs Vertonungen zeigen jedenfalls gerade bei ihren Libretti markante Eingriffe in Zieglers Text.117
Befragt man die Sabbaths-Zehnden hinsichtlich weiterer möglicherweise in Leipziger aufgeführter – unbekannter – Kantaten, so ergibt sich auch eine Klärung zu der nur textlich erhaltenen Kantate „Liebster Gott, vergißt du mich“ BWV Anh. I 209. Das Libretto dieser Kantate zum 7. Sonntag nach Trinitatis stammt aus Lehms’ Gottgefälligem Kirchen-Opffer (1711). Bekannt war bislang, daß eine gegenüber Lehms’ Jahrgang abgewandelte Fassung der Kantate am 6. Februar 1727 zur Gedächtnisfeier für den verstorbenen Grafen Johann Christoph von Ponickau (1652–1726) erklang. Der Befund ist kompliziert und die Frage nach dem Komponisten wird für beide Fassungen des Texts diskutiert.118 Die Übernahme der Sonntagskantate in die Sabbaths-Zehnden macht es nun aber wahrscheinlich, daß tatsächlich eine Komposition für Leipzig angenommen werden kann.119 Birkmann übernimmt die originale Textfassung, nicht die Bearbeitung als Trauermusik für Ponickau.120Was das Aufführungsdatum betrifft, so bleibt der Befund mehrdeutig: Entgegen Lehms wird der Text bei Birkmann dem 15. Sonntag nach Trinitatis zugeordnet.121 Eine Aufführung an diesem Sonntag ist damit wahrscheinlich, da Birkmann eine Kantate nie anders zuordnete, als er es in Leipzig erlebt hatte.122 In Übereinstimmung mit dem Kalendarium könnte die Kantate also am ehesten am 16. September 1725 aufgeführt worden sein.123
Die in der Bach-Forschung seit jeher strittige Frage verschollener Leipziger Kantaten Bachs wird durch zwei Kantaten aus Picanders Textdruck von 1728 (Cantaten auf die Sonn- und Festtage durch das gantze Jahr124) erneut aufgeworfen: Für die beiden Sonntage nach Ostern hat Birkmann auf zwei Libretti zurückgegriffen, für die bislang eine Erstveröffentlichung in Picanders Druck angenommen wurde. Wenn Bach – oder ein namentlich nicht bekannter anderer Komponist – diese Texte bereits 1727 in Musik gesetzt haben sollte, wofür nun einiges spricht, dann wäre ein Beleg dafür gefunden, daß der Drucklegung des Picander-Jahrgangs zumindest einzelne Kantaten vorausgegangen sind. Welche Konsequenzen diese Feststellung hat, läßt sich unschwer ermessen, denn der Großteil der Bachschen Vertonungen nach Picander 1728 ist nicht in Originalquellen überliefert. Die Lücken in Bachs Aufführungskalender von 1726/27 ließen sich hypothetisch dann teilweise mit Picander-Vertonungen füllen.125
Zu dieser Gruppe würden zwei Picander-Texte in den Sabbaths-Zehnden passen, deren Vertonungen nicht erhalten sind. Mit Berücksichtigung von Lücken im Aufführungskalender kommen folgende Datierungen in Betracht:
Quasimodogeniti
20. April 1727?
Welt, behalte du das Deine
Text: Picander 1728, S.127
Misericodias Domini
27. April 1727?
Ich kann mich besser nicht versorgen
Text: Picander 1728, S.129
Da Birkmanns Vorwort vom 26. Oktober 1728 datiert, also wenige Monate nach Picanders Druck (Vorwort: 24. Juni 1728) erschien und es bis auf Druckfehler keine Textvarianten gibt, wäre es prinzipiell möglich, daß Birkmann in Hersbruck ein gewissermaßen druckfrisches Exemplar in Händen gehalten hat. Andererseits gibt es bislang keinen Anhaltspunkt dafür, daß Birkmann überhaupt Schriften von Picander besaß; jedenfalls fehlen solche in der Bibliotheca Birckmanniana – ebenso wie auch die Druckausgaben zu den Zyklen Meiningen 1704/1719, Lehms 1711, Neumeister 1711 oder Franck 1715.126 Birkmann wird den Picander-Kantaten also bereits 1727, vor ihrer Drucklegung, in Leipzig begegnet sein. Einstweilen muß die Existenz verschollener Picander-Kantaten aber dennoch hypothetisch bleiben.127 Es kann indes kein Zweifel bestehen, daß gerade die beiden Kantaten zu Quasimodogeniti und Misericordias Domini in den Sabbaths-Zehnden Anlaß geben, das ‚Picander-Problem‘ erneut zu überdenken.
Ganz grundsätzlich sei an dieser Stelle betont, daß die Sabbaths-Zehnden in einem lückenhaften Aufführungskalender zur Musik an den Leipziger Hauptkirchen in den Jahren 1725–1727 keinesfalls durchweg und bedenkenlos zur Auffüllung herangezogen werden können. Vielmehr kann ohne spezielle Anhaltspunkte keiner der übrigen Texte dieser Sammlung mit Bach oder auch mit Leipzig in Verbindung gebracht werden. Es ist aber zu konstatieren, daß etliche Kantaten Bachs gerade aus diesem Zeitraum als verschollen gelten müssen. Allein bei den in jedem Jahr wiederkehrenden Sonn- und Feiertagen fällt auf, daß in vielen Fällen bislang nur zwei Werke nachweisbar sind:
Quasimodogeniti: BWV 42, 67
Rogate: BWV 86, 87
Exaudi: BWV 44, 183
3. Pfingsttag: BWV 175, 184
2. Sonntag nach Trinitatis: BWV 2, 76
5. Sonntag nach Trinitatis: BWV 88, 93, vielleicht auch BWV 97
6. Sonntag nach Trinitatis: BWV 9, 170
18. Sonntag nach Trinitatis: BWV 96, 169
Mariae Heimsuchung: BWV 10, 147
Hinzu kommen noch jene Sonn- und Festtage, bei denen eine dritte Kantate erst in den 1730er Jahren entstand. Daraus ist mit fast zwingender Wahrscheinlichkeit zu folgern, daß für 1724–1727 in nicht unerheblichem Maße mit verschollenen Bach-Kantaten – oder aber mit weiteren Aufführungen fremder Werke – zu rechnen ist. Davon ist nicht einmal nur ein potentieller ‚Picander-Jahrgang‘ betroffen,128 auch dem sogenannten Dritten Jahrgang fehlen zwischen zehn und dreizehn Kantaten.129 Wie dem auch sei, die Sabbaths-Zehnden beinhalten ein Korpus weiterer vielleicht in Leipzig erklungener Kantaten; sie mögen von Johann Sebastian Bach oder – wie die Stücke zu Beginn der Trinitatiszeit 1725 vermuten lassen – von anderen Komponisten stammen.130
III.BirkmannalsKantatendichterundmutmaßlicherLibrettistBachs
Nach der Auseinandersetzung mit der Frage, welche Kantaten Birkmann aus bereits vorliegenden Leipziger Vertonungen übernommen hat, und welche Neuerkenntnisse sich daraus für Bachs Aufführungskalender gewinnen lassen, soll Birkmann nun als möglicher Librettist Bachs in den Blick rücken. Es stellt sich die Frage, ob es möglich ist, charakteristische Stil- und Formmerkmale jener Libretti zu extrahieren, die sicher bereits in Leipzig entstanden sind. Für dieses Unterfangen scheint es dienlich, eine statistische Standardform in den Sabbaths-Zehnden festzustellen; dazu gehören als äußere Kriterien die Anzahl und die Abfolge der Einzelsätze: Die Übersicht im Anhang zeigt, daß die überwiegende Zahl der Texte fünf- oder sechssätzig ist und in der Regel mit einem Dictum (31) – etwas seltener mit einer Arie (17), einem Choral (16) oder einem Rezitativ (6) – beginnt.131 Den Beschluß bildet in den meisten Fällen ein Choral. In den Binnensätzen wechseln sich in zeittypischer Weise Arien und Rezitative ab – was freilich noch wenig zur Charakteristik beiträgt. Entscheidend ist vielmehr die Frage, ob die Kantate mit einem Bibelwort beginnt, einem traditionellen Kirchenlied oder einem neu gedichteten Text.
Die Standardform mit einleitendem Dictum können wir von der nun folgenden Überlegung weitgehend ausschließen, da ihre Texte entweder nicht von Birkmann stammen (etwa 14)132 oder eine Bestimmung für Leipzig sogar ausgeschlossen werden kann (8).133
