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Wer glaubt, dass Tote nicht singen können, der irrt sich. Auch John, der orientierungslos und ohne jegliche Erinnerung an einem Strandabschnitt zu sich kommt, muss auf seiner Odyssee durch eine mehr oder weniger verrückte Inselwelt schließlich erkennen, dass er selbst Teil eines mysteriösen Geheimnisses ist, das all die kurisosen Persönlichkeiten miteinander verbindet, die ihm begegnen.
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Seitenzahl: 390
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Hugo Berger
Baker Island
Die andere Wahrheit
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
BAKER ISLAND
Die andere Wahrheit
Hugo Berger
Baker Island
1 – Strandgut
2 – Plantage
3 - Garten der Medizin
4 – Mexican Lodge
5 – Annie
6 – Sam`s Garage
7 – Greenland
8 – Lenny`s Bilder
9 - Downtown
10 – BBB
Teil II
11 – Sonntag
12 – Sonntag
13 - Sonntag
14 – Sonntag
15 – Sonntag
16 – Sonntag
Marylin Monroe
Elvis Presley
John Lennon
Bob Marley
Freddy Mercury
Lady Diana
John Denver
Falco
Michael Jackson
Amy Winehouse
Whitney Houston
Bobby Kristina Brown
Die Insel
Baker Island Die andere Wahrheit
Impressum neobooks
Impressum
Texte: © Copyright by Horst GebetsbergerUmschlag: © Copyright by Horst Gebetsberger
& Gabriel SchmitzVerlag: Horst Gebetsberger
Bgm.Jungwirth-Str. 4 b94161 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der
neopubli GmbH, Berlin
Printed in Germany
Nur eine Insel, in der Weite des Ozeans....
Sie stemmt sich mit aller Gewalt den wild tosenden Wellen im Westen entgegen und ist doch mächtig genug um nicht einfach von den Gezeiten hinweggespült zu werden. Aufragend wie ein Wolkenschiff mitten in der Weite des Ozeans. Geheimnisvoll, unbekannt für den Rest der Welt und doch Heimat für eine eingeschworene Gemeinschaft von Auserwählten.
Der Lippenstift ist verwischt, zu viel Rot, zu viel grelles Scheinwerferlicht … unwirklich, fuck. No … kein Scheinwerfer, damned. Sonnenlicht, gleißend, unbarmherzig und gnadenlos brennt sie auf mein Gesicht. Wo ist meine Sonnenbrille? Mein Kopf, unglaublich dieses Summen von 1000 Hummeln in meinem Schädelinnern. Woher kommt dieses bedrohliche anrollende Rauschen? Was ist los? Ich fühl mich nass, mein schöner weißer Anzug, er ist ruiniert. Ich kann nicht aufstehen, mein Körper versagt, und wo sind meine Schuhe? Bin ich verletzt, verunglückt? Nein, kein Blut. Da ist nur Wasser. Es sind die Wellen, die dieses Geräusch verursachen. Sie kommen immer näher auf mich zu und sie spritzen mich ab, jedesmal wenn die Gischt schäumend auf den Widerstand der schroffen Felsen unmittelbar vor meinen Füßen trifft. Schrecklich surreales Szenario, mieser Traum, ganz mieser Traum. Ich muss wieder einschlafen um diesem ultimativen Grauen zu entkommen, bin schwach, kraftlos und unheimlich müd.
Hab ich gerade im Traum geschlafen, um im selben Traum wieder aufzuwachen? Fuck, wann ist das endlich vorbei. Ich hab Angst, diese Wellen kommen immer näher und sie werden immer höher, ich muss hier weg. Warum hab ich Angst? Come on, ist doch nur ein ziemlich mieser Albtraum. Mistwellen, fuck. Komm schon du widerspenstiger schwacher Körper. Nur ein paar Meter nach oben. Die Wellen werden dich nicht kriegen, auch im Traum nicht, Bullshit. Der Boden schwankt, aber ich bewege mich kriechend, Stück für Stück, come on. In welches verdammte Nirgendwo hat mich mein Traum verschleppt?
Was ist das hinter mir? Büsche, Gestrüpp, Dickicht und … nein, das ist nicht okay Leute. Welcher Wahnsinnige hat das Drehbuch für diesen beschissenen Traum ohne Ende geschrieben. Was soll diese Monster-Mauer? Das ist nicht gut, wirklich nicht. Dieses Ding ist zu hoch, ich bin kein Kletterer, und ich werde auch nie einer sein. Und wo bitte ist das Ende dieser ungeheuren Anhäufung von meterhohen Steinen, dass ich wenigstens außenherum vorbei komme? Das ist nicht das, von was ich sonst träum, oh no. Ich will jetzt wach werden, ich steig aus diesem Traum aus, yes, game over. Irgendjemand soll mich aufwecken, sofort. Das ist alles nur ein Hirngespinst meiner schizophrenen Gedanken, die mir dieser Traum vorspielt, oder mein Unterbewusstsein will mich auf eine alternativlose Probe stellen mit einem unter mir tosenden Monster aus Wasser und einer vor mir unüberwindbaren Mauer. Im Moment bin ich nicht mehr als ein erbärmliches willenloses Stück Treibholz, angespült auf einem Streifen Festland, das weder zurück ins Wasser kann noch über die Mauer fliegen gelernt hat.
Ich muss mich erst ausrasten, auch wenn es nur im Traum ist. Wo soll ich hin? Ich bin orientierungslos, aber da ist ein Trampelpfad an der Mauer entlang. Ich muss zum Ende dieser Mauer kommen, egal in welcher Richtung. Dann muss es zwangsläufig ein Ende oder einen Durchlass geben. Ich werde rechts gehen, rechts ist gut, alright, wenn ich Kraft habe und diese kotzige Übelkeit nachlässt. Vielleicht habe ich auch sagenhaftes Glück und bin am Ende des Albtraumes angekommen, bevor ich mich weiter träumend auf diesem miserabel anmutenden und völlig überwuchertem Pfad vorwärtsquäle.
Der Schlaf kann dein Freund sein, wenn er dich erholsam dahin-schlummern lässt und den täglichen Gedankenmüll unter einem unsichtbaren Berg von anregenden Phantasien vergräbt. In diesem Moment ist er nicht mein Freund. Im Gegenteil, er versucht mich zu unterwerfen, er füttert mich mit morbiden Gedanken, die sich im Labyrinth meiner Wahrnehmung ausbreiten wie ein hochansteckendes Virus. Ich hab im Traum schon gelacht und geweint, dass mein Kopfkissen nass war. Ich hab geschrien und ich hatte einen Orgasmus, der sich so absolut live anfühlte. Doch nie hatte ich im Traum so derartig intensive Schmerzen, die der Realität so nahe waren wie das jetzt. Es sind nicht nur die Magenkrämpfe und die penetrante Übelkeit. Mir ist heiß, und gleichzeitig sind meine Hände eiskalt, sie zittern. Meine Beine, sie schmerzen und doch sehen sie unversehrt aus. Was ist das? Ich fühl mich, als ob ich in eine Art Zwischenwelt geraten wäre. Ich träume und schlafe doch nicht, oder ich wache einfach nicht auf. Ist es ein Schockzustand? Was ist, wenn das alles kein Traum ist, wenn das alles was ich gerade wahrnehmen kann Realität ist? Wer bin ich dann, warum bin ich hier und wie bin ich überhaupt hierher gekommen? Ich hab keine Antwort darauf, no.
Ich seh mich selbst so dasitzen, fragend und philosophierend aber antriebslos und von gemeinen Schmerzen geplagt. Die Sonne steht jetzt ziemlich senkrecht over me. Sie scheint mich anzugrinsen, auszulachen, bloody Bastard. Ich werd versuchen mich aufzurappeln, muss mich zusammenreißen, fuck. Irgendwie schein ich auf die Füße zu kommen, okay. Dann also rechts entlang, soweit die Füße mich tragen. Langsam, aber es geht. Schritt für Schritt, muss ja keinen Wettlauf machen. Ich denke einfach nicht mehr nach, ich lass es geschehen. Es sieht alles so gleichartig eintönig aus. Nach einer Biegung kommt die nächste. Dazwischen Gestrüpp, davon flüchtende Krabben, Steinbrocken, die vermutlich im Lauf der Jahre aus dem Mauerwerk herausgefallen sind, dann wieder ein Stück Pfad und seitlich ein teuflisch herrlicher smaragdgrüner Ozean, der seinen Strand mit messerscharfen Korallensteinen vermint hat. Wenngleich sich ein anmutender Blick auf diese tosende Gewässer auftut, so ist es doch alles andere als ein Spaziergang. Diese Mauer scheint kein Ende nehmen zu wollen. Sie grenzt mich aus wie einen Aussät-zigen, sie zwingt mich diesen Weg weiterzulaufen ohne dass ich weiß wohin er überhaupt führen soll.
Ein Spiel, es ist ein verdammtes Spiel, und ich bin der Hamster der in irgendein Türchen laufen soll am Ende dieser widrigen Show. Es dämmert in meinem Oberstübchen. Okay meine Konstitution ist really bescheiden, I know. Das ist eine dieser Nummern, wo sie dir einen strammen Cocktail mit einem k.o.-Hammer verpassen und dich anschließend in eine Reality-Show schicken, bei der sich vermutlich ein Millionen-Publikum vor dem Fernsehschirm für jedes Missgeschick die Hände reibt und auf die Schenkel klopft. Und meine Wenigkeit hechelt wie ein streunender Hund ohne Nahrung einer vermeintlichen Spur nach, um endlich an den Knochen zu kommen, der „Ziel erreicht“ heißt. Wie bin ich da nur hineingeraten, ich hab nicht die geringste Vorstellung. Dieser Cocktail ist es, der mich fertig gemacht hat. Klar, die Übelkeit, der Kater, der Schwindel. Das sind alles die Nachwirkungen eines special heavy Drinks. „Haaaaallo, haaaaallo, es ist gelaufen, ich gebe mich geschlagen, ich geb auf, damned. Holt mich hier raus. Haaaallo. Wo seid ihr, wie heißt das Stichwort Leute? Seht ihr, ich gebe auf, yes. Ich erkläre mich hier und jetzt geschlagen, es ist over.“ Warum tut sich nichts? „Hallo, hallo, game over! Habt ihr gehört, habt ihr mich verstanden, game over and out, es ist gelaufen Leute!“ Sie scheinen mich nicht zu hören, oder sie wollen mich nicht hören? Sie wollen es spannend machen, sie wollen Action, noch mehr Action. Okay, das können sie gerne haben. Ich werfe Steine über diese Kulissenmauer, sind ja genügend da. Mal sehen, ob ich jemanden auf sein versnobtes feines eingebildetes Näschen treffe. Yes, das macht mal Spaß. Es ist der kleine unartige Junge in mir, der diese eingebildete hinter-den-Kulissen-Gesellschaft auf der anderen Seite dieser gruseligen Mauer mit von Vogelex-krementen vollgekackten Muschelkalksteinen beballert. „Hey noch einer, und der ist für den Showmaster, und der für die Jury, und dieser für den Herrn Programmdirektor….und noch ein paar für die Einschaltquoten-Heinis. Was ist, niemand getroffen? Alle verpasst, oder hockt ihr alle zu Hause vor der Fernsehkiste in sicherem Abstand?“ Keine Fanfare, keine Lautsprecheransage, kein Applaus, nicht einmal Buhrufe…Verflucht, was muss ich denn noch tun, damit mich endlich jemand hier rausholt? Es ist meine bedingungslose Kapitulation, sure.
Die Sonne am Himmel ist bereits ein Stück weiter gewandert, mein Zeitgefühl ist out of order. Welcher Tag ist heute? Phantasiere ich, ist das alles eine Halluzination? Ich kann das nicht differenzieren. Mein Kopf ist leer, nur das krasse Summen der Hummeln begleitet mich auf Schritt und Tritt. Der Schweinehund in mir möchte einfach auf der Stelle verharren, aber sein Feind setzt sich wieder in Bewegung und stapft gedankenlos dem Weg der Sonne folgend dahin. Längst habe ich die folternden Schmerzen als unabwendbaren Bestandteil meiner menschlichen Hülle hingenommen. Einzig überraschen mich meine schuhlosen nackten Fußsohlen, die dem teilweise steinigen Weg nahezu schmerzfrei trotzen. War mein Blick zuerst auf den majestätisch weiten Ozean gefallen, suchen meine Augen nun diese Mauer vergeblich nach Möglichkeiten ab sie zu überwinden oder eine Schwachstelle ausfindig zu machen. Mein Hoffnung dagegen, Teil einer Live-Show zu sein, ist kümmerlich klein geworden, ebenso wie noch daran glauben zu wollen, plötzlich aus einem vermeintlichen Traum zu erwachen.
Die Sonne wandert weiter vor mir her, immer tiefer fallend dem Meeresspiegel entgegen. Auch diese strutzige Mauer scheint mich feindlich begleiten zu wollen. Was wird sich hinter diesem mächtigen Bollwerk wohl verbergen? Möglicherweise macht es sogar Sinn, dass mir der Zutritt verwehrt bleibt. Und doch fühl ich mich hier am Fuße des Bauwerks dem unvermeidbaren Verderben ausgesetzt. Aber wie weit soll ich diesem Mammut-Bauwerk noch folgen? Zumindest fällt mir auf, dass die Sträucher allmählich zu Bäumchen werden und die Steine, die den Zutritt zum offenen Meer verwehren, an Größe und Mächtigkeit zunehmen. Auch beginnt der Pfad nun etwas anzusteigen, leider auch diese alles überragende Steinwand. Wer mag sie wohl erbaut haben, und zu welchem Zweck? Ich mag es nicht erahnen. Da vorne, was ist das? Noch zu weit entfernt, aber ich kann keine Mauer mehr erkennen. Ist dort endlich das ersehnte Ende? Ich will es hoffen, nur so kann ich Energie aufbringen um nicht einfach stehenzubleiben. Let`s go, ich will es wissen, come on. Die Hoffnung ist ein unheimlich stark wirkendes Dopingmittel, es verleiht Kräfte, die einem unmöglich erscheinen. Aus den Bäumchen sind jetzt kräftige Bäume geworden, die sich geschmeidig im Westwind biegen, der vom Meer her zunimmt. Es geht weiter immer leicht bergan, die Felsen unterhalb des Pfades haben sich in steil abfallende Klippen verwandelt. Mein Blick ist stur nach vorne gerichtet auf diesen Punkt, an dem die Mauer mit dem Fels verschmilzt, der sich steil vom Meer heraufzieht, senkrecht abfallend. Ich ahne es fast schon, was mich augenscheinlich da vorne erwarten wird. Halleluja, alles klar. Das war es. Die Mauer der Unendlichkeit hat mich endgültig bezwungen. Sie hat mich in die Irre geführt bis zum Ende dieser dekadenten Welt, um das Schicksal eines gestrandeten Wales zu erleiden. Ich hasse diese Art von Abgang und es bleibt mir einzig, mich dieser demoralisierenden Gegenwart zu ergeben. Wand des Schicksals, du hast mich besiegt, ohne dass ich eine Chance hatte. Warum mach ich mir eigentlich noch Gedanken, ob diese Welt hinter der Mauer eventuell verseucht, konterminiert oder auf andere Art und Weise dämonisch verflucht ist? Ist es blanker Zynismus, dass ich mir einrede, es ist besser keinen Weg auf die andere Seite gefunden zu haben?
…warum registriere ich erst in diesem Moment die hohen Bäume, an denen ich vorhin gerade vorbeigelaufen bin? Sie sind höher als dieses unüberwindbare Ungetüm aus Stein, ich denke auch kräftig genug einen Mann wie mich auszuhalten, und der Abstand… hm ein oder zwei Meter. Aber der Wind biegt sie ganz nah an die obere Kante heran. Also doch noch eine Chance meinem offensichtlichen Schicksal zu entgehen? Mittlerweile ist die Sonne dem Punkt an dem sie verschwinden wird schon deutlich nahe gekommen, ich sollte mich beeilen. Ich stehe nun vor dem Baum, der meine Rettung sein soll. Aus der Nähe betrachtet schon ziemlich hoch, shit. Es ist ein verwegener Plan, aber die Äste sind durchaus erreichbar, ich brauche nur etwas Kraft. Ganz langsam, ich muss mich konzentrieren. Mein schmerzender Körper fühlt sich alles andere als athletisch an, und doch muss er mir diesen Dienst erweisen, es ist seine Pflicht. Ich ziehe mich hoch, es ist deutlich schwieriger als ich es vermutet habe. Ich komme an den ersten Ast, okay, great. Der zweite Ast, es ist noch schwieriger und der Stamm ist nass vom Wind, der die Feuchtigkeit des Meeres bis hier herauf versprüht. Ich rutsche ab, kann mich nicht halten. Fuck, wenigstens hab ich mich nicht verletzt. Was ist mit dem Baum daneben, ist er ein good Friend? „Hey Baum, bis du fair zu mir? Lass mich noch ein bisschen durchatmen.“ Die Äste sind perfekt, das könnte fast wie eine Treppe sein. Allerdings ist dieser erste Ast den ich erreichen muss ein Stück zu hoch. Da komm ich nicht ran. Okay, ich brauch einen Stein, ich muss mir eine Art Podest bauen. Fuck, wenn das alles nicht so immens viel Kraft kosten würd. Mit einem Hebel geht es, den nächstliegenden größeren Stein unter den Baumstamm in die richtige Pole-Position zu bugsieren. Es reicht, ich komme an den ersten Ast heran. Ich zieh mich nach oben. Ich bewundere mich selbst dabei, wie mir das nach all den Strapazen dieses Tages noch möglich ist. Meine Muskeln zittern, ich glaub dass ich einen Krampf im linken Fuß bekomme. Meine Arme müssen das kompensieren. Come on, ich mach das gut, langsam, aber meine Hände greifen zu wie zwei Bärenpranken und lassen nicht mehr los, bis ich mich hinaufgehievt habe und zufrieden nach unten blicke. Das ist fast schon wie ein kleiner Sieg, obwohl mir der schwierige Teil noch bevorsteht. Mein Herz hämmert, dafür ist das Summen im Kopf verschwunden. Ich hab es nicht einmal bemerkt wie es sich von selbst verflüchtigt hat. Obwohl das heute alles Andere als mein Glückstag ist, sind die nächsten Äste gut erreichbar, das ist fair. Jetzt bin ich auf dem letzten Ast, der Entscheidende, das ist der point of no return. Die Sonne steht zwei Handbreit über dem Meeresspiegel, in dem sie alsbald blutrot eintauchen wird. Dann geht das Licht aus und ich bin im Baum dem Wind, der Nacht und der Gefahr des Abstürzens ausgesetzt. Es muss jetzt sein, hopp oder topp. Der nächste Windstoß, den ich mit meinem Eigengewicht verstärken muss, um im richtigen Augenblick loszulassen und dabei fest daran glauben muss, dass mir eine Punktlandung gelingt, ist mein Ticket. Bin ich complete crazy, dass ich gerade in diesem entscheidenden Moment an die blutroten Lippen einer Frau denke?
Ich habe mich soeben selbst besiegt, ich bin on the top, wann war ich das zum letzten Mal? Ich weiß es nicht. Seit ich diesem Albtraum folge ist meine Erinnerung ein völlig leerer Raum. Jetzt liege ich auf allen Vieren auf der Mauer und ringe nach dieser unglaublichen Aktion, die die Unmöglichkeit Lügen straft, röchelnd nach Atem. Halleluja, wo ist der Champagner? Gerad noch habe ich der trostlosen Aussichtslosigkeit in die Augen gesehen die verfluchte Wand zu überwinden, und jetzt wage ich es nicht nach unten zu sehen, was mich auf er anderen Seite erwartet. Freude, Glück und Angst sind oft nur hauchdünne Nuancen voneinander getrennt.
Im Rest des Tageslichtes fällt mein Blick nach unten. Es dämmert, ich wähne mich auf einer Art Aussichtspunkt und suche nach Anhaltspunkten. Wo gibt es eine Straße, ein Gebäude oder irgendetwas von Menschenhand Erbautes? Meine Augen tasten den Landstrich unter mir rasterförmig ab. Warum kann ich nichts davon sehen? Wer hat dann diese sinnlose Wahnsinnsmauer erbaut? Ich kann nicht das geringste erkennen, was auf eine Besiedlung hindeuten würde. Shit happens. Stattdessen breitet sich unter mir eine mit üppiger Vegetation vollgestopfte Landschaft aus. Pflanzen, Büsche und Bäume. Bei näherer Betrachtung fällt mir trotz eingesetzter Dämmerung auf, dass die Botanik auffällig gleichmäßig verteilt ist, beinahe wie in einer Stadt-Gärtnerei. Tatsächlich, es hat die Optik eines überdimensionalen Gartens, soweit das Auge reicht. Symmetrische Pflanzenreihen, in ordentlichen zentimetergenauen Abständen. Das kann doch keine Laune der Natur sein, never.
Nur kurz währt dieser euphorische Moment mit der berechtigten Aussicht auf Zivilisation, schon holen mich die rationellen Gedanken wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Ich bin auf diese Mauer gekommen, aber ich muss auch wieder hinunter, um in diese sattgrüne Welt voller üppiger Vegetation zu gelangen. An der Höhe hat sich auch auf dieser Seite nichts geändert und Bäume, die nahe genug sind um auf dieselbe Weise auf den Boden zu gelangen, sehe ich hier nicht. Zu schnell geht die fortgeschrittene Dämmerung in stockdunkle Finsternis über und ich bin ein weiteres Mal ein Gefangener meiner Umgebung. Meine Gefängniszelle aber ist der Scheitelpunkt der Mauer, der aus einem schmalen Grat besteht und beiden Seiten in die Tiefe führt. Gratulation my Friend.
Ich mag die Nacht, ohne zu wissen warum. Sie ist mein, aber eben nicht heute und noch weniger hier an dieser exponierten Stelle. Wann hab ich überhaupt das letzte Mal etwas gegessen? Ist es der Hunger, der mich zu quälen beginnt, oder sind es wieder die stoßartigen Magenkrämpfe. Ich vermag es kaum zu unterscheiden, aber die Intensität ist es, die mich nachhaltig foltert. Dazu kommt neue Angst, die sich aufbaut wie ein herannahendes Gewitter. Ich liege flach auf dem Bauch und versuche mich vor dem weiter zunehmenden Westwind und dem Abrutschen in die Tiefe zu schützen. Meine Hände klammern sich in der völligen Dunkelheit wie ein Käfer krampfartig beidseitig an der Mauer fest, und die Angst einzuschlafen und abzustürzen befällt mich zunehmend. Das ist doch paranoid. Ich darf nicht einschlafen, auf keinen Fall, no.
Ein fahler Lichtschein fällt auf die Mauer, ist das jetzt real? Das fahle Licht nimmt zu. Vorsichtig drehe ich den Kopf zur Seite und kann einen aufgehenden Halbmond erkennen, der in dieser auswegslosen Situation wie ein Schutzengel exklusiv nur für mich zu leuchten scheint. Warum aber auch nicht? Weshalb sollte ich es bis hierher geschafft haben um mir dann in der Nichtigkeit einer mondlosen Nacht das Genick zu brechen, ohne dass jemand davon Kenntnis nimmt.Eine Katze hat sieben Leben, wie viele Leben habe ich? Diese Erkenntnis sollte mir Mut machen um endlich etwas zu unternehmen einen Weg nach unten zu finden. Allmählich gewöhn ich mich an das schwache Mondlicht. Es reicht aus, um vorsichtig in gebückter Haltung weiterzugehen. Es reicht auch aus, um Umrisse von dem zu erkennen was unter mir ist, es reicht allerdings nicht aus, um Details wie Bodenunebenheiten oder etwas in der Ferne zu erkennen. Eine Leiter würd mir helfen, doch warum sollte ausgerechnet hier jemand eine Leiter aufstellen. An diese Art von Wunder glaub ich nicht. Bestenfalls steht eine Bretterhütte oder eine Scheune an der schützenden Wand, die die Tiefe nach unten verkürzen könnte. Wie tief wird es sein? Könnte ich einen Sprung riskieren, versuchen federnd aufzukommen und mich dann musterhaft abzurollen wie es im Lehrbuch steht? Okay, nur eine Theorie, ich werd es nicht überstürzen. Mein konzentrierter Blick sucht immer weiter nach einem Objekt, das mir den Abstieg erleichtern könnte. Da und dort mein ich einen Gegenstand zu erkennen, nur um dann festzustellen, dass es nichts anderes als ein Schatten war. Doch jetzt hat es tatsächlich den Anschein, als ob sich da unten in der Tiefe ein kleiner Hügel entgegenwölben würd. Yes, definitiv, da unten zeichnet sich eine kleine Erhebung ab, wow. Wär es lediglich hohes Gras, dann würd es sich in der Brise bewegen, wie der Hintergrund. Es muss also fester Untergrund sein. Ein paar Schritte weiter steigt die Erhebung noch ein Stück weiter an, wenn auch die Tiefe immer noch respektabel genug ist. So oder so wird sich ein waghalsiger Absprung nicht vermeiden lassen. Wenn es einen Stuntman in mir gibt, dann bauche ich ihn jetzt dringender denn je. Das Kommando lautet: Auf die Mauer setzten, dann umdrehen und sich mit den Händen abstützen, den Körper nach unten gleiten lassen, solange ich mich mit den Fingern festhalten kann. Dann loslassen, beim Aufkommen unbedingt darauf achten, dass ich mich mit den Knien abfedere und mit einer Rolle die Wucht des Aufkommens vermindere.
Ich lieg am Boden, noch unentschlossen ob ich mir eine Verletzung zugezogen hab. Kann ich aufstehen? Der Adrenalinstoß lässt nach und eine Reihe von Körperstellen beginnen zu schmerzen als ob mich ein brutaler Boxer zusammengeschlagen hätte. Ich kann es im Augenblick nicht exakt lokalisieren. Es ist eine ganze Armee von dumpfen Schmerzen, keine stechenden. Mein Rücken, meine Schulter, meine Brust, meine Beine und meine Arme. Benommen lieg ich in einem Dickicht aus irgendwelchen Blättern, nachdem ich auf dem Hügel aufgekommen und wie ein Ball von dieser kleinen Erhebung hinuntergerollt bin. Ich realisiere plötzlich dieses intensive zitronenduftartige Aroma das mich umgibt als ob ich mitten in einem Gewächshaus sitzen würde. Leuchtende Glühwürmchen schwirren tanzend herum. Es lenkt mich ab an schwerwiegende Verletzungen zu denken und ich rapple mich ungelenkig auf, so wie ich es an diesem Tag schon einmal am Strand getan habe. Mit dem Gefühl, von einer Million blauer Flecken verunstaltet zu sein, kann ich mehr oder weniger aufrecht stehen. Wieder hab ich eines meiner Katzenleben verbraucht, sei es drum. I`m alive. Ich will gar nicht wissen, was mich als nächstes auf diesem Survival-Trip erwartet. Doch nun brechen mit einem Mal all die Erlebnisse dieses Desaster-Tages in einer Summe auf mich herein. Würd ich jetzt an dieser Stelle einfach so sterben, es wär mir egal. Ich bin einfach nur müd, so unbeschreiblich und unendlich müd. „Hey Mister!“ Ist das jetzt der Pförtner an der goldenen Himmelstür oder die Stimme, die einem lebendigen Menschen gehört? Obwohl mich die Morgensonne blendet erkenn ich unmittelbar vor mir das schwarzfarbige Gesicht des Prototyps eines mindestens zwei Meter großen Muskelpakets. „Hey, Weißbrotgesicht, was machst du da?
Ich weiß nicht, an wen mich dieser kahlgeschorene Mann mit der Figur eines Bären erinnert. „Ich, ich bin …. eingeschlafen.“
„Ist nicht zu übersehen Mister“
Wo kommt das Strohdach über meinem Kopf her? Ich liege auf zwei Strohsäcken, um mich herum Stauden, jeden Menge Stauden, Bananenstauden, und noch intensiver dieser ätherische Duft von Zitronen und Lavendel.
„Kein guter Platz zum Schlafen Mister.“
„Sorry Mann, das war die einzige Suite in der Gegend.“
Schmunzelt Black Man oder hat seine Mimik einen sarkastischen Unterton?
„Dann glaubst du wohl, dass ich der Zimmerservice bin?“
Black Man erinnert mich an diesen Sklavenroman von… Ich komm nicht drauf. „Sorry, ich weiß ja nicht mal wo ich hier bin.“
„Willst du mich auf den Arm nehmen Mister?“
„Seh ich so aus? Sieh dir meinen zerschundenen Anzug an Mann, dann weißt du, dass ich nicht mit dem Taxi gekommen bin.“
„Bist ja ein witziges Kerlchen. Keine Ahnung, was du dir ins Hirn gepustet hast. So wie du läuft hier keiner rum, und schon gar kein Neuer.“
„Ein Neuer was?“
Statt einer Antwort, bekomme ich nur einen noch eigenartigeren Blick, der alles Mögliche bedeuten kann. Unbeeindruckt einer möglichen Gefahrensituation beschwert sich mein Magen lautstark mit einem unüberhörbaren Knurren über seinen fehlenden Inhalt. Die Augen des Black Man sind immer noch zugekniffen und ich habe keine Vorstellung was in seinem Hinterstübchen gerade vorgeht. Ist es seine spezielle Art zu lachen, oder …ist sein undurchschaubares Gemüt zu einer barbarischen Gräueltat imstande? Was macht er jetzt, er greift in das Innere seiner umgehängten Tasche? Messer oder Pistole, was werde ich als letztes in meinem Leben zu Gesicht bekommen?
„Da hat wohl einer mächtig Hunger“, resümiert er folgerichtig und holt ein Sandwich von beachtlicher Dimension aus seiner Tasche. „Hier Mister, kannst meinen Happen haben, und in dieser Flasche ist noch was zum Runterspülen. Vielleicht wird davon deine Birne klar. Ich habe da vorne ein paar Bewässerungsschläuche in Ordnung zu bringen, dann komme ich wieder zu dir.“
Seit meinem eigenartigen Erwachen als Treibholz befinde ich mich in einem ständigen on-off-Modus zwischen Sein und Nicht-Sein, einem gerade-dem-Tod-entkommen und einem mein-letzter-Atemzug. Black Man ist verschwunden, ich liege immer noch auf den beiden Strohsäcken, unfähig mich aufzurichten. Ich muss es in der letzten Nacht offensichtlich vom Blätterdickicht doch noch bis hierher geschafft haben, ohne mich an die geringste Kleinigkeit zu erinnern.
Nun liegt dieses verführerische Stück Nahrung vor meiner Nase, das ich nach zwei oder vielleicht sogar mehr verpflegungslosen Tagen hinunterschlinge wie ein Raubtier. Absolut deliziös, dieses weiche Brot, herzhaft dieses einmalig schmackhafte Aroma eines delikaten Schinkens, butterweicher Käse, ein sensationelles Dressing mit Zutaten, die mir bislang unbekannt waren und reife Tomaten die von der Sonne geküsst wurden. Das dürfte wohl das exklusivste Sandwich meines Lebens gewesen sein. Dabei hab ich noch nicht mal seinen -zum-Runterspülen-Saft gekostet. Wow… viel Saft ist da mit Sicherheit nicht enthalten, dafür eine umso reichhaltigere Dosis von Rum, gemixt mit einer Mischung aus Minze, Kokos und was-weiß-ich-für-spezielle Tropenfrüchte.
Auch dieser Runterspül-Drink stellt sämtliche Cocktails, die ich eventuell mal genossen hab in den Schatten aller Schatten. Allmählich werden meine Lebensgeister wach. Sie bestaunen die Üppigkeit der Bananentrauben, die direkt vor meiner Nase an den Stauden hängen. Ein paar Reihen weiter, seh ich Ananas, Orangen und sind das … Mangos..? Auch wenn ich überhaupt nichts begreife wo und warum ich hier gelandet bin, befinde ich mich definitiv in einem Paradiesgarten. Fehlt nur noch, dass Eva gleich um die Ecke kommt, Adam war ja vorhin gerade da. Dann war es wohl auch die sündige Eva, von der ich letzte Nacht geträumt hab. Große dunkelbraune Augen, ein anmutendes Gesicht, ihre weiche Haut. Sie summte eine Melodie, die mir bekannt vorgekommen ist. Und Black Man Adam, was ist mit ihm? Was meinte er mit dem „Neuen“? Meine Erinnerung ist komplett gelöscht, Stromausfall im Gehirn, nicht die geringste Erinnerung an Namen, Gesichter und Vergangenheit. Die Sonne dagegen grinst mich unbeeindruckt meines persönlichen Dilemmas gnadenlos an, so wie sie es bereits am Strand getan hat, als Blacky wieder auftaucht.
„Hast du eine Zigarette für mich?“
Es ist das erste Mal, dass dieser big black Man wie ein ganz stinknormales menschliches Wesen lacht. „Eine Zigarette? Du meinst Kinderkram?“ Beim Lachen blitzen seine weißen Zähne wie in einer Fernsehwerbung, seine Figur könnte einem Bodyguard oder einem Rausschmeißer gehören, er wird wohl etwa um die vierzig sein. „Du bist vielleicht ein schräger Vogel, genau so schräg wie deine Aufmachung. Wir rauchen hier nur happy-Islands, bis auf unseren Boss, der raucht fette Zigarren.“
„War wohl die falsche Frage!“
Sein Blick wurde wieder nachdenklicher. „Du gibst auch die falschen Antworten, Mister. Was mach ich mir denn mit dir? Komm ich nehme dich erst Mal mit zu mir und dann sehen wir weiter.“
Big Man hilft mir beim Aufstehen, oder ist es eine Abführung, der eine Ablieferung bei der Polizei folgt? Beim ersten Schritt merke ich, dass ich mit dem linken Bein nur mit deutlichen Schmerzen auftreten kann und zucke merklich zusammen.
„Was ist Mister?“
„Nur mein Fuß. Hab mich scheinbar beim Sprung von der Mauer verletzt.“
„Welche Mauer? Du meinst doch nicht … „
„Doch, meine ich schon. Woher glaubst du, dass ich meine blauen Flecken habe, und warum meinst du, dass ich mich hier im Grünzeug und nicht in einem Grand-Hotel mit Room-Service übernachtet habe.“
„Ich kenne ja viele Spinner die phantasieren und abgefahrene Lügengeschichten erzählen, aber dass jemand von dieser Mauer runter ist… Da kommt keiner rauf, wozu auch? Was wolltest du denn überhaupt dort oben? Mein Säftchen hat dir wohl auch nicht gut getan Mister.“
„Du musst mir glauben.“
„Pah, alles was ich glaube ist, dass du nicht alle Tassen im Oberstübchen hast.“
„Auch wenn es sich noch zu verrückt anhört, ich kann es dir nicht erklären Mann. Ich weiß nicht, wo ich hier bin, wer ich bin, und wie ich hierher gekommen bin, eigentlich weiß ich gar nichts. Ich bin unten am Strand wachgeworden, angespült wie eine Flaschenpost, über die Mauer geklettert und jetzt bin ich hier.“
„Okay, du willst mir also wirklich verklickern, dass du über diese mindestens 7 Meter hohe Mauer geklettert, und vorher als lebendige Flaschenpost gelandet bist. Und dann soll ich dir selbstverständlich auch noch abkaufen, dass du etwas geschafft hast, was noch keinem einzigen in den Sinn gekommen ist seit ich lebe, und das ist schon mächtig lange? Ach ja, und natürlich dass sie dein Gehirn gelöscht haben. Kann ja mal vorkommen, alles klar Mister!“
„Hey hör zu, warum sollte ich eine Story erfinden Mann? Welchen Grund hätt ich denn? Ich würd selbst gerne herausfinden, ob ich der einzige Überlebende einer Schiffskatastrophe bin, ob ich ein one-way-Ticket auf eine Insel im Niemandsland gebucht hab, oder was mich sonst hierher verschlagen hat, verstehst du?“
„Flaschenpost, Filmriss, Blackout, soll ich darüber lachen Mister Flaschenpost? Meine Weiber sollen sich um dich kümmern, denen gefällt deine Geschichte bestimmt.“
Black Man hüllt sich in Schweigen, während wir mit seinem verblassten Pick-Up durchs Plantagengelände holpern bis wir fünfzehn Minuten später ein kleines Farmhaus aus Bambus erreichen. Eher hätt ich vermutet, dass er mich in eine vergammelte Kakerlaken-Baracke verschleppt, die er sein Zuhause nennt. Aber da hab ich mich wohl gründlich geirrt. Es ist ein wirklich nettes strohbedecktes Haus. Nicht einmal klein. Davor befindet sich eine einladende Veranda mit ein paar verteilten Hängematten und einem obligatorischen Schaukelstuhl, das Ganze eingebettet in einen malerischen Blütenzauber buntfarbiger Hibiskusblüten, filmkulissenreif und kitschig wie ein Postkartenmotiv.
Wo ist die Kamera, der Regisseur der „cut“ ruft, und wo ist der Regieassistent, der die Filmklappe zuschlägt? Fehlanzeige! Dieser Film endet auch hier nicht. Stattdessen stürmen drei schokoladenbraune Frauen aus dem Haus heraus und umringen den Pickup überfallartig. Black-Man-Töchter?
„Meine drei Frauen, Sheila, Stella und Judy.“
Okay, Blacky ist also kein Kostverächter, kann ich in diesem Fall gut nachvollziehen. Er kommandiert sie sofort wieder ins Haus zurück und bringt mich immer noch humpelnd auf die Terrasse, wo ich in einen der bequemen Korbstühle hineinsack.
„Jetzt trinken wir mal was Vernünftiges, und dann lass uns quatschen Mister.“
Er meint damit wohl eher, er will mich verhören. Er verschwindet für einen Moment im Haus und kommt mit zwei Gläsern voll ich-weiß-nicht-was zurück.
„Jetzt erzähl mal Mister!“
„Was soll ich erzählen?“
„Auf alle Fälle nicht die Märchengeschichte von der Flaschenpost, sondern die richtige.“
So ist es also um meine Glaubwürdigkeit bestellt, hätt ich mir durchaus denken können, dass das alles ziemlich absurd klingt.
Noch bevor ich antworten kann, stößt Blacky sein Glas gegen meins, „cheers, also raus mit der Sprache Mister.“
Dieses Getränk, ich hab damit gerechnet, ist eine reinrassige Alkoholbombe. Damit will er mich also aus der Reserve locken. „Cheers. Ich muss dir danken Mann, dass du mir geholfen hast. Du bist der erste, der mir begegnet ist, seit ich unten am Strand…“
„Quatsch, ich kauf dir nicht ab, dass du da unten aus der Flasche geschlüpft und über die unüberwindbare Mauer gekrabbelt bist. Sag endlich die Wahrheit.“
„Ehrlich, so wahr ich hier sitze und diesen köstlichen Drink zu mir nehmen kann, ich hab keine andere Wahrheit. Ich würd dir gerne alles erklären, aber mein Gedächtnis ist momentan nichts anderes als ein schwarzes Loch, das alles an Erinnerung geschluckt hat. Verstehst du? Ich weiß nicht wer ich bin und was ich hier mache.“
Mein Gegenüber sitzt nachdenklich vor mir. Ohne ein weiteres „cheers“ leert er sein Glas in einem Zug, gefolgt von einem üppigen Rülpser. „Aha, so ist das, dann bleibst du also bei deiner Geschichte.“
Fast wirkt er destingiert, als er mit seinem leeren Glas in der rechten Hand spielt. „Komm trink aus Mister, ich hol uns zwei neue Drinks.“
Einerseits notgedrungen, anderseits aus Verlegenheit an Argumenten wie ich meine Glaubwürdigkeit erhöhen könnte, stürze ich den Rest meines Glases ebenso in einem Schluck hinunter.
„Okay Mister, ich geb dir ein bisschen Nachhilfe-Unterricht, vielleicht hilft dir das auf die Sprünge. Ist auch ganz einfach, im Prinzip spielt es keine Rolle wer du bist. Ich kann es dir auch nicht sagen. Fest steht, jeder, der hierher kommt, egal woher auch, er muss auch für immer bleiben, auch du. So ist das Gesetz, und der Rest ist egal, weil du sowieso nicht wegkommst, cheers.“
„Welches Gesetz?“
„Das Gesetz, das ich dir gerade erklärt habe, Mister.“
„Meinst du das ernst Mann?“
„Ist das heute der Tag der dämlichen Fragen? Natürlich ist das ernst, ernster geht gar nicht Mister. Aber warum soll das was
Schlechtes sein? Sieh dich doch mal um. Du bist mitten im Paradies, ein wahrer Garten Eden. Hier will sowieso keiner mehr freiwillig weg. Du zahlst weder Miete noch Essen oder Trinken. Hier gibt es nicht mal ein Straf-Ticket für Falschparken. Das ist ein absolut steuerfreies all-you-can-live-Ding hier. Dafür muss man woanders eine Menge Zeitungen austragen, hat mein Vater erzählt. Und falls du es immer noch nicht bemerkt hast Mister, das hier ist eine Insel. Da ist nichts in der Nähe, wo du mal kurz rüberschippern kannst, kein Festland, keine andere Insel weit und breit. Nicht mal irgendeine Schiffslinie ist hier in der Nähe. Das hier ist eine eigene Welt, die mit der anderen Restwelt nichts zu tun hat, so als ob du auf einem anderen Stern leben würdest.“
Die drei Blacky-Frauen beobachten uns vom Eingang aus neugierig, bis die augenscheinlich älteste sich wie der Blitz in Bewegung setzt, als wir unser zweites Glas geleert haben, um unverzüglich flüssigen Nachschub zu besorgen.
„Und wer ist der Chef in diesem sagenhaften all-inlcusive-Paradies?“
„Klar gibt es einen Boss, aber genaugenommen brauchen wir keinen Chef. Das läuft hier alles wie in einer Big Family. Mein Dad hatte damals einen Chef. Das war ein Gefängniswärter in einem verwahrlosten Knast in Alabama. Doch dann hat er einen Deal mit der Regierung gemacht, und seine lebenslängliche Strafe in dem alten Drecksloch gegen Arbeitsleistung im Straßenbau auf dieser Insel eingetauscht.“
„Du bist gesessen und hier gibt es Straßen?“
„Langsam Mister. Mein Vater ist gesessen.“
„Aber nicht nur, weil er einen Kaugummi-Automaten geknackt hat, oder doch?
„Sieh mich an Mister, fällt dir was auf? Ich bin schwarz, mein Vater also auch, okay. Das hat damals schon gereicht um dich strafbar zu machen und um deine nächste Frage zu beantworten, als Junge habe ich Menschenohren gesammelt.“
Hab ich mich gerade verhört? Black Man lacht plötzlich wie ein Irrer und klatscht zweimal in die Hände.
„Mein Name ist Harvey, so wie mein Dad, und das mit den Men-schenohren war Quatsch.“
Drink Nummer vier steht auf dem handgefertigten zierlichen Verandatischchen, obwohl mein Drink Nummer 3 noch fast voll ist. Aha Harvey also, ich hätt ihm einen anderen Namen gegeben. Harvey ist nach einem weiteren „Cheers“ und Drink Nummer vier in eine richtige Plauderlaune verfallen. „Du hast gefragt ob es Straßen gibt. Klar, drüben auf der Ostseite der Insel, hinter der Gebirgskette die du hinter uns sehen kannst. Mein Vater hat fleißig mitgeschuftet. Als dann alles fertig war, musste, oder besser gesagt durfte er hierbleiben in diesem Territorium, das bis zu den Westrock-Mountains und zum Rio Dos im Osten reicht. Sein Glück. Alles wegen der strengen Geheimhaltung der Regierung damals, weil das im Auftrag eines Präsidenten gebaut wurde. Aber ansonsten wusste niemand, um welches Geheimnis es eigentlich ging.“
„Und was ist mit deinem Vater?“
„Er ist tot, so wie die anderen.“
„Welche anderen Harvey?“
„Du hast wirklich keinen blassen Schimmer.“
Ich warte darauf, dass Harvey in die Hände klatscht, um anzudeuten, dass sein Drink Nummer 5 fällig ist. Mein Drink Nummer vier ist immer noch unberührt.
„Pass auf Mister, die haben damals nicht nur meinen Vater, sondern viele andere Gefangene hergebracht, um das ganze Zeug auf der Insel zu bauen, die Brücken, die Straßen, das Kraftwerk, die Gebäude, den Hafen, und alles was sie gebraucht haben, um die Insel zu kolonisieren. Auch diese gigantische Mauer haben sie damals gebaut. Dafür mussten sie auch nicht mehr zurück ins Kittchen in die Staaten, wie mein Dad. Und dann haben sie sogar Frauen für die Gefangenen hergebracht, nur um sicherzugehen, dass hier keiner mehr freiwillig weg wollte oder den Versuch unternahm auszubüchsen. Es wäre abgesehen davon sowieso aussichtslos gewesen. Im Lauf der Jahre sind dann daraus Kinder und Kindeskinder geworden, so wie ich. Diese Kinder hätten sogar das Recht gehabt, zurück auf das Festland zu kommen, unmittelbar nach der Geburt. Aber natürlich waren die Eltern dagegen und nun leben wir hier im Westteil seit drei Generationen. Und wir wollen auch gar nicht zurück, warum auch.“
Jetzt endlich klatscht Harvey in die Hände, nicht ohne mich etwas strafend zu betrachten, dass ich mit meinen Drinks offensichtlich mächtig im Rückstand bin.
„Was hast du heute morgen mit dem Neuen gemeint, Harvey?
„Eigentlich Quatsch Mister, es kommen schon lange keine neuen mehr. Ich dachte, du bist bei den Ranchern drüben abgehauen.“
„Rancher?“
„Okay Mister, dann erzähl ich dir auch noch den Rest vom Insel-Einmal-Eins, kommt ja nicht so oft vor, dass ich Zuhörer habe.“
Noch bevor er in der Lage ist weiterzusprechen muss ich ihm es auf sein „cheers“ bei meinem Drink Nummer vier wohl oder übel gleichtun und ihn in einem Zug leeren.
„Nachdem alles fertig gebaut war, wurde es ziemlich ruhig auf der anderen Seite. Die Arbeiter im Westen wurden einfach ihrem Schicksal überlassen, das Versorgungsschiff blieb aus. Sie mussten Äcker anbauen und Vieh züchten um zu überleben. Es war zwar ein einfaches Leben, aber ein Erträgliches. Mein Dad erzählte, dass zu dieser Zeit die Menschen auf der anderen Seite die Insel verlassen haben. Keiner wusste warum, vielleicht ist auch eine Seuche ausgebrochen. Erst vor mehr als vierzig Jahren sind wieder neue Leute gekommen. Da war ich noch ein kleiner Junge. Aber wir haben uns in den ganzen Jahren danach hier ein Stück hübsches Land aufgebaut. Heute gibt es hier ein kleines Village, ein paar Kneipen, ein Kino. Jede Familie hat eine eigene Hacienda. Die einen bauen sich Koks an, die anderen brennen Schnaps. Wieder andere haben mehrere Frauen und manche alles zusammen. Wir feiern reichlich Partys und jeder kann tun und lassen was er will. Bingo, was willst du mehr.“
Harvey sieht mich fragend an. Ich bleib in der Rolle des Zuhörers und stoße meinen fünften Drink gegen seinen Drink Nummer sieben oder acht. Es hat den Anschein, dass Harvey seine Rolle als Lehrmeister offensichtlich genießt.
„Macht es endlich klick bei Dir Mister?“
Ich schüttle den Kopf wahrheitsgetreu, meine Gedanken fischen weiterhin im Trüben ohne eine Kleinigkeit der Erinnerung.
„Okay, die andere Seite, wir nennen es Privatland. Ich weiß nicht viel darüber. Das war für uns immer verbotenes Land, und das ist es heute auch noch. Die Leute im Osten wollen für sich sein, nennen es Privateigentum, haben Schilder aufgestellt „betreten verboten“, und wir respektieren das. Die Grenze oben in den Bergen war sogar bewacht gewesen. Heute haben wir ein perfektes Arrangement zwischen der Ost- und der Westinsel. Wir erzeugen auf unseren 20 Farmen und Ranches die Lebensmittel und das Fleisch für die komplette Insel, im Gegenzug bekommen wir von der anderen Seite alles was wir sonst brauchen, egal ob Klamotten, Elektrogeräte, Werkzeug, Bücher und ärztliche Betreuung. Das Einzige was wirklich knapp ist, das ist der Sprit.“ Harvey beginnt müde zu wirken, er spricht immer langsamer. Nur allzu verständlich bei der Menge von Alkohol, die er in sich unermüdlich hineingießt.
„Noch was. Bei uns… gibt es keinen … Stress, keinen Rassenhass, keinen … Khu Klux Clan, keinen Ärger. Nicht einmal ….
eine Polizei. Es hat mal … eine Security …“ Harvey ist kurz eingenickt. Doch einen kurzen Moment später „… ist echt ein Schlaraffenland hier… Es gibt nur eines… was wir nicht …. dürfen, und das … ist die Insel verlassen. So ist das Gesetz, und dieses Gesetz …. gilt für die ganze Insel……“
Wieder nickt Harvey ein, und wieder wird er wach „….so ist das Gesetz Mister Flaschenpost … und … eines Tages, wenn … es so weit ist, dann… werden wir auch … in dieser Inselerde …“ Harvey nickt ein weiteres Mal ein. Dieses Mal einige Minuten, bis er wiederum die Augen weit aufreißt und in die Hände klatscht.
Sofort sind die Mädchen wieder da. Doch statt einem weiteren Tablett mit einem gefüllten Glas bugsieren sie Harvey behutsam aus seinem Korbsessel ins Haus hinein, ohne dabei auf seinen Widerstand zu stoßen.
Muss ich mir Gedanken machen, ob ich ebenfalls ein Verbrechen begangen habe? Meine Träume, da ist immer so viel rot, ist es Blut? Ist mein Erinnerungsvermögen aus diesem Grund in den Streik getreten, um eine schlimme Tat in den Gedanken zu annullieren? Oder bin ich ebenfalls der Sohn eines Straftäters, dem sein Vater diese Tat in allen Einzelheiten geschildert hat? Neue Zweifel und neue Fragen, mit denen ich mich zu beschäftigen hab. Die Frauen kommen wieder aus dem Haus, sie sprechen nicht mit mir, sondern flüstern sich gegenseitig etwas zu was ich nicht hören kann. Dann höre ich doch nochmal Harveys Stimme aus dem Haus, ohne seine Worte zu verstehen.
Was den Alkoholkonsum an diesem Nachmittag betrifft, kann ich mich weiß Gott nicht beklagen. Ich lass es daher auch völlig entspannt über mich ergehen, dass mich die beiden jüngeren Frauen auf die große Liege hinüber stupsen und beginnen, mit einem feuchten Tuch an mir herum zu handhaben. Bild ich es mir ein, oder bin ich nun tatsächlich bekleidungsfrei? Ich schlaf nicht, mein Empfindungssinn ist zwar leicht betäubt, aber die Berührungen eines feuchten Schwammes empfind ich als äußert angenehm. Ich hab keinerlei Vorstellung, welche Prozedur gerade an mir vorgenommen wird, ich lasse es einfach geschehen. Nach einer Weile bin ich mir gar nicht mehr sicher, ob ich träume, dass ich massiert werde, dass auf meinem Rücken, meinen Armen und meinen Beinen eine ölhaltige Tinktur aufgetragen wird, die sich sanft über meinen ganzen Körper verteilt. Völlig egal, auch wenn es nur ein Traum sein sollte, ist es beileibe ein wahrhafter Genuss.
Als ich meine Augen wieder öffne, ist es bereits dunkel geworden. Meine Augen gewöhnen sich schnell an das unscheinbare Licht der Kerzen, die überall auf der Terrasse flackern. Ein unwirklich romantisches Flair liegt in dieser lauen Luft. Es ist still, ich bin allein. Bild ich mir das ein? Nein, unter der Decke bin ich splitternackt. Was ist mit meinem Anzug? Da, neben mir liegen saubere Kleidungsstücke. Mein linkes Bein ist verbunden, ich fühl dort keine Schmerzen mehr. Ich will gar nicht wissen, mit welchem Zeug mich die beiden mit ihren feingliedrigen Fingern einbalsamiert haben, aber ich fühl mich völlig entspannt, nahezu wie ein neuer Mensch. Kurios, aber in gewisser Weise bin ich das tatsächlich. Ich kenn mich nicht, weiß weder meinen Namen, noch meine Vergangenheit.
Was ist das dort auf dem Tischchen? Irgendjemand meint es richtig gut mit mir. Unter einer Servierglocke warten Sandwiches, ein großes Stück Käse, Weintrauben, ein Stück Melone und Früchte, die ich nicht im Entferntesten kenne, auf mich. Im Heißhunger schlinge ich, immer noch vollkommen nackt, die Hälfte der übergroßen Portion in mich hinein, ohne mir richtig Zeit zum Zerkauen zu nehmen. Die körperlichen Lebensgeister in mir sind erwacht, die Anprobe der Hose und des Hemdes sind zufriedenstellend, sogar die Schuhe passen. By the way, ungewohnt und befremdlich ist allerdings dieses Outfit aus Leinenstoff. Aber was heißt schon ungewohnt in meinem Fall. Es trifft fast auf alles zu, was seit meiner Landung als Treibholz passiert ist. Und nun? Wieder kommt diese Unruhe in mir auf, die mich packt und mir Fragen stellt, die ich nicht beantworten kann.
War das gerade ein Abendmahl, oder war es eine Henkersmahlzeit? Was hat Harvey mit mir vor? Bin ich Gast, oder Eindringling, will er einen Plantagenarbeiter aus mir machen, oder will er mich für Lösegeld an die Farmer oder an die „Anderen im Privatland“ verkaufen? Hab ich wirklich ein Verbrechen begangen? Falls ja, war es wegen einer Frau, war es aus Eifersucht? Ich hatte vorhin wieder einen Traum in dem man eine vermisste Frau gesucht hat. Was ist mit Harveys Leuten, sind sie wirklich alle harmlos, oder schlummert das Verbrecher-Gen ihrer Vorfahren in ihnen? Sie laufen alle einfach so frei herum wie eine Herde Schafe. Mein Bauch sagt mir ich gehör nicht hierher in Harveys Welt, so täuschend reizvoll sie im ersten Moment auch sein mag. Ich glaub meinem Bauch, yes I do. Also gilt es, die Nacht zu nutzen und dem zunehmenden Mond zu folgen, ohne es rationell begründen zu können. Mein Ziel sind die Berge und die Grenze. Vielleicht ist es zugleich auch die Grenze zu meinen Erinnerungen. Ich kann nur hoffen, dass ich dort Antworten finden werde, crazy, ich weiß. Allerdings macht mich diese Hoffnung stark genug, um Unglaubliches zu tun, genauso wie ich diese unüberwindbare Mauer im Auf und im Ab bezwungen hab.
Im matten Mondlicht schimmert die Silhouette der Bergkette, der ich einem kleinen Bach entlang kontinuierlich folge. Beim Anblick der Gipfelkulisse weckt es ein angedeutetes Gefühl der Erinnerung, aber auch nicht mehr. Sie kommen nur zeitlupenartig näher, obwohl ich schon die ganze Nacht ohne Pause hindurchmarschiere. Zum Glück kann ich dem Bachlauf weiter ohne größere Hindernisse folgen. Erst im Morgengrauen mach ich Stopp, um mich mit dem Rest der Terrassenmahlzeit für den weiteren Weg zu stärken. Ich habe ein Waldgebiet erreicht, es duftet angenehm nach Eukalyptus. Unwissend was mich auf diesem Trip als nächstes erwarten wird, treibt es mich weiter. Im Lauf des Vormittages wird es allmählich bergiger. Für mich ein gutes Zeichen, dass ich meinem Ziel näher komme, und tatsächlich tun sich die Bergzacken immer mächtiger vor meinen Augen auf. Mein Begleiter und Wegweiser ist immer noch der Bach, der mir treu zur Seite steht, als ob ein Drehbuch es so vorsehen würde. Ungehindert und ohne jegliche Zwischenfälle stehe ich nun in der Mittagssonne am Fuß des respektablen Bergflankens, der mir einiges abverlangen wird. Ist meine Kondition dazu ausreichend? Das ist die falsche Frage, ich muss da hinauf, um auf die andere Seite zu kommen. Es gibt keinen anderen Weg, um meine Vergangenheit herauszufinden.
So wie die kümmerlichen Krümelreste des Abendmahls zur Neige gehen, verabschiedet sich auch der Bach mit einem zauberhaften Anblick eines in der Sonne glänzenden Bergsees, dem er entspringt. Mein Fuß! Nicht ein einziges Mal hab ich an meinen linken Fuß gedacht. Erst jetzt fällt er mir wieder ein, als ich auf den Verband hinunterblicke. Egal, ich werd vorsichtig sein, so vorsichtig wie möglich. Vor mir taucht etwas einem Steig ähnlich sehenden schmalen Pfad auf, vielleicht von Ziegen oder anderen Tieren in den Hang getreten. Ich komme gut voran und es ist nicht der steile Hang der mir zu schaffen macht, sondern die brutale Hitze. Ein Hut wär gut gewesen zum Schutz vor der Sonnenglut, hätte ich wohl bei Harvey vorher bestellen sollen? Ich mach mich über mich selber lustig, das hilft. Einfach gehen, langsam gehen, nicht nachdenken. Hab ich Zweifel? Nein, das Ziel kommt immer näher, bald ist es zum Greifen nah. Mit ein bisschen Glück schaffe ich es bis zum Sonnenuntergang.
