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Stephan kann es kaum glauben, als er die sechs Richtigen auf seinem Lottoschein vergleicht. Es passt überhaupt nicht zum Karma seines bisherigen Lebens, in dem es nur für den klassischen Looser gereicht hat. Wenn man nun meint alles wird gut, dann sollte man sich überraschen lassen, auf welche Reise ihn die Achterbahn des Glücksrausches befördert und welche schwindelerregenden Wendungen seine Fahrt ständig nimmt. Und daran sind nicht nur Strapsi, Renate Schönhaus, Kim Kong Tui und andere schuld ...
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Seitenzahl: 398
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Hugo Berger
Steinreich
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Steinreich von Hugo Berger
Warum?
Protagonisten:
1-Fix
2-Stephan Steinreich
3-Strapsi
4-unglaublich-
An einem Vierundzwanzigsten hatte ich die Idee Lotto zu spielen.
5-Träume werden wahr-
6-Freiheit-
7-Glücksfee-
8-Kneipinger-
Neun gecrashte Autos
9-Porsche-
10-Traumurlaub-
11-Überholspur-
12-das Leben ist eine Party-
Mit zwölf meine erste Mutprobe
13-Hotel California-
14-Haus in den Wolken-
15-Höhenflug-
16-ein Profi namens Rudi-
17-Männertraum-
Unvergesslich, Strapsi`s siebzehnter Geburtstag.
18-Katarina o.H., Schummler und Blondie-
19-Renate-
20-Parkplatz?-
21-Rätselstunde-
22-Notar-
23-Geister, die ich rief-
24-die Story meines Lebens-
25-Black Jack-
26-Interview-
Meine erste Nutte kostete dreiundvierzig Mark.
27-Kleine Geschenke-
28-Visitenkarten-
29-plötzlich Manager-
30-Aussprache-
31-Hotel-California-Party-
32-Karriere-
33-Party-time-
34-Flucht-
35-Resümee-
36-neues Quartier-
37-Wiedergutmachung-
38-auf Sand gebaut-
39-Experten-
40-alte Liebe-
41-schlechte Nachrichten-
42-Glück im Spiel-
Der persönliche Wienerwürstchen-Rekord lag bei einundvierzig Stück.
43-comeback-
44-Rechtsweg ausgeschlossen-
45-die Hoffnung stirbt zuletzt-
46-Über den Wolken-
47-Restguthaben-
48-Leuchtfeuer-
Die Eins war meine persönliche Glückszahl
49-den Sternen nahe-
50-Gespenster-
51-Rückblick-
Nachwort:
Impressum neobooks
Impressum
1. Auflage 20.05.2021
Texte: © Copyright Horst GebetsbergerUmschlag: © Copyright Horst Gebetsberger
Verlag: Horst Gebetsberger
Bgm.-Jungwirth-Str. 4 B94161 [email protected]
Druck: epubli, ein Service der neopubli GmbH,
Berlin
Printed in Germany
ISBN
Die Glücksritter, die Glücksschweine, die vom Glück verfolgten, die Pechverweigerer, die, die immer auf der Gewinnerstraße sind, die, denen das Scheißglück einfach so in den Schoß fällt, die Pilze des Glücks, die sogar bei einer aberwitzigen Chance von 1:14 Millionen oder noch aberwitziger mit einer Chance von 1:140 Millionen als Jackpotknacker unglaubliche sieben- oder sogar achtstellige Gewinnsummen abräumen, die Glücksprofis… die Auserwählten halt …
Wer hat noch nie von dem Wahnsinn geträumt, die sechs Richtigen zu haben, oder sogar den Jackpot zu knacken? Und wer hat sich noch nie darüber Gedanken gemacht, was man mit so einem Riesengewinn anfangen würde?
Auch wenn die Chance, zu den wenigen Auserwählten eines überglücklichen Mega-Gewinnes zu gehören, mathematisch ziemlich unwahrscheinlich ist, es passiert. Nicht jede Woche, aber häufiger, als vom Hai gebissen, vom Blitz getroffen zu werden oder eine Stecknadel im Heuhaufen zu finden.
Und wer jetzt noch meint, dass das bereits der absolute Gipfel aller potenziellen Glückskinder war, dann sollte man auf keinen Fall die Wiederholungs-Super-Glücks-schweine ausklammern, die immer wieder das mathematisch eigentlich unmögliche Kunststück schaffen, innerhalb eines Lebens sogar zweimal einen Megagewinn abzuräumen. Wie irre das auch immer sein mag, es lässt durchaus den ultravagen Hoffnungsschimmer zu, dass an dem volkstümlichen Sprichwort vom Glückspilz und vom Pechvogel ein hauchdünnes Etwas an Wahrheit sein könnte, zumindest in dieser Geschichte, die sich selbst erzählt.
Sie handelt von Stephan Steinreich, dem Lottospieler, dem ich mein Protagonisten-Ich zugedacht habe, meinem allerbesten Blutsbruder-Kumpel Tom Freund, der auf den Rufnamen Fix hört und meiner Mehrfach-Ex, die Angela Tussinger, die aus gutem Grund einfach nur Strapsi war.
Sofern es eine Formel für Lotto-Glück gibt, dann ist es das X der hochgradigen Unwahrscheinlichkeit multipliziert mit der Wurzel aus komplettem Irrsinn. Um es vorwegzunehmen, vergiss alles das, was du oder der Rest der Welt sich vorstellt, diese Geschichte ist anders, ziemlich anders.
Glücklich ist nicht der, der anderen so vorkommt, sondern der, der sich dafür hält (Seneca)
Albert Alzheimer/Kunde von Essen auf Rädern
Bettina Nymphenbacher/Stephans 1. Mädchen
Biggi Zicke/Tankstellen-Kollegin
Billy Boy/Barkeeper Hotel California
Bleifrei/Chef +Tankstellenpächter
Blondie Sommer/Reisebürotante
Daniel Ehrlich/Banker bei der Bank von Nebenan
Dr. Heinz Durchblick/Notar + Cousin v. StB Edi Fuchs
Dr. Gottfried Leichenblass/Hotelarzt
Edi Fuchs/Steuerberater
Fix (Tom Freund) sein bester Freund, Autoschrauber
Frank Bank/neuer BankerderBahama-Bank)
Frau Maus/Rezeptionistin Hotel Graue Maus
Fritz Schmieringer/Pressefotograf +Kollege von Kati
Gamaschen-Ali/Kumpel aus der Suchtklinik
Gupi/Gummipuppe
Hassan Nakamura/Kumpel aus der Suchtklinik
Hermann Monster/Sicherheitsmann im Hotel California
Hotel Graue Maus/zweitklassiges Hotel
Hubert Schummler/Versicherungsagent ABC Versicherung
Isabella Steinreich/ Mutter von Stephan
Jonny Rollator/Kunde von Essen auf Rädern
Katarina ohne H (Kati) Journalistin vom Schmierblatt-Express
Kevin Krass/ GF Schuldnerberatung Krass & Witzig
Kim Kong Tui/Hoteldirektor Hotel California
Kneipinger/Wirt von Stephans Stammkneipe
Lucky/ Barkeeper im Hotel California
Maxilein/Stiefbruder von Stephan
Nicole Liebhuber/das 2. Mädchen von Stephan
Norbert Schlaumann-Armleuchter/Lotto-Berater
Niemehr (Niemand/Niewieder)/Rechtsanwalt
Opa Max Steinalt/Stephans Opaund Oma Luise
Otto Pappenheimer/ Kollege Tankstelle
Paul Schlau/Vertreter von Frank Bank in der Bahama Bank
Paulinchen Petze/Kollegin Tankstelle
PS Schnellinger (Paul Simon)/ Autoverkäufer
Reiner Wucher/Vermieter
Renate Schönhaus/Immobilien-Maklerin
Rudi Vollschutz/ehemaliger Versicherungsagent und undurchsichtiger Geschäftsmann
Stephan Steinreich/Jackpotgewinner und der ewiger Verlierer
Strapsi (Angela-Julia Tussinger) Ex von Stephan, Friseuse
Susanne Glück/ Lottotante
Süße/Bank-Assistentinbei Bahama Bank
Tante Hilde/Stephans erfundene Erb-Tante
Weißbier-Hugo/Kumpel aus der Suchtklinik
Willi/Stiefvater
Tom und ich waren superdicke Freunde wie Tom Sawyer und Huckleberry Finn und manchmal spinnefeind wie Katz und Maus. Wir waren Kumpels auf Biegen und Brechen und gingen uns dann wieder jahrelang aus dem Weg. Wir haben die wildesten Dummheiten gemacht und waren beinahe Todfeinde. Zwei wie Pech und Schwefel und dann wieder …. Konkurrenten… und wir waren gleich alt aber ansonsten einer von dem anderen so ziemlich das gegenseitige Gegenteil und sind es bis heute geblieben.
Kaum vorstellbar, dass dieser damals sechsjährige neunmalkluge Bengel aus Berlin-Neukölln, zu meinem Kumpel, Freund und Blutsbruder geworden ist, als er mit seinen Eltern in das Mehrfamilienhaus meiner tiefbayerischen Heimat eingezogen ist, in dem ich mit meiner Mutter gewohnt habe. Tom, oder Fix, wie ihn sein Vater so gern nannte, hatte eine große Klappe und war nie auf den Mund gefallen, clever, technisch äußert geschickt und immer einen Schritt voraus, egal um was es ging. Kurz, ein echter Draufgänger, oder wie wir in Niederbayern zu sagen pflegen: ein voglwuider Hundling, der sich so ziemlich alles zugetraut hat, was Gott verboten hat, und trotzdem dabei immer mächtig Dusel hatte.
Vielleicht sollte man unsere Freundschaft -zumindest phasenweise- auch eher als eine praktische Zweckfreundschaft bezeichnen. Ich sein Buhmann für alle Gelegenheiten und er derjenige, von dem ich jeden Trick hätte lernen können und der meine Unfall-Schrottis, beziehungsweise das, was davon übriggeblieben ist, wieder zusammengeflickt hat. Und doch, wir haben uns irgendwie ergänzt, TomFreund und ich. Natürlich war es mehr als absehbar, dass es in unserer Freundschaft auch mächtig Zoff geben würde und Zerwürfnisse vorprogrammiert waren, die teilweise über Jahre hinaus gegangen sind. Der Grund war immer derselbe. Es war seine Hurenbock-Seele und es ging immer um dasselbe Mädchen.
Man kann unsere Freundschaft auch mit einem deftigen Kotelett vergleichen, das einige unverdauliche Knorpel hat, die man beim besten Willen nicht hinunterschlucken kann oder an denen man eine Ewigkeit kaut, bis sie endlich verdaut sind. Der Sieger am Ende war dann trotzdem Fix.
Ich dagegen war wie das Butterbrot, das immer mit der falschen Seite auf den Boden gefallen ist. Das bedauernswerte Butterbrot hieß Stephan. Dafür habe ich wenigstens einen verflucht gut klingenden Familiennamen von meiner Mutter bekommen, Steinreich, Stephan Steinreich. Mein Vater dafür Fehlanzeige und Fragezeichen. Das war`s.
Stopp, es ist zwar keinen Pfifferling wert, aber ich habe es so reichlich, dass es schon weh tut. Gutmütigkeit. Ja, ehrlich. Es ist diese verdammt blöde Sorte von Gutmütigkeit, die mich immer wieder auf alle Lügen und Versprechungen hereinfallenlässt. Ob ich darauf stolz sein soll? Wenn nicht, dann kann ich als ungewünschte Zugabe noch mein ausgeprägtes Versager-Gen draufpacken, und der erklärte Pechvogel meines Jahrgangs mit der bescheidenen Daseinsberechtigung einer Rest-Mülltonne ist perfekt, danke.
Und dann war da noch die Strapsi. Sie liebt mich, sie liebt mich nicht, sie liebt mich vielleicht, sie liebt mich wieder nicht. Sie ist nur ein Jahr jünger als ich, aber trotzdem war sie mir beziehungstechnisch immer meilenweit voraus. Sie geisterte seit meiner Schulzeit in meinem Leben herum und tauchte immer wieder auf. Immer dann, wenn ich nicht damit gerechnet hatte.
Meine Mehrfach-Exwarein echter Hingucker, das muss ich ihr lassen. Die geile Mauswar undist einrichtig böses, böses Mädchen. Sie raubte mir mein Hirn und meinen Restverstand, und das nicht nur einmal. Eigentlich ist ihr Name Angela Tussinger und ihr Plan A war eine Karriere als Model und als konsequente Folge davon sehr viel Zaster zum Flatrate-Shoppen.
Genaugenommen hatten wir so wenige Gemeinsamkeiten, wie eine ausgestopfte Fledermaus mit einem gegrillten Hendl am Oktoberfest, bis auf die Sache mit dem Glück. Hier ging es ihr nicht viel besser als mir. Auch sie konnte nicht von sich behaupten, ständig davon verfolgt zu werden. Es hat sie trotzdem nicht abgehalten, jahrelang immer wieder und immer noch davon zu träumen, eines Tages in einem Haufen voller Geld zu schwimmen, während sie sich Tag für Tag in dem ungeliebten Friseursalon ihrer noch weniger geliebten Tante die Füße in den Bauch gestanden hat. Dabei wäre sie noch vor ein paar lächerlichen Wochen tatsächlich so verdammt nah dran gewesen, unglaublich nahe. Doch eben nur nahe. Da hat die geldgeile Zuckerschneckeecht Pech gehabt, dieses Miststück mit dem megascharfen Hinterteil und ihrem nimmerstillen frechen Mäulchen. Manchmal ist das Schicksal schon echt gemein oder soll ich es einfach ein eindeutiges Zeichen von Gerechtigkeit nennen?
Kennst du so einen Tag, an dem du mit dem falschen Fuß aufgestanden bist, dir mit dem anderen so fest die große Zehe an der Bettkante angestoßen hast, dass der höllische Schmerz wie ein Pfeil durch deinen ganzen Körper sticht; du beim Duschen auf der Seife ausrutschst und volle Kante mit dem Hinterkopf gegen die altmodischen Fliesen krachst, dir anschließend eine volle Tasse brühend heißen Kaffees über das frisch gebügelte weiße Oberhemd schüttest; dir ein Rechtsabbieger den Parkplatz wegschnappt, für den du schon unzählige Minuten als Linksabbieger in der Warteschleife stehst und du am liebsten wie ein HB-Männchen in die Luft gehen möchtest; wie du nach zusätzlichen dreißig Minuten Weiter-Parkplatz-Suchen mindestens fünfhundert Meter weit zur Arbeit hetzt, während es wie aus Gießkannen zu schütten begonnen hat und du klitschnass wirst, weil du wie selbstverständlich den Regenschirm zu Hause vergessen hast? Natürlich hast du auch kein passendes Kleingeld für den Parkautomaten dabeigehabt und damit einen deftigen Strafzettel riskiert. Genau so ein Tag muss es gewesen sein, als mich die Gebärmutter zusammen mit ein paar zuvor ausgelaufenen Litern Fruchtwasser gnadenlos ausgespuckt hat in eine Welt, die mit einem Güterzug voller Missgeschickenauf mich gewartet hatumdieKatastrophen und Pechsträhnen wie einen Bandwurm durch mein Lebenziehen zu lassen … bis zu diesem denkwürdigen Sonntagvormittag, dreiundvierzig Jahre später, als die Radiostimme sechs Zahlen und eine Zusatzzahl aufzählte.
Nein, ich konnte es einfach nicht glauben. Wieder und wieder stelle ich mir diese Frage, warum genau ich, warum genau jetzt, nach einem Leben,dasnicht mehr wert war als ein Hundehaufen am Bürgersteigrand.Warum plötzlich diese wahnsinnige Wende in meinem Leben, in dem das Wort Glück ein Fremdwort gewesen war?Vierzig Jahre eines Lebens, dasprall gefüllt war wie ein Fotoalbum mit Erinnerungen an Niederlagen, Enttäuschungen und Reinfällen.Ganz ehrlich, nein, das konnte nicht sein, das war unmöglich, ausgerechnet ich, der Superlooser meines Jahrgangs. Das war so verdammt abwegig wie eine Kondompflicht beim E-Roller-Fahren, der Eberhofer als weibliche Teilnehmerin bei Guido Kretschmer`s Shopping-Queen, oder eine Friday-for-Future-Demo-Plicht für Außerirdische.
Okay, ich wollte mich ja nicht dagegen wehren, geschweige denn beschweren, keinesfalls, ich wäre ja völlig irre gewesen. Das war alles nur so gigantisch unfassbar gewesen. Doch wie ich über mein bisheriges Leben nachgedacht hatte und das, was mir alles widerfahren war … ja, genaugenommen ich hatte es verdient und zwar so was von verdammt richtig verdient, nachdem das Glück lange genug einen Riesenbogen um mich gemacht hatte. Nun war es nichts anderes als eine Gerechtigkeit die längst überfällig war. Überfällig für mich und um ein Vielfaches mehr gerechtfertigt, als für jeden anderen Lottogewinner auf dieser ungerechten Welt, endlich den großen Wurf zu machen, endlich sorglos auf dem Zebrastreifen meines künftigen Lebens zu wandern.
Hätte mich jemand gefragt, wie ich mich dabei gefühlt habe, ob ich das Bedürfnis hatte, wie ein geköpftes Huhn im Kreis herumzulaufen? Ehrlich gesagt, ich weiß es nicht mehr so genau. Wie hätte ich diesen wahnsinnigen Glücks-Meilenstein mit viel zu banalen Worten treffend beschreiben sollen? Irgendwie war ich noch gefangen im Biotop meiner erfolglosen Vergangenheit, als ob ich die alten Fesseln nicht abschütteln könnte. Dabei lag der Schlüssel für meine neue Freiheit direkt neben mir. Ich brauchte ihn nur benutzen, statt mich immer noch mit den idiotischen Gedanken eines Vergangenheits-Versagers zu beschäftigen. Die Karten meiner Zukunft waren neu gemischt worden und diesmal war es mein Joker gewesen.
Die Bilder sind in meinem Kopf immer noch präsent, als ob es gerade passiert wäre. Der Regisseur in meinem Kopf drückt auf den Knopf und spult den ganzen Film noch einmal ab. Meine Augen sitzen in der ersten Reihe einer überdimensionalen Kino-Leinwand in 3D.
Es passierte irgendwo auf dem kurzen Weg zwischen Küchenzeile und abgenutzter Kunstleder-Couch, als die Radiostimme routinemäßig ein paar Zahlen heruntergeplappert hat, Sonntagvormittag, im Anschluss an die Nachrichten. Eigentlich weiß ich ehrlich gesagt gar nicht, weshalb ich da überhaupt immer wieder zugehört hatte. Es war nichts anderes als reine Zeitverschwendung. Ein geborener Jahrhundertpechvogel mit einem Anti-Glücks-Karma wie dem meinem hätte sich das beruhigt schenken können. Aber da gab es doch diese Geschichte mit dem blinden Huhn und dem Korn? Egal. Drei Zahlen waren im Geräusch-Mix einer sich selbst abschaltenden Kaffeemaschine, dem Knarzen der veralteten Küchenkästchen-Schublade und dem Rascheln der Kunststoffverpackung zu meinen Ohren durchgedrungen, als ich mit der Kartoffel-Chip-Tüte wieder auf der Couch gesessen bin. Wie üblich, sollte das mein zweites Frühstück sein und zugleich mein Mittagessen, so wie ich es alle Sonntage gehandhabt hatte. Obwohl ich zugegeben noch nie der begnadete Zahlenmerker gewesen bin, hatte sich meine Zahlenreihe mit den sechs Ziffern längst irgendwo wie ein Brandzeichen in einer Gehirnspalte so tief eingegraben, dass ich sie blind und aus dem Tiefschlaf erwachend rückwärts hätte aufzählen können. Vielleicht einfach deshalb, weil ich das Lieblingsglücksspiel der Deutschen Woche für Woche -völlig zwecklos, wie schon erwähnt- mitgespielt hatte. Obwohl… immerhin drei Richtige, das war im Ausnahmefall schon mal vorgekommen, okay. Drei Richtige, ein Zehner, das ist ein saftiges Schnitzel beim Schnitzelwirt. Verdammt, vielleicht auch ein Vierer, das ist ein Fuffi. Egal, Gewinn ist Gewinn, selbst ein Zehner ist für mich okay. Warum ich überhaupt noch auf die überflüssige Idee gekommen war, auch die anderen Zahlen im Bildschirmtext zu checken, weiß ich nicht mehr. Gewohnheit, banal und simpel!
Heilige Scheiße, auch die vierte Zahl stimmte überein! Ich konnte mich nicht daran erinnern, dass ich schon mal vier richtige Kreuzchen gehabt habe, wow. Aber was dann kam hat mir den Boden unter den Füssen weggezogen, freier Fall, absoluter Irrsinn. Mein Herzschlag begann zu hämmern, bumbum bumbum. Konnte das sein? Die fünfte und die sechste Zahl waren ebenfalls identisch! Lesefehler? Nochmal. Skeptisch verglichen meine Augen die Zahlen im Bildschirmtext in gedanklicher Zeitlupe Zahl für Zahl. Aber mein auf Verlierer getrimmter Verstand konnte immer noch nicht begreifen, was meine Augen gerade abgelesen hatten.
Was war da gerade passiert? Hatte ich soeben dieselben Zahlen gelesen, die ich regelmäßig auf meinem Lottoschein ankreuzte? Meine Zahlen? Was, wenn ja? War ich besoffen oder träumte ich? Unmittelbar stieg eine gewaltige Hitzewelle in mir auf, die sich im nächsten Augenblick in den Temperatur-Keller meines Media-Markt-Kühl-schranks verwandelte und mich wie zu einem Eisklumpen gefroren dasitzen ließ, regungslos und unfähig einen klaren Gedanken zu fassen. Wo blieb der urgewaltige Freudenschrei und der Ausbruch der Emotionen? Ich kann mich lediglich noch daran erinnern, dass mich einen zeitlosen Gedankengang später ein Schock wie ein Stromschlag in die schlachthofgraue Realität meines Looser-Daseins zurückholte.
Verflucht, wo habe ich diesen verdammten Lottoschein? In der Schublade? Im Geldbeutel? Ich habe doch gespielt und abgegeben, oder? Ich habe doch diese Zahlen angekreuzt, so wie immer, oder nicht? Wie ein urplötzlicher Messerstich waren diese Fragen gnadenlos in mich eingedrungen und hatten dabei jeden Bruchteil von aufkommender Freude zu blanker Panik werden lassen. Das Wechselbad von Freude und Angst war wie eine kochende Suppe, die im nächsten Moment zur Tiefkühlkost erfror. Es erstickte den vermeintlichen Traum vom Glück im Keim, bevor er überhaupt die Chance eines Atemzugs hatte. Vielleicht wäre ich unter normalen Umständen angesichts des Unglücks im Glück und einem abhanden gekommenen Lottoschein mit den sechs Richtigen sogar bewusstlos zusammengeklappt, wenn ich nicht an das Szenario gewöhnt gewesen wäre, immer auf der Verliererseite zu sein. So aber war ich nur wie versteinert, unfähig mich zu bewegen, unfähig zu schreien, unfähig irgendwas Rationales oder Emotionales von mir zu geben. Die Frage aber blieb, wo war der verdammte Lottoschein.
Was hatte ich in meinem bedauernswerten second-hand-Leben nicht schon alles verloren. Das waren mehr als nur Handy, Autoschlüssel und die PIN meiner Bankkarte. Das waren mein Elternnest, kaum dass ich Achtzehn war, den Kontakt zu meiner Restfamilie oder das, was man Familie nennen könnte, meine pretty woman -mehrmals-, mein Großvater, der einzige, der wirklich zu mir gehalten hat, der Autofahrer-Lappen, wegen ein paar lächerlichen Promille, mehr als ein Job, von denen die meisten es aber gar nicht wert waren, eine abgefackelte Bude für eine viel zu hohe Miete, alles, was etwas Geld wert gewesen wäre, einschließlich des für mich Erspartem meines Großvaters beim Black Jack, die meisten meiner Autos, nachdem sie unfallbeschädigt nicht mehr reparierbar waren, meine Glaubwürdigkeit, mein bisschen Stolz und am Ende die Hoffnung und der Glaube an die Gerechtigkeit. Und jetzt auch noch die Fahrkarte in ein anderes Leben. Was nun? Lottoschein suchen.
Zugegeben, meine Bude war weit entfernt von einem perfekt durchorganisierten Zentrum eines pflichtbewussten spießigen Aktensortierers. Leitz-Ordner mit einem alphabetischen Register sind auch nicht unbedingt mein Ding und der unkatholische Stapel ohne irgendwelche einschränkenden Sortier-Systeme ist mir grundsätzlich schon immer deutlich sympathischer gewesen. Natürlich bedeutet das im Gegenzug, dass sich eine Geburtsurkunde, ein Schreibstück oder ein simples Heftpflaster zwischen dem Kochbuch für Singles und den alten Schallplatten, die ich kaum mehr anhöre, hineingemogelt hat. Und genauso natürlich konnte eine Packung Nudeln bei den Auswechselglühbirnen hinter dem provisorischen Werkzeugkasten im Abstellfach untergetaucht sein. Aber so ein lächerlich kleiner Lottoschein, der konnte weiß Gott wo überall vor sich dahindümpeln. Ob ich wollte oder nicht, es gab nur den einen verfluchten Weg, die ganze Single-Bude komplett auf den Kopf zu stellen, so sehr ich eine solch aufwendige Aktion auch hasste.
Es überraschte mich gar nicht, dass dieses scheiß kleine Papier-Ding mit den sechs Kreuzchen einfach nicht zum Vorschein kommen wollte, egal wo ich auch suchte. Es war echt zum Kotzen. Selbst der Papierkorb und der Abfallkorb blieben eine Niete. Es war zum Verrücktwerden, zum Durchdrehen. Na klar, so was von verdammt klar. Nicht mal das funktionierte bei mir. Und genau in diesem wichtigen Moment in meinem Drecks-Leben war das Looser-Karma, das mich seit meiner Kindheit wie eine unausrottbare Seuche verfolgt hat, wieder präsent. Es hatte wieder einmal mehr die beschissene Oberhand gewonnen, eigentlich gar keine Überraschung. Die ganze Durchwühlerei war für den Arsch gewesen. Am Ende blieb also nur eine wie von einem FBI-Team zerlegte Junkie-Unterkunft übrig und die sehr schmerzhafte Erkenntnis, dass ich mir wohl den Gewinn meines Lebens einfach in die Haare schmieren konnte, scheiß drauf.
Alles war wie immer! Mit Ausnahme meiner relativ stabilen Gesundheit hat sich das komplette Pechvogel-Programm wie ein dunkelroter Faden durch die Biografie meines Lebens gezogen.
Mein erstes negatives Highlight war mein Vater. Er war einfach nicht existent, niemand, den ich so nennen konnte. Nicht einmal meine Mutter konnte das. Sie war eine attraktive, schlanke blonde Frau, Isabella Steinreich. Sie hatte keinen Krümel Geld und musste mich allein großziehen und nebenbei die Miete für unsere Wohnung aufbringen. Erst heute war mir klar geworden, womit sie sich finanziell in dieser Zeit über Wasser gehalten hatte, und warum sie mich jeden Nachmittag zum Spielen rausgeschickt hat, egal welche Jahreszeit, egal welches Wetter und mir strengstens verboten hat vor sechs Uhr abends wieder zuhause zu sein. Das ist erst anders geworden nach meinem zweiten negativen Highlight, als sie diesen Kotzbrocken von Stiefvater, den Willi, geheiratet hat. Er wird wohl einer dieser Nachmittags-Männer-Besucher gewesen sein. Ich wusste nie, warum, aber er hat mich auf dem Kicker gehabt, vom ersten Tag an. Für ihn war ich nur ein lästiger Bengel.
Mann, so eine Riesenscheiße! Verdammt, was wäre das für ein Ding gewesen, ein Lottogewinn, fettes Geld, endlich in die Sonne eines Lebens zu blicken, das man als lebenswert bezeichnen konnte. Ich habe es mir immer in tollen Bildern ausgemalt, echt oberaffengeil. Jokü-Riepa-Pokau-Mefli-Neuwo. (Job kündigen, Riesenparty, Porsche kaufen, Mexiko fliegen und neue Wohnung).
Die Hitliste war schon lang in meinem Kopf verewigt als ob ich sie als kleiner Junge in einen Baum oder in eine Parkbank eingeritzt hätte, so wie es die Liebespaare mit ihren Vornamen und einem Herzen tun. Die Wunschliste war gerade in diesem Augenblick sie so penetrant vor meinen Augen gewesen wie der TV-Werbeblock fünf Minuten vor Ende des Blockbusters.
Werbung eins, ich kündige den unterbezahlten Job, gefolgt von Werbung zwei, in der ich eine Riesenparty mit allem Drum und Dran schmeiße. In der dritten Produkt-Platzierung erscheint ein nagelneuer roter Porsche, der ganz allein mir gehört, anschließend fliege ich nach Mexiko zum Traumurlauben und im letzten Werbejingle suche ich mir eine megaschicke neue Wohnung in einer gepflegten Gegend, die sich sehen lassen kann. Vermutlich war das nicht großartig abweichend von der Wunschliste anderer Glücksschwein-Kollegen, die ihren verfickten Lottoschein tatsächlich in und zur der Hand haben.
Das wäre mein Traum gewesen. Verdammt nochmal und ich bin so scheiß nahe dran gewesen. Ich mochte es nicht glauben, ich konnte es nicht glauben. Diese verflixte Lottoquittung konnte sich doch nicht in Luft aufgelöst haben.
In meiner ausweglosen Situation musste ich an Fix denken, er hätte den Schein mit Sicherheit gefunden. Er hat immer alles gefunden, den versteckten Schlüssel jeder Gartenlaube, mein geheimes Kondomversteck, den Weg zur abgelegensten Spelunke, vielleicht sogar diese Nadel in diesem Heuhaufen, einfach alles. Er hatte immer die Nase dafür, den richtigen Riecher. Fix, seinem Ausweis nach eigentlich Tom Freund, schlaksige einsneunzig und dunkelhaarig. Er war ein echtes Phänomen auf seine Art, und trotzdem hat er -bis auf seine zugegeben geniale Autoschrauberei- nichts daraus gemacht. Aber wenn ich ihn gefragt hätte, an welcher Stelle ich suchen sollte, dann hätte er mich wahrscheinlich einfach angesehen, voller Zuversicht, so wie er es immer tat. Er würde nicht lange gegrübelt, in seinen unzähligen Hosen- und Jackentaschen herumgekramt und ermahnend zu mir gesagt haben:
„Meine Fresse, jetzt mach dir bloß nicht ins Hemd. Wir finden dieses verfickte Papierschnipsel.“ Bestimmt hätte er dazu einen Gesichtsausdruck aufgesetzt, als ob er nachdenken würde und kurz darauf einen seiner Schraubenschlüssel aus der Hosentasche gefingert haben. Mit ihm hätte er in der Manier eines Profi-Zauberers in der Luft herumgefuchtelt wie mit einem Zauberstab, ihn auf mich gerichtet und dann hätte er gesagt:
„Du weißt es. Mach deine Augen zu, denk an einen geilen dreihundert-PS-Schlitten, stell dir den Kofferraum vor, das Handschuhfach, die Seitenablage, das Konsolenfach. Denk an nichts anderes.“ Nach einer gut inszenierten Gedankenpause wäre an dieser Stelle immer sein „ich zähle bis drei!“ gekommen, gefolgt von einem coolen Grinsen und seinem Standardspruch: „Des kleinen Mannes Sonnenschein ist ficken und besoffen sein … oder dieser Lottoschein.“
Und plötzlich hatte ich den einzigen Platz im Kopf, an dem ich noch nicht nachgesehen hatte. Wie ein Geistesblitz, zu simpel, um es auf Anhieb gewusst zu haben. Meine unspektakuläre Hosentasche, in der sich so manches sammelte, was gerade noch Platz fand.
Fix war ein Unikum an Ideen und Einfällen. In unserer Tom-und-Huck-Phase sind wir fast täglich ausgerückt, Schatzsuche statt Schule. Fix war von dem zwanghaften Drang besessen, etwas auszugraben zu wollen. Von seinen supergeheimen auf Pergament gekritzelten Schatzkarten behauptete er felsbrockenfest, dass er sie in einem uralten Buch in der öffentlichen Bibliothek gefunden hatte. Kann man glauben oder nicht. Egal, wir waren Jungs und wir haben wirklich alles Mögliche ausgebuddelt, einen Klodeckel, ein Gebiss, eine Blechdose mit unbekannten verrosteten Münzen, ein vergrabenes Mofa und ein paar Knochen.
Natürlich liegt jetzt -mehr als 20 Jahre später- der Verdacht nahe, dass er die Schatzkarten selbst gekritzelt und auch den ganzen Kram selbst verscharrt hat, um ihn dann später unter großem Trara mit mir wieder ans Tageslicht zu befördern und mit der Trophäe seine Schatzsucher-Fähigkeiten unter Beweis stellen wollte. Aber er war einfach der Typ für die Show, das hat er nie abgelegt, dieser irre Hundling. Im Gegenteil, er hat sein schauspielerisches Talent mit den Jahren weiter perfektioniert und daraus etwas gemacht, das er in allen möglichen Lebenslagen angewendet hat. Und er tut es immer noch.
Hokuspokus, ein Griff in die Hosentasche. Danke Fix, echt, tausend Dank. Telepathie? Was weiß ich, auf jeden Fall hatte ich dieses verknitterte Stück Papier in meiner Hand, plötzlich so selbstverständlich, so banal und so logisch wie ich den Spielschein für jeweils vier Wochen regelmäßig bei der Lottotussi abgegeben hatte.
Ich hätte lauthals schreien können, vor Erleichterung, vor Glück und davor, dass ich endlich den unumstößlichen Beweis für mein neues Leben in der Hand hatte. Ich tat es aber nicht. Verdammt, dieses ständiges Hin-und-Her-Wechselbad zwischen Glück und Nicht-Glück wie zwischen Sauna-Aufguss und Tiefkühlfach. Wer kann so ein nervenaufreibendes Auf und Ab verkraften? Ich gehörte nicht zu diesen tuffen Typen, die in aller Lässigkeit der Menschheit mal kurz die sechs Richtigen checken, sich auf einem gelben Post-it dann schnell ein paar Notizen über ihre to do`s machen, das gelbe Ding vorne auf die Kühlschranktüre kleben, dazwischen kurz die Welt retten und sich dann vom Kühlschrank ein eiskaltes Bier holen, so, als ob ihr Fußballverein soeben mal ein Auswärtsspiel gewonnen hat. Nein, diese Art von Coolness gehörte nicht zu meinen Eigenschaften. Etwas anderes begann mich dafür kurz darauf aufs Neue zu quälen, nachdem ich die Schockstarre überwunden hatte. Es waren diese blöden überflüssigen Drecks-Zweifel, dich mich wieder einholten und mich aufs Neue verunsicherten, ob ich tatsächlich die richtigen Zahlen im Bildschirmtext abgelesen hatte, ob das alles tatsächlich gerade in Wirklichkeit passiert war. Und wieder raste mein Puls wie eine Rakete nach oben, gefolgt von einem massiven Schweißausbruch mit dicken regentropfengroßen Schweißperlen auf der Stirn.
Es kann nur an meiner lebenslangen Minderwertigkeits-Krise gelegen haben, dass ich so verdammte Schwierigkeiten gehabt hatte, mir selber eingestehen zu können, dass dieses scheiß kleine ramponierte Stückchen Papier in meiner Hosentasche ein völlig neues, anderes Leben bedeutete. Es brauchte Zeit, bis es mir endlich gelang, diesen inneren Widerstand aufzugeben und aufhörte, mich gegen das Glück zu wehren. Der Moment war gekommen, mein komplettes inneres Verlierer-Feeling mit all seinen beschissenen Erlebnissen in eine Kiste zu verpacken und in dem tiefsten Loch der Erde zu versenken.
Stunden oder nur Minuten? Das Zeitgefühl war zwischen rastlosem Gedankenabfall, Angstattacken und dem geleerten Alkoholbestand aus meinem Kühlschrank längst abhanden gekommen, dafür war vorsichtige Freude den paranoiden Nicht-Gewinn-Gedanken gewichen. Ich vermute -hätte ich mich selbst sehen können-, dass ich mit total verklärten Blick auf meiner so was von alten Couch gehockt bin und die Leergut-Batterie auf dem Tisch vor mir angestarrt habe.
Doch, jetzt erinnere ich mich wieder. Ich war damit beschäftigt gewesen, mir vorzustellen, welches Sümmchen ich zu erwarten hatte. Die Rechenmaschine in meinem Kopf bemühte sich, eine Summe auszuspucken, die mir auf der Zunge lag. War es zu blauäugig, sich eine ganze Million auszumalen? Vielleicht ein bisschen mutig, aber allein das Wort -Million- war magisch und unvorstellbar zugleich. Ich musste mir das erst einmal bildlich vorstellen, eine ganze Million, ein Berg voller Geld, eine Riesenzahl mit verflucht vielen Nullen, echt krass. Ja, ich erinnere mich wieder ziemlich genau. Ich malte die Summe auf den weißen Rand einer alten Zeitschrift und stellte beim ersten Versuch fest, dass fünf Nullen zu wenig sind und im zweiten, dass eine Million genau so viele Nullen hat wie die Anzahl der richtigen Lottokreuzchen, nämlich sechs. Danach -glaube ich- hatte ich ein Blackout, oder vielleicht war ich auch nur mehr oder weniger alkoholbetäubt eingedöst.
Welche irren Pläne haben Fix und ich gehabt. Als junger Mensch siehst du deine Welt voller Möglichkeiten. Ich wollte unbedingt zur Polizei, die bösen Jungs verhören und sie anschließend hinter Gitter bringen. Fix wollte mit aufgemotzten PS-Boliden handeln und eine Rockband gründen. Und wenn wir dann genügend Geld zusammen gehabt hätten, dann wollten wir nach Amerika auswandern, nach Florida oder auf die Bahamas, dort eine coole Bar am Meer mit jeder Menge Hängematten und Live-Musik mit den angesagtesten Weltstars betreiben. Dazu ein Haus in der Bucht, wo man mit dem eigenen Boot direkt zum eigenen Traumhaus fahren konnte. Wir wollten die Route 66 mit einem benzinfressenden Monster-Straßenkreuzer von Chicago nach L.A. fahren und eines Tages auf dem Mississippi mit einem alten Schaufelrad-Dampfer bis nach St. Louis hinaufschippern. Hätte ich damals gewusst, dass ich eines Tages tatsächlich eine ganze verdammte Million haben würde…
Ich kann nicht sagen, ob es Halluzinationen gewesen waren oder ob ich schlicht und einfach gepennt und nur irgendwas geträumt hatte. Vielleicht war das eine Auge wach, das andere nicht. Die aufgemalte Zahl mit einer Eins und sechs folgenden Nullen füllte mich aus und kreiste in meinem Kopf herum wie ein Helikopter, der einen Vermissten suchte! Nur dieses Wort, Erfüllung und Vision, eine Million.
Obwohl es noch stockfinster gewesen war, vielleicht noch nicht einmal ein richtiger Morgen, dieses Erwachen war zum zweifellosen Anfang einer völlig anderen Welt für mich geworden, der Welt eines neugeborenen Millionärs. Die Zweifel und Ängste der vorausgegangenen Stunden hatten sich in der Finsternis meines Blackouts aufgelöst, möglicherweise zusammen mit dem Inhalt der leeren Bierflaschen. Dafür war ich plötzlich nur noch besessen davon gewesen, mir diesen Geldscheinberg bildlich vorzustellen. Im Nachhinein betrachtet war es natürlich schon ziemlich gewagt, es hätte auch genauso gut deutlich weniger sein können. Aber diese Million hatte sich irgendwie festgefressen in meiner gutgläubigen Vorstellung und von cooler Nüchternheit war ich in diesem Moment megaweit entfernt gewesen. Dafür sah ich die Geldscheine wie einen Teppich vor mir liegen, Schein für Schein. Wie viele werden es wohl sein? Es müssten zehntausend Hunderter sein, oder? Wie hoch wäre der Turm, wenn ich die Scheine aufstapeln würde oder wie lange die Strecke, wenn ich sie nacheinander in eine Reihe legen würde? Völlig blöde Fragen, die überhaupt keine Rolle spielten, außer in meiner Fantasie und Vorstellungskraft, die absolut überfordert war. Viel eher war die Frage berechtigt, wie ich das alles transportieren sollte, ein Reisekoffer, oder zwei Aktenkoffer? Wie schwer ist eine Million in Banknoten? Konnte ich meinen Gewinn überhaupt so einfach durch die Stadt und dann in meine Wohnung schleppen? Brauche ich einen Bodyguard, einen Tresor und eine Alarmanlage?
Auch wenn mein Verhältnis zum Geld bisher so wie das vom Teufel zum Weihwasser war, also nichts anderes als ein notorischer Pleitegeier, so hatte ich in meinem Leben wirklich mal Geld. Mein Opa Max hatte es für mich gespart, Monat für Monat, und das mit seiner kleinen Rente. Er hat mir immer die Stange gehalten, egal was ich auch ausgefressen hatte. Und wenn ich zufällig mal das Wort Familie in den Mund nehme, dann meine ich genaugenommen nur meinen Opa.
Als Oma Luise gestorben war, waren fast alle seine Ersparnisse in der Apotheke für sie aufgebraucht gewesen. Sein bester Freund war der Fernseher und mit meiner Mutter wollte er -ebenso wie ich- nichts mehr zu tun haben, nachdem mich mein Stiefvater, dieser Arsch mit zwei Ohren, mit Achtzehn vor die Haustüre des Elternnestes gesetzt hatte. Dann ist er mit mir zur Bank um die Ecke gegangen und hat mir seine letzten Ersparnisse, von denen ich mir locker einen Kleinwagen hätte kaufen können, kommentarlos gegeben. Aber, wie hat es auch anders kommen können, ich war einfach zu blöd um zu gewinnen. Nach einer durchzechten Nacht, meinem ersten Vollrausch und einem verfluchten Scheiß-Kartenspiel, das nicht umsonst Black Jack heißt, war das ganze Opa-Geld beim Teufel. Doch selbst das hat er mir einfach verziehen, als ich ein paar Tage später bei ihm aufgekreuzt bin und eine vollständige Beichte abgelegt hatte.
Danach habe ich sogar eine Zeit bei ihm gewohnt. Aber Opa Steinalt war auch genau so alt wie er hieß und als er an einem schlachthofgrauen Montag seine Augen für immer geschlossen hatte, ist mir außer seinem uralten Golf und die Erinnerung an einen wertvollen Menschen nichts von ihm geblieben. Mein Großvater, mein Freund und der einzige, der den Begriff Familie verdiente. Traurig ja, sehr traurig. In diesem Augenblick musste ich an ihn denken, guter alter Max.
Das Weckerläuten beendete meine melancholischen Gedanken abrupt. An diesem Montagmorgen war es überflüssig gewesen, eine gefühlte Halbewigkeit lang schon jagten die Gedanken wie ein Drehkreuz durch meinen Kopf und warfen ständig neue Fragen auf. Aber eine Antwort war mir klar gewesen, ohne dass ich eine Mücke nachdenken musste: Duschen, Zähneputzen, Anziehen, einen Happen zum Früh … nein, null Appetit … aber mich in meine alte Klapperkiste setzen -bei der der TüV seit drei Monaten abgelaufen war- und in der Tankstelle zu meiner Tagesschicht erscheinen, nein. Nie mehr, höre ich mich noch selbst zu mir sagen. Warum sollte ich?
Der Spruch fühlte sich verflucht geil an. „Nie mehr!“ Ich bin vor dem Spieglein-Spieglein-an-der-Wand-wer-geht-nicht-mehr-zur-Arbeit-im-ganzen-Land gestanden und habe es immer wieder wiederholt, bis ich lauthals lachen musste.
So wie mein letzter Job, waren auch die meisten meiner ganzen anderen alles andere als zum Lachen. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie noch alle aufzählen könnte. Es waren zu viele und zu miserable Mistjobs für weniger als einen Hungerlohn. Mein Traum, Polizist zu werden, hatte sich ziemlich schnell zerschlagen. Zuerst war ich noch zu jung und dann machte mir das polizeiliche Führungszeugnis einen Strich durch die Polizeikarriere. Mein anderer Wunsch-Job als Kranfahrer war aufgrund meiner Höhenangst auch eher ungünstig, und die Bewerbung als Taxifahrer hatte mir meine Rest-Alkohol-Fahne versaut. Das einzige was mir also blieb, waren karrierefreie Aushilfsjobs als Autowäscher, Zeitungsausträger, Essen-auf-Rädern-Fahrer, Backwaren-Zusteller und was weiß ich noch. Sogar in einem Tierpark habe ich als aushilfsweise als Tiermistwegschaufler geschuftet. Die Ausnahme davon waren ein paar wenige seriöse Arbeitsverhältnisse, die ich länger als eine Bundesliga-Saison durchgehalten habe, als Bierausfahrer, bei der Post und zuletzt den Job an der Tankstellenkasse.
Nun war all dieser ganze Mist nur noch unrühmliche Vergangenheit und wenn ich noch so etwas wie ein Highlight als Erinnerung behalten wollte, dann war es die Zeit bei der Firma mit dem gelben Posthorn. Vielleicht der einzige bescheidene Höhepunkt meiner beruflichen Laufbahn. Aber leider hatte mein kleiner Glücksstern mit dem hoffnungsvollen Aufdruck „Krisensicherheit“ nur kurz geleuchtet, und schon warf das modern gewordene Managerwort „Umstrukturierung“ meinen Stern wieder aus der Umlaufbahn und mich auf die Straße der Arbeitslosigkeit. Bravo, da war ich wieder, Personaleinsparung sei Dank. Die Tankstelle und ihr unfähiger Chef haben schon auf der nächsten Ausfahrt auf mich gewartet.
Ich erinnere mich, wie ich im Glücksrausch vor dem Spiegel gestanden bin in einem euphorischen Anflug von Begeisterung, meinem Brötchengeber und meinen Tankstellen-Kollegen gegenüber endlich ohne Wenn und Aber die Meinungs-Sau rauslassen zu können.
Mein Chef Bleifrei, dieser fette, ständig meckernde cholerische Stacheldraht-Deutsche, der nie ein anerkennendes Wort über seine Lippen gebracht hat, als ob ein Lob so etwas wie eine unheilbare Krankheit wäre; Otto Pappenheimer, ein Vollidiot höchsten Grades, fühlte sich als Boss Nummer zwei, dabei machte er nur den Einsatzplan und das ziemlich beschissen. Seltsamerweise blieben dabei für mich nur die Arschkarten-Zeiten übrig, was bedeutete, Sonntage, Feiertage und Nachtschichten und damit genau da, wo die Wahrscheinlichkeit am höchsten war, dass dir mal einer die Pistole vor die Birne hält. Oder die Biggi Zicke. Ständig musste ich für diese vegane Bohnenstange einspringen, weil sie mit dem zugelaufenen Hinterhof-Kater der Skat-Freundin ihrer Stiefmutter ständig zum Tierarzt musste. Mal, weil er ein Gummibärchen verschluckt hatte, mal wegen einem plötzlichen Verdacht auf eine Katzenfutter-Unverträglichkeit. Und dann gab es noch das neongrünhaarige Azubinchen des Tankshop-Ladens. Es war nicht so tragisch, dass sie mehr Zeit mit dem Hin- und Herwischen auf ihrem Handy beschäftigt war, als mit dem Befüllen des Warensortiments. Aber als Enkeltochter des Vorgesetzten musste man vor Paulinchen Petze immer auf der Hut sein. Alle drei hatten eines gemeinsam, sie sind dem Chef, ihrem Bleifrei-Kurt soweit in der Arsch hineingekrochen, dass in seinem Hinterteil kein anderer mehr Platz gehabt hätte.
Was soll`s. Dank meiner zweiten Lebens-Vernunftsphase habe ich die Arschbacken zusammengekniffen und das alles über mich ergehen lassen. Wenigstens konnte ich so meine Miete und die Stromrechnung bezahlen, den Lottoschein und ab und zu ein Pornoheft. Vor allem aber hatte ich damit wenigstens ein Stückchen Regelmäßigkeit in mein chaotisches Leben gebracht. Und Chefs, es gab auch schlimmere.
Altes Leben, das war nun plötzlich wie kalter Kaffee gewesen. Der Rückblick in dieses Arme-Sau-Dasein hatte mir ein nochmaliges -Nie mehr- entlockt und das Gesicht im Spiegel grinste mich immer noch hämisch an. Ein wohltuendes Gefühl von Überlegenheit und Genugtuung war in mein Hirn gekrochen und hatte dort nach einem filmreifen Text gesucht, den ich ihnen ins Gesicht spucken wollte, wie übelriechende schleimige Galle. Genau das war die unangefochtene Nummer Eins auf meiner Hitliste der Wünsche.
Es brauchte dazu nur noch einen kurzen alkoholhaltigen Muntermacher und ein bisschen Übung, bevor ich ins Telefon lallen wollte. Klar, dass der Abgang professionell werden sollte, das war die ultimative Gelegenheit, die Revanche meines Lebens für den ganzen Scheiß und diesmal war ich nicht der Looser.
Irgendwo mussten noch spärliche Reste von angebrochenen Schnapsflaschen im Durcheinander meiner vorangegangenen Suchaktion gewesen sein. Prost, ich trank auf mein neues Leben und dann war dieser Text wie auf Befehl in meinem Kopf gekommen: „Hallo Bleifrei, ich habe heute keinen Bock … und morgen auch nicht. Im Übrigen kannst du dir deine Tanke mitsamt deinen Zapfsäulen in den Arsch stecken, wenn du zwischen dem Pappenheimer, deinem Paulinchen und der Biggi noch einen Platz findest. Aber dein Arsch ist ja groß genug, da hat sogar dein bisschen Hirn noch Platz…“
Am liebsten hätte ich es gleich aufgeschrieben, das war eine starke Ansage. In Zukunft sollte das mein Umgangston für all die Leute werden, die mich angepisst haben. Ich war mir so sicher gewesen, dass nun alles anders werden würde und ich wusste, dass ich ab sofort einen neuen Job hatte und dieser Job hieß Freiheit. Meine Flügel begannen zu wachsen.
Genau in diesem wunderbaren Moment der Erkenntnis, den ich gerne eine weitere Viertel-Ewigkeit ausgekostet hätte, läutete das Telefon. Ich war nicht erbaut gewesen, die Telefon-Nummer kannte ich nur zu gut, es war der Pappenheimer…
Wenn ich in diesem glückseligen Augenblick Bilanz über mein bisheriges Leben, mit all den tragischen Unglücksmomenten gezogen hätte, dann wäre es arschklar gewesen, dass alles, was bisher gewesen war, keinen Sinn gehabt hatte. Ich war nichts anderes als der allerkleinste Fisch am Ende der Nahrungskette, bestenfalls noch ein bedauernswerter Goldfisch im runden Fünfliter-Glas. Eigentlich war es mehr als ein Wunder, dass ich nie aufgegeben habe, bis auf das eine Mal, wo ich wirklich kurz vor der Kante zum over-and-out gestanden bin.
Nun aber war das ganz anders und zwar ziemlich oder, genauer gesagt, völlig anders. Ich hatte immer diesen alten Spruch im Ohr gehabt -das Glück liegt auf der Straße-! Nun wusste ich, dass das absoluter Quatsch war. In Wahrheit liegt das Glück nämlich in der Luft, eine Luft die ich bisher nicht schnuppern durfte oder konnte. Dabei bin ich nicht der Einzige, viele können das nicht, weil sie in ihrer eigenen Co2-Blase aus Ängsten und schlechten Erfahrungen eingeschlossen sind und nichts von dem mitbekommen wollen, was sich außen herum abspielt. Wow, je mehr ich trank, desto mehr tat sich die Welt der Philosophie auf. Mein Weltbild war dabei, sich in eine fremdartige Galaxie zu verwandeln, Prost. Es war mir egal, es war schon ausreichend, dass meine Welt nun ein neues Gesicht bekommen würde, ein ziemlich luxuriöses. Genau diese Welt würde mir künftig zu Füssen liegen wie die Frauen soweit das Auge und die Kohle reichte.
Hätte ich den Pappenheimer zurückrufen sollen? Nein, es war nicht nötig gewesen, nicht sofort, weder den Pappenheimer noch weniger den Bleifrei. Ich wollte den Text noch üben, davor und dazu noch ein oder mehrere Schlückchen schlürfen; die Ansage sollte schließlich so flüssig und souverän von meiner Zunge rollen, dass ihm die Klappe offenblieb. Vielleicht machte ich es später, es war noch viel zu früh am Morgen. Und überhaupt kam ich mir dabei echt cool vor, dieses blöde Mülltütengesicht mit einem Matterhorn von Nase zappeln zu lassen, ehrlich. Mein Vorsatz war, ab sofort nur noch so zu cool sein, ich hatte ja schließlich eine Million Gründe dazu …
Weder ein Wunder noch ein Geheimnis, ich hatte nie die Pole-Position bei der Hasenjagd gehabt und vom letzten Startplatz war es echt unmöglich, ein Rennen zu gewinnen. Kurz, meine sexuellen Erfahrungen konnte ich an einer Hand abzählen und dazu brauchte ich nicht einmal alle Finger.
Die Bettina, die Nicki und die Strapsi waren die einzigen gewesen, auf deren feuchten Wiesen sich mein stürmischer Hengst in der Hose austoben durfte. Für die Gupi habe ich mich, ehrlich gesagt, immer geschämt, obwohl sie mir jahrelang treue Dienste geleistet hat. Dazu bin ich auch noch ein richtiger Spätzünder gewesen. Es hat gedauert, bis sich in meiner Hose etwas zu bewegen begonnen hat und ich dann endlich den interessanten Unterschied bei den Mädchen begriffen hatte.
Angela oder lieber Strapsi, sie war mein ein und alles, genaugenommen ist und war sie meine heimliche Traumfrau, meine pretty woman. Ein absolut heißes Mädchen. Allein ihre Beine waren der Oberwahnsinn. Sie hatte die Oberschenkel unter ihrem Röckchen bis zum Ansatz ihres schwarzen Höschens vollgeschrieben, wenn wir eine Schularbeit hatten. Ich habe es mit meinen eigenen Augen gesehen, sie ist eine Schulbank neben mir gesessen. Am Ende unserer Schulzeit war sie ausnahmslos der Schwarm aller Jungs. Und ich? Ich war nicht pummelig, nicht hässlich, auch nicht irgendwie abstoßend, sondern ganz normal und nett, vor allem zu den Mädchen und bestand aus knappen einsachtzig Schüchternheit. Ob mir das gefiel oder nicht, aber damit schon als Teenager auf der Looser-Spur.
Der Pappenheimer ließ nicht locker, das Telefon läutete ein zweites Mal. Es nervte. Nein, ich täuschte mich, diesmal war es sogar der Bleifrei persönlich, der es wohl nicht gewohnt war, dass ich nicht zur Arbeit erschienen war. Der Typ konnte nicht ahnen, wie gewaltig mir das Telefonläuten auf die Eier ging. Meine Gedanken waren ganz woanders. Er würde sich wohl noch gedulden müssen, dieser blöde Sack, bis ich Lust hätte, ihm mein nettes Verschen aufzusagen. Von mir aus konnte er sich seine ungepflegten Wurstfinger wundtelefonieren. Die Erinnerungen an die Mädchengeschichten und meine alkoholhaltigen Erinnerungsbeschleunigermachten michzunehmend entspannter.
Fix hatte es eingefädelt. Es war an ihrem 17. Geburtstag. Er hat mich mit zu Angela geschleppt, sie hatte sturmfreie Bude und gab eine Party. Sie nannte sich jetzt nicht mehr Angela, sondern nannte sich Angelina-Julia und stand nur noch auf den Kinostreifen „Pretty Woman“ mit Julia Roberts. Ihr erklärtes Ziel war eine Karriere als Filmschauspielerin und ihr Verhalten ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst damit meinte. Die Party hatte also viel mehr zu bieten, als harmlose Soft-Drinks, Flaschendrehen und knutschen. Es war Nebensache, dass ein paar andere aus unserer Schule da waren, denn die eindeutige Hauptrolle an diesem Abend hatte Angela. Sie war die Überraschung des Abends mit einem profihaften Strip in den roten Strapsen ihrer Mutter, der sich gewaschen hatte. Sie hatte kein Problem damit, dass sie danach nur noch Strapsi genannt wurde.
Irgendwann an diesem besagten Abend saß ich neben ihr auf der bequemen Couch und beinahe wäre es mein erstes Mal gewesen … aber das Karma meinte es nicht gut mit dem kleinen Teufel in meiner engen Hose. Ich hätte meine Hände nur dazu benützen müssen, an ihr herum zu fummeln, wenn ich nicht so schüchtern gewesen wäre. Als Trostpflaster haben wir uns am nächsten Abend ins Kino verabredet. Dumm und unerfahren konnte oder wollte ich allerdings nicht wissen, dass nicht nur ich ein Auge auf dieses Biest geworfen hatte.
Meine auf den Kopf gestellte Bude sah echt krass aus, mein optisches Äußeres vermutlich auch nicht viel besser. Sah so ein frischgebackener Millionär aus? Ungepflegt, ungewaschen, seit mehr als vierundzwanzig Stunden in den gleichen Klamotten, der seit einer erfolgreichen Suchaktion nach der verdammten Lottoquittung nicht in der Lage war, auch nur den kleinen Finger zu rühren? Die Szene muss ein beschämendes Bild abgegeben haben, es kümmerte mich nicht. Vor mir sah ich die Vision eines Zukunfts-Lebens ohne Regeln, ohne Uhrzeit, ohne Verpflichtungen. Ab jetzt würde ich Essen gehen, wann ich Hunger hatte, Pennen, wenn ich müde war, Ausgehen, wenn ich Lust dazu hatte und die Puppen tanzen lassen, bis der Arzt kommt.
Das war das Leben eines Königs. Meine euphorisch berauschte Stimmung machte es mir unsagbar leicht, in die Rolle eines prunkvollen Königs zu schlüpfen, der als Portrait mit all seinen Reichtümern und Goldschätzen im Mittelpunkt eines Ölbildes eingerahmt war und von den herumstehenden Betrachtern aus meinem alten Leben bewundert wurde. Darauf musste ich anstoßen.
Welch ein praktischer Zufall, dass in dem ganzen Gerümpel zwischen Sportsocken, Luftmatratze und Klopapier noch eine Flasche unangetasteten Cognacs aufgetaucht war, um meiner Inspiration freien Lauf zu lassen. Das einzige Haar in dieser Königssuppe war lediglich der ganze Plunder, der sich Wohnungseinrichtung nannte. Hätte ich eine Alexa gehabt, dann hätte ich an dieser Stelle gerufen „Alexa, räum die Bude auf!“ Aber ein stilgerechtes Königreich, nein, aus dieser schäbigen abgewohnten Bruchbude konnte niemals ein Palast werden.
„Alexa, lass es, ich ziehe bald um!“
Apropos Alexa, eine echte lebendige Alexa, mit Titten und alles was dazugehört, klar, als König konnte ich mir so viele Alexas leisten wie ich wollte und wie ich das wollte.
Mein erste lebendige Alexa war die Bettina, zwei Sommer nach Strapsi`s Strip. Fix hatte mich gefragt, ob ich mit dem Sportwagen in meiner Hose schon mal eine Spritztour nach Bumshausen gemacht habe. Weil ich nur idiotischblöd reagierte, bohrte er nach.
„Ob du schon mal gevögelt hast?“
Ich vermute, dass er meine Antwort kannte und dann sofort mit dieser Bettina kam.
„Meine Fresse, ich kenne eine, ein richtiges Boxenluder. Da kannst du deine Stoßstange versenken bis dir das Hören und Sehen vergeht, hast du Geld dabei?“
Am selben Abend waren wir bei ihr, Betty Nymphenbacher. Zuerst hat Fix sie gebumst, danach durfte ich für Liebe zum Dumping-Preis in der feuchtwarmen Garage zwischen ihren Füssen einparken. Mein Geldbeutel und mein Samenbehälter waren leer. Was soll’s, ganz ehrlich, es war das erste Mal. Es hätte schlimmer sein können. Und wer war es, der sich einen Tripper geholt hat? Keine Frage, der ohne Verhüterli und das war natürlich ich, Shit happens.
Was war das? Verdammt, ausgerechnet in der schönsten Phase meiner Königsgedanken läutete jemand an der Türe. Wer zum Teufel konnte das sein? Es gab niemanden, den ich in meine Underdog-Behausung hereinlassen würde, außer Fix. Es läutete noch einmal. Ich brauchte mir nicht den Kopf zerbrechen, gleichzeitig mit dem Läuten ertönte die unverwechselbare hysterische Stimme von Paulinchen.
„Hey Stephan, bist du da? Mach auf! Stephan, hallo!“
Da hatte der Blödmann von Bleifrei tatsächlich die Kleine losgeschickt um mich aus den Federn zu schmeißen.
Ich kann es mir nicht erklären, warum ich das alles so Wort für Wort in meiner Erinnerung gespeichert habe wie die Blackbox eines Flugzeuges. Aber der Kilometerzähler in meinem Hirn lässt sich einfach nicht ausschalten. Er läuft und läuft, Kilometer für Kilometer, Wort für Wort.
Paulichen antworten oder hereinlassen? Den Bleifrei anrufen und meinen Spruch aufsagen? Nein, überhaupt nicht, nicht in diesem Moment und schon gar nicht an einem Montag. Ich habe Montage noch nie leiden können. Vielleicht am Dienstag. Ja, das war viel ist besser. Der Dienstag sollte ein guter Tag werden, Lottoquittung vorlegen, Geld abholen, Auto kaufen, in den Flieger steigen, Urlaub machen und in der Hängematte in aller karibischen Ruhe nachdenken, was ich mit dem Rest meiner Million alles machen wollte. Klar, das musste der beste Tag in meinem kompletten Leben werden.
Aber im Augenblick wollte ich meine ungestörte Ruhe. Mir war einzig und allein daran gelegen gewesen, zusammen mit einem guten alten flüssigen Freund ausgiebig den alten Erinnerungen nachzuhängen, geschissen darauf, was diese neunmalklugen Fachidioten in der Suchtklinik versucht hatten, mir einzutrichtern. Das Klopfen, Rufen und Läuten von Paulinchen entfernte sich in meiner Wahrnehmung, als der letzte Schluck der leicht nach abgestandenem Korkenbeigeschmack mundende Achtunddreißig-Prozen-ter meine Kehle hinuntergurgelte.
Was danach kam, konnte ich nur vermuten. Das Zeitloch war groß und lange genug. Hatte Paulinchen den Bleifrei
