Balladen und Gedichte - Felix Dahn - E-Book

Balladen und Gedichte E-Book

Felix Dahn

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Beschreibung

Dieser Band beinhaltet mehr als 100 Gedichte des deutschen Schriftstellers und Historikers. Dahns Popularität gründete vor allem auf den historischen Romanen, die sich in den Gründerjahren des Deutschen Reiches außerordentlicher Beliebtheit erfreuten.

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Balladen und Gedichte

Felix Dahn

Inhalt:

Felix Dahn – Biografie und Bibliografie

Balladen

Erstes Buch

Kunâla

Skythenweisheit

Ein Königsspiel

Der Streit um die Krone

Eva

Hagars Rache

Jairi Töchterlein

Arabische Totenklage

Die Wächter des Kalifen

Der weise Scheich

Gebet des Arabers in der Wüste

Herakles

Nemesis

Gesang der Athener

Salamis

Alexandros

Die Vestalin

Der letzte der Kimbern

Drusus

Veleda

Gesang der Legionen

Tacitus

Der Wagenlenker

Kaiser Decius

Julian der Apostat

Bei Flöten und Theorben

Hunnenzug

Allvater

Lied der Walküre

Thors Hammerwurf

Harpa

Sämund der Sieger

Ottar und Hilde

Die Wünsche

Germanenmarkung

Gotenlieder

Gotentreue

Tejas Todesgesang

Gotenzug

Die Gotenschlucht

Ratbod in Köln

Lied der Sachsen

Die rote Erde

Der Fiedelmann

Wikingerfahrt

Jung Sigurd

Helgi und Hilde

Der Fremdling

Der stolze Gast

Das Königsurteil

Die bleiche Königin

Wallada

Hako Heißherz

Der Königsbronn in Dunsadal

König Harald Harfagr und Gydha

Die Islandfahrer

Der Leichenzug Otto III

Das Urteil Gregors VII

Lied des gefangenen Königs

Kreuzfahrt

Des Sultans Tochter

Des Sultans Gesetz

Siegeslied der Deutschen beim Einzug in Mailand unter Barbarossa

Kaiser Heinrich VI

Konradin

Lied Walthers von der Vogelweide

König Manfreds Grab

Zweites Buch

Graf Walther und die Waldfrau

Vom verschollenen Grafen

Thamar

Des Mönches Nachtlied

Friesenfreiheit

Kaiser Rudolf von Habsburg und der Graf von Falkenstein

Die Schlacht von Sempach

Geißlerlied

Die Mette von Marienburg

Die letzten Ritter von Marienburg

Die stolze Maid von Falkenschloß

Die Hexe

Maria von Burgund

Der Gottesurteile Ende

Fußnoten

Die Königin von Aragon

Spanische Romanze

Donna Bianca Vendramin

Das Haus der drei Schönen

Der Zaubermantel

König Alfred

König Alfreds Gesang

Romanze des Gefangenen

König Richard und Sir Hugh

Die drei Schwestern

Sir Roger de Montremy

Jung Anne

Lord Murray und Lady Anne

Alte Liebe

Ralf Douglas

Die Lady von Campion-Hall

Laird Lindsays Hochzeitritt

Lady Angus und jung Kenneth

Maria Stuart und Sir Gordon

Karl IX. nach der Bartholomäusnacht

Lied der Geusen

Der schwedische Trompeter

Heidelberg

Elfenabschied

Das Lied vom Schill

Der deutsche Flüchtling

Reiterlied

Die bleiche Anne

Das Heidekind

Das verlorene Schwesterlein und die drei Brüder

Der Erdgeist und das Mädchen

Das Lied vom Sturm

Bei Sedan

Lied des Heimgekehrten

Die Witwe von Sedan

Die Brüder

Zur gleichen Stunde

Drittes Buch

Sigün. Eine Sage von der Treue

Weltuntergangserwartung

Kreuzfahrerlieder

Kreuzpredigt

Brunhelm von Buchenbühlen

Kurt vom Hohentwiel

Herebrant von Meißen

Pfalzgraf Hans Ott

Berthold von Zähringen

Hezilo, der Jägerbursch

Reinmar der Alte

Tannhäuser

Walther von der Vogelweide

Vorgesang

Cuculus Canorus

Der Kranich

Vogelgesang

Sylvia rubecula

Der Wanderer und die Amsel

Die Schwalbe

Der Adler

Blaukehlchens Doppelsang

Der Räuber

Waldmorgen

Das Taubennest

Nachtritt

Der Turmkauz

Die tote Nachtigall

Kreuzfahrerlieder der Deutschherrnritter in Preußen

Hermann von Salzas Aufruf zur Kreuzfahrt

Lied Ralfs vom Rhein

Herr Guzzo vom Gauchen aus Bayerland

Der Ordensmeister Hermann Balk baut die erste deutsche Warte auf der Heideneiche

Der Sänger

Vaterland

Wahl und Vorbereitung

Deutsches Lied

Frühling

Epistel

Deutsche Lieder

An Napoleon III

Der faule Hanns

An König Max II. von Bayern

Deutsches Siegeslied

Die Rosen auf dem Kirchhof zu Kissingen

»Mainlinie«

Bei der Kriegserklärung Frankreichs

An König Ludwig II. von Bayern

Deutsches Siegeslied

Aufbruch

Saint Privat

In der Schlacht von Sedan

Die Schlacht von Sedan

Heil dem Kaiser!

Gegen Rom

An die Deutschen

Deutscher Sang

Der Schulverein

Die Deutschen im Auslande

Lied der Deutschen jenseit der Meere

Für unsre Sprache

An Deutsch-Österreich

Bei Bechlarn

Allen Deutschen

Vom deutschen Lied

Zum 700jährigen Regierungsjubiläum des Hauses Wittelsbach

Fußnoten

Fehrbellin

Regierungsantritt Friedrichs des Großen

Roßbach

Leuthen

Kaiser Wilhelm I. geboren

Aufruf der Königin Augusta

Aufruf zur Bildung der Freiwilligenkorps

Leipzig

Dombaufest in Köln

Düppel

Sedan

Verkündung des Kaisernamens zu Versailles

An Kaiser Wilhelm I

An Kaiser Wilhelm I

Vale Imperator!

Kaiser Friedrich †

Bismarcklied

Zum Gedächtnis Kaiser Wilhelms I

An Major von Wißmann

Der Wunschhort der Germanen

Armin

Rückblick

Moltkelied

Moltke †

»Fin de siècle.«

Bismarck und die deutsche Sprache

An den alten Reichskanzler in Friedrichsruh

Bei Bismarcks Tod

Balladen und Gedichte, F. Dahn

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849608750

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Dieses Werk bzw. Inhalt und Zusammenstellung steht unter einer Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz. Die Details der Lizenz und zu der Weiterverwertung dieses Werks finden Sie unter http://creativecommons.org/licenses/by/3.0/de/. Teile des Inhalts und deren Zusammenstellung wurden der TextGrid-Datenbank entnommen, wo der Inhalt und die Zusammenstellung ebenfalls unter voriger Lizenz verfügbar sind. Eine bereits bestehende Allgemeinfreiheit der Texte bleibt von der Lizensierung unberührt.

Felix Dahn – Biografie und Bibliografie

Rechtsgelehrter, Geschichtsforscher und Dichter, geb. 9. Febr. 1834 in Hamburg, studierte 1849 bis 1853 in München und Berlin Rechtswissenschaft, Philosophie und Geschichte und habilitierte sich 1857 in München als Dozent für deutsches Recht, wurde 1862 außerordentlicher Professor daselbst, 1863 ordentlicher Professor in Würzburg, 1869 korrespondierendes Mitglied der Akademie der Wissenschaften in München, 1872 Mitglied des Gelehrtenausschusses des Germanischen Museums in Nürnberg und ordentlicher Professor für deutsches Recht in Königsberg, von wo er 1888 an die Universität Breslau berufen wurde. 1885 ward er zum Geheimen Justizrat ernannt. Als juristischer Schriftsteller hat sich D. bekannt gemacht durch folgende Arbeiten: »Über die Wirkung der Klagverjährung bei Obligationen« (Münch. 1855), »Studien zur Geschichte der germanischen Gottesurteile« (das. 1857), »Das Kriegsrecht« (Würzb. 1870), »Handelsrechtliche Vorträge« (Leipz. 1875), »Deutsches Rechtsbuch« (Nördling. 1877), »Deutsches Privatrecht« (Leipz. 1878,1. Abt.), »Die Vernunft im Recht« (Berl. 1879), »Eine Lanze für Rumänien« (Leipz. 1883), »Die Landnot der Germanen« (das. 1889). Auch besorgte er die 3. Ausgabe von Bluntschlis »Deutschem Privatrecht« mit selbständiger Darstellung des Handels- und Wechselrechts (Münch. 1864). Von seinen geschichtlichen Arbeiten sind hervorzuheben: die Monographie »Prokopius von Cäsarea« (Berl. 1865) und das umfassend angelegte rechtsgeschichtliche Werk »Die Könige der Germanen« (Bd. 1–6, Münch. u. Würzb. 1861–71; Bd. 7–9, Leipz. 1894–1902), ferner: »Westgotische Studien« (Würzb. 1874); »Langobardische Studien« (Bd 1: Paulus Diakonus, 1. Abt., Leipz. 1876); »Die Alamannenschlacht bei Straßburg« (Braunschw. 1880); »Urgeschichte der germanischen und romanischen Völker« (Berl. 1881–90, 4 Bde.); »Geschichte der deutschen Urzeit« (als 1. Band der Deutschen Geschichte in der »Geschichte der europäischen Staaten«, Gotha 1883–88). Von Wietersheims »Geschichte der Völkerwanderung« bearbeitete D. die zweite Auflage (Leipz. 1880–81, 2 Bde.). Seine kleinen Schriften erschienen gesammelt u. d. T.: »Bausteine« (1.–6. Reihe, Berl. 1879–84). Sehr umfangreich ist auch Dahns belletristische Produktion, in der er zumeist altgermanische Stoffe mit modernem Leben verbrämt und eine entschieden nationale Gesinnung zur Schau trägt. Seine gründlichen historischen Studien kamen dem Dichter zu gute. Weitaus das beste dieser Werke war der erste historische Roman »Ein Kampf um Rom« (Leipz. 1876, 4 Bde.; 31. Aufl. 1901). Ihm folgten: »Kämpfende Herzen«, drei Erzählungen (Berl. 1878; 6. Aufl., Leipz. 1900); »Odhins Trost« (1880, 10. Aufl. 1901); »Kleine Romane aus der Völkerwanderung« (1882–1901, 13 Bde., und zwar: 1. »Felicitas«, 2. »Bissula«, 3. »Gelimer«, 4. »Die schlimmen Nonnen von Poitiers«, 5. »Fredigundis«, 6. »Attila«, 7. »Die Bataver«, 8. »Chlodovech«, 9. »Vom Chiemgau«, 10. »Ebroin«, 11. »Am Hofe Herrn Karls«, 12. »Stilicho«, 13. »Der Vater und die Söhne«, von denen die meisten in einer Reihe von Auflagen vorliegen); hierzu kommen: »Die Kreuzfahrer«, Erzählung aus dem 13. Jahrh. (1884, 2 Bde.; 8. Aufl. 1900); »Bis zum Tode getreu«, Erzählung aus der Zeit Karls d. Gr. (1887, 15. Aufl. 1901); »Was ist die Liebe?« (1887,6. Aufl. 1901); »Frigga's Ja« (1888, 2. Aufl. 1896); »Weltuntergang«, geschichtliche Erzählung aus dem Jahre 1000 n. Chr. (1889); »Skirnir« (1889); »Odhins Rache« (1891, 4. Aufl. 1900); »Die Finnin« (1892); »Julian der Abtrünnige« (1894, 3 Bde.); »Sigwalt und Sigridh« (1898); »Herzog Ernst von Schwaben« (1902), sämtlich in Leipzig erschienen. Ferner schrieb D. die epischen Dichtungen: »Harald und Theano« (Berl. 1855; illustrierte Ausg., Leipz. 1885); »Sind Götter?. Die Halfred Sigskaldsaga« (Stuttg. 1874; 7. Aufl., Leipz. 1901); »Die Amalungen« (das. 1876); »Rolandin« (das. 1891). Seine dramatischen Werke sind: »Markgraf Rüdiger von Bechelaren« (Leipz. 1875); »König Roderich« (1875, u. Ausg. 1876); »Deutsche Treue« (1875,3. Aufl. 1899); »Sühne« (1879,2. Ausg. 1894); »Skaldenkunst« (1882), und die Lustspiele: »Die Staatskunst der Frau'n« (1877) und »Der Kurier nach Paris« (1883); endlich das Festspiel »Funfzig Jahre« (1962, sämtlich Leipzig). Auch verschiedene Operntexte hat D. verfaßt: »Harald und Theano« (Leipz. 1880, nach seiner epischen Dichtung); »Armin« (das. 1880, Musik von Heinrich Hofmann); »Der Fremdling« (das. 1880); »Der Schmied von Gretna-Green« (das. 1880). Desgleichen war D. als Lyriker rege tätig: auf seine »Gedichte« (Leipz. 1857; 2. durchgesehene Auflage u. d. T.: »Jugendgedichte«, das. 1892) folgten: »Gedichte, 2. Sammlung« (Stuttg. 1873, 2 Bde.; 3. Aufl., Leipz. 1883); dann: »Zwölf Balladen« (das. 1875); »Balladen und Lieder«, 3. Sammlung der »Gedichte« (das. 1878, 2. Aufl. 1896); 4. Sammlung, mit seiner Gattin Therese (das. 1892); 5. Sammlung (»Vaterland«, das. 1892); endlich eine »Auswahl des Verfassers« (das. 1900). Außerdem sind zu nennen Dahns Schriften: »Moltke als Erzieher« (5. Aufl., Bresl. 1894) und die sehr breiten »Erinnerungen« (Leipz. 1890–1895,4 Bücher in 5 Bänden). Seine »Sämtlichen Werke poetischen Inhalts« erschienen Leipzig 1898–1899 in 21 Bänden; neue Folge 1903ff. Mit seiner Gattin Therese (gebornen Freiin von Droste-Hülshoff, geb. 28. Mai 1845 in Münster) verfaßte er: »Walhall. Germanische Götter- und Heldensagen« (12. Aufl., Leipz. 1898). Von ihr allein erschien noch mit einer Einleitung des Gatten: »Kaiser Karl und seine Paladine. Sagen aus dem Karlingischen Kreise« (Leipz. 1887).

Balladen

Erstes Buch

Kunâla

Aller Wesen, welche da atmen,

Schönste, wunderherrlichste Augen

Hat der Vogel, welcher Kunâla

Heißt und baut in Wipfeln der Palmen.

Doch dem Inderkönig Asôka

Wuchs ein Sohn (früh starb dem die Mutter)

Mit so herrlich leuchtenden Augen,

Daß man ihn auch nannte »Kunâla«.

Herzbezwingend waren die Augen:

Unaussprechlich innige Liebe,

Tiefe, opferfreudige Güte

Glänzten aus den seidenen Wimpern.

Als dem schönen Jüngling die Wangen

Flaumbart deckte, wollte des greisen

Königs junge Gattin den Stiefsohn

Zu verbot'nen Flammen entzünden.

Und als streng der Reine sie abwies,

Schalt sie ihn versuchter Verführung

Bei dem schwachen Greis und entriß das

Machtgebot, den Prinzen zu blenden.

Ohne Widersprache sich fügend

Bot die Augen schweigend Kunâla

Dar den Henkern: aber, o siehe:

Keiner von den Wildesten konnte

Diesen Augen, wie er sie aufschlug,

Leides tun! Sie sprachen: »Der König

Soll uns lassen von Elefanten

Niederstampfen; aber Kunâlas

Augen können wir nicht verletzen!«

Doch der Prinz sprach: »Was da geboten

Hat mein Vater, König Asôka,

Muß gescheh'n: ich schließe die Augen.«

Aber in der Männer Erinn'rung,

Tief im Herzen, lebte das Bild noch

Von Kunâlas leuchtenden Augen,

Und sie konnten nicht sie versehren.

»Meines Vaters königlich Machtwort

Muß erfüllt sein,« sprach da der Jüngling,

Und mit seinem eigenen Dolche

Stach er aus sich – beide – die Augen.

Da erdröhnte Donner vom Himmel,

Und es flog der Vogel Kunâla

Auf des Königs Schulter und sang ihm

In das Ohr: »Mich sendet dir Indra,

Gab mir Sprache, dir zu verkünden:

Schuldlos ist dein Sohn, und die Fürstin,

Deine junge, falsche Gemahlin,

Hat ihn eignen Frevels bezichtigt.«

Sprach's und flog empor in die Palmen.

Doch der König rief nun den Jüngling

Weinend zu sich, küßte die beiden

Augen ihm: – ach, nicht mehr die Augen,

Nur die blut'gen Höhlen, und fragte:

»Welche Rache, teurer Kunâla,

Soll die böse Königin treffen?

Blendung, Tötung oder was wählst du?«

Doch der Blinde sagte: »Mein Vater,

Rachsucht hab' ich nimmer im Leben,

Zürnen, Hassen nimmer empfunden,

Auch nicht gegen jene Verirrte;

Selbst nicht, als der bittere Schmerz mir

Zuckte durch die Augen ins Hirn scharf.

Unsre Feinde sollen wir lieben:

Vater, tu' ihr, bitte, kein Leid an.«

Ein Brahmane, welcher das hörte,

Rief: »Das kann kein Sterblicher glauben!

Woher käme solche Bezwingung?

Welcher Lehrer lehrte dich solches?«

Sprach der Jüngling: »Solche Bezwingung

Kommt vom großen Buddha, du Priester,

Solches lehrte Buddha die Seinen! –

Hätt' ich nur, so wahr die Verleumd'rin

Nie ich haßte, nimmer ihr zürnte,

Also wahr doch wieder die Augen!« –

Da erdröhnte Donner vom Himmel:

Seine Augen hatte Kunâla!

Seine beiden leuchtenden Augen

Hatt' ihm Indra wiedergegeben:

Waren einst sie schön wie des Vogels,

Waren jetzt sie herrlicher viel noch! –

Skythenweisheit

Der Perserkönig hielt zu Susa Hof:

Aus allen Landen kamen die Satrapen

Und beugten in den Staub die stolzen Häupter;

Sie brachten alles Köstlichste zur Schatzung:

Des Meeres Perle und der Zeder Harz,

Der Edelstein des Bergs, des Stromes Gold

Ward reich zu Xerxes' Füßen hingestreut

Und fünfzig Kön'ge dienten ihm beim Mahl. –

Da war ein Mann aus Skythenland gekommen,

– Kein König: ohne König sind die Skythen –

– Nichts schatzend: denn die Skythen schatzen niemand –

Geraubte Rosse heischend, welche Knechte

Des Königs aus dem Grenzgebiet entführt,

Nur seine beiden Knaben sein Geleit. –

Der Mann fand Gnade vor des Königs Augen,

Weil er so anders war, als seine Sklaven.

Er nötigt ihn, zu bleiben Tag um Tag,

Ob längst der Zweck, um den er kam, erreicht;

Er zeigt ihm seine Schätze wie sein Heer,

Der Priester Weisheit und der Frauen Reiz:

Für alles hat der Gast ein sinnig Auge,

Und, wenn er redet, stets ein sinnig Wort.

Und als der Tag des Scheidens nun gekommen,

Da spricht der König: »Höre mich, Borast,

Ich darf nicht hoffen, dich zurück zu halten,

Denn deine Seele hängt an deinem Volk;

Doch laß die Knaben mir: ich will sie hier

Mit meinen eignen königlich erziehn

Und sie dir reich und weise wieder senden.

Du willst nicht? Schüttle nicht das Haupt, Borast!

Du mußt doch selbst gestehn, es birgt mein Hof

Viel tausend Güter, eurer Steppe fremd.

Verschmähst du alle Schätze, wohl, so können

Von unsern Magiern deine Knaben lernen

Jedwede höchste, euch versagte Weisheit.« – »Nein,

O König, laß mich ziehn mit meinen Söhnen.

Nur eine Weisheit gibt's und diese, Xerxes,

Zu lernen komm zu uns ins Skythenland:

Hier ist sie nicht.« – »Nun,« lächelte der König,

»Und welches wäre diese höchste Weisheit?«

»Sie ist:« – sprach er und ging mit seinen Knaben –

»Den Tod nicht fürchten und die Wahrheit sagen.« –

Ein Königsspiel

Saß der König Artaxerxes

In dem goldnen Haus zu Susa

Auf dem hohen Purpurthrone:

Im geflochtnen Barte Perlen,

Um die Stirn das Diadema,

In der Hand das goldne Zepter

Und im Herzen Übermut. –

Auf den Polstern vor ihm knieten

Seines Reiches erste Fürsten,

Edle, Feldherrn und Satrapen:

Und er winkte dem Dadanes,

Der der kühnste seiner Krieger,

Und der treu'ste der Satrapen

Und der Feldherrn bester war.

»Mich gelüstet,« sprach der König,

»Mich gelüstet, o Dadanes,

Deines weißen Edelfalken,

Den du selbst dir abgerichtet,

Der auch Antilopen beizet:

Gibst du, Feldherr, wohl den Vogel

Deinem König zum Geschenk?«

Unbewölkt blieb des Dadanes

Hohe Stirn, da er sich neigte:

»Teuer war mir jener Vogel,

Den ich selbst mir abgerichtet,

Der auch Antilopen beizet:

Aber wenn dich sein gelüstet,

Großer König, ist er dein.«

»Mich gelüstet,« sprach der König,

»Mich gelüstet, o Dadanes,

Deines schwarzen Partherhengstes,

Der nicht scheut die Elefanten,

Den du rittst in sieben Schlachten,

Den dein Vater schon geritten, –

Schenkst dem König du das Roß?«

Leise furchte nur Dadanes

Seine Brau'n, da er sich neigte:

»Teuer war mir jener Rappe,

Den mein Vater schon geritten,

Der in sieben heißen Schlachten

Mich zum Siege trug – für dich –!: –

Großer König – nimm ihn hin!«

»Mich gelüstet,« sprach der König,

»Mich gelüstet, o Dadanes,

Deiner einz'gen Frau Mandane,

Die du mehr liebst – also sagt man –

Als dein Leben: gib die Schlanke

Mir zu meinen hundert Frauen:

Gönnst dem König du dein Weib?«

Von dem Wirbel bis zur Sohle

Schüttelte der Schmerz Dadanes:

Doch mit fester Stimme sprach er:

»Teurer war mir als mein Auge,

Als mein Leben, meine Seele,

Mein geliebtes Weib Mandane:

Großer König: – sie ist dein!

Nur vergönne, daß in ihren

Gürtel, wann ich dir sie sende,

Ich ein breites Messer berge.«

»Wie! den König zu ermorden?«

»Nein: sich selber, wenn sie etwa

Doch es nicht ertragen könnte,

Eines Andern Weib zu sein.«

»Mich gelüstete, Dadanes,

Tapfrer Feldherr,« sprach der König,

»Zu erproben deine Treue:

Nur ein Spielchen mit dir spielt' ich:

Gut bestandest du die Probe:

Wähle nun zum Lohn und wünsche,

Was dein Herz begehren mag.

Sei's ein Scheffel voll Rubinen,

Seien's Pfauen oder Weiber,

Sei's Ägypten oder Baktris, –

Alles will ich dir gewähren:

Schwör' es dir bei meinem Barte.«

Mächtig atmend sprach Dadanes:

»So vernimm denn meinen Wunsch!

Meine Treue noch zu prüfen,

Solch' ein Spiel mit mir zu spielen,

War nicht nötig, Artaxerxes!

Und so wünsch' ich nicht Rubinen,

Auch nicht Pfauen oder Weiber,

Auch Ägypten nicht noch Baktris,

Sondern nur – gedenk des Schwurs,

Den du schworst bei deinem Barte,

Alles wollt'st du mir gewähren –

Sondern nur: mit meinem Weibe

Meine Tage zu beschließen

– Zu Athen lebt mir ein Gastfreund –

In dem Land der freien Griechen,

Ferne von der Kön'ge Dank.«

Der Streit um die Krone

Aufgeschwebt zu Ormuzds Hallen

War der Perser großer König,

Jezdedscherd, der Held und Sieger,

Den der Feind den Starken nannte,

Doch den Guten seine Völker: –

Jezdedscherd, der Löwentöter,

Der mit eigner Hand erschlagen

Hatte hundertachtzig Leu'n. –

Baram wurde, seinem Sohne,

Erb- und Kronrecht scharf bestritten

Von dem Kesra, dem Betrüger,

Der des Königs Sproß sich rühmte

Und als Bastard schmähte Baram. –

Doch das schlaue Haupt der Magier

Plante beiden Wettbewerbern

Um die Tiara Untergang.

Denn mit starker Hand gebändigt,

Wie vor ihm kein Sassanide,

Hatte Jezdedscherd die Magier:

Nicht der Priester, nein, der König

War des Reiches Herr gewesen.

Wenig lieben das die Magier:

Und der alte kluge Mobed

Sann auf Sturz des Königtums. –

Also sprach er zu dem Volke:

»Nicht mit Waffen soll'n die beiden

Prinzen euch und sich zerfleischen

Um den Thron im Brüderkampfe:

Ormuzd gab mir Offenbarung,

Wie sich, sonder Blut der Perser,

Wird das bess're Recht entscheiden

Und das Echtblut Jezdedscherds.

Nach Madân, dem alten Stammschloß

Und dem Grab der Sassaniden,

Lad' ich vor die beiden Prinzen

Und der Perser Volk und Adel

Über dreimal sieben Tage:

Da wird offen sich erwahren,

Wer von beiden ist der echte

Sohn und Erbe Jezdedscherds.« –

Nach Madân, dem alten Stammschloß,

Strömte zum bestimmten Tage

Alles Perservolk zusammen.

Auf den hundert Porphyrstufen

Standen sie des tiefen Zwingers;

Ringsum schauten von der Gräber

Hohen Marmormauern nieder

Hehrer Königsbilder viel.

Eingemeißelt schauten nieder,

Haar und Bart gedreht in Locken,

In den Augen Edelsteine,

Hochbediademte Herrscher,

Die auf Sichelwagen rollten

Feierlich und unbeweglich

Über hingemähte Völker. –

Doch der kluge Mobed sprach:

»Kennt ihr diese weiße Tiara,

Eurer Kön'ge heil'ge Krone? –

Seht, an langem Seile lass' ich

In die Mitte just des Zwingers

Niedergleiten die Besternte:

Links und rechts von ihr – vernehmt ihr

Aus den Gittern das Gebrülle? –

Liegen zwei gewalt'ge Leu'n.

Hungern ließ ich sie drei Tage.

Seht, nun springen auf die Gitter,

Seht, sie droh'n, sich zu zerreißen! –

Wer die Tiara aus der Mitte

Dieser beiden Leu'n sich holt, – ihn

Anerkennen wir als Erben

Jezdedscherds und unsern König, –

Aber keinen andern Mann.«

Da sprach Kesra, der Betrüger

– Er erbebte und erbleichte –:

»Baram, dir gebührt der Vortritt,

Da du dich den Ältern rühmest.«

Aber Baram, er, der Schlanke,

Sprach kein Wort: hinab zum Zwinger

Stieg er raschen Schritts die Stufen,

In der Hand des Vaters Schwert.

Um die Linke, statt des Schildes,

Schlägt er seinen Purpurmantel,

Und den Wärtern winkt er: »Öffnet!« –

In den Zwinger tritt der Jüngling;

Atemlos schaut auf ihn nieder

Alles Volk der Perser, aber

Mobed flüstert zu den Seinen:

»Schon sind wir des Kühnern frei.«

Grimmig hatten sich bisher die

Beiden Leu'n, des Sprungs gewärtig,

Angestarrt, die fürchterlichen

Pranken vorgestreckt, nach oben

Leis' den Hinterbug gehoben,

Mit dem Schweif die Flanken peitschend:

Stacheln gleich die Mähne sträubend

Mit entsetzlichem Gebrüll.

Keiner ließ den Blick des Auges

Von des Gegners Auge gleiten;

Aus dem Rachen troff vor Hunger,

Troff vor Gier und Wut der Geifer;

Jeder maß genau die Weite,

Maß die Höhe, daß er sicher

Auf des Feindes Nacken wage

Überwältigenden Sprung.

Doch sowie sie nun den Jüngling

Schreiten sahen in den Zwinger,

Wie des Menschen Duft sie sogen,

Stürzten sie sich beide wütend

Auf die schwäch're, süß're Beute. –

Durch das Auge ins Gehirn stieß

Sichrer Hand der Held dem einen

Ungetüm den scharfen Stahl.

Und bevor das Haupt das andre

Aus dem falt'gen Mantel wirrte,

Fuhr ihm in den Nackenwirbel

Und ins Lebensmark die Waffe. –

Links und rechts lag ohne Zucken,

Tot, ein Löwe neben Baram,

Und er hob die blutbesprengte

Tiara auf das schöne Haupt. –

Da rief alles Volk der Perser:

»Heil dir, Sohn des Löwentöters!

Heil dir, Sproß der Sassaniden!

Heil dir, König aller Perser.«

Mobed floh zur Rechten, Kesra

Floh zur Linken in das Blachfeld:

»Soll'n wir sie verfolgen?« fragte

Baram sein getreues Volk.

»Laßt sie laufen!« lachte Baram.

»Aber wenn sie wiederkommen?«

»Wenn sie wirklich wiederkommen,«

Sprach der König, in die Scheide

Stoßend sein gesäubert Schlachtschwert,

»Schick' ich beiden nicht ein Kriegsheer, –

Einen Löwenschwanz entgegen: –

Das genügt. – Sie kehren um!« –

Eva

Der Mann muß bald zurück vom Walde kehren: –

Er sammelt Reisholz: – lieblich neigt der Wind,

Der Abendwind, des hohen Grases Ähren

Und spielt im lichten Haare meinem Kind.

Wie schläfst du süß, mein Sohn, und schlingst noch fest

Im Schlaf um meinen Hals den weichen Arm:

Nicht fürchte, daß die Mutter dich verläßt –:

Ich bin bei dir: an meiner Brust ist's warm. –

Von Osten her, da leuchtet ferner Schimmer –

Von Eden sind's die hohen goldnen Tore:

Die schlanken Edelpalmen seh' ich nimmer,

Die dort umblühet stehn von buntem Flore.

Schön war es dort! Viel heller schien die Sonne –!

Ach, anfangs wollte mir das Herz vergehn

Um jenes Gartens wunderhafte Wonne,

Fühlt' ich von dorther süße Düfte wehn.

Nun aber schweigt mir längst dies eitle Sehnen:

Du, du, mein Kind, hast mich davon befreit:

Nicht geb' ich meiner Mutterliebe Tränen

Um jenes Paradieses Seligkeit.

Wenn du mich eng umschlingst mit zarten Armen,

Drückt unsre Schuld und Gottes Fluch mich minder:

Ich fühl's: Gott ist ein ewiges Erbarmen:

Er liebt uns auch, denn wir sind seine Kinder!

Schon flutet Dämmrung über Edens Toren:

Da kömmt mein Gatte: still, Freund, schreite sacht:

Es schläft das Kindlein, das ich dir geboren,

O küsse leise, daß es nicht erwacht!

Hagars Rache

Es kam ein Mann durch die Wüste gefahren

Mit dreißig beladenen Dromedaren.

Die trugen Schätze viel hundert Lasten –

Unter den Zedern wollten sie rasten.

Da, auf schnaubenden Rossen, mit Pfeil und Bogen

Kamen die Söhne der Wüste geflogen.

Und nahmen das Gut und schleiften den Mann

Zu ihres Fürsten Zelt hindann.

Der kam geschritten bräunlich schön,

Wie der Löwe schreitet auf Karmels Höh'n.

»O schone mein Leben, nimm Lösegeld,

Ich fülle mit Gold dir das ganze Zelt.

Denn Gott gab Segen meinem Stamm –:

Ich bin Isak, der Sohn des Abraham.«

Da riß aus der Scheide der Emir das Schwert:

»Dank den Göttern der Rache, die dich mir gewährt.

Lang fahnd' ich nach dir, lang such' ich dich schon:

Denn ich bin Ismael, Hagars Sohn.

In die Wüste, zum Futter der Geier und Raben,

So wollt' es ja Sarah, die Treffliche, haben –

In die Wüste verstieß er das Weib und den Knaben,

Und Jehova vergalt mit Verheißungsgaben!

Doch die Palme der Wüste war gnäd'ger als Gott:

Die Verstoßenen leben, Jehova zum Spott.

Laß sehn, ob er jetzt dich entreißt dem Verderben,

Gottseliges Brüderlein, du mußt sterben.«

Da hob von den Polstern ein hehres Weib

Den immer noch königlich schönen Leib.

Sie zerdrückt eine Träne von Stolz und Harm

Und rührt an des Helden erhobenen Arm.

»O König der Wüste, du mein Juwel,

Mein Löwe, mein Adler, mein Ismael.

Ich bitte zum Dank für ein ganzes Leben:

Mir sollst du den Sohn der Sarah geben.«

Und er neigte das Haupt und das Schwert dazu

Und küßte im Staub seiner Mutter Schuh.

»Sag' Abraham,« sprach sie zu jenem gewandt,

»Hagar hat mich dir zurückgesandt.«

Jairi Töchterlein

Jede Spur war mir vergangen von des Daseins lichten Höh'n,

Und in Todesnacht gefangen lag mein Leben jung und schön.

O wie sah die Seele sehnlich noch dem holden Dasein nach,

Als, verglimmter Fackel ähnlich, schmerzlich schwer mein Auge brach!

Diese Welt voll Glanz und Schimmer sollte mir verloren sein,

Und dies Auge sollte nimmer Blumen schau'n und Sonnenschein!

Wann der frohe Frühlingsreigen die Gespielinnen vereint,

Sollt' ich ruh'n in kaltem Schweigen, wohin ach! kein Frühling scheint!

Lange lag ich selbstverloren: – Nacht ringsum –, nur dann und wann,

Näher stets, zu meinen Ohren drang's wie dunkle Flut heran

Und ich fühlt' es: wenn die Wogen mich erreichten ganz und gar,

Dann würd' ich hinabgezogen in Vernichtung immerdar.

Da durch all' das dumpfe Rauschen scholl's wie Silberglockenklang,

Daß mein Herz zu süßem Lauschen rasch vom Todesschlummer sprang.

Neues Leben fühlt' ich glimmen in des Blutes heißem Lauf,

Und die lieblichste der Stimmen rief mir leise: »Kind, steh, auf!«

Da, mit unsichtbaren Händen, hob mich's aus dem Sarg empor:

Licht fühlt' ich mein Auge blenden, wie ich's nie gekannt zuvor.

Und ein Jüngling, mild zu schauen, stand vor mir ernst, still und rein,

Und von seinen lichten Brauen stoß ein Glanz wie Sternenschein.

Jesus war's, der »Galiläer« von des Volkes Spott genannt:

Doch ich weiß, dem Himmel näher war ich, als er vor mir stand!

Was der Pharisäer sage, was da zischen Neid und Hohn,

Ich – an jedem Herzensschlage fühl' ich's: Er ist Gottes Sohn!

Tod, nun ist dein Schmerz genommen, gern will ich nun sterben gehn,

Weiß ich doch, der Tag wird kommen, da ich ihn soll wiedersehn!

Ja, das Grab ist nur die Pforte, die mich führt zu ihm hinauf:

Ich vertraue seinem Worte, und er weckt mich wieder auf.

Nicht wie all' die tausend andern, die sein Wort vom Tod entband, –

Trauter werd' ich mit ihm wandern: denn ich bin ihm wohlbekannt.

Wieder wird durch Nacht und Schweigen dringen dann sein holder Ruf,

Wieder wird die Macht er zeigen, die mich neu zum Leben schuf.

Lächelnd wird er wieder stehen an des offnen Grabes Rand

Und zu ew'gem Wiedersehen reicht er mir die milde Hand.

Arabische Totenklage

Weithin ruht in Nacht die Wüste,

Sterne flimmern sonder Zahl:

Weithinweg vom lauten Lager

Trag' ich meine stumme Qual.

Bei den Zelten kreist der Becher,

Sang erschallt und Saitenspiel: –

Ach und noch sind's nicht drei Monde,

Daß mein tapfrer Bruder fiel!

Abu Seid, du Stolz des Stammes,

Stern des Rates, Sturm der Schlacht,

Hast gerettet Gut und Leben

Manchem, der dort singt und lacht.

Abu Seid, gazellenbräunlich,

Schöner Frau'n geheimer Traum,

Deinem Feind warst du ein Löwe,

Deinem Freund ein Palmenbaum.

O was weilt' ich fern in Mekka,

Als du sankst am Paß Al Irmt,

Wo du, einer gegen vierzig,

Unsrer Herden Flucht beschirmt.

Dreizehn Lanzen schon im Schilde,

Sieben Wunden in der Brust –

Immer wollt'st du noch nicht fallen

Bis du fallen doch gemußt.

Ha, sie singen, weil die Geier,

Zehren noch von deinem Leib –

Dein vergaß der Stamm, der Emir,

Dein vergaß das eigne Weib.

Aber ich will dein gedenken,

Schöner, tapfrer, junger Scheich:

Hilft kein Gott, kein Mensch dich rächen –

So hilf du mir, Höllenreich!

Meine Seele sollt ihr haben,

Böse Geister, immerdar,

Helft ihr das Geschlecht verderben,

Das des Helden Mörder war.

Ha, dann jauchz' ich durch die Hölle,

Durch der Qualen Ewigkeit:

»Abu Seid, das war mein Bruder,

Und ich rächte Abu Seid.«

Die Wächter des Kalifen

Schlummre furchtlos, mein Gebieter,

Schlafe sicher, o Harún:

Wahrlich, deinem heil'gen Haupte

Soll kein Hasser Leides tun!

Denn ob deinen Träumen wachen

Vor der Tür der Löwen zwei:

Und wer sagt es, wer von beiden

Treuer oder stärker sei? –

Den Bemähnten hat dein scharfes

Schwert befreit am Wüstenrand,

Als die fürchterliche Schlange

Schuppenringig ihn umwand.

Dankbar hat der Wüstenkönig

Dir zu Füßen sich gestreckt

Und gehorsam wie ein Hündlein

Des Erretters Hand geleckt.

Nie mehr von der Ferse wich er

Dir seither bei Nacht und Tag:

Oft dein Haupt auf seiner weichen

Mähne statt des Pfühles lag.

Aber Arslan, mich, den zweiten

Deiner Hüter, hast du dir

Fester noch ans Herz gekettet

Als das königliche Tier.

Dich zu morden, aus Arabien

Hatte mich mein Herr gesandt:

Doch als ich dein Antlitz schaute,

Da versagte Dolch und Hand!

Und ich stürzte dir zu Füßen

Und gestand den Plan, den Mord:

Und in Flammen sollt' ich sterben

Nach der sieben Richter Wort.

Doch du blicktest mir ins Auge

Und gebotest: »Sei mir treu

Und behüte meinen Schlummer

Künftig als mein zweiter Leu!« –

Schlummre furchtlos, mein Gebieter,

Schlafe sicher, o Harún:

Wahrlich, diesem heil'gen Haupte

Soll kein Hasser Leides tun! –

Der weise Scheich

Wohl halt' ich in Händen den goldenen Stab,

Den mein Stamm als dem weisesten Richter mir gab.

Doch ich denke der Zeit, da die Mädchen von Zanz

Als dem glühendsten Sänger mir reichten den Kranz!

Wohl bestürmen das Zelt mir früh und spat

Graubärtige Scheiche und holen sich Rat.

Doch ich denke der Zeit, da dem grämlichen Scheich

Von mir ward geschmiedet der lustigste Streich.

Wohl rühmen sie, so viel Haare mein Bart,

So viel weise Gedanken mein Haupt bewahrt;

Doch ich denke der Zeit, da ich Küsse getauscht,

Viel mehr als mir Locken im Winde gerauscht;

Und ich denke der Zeit, da auf schnaubendem Roß

Ich zum Siege gestürmt durch der Franken Geschoß.

Da im Kosen die Nacht und im Kämpfen der Tag

Und der Abend verrauschte beim Siegesgelag.

Ach Weisheit und Ansehn und Goldstab dazu –

Du goldene Jugend – wie ferne bist du!

Gebet des Arabers in der Wüste

Einsam in der weiten Wüste!

Fern der Atlas, starr und stumm,

Ohne Pfad und ohne Wasser,

Fehde, Feinde, Tod ringsum!

Weit versprengt von meinem Stamme,

Einz'ger Freund mein treues Roß,

Meine Heimat ist der Sattel,

All' mein Hausrat mein Geschoß!

Dennoch zagt nicht meine Seele,

Jedem Schrecknis biet' ich Spott:

Denn es wölbt auch ob der Wüste

Mir ein Himmelszelt mein Gott.

Und sein Auge sieht mich auf dem

Teppich des Gebetes stehn:

Allah, du bist mein Beschirmer,

Und dein Wille muß geschehn!

Dich bekennt einst alle Menschheit

– In den heil'gen Büchern steht's! –

Und es wird die ganze Erde

Zu dem Teppich des Gebets!

Herakles

Nicht stets erfreut der Sitz bei den Himmlischen,

Auf Purpurpolstern, unter dem Marmordach:

Auch Goldgetäfels wird man müde:

Manchmal verlangt mich nach Wald und Freiheit.

Hier, wo der Fels sich schattend herüberwölbt,

Wo durch den Eichgrund sprudelnd die Quelle rinnt,

Hieher den Mischkrug, den bekränzten,

Hebe, mein Weib und doch ewig Mädchen!

Ja, lehne nur, du selige Anmut du,

Das kleine Köpfchen mir an das breite Knie

Und laß in deinem Haar mich spielen,

Während das Herz ich dir ganz erschließe.

Du weißt es nicht, du göttlich geborene,

Was doch in tiefster Seele der schönste Stolz,

Mit dem ich oft in leisem Lächeln

All' die Olympier überschaue.

Sieh, ihnen ward verdienstlos die Göttlichkeit,

Die ich aus eigner Kraft mir im Schweiß errang,

Bis Hera selbst und all' ihr Hassen

Endlich beschämt sich versöhnen mußte.

O, als sie selbst, die herrliche Feindin, mir

Am Götterhochsitz thronend, die Rechte bot, –

Ein Stolz durchdrang mir da die Seele,

Welchen ihr Ares doch niemals kannte!

Drum segn' ich sie um jenen gewalt'gen Groll,

Der mich verfolgend trieb bis zur Unterwelt:

Ihr Haß erhob den Sohn Alkmenens

Hoch zum Olymp und zu Hebes Gatten. – –

Nur Einem beugen Haupt und Gedanken sich

In heißer Liebe stiller Bewunderung:

Dir, großer Vater Zeus Kronion,

Herrlichster du in steter Hoheit!

Einst kömmt der Tag, da alle Gewalten sich,

Giganten, Götter, Menschen zumal, empört

Erheben gegen deine Herrschaft,

Weil sie so viel nicht der Größe tragen.

Dann birst des Hades Tor und Poseidon brüllt,

Es tost der Kosmos: aber du lächelst nur;

Dir bleibt dein Blitz, dir bleibt dein Adler, –

Herakles bleibt dir und seine Treue. –

Nemesis

Die Götter lieben was bescheiden:

Sie segnen reich das Werk der Pflicht:

Das Stolze wollen sie nicht leiden,

Das sich vom heil'gen Maß will scheiden –

Doch neidisch sind die Götter nicht.

Dem Pflüger, der die Frucht der Erde

Mit stillem Fleiße schwer gewinnt,

Wenn er am fromm bekränzten Herde

Im Weine löset die Beschwerde, –

Ihm sind die Götter hold gesinnt.

Den Schiffer, der den Dioskuren

Vertraut und nicht dem eignen Mast

Und, landet er an fremden Fluren,

Den Göttern dankt, die mit ihm fuhren, –

Es ist kein Gott, der solchen haßt.

Doch der die freien Lüfte wollte

Sich unterwerfen: Ikarus,

Er wagte, was der Mensch nicht sollte,

Daß ihm der Gott des Äthers grollte,

Und warf ihn in den Tartarus.

Zu stolz hat Niobe gesprochen,

Zu sicher Krösos sich gesonnt,

Antigone das Recht gebrochen,

Und Xerxes hat das Land durchstochen

Und überbrückt den Hellespont!

Und Phaëthon, der staubgeboren

Dem Gott des Lichtes griff ins Amt,

Prometheus, der um Menschentoren

Den Bund der Götter abgeschworen, –

Erlegen sind sie allgesamt.

Denn, wer mit ungezähmten Sinnen

Der ew'gen Ordnungen vergaß,

Das Unerhörte zu gewinnen,

Das Unerlaubte zu beginnen

Sich kühnen Übermuts vermaß, –

Den stürzen sie, die Allgerechten,

In ew'ge Nacht und Finsternis:

Streng ob den Guten und den Schlechten

Herrscht, mächtig über allen Mächten,

Die höchste Göttin: – Nemesis.

Gesang der Athener

Klare Göttin, Zeus-Geborne,

Nimm Gesang und Opfer hin,

Dieses Landes alterkorne

Freundin und Beschirmerin.

Die der Wölfe wilde Scharen

Mit dem Speer dahingestreckt,

Und die wilderen Barbaren

Mit dem Gorgoschild geschreckt.

Was da dumpf und ungeheuer,

Scheuchest du in wirre Flucht;

Dir ist sanfte Sitte teuer:

Frommes Maß und edle Zucht.

Xerxes mag den Kriegsgott ehren,

Der zum Ansturm wütend treibt:

Du sollst stete Kraft uns lehren,

Die in Abwehr sicher bleibt.

Wo den heil'gen Speer du senkest,

Sproßt des Ölbaums Segensfrucht:

Wo du ihn im Kampfe schwenkest,

Da entschart den Feind die Flucht.

Gleiches möge man beschieden

Deinen frommen Söhnen sehn:

Schön und friedlich sei im Frieden,

Schrecklich sei im Kampf Athen.

Salamis

Stimmt nun freudige Lieder an,

Allen Göttern zu Preis und Lob,

Weil das Heer der Barbaren floh

Vor den Söhnen von Hellas.

Zahllos, wie sich ein Möwenschwarm

Kreischend auf das Gestade wirft,

Rauschten ihre Geschwader an,

Häßlich, bunt und verworren.

Doch die Städtebeschirmerin

Hielt ob ihrem Olivenland

Hoch den rettenden Gorgoschild: –

Dank dir, Pallas Athene.

Wieder nun am Ilissos hin

Mag mit Flöten der Reigentanz

Hochaufatmender Mädchen ziehn,

Sicher vor den Barbaren.

Wieder vor den Altären nun

Mag beginnen das Weihespiel:

Statt des Schildes, o Sophokles,

Führe wieder die Leier.

Alexandros

Nimm hinweg die goldne Schale,

Schöne Tochter Griechenlands,

Laß die Flöte von den Lippen,

Nimm aus meinem Haar den Kranz!

Hörst du nicht die Rosse wiehern?

Dank, ihr Götter, sie sind da!

Sind's, Dareios und die Perser

Und die ganze Asia!

Heimzahlt heute den Barbaren

Hellas lang verdienten Lohn,

Und Athens verbrannte Tempel

Rächet des Philippos Sohn.

Rasch den Helm, den mähnumbüschten,

Reichet Schwert mir und Geschoß,

Auf, Hephästion, mein Trauter,

Zäume den Bukephalos!

Wie auf dumpfe Rinderherden

Hohen Sprungs der Löwe fällt,

Freudejauchzend will ich jagen

In die wirre Sklavenwelt.

Meine nicht, du schönes Mädchen!

Heut' werd' ich dir nicht geraubt:

Alle Götter der Hellenen

Schützen dies geweihte Haupt.

Held Achilleus, großer Ahnherr,

Leuchtend steht dein Bild vor mir,

Und durch Lethe selbst soll dringen

Deines Enkels Ruhm zu dir.

Die Vestalin

In den stillen Tempel lärmend

Bricht das Volk, empört in Wut:

»Auf und schleppt sie vor den Prätor,

Tilgt die Schuld in ihrem Blut,

Denn kein Rauch steigt mehr zum Himmel,

Und erloschen liegt die Glut.

Priesterin, wo war dein Eifer,

Priesterin, wo war dein Herz?

Träumtest du der Liebe Träume,

Pflogest du der Liebe Scherz?

Sucht den Buhlen und zerfleischt ihn

Glied für Glied mit scharfem Erz.

Doch sie selbst scharrt in die Erde

Lebend ein mit ihrer Schmach.«

Also tobt die blinde Menge,

Von den Säulen schallt es nach.

Doch erwacht aus tiefem Schweigen

Trauervoll die Jungfrau sprach:

»Wehe, rohe Männer, wehe,

Die ihr scheulos, wild, im Streit,

Auf den Lippen Zorn und Flüche,

In dies Haus getreten seid:

Nicht die Priesterin, ihr selber

Habt das Heiligtum entweiht.«

»Heuchlerin, da sieh die Asche!

Sprich, was löschte diese Glut?«

»Unauslöschlich lodert Vestas

Herd in meines Herzens Hut:

Und was diese Brände löschte, –

Das war meiner Tränen Flut.«

»Tränen? was hast du zu weinen,

Du der Göttin Dienerin?«

»Vor drei Tagen sank bei Cannä

Romas Ruhm und Macht dahin,

Und als Priesterin ich worden,

Blieb ich dennoch Römerin.«

»Nicht um Rom, um einen Buhlen,

Der gefallen, weint sie wohl:

Auf! ergreift sie, sie soll sterben,

Schleift sie fort aufs Kapitol.«

Doch die Priesterin umklammert

Fest der Göttin Steinsymbol:

»Höre mich, du große Göttin,

Die du reiner dort nicht thronst

In den Hallen des Olympos,

Als du mir im Herzen wohnst,

Die du schrecklich strafst den Frevel,

Wunderbar die Unschuld lohnst:

Höre mich, die alle Feuer

Mit dem heil'gen Atem schürt:

Bin ich rein an Leib und Seele,

Wie der Priesterin gebührt, –

Auf, entzünde diese Kohlen,

Wie sie meine Hand berührt.«

Spricht's, und auf die schwarzen Brände

Legt sie leis die weiße Hand: –

Und ein Donnerschlag erdröhnet,

Licht umflutet ihr Gewand,

Und empor vom Opferherde

Lodert goldig heller Brand.

Auf die Kniee stürzt die Menge:

Doch die hohe Jungfrau spricht:

»Wenn der Unschuld hier auf Erden

Jeder letzte Schutz gebricht,

Mutig greift sie in den Himmel,

Holt herunter sein Gericht.«

Der letzte der Kimbern

Wie heiß hat die Julisonne gebrannt

Auf der raudischen Felder stäubenden Sand!

Da sind sie erlegen, die Nordlandhünen:

Nicht frommte die riesige Kraft den Kühnen:

Zu heiß die Hitze, zu dunstig der Dunst,

Zu lauernd des Marius Feldherrnkunst!

Von allen Seiten umgarnt der Keil: –

Da verfehlt des gedrängten Gewühls kein Pfeil:

Von Kohorten umfaßt wie von ehernen Zangen,

Wie so grimmig die sieglosen Recken rangen!

Erst fielen die Vordersten, wie sie gestanden,

Die mit Ketten die Gürtel zusammen banden:

Und über sie hin die numidischen Rosse!

In die nackten Leiber der Braus der Geschosse!

Da ist vor der Glut der Mittagssonnen

In Schweiß und in Blut ihre Kraft zerronnen,

Und Tausende mehr sind erstickt und verschmachtet,

Als das breite Schwert der Legionen geschlachtet.

Nun ragt aus dem rings umbrandenden Sturm

Noch Einer: ein letzter einsamer Turm.

Zurück an die Burg der Wagen gedrängt,

Von Geschossen und Rossen und Speeren umengt,

Das helmlose Haupt von den roten Locken

Umwogt wie von lohenden Feuerflocken:

Held Boiorich ist's, der Kimbernkönig,

Der zum Zweikampf Marius gefordert hat.

Doch eisig erwiderte der und höhnig:

»Ei, wenn der Barbar des Lebens satt,

So komm' er morgen aufs raudische Feld:

Dort wird er vor Abend den Schatten gesellt.«

Noch trotzt er, wie der umstellte Bär:

Rings um ihn die römische Meute her.

Und Marius ruft aus der Ferne vom Roß:

»Hier, Legionare! Hieher! Auf diesen!

Doch verletzt ihn nicht mit Speer und Geschoß:

Lebendig, gebunden, bringt mir den Riesen,

Der schmückt wie kein andrer mir den Triumph!«

Doch mit des zerbrochenen Langschwerts Stumpf

Der Gewaltige wütet in solchen Streichen, –

Ihn vermag kein Römergriff zu erreichen,

Und sie schauen mit Grausen der Ihrigen Leichen

Hochum gehäuft. Wie, entblößt des Schildes,

Die breite Brust nach dem Tode begehrt! –

Da zuckt von unten ein tückisches Schwert:

»Willkommen, ihr Wonnen des Walhallgefildes!«

Er ruft's und stirbt im Stehen: der Wall

Der erschlagenen Römer verwehrt ihm den Fall.

Drusus

Drusus sah, der Römerheros,

Ruhmgekrönt in zwanzig Siegen,

Glänzend durch die dunkeln Wälder

Seine goldnen Adler fliegen.

Mitten im bezwungnen Lande

Lag sein wallgeschirmtes Lager,

Wie der Knoten all' der Bande,

Die umstricken die Germanen.

Schamrot starke Männer schau'n

In das Antlitz ihrer Frau'n. –

An dem grünen Elbeufer

Rauschen ernst und doch gelinde,

Rauschen wie vor Wotans Hauche

Eichen in dem Abendwinde.

Sieh, in Gold und Purpur schreitet

Da ein Mann mit Schwert und Zepter,

Und so fern die Flur sich weitet,

Wirst sein flammend Römerauge

Ein gebietend Siegerdrohn: –

Drusus ist's, der Kaisersohn.

In der eignen Kraft Bewußtsein,

Im Gefühl von Romas Hoheit

Spricht er: »Zittre, schnöde Wildnis,

Letzte Zuflucht trotz'ger Roheit;

Deine Wälder will ich lichten,

Deine Felsen will ich brechen,

Deinen Freiheitsstolz zernichten,

Und, gezwängt in Damm und Brücken,

Spiegle der bezwungene Strom

Deine Herrschaft, ew'ges Rom.« –

Horch, da rauscht es in den Fluten,

Horch, da bricht es in den Zweigen,

Aus dem Flusse sieht der Römer

Eine Götterjungfrau steigen:

Grünend durch die gelben Haare

Windet sich der feuchte Schilfkranz,

Riesig ragt die Wunderbare

In den ahnungsvollen Mondglanz,

Bebend lauscht der Kaisersohn

Der gewalt'gen Stimme Drohn:

»Drusus, Drusus, kehre heimwärts,

Fliehe, nimmersatter Streiter!

Bis hierher führt dich dein Schicksal,

Doch es führt dich nimmer weiter:

Ich beschütze meine Gauen!

Aber einstens aus dem Tiber

Tauchen keine Götterfrauen,

Also auch zur Flucht zu scheuchen

Vor dem siegentkrönten Rom

Meiner blonden Söhne Strom.«

Und das Weib versinket wieder,

Finster dräuend mit der Rechten.

Und es bebt der Imperator

Vor den ew'gen Schicksalsmächten.

Bleich, entsetzt stürzt er ins Lager,

Rückwärts führt er seine Adler,

Und der große Schlachtenschlager, –

Tot lag er am dritten Tage.

Und es sah kein Römerheer

Je die Elbeufer mehr.

Veleda

Dort auf Tiburs steilen Felsen, wo der Anio wirbelnd rinnt,

Stumm, mit schmerzgebleichten Wangen, steht Germaniens stolzes Kind;

Um die hohe Stirne windet sich der Lindenblütenkranz,

Von den Schläfen zu den Knieen fließt des roten Haares Glanz,

Und den weiten Opfermantel trägt sie wie im Heimatland,

Aber ach, die goldne Fessel schlingt sich um die weiße Hand. –

»Bin ich Veleda? Ach, bin ich's?« – seufzt der schöne, bleiche Mund –

Die mit Göttern Zwiesprach tauschte auf des heil'gen Berges Rund,

Die in hoher Eichen Wipfel hohe Weissagung belauscht,

Welcher laut des Rheines Wirbel Siegverheißung zugerauscht? –

Bin ich's, der mein Volk mit Jauchzen deinen Feldherrn, stolzes Rom,

Zugeführt als Ehrenbeute auf befreitem Lippestrom?

Denn ich hatte Sieg verheißen, Sieg in Land und Wasserschlacht, –

Und auf seiner Prunktriere ward der Prätor mir gebracht.

Doch ein Tag kam – seine Schrecken kündete kein Götterwort –

Weh! da scholl im heil'gen Haine Waffenlärm und wilder Mord,

Römerhelme – rote Fackeln – Priesterblut und Waldesbrand,

Und sie schleppten mich gefangen aus dem grünen Bruktrerland. –

Wer vom Vaterland genommen, dem ist Licht und Luft geraubt;

Wie die ausgeriss'ne Blume neig' ich hoffnungslos das Haupt;

Ach, an dieser heißen Sonne welkt verdorrt mein Leben bald: –

Wo bist du, mein dunkelkühler, ferner, schöner Buchenwald?«

Sprach's und sah vom hohen Felsen sehnend in das Land hinaus:

Sieh, da schritten zwei Liktoren auf sie her vom Marmorhaus,

Purpur brachten sie und Goldstab, und es folgt ein Kriegerschwarm,

Laut ihr winkend: doch die Jungfrau hebet streng den weißen Arm.

»Komm, Veleda, steige nieder«, – ruft ihr der Centurio –

»Heut erfüllt sich deine Weisheit, du Prophetin siegesfroh!

Zögre nicht: – der Imperator harrt: – es murrt die Menge schon: –

Schon vom Palatinus nieder steigt Legion auf Legion;

Tuben schmettern, Opfer rauchen – nur Veleda fehlet noch.« –

»Sprecht, was wollt ihr?« rief's und ahnend trat sie an das Felsenjoch.

»Wie, du frägst noch? Im Triumphe ziehet heut der Feldherr ein,

Du in seiner Siegeskrone bist der schönste Edelstein:

Du, vor Cerialis Wagen, bist Germaniens Symbol.«

»Auf, Veleda,« rufen alle, »fort, hinauf zum Kapitol!«

Und zum Felsen, sie zu greifen, schreitet schon der Römer vor: –

Sieh, da richtet die Prophetin majestätisch sich empor;

Blaue Blitze sprüht ihr Auge und im Sturm ihr Busen wallt

Und die Feuerlocken fliegen um die dräuende Gestalt;

Und zum Himmel mit der Fessel hebt sie hoch die zorn'ge Hand,

Und zertrümmert an den Felsen schleudert sie den goldnen Tand.

Und die Römer sehn's mit Grauen, und sie ruft hinab ins Tal:

»Ha! ich fühl's, die Götter steigen zu mir nieder noch einmal!

Ja, sie nah'n in diesem Schauer, der mich zorneskalt durchrinnt,

Wie daheim durch Eichenwipfel weht mit Weissagung der Wind.

Nicht in meinen Ketten kehrten hohe Götter bei mir ein,

Aber jetzt, aus freier Seele, darf ich nochmals prophezei'n;

Wahrheit schau' ich, Wahrheit künd' ich; vor mir tagt's wie Sonnenschein:

Veleda nie, nie Germania führt ihr im Triumphzug ein!

Seht ihr's, Römer? Von den Bergen dort herab ins Südenfeld –

Geht ihr's nicht? – steigt hell in Waffen eine ganze Heldenwelt!

Immer neue, neue Scharen! – Namen voller Siegesklang!

Adlerhelme, blanke Schilde, Hörnerjauchzen, Schlachtgesang!

Heil, du blonder Siegeskönig! Schwing' die Streitaxt, schwing' sie wohl!

Sieh, sie trifft: es fällt in Trümmer Tor und Turm am Kapitol.

Dann zerspringt die Völkerfessel, wie jetzt meine Fessel sprang,

Und es wird die Freiheit tagen, die Veleda sterbend sang!«

Sprach's, die Römer hörten's schauernd – und noch eh' das Wort verhallt,

Schwang sich nieder von dem Felsen eine leuchtende Gestalt,

Rasch und hell, wie wenn vom Himmel hoch ein Stern gefallen wär':

Und der Flußgott trug die schöne Tote fort ins freie Meer. –

Gesang der Legionen

Durch Alpenschnee, durch Parthersand

Mit immer stetem Schritte,

Wir tragen mit das Vaterland

Und Römer Recht und Sitte.

Und wo der Feldherr Lager schlug,

Da kann uns Heimat werden:

Wir folgen unsrer Adler Flug

Und unser ist die Erden.

Und nach dem Sieg das Schwert gesenkt

Und Pflug geführt und Spaten:

Das Land, das römisch Blut getränkt,

Ward römischer Penaten.

Am Euphrat und am Donaustrom

Blüht heil'ger Dienst der Laren

Und rings ersteht ein kleines Rom

Zum Staunen der Barbaren.

Der Sumpf versiegt, der Urwald fällt,

Nahn sich des Liktors Stäbe:

Wir bringen eine schön're Welt:

Den Ölbaum und die Rebe.

Wir bauen Straßen von Granit,

Die noch in fernsten Tagen

Den eh'rnen Schritt, den Siegesschritt

Der Schlachtkohorten tragen.

Denn uns ist aus Orakelmund

Das Schicksalswort verkündet:

So ewig steht im Erdenrund

Das Römerreich gegründet,

So ewig ziehn von Pol zu Pol

Die römischen Legionen –

Als am betürmten Kapitol

Die ew'gen Götter thronen.

Tacitus