Bananenjäger - Georg Zimanek - E-Book

Bananenjäger E-Book

Georg Zimanek

0,0

Beschreibung

Christian Rabe heißt der Held dieser Geschichte, der als ehemaliger Soldat der DDR - Volksarmee auf einem sogenannten Bananenjäger anheuert, um die Sieben Weltmeere zu bereisen. Was zunächst als abenteuerliches Märchen vom Erwachsenwerden anmutet, entpuppt sich schnell als tragisch-realistische Schilderung von Überwachung, Kontrollstaat und Verrat. Trotz der politischen Gewichtung seines Buches versteht es Zimanek , auch Spannung und Unterhaltung nicht zu kurz kommen zu lassen. So stößt unser Protagonist auf einen vergessenen Goldschatz, der bald Begehrlichkeiten verschiedener Interessengruppen weckt.....

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 347

Veröffentlichungsjahr: 2015

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0
Mehr Informationen
Mehr Informationen
Legimi prüft nicht, ob Rezensionen von Nutzern stammen, die den betreffenden Titel tatsächlich gekauft oder gelesen/gehört haben. Wir entfernen aber gefälschte Rezensionen.



Georg Zimanek

Bananenjäger

Sea World

 

 

 

Dieses ebook wurde erstellt bei

Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31 Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

Impressum neobooks

Vorwort

Dies sind Geschichten, unserem Helden, dem Seemann Christian Rabe vom Munde abgelesen und so aufgeschrieben, dass auch Landratten das meiste davon verstehen. Christian hat mir seine Erlebnisse mit der ausdrücklichen Bitte um wahrheitsgetreue Wiedergabe seiner Worte erzählt.

Ich kann nicht verhehlen, dass mir mitunter der Angstschweiß den Nacken herunterlief, andererseits wiederum vor Lachen mein Bauch schmerzte, sosehr bewegten mich seine Geschichten von der Staatssicherheit der DDR, von fremden Ländern, seinen Frauen, Piratengold und stürmischer See.

Auf jeden Fall ist mir bewusst geworden, dass das seefahrende Volk nicht aus den feinsten Menschen besteht, aber beispielgebend ist für ein gutes Miteinander auf engstem Raum, na meistens jedenfalls. Das Erreichen verschiedenster Kulturen in relativ kurzer Zeit erweitert den eigenen Horizont um ein Vielfaches und bringt großes Verständnis gegenüber anderen Sitten und Gebräuchen mit sich.

Heute fliegt Christian als schneeweiße Möwe über die Meere, und ab und zu hört man sein aufgeregtes Schreien, auch in den Häfen und über den vielen Dächern der Schuppen und Speicher, besonders bei ein- und auslaufenden Schiffen. Achtet mal darauf!

Vielleicht ist es aber auch ganz anders.

Liebe Leser, beim Schmökern der Lektüre werden Sie schnell selbst zum »Bananenjäger« – deftige, würzige Kost, ein Menü ganz besonderer Art. Oft unglaublich, aber alles hat sich genau so zugetragen.

Genug der Vorworte.

Vorhang auf und viel Spaß wünscht euch G. Z.

1. Kapitel

Diejenigen, die in der Volksarmee der Deutschen Demokratischen Republik ihren Wehrdienst von 18 Monaten ableisteten, gelangten spätestens nach der sechswöchigen Grundausbildung zu der Auffassung, dass der Ausbruch des Dritten Weltkrieges näher sei als der erste Heimaturlaub.

Unterfeldwebel Bernard Beckmann, seines Zeichens Zugführer der 1. Kompanie, Zug 3 des Transportbataillon 8 in Karow/Mecklenburg drehte und wendete einen Brief in seinen hageren Händen. ‚Der kann noch auf seine Post warten’, dachte er, denn Gefreiter Christian Rabe saß im Objektknast.

Sieben Tage musste er insgesamt abbrummen. Beckmann war wirklich stinksauer auf den Gefreiten Rabe, obwohl er ihn eigentlich mochte. Dieser Soldat hatte seinen sonst so vorbildlich geführten Zug nicht zum ersten Mal in unnötiger Weise in den Dreck gezogen. Beckmann konnte sich deswegen vom Kompaniechef Major Rehberg eine Standpauke abholen.

In der Kompaniestube stolzierte Rehberg auf dem gebohnerten Linoleum erregt auf und ab und schimpfte lauthals.

»Wieso lässt dieser Idiot sich auch vom OvD erwischen. In allen anderen Kompanien wird genau so ein Mist gemacht!«

Der mittelgroße, untersetzt wirkende Rehberg blieb abrupt stehen und wandte sich nicht wirklich freundschaftlich an Beckmann. Nur zu gerne steckte er dabei beide Daumen seitlich hinter seinen Offiziersriemen. Mit leise zischendem Ton sagte er: »Es ist mir egal, womit die Jungs da draußen kochen. Ich befehle dir, dass sich ein solches Vorkommnis in meiner Kompanie nicht wiederholt. Sie sollen sich zumindest nicht erwischen lassen, diese Deppen. Ist das klar?«

»Jawohl, Genosse Major!«

Beckmann grüßte stramm und ging leicht angewidert aus der Stube.

Ja, das kannte er gut von den letzten Jahren, preußischer Drill von morgens bis abends. Die zweite Wehrmacht war das hier, selbst die Uniformen machten kaum Unterschiede.

Zum Aussprechen einer Strafe erließ der Bataillonskommandeur Oberstleutnant Zaun den Tagesbefehl, das Bataillon in U-Form antreten zu lassen. Er befahl dem Gefreiten Christian Rabe, vorzutreten. Christian schritt langsam und mit hängendem Kopf aus der Reihe. Drei Meter vor dem Kommandeur blieb er ruckartig stehen und machte Männchen. Er führte die rechte Hand zum Kopf und sagte laut und deutlich, die Hacken zusammenknallend:

»Genosse Oberstleutnant, Gefreiter Rabe auf Ihren Befehl zur Stelle.«

»Stehen Sie bequem, Soldat!«

Bei diesen Worten kam der Hüne von Kommandeur ihm gefährlich nahe. Christian sah schon seine Gefreitenbalken von den Schultern fliegen. Aber nein, OSL Zaun tippte ihn mit einem Finger an die Brust und wandte sich, auf den Fußballen seiner spiegelblanken Stiefel drehend, an sein Bataillon. Beide Daumen steckten jetzt hinter seinem breitem Ledergürtel. Er brüllte mehr, als dass er sprach.

»Dieser Genosse, meine Herren, schaffte es ganz alleine, in vorsätzlicher Weise mit seiner widerwärtigen Tat das gesamte Objekt in erhebliche Gefahr zu bringen. Schändlich und in wehrkraftzersetzender Weise wurde dadurch die Einsatzbereitschaft der ganzen Truppe aufs Spiel gesetzt. Und damit auch der Versuch unternommen, der Deutschen Demokratischen Republik Schaden zuzufügen, sicher zur Freude des Klassenfeindes.«

Nach einer kurzen Atempause fuhr er mit harter Stimme fort.

»In der Akte des Genossen Rabe sind schon eine ganze Reihe äußerst schwerwiegender Delikte anhängig.«

Christians Kopf zog sich immer weiter nach unten, er hatte schon keinen Hals mehr. Der OSL sprach weiter und zeigte dabei mit dem Mittelfinger waagerecht auf den einsam dastehenden Übeltäter. Den Zeigefinger hatte der Kommandeur beim Wurf mit einer Übungshandgranate verloren, die er damals auf dem Schießplatz einfach nicht loslassen wollte.

»Ich zähle da mal kurz auf: 1. Sturzbetrunken ist der Gefreite Rabe aus dem Ausgang zurückgekommen. Zudem sind ihm beim Herunterspringen vom LKW – Gefreiter Rabe wollte das Alkoholverbot im Objekt umgehen – zwei kleine Flaschen Wodka aus je einem Mantelärmel gefallen – zwei Tage Arrest. 2. Er hat in der Nacht den Standort unerlaubt verlassen und aus der Gaststätte im zwei Kilometer entfernten Dorf Wangelin zwei Fünfliterkanister, gefüllt mit Bier, und zwei Flaschen Wodka ins Objekt geschmuggelt. Der wachhabende Hauptfeldwebel hat die Kanister aus dem 2. Stock am Strick hochgezogen und ihm geholfen, vom Blitzableiter über die Fensterbank in seine Stube zu klettern – lebensgefährlich. Danach begleitete er ihn auch gleich in die Arrestzelle – drei Tage Knast. 3. Wachvergehen: Bei einer Postenkontrolle konnte man den Gefreiten Rabe im Stehen schlafend bewundern. Selbst nachdem man ihm seine Kalaschnikow von der Schulter nahm, schlief er weiter – drei Tage Arrest. Und jetzt und heute wurde Gefreiter Rabe in flagranti erwischt, wie er mit einem sogenannten UFO Kaffeewasser kochte, dieser Schwerverbrecher!«

Bei diesen Worten griff er in die Tasche seiner Uniformhose und zeigte das Corpus Delicti ostentativ mit einer Hand hoch über sich haltend.

Die Truppe brachte nun doch erhebliche Mühe auf, ernsthaft in den Reihen stehen zu bleiben.

»Wer es von Ihnen nicht kennen sollte«, fuhr er lauter werdend fort (sie kannten es alle bis auf den letzten Mann), »dem erkläre ich mal dieses teuflische Gerät. Ehedem schon immer strengstens verboten, wurde hier ein technisch unzureichender Tauchsieder produziert und offensichtlich auch eingesetzt.«

Der Oberstleutnant drehte das Objekt angewidert über sich haltend in der Runde und führte weiter aus.

»Etwa fünf Zentimeter im Durchmesser hat diese Blechdose, die einmal Klarsichtscheiben für Gasmasken in sich barg. Die beiden gleich großen Teile wurden verkehrt herum durch einen PSU-Knopf miteinander verbunden. Ich möchte nicht wissen, an wie vielen persönlichen Schutzumhängen die Plastikknöpfe fehlen? Nun sehen wir hier noch ein poröses fünfzig Zentimeter langes zweiadriges Kabel, an dem einen Ende ist jeweils eine abisolierte Ader an den Dosenrand festgemacht. Auf der anderen Seite sind auch zwei am Ende abisolierte Drähte. Soll dann Kaffee gekocht werden, wird das UFO am Kabel in eine mit Wasser gefüllte Tasse gehalten und mit der anderen Hand die blanken Drähte in eine Steckdose geführt. Innerhalb von fünf Sekunden kocht dann das Wasser und manchmal fliegt die Gebäudesicherung heraus. Wahrscheinlich werden wir in Kürze durch solch einen Unfug vollständig abbrennen.«

Der OSL brüllte sich langsam, aber stetig ein, Speichel sabberte aus seinen Mundwinkeln. Christian hätte sich am liebsten einen Regenschirm aufgespannt. »Das Ganze ist einfach nur lebensgefährlich, Genossen. Wer nach dem Dienst Kaffee trinken möchte, kann das in der Gaststätte des MHO tun. Ich weiß, dass Genosse Rabe nicht der Einzige ist, der mit solchen illegalen Gegenständen arbeitet und ich werde das in Zukunft nicht mehr hinnehmen! In diesem Objekt will ich ein solches Teil nie wieder zu Gesicht bekommen!«

Er warf das Ufo wütend auf den Boden und trat es heftig mit seinen Stiefelhacken platt wie eine Briefmarke.

»Übrigens«, schrie er weiter, »gilt das ganz genauso für eine umgebaute Rasierklinge.«

Sichtlich abreagiert wandte er sich an Christian.

»Als Erziehungsmaßnahme spreche ich Ihnen sieben Tage verschärften Arrest aus, der sofort anzutreten ist.«

Christian antwortete spontan mit der Hand zum Gruß und die Haken zusammenknallend.

»Ich diene der Deutschen Demokratischen Republik!«

Der Oberstleutnant stemmte staunend die Hände in die Seite, er wiegte seinen massigen Körper leicht nach vorne und hinten und hob die Stiefelspitzen dabei an. »Mann, Sie Trottel, das war doch keine Belobigung. Wegtreten!«

Auf dem Weg zur Arrestaufnahme dachte Christian: Gott sei Dank nur Knast und nicht degradiert. Ihm fiel ein Stein vom Herzen.

Beckmann wusste natürlich auch, das Christian eine tragende Säule in seinem Zug darstellte. Der Schnellste auf der Sturmbahn, beste Ergebnisse beim Schießen. Eigentlich immer, wenn es darauf ankam, konnte man sich auf den Soldaten Rabe verlassen. Und mit UFOs und Rasierklingen wurde schon Kaffee und Tee gekocht, solange es den Standort gab.

Na ja, der Alte degradierte ihn wahrscheinlich nur deswegen nicht, weil er sein Objekt sauber halten wollte. Jede Degradierung musste an die angeschlossene Panzerdivison in Goldberg weitergemeldet werden und warf somit ein schlechtes Licht auf sein Kommando. Selbst wenn einige Soldaten aus dem Ausgang nicht rechtzeitig um ein Uhr nachts zurückkamen , ließ er von seiner Militärpolizei den Ausgangsbereich absuchen, und wenn es zwei Tage dauerte. Eigentlich musste nach vier Stunden Ausgangsüberschreitung eine republikweite Fahndung ausgelöst werden. Der Soldat galt dann als fahnenflüchtig.

Harte Schale, weiches Herz. Beckmann begab sich auf den Weg zur Arrestzelle, die direkt am Wachgebäude angrenzte. Er trat in die Wachstube ein, um sich den Schlüssel von Christians Zelle zu holen, der OvD tat doof.

»Den Schlüssel darf ich nicht rausgeben, auf gar keinen Fall. Wissen Sie doch. Was auch immer sein soll, das hat Zeit bis morgen. Dann sind die sieben Tage des Inhaftierten ehedem abgesessen. Wissen Sie doch, oder was?«

Der Oberleutnant machte sich einen Spaß daraus, den kleinen Kapo abtreten zu lassen. Beckmann verließ murrend die Stube, schlich auf die Rückseite des Gebäudes, wo sich die kleinen vergitterten Fenster der beiden Arrestzellen befanden. Ein Fenster stand auf Kipp offen. Beckmann ließ den Brief durch die Öffnung des Fensters fallen. Dann ging er wie immer gerade, als hätte er ein Lineal verschluckt, zurück ins Kompaniegebäude. Er fühlte sich gut, den OvD ausgetrickst zu haben, diesen Tagessack.

Beckmann verpflichtete sich damals freiwillig zu drei Jahren Dienst für die »Fahne.« Im Herbst ging seine Dienstzeit zu Ende, damit war auch er endlich Entlassungskandidat, ein richtiger EK. Alle Überredungskünste des Kommandos, dass er seine Armeezeit auf zwölf Jahre aufkohlen sollte, prallten erfolglos an ihm ab. Beckmann wollte ganz einfach raus aus diesem jämmerlichen militärischen Alltag. Dieses ständige Treten und Getreten werden war nichts für ihn.

Schon Bismarck soll gesagt haben: Bei der Armee gibt es nur zwei Dienstgrade und beide beginnen mit G: Gefreiter und General. Wie wahr, wie wahr.

Genau am 21. Juni 1975, zehn Uhr morgens. Christian marschierte gedankenverloren

in seiner kleinen kargen Zelle sinnlos auf und ab, da flatterte plötzlich ein Brief direkt vor seine Füße. Bedanken konnte er sich nicht für diese schöne Abwechslung. Das vergitterte Fenster lag so hoch unter der Decke, das er nicht rausschauen konnte. Sein Schlafbrett wurde ihm Punkt sechs Uhr hochgeschlossen und erst zur Nachtruhe um 22.00 Uhr wieder heruntergelassen. Im Raum stand kein Tisch noch sonst irgend etwas. Wenn er zur Toilette wollte, musste er klingeln und wurde dann zum Wachklo gebracht. So setzte sich Christian auf das einzige zugängliche Möbel, einen morschen Holzhocker und öffnete den Brief. Er versuchte, dabei ruhig zu bleiben. Die Post kam von der Seereederei Rostock, das konnte nur die Antwort auf sein Bewerbungsschreiben sein, bestimmt wieder eine Ablehnung.

Ihre Bewerbung für die Handelsflotte vom 24.04.1975

Wir danken Ihnen für Ihre Bewerbung.

Entsprechend Ihres Schreibens und den in der Handelsflotte gegebenen Einsatzmöglichkeiten konnte Ihre Bewerbung für die Tätigkeit als Maschinenhelfer bearbeitet werden.

Die beigefügten Unterlagen bitten wir gewissenhaft auszufüllen (keine Frage darf unbeantwortet bleiben, Striche sind nicht zulässig) und bitten Sie, zur Aussprache am 23.07.1975 um 10.00 Uhr pünktlich zu erscheinen.

Ausspracheort: Schwerin, Filmtheater »Capitol«, Wismarsche Straße 23

Außerdem benötigen wir 4 Lichtbilder sowie Abschriften von Zeugnissen der schulischen und beruflichen Entwicklung.

Die Unterlagen sowie Schreibzeug sind zur Aussprache mitzubringen. Sobald Ihre Bewerbung bearbeitet ist, erhalten Sie weitere Nachricht.

Sollten Sie an der oben angeführten Aussprache ohne Information an uns nicht teilnehmen, können wir Ihre Bewerbung nicht weiter bearbeiten.

Interessenten für die Aufnahme einer Tätigkeit in der Handelsflotte aus Ihrem Bekannten- oder Freundeskreis können an der Aussprache teilnehmen.

VEB Deutfracht Seereederei Rostock

Zentrale Kaderabteilung

Außenstelle Rostock

DDR - 25 Rostock 1

Haus der Schifffahrt

Christian küsste überglücklich den Brief und presste ihn leidenschaftlich an seine Brust. Er faltete das Schreiben äußerst korrekt zusammen und steckte es verträumt lächelnd ein, holte es dann aber wieder raus. Wohl zwanzig mal hintereinander las Christian das Anschreiben von der Reederei, bis er es auswendig konnte.

Zum Glück war es diesmal keine Ablehnung.

Der erste Schritt zu seinem Wunscharbeitsplatz befand sich gut aufgehoben in der Seitentasche seiner Uniformhose. Er klopfte mit der Handfläche dreimal gegen die Tasche, toi, toi, toi.

2. Kapitel

Die knapp 900.000 Einwohner des Bezirkes Rostock wurden von weit mehr als 3.000 hauptamtlichen MfS-Angehörigen und 7.900 informellen Mitarbeitern bespitzelt, manche Berufsgruppen rund um die Uhr. Ziel von Erich Mielke – seit 1957 Minister für Staatssicherheit – war es, die Gesellschaft nach innen flächendeckend zu kontrollieren.

Ministerium für Staatssicherheit, Bezirksverwaltung Rostock, August-Bebel-Straße, Hauptabteilung XIX, zuständig für die Sicherung und Kontrolle des Verkehrswesens sowie des Post- und Fernmeldewesens.

Oberst Dirk Franks Hauptaufgabe bestand darin, die Seemannskartei »Abteilung Hafen« zu bearbeiten. Er konnte mit Stolz behaupten, eine Art Gott zu spielen, denn jeder Seemann der DDR bekam von ihm einen Sichtvermerk ins Seefahrtsbuch gestempelt, mit bis zu 10 Jahren Gültigkeit. Ohne diesen Sichtvermerk gab es keinen Einsatz auf den Schiffen der vier Flottenbereiche Spezial, Asien/Amerika, Mittelmeer und Küste der Deutschen Seereederei Rostock.

Die größte aller Flotten hieß bei den Seeleuten, aber natürlich nur hinter vorgehaltener Hand, »Frank-Flotte«.

Fast jeden Tag entschied Oberst Frank aufgrund der zugeführten Akten durch die »IMs«, ob ein Matrose oder Kapitän seinen Sichtvermerk behielt oder er das in ihn gesetzte Vertrauen bei den Schnüfflern verlor. Dabei kam es nicht auf wirtschaftliche Aspekte an, wenn ein Schiff nicht auslaufen konnte, weil z.B. ein Patentträger in der Musterrolle fehlte.

Daher brauchte die DSR ständig neuen Nachschub an Arbeitskräften, resultierend aus der Ausdünnung durch die Stasi, aber auch bedingt durch eine hohe Fluktuation des Personals, das keine wirkliche Ahnung davon hatte, was sie »auf See« erwartete. Seekrankheit, Heimweh und das lange eingesperrt sein in der Hutschachtel Schiff galten als die häufigsten Kündigungsgründe.

Bis zu drei »IM« pro Schiff und Reise sorgten für einen ständigen Informationsfluss zur Stasi. Dazu kamen die Berichte der Gesellschaftlichen Mitarbeiter Sicherheit. Typisch für einen GMS war der Politoffizier, der den Rang eines 1. Nautischen Offiziers an Bord führte und im Verlauf einer Seefahrt offiziell über jeden einen Reisebericht schreiben musste, auch über sich selbst. Die meisten POs strotzen nur so vor Dummheit und merkten selten, dass sie eigentlich in Wahrheit zu nichts nutzten. Zum Glück stellte die Reederei nicht genug Politoffiziere für jede Reise pro Schiff zur Verfügung. Aus einfachem Grund, es gab nicht genug Deppen dieser Sorte für über 300 Schiffe der DSR.

Bei Oberst Frank lag heute nur noch eine Akte auf dem Tisch. Eine Neuerfassung, eine sogenannte VSH, Vorverdichtung –, Such- und Hinweiskartei.

Auf der Karte, die an einem grauen Hefter angebracht war, stand handgeschrieben: Christian Rabe; 21.06.1955 in Wismar geboren; Größe 1,72m; Augenfarbe blau; Haarfarbe dunkelblond; besondere Kennzeichen: keine. Weiter befand sich ein Passbild, aufgeklebt auf der Karte und ein Hinweis: »Keine negativen Handlungen und Verhaltensweisen«.

Dirk lehnte sich gemütlich in seinem alten Ledersessel zurück, nahm die Akte in die Hand und öffnete sie.

Oh, dachte er, da steht ja noch nicht viel drin: Mittlerer Schulabschluss; Lehre als Rohrschlosser auf der Mathias-Thesen-Werft Wismar; zur Zeit Grundwehrdienstleistender bis Oktober 1975; gesellschaftlich und sportlich aktiv; organisiert in der FDJ, DTSB, DSF, GST; nicht in der Partei; R. hatte bisher keinen Kontakt ins NSW-Gebiet; Beurteilungen des Lehrbetriebes und des Kompaniechefs politisch positiv; geistige Reife noch nicht voll entwickelt. Einsatz erfolgt als Maschinenhelfer.

Frank schmiss das Papier gelangweilt auf seinen Schreibtisch. Widerwillig stempelte er auf der Innenseite des Aktendeckels: Sichtvermerk wird erteilt. Per Hand schrieb er dazu: Vorbereitung »Operativer Vorgang«.

Frank mochte keine Seeleute. Auch weil er im tiefsten Inneren wusste, dass das seefahrende Volk mehr wahre Freiheit besaß, als er jemals für sich erhoffen durfte. Am liebsten hätte er sie alle bespitzelt, das falsche menschlich aussehende Pack. Diese Zielgruppe war so schwer für seine Behörde einzuschätzen und trotz immenser Durchleuchtung der Personengruppe mussten immer wieder Abgänge verzeichnet werden, d.h. einige Seeleute stiegen mit Sack und Pack von Bord und blieben im Westen: Hamburg, Rotterdam oder sonst wo auf der Welt. Achteraus segeln, nannte man das, oder besser noch Republikflucht – ein schlimmes Wort.

Oberst Franks absoluter Machtbereich endete leider an der Staatsgrenze, darüber hinaus durfte er nicht mehr zuständig sein. Wenn erforderlich, wurde alles Weitere dann von einer anderen Hauptabteilung übernommen. Er wusste, wenn die Stasi jemanden suchte, konnte der sich auf der ganzen Welt nicht verstecken, höchstens in einem anderen Sonnensystem.

Frank wurde das eigenartige Gefühl nicht los, dieses kindliche Gesicht, das ihn von dem Passfoto anschaute, noch persönlich kennen zu lernen. Er wusste nur noch nicht, wie: als Täter oder als Opfer.

Christian kam es so vor, als ob seine achtzehn Monate Grundwehrdienst einfach nicht zu Ende gehen wollten. Als wäre die Zeit eingeschlafen, tröpfelten die letzten Wochen und Tage träge dahin, wie in einem Stundenglas. Sein Bewerbungsgespräch im Schweriner Kino stellte sich als reine Informationsveranstaltung heraus, unter dem Motto »Ein jeder Seemann ist Botschafter der Deutschen Demokratischen Republik«. Die dreihundert Plätze im Raum waren fast alle besetzt.

Christian dachte: Hoffentlich werde ich bei der großen Auswahl noch angenommen.

Bei der Abgabe seiner Unterlagen sagte ihm der Reedereiangestellte: »Wer seine Zettel hier bei mir abgibt, ist schon so gut wie auf dem Schiff.«

Seitdem fieberte Christian dem Ende der Armeezeit entgegen. Jetzt nur keine unangenehmen Vorkommnisse mehr.

Abendlicher Ausgang hieß das Zauberwort für die Truppe. Durch ein hohes Bereitschaftsaufkommen im Objekt kam Urlaub und Ausgang für Soldaten niedriger Dienstgrade eher selten vor. Über einen Zeitraum von 24 Stunden mussten die Fahrzeuge immer abfahrbereit sein, und in einem Transportbataillon gab es viele kleine und große Autos. Zeit- und Berufssoldaten waren meistens Außenschläfer und wurden dabei für die Besetzung der Fahrzeuge am Wochenende und nach der Dienstzeit nicht mit eingeplant.

Christian erhielt in seiner bisherigen Armeezeit das dritte Mal eine Ausgangserlaubnis, bestimmt auch zum letzten Mal. Ebenfalls Ausgang bekam sein Freund und Stubenkamerad Gefreiter Wolfgang Adler. Sie waren die einzigen »EKs« auf ihrer 10-Mann-Stube und machten viel gemeinsam. Es gab noch fünf »Spritzer« (1. Diensthalbjahr) und drei »Zwischenlappen« (2. Diensthalbjahr).

Wolfgang arbeitete zu Hause leidenschaftlich als Berufskraftfahrer und wurde erst mit achtundzwanzig Jahren einberufen, sozusagen auf den letzten Drücker. Christian dagegen ging gerade mal mit zwanzig Jahren ab zum Treue schwören. Beide wirkten vom scheinbaren Altersunterschied wie Vater und Sohn, als sie in strammem Marsch und in Ausgangsuniform die Bataillonsstraße entlang schritten.

Der KDL-Posten empfing sie freundlich.

»Na, Männer, wo habt ihr Wehrpass und Ausgangsschein? Her damit, bitte!«

Während der Feldwebel die vorgelegten Papiere durchsah, schaute er wichtig über seine Brille auf Christian und fragte: »So, so, Gefreiter, saubere Kragenbinde eingeknöpft? Rasiert? Kamm? Fünf Mark, Taschentuch, Gummis dabei?«

Christian protestierte.

»Mach schon hinne! Der Uri fährt sonst noch ohne mich ab.«

Tatsächlich stand der Lastwagen vom Typ Ural schon mit laufendem Motor und wartete. Die beiden waren die Letzten, die hinten auf den Wagen aufstiegen und es sich auf den harten Holzbänken gemütlich machten. Sie grinsten sich an, als säßen sie in einer Sonntagskutsche.

Sonnabend 19.00 Uhr, gute Zeit. Christian zählte sieben Soldaten, die sich alle freuten, endlich mal wieder unter normale Menschen zu kommen. Der Lastwagen fuhr polternd vom Parkplatz los in Richtung Plau am See, dem einzigen Ausgangsort vom Transportbataillon 8. Zwanzig Minuten später blieb der Ural ruckartig im Stadtzentrum stehen.

Der Fahrer sagte drohend, als er die Heckklappe öffnete: »Pünktlich um ein Uhr fahre ich hier wieder ab. Ich warte keine Sekunde länger und wehe, einer von euch kotzt mir das Auto voll.«

Er hätte auch gar nichts sagen brauchen, weil keiner zuhörte. Es hörte ihm nie einer zu.

Die Ausgänger liefen eilig in verschiedene Richtungen in die Stadt, den Barras hinter sich lassend. Na, für ein paar Stunden war es ja auch so.

Christian und Wolfgang betraten tief durchatmend »Das Deutsche Haus«, eine alte Kneipe mit Tanzsaal. Halb acht war die Gaststätte mäßig gefüllt. Die Soldaten setzen sich an einen freien Zweiertisch und öffneten ihre Uniformjacken.

»Geschafft, puh. Was machen wir heute?«

Christian schaute Wolfgang fragend an.

»Also, ich weiß, was ich heute tue.«

Wolfgang drehte sich wohlig von links nach rechts auf seinem Stuhl.

»Erst mal ein Hamburger Schnitzel essen und dann werde ich mich langsam, aber sicher voll laufen lassen, mehr nicht.«

»Gut.« Christian nickte zustimmend. »Dann machen wir das so.«

Wie zur Bestätigung bestellte er bei der Kellnerin, die so alt und grau aussah wie die Gaststätte selber, zwei Lübzer Bier vom Fass. Christian holte eine Packung Caro und Streichhölzer aus seiner Uniformjacke und steckte sich liebevoll eine Zigarette an. »Weißt du eigentlich«, sagte er zu Wolfgang, »dass ich, bevor ich zur Fahne einberufen wurde, weder geraucht noch Alkohol getrunken habe? Bier fand ich regelrecht eklig und, ehrlich gesagt, mit Mädchen ist es bisher auch noch nicht so doll gewesen.«

Wolfgang tat erstaunt.

»Was, du hast mit 20 noch nicht gefickt, da bist du ja ein richtiger Spätstarter?«

»Na, nicht so laut, du bist ja was peinlich. Sag ein anderes Wort dafür.«

Christian schaute besorgt um sich, aber keiner interessierte sich für die beiden.

Soldaten waren ein gewohntes Bild im Ort, ein gern gesehenes Bild.

Wolfgang wurde nach dem dritten Bier und Kurzen tatsächlich väterlich und kam wieder auf das Thema Frauen zu sprechen, ansonsten redete er eigentlich nur über Autos, Autos und noch mal Autos.

»Pass auf, mein Guter, das F-Wort ist überhaupt nicht ordinär, manche heißen sogar so. Es ist alles nur eine Frage von Ort, Zeit und Umstand, wie man sich bei den Frauen ausdrückt und überhaupt. Zum Beispiel, wenn du ein Mädchen schon länger kennst, Kino, küssen, lange Gespräche, laber laber ... und du sagst dann zu ihr, Schatz, ich möchte mit dir schlafen, dann sagt sie enttäuscht: Aber ich bin doch gar nicht müde ... Gut, sagst du, dann lass uns Liebe machen. Ja, und dann vielleicht noch in Tüte verkaufen, wie?«

Wolfgang steigerte sich im Ton und beugte sich dabei weit über den Tisch.

»Wenn du aber zu ihr sagst: Kleines, ich mag dich und würde jetzt gern mit dir in die Kiste springen und dich so richtig durchnehmen, dann gibt es keine Irrtümer. Entweder sie sagt dann: Oh, ich kann das nicht, ich bin eine katholische Schwesternschülerin oder sie sagt: Das wurde aber auch Zeit. Ich dachte, du fragst gar nicht mehr und jetzt komm, denn rein muss er und wenn wir beide weinen.«

Wolfgang lachte lauthals, besonders über Christians doofen Gesichtsausdruck. So kannte Christian seinen Kameraden gar nicht. Im Objekt wirkte er eher zurückhaltend und verschlossen. Er machte im Dienst nur so viel, wie er unbedingt musste, in diesem großen Kindergarten Armee und mit 120 Mark Wehrsold konnte er seine Familie zu Hause kaum unterstützen.

Christian empörte sich aber nicht wirklich.

»Wolfgang, du bist schon fast zehn Jahre verheiratet und dann redest du so ordinär? Das hätte ich nicht von dir gedacht.«

»Pass auf, mein Kleiner, jetzt werde ich dich mal aufklären. Eine Frau muss drei Weiber zugleich sein und das ist auch nichts Neues.« Er zählte mit den Fingern auf. »Erstens: Im Haushalt die perfekte Köchin. Zweitens: Inder Öffentlichkeit eine Dame und drittens: Im Bett eine Sau. Bei diesen Qualitäten würde ein Mann sein Leben lang nicht fremdgehen. Ich habe so ein Glück mit meinem Mädchen, sage ich dir. Genau das alles wartet, hoffentlich, zu Hause auf mich. Auch wenn Leipzig heute, morgen und viele übermorgen meilenweit entfernt bleibt.«

Wolfgang schaute bei den Worten schmachtend an die verräucherte Decke des Gastraumes, als könnte er dort die Kilometer bis nach Hause ablesen. Er bekam ganz glasige Augen dabei.

Christian meinte zustimmend: »Ja, ja, du hast es gut, ich werde wohl niemals solch eine tolle Frau bekommen, wie du sie hast. Im November fange ich als Seemann an zu arbeiten. Als Maschinenhelfer, so heißen die Jockelputzer an Bord, und einzig das Meer ist dann meine Geliebte.«

Gegen dreiundzwanzig Uhr füllte sich die Kneipe bis auf den letzten Platz. Nebenan aus dem Tanzsaal dröhnte laute Tanzmusik.

Christian wusste, wenn er auch nur noch einen Schluck Alkohol trinken würde, gleich welcher Art, vollzöge sich bei ihm die Trennung von Körper und Geist. Wolfgang ließ ihn schon seit geraumer Zeit allein am Tisch sitzen, bestimmt, um getrunkenes Bier wegzubringen, er kam ewig nicht wieder. Er machte sich langsam Sorgen um seinen Kumpel. Wo blieb er denn nur?

Kurz entschlossen stand Christian auf, er schleppte sich in Richtung Toilette. Bis zum Klo kam er aber nicht. Irgendwo dazwischen sprach ihn ein junges wunderschönes Mädchen mit viel Po und Busen an. Sie roch streng nach Bier, aber vielleicht lag es auch nur an der bierschwangeren Umgebung in der Kneipe. Sie ließ ihn einfach nicht passieren. Ihre Stimme klang lieblich, aber fordernd.

»Soldat, wo willst du hin mit deiner schicken Uniform?«

Er wiegte sich trunken, wie er es von seinem OSL auf dem Bataillonsplatz gesehen hatte, über die Ballen und Fußspitzen rollend und meinte etwas lallend: »Schatz, wenn ich mein UFO in deine Tasse stecke, kocht das Wasser au... au... augenblicklich.« Sie antwortete, keineswegs verwundert: »Ich heiße Rosi und will auch gerade ein bisschen spazieren gehen und du kommst jetzt mit.«

Den Namen Rosi hatte Gertrud Kabala als Spitznamen von ihren Mithäftlingen bekommen, nachdem sie sich eine große rote Rose auf ihr Hinterteil hat tätowieren lassen. Gertrud gefiel dieser Kindsoldat mit dem hübschen Gesicht, und nach über drei Jahren Knast war das endlich mal etwas, was keine Brüste besaß und nicht viel fragte. Kurzerhand schnappte sie sich seinen Arm und führte ihn nach draußen, an ein stilles Plätzchen im Stadtpark. Sie war sehr erregt und völlig nackt kam sie mit ihm zusammen. Der weiche Waldboden sollte ihr Bett sein, nur der Mond schaute den beiden beim ausgedehnten und heftigen Liebesspiel zu. Später setzten sich Christian und Rosi erschöpft, aber sehr befriedigt und noch ziemlich besoffen auf eine Parkbank. Nicht weit von ihnen, im Licht einer Laterne, stand ein Ural vom TB 8 mit laufendem Motor.

Acht Tage später, an einem Sonntag, wurde Besuch für Christian ausgerufen. Einfach nur Besuch, nicht wer und nicht wie viele Personen. Christian dachte sofort an seine Eltern und freute sich auf das obligatorische Fresspaket. Frau Rabe machte sich ständig große Sorgen, dass ihr Sohn beim Dienst an der Waffe verhungern könnte. Auf der Stube jubelten dann auch alle anderen Kameraden und fielen über Mamas selbstgebackenen Kuchen und lecker gemachter Schlachtwurst her. Christian strich sich mit Spucke seine kurzen Haare glatt und ging zum Besucherempfangsraum, der Saalgröße hatte, so dass er trotz vieler Gäste und Soldaten nicht voll erschien. Christian schaute in die Runde, aber er konnte seine Eltern nicht entdecken. Plötzlich hielten ihm von hinten zwei raue Hände die Augen zu. Christian erschrak bis ins Mark, er packte die Hände und nahm sie von seinem Kopf. Er erschrak zum zweiten Mal, als er eine kleine dicke Frau vor sich sah.

»Wer bist du denn?«

Gertrud wich einen Schritt zurück und verschränkte empört die Arme vor ihrer immensen Brust. Sie trug ein braunes knöchellanges Baumwollkleid und sah aus, als sei sie mit beiden Beinen in eine Tonne gesprungen, nur noch der Kopf guckte heraus. Wo war ihr Hals? Er dachte: ‚Oh Gott, oh Gott, was habe ich mit der zu tun?‘ Aber dann kam sie, die Erinnerung, ganz langsam und immer heller werdend.

Christian fasste Gertrud widerwillig am fleischigen Oberarm.

»Komm, dahinten am Vorhang stehen drei freie Stühle, da setzen wir uns hin.«

Er schaute ihr ins Gesicht und sagte: »Schön, dass du mich besuchst, aber was immer ich getan oder zu dir gesagt habe, es geht nicht.« Er log. »Ich habe eine eifersüchtige Verlobte zu Hause.«

Christians Stirn glänzte schweißnass, sie saß wie ein Gespenst vor ihm. Er wartete die Wirkung seiner Worte ab und fand heraus, das sie immer noch diesen seltsamen Geruch an sich hatte, so wie abgestandenes Bier oder Kotze, leicht säuerlich jedenfalls.

Aus Gertrud sprudelten die Worte nur so heraus. In ihrem breiten blassen Gesicht befand sich direkt am rechten Mundwinkel eine kirschkerngroße Warze, die bei jeder Mundbewegung auf und ab wippte. Christian hätte sie am liebsten mit zwei Fingern gefasst und abgerissen, so, wie er das zu Hause mit den, mit Blut vollgesogenen, Zecken an den Katzen machte, zwar mit Ekel, aber er tat es, den Katzen zuliebe. Vielleicht saugte ja auch tatsächlich gerade jetzt eine schon fette Zecke an Gertruds voller Lippe und mochte bloß nicht abfallen

Rosi oder Gertrud schien nichts davon zu merken. Sie sprach schnell und aufgeregt mit piepsiger Stimme.

»Neulich Abend hast du mir so liebe Sachen ins Ohr geflüstert und meinen Körper überall gestreichelt. Geküsst auch, pass mal auf.«

Sie strich mit einer Schleuderbewegung ihr halblanges fettiges Haar beiseite.

»Hier hinten am Hals macht sich ein Knutschfleck breit von deinem Zuckermund, der ist heute noch zu sehen.« Entrüstet fügte sie hinzu: »Und ganz woanders habe ich auch noch ziemlich große Liebesmale von dir. Du hast gesagt, es macht dir nichts aus, dass ich schon zweiunddreißig bin und fast deine Mutter sein könnte. Auch nicht, dass ich schon mein halbes Leben im Knast verbringen musste. Ich werde nie wieder klauen und Assi sein, versprochen.« Stolz fügte sie hinzu: »Stell dir vor, ich arbeite seit meiner Entlassung in der Lübzer Brauerei, immerhin schon seit über drei Wochen. Bei den Flaschen bin ich, so saubermachen, weißt du und kaputte aussortieren. Du bist der erste Mann, der mich richtig gut behandelt hat. Wir können ja noch mal ausgehen, was meinst du?«

Christian kam das Ganze wie ein Alptraum vor. Streicheln, küssen von den Füßen bis zu den Lippen, wie ekelhaft. Dann sagte sie noch Brauerei? Na klar, daher der Gestank, sie roch nach Leckbier bis aus den Knochen. Ihn beschäftigte nur ein Gedanke, schnell weg von hier.

Er sagte: »Gute Idee, ich schreibe dir, wenn ich wieder Ausgang habe. Ob das mit uns etwas werden kann, weiß ich nicht. Ich habe mich auf einem Schiff beworben und kann da anfangen, am 10. November geht es los. So Rosi, ich muss jetzt aber...«

Christian schaute auf seine Armbanduhr.

»Ich habe Tischdienst. Du bist wirklich nett und so.«

Er klopfte ihr leicht auf die Schulter.

»Natürlich schreibe ich dir.«

Christian deutete mit der Hand ein Winken an. Hoffentlich sah das keiner von seinen Kameraden. Er drehte sich um und verschwand schnell.

Er sah sie nie wieder und nahm sich fest vor, in Zukunft ohne Frauen auszukommen.

Gertrud dagegen verließ voller Hoffnung und Glückseligkeit das Armeeobjekt. Sie mochte den Jungen sehr, der damals im Park mit seinen Lippen immer wieder ihre tätowierte Rose aus der Vase ziehen wollte. Sie wunderte sich nur, wie Christian, wie hieß er noch gleich mit Nachnahmen, ihr schreiben wollte, ohne Adresse von Zuhause. Zur Sicherheit gab sie ihre Anschrift beim KDL-Posten ab.

»Könnten sie bitte den Zettel in der 1. Kompanie abgeben?«

Eilig schrieb sie, das Papier auf dem angezogenen Knie haltend, dazu: Für meinen Gefreiten Christian.

»Ich habe seinen Nachnamen vergessen, aber wir lieben uns sehr.«

»Aber natürlich, gern«, sagte der Postensteher freundlich und warf den Zettel zerknüllt weg, da war Gertrud noch keine zehn Meter von ihm entfernt.

Endlich, der letzte Tag bei der Fahne. Christian trug schon seine ungewohnten Zivilsachen. Er verschenkte großzügig seine Haltespange für das Bandmaß am Alltag und das gedrehte Aluminiumfass für das Bandmaß am Sonntag den nachfolgenden EKs. Den letzten Zentimeter von seinem Bandmaß pinnte er versteckt an seinen Stubenschrank. Jetzt ging er daran, wie auch alle anderen EKs und schon Generationen vor ihm, einen Esslöffel aus dem armeeeigenen Besteckkasten mit dem Hammer breit zu schlagen. Dann wurde noch ein Loch von einem Zentimeter Durchmesser in die nun flache Löffelfläche gebohrt und mit dem Wertfachvorhängeschloss vom Stubenspind am Treppengeländer des Kompaniegebäudes angeschlossen.

Der Spruch ‚Somit habe ich hier für immer den Löffel abgegeben‘ sollte heißen, auf keinen Fall wiederkommen zu wollen.

Er sagte beim Verlassen des Objektgeländes zu sich: ‚Diesem Laden hier weine ich keine Träne nach. Alles, alles gute Jungs, ihr Tagesbatzen, auf nimmer Wiedersehen.’

Christian konnte damals nicht ahnen, dass er in Kürze in einem Betrieb mit ähnlichen Strukturen wie bei der Armee arbeiten würde.

3. Kapitel

Christian und das Meer, es sollte eine Freundschaft für immer werden.

Bevor er ein Schiff zu sehen bekam, musste er für drei Wochen zu einer Grundeinweisung nach Rerik an die Ostsee reisen. In einer eigenen Lehranstalt der Reederei wurde ihm dort alles Schiffstypische beigebracht.

Wozu dienen Rettungsboote, Arbeitsschutz, Feuerlöscheinrichtungen, und dann die neue Bordsprache. Viele Wörter hatte Christian noch nie im Leben gehört, es war alles so aufregend. Eine Pantry nannte man den Geschirrraum, wo Tassen an Haken von der Decke herunterhingen; eine Kombüse ist eine Küche, Pütz ein Eimer, Backbord ist in Fahrtrichtung gesehen links, alle Zahlen wie Kammernummern gerade und die Positionslampe rot. Steuerbord demzufolge rechts, Zahlen ungerade und die Positionslampe grün.

Auch gab es auf dem Schiff keine Treppen, die nannte man Niedergänge. Die Back war ein Tisch und die Koje ein Bett. Hinten bedeutete achtern und und und ...

Die Klassenstärke im Lehrgang betrug dreißig Mann, ein Drittel Frauen und zwei Drittel Männer. Christian wusste nicht, dass auch Frauen auf den Schiffen der DSR arbeiten. Sie saßen wie in der Schule in Bänken und schauten zur Tafel. Ihr Mentor Hans Warm, ein alter pensionierter nautischer Offizier, unterrichtete die zukünftigen Seeleute mit allem, was sie vom allgemeinen Schiffsbetrieb wissen mussten, und freute sich jedes mal diebisch, wenn er diese frisch geleckten Landeier in höchstes Erstaunen versetzen konnte.

Er war klein, untersetzt und kam an allen Tagen immer mit ein und demselben feingerippten Pullover an, der ihm schlabberig grau am Körper herunterhing, wahrscheinlich hatte er zehn Stück von derselben Sorte.

Hans konnte gut erklären und erzählen. Unbewusst schabte er mit zwei Fingern schnell über seine unübersehbare Wampe, wenn er schockieren wollte. »Früher«, so hieß sein absolutes Lieblingswort und wenn die Mädchen schwatzten, warf er zielsicher mit Kreide nach ihnen, »früher, meine Damen, kam nur an Bord eines Schiffes, wer im Stehen über die Reling pinkeln konnte. Stellt euch mal vor, das würde wieder eingeführt!«

Die Männer klatschten spontan Beifall.

Zum Wochenabschluss kam ein Arzt in die Klasse. Der hielt einen Vortrag von fürchterlichen tropischen Krankheiten und zeigte von diesen auch noch ekelhafte Bilder. Tripper war da noch das Harmloseste. Cholera, Gelbfieber, Skorbut, Syphilis, der Biss einer Bananenspinne, da ging es ans Eingemachte. Christians Entschluss stand fest, er würde sich vor Frauen und kleinen Tieren sehr in Acht nehmen müssen.

Die letzte Woche vor dem Einsatz war angebrochen. Hans Warm erklärte allen Anwesenden, wie sich eine Schiffsbesatzung zusammensetzte.

»Man muss sich das so vorstellen«, er schabte mit den Fingern über seinen Bauch, »wir denken uns eine Pyramide. Auf der steht ganz oben, über allem, der Kapitän, Richter und Regent zugleich. Was er sagt, ob richtig oder falsch, ist Gesetz auf dem Schiff. Kapitän kann man nicht lernen, dazu wird man berufen. Dann geht ein Schnitt durch die Besatzung. Wir teilen auf in nautische und technische Crew. Glaubt mir, da gibt es immer kleine Differenzen zwischen diesen beiden Lagern.«

Er kratzte sich wieder schnell und führte weiter aus.

»Nach dem Kapitän kommt der Erste Nautische Offizier, dann der Zweite, dann der Dritte. In der Maschine ist der Leitende Technische Offizier der Boss, erster Ingenieur, zweiter Ingenieur, dritter Ingenieur. Weiterhin ist sehr wichtig: der Funkoffizier, der unter anderem für eure Post und Telegramme zuständig ist und Landgangsdevisen auszahlt. Der Elektroingenieur fehlt noch und auf Kühlschiffen bilden zwei Kühlingenieure, die sogenannten Eisbären den Abschluss der Offiziere.« Er machte eine kurze Pause. »Dann kommt der nächste Teil der Pyramide, die Unteroffiziere.« Hans zählte auf: »Bootsmann, Storekeeper, Obersteward, Koch, Pumpenmann, Kabelgattmatrose, zuletzt der zweite Elektriker, der nur E-Mix genannt wird. Und weiter geht es an der Pyramide herunter, nun kommt der größte Teil der Besatzung, die Mannschaften, Vollmatrosen und Maschinenassistenten, Matrosen und

Maschinisten.« Hans Warms Stimme wurde dunkler, und langsam sprach er mit ernster Miene, in die Runde schauend: »Der letzte Rest seid ihr.« Er bemühte sich um einen abfälligen Ton. «Decksmänner, Maschinenhelfer, Stewards und Bäcker. Auf der ersten Seereise werdet ihr bei schlechtem Wetter vor den Mast gestellt und werdet bei schwerer See zuerst geopfert. Das heißt, wenn ihr euch gut festhaltet, verschont euch Rasmus vielleicht. Das ist der raubeinige Gehilfe von Neptun.«

Im Raum war es augenblicklich mucksmäuschenstill geworden.

Hans Warm fragte lauernd: »Und warum ist das so?«

Christian sagte spontan, aber kleinlaut: »Weil wir nichts wert sind?«

»Nein, nein«, betonte Hans. »So ist das ganz und gar nicht, aber ich sage es euch, so wahr ich hier stehe und zwanzig Jahre die Weltmeere befahren habe. Der Grund ist, ihr seid nicht getauft. Alle sind auf dem Schiff getauft und der Dampfer selber auch. Erst wenn ihr über den Äquator gefahren seid, das heißt, wenn ihr die nördliche Halbkugel verlasst und auf die südliche gelangt, kommt Neptun persönlich an Bord und gibt euch feierlich einen neuen Namen. Er befreit euch vom Schmutz der nördlichen Halbkugel, er reinigt gründlich Körper und Geist in einer feierlichen Zeremonie. Mir hat er dabei den Namen Haifisch gegeben.«

Bei diesen Worten hielt Hans seine Nase weit in die Höhe.

In Wirklichkeit wurde er damals auf den Namen Stichling getauft, aber das wollte er nicht sagen.

»Ja, erst dann seid ihr einigermaßen sicher vor Neptuns immerwährendem Zorn auf die Menschen.«

Er klatschte kurz in die Hände.

»So, und nun ist Schluss für heute. Morgen bekommt jeder sein Seefahrtsbuch und dann sehen wir uns noch ein paar Seekarten an. Jetzt ab mit euch auf eure Kammern. In einer Stunde ist Backen und Banken, soll heißen es gibt Abendbrot.«

Hans Warm freute sich diebisch auf jeden neuen Lehrgang. Es machte ihm riesigen Spaß, mit jungen Leuten zu arbeiten und ihnen ab und zu einen gehörigen Schrecken einzujagen.

Jedes Jahr waren es immerhin zwölf Lehrgänge und das würde mit ein wenig Glück bis zu seiner Rente so weitergehen. Hans Warm hatte die Flotte damals mit aufgebaut. Er gehörte als Decksmann auf der MS »Vorwärts« zur allerersten Besatzung, die für die neue Republik in Charter von Malmö nach Rostock Schnittholz fuhr. Dank dafür

wurde ihm nicht zuteil. Hans hatte sich vor Jahren mit dem MfS eingelassen und eine Bereitschaftserklärung als IMV unterschrieben. Das MfS konnte ihm nachweisen, dass er sich auf Ladungsreise nach Bremen absetzen wollte. DDR-Seeleute erhielten eine erstklassige Ausbildung. Er wollte damals als 2. NO bei der »Hamburg Süd« anheuern – alles war schon in Papier und Tüten.

Wie »die« das herausbekamen, würde Hans ewig ein Rätsel bleiben. So blieb ihm nur die Wahl: Zuchthaus oder andere ausschnüffeln. Also unterschrieb er. Bei den »Ledermänteln« hieß er seitdem nur noch »IM Pendler«.

Pendler galt als schlechter Informant. Auch in diesem Lehrgang konnte er keine auffälligen Personen benennen.

Der November machte seinem Namen alle Ehre: Sturm, Regen, Graupelschauer.

Der ganze Mix kam auf Christian zu, als er mit Norbert Berger auf dem Weg von der Schulungsstätte zum Bungalow »Möwe« mit eingezogenem Kopf lachend und scherzend um die Wette lief. Das lausige Wetter interessierte sie dabei herzlich wenig.

Mehr als drei Duzend kleine Ferienhäuser befanden sich im umzäunten Kiefernwald. Die Holzhäuser besaßen eine relativ gute Ausstattung: Einbauküche, Bad, Stube und Schlafraum mit Aufbettung. Sie standen sternförmig um das Hauptgebäude. Christian hatte sich mit Norbert angefreundet und mochte ihn von Anfang an. Norberts schlanker schlaksiger Körper maß mindestens zwei Köpfe mehr als Christian. Seine dünnen blonden Haare hingen ihm strähnig bis auf die Schultern herunter. Trotzig ließ er sie wachsen, obwohl ihm diese lange fettige Mähne überhaupt nicht stand. Norbert schimpfte über alles und jeden, so auch an diesem Abend. Er schloss die Haustür der »Möwe« schwungvoll hinter sich zu und empörte sich heftig über Hans Warm.

»Der spinnt doch, der Gartenzwerg. Opfern vor dem Mast und so. Wie soll das wohl gehen, wenn ich im Maschinenraum arbeite?«

Christian prüfte kurz mit beiden Händen die Festigkeit seiner Matratze und ließ sich dann feixend auf seine Koje fallen.

»Na, ein bisschen Angst haste aber doch bekommen.«

»Ha, ha!«

Norbert klatschte in einem Stück der Länge nach ebenfalls auf seine Koje, die nur von zwei kleinen Nachtschränken von Christians Bett getrennt stand.

Er schaute zu Christian und sagte mit Ernst in der Stimme: »Lass uns versuchen zusammen auf einen Dampfer zu kommen, dann werde ich dir zeigen, wer von uns beiden eher Angst hat. Außerdem, du Penner, mag ich dich, also lass uns den Ozean bis zum Arsch aufreißen und dann jagen wir Neptun und Rasmus, oder wie die alle heißen, über den Meeresgrund bis in meinen Dorfteich zu Hause.«

Norbert schlug ausgelassen mehrmals mit dem Kopf auf sein Kissen. Er richtete sich halb auf und fragte mit zerzaustem Gesicht: »Was ist, machst du mit?«