Marta unter Wölfen - Georg Zimanek - E-Book

Marta unter Wölfen E-Book

Georg Zimanek

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Beschreibung

In diesem Roman begleiten Sie Marta Heinrich vom ersten bis zum letzten Atemzug ihres Lebens. Der Makel einer unehelichen Geburt klebt an ihr und macht es ihr in den Zeiten des zweiten Weltkrieges nicht leicht zu überleben. Trotzdem gehört die Zeit auf einem masurischen Bauernhof zu den schönsten Erinnerungen ihrer Kindheit. Von Liebe und Tod umgeben, von Entbehrung und Flucht gezeichnet und zeitweilig in einen "Mantel von Glückskäfern eingehüllt" - dem Autor gelingt es, sehr gefühlvoll den Lebensweg einer starken Frau aufzuzeichnen. Doch wie endet er? Ist Marta zum Schluss zufrieden mit ihrem Schicksal, oder ist sie etwa gnadenlos dem Verderben preisgegeben?

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Seitenzahl: 246

Veröffentlichungsjahr: 2015

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Georg Zimanek

Marta unter Wölfen

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Auftakt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

Abspann

Impressum neobooks

Auftakt

Würden Liebe und Tod gemeinsam musizieren –

dann könnte Marta gut und gern ein paar Strophen mitsingen.

Das Ende am Anfang

Todesanzeige in der Rostocker Ostseezeitung

Dein ganzes Sein war nur Schaffen, warst jedem immer hilfsbereit. Du konntest bessere Tage haben, doch dazu nahmst Du Dir nie die Zeit. Nun ruhe sanft und schlaf in Frieden, hab tausend Dank für Deine Müh, wenn Du auch bist von uns geschieden, in unseren Herzen stirbst Du nie.

Uns allen noch unbegreiflich verließ uns unsere herzensgute Mutti, 

Schwiegermutter, liebste Oma, Schwägerin und Tante

Marta Obst, geb. Heinrich geb. 13.02.1925 in Grünheide/Ostpreußen

gest. 12.02.2000 in Sierkshagen/Mecklenburg-Vorpommern

In unsagbarem Schmerz und im Namen aller Hinterbliebenen Tochter Birgit Adler, geb. Obst Ehemann Toralf Adler Dieter, Lena Marie und Saskia als Enkelkinder

Die Kirche in Sierkshagen schien aus allen Nähten zu platzen, die meisten Frauen und Männer saßen dicht aneinander gedrängt auf den harten Holzbänken. Es gab aber auch nicht einen freien Sitzplatz mehr im großen Kirchenschiff. Nein, nicht nur das, auch mussten noch etliche Gäste unter der Orgelempore und im breiten Gang zum Altar hin die Trauerfeier äußerst unbequem im Stehen begleiten.

Trotz Martas bescheidener, zurückhaltender Art waren fast alle Sierkshagener gekommen, um ihr die letzte Ehre zu erweisen.

Eines ist jedenfalls sicher, so viel Aufmerksamkeit, wie an diesem eiskalten Wintertag, wurde ihr zu Lebzeiten niemals zuteil.

Obwohl, die meisten Menschen drängten sich nur aus reiner Sensationsgier in das Gotteshaus.

Wie würden sich Adlers verhalten? Besaßen die überhaupt ein Gewissen?

Die beiden Leichengräber quälten sich schon am Vortag, um ein Loch für den Sarg in die tiefgefrorene Friedhofserde zu graben. Seit über einer Woche zeigte das Thermometer tagsüber und auch nachts minus zehn Grad an. Der sonst so weiche Boden erwies sich nunmehr hart wie Beton und machte den jungen Männern arg zu schaffen. Sie dampften wie Pferde nach einem langen Ritt aus ihren dicken Wattejacken. Vielleicht aber wollte Marta auch nicht in gesegneter Erde zu Erde werden? Verdenken konnte man es ihr nicht, dass sie sich schon zu Lebzeiten früh von Gott abgewandt hatte, nach alldem, was sie in der Vergangenheit durchmachen musste.

Im Alter lautete ihr Leitspruch, und den brachte sie bei jeder Gelegenheit und mit Betonung an den Mann: »Ich glaube nur an Schicksal und Natur!«

Ganz vorne in der alten evangelischen Kirche, gleich in der ersten Reihe auf der rechten Seite vom Kirchenschiff, saßen mit tiefroten verweinten Gesichtern Birgit und Toralf Adler und ihre lieben Kinder. Immer wieder gingen Trauergäste nach vorne, die sich erst einmal vor dem mit Blumen und Kränzen geschmückten Sarg verbeugten und in kurzer Andacht verharrten.

Viele Trauergäste, besonders die Frauen, gingen auch nicht eher weg, bis sie alle Grüße auf den Schleifen der Kränze gelesen hatten, auch wenn sie sich dabei den Kopf verrenkten, um dann den Adlers, jedem einzelnen, ihr aufrichtiges Beileid auszusprechen.

Mit tränennassen Augen schaffte Birgit es dann jedes Mal geradeso, einen körperlichen Zusammenbruch zu verhindern. So traurig, aber hauptsächlich wütend war sie auf ihre Mutter.

Besonders Saskia schaute die ganze Zeit mit versteinertem Gesicht, wie abwesend auf den Sarg, in dem ihre tote Oma lag und begriff ohne Zweifel zum ersten Mal, wie unwiderruflich Abschied nehmen sein konnte. Schließlich hatte sie in den letzten Jahren noch die meiste Zeit mit ihrer Großmutter verbracht und fühlte schmerzhaft, dass auch sie nicht ganz unschuldig an ihrem Tod war.

Martas Lebensweg brachte der Pastor mit lang gezogenen Worten und wehmütiger Stimme zum Vortrag. Teilweise sang er mehr, als dass er sprach: Er berichtete von Martas glücklicher Kindheit und Jugend auf dem »Großenhof« bei Onkel Fritz und Tante Magarete im masurischen Dorf Grünheide und der vielen Arbeit in Mutters kleiner Gaststätte mitten in der Kreisstadt Johannisburg/Ostpreußen. Er redete von Vertreibung, Flucht und Neubeginn. Davon, dass sie später in Mecklenburg heimisch wurde, immer fleißig und ehrbar bis zu ihrer Rente in der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft im Schweinestall die Tiere schlachtreif gefüttert hatte. Jahrein, jahraus, ohne einen einzigen Tag Urlaub zu nehmen. Selbst dann noch, als ihr Mann Paul vor über dreizehn Jahren starb, opferte sie sich unermüdlich für die gesamte Familie auf. Ihr einfaches Leben kannte kaum Abwechslung, welche sie auch nie wirklich wollte. Sie fühlte sich wohl im neu gebauten Haus ihrer Tochter Birgit, in dem auch ihr Mann und sie ein Zimmer bekommen hatten.

Endlich brauchten sie nicht mehr über den Hof auf die Toilette gehen. In der Küche und im Garten fand sie Freude und Entspannung. Aber in ganz besonderer Liebe fühlte sich die alte Dame zu der vierzehn Jahre alten Saskia hingezogen, die sie praktisch von Geburt an begleitete und mit groß zog. Was der Pastor nicht sagte, dachte so manch einer in der großen Runde: Es blieb der Marta ja auch gar nichts anderes übrig, als sich um alles im Haus und die Kinder zu kümmern, denn nach der Wende arbeiteten Toralf und Birgit von morgens bis abends in der ortsansässigen Fruchtsaftfabrik »Mecklenburger Gold«. Und selbst die meisten Wochenenden verbrachten sie auf Messen und Seminaren, natürlich immer im Doppelpack. Bis einen Tag kurz vor Martas 75. Geburtstag ihr, für alle so plötzlicher, Tod eintrat. Obwohl noch eine Woche vorher der Hausarzt Marta besucht und ihr völlige körperliche Gesundheit attestiert hatte.

Ausdrücklich lobte er damals: »Marta, Sie sind fit wie ein Turnschuh, da kommen sicher noch viele schöne Jahre auf Sie zu. «

Blumen und Kränze rahmten feierlich den schweren, dunkel glänzenden Eichensarg ein. Ja, richtig teuer sah der Sarg aus. Das war nicht einfach nur ein Verbrenner. Das gute Stück da vorne musste mindestens fünftausend DM gekostet haben. Mutters letzten Gang ließen sich die Kinder eine Menge Geld kosten. Die Trauergäste sollten es ruhig sehen, hier und heute wurde nicht gespart. Aber selbst an diesem Tag zahlten sie nur für die Show, den lieben Gott oder sonst wen, aber mit Sicherheit nicht für die Mutter.

Zu Martas Lebzeiten blieb die Kasse verschlossen. In den letzten Jahren wurde ihr alles weggenommen, nicht nur die monatliche Rente, sondern auch nach und nach der letzte Rest ihrer Würde.

So, jetzt aber genug gejammert, Augen auf und viel Spaß beim Lesen.

Ihr dürft weinen und lachen und es euch beim Lesen gemütlich machen.

Ausdrücklich möchte ich darauf hinweisen, dass Martas Geschichte in allen Teilen von mir frei erfunden worden ist.

1. Kapitel

Ostpreußen, im Winter 1925

Fritz Heinrich klopfte dreimal mit der Spitze seines Zeigefingers auf das Quecksilberthermometer, das an der Außenwand neben der schweren Holztür zum Rinderstall lose an einem rostigen Nagel baumelte. Der kleine Silberstreifen in dem Glasröhrchen blieb hartnäckig am untersten Rand der Skala stehen, es zeigte minus 21° Celsius an.

Verdammte Kälte, dachte er bei sich, und das Schneetreiben hörte nicht auf. Mit Sicherheit würde seine hochschwangere Schwägerin Annemarie nicht mehr rechtzeitig nach Hause kommen. Sie lag bereits in den Wehen und schrie in regelmäßigen Abständen das halbe Dorf zusammen, wie unangenehm.

Fritz erschrak jedes Mal und das nicht ohne Grund. Er zog instinktiv den Kopf tief auf den Rand seiner Wattejacke, wenn die Frau seines Bruders losquiekte wie ein angestochenes Schwein. Er kannte das nur zu gut. Denn wenn er mit Annemarie im Bett Liebe machte, begann sie regelmäßig kurz vor ihrem Höhepunkt und währenddessen und danach derartig loszubrüllen, dass die Bilder in der Pension von der Wand zu fallen drohten. Fritz grinste, wahrscheinlich war Entbindung ähnlich schön für Frauen wie ein Höhepunkt. Musste wohl so sein, denn viele Frauen bekamen in ihrem Leben zehn Kinder und mehr. Selbst hier im kleinen Dorf Grünheide gab es mehrere kinderreiche Familien. Auf Schlag fielen ihm die ganzen Blagen von Gelsings ein oder auch die alleinstehende Frau Jäger, die trotzdem jedes Jahr von neuem ein Kind in die Welt setzte.

Annemarie stöhnte wieder einmal laut hörbar auf. Unangenehm berührt schaute Fritz nach links und rechts zu den Nachbarn, aber niemand ließ sich im Dorf sehen. Nur der schnurgerade aufsteigende Rauch kroch langsam, aber stetig, aus seinem und den Schornsteinen der Nachbarhäuser und verschwand wie an einem dicken grauen Band in den dunklen, windstillen Abendhimmel, begleitet von großen Schneeflocken, die sich scheinbar Mühe gaben, sanft und lautlos auf den Boden zu fallen. Bereits zu beachtlichen Bergen türmten sich die, von seiner Hand zusammengeschobenen, Schneemassen an den Zaunseiten im breiten Karree vom Großenhof auf.

Fritz ging in Begleitung von seinem sechs Jahre alten Mischlingshund Prinz langsam an den Rand der Dorfstraße. Nein, hier kam in nächster Zeit keiner mehr durch. Er schüttelte unbewusst den Kopf, sie waren wieder mal eingeschneit, abgeschnitten von der Außenwelt. Das betraf hauptsächlich die vierzehn Kilometer entfernte Kreisstadt Johannisburg und seine dünnbesiedelten umliegenden Dörfer. Hier in der südlichsten Ecke der Masurischen Seenplatte spielte die Natur die Musik und der Winter führte den Taktstock von November bis weit in den März hinein. Auf schneereiche, eiskalte Winter folgten kurze, heiße und trockene Sommer.

Trotzdem wusste Fritz mit absoluter Sicherheit, dass er niemals von hier weggehen würde. Als Bauer und Kaufmann zugleich liebte er diesen Flecken alter deutscher Erde, den er damals, vor Jahren, zusammen mit seinem Vater Otto unter sehr günstigen Umständen erworben hatte.

Der sechzig Hektar große Hof gehörte schon seit 1905 den aus Berlin Mitte stammenden Heinrichs. Im Zuge einer ersten Germanisierungswelle begann ab dem neunzehnten Jahrhundert eine Umbenennung pruzzischer Ortsnamen in Ostpreußen.

So erhielt auch Alt Usczany ab dem 21.04.1905 mit Grünheide einen rein deutschen Namen, gehörend zum Königreich Preußen, Provinz Ostpreußen, Regierungsbezirk Allenstein im Landkreis Johannisburg.

Auf Heinrichs Hof wohnte Fritz mit seiner Frau Magarete sowie die Eltern von Fritz, Otto und Ruth Heinrich. Als ganz spätes Mädchen gab es da noch Oma Friderike Krosta aus Schlösschen, Magaretes Mutter, die sich am liebsten nur auf masurisch unterhielt, einer polnisch ähnlichen Mundart, die fast allen Einwohnern in ganz Masuren geläufiger war als die deutsche Sprache. Ihr viel jüngerer Mann Herbert Krosta, ein kleines Hutzelmännchen, sprach zwar auch masurisch, aber meistens Hochdeutsch. Dafür liebte und lebte er das Bauerntum mit Leib und Seele.

Die Menschen wohnten nicht in Armut, aber in bescheidenen ordentlichen Verhältnissen.

Von Montag bis Sonntag, von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang, Jahr für Jahr, wurde schwer gearbeitet, aber auch gehandelt, gefeiert und gelebt. Für die Menschen auf ihren Höfen blieb es trotz aller Entbehrungen das Paradies auf Erden, meistens ein Leben lang.

In Johannisburg gab es schon seit ein paar Jahren elektrisches Licht und Wasser aus der Wand, in den weit entfernten Großstädten Königsberg und Danzig war das künstliche Licht noch viel heller, da gab es überhaupt keinen Nachthimmel mehr, nur noch Tag, 365 Mal im Jahr. Ein Glück blieb sein Dorf Grünheide mit seinen 158 Einwohnern bislang von dieser neuzeitlichen modernen Welt verschont.

Plötzlich blieb Prinz stehen, mit vereister Schnauze bellte er in südliche Richtung. Bestimmt kamen wieder Wölfe von Polen herüber.

»Braver Hund.«

Fritz streichelte seinem besten Freund den frischen Schnee vom Rücken und schaute in Richtung der nur knapp zehn Kilometer entfernten polnischen Grenze. Diese verdammten Wölfe, dachte er.

Zum Glück hatte damals die Vernunft gesiegt, aber es hätte nicht viel gefehlt, dann wäre sein Zuhause für immer verloren gewesen.

Vor dem großen Krieg gab es nur ein Grenzland im Osten Deutschlands und das hieß Russland. Seit Juni 1919 musste das Deutsche Reich, als Kriegsverlierer, Teilgebiete Ost- und Westpreußens zwangsweise an das neu entstandene Polen abgeben und sich weiten Teilen des Landes in sogenannten Abstimmungsgebieten laut Versailler Vertrag stellen. Dazu gehörte auch der Kreis Johannisburg mit dem größten zusammenhängenden Waldgebiet in ganz Ostpreußen und auch dem gesamten Deutschen Reich. Das Abstimmungsergebnis ist jedem Kind bis heute bekannt: Im Kreis Johannisburg gab es nur vier Stimmen für Polen.

Aber wer sind die Masuren eigentlich? Die meisten Deutschen zucken bei der Frage nur mit den Achseln. Die Masuren haben es, aufgrund eines Völkergemisches und als Grenzlandbewohner weit im Osten der Heimat, schwer, Masuren sein zu dürfen. Nur wenn es den Deutschen und Polen gefiel, die Masuren für ihre Interessen zu benutzen, dann nahmen beide sie für ihre Zwecke in Gebrauch. Die deutsche Seite berief sich bei ihren Besitzansprüchen auf die subjektiven Kriterien wie Bekenntnis, Gesinnung, Selbstverständnis, persönliche Entscheidung und den freiheitlichen Willen des Einzelnen, während die Polen auf die objektiven Merkmale wie Herkunft, Sprache und Tradition setzten. So wurden die Masuren jahrhundertelang zum Spielball zweier Völker.

Die Masuren aber waren nie ein Störfaktor, sondern durch ihr Völkergemisch stets ein Bindeglied, das entschieden zur Versöhnung der Staaten untereinander beitrug.

Die Charakterisierung des Masuren von außerhalb zeigte seit jeher zum Negativen, obgleich sie nicht besser oder schlechter als die anderen deutschen Landsleute den Alltag bewältigten.

Allein die Reichsdeutschen waren nicht in der Lage, zwischen den polnischen und masurischen Menschen und ihren geschichtlichen Hintergründen zu unterscheiden. So stand bei ihnen jeder Masure, der sich mit seiner angestammten Geschichte, mit seiner heimatlichen Tradition und mit seiner Sprache beschäftigte, als »Pollak« fest. Diese Einschätzung des Masuren hat ihre Begründung darin, dass Ostpreußen im Bewusstsein der Reichsdeutschen als Spinnwinkel weit im Osten am Rande Deutschlands lag und stets mit Befremden empfunden wurde, weil es von der slawischen Flut vereinnahmt werden wollte.

Auch deshalb blieb Masuren für viele Landsleute hinter einer Bretterwand jenseits ihrer Vorstellungen versteckt, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Das war vor allem nach 1918 der Fall, als Ostpreußen durch den polnischen Korridor vom Reich abgetrennt und zur Insel wurde. Außerdem lag es zwischen zwei eigenwilligen Strömen, nämlich der Weichsel und Memel, und nicht der Elbe und dem Rhein. Bei den Masuren weit im Osten hörten scheinbar alle Segnungen der Kultur und Zivilisation auf. Eine Reise nach Ostpreußen kam einer Expedition in unerschlossene Gebiete gleich.

Dieses Abstempeln des Masuren als Hinterwäldler hatte zur Folge, dass sich der Masure gegenüber anderen Landsmannschaften gehemmt und unverstanden vorkam, ja bisweilen sich seiner Zugehörigkeit schämte, vor allem in der Fremde. Es ging sogar so weit, dass einige ihr Masurentum verleugneten und es auch heute noch tun, um nicht als »Pollacken« abgestempelt zu werden.

Viele tausende Masuren, die während der großen wirtschaftlichen Krise in das Ruhrgebiet, nach Hamburg und Berlin abwanderten, der sogenannten Landflucht, verheimlichten ihre kulturelle Heimat und ließen sich ohne Widerstand entwurzeln.

Die Masuren fühlten sich durch Staat und Kirche nicht verstanden, falsch behandelt und als Bürger zweiter Klasse abgestempelt. Die polnische Seite wiederum war nicht in der Lage, den konfessionellen Unterschied zum Polentum und die geschichtliche Entwicklung richtig zu werten, einzuordnen und daraus das nationale Selbstverständnis dieser Volksgruppe zu akzeptieren.

Die Polen sprachen ständig von der Rückführung der Masuren in den Schoß der polnischen katholischen Mutterkirche.

Beide Staaten aber taten den Masuren unrecht.

Sie gestanden ihnen nämlich nicht das zu, was der Deutsche Orden und die preußischen Könige den Masowiern, Polen und Kurpis in Masuren erlaubten, nämlich alleine nach ihrer Lebensart selig zu werden, und dazu gehörten nun einmal die Muttersprache und die Religion. Es ist bedauerlich, dass die Reichsdeutschen zwischen der masurischen und polnischen Sprache nicht zu unterscheiden wussten und ihre geschichtliche Entstehung nicht verstanden oder vielmehr nicht verstehen wollten.

Es steht doch eindeutig fest, dass Träger dieser Sprache die masowischen Siedler waren, die im 14., 15. und 16. Jahrhundert die pruzzische und auch deutsche Sprache aufgrund ihrer Mehrheit verdrängten. Mit den masowischen Siedlern kamen aber auch deren Sitten und Gebräuche wie Speisen, Getränke, Feste, Liedgut, Hausbau und Tanz ins Land. Gerade in den bäuerlichen Gemeinschaften spielte in der Fremde die traditionelle Erhaltung des mitgebrachten Kulturgutes in den ersten drei Generationen wegen des Zusammenhalts in einer fremden Umwelt eine entscheidenden Rolle.

Die ursprünglich mitgebrachte masowische Sprache der siedelnden Masowier wurde 1525 durch die Reformation jäh in Frage gestellt, weil die Bewohner sich nunmehr von den südlicher sesshaften katholischen Polen religiös abgrenzen mussten und wollten. Doch sie taten es nicht nur religiös, sondern auch geistig und sprachlich. Das ist der eigentliche Grund, warum das Masurische nicht an der Entwicklung der hochpolnischen Sprache teilnahm. Das Altpolnisch, die masowische Sprache, wurde mit der Zeit zu einer masurischen, und zwar dadurch, dass in sie deutsche Lehnwörter und andere Spracheigentümlichkeiten wie Französisch, Holländisch, Russisch usw. einflossen. So erhielten die Masuren im Grunde genommen über viele Jahre ihre eigene entstandene, vom Masowischen abgeleitete Sprache. Diese masurische Mundart signalisierte das wahre Masurentum, das Pruzzische, das Preußische, den evangelischen Protestantismus, das Deutsche, niemals aber das Polentum, das Katholische.

Der heidnische altpruzzische Stamm der Galinder bewohnte ein Gebiet, das sich über das südliche Ostpreußen hinaus bis in das spätere masowische Land erstreckte. Da der Deutsche Orden gegenüber den Masowiern, die ja ohnehin seine katholischen Brüder waren, keinen Wert auf den »unbewohnten Wildnisbereich« südlich des alten pruzzischen Galindiens legte, dehnte sich das Herzogtum Masowien, das den Ritterorden zur Christianisierung, Unterwerfung und Ausrottung der heidnischen Pruzzen 1238 ins Land holte, bis ins südliche Galindien aus. Die Einwanderer zur Zeit des Deutschen Ritterordens aus Masowien gehörten im 11. und 12. Jahrhundert zu den früheren altpruzzischen Gauen Galindien, Sassen und Sudauen. Daher stellen sie keine masowische, sondern vielmehr eine pruzzische Bevölkerung dar. Es ist davon auszugehen, dass der neue Stamm der Masowier und Pruzzen sich nun den Namen »Masuren« gab, aus dem Wortstamm »Mas« der Masowier und den Buchstaben »uren« der Pruzzen. Demnach sind die Masuren mit Sicherheit pruzzischer Herkunft.

Seitdem grenzten sich die zu Preußen gehörenden Masuren aus den Gebieten Sassen, Galinden und Sudauen, die von dem Jahre 1525 ab rein evangelisch-protestantisch waren, von den römisch-katholischen Masowiern ab, die auf polnischem Gebiet lebten.

Der Begriff Masuren fand eine Verbreitung und Anwendung unter dem Einfluss der Romantik, die sich eingehend mit der Erforschung kleiner Volksgruppen befasste, wie Sprache, Sitten und Gebräuche. Masuren sind die Einwohner des südlichen Ostpreußen mit ihrer masurischen Umgangssprache in den Kreisen Osterode, Neidenburg, Allenstein, Ortelsburg, Sensburg, Johannisburg, Lötzen, Lyck, Treuenburg sowie teilweise die Kreise Angerburg und Goldap. Das Gebiet umfasst ein Drittel der Provinz Ostpreußen und gehört zu den Regierungsbezirken Allenstein und Gumbinnen.

Beim Masurentum geht es um etwas Verwurzeltes, Festgefügtes und wiederum langsam Gewachsenes. Das prägende Element der Masuren ist aber folgendes: Sie waren zwangsläufig das Bindeglied zwischen der östlichen slawischen und der westlichen germanischen Welt Europas. Sie stellten die Nahtstelle dar und waren gleichzeitig der Kugelfang für das Deutschtum, die erste hemmende Schranke gegen den feindlichen Ansturm aus dem Osten. Masuren ist über Jahrhunderte ein Grenz- und Siedlungsland gewesen. Hier mischten sich zum gegenseitigen Vorteil einheimische Pruzzen mit Deutschen, Masowiern, Polen, Litauern und vielen anderen Europäern.

So entstand über einen großen Zeitraum der Masure, ein europäischer Mischling mit tolerantem Denken und Handeln sowie einem ausgesprochenen Freiheitsdrang. In ihm vereinigten sich viele positive Eigenschaften, die andere Volksgruppen nicht aufzuweisen haben, weil sie sie zum Überleben nicht brauchten. Die Masuren sind trotz ihrer polnisch ähnlichen Muttersprache immer und ewig bestrebt gewesen, heimatlich und vaterländisch deutsch zu denken und zu handeln.

Wer das anders einschätzt, ist ein Hundsfott.

Denn kein Masure wollte auf irgendeiner Art mit einem Polen in Beziehung gebracht werden. Es bestand stets eine gewisse Abneigung gegen „die-da-drüben“. Keineswegs spielte da Hass gegenüber dem Nachbarn eine Rolle, alleine die Lebensart der Polen machte den Unterschied. Jeder Masure erkannte sofort, wenn er zum Schmuggeln oder zufällig beim Pilze suchen über die grüne Grenze nach Polen kam, an den Ortschaften und an den Gehöften, dass er sich nicht mehr Zuhause befand.

Das sieht bei dir aus wie auf einer »Polenwirtschaft« galt als ernsthaftes Schimpfwort im Reich.

Die Abstimmung im Jahre 1920 brachte den eindeutigen Beweis dafür. Viele Denkmäler entstanden danach in ganz Masuren, so auch das größte Abstimmungsdenkmal in Allenstein, jener patriotischen Gedenkstätte, die an den Verbleib der elf südlichen Kreise im Reich erinnert. 363.209 der dort lebende Bürger stimmten damals für Deutschland und nur 7980 für Polen.

Fritz Heinrich wurde jäh aus seinen Gedanken gerissen. Seine Frau stürzte schreiend, ohne Klumpen, nur mit Rosshaarsocken an den Füßen durch den frisch gefallenen Schnee in die Arme ihres Mannes.

»Fritzi, ein neuer Erdenbürger ist in unserem Haus gesund angekommen.«

Ruhiger werdend, aber immer noch schwer atmend und mit rotem Gesicht sagte sie: »Es ist ein rosarundes süßes Mädchen, eine kleine Marta. Und stell dir vor, schon mit ganz vielen schwarzen Haaren auf dem Kopf, wie ihr Vater.«

Magarete löste sich, tief Luft holend von ihrem Mann und hängte sich bei ihm ein. Sie bekam nicht mit, dass er bis über beide Ohren rot anlief.

»Komm, lass uns reingehen.« Leise fügte sie hinzu: »Ach Fritzi, ich wünsche mir für uns auch so etwas kleines Rosiges. Weißt du, so so sehr, ich gebe die Hoffnung nicht auf. Annemarie erzählte mir mal, sie hatte nur einmal mit Artur geschlafen, fast wie nebenbei, in der Wäschekammer von dem Lazarett, weißt du, wo er krank lag, und war gleich ein Treffer und wir beide üben schon so lange.«

Fritz sagte gar nichts dazu, er konnte ja auch nicht zugeben, dass es nicht an ihm lag, dass noch immer keine eigenen Kinder auf dem Großenhof lachten und spielten.

Denn just in diesem Moment wurde Fritz Heinrich zum ersten Mal Vater einer kleinen zuckersüßen Tochter namens Marta.

2. Kapitel

Fritz Heinrich war zwar Preuße, aber stammte bei weitem nicht aus Masuren.

Bis zu seinem vierundzwanzigsten Lebensjahr wohnte er nämlich in Berlin Treptow, in der Graetzstraße 11, in dem Wohn- und Geschäftshaus seines Vaters Otto Heinrich.

Otto besaß dort einen Zigarrenhandel und Kolonialwarenverkauf mit insgesamt drei Angestellten.

1901 überschrieb er seinem ältesten Sohn Heinz den gesamten Besitz in Berlin, hauptsächlich aus gesundheitlichen Gründen, da er schwer unter Lungenasthma litt. Er zahlte dem mittleren Sohn Artur und jüngstem Sohn Fritz das Erbe aus, notarisch festgelegt. Beide erhielten eine Entschädigung von je sechzigtausend Reichsmark und lebenslanges Wohnrecht in ihren ehemaligen Kinderzimmern des Elternhauses.

Gegen erheblichen Widerstand von Ruth Heinrich erwarb der Kaufmann Otto Heinrich im Sommer 1901 gemeinsam mit seinem Sohn Fritz vierhundertfünfzig Kilometer entfernt von Berlin auf der Neuansiedlung Alt Usczany in Ostpreußen, Kreis Johannisburg, eine 60 Hektar große Aufsiedlung für gerade mal fünfzehntausend Reichsmark, bestehend aus 18 Hektar Fichtenwald, 1,4 Hektar Hoffläche, 20,6 Hektar Wiese und 19 Hektar Ackerland. Außerdem wurde das Fischereirecht grundbuchmäßig eingetragen und ging automatisch auf die Erben über. Allerdings durfte es nicht als Handelsobjekt genutzt werden.

Beide, Vater und Sohn, ließen dort ein zweistöckiges massives Wohnhaus mit Pfannendach sowie Kuh- und Pferdestall im Karree mit noch größeren Abmaßen bauen. Es blieb das einzige Steinhaus außer der Zweiklassenschule und dem kleinen Spritzenhaus im Ort. Alle anderen Wohngebäude, die entlang der genau einen Kilometer langen Dorfstraße standen, waren aus Holz mit rotem Pfannendach oder Schilf gedeckt.

1905 lernte der bereits achtundzwanzig Jahre alte Fritz auf dem Erntedankfest in Usczany, seit ein paar Monaten amtlich auf Grünheide umbenannt, die hübsche zwei Jahre jüngere Magarete Krosta aus Schast Ausbau kennen. Der dort einzeln stehende Hof wurde von allen nur »Schlösschen« genannt.

Noch vor Weihnachten heirateten beide kurzerhand. Sie feierten ausgelassen drei Tage lang mit den Berlinern und den Einwohnern von ganz Grünheide.

Fritz blieb, auch wenn er eine Einheimische heiratete, immer noch der »reiche Neue« im Ort. Allerdings ging es mit dem Hof deutlich aufwärts, denn mit Magarete kam auch bäuerliche Schläue auf das Anwesen.

Fritz, wie auch sein Vater Otto, hatten von Landwirtschaft so gut wie keine Ahnung. Herbert Krosta aber, der Vater von Magarete, brachte mit seinem Wissen den Hof richtig auf Trab. Angebaut wurden Roggen mit guten Erträgen, Sommerweizen für den eigenen Bedarf, Gerste und Hafer als Pferde- und Viehfutter und auch Rüben und Steckrüben. Am wichtigsten aber blieben die Heuernte und der Kartoffelanbau. Nicht nur als Viehfutter und Saatgut wurden die herrlich schmeckenden Speisekartoffeln bei den Heinrichs geschätzt, nein, ein großer Teil wurde auch in Johannisburg verkauft. Die Knollen setzten dann ihre Reise mit der Bahn fort bis ins Reich: Berlin – Leipzig – Ruhrgebiet. Das meiste Heu jedoch ging per Bahn nach Arys zum größten Armeestandort im Deutschen Reich.

In den Heinrichställen gab es Schweine, Kühe, Bullen, Hühner, Gänse und Enten in großer Zahl. Neuerdings begann man auch noch sehr erfolgreich mit der Pferdezucht, alles unter den kundigen Augen von Herbert Krosta.

Sie galten bald als die reichsten Großbauern in der ganzen Gegend, weniger aus Neid denn aus Anerkennung, die sich die Familie mit Fleiß und Fürsorge, auch gegenüber den Nachbarn, hart erarbeitet hatte.

Ruth Heinrich blieb nur in den Sommermonaten auf dem »Heinrich der Großenhof«, wie er von Wiartel bis Turoscheln anerkennend in aller Munde genannt wurde. Im Winter wohnte sie in Berlin bei ihren Kindern und half im Kolonialwarenladen an der Kasse aus. Dort fühlte Ruth sich wirklich zu Hause und nicht da drüben in der »Wildnis«, wo Die sich noch mit der Zeitung die Scheiße vom Hintern wischten.

1913 wurde Otto Heinrich trotz seiner achtzig Jahre zum Dorfschulzen in Grünheide gewählt. Sein Asthma war so gut wie weggeblasen. Er organisierte siebzig Kilometer Drainageleitung an den Wiesen und baute gegenüber seinem Wohnhaus ein Insthaus zur Unterbringung für Lohnarbeiter in der Erntezeit.

Am Sonnabend, dem 1. August 1915, flüchteten Otto, Ruth und Magarete mit wenig Hab und Gut vom Großenhof nach Berlin, denn die russische Kriegswalze brach plündernd und mordend in die masurischen Grenzdörfer ein. Frederike und Herbert Krosta gingen zurück nach Schlösschen. Ottos Sohn Fritz wurde schon zu Kriegsbeginn 1914 für Kaiserreich und Vaterland eingezogen. Otto kam nie wieder nach Grünheide, er verstarb bei einem Verkehrsunfall, fast vor seiner eigenen Haustür in Berlin.

Vom 26. bis 30. August 1915 besiegte Fritz, als Lanzer der 8. Armee unter dem Oberbefehlshaber General Hindenburg, die vielfach überlegene Narew-Armee, die nach Ostpreußen eingedrungen war, fast vollständig. Der Kriegsschauplatz ging in die Geschichte als Schlacht bei Tannenberg ein.

Fritz überstand die Kämpfe unverletzt und ließ sich auf Antrag UK, unabkömmlich, stellen, um sich um seinen liebgewonnenen Bauernhof in Grünheide kümmern zu können. Er und seine Frau bauten mit Hilfe von Zuschüssen vom Staat und zinsgünstigen Krediten den von den Russen abgetragenen und dann verwüsteten Hof im Dorf größer und schöner als je zuvor wieder auf.

Zur gleichen Zeit gelangte Artur Heinrich, im Weltkrieg durch einen Bauchschuss verletzt, den er sich bei Feindberührung in den Ardennen einfing, in einem Lazarettzug nach Stettin. Er wurde in das Theresienstift eingeliefert, wo Ärzte und Schwestern lange Zeit um sein Leben kämpften. Dabei gewann er die Hilfsschwester Annemarie besonders lieb, die ihn pflegte und so manche Nacht an seinem Bett wachte.

Er heiratete Schwester Annemarie Lippa im Juni 1918, noch vor Kriegsende.

Bei der Trauung, die im Theresienstift stattfand, kam sein Bruder Fritz mit seiner Ehefrau Magarete zu einem längeren Besuch. Beide durften Trauzeugen sein. Mit großer Freude erfuhren sie, dass Annemarie Heinrich geb. Lippa in der Stadt Johannisburg, ganz in der Nähe von ihrem Hof in Grünheide, wohnte.

Artur blieb ein Pflegefall. Die Heilung seiner Wunden machte große Probleme und er wurde auf Wunsch seiner Frau endlich ins Lazarett nach Allenstein verlegt.

Trotzdem fuhr Annemarie nur noch unregelmäßig auf Besuch zu ihrem Mann. Ihr Vater kam aus dem verlorenen Krieg nicht zurück und sie musste ihrer betagten Mutter in der Pension helfen. Annemarie hatte schlichtweg keine Zeit für ihren kranken Mann.

In den Krisenzeiten Anfang der 20er Jahre besuchten nur noch wenige Gäste den »Goldenen Anker«. Das verdiente Geld reichte nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Hauptsächlich Übernachtungsgäste blieben aus, einzig gesoffen wurde noch reichlich. Zum Glück brachte ihr Fritz Heinrich einmal in der Woche frische Milch, Eier, Salzfleisch und Brot. Alles von zuhause vom eigenen Hof, um seiner Schwägerin das Leben in Johannisburg etwas zu erleichtern.

Annemarie merkte sehr wohl, dass Fritz Heinrich, dieser Schwerenöter, um sie herum schwänzelte wie ein Kater um den heißen Brei. Er versorgte sie mit Lebensmitteln, mehr, als sie bezahlte. Fritz winkte bei ihren Einsprüchen nur ab.

»Irgendwann geht es dir mal besser als mir, dann kannst du dich revanchieren, bis dahin kommt es von Herzen.«

Jedes Mal beim Auf Wiedersehen sagen hielt er ihre Hand zu lange fest und schaute mit hungrigem Dackelblick zu lange in ihre großen Augen.

Eines Tages, irgendwann im April 1923: Am frühen Morgen brachte Fritz Heinrich seiner Schwägerin eine Stiege Eier in die Küche. Kaum auf den Tisch gestellt, rissen sie sich gegenseitig die Kleider vom Leib und fielen wie Ertrinkende übereinander her. Annemaries greise Mutter kaufte gerade auf dem Markt Gemüse ein, keine zwanzig Meter von der Pension entfernt. Die Zeit reichte trotzdem für einen kurzen, aber heftigen Beischlaf aus. Fürs Wiederanziehen brauchten beide weitaus länger. Schweigend, ohne ein Wort zum Abschied, verließ Fritz die Pension, setzte sich auf seinen Wagen und gab dem Pferd die Peitsche. Im rasenden Galopp, vorbei an den Marktständen, wollte er nichts mehr hören und sehen, einfach nur nach Hause.

Fritz nahm sich fest vor, die heimliche Liebschaft sofort abzubrechen, er konnte anfangs seiner Frau nicht in die Augen sehen.

Mit der Zeit aber begann er diese völlig unterschiedlichen Frauen im Körper wie im Geist, jede für sich, zu lieben. Zumal Annemarie auch nicht die kleinste Andeutung machte, irgendwelche Forderungen zu stellen.

Aber auch Annemarie genoss die kurzen Momente der Zweisamkeit mit Fritz. Ihr junger Körper hungerte nach Liebe und war wie gemacht dafür. Außer ein paar flüchtigen Küssen gab es ja nichts Intimes mit ihrem kranken Ehemann und beide Brüder sahen sich so ähnlich, der Fritz und der Artur. Dieselben schwarzen Haare, die gleichen Gesichtszüge und diese unbeschreiblich blauen Augen.

Im Juni 1924 starb ihre Mutter und Annemarie Heinrich wusste mit Sicherheit, dass sie schwanger war.

Bibel, 5. Buch Mose, 25. Kapitel

Vers 5