Bärenjäger - Thomas de Bur - E-Book

Bärenjäger E-Book

Thomas de Bur

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Beschreibung

Unglaublich spannende Abenteuer erleben Johan und Kim in Lappland, der faszinierenden Landschaft nördlich des Polarkreises. Ein alter, samischer Schamane zeigt Ihnen versteckte Wunder der Natur und führt sie ganz nah zu wilden Bären und Wölfen. Als sie ein vergiftetes Rentier finden und kurz danach Johan's kleine Schwester spurlos verschwindet, wird den Kindern jedoch klar, dass sie einem gefährlichen Geheimnis auf die Spur gekommen sind und um ihr Leben fürchten müssen.

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Seitenzahl: 356

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Thomas de Bur

BÄRENJÄGER

Band 1

Der alte Mann vom Berg

„Wenn der Mensch seine Weisheit mal nutzen würde,

wäre seine Welt ein Paradies.“

1

Johan war so tief in den Sitzen versunken, dass man nur seine Knie mit den frischen Grasdreckflecken sehen konnte. Sein Kopf lehnte müde an der vibrierenden Scheibe, während seine Augen nach draußen starrten und sich von der vorbeihuschenden Landschaft einlullen ließen. Als aber der Bus die letzte Kurve genommen hatte und Johan die Kreuzung sah, an der er aussteigen musste, wurde er sichtlich unruhig. Automatisch erhob er sich von seinem Platz und ging zum Ausstieg. Der Lärm des Motors und die Stimmen der anderen Schüler verblassten langsam, obwohl er noch mittendrin war. Dann kamen der Ruck, der ihn immer nach vorne zog, und das Zurück-pendeln seines Körpers, weil seine Hand die Stange nicht loslassen wollte. Er holte tief Luft, stellte sich breitbeinig vor das letzte Hindernis und wartete ungeduldig auf die Freigabe seines Weges. Er musste nie lange warten. Die eingesperrte Luft entwich mit verärgertem Zischen aus dem Druckluftbehälter und begleitete geräuschvoll das lautlose Öffnen der Bustüren. Zwei schnelle Schritte die Stufen hinunter, ein kleiner Satz und Johan stand mit beiden Füßen dort, wo er endlich sein wollte. Intensiv sog er die Frühlingsluft ein, blickte sich lächelnd um und genoss die zufriedene Sehnsucht und das sanfte Kribbeln, das seinen Nacken empor schlich. Hatte sich seit dem Morgen etwas verändert? Die Sonne stand höher am blauen Himmel. Sie glänzte ihn blendend an und kitzelte mit einem besonders warmen Strahl die kleinen Sommersprossen auf seiner Nase. Ein zarter Windhauch servierte ihm ein Festmahl mit Gerüchen nach Moos, Harz und Holz. Es raschelte und huschte irgendwo irgendwas irgendwohin. Rechts von ihm lag das Stück Straße bis zu der Kurve vor dem Wald aus Kiefern, Fichten und Birken. Links war die Kreuzung mit dem viereckigen Stein unter der knorrigen Kiefer und dahinter begann wieder ein unendlich großer Wald, durch den sich die Straße in Schlangenlinien mogelte. In der Ferne begrenzten die Berge den Horizont. Vor ihm träumte das kleine, grüne Tal zwischen welligen, bewaldeten Hügeln mit einem stolz rauschenden Fluss in der Mitte. Nur ein paar Bäume verschleierten seine Sicht dorthin. Dort wohnte er mit Lena, Bamse, seiner Mutter und seinem Vater. Der Waldhof mit seinen typisch roten Holzgebäuden thronte wie eine Schutzburg über dem kleinen Tal. Ein Wald schützte den Hof nach Norden. Das rote Wohnhaus und die kleine Gästehütte genossen die unverbaute Aussicht ins Tal. Die Scheune und die Garage hielten sich am Rande und störten nicht weiter, nur das alte Klohäuschen stand, für alle sichtbar, mittendrin. Der Weg, der von der Kreuzung bis zum Waldhof führte, schlängelte sich zuerst durch zwei Kurven, an verschnörkelten Kiefern und im Winde wankenden Birken vorbei, einen leichten Hügel hinab. Im Talgrund half eine Holzbrücke dem Weg über den schäumenden Fluss, nur damit er sich wieder durch zwei Kurven einen ebenso leichten Hang bis zum Waldhof hinauf schlängeln durfte. Johan dachte daran, dass er seinen Vater schon lange fragen wollte, ob es Absicht war, dass der Weg vor dem Fluss genau die gleichen Längen, Windungen und Kurven bekommen hatte wie hinter dem Fluss. Als ob der Fluss ein Spiegel des Weges sein sollte. Vielleicht war der Weg aber auch besonders harmonisch veranlagt und wollte es genau so. Mit der Schultasche in der rechten Hand schlenderte Johan den Sandweg zum Fluss hinunter und überlegte, was er heute Nachmittag machen könnte. Er musste raus in den Wald, das war klar. Sollte er Bamse mitnehmen? Bamse war ein Karelier. Ein wunderschöner, schwarzer Jagdhund mit einer frechen, weißen Schnauze und braunen, feurigen Augen. Eigenwillig war er, doch Johan liebte das kleine Kraftbündel über alles und verbrachte viel Zeit mit ihm. Sein Vater hatte Bamse im letzten Sommer mitgebracht und wollte ihn irgendwann für die Jagd ausbilden. Bis er dazu kam, wollte Johan mit Bamse schon insgeheim geübt haben. Spitzbübisch lächelte er bei dem Gedanken an das überraschte Gesicht seines Vaters, wenn Bamse und er ihm zeigten, was sie schon alles konnten. Wenn Johan mit Bamse in den Wald gehen würde, wollte Lena bestimmt auch mitkommen. Lena war seine siebenjährige Schwester, sechs Jahre jünger als er. Lena war ein Sonnenkind. Er konnte sich nicht daran erinnern, sie jemals weinen oder traurig gesehen zu haben. Sie war ein Phänomen. Ein lachender, freundlicher Wirbelwind, der alle mit ihrer guten Laune ansteckte. Allerdings war sie auch anstrengend, sie konnte fragen ohne Ende. Manche Fragen von Lena waren so schwer, die konnte sogar Mutter nicht beantworten und dass sollte etwas heißen. Johan würde irgendwann herausfinden, wo Lena diese vielen Fragen immer fand. Inzwischen war Johan an der zweiten Wegkurve angekommen. Seineklaren, blauen Augen ruhten einen Moment auf der Holzbrücke. Dort saß er gern, ließ seine Beine die Brücke hinunter baumeln und schaute einfach nur dem Wasser zu, wie es kräftig rauschend und gurgelnd zwischen den großen und kleinen Steinen seinen Weg suchte. Angeln musste er auch bald wieder, darauf freute er sich schon. Vielleicht morgen. Als Johan die Brücke erreichte, bemerkte er Lena, die tanzend die Wiese hinab lief. Ihre blonden, langen Haare wehten hinter ihr her, waren aber kaum imstande, ihr zu folgen. Lena hatte ihn wohl nicht gesehen, denn sie steuerte seinen Stein am Flussufer an. Neben der Holzbrücke hatte Johan hier unten am Fluss zwei Lieblingsplätze. Der Erste war die große Tanne, die etwas erhöht, ein paar Meter vom Flussufer entfernt stand. Wenn man auf die Tanne stieg und zwölf Äste empor kletterte, konnte man das ganze Tal hinauf und hinab schauen. Sein zweiter Lieblingsplatz war der große Stein. Es war der Größte, der hier im Flussbett lag, genau am Ufer. Er war ganz glatt und rund, hatte allerdings an der Seite, zum Ufer hin, ein paar praktische Einkerbungen zum Hochklettern.Oben auf der Kuppe war er geplättet. Dort thronte Johan oft mit Lena und sie unterhielten sich oder schauten dem spielenden Wasser zu. Mit einem Lächeln auf den Lippen dachte er daran, dass sie das letzte Mal allen Ernstes von ihm wissen wollte, ob das Wasser Beulen bekommt, wenn es gegen die vielen Steine im Fluss stößt. Johan beobachtete, wie Lena das Flussufer erreichte und den großen Stein hinaufstieg. Er wechselte seine Schultasche in die linke Hand und hob die Rechte. Laut rief er: »Lena!«, und winkte ihr zu. Sie hörte ihn, drehte sich in seine Richtung um und hob den Arm. Doch bei der Wendung verlor sie das Gleichgewicht. Sie wankte bedrohlich. Mit beiden Armen rudernd, versuchte sie, das Abrutschen zu verhindern. »Nein«, schrie es aus Johan heraus. Hilflos musste er mit ansehen, wie Lena sich erschrocken gegen das folgenschwere Drama wehrte. Doch sie kippte, wie in Zeitlupe, immer mehr, während ihre Arme Halt in der Luft suchten. Aber sie fanden nichts. Lenas Unglück war nicht aufzuhalten. Sie stürzte mit lautem Platschen in den reißenden Fluss. Johan reagierte ohne Schrecksekunde. Schultasche fallen lassen und los rennen waren eins. Wie ein Berserker hetzte er die Holzbrücke entlang. Seine Schritte hallten laut auf den Planken. Am Ende der Brücke nahm er eine Hand zur Hilfe, hielt sich am Brückenpfosten fest, flog quasi um die Kurve und sprang auf das Steinufer. In seinem Kopf hämmerte es, aber er dachte nur ans Rennen. Schneller musste er sein. Johan registrierte, dass Lena kurz aus den Fluten auftauchte. Noch hundert Meter bis zu ihr. Seine Füße flogen über die Steine, die in unregelmäßigen Größen überall hier am Flussufer herum lagen. Fast wäre er gestrauchelt, aber im letzten Moment fing er sich, stützte sich mit der linken Hand ab und hastete fieberhaft weiter. Vorbei an dem großen, geplätteten Stein. Immer weiter über den holprigen Untergrund am Ufer entlang. Dann sichtete er Lena wieder. Sie war gegen einen Haufen Holz getrieben worden, der sich an ein paar Steinen gefangen hatte. »Bitte Lena, halt dich fest. Das darf nicht sein. Halt dich fest.« Johan war inzwischen auf gleicher Höhe mit ihr. Sie krallte sich an dem Holzhaufen fest und wandte den Kopf in seine Richtung. Aber sie war so still, warum war sie so still? Und wie sollte er sie bloß erreichen? Es waren sicher sechs oder sieben Meter bis zu ihr hin. Der Fluss war zu tief, zu stark und zu reißend für ihn. Da bemerkte Johan eine alte, Nadellose Fichte, die ein paar Meter vom Wasser entfernt am Ufer lag und Pause machte. Sie maß etwa sechs Meter, nicht zu dünn und nicht zu dick. Die Fichte konnte die Rettung sein. Johan raste zu ihr hin, griff sie mit beiden Händen und stemmte sie hoch an die Brust. Mit dem Baum im Arm lief er schwer schnaufend zum Flussufer und stürzte sich, ohne zu zögern, mitsamt seiner Kleidung direkt ins Wasser hinein. Noch im Laufen warf er den Stamm quer ins Wasser vor zwei große Steine, die ihm als Weg zu Lena dienen konnten. Der erste Stein lag etwa eineinhalb Meter vom Ufer entfernt und ragte einen Meter aus dem Wasser heraus. Der zweite Stein befand sich parallel zum Ersten etwa dreieinhalb Meter weiter im Wasser. Zwischen dem zweiten Stein und dem Holzhaufen, an dem Lena hing, brodelte dann noch etwa ein Meter breit der Fluss. Johans Wurf des alten Baumes passte genau. Die Fichte krachte direkt vor die beiden Steine und wurde vom Wasser prompt dagegen gedrückt. Johan kämpfte sich zum ersten Stein, wobei das kalte Wasser ihm schnell bis zum Oberschenkel reichte und wie wahnsinnig an ihm zerrte. Doch Johan schaffte die erste Etappe und presste sich schnell gegen den Baumstamm. Hier war das Wasser schon viel höher, bis zur Hüfte umspülte es ihn jetzt. Seine Kleider waren inzwischen vollkommen durchnässt und wurden immer schwerer. Er schrie: »Lena ich komme, halt dich fest. «Lena antwortete nicht. Johan drückte seinen Bauch gegen den Baum, streckte seinen Po dem Wasser entgegen, packte mit seinen Händen den Stamm und zog sich Zentimeter um Zentimeter an der Fichte entlang. Nun stand er ungeschützt im Fluss, nur die Fichte hielt ihn. Das Wasser des Flusses drückte mit aller Macht. Die kahlen Äste und die Rinde der alten Fichte rissen ihm die Haut auf. Er erinnerte sich, dass sein Vater ihm eingeschärft hatte, keinen Fluss zu durchwaten, bei dem das Wasser über die Knie reichte. Es wäre zu gefährlich, die Strömung könnte einem die Füße wegziehen. Doch Johan hatte den alten Baum. Noch hielt der Stamm, auch wenn er sich schon bog. Mit den Füßen tastete sich Johan über den Grund. Nur nicht zu hoch heben. Es schien ihm endlos zu dauern. Er kam nicht voran, es ging ihm viel zu langsam. »Verdammt, schneller, das alles darf nicht sein. Nein. Nein. Nein. Lena! Halt aus, Lena!« Endlich gelangte Johan beim zweiten Stein an, presste sich dagegen, holte tief Luft und blickte zu ihr hinüber. Sie war patschnass und hatte blaue, zitternde Lippen. Aber sie krallte sich immer noch an dem Holzhaufen fest. Sie sah ihn starr mit großen Augen an, doch sie war ganz still. Ihr Blick fuhr wie ein Stachel in Johans Herz. Er musste hin zu ihr. Nur noch ein kleines Stück, aber das war so weit. Johan streckte seine Hand nach ihr aus. Er kam nicht an sie heran, es fehlten fast dreißig Zentimeter. »Lena, nimm meine Hand.« Lena starrte ihn an, doch sie bewegte sich nicht. Sie blieb still, steif und stumm. »Lena bitte!« Johan schrie und rutschte ihr noch etwas entgegen, doch das war fast zu viel. Noch ein Stück mehr und der Schutz des Steines ging verloren. Plötzlich regte sich Lena. Sie griff zaghaft nach Johans Hand, die er ihr über dem trügerisch sanften Wasserhügel entgegenstreckte. Sofort packte Johan zu. Er bekam Lenas Unterarm zu fassen und auch Lenas Hand krallte sich fest. Mit einem mächtigen Ruck riss er seine Schwester zu sich herüber, kippte dabei aber nach hinten und verlor das Gleichgewicht. Doch das Wasser rettete die Beiden, als es ihn gegen den Stein drückte. Er zog Lena zu sich heran und umschloss sie mit den Armen. Die reißende Strömung zwischen dem Stein und dem Holzhaufen hatte sich allerdings ihre Beine gegriffen und zerrte mit aller Kraft daran. Doch Johan hielt eisern fest, er gab seine Schwester nicht mehr her. »Jetzt raus bloß hier«, dachte er. Lena war ganz steif. Ein Aufbäumen durchdrang Johan. Er drehte sich seitwärts, drückte nur noch mit seiner Hüfte gegen den Fichtenstamm und pflügte dann mit unbändiger Kraft durch das Wasser. »Raus. Nur raus.« Wie ein schlurfender Roboter drängte er mit Lena im Arm, Schritt um Schritt, dem rettenden Ufer entgegen. Noch sechs Schritte. Noch Vier. Der Weg bis zum ersten Stein nah am Ufer war vollbracht. Nur noch zwei Schritte. Erst jetzt vernahm Johan das aufgeregte Hundegebell. Bamse hüpfte wie von Sinnen am Ufer umher. Er bellte, so laut er konnte. Mit letzter Kraft schaffte Johan auch die letzten zwei Schritte in dem kalten, reißenden Nass. Blutend, bibbernd und vollkommen erschöpft stolperte er mit Lena im Arm auf das steinige Ufer. Dann wurde ihm schwarz vor den Augen.

2

Vorsichtig öffnete Johan seine Augen. Er lag ausgestreckt auf den harten Steinen am Ufer des Flusses. Neben sich bemerkte er Lena. Sie schaute ihn starr und still mit großen Augen an. Johan versuchte sich zu erheben, aber es gelang ihm nicht. Während er kraftlos zurück sank, blickte er wieder zu Lena. Ihm schien es, als ob sich ihre großen Augen noch mehr weiteten. Fast wie in Zeitlupe rutschte sie zudem zurück ins Wasser. Johan wollte nach ihr greifen, doch plötzlich fühlte er, wie jemand seine Beine packte und kräftig an ihm zog. Seine Füße spürten, dass sie ins Wasser tauchten. Johan wurde panisch, denn irgendjemand zerrte ihn zurück in den Fluss. Er blickte zur Seite. Lena war auch schon halb im Wasser. Aber sie sagte nichts, sie war vollkommen still. Sie starrte ihn nur mit großen Augen an. Aus heiterem Himmel wurde das Zerren zu einem mächtigen Ruck und Johans Körper tauchte unter Wasser. Es gluckerte ganz leise um in herum. Er wurde tief in den Fluss gezogen, immer tiefer. Mit den Armen versuchte Johan sich zu wehren und zu rudern, doch es hatte keine Wirkung. Aus dem leisen Gluckern wurde ein kräftiges Rauschen. Irgendwann stieß sein Körper gegen einen Stein. Johan schloss die Augen. Seine Sinne stellten ihre Arbeit ein und er nahm nur im Unterbewusstsein wahr, dass er immer tiefer in den Fluss gezogen wurde. Ein kalter, kräftiger Wasserguss holte seine Sinne zurück. Johan schüttelte seinen Kopf und prustete. Mit seinen Händen rieb er sich das Wasser aus den Augen und blickte sich um. Er kauerte auf einem Steinboden in einem großen, dämmrigen Saal aus Stein. Links und rechts von ihm standen lange Steintische hinter denen merkwürdige Gestalten hockten. Johan guckte genauer hin. Die Gestalten schimmerten blau und erschienen unwirklich. Sie hatten Köpfe, Oberkörper und Arme, aber jede Gestalt in einer anderen Form. Einige hatten riesengroße Ohren oder knubbelige Nasen. Wieder Andere hatten spitze lange Zähne oder schlitzförmige Augen. Es gab Dicke und Dünne. Allen plätscherte von der Decke des Saales ein kleiner Wasserstrahl auf den Kopf. Auf den Körpern verteilt, vor allem auf den Häuptern, blinkten kleine rötliche Flecken. Johan rieb sich noch einmal die Augen, denn er konnte es nicht glauben. Die kleinen Wasserstrahlen von der Saaldecke formten die Wesen. Die Gestalten bestanden aus Wasser. Jeder Wasserstrahl erzeugte ein anderes, unglaubliches Wasserwesen. Johan zählte die Reihen ab. Elf Wesen saßen links von ihm hinter einem Tisch aus moosigen, feuchten Steinen. Weitere elf Gestalten saßen rechts von ihm hinter einem weiteren, langen Steintisch. Johan lugte unter die Tische. Darunter war es zwar stockdunkel, aber Beine schienen die Wesen nicht zu haben. Doch plötzlich erschrak er furchtbar und zuckte heftig zusammen. Am Ende des Saales, weit hinter dem Ende der zwei Steintische thronte ein mächtig großes Wasserwesen und glotzte ihn an. Es war bestimmt zehn Meter hoch. Es hatte ein dickes Gesicht mit Stecknadelkopf kleinen Augen. Überall am Kopf blinkten kleine, rötliche Hügel. Sie hatten Ähnlichkeit mit Beulen. Johan schüttelte den Kopf. »Wasser bekommt keine Beulen«, dachte er und musterte den Riesen genauer. Wabbelnde Fettringe hingen um dessen Hals und setzten sich fort bis zu einem riesigen Bauch. Auch dieses Angst einflößende Wesen wurde von einem Wasserstrahl über dem Kopf gespeist und hatte anscheinend keine Beine. Doch dann sichtete Johan etwas, das riss ihm fast das Herz aus der Brust. Er schrie fürchterlich und sprang panisch auf. Direkt neben dem unheimlichen, großen Wasserbuddha befand sich eine schwach erleuchtete Wassersäule, die von der Decke bis zum Boden reichte. Mitten in dieser Wassersäule stand Lena voller Angst und schlug mit ihren Händen von innen gegen die runden Wasserwände. Lena war in einer Wassersäule gefangen. Johan wollte augenblicklich zu ihr stürzen. In der beginnenden Bewegung bemerkte er noch, wie der dicke Buddha hämisch grinste. Der Fettwanst hob einen Arm und aus seinem klobigen Zeigefinger schoss eine dicke Wasserkugel auf Johan zu. Er hatte keine Chance auszuweichen, er wurde genau in den Bauch getroffen. Die Kugel zerplatzte laut platschend und Johan hatte das Gefühl, als ob er einen Bauchklatscher gemacht hatte. Er krümmte sich vor Schmerz und sank auf den Boden. Das dicke Wesen lachte gluckernd. Seine wabernden Wasserringe wippten dabei auf und ab. Die zweiundzwanzig kleinen Wasserwesen wackelten lachend im Takt dazu. Johan wurde mächtig sauer. Mit einem martialischen Schrei rappelte er sich auf und stürzte auf die Wassersäule zu. So schnell konnten die Wesen anscheinend nicht aufhören mit Lachen, denn es kam kein weiterer Angriff. Johan sprang in die Wassersäule hinein. Im Flug griff er Lena und zog sie aus dem Wassergefängnis heraus. Beide kullerten über den Steinboden. Lena blickte Johan still, aber dankbar lächelnd an. Er nahm ihre Hand und flüchtete mit ihr zu einer Steinwand weiter hinten im Saal. Die Wasserwesen konnten nicht folgen, denn sie hatten ja keine Füße. Die Gestalten schäumten und spritzten, doch sie klebten quasi an ihren Plätzen fest. Außer Atem und mit klopfenden Herzen drückten sich Johan und Lena in der hintersten Ecke des Saales mit dem Rücken an die steinige Wand. Plötzlich ertönte ein lautes Zischen, als ob Luft entweicht und genau an der Stelle wo die Beiden an der Wand lehnten, öffneten sich zwei Steintüren. Johan und Lena fielen rücklings hindurch. Wieder zischte es und die Türen schlossen sich. Sie waren jetzt eindeutig in einem Bus. Verwirrt, aber auch erleichtert, rappelten sie sich auf. Die anderen Fahrgäste des Busses waren ganz merkwürdige Gestalten. Kobolde mit spitzen Ohren und zotteligen Haaren, hässliche Gnome und schelmische Wichtel. Der Busfahrer war ein hagerer, dünner Waldschrat. Er hüpfte auf seinem Fahrersitz herum und lachte sich schlapp vor Wonne. Lena und Johan schauten sich mit erstaunten Augen um. Vor diesen Wesen hatten sie allerdings keine Angst. Lena setzte sich sofort neben einen buckligen Kobold und unterhielt sich mit ihm. Johan stürzte nach vorne und spähte hinaus. Der Bus fuhr in einem unterirdischen, feuchten Tunnel, der etwas breiter als der Bus war. Das Scheinwerferlicht reichte vielleicht hundert Meter weit und tauchte die nasse Röhre in ein gespenstisches, wackelndes Licht. Wenn der Waldschrat nur einen kleinen Schlenker machen würde, gäbe es einen Unfall. Doch dem unbekümmerten Schrat machte die Fahrt offenbar einen riesigen Spaß. Er gab kräftig Gas. Lena kam Johan nachgelaufen und hielt sich an ihm fest. Plötzlich schrie Johan: »Vorsicht, da kommt Wasser von vorn.« Eine mächtige Wasserwelle aus weißer, schäumender Gischt rauschte wie ein übergroßer Widderkopf auf sie zu. Der Waldschrat lachte irre und beugte sich mit vorgestrecktem Kopf über das Lenkrad. Seine große Hakennase berührte fast die Windschutzscheibe. Johan griff Lena mit der rechten Hand und schlug mit der Linken auf den roten Knopf neben dem Lenkrad, um die Türen zu öffnen. Kaum hatte es gezischt und die Türen waren auf geschwungen, hüpfte er mit Lena an der Hand bei voller Fahrt hinaus. Genau in diesem Moment traf das Wasser den Bus. Die Beiden kullerten über den harten Boden, verletzten sich jedoch nicht. Als Johan sich umsah, traute er seinen Augen nicht. Das Wasser verhielt sich wie ein Rammbock und drückte gegen den Bus. Der Bus wehrte sich jedoch und schob dagegen. Die merkwürdigen Fahrgäste sprangen währenddessen schreiend und gestikulierend im Bus herum, machten wilde Grimassen und feuerten den Waldschrat an, stärker zu drücken. Das Kräftemessen ging hin und her, aber dem Bus schien so langsam die Kraft auszugehen, denn die Scheinwerfer wurden langsam dunkler und der Motor fing an zu stottern. Johan riss sich von dem Anblick los und flüchtete mit Lena in die Dunkelheit hinein. Nur weg vom Bus und dem wässrigen Widderkopf. Bereits nach etwa zehn Metern konnten sie noch nicht einmal mehr die Hand vor Augen sehen. Sie hörten sofort auf zu laufen und tasteten sich mit ihren Füssen voran. Der Boden wurde sandig und ein paar Schritte weiter steckten sie plötzlich fest. Sie bekamen ihre Füße nicht mehr hoch. Irgendetwas hielt sie fest. Johan ging in die Hocke und fühlte nach unten. Es war der Sand. Es war Treibsand, der sie nach unten zog. Die Füße und die halben Unterschenkel waren schon verschwunden. Johan versuchte nach Lena zu greifen, doch ihre Hand entglitt seinem Griff immer wieder. Währenddessen versanken sie tiefer im Boden. Unaufhaltsam wurden sie nach unten gezogen. Als Johans Mund sich mit Sand füllte, stellten seine Sinne die Arbeit wieder ein. Johan fiel in die Dunkelheit und landete auf harter Erde. Unverletzt rappelte er sich auf und schüttelte sich ungläubig. Nur ein paar Sandkörner knirschten noch in seinem Mund. Es herrschte Dämmerlicht und Johan erkannte, dass er in einer kleinen Höhle war. Lena war nirgends zu sehen. Es roch streng nach Bär. Wie aufs Stichwort erschien der Bewohner der Höhle. Es war eine große Bärin, die Schritt für Schritt näher kam. Die Bärin brummte aber nicht, wie Bären es normalerweise machen, wenn sie einen Menschen entdecken. Johan schüttelte wieder ungläubig den Kopf. Die Bärin schnurrte wie eine Katze. Mit ihren großen Pranken drückte sie Johan auf den Erdboden zurück und legte sich mit ihrem großen, massigen Körper auf ihn drauf.

3

Die Bärin schnurrte ohne Unterlass. Das Atmen fiel Johan schwer. Auf seiner Brust spürte er ein tonnenschweres Gewicht. Es engte ihn ein und erlaubte ihm keine Bewegung. Ihm war heiß und er fühlte klebrigen, kalten Schweiß an seinem Körper. Sein Kopf brummte und dröhnte in irgendeinem Takt. Vorsichtig schlug er seine Augen auf. Vor seinem Gesicht, nur einen Hauch entfernt, ruhte die graue Hauskatze auf seiner Brust. Johan betrachtete sie erleichtert. Sie schnurrte genüsslich und blinzelte ihn aus ihren unergründlichen Augen an. Um ihn herum war es dämmrig und ruhig. Ein paar dunkelrote Schatten spielten auf den Wänden verstecken. Es roch nach Feuer und Holz. Ein Kaminofen knisterte leise. Genau in seinem Blickfeld, auf dem Fenstersims, hockte ein Wurzeltroll und spähte verstohlen nach draußen. Wahrscheinlich tat er nur so unbeteiligt und starrte hinaus, weil die Katze im Raum war. Normalerweise haben Trolle eine Heidenangst vor Katzen und meiden sie, wann immer sie können. Mit Sicherheit dachte der Troll, wenn er die Katze ignorierte, ignoriert sie ihn auch. Johan seufzte beruhigt. Wenn es dämmrig war, musste es mitten in der Nacht sein. Anfang Mai geht die Sonne in Lappland nur in der Nacht ein paar Stunden unter. Bald würde es die ganze Zeit hell bleiben. Er befand sich in seinem Zimmer in seinem weichen Bett. Johan fühlte in sich hinein. Überall brannte und zwickte es, er konnte jeden einzelnen Zentimeter seines Körpers spüren. Alles tat weh. Es war besser, einfach liegen zu bleiben und nur ein bisschen zu gucken. Plötzlich fiel ihm Lena ein und er erschrak. Er musste dringend nach Lena sehen. Wie mochte es ihr gehen? Mühsam versuchte Johan, sich zu erheben. In diesem Moment ging die Tür langsam auf. Er erkannte es an dem hellen Schein an seiner Wand, der immer größer wurde. Es war seine Mutter. Als sie bemerkte, dass Johan sich gerade erheben wollte, eilte sie zu ihm. »Bleib liegen, Johan«, meinte sie zärtlich und drückte ihn sanft in die weichen Kissen zurück. Sie setzte sich lächelnd zu ihm aufs Bett und nahm die Katze von seiner Decke herunter. »Lena geht es gut. Sie ist vor Schreck noch etwas still und ernst, aber sie hat alles gut überstanden. Ich danke dir von Herzen mein Sohn, dass du meine Lena gerettet hast.« Sie küsste ihn auf die Stirn und berührte mit ihrer Hand ganz zart seine Wange. Johan blickte sie glücklich an. Die kleine, silbrige Träne, die seiner Mutter an der Nase entlang bis zum Mundwinkel kullerte, machte sein Herz ganz warm und schwer. »Du hast hohes Fieber gehabt und fast zwei Tage geschlafen«, erzählte ihm seine Mutter mit leiser Stimme. »Doch jetzt wird alles wieder gut.« »Wie sind Lena und ich ins Haus gekommen?« wollte er wissen. »Bamse hat mich mit seinem Gebell gerufen und auf der Straße kam Stellan gerade vorbei«, begann seine Mutter. »Der alte Mann aus der Hütte oben am Fluss?« fragte Johan nach. »Ja, auch er hörte Bamse und eilte zu Hilfe. Gemeinsam trugen wir euch ins Haus. Ich hätte dich niemals allein den Hang hoch bekommen. Wir haben sofort heißes Wasser gemacht und euch in den Badebottich gesteckt.« Johans Mutter lächelte: »Jetzt werde ich dir aber erst einmal etwas zu essen machen. Du wirst sehr hungrig sein.« Sie erhob sich vom Bettrand und ging hinaus. Die Tür ließ sie offen. Johans Augen wanderten verträumt zur Decke. Er war so froh, dass es Lena gut ging. Kaum hatte er an sie gedacht, stand sie schon neben ihm am Bett. »Ich war mir sicher, dass du stärker als der Fluss sein würdest«, strahlte sie ihn mit leuchtenden, blauen Augen an. Dann kräuselte sie ihre Nase und spitzte die Lippen. »Warum gurgelt das Wasser einem so beruhigend ins Ohr, zieht dann aber trotzdem so heftig am Körper und tut einem weh?« Johan seufzte lang anhaltend, doch bevor seinem dröhnenden Kopf etwas Gescheites einfiel, steckte Lena ihm etwas in die Hand, gab ihm einen Kuss auf die Wange und tanzte wieder hinaus. Johan schaute neugierig nach, was sie ihm in die Hand gelegt hatte. Es war ein flacher, glatter Stein, der aussah wie eine Acht. Nein, es waren zwei kleine, runde Steine. Sie waren an einer Seite zusammen gewachsen. In einen der Steine war ein kleines Loch gebohrt. Johan lächelte. Er umschloss den Stein mit seinen Fingern und versteckte seine Hand unter der Decke. Johans Vater betrat daraufhin das Zimmer und setzte sich zu ihm aufs Bett. Er lächelte, doch er redete nichts. Johans Vater war Holzfäller und ein ruhiger Mann. Die meisten Menschen würden ihn als wortkarg bezeichnen. Oft zu Hause war er nicht. Um genug Geld zu verdienen, arbeitete er viel. Seiner Frau und den Kindern sollte es an nichts fehlen. Er machte sich immer Sorgen, doch Johan bewunderte ihn. Wenn sein Vater etwas sagte, was allerdings selten vorkam, war es für Johan Gesetz. Sein Vater wusste alles über den Wald, über die Bäume, Pflanzen, Kräuter, Beeren, Pilze und Tiere. Es wäre schön, wenn er öfter mit ihm im Wald sein könnte. »Ich bin sehr, sehr stolz auf dich, mein Sohn«, sagte sein Vater unvermittelt und nahm eine kleine Schachtel aus seiner Tasche. »Ich bin beruhigt, dass nun ein zweiter Mann hier auf dem Hof ist. Dies ist für dich«, und er überreichte die kleine Schachtel. Johan setzte sich im Bett etwas auf, nahm das Geschenk entgegen und öffnete es vorsichtig. In der Schachtel war ein wunderschönes, edles Jagdmesser. So eines, das von den Samen kunstvoll in Handarbeit hergestellt wird. Es steckte in einer Scheide aus poliertem Rentierhorn und wunderbar duftendem Rentierleder. In das Rentierhorn waren Zeichen geschnitzt und mit dunkler Farbe hervorgehoben. Mit einer geflochtenen, ledernen Schlaufe befestigte man es am Gürtel. Das Messer verschwand mit dem Griff, bis auf den oberen Knauf, vollständig in der schönen Scheide. Vorsichtig zog Johan das Messer heraus. Die Klinge glänzte wie ein silberner Spiegel. Kleine, schnörkelige Verzierungen waren auf der Klinge eingeritzt. Der Griff bestand aus fein geschliffenen Birkenholz und Rentierhorn.Es war atemberaubend schön. Johan steckte das Messer zurück, legte es zur Seite und umarmte seinen Vater. »Es ist phantastisch. Danke. Danke. Danke.« Sein Vater lächelte ihn an. »Diesen Herbst darfst du das erste Mal Stellan und mich in den Wald begleiten. Am 1.September gehen wir zusammenzur Jagd.« Johan hatte Tränen in den Augen. Er war unheimlich glücklich. Sein Vater stand auf und im gleichen Moment kam Johans Mutter mit einem Tablett ins Zimmer. »Helden müssen gut essen«, meinte sie und stellte das Tablett auf die Bettdecke. Johan machte große Augen. Das war ein Festmahl vor ihm. Die größten Schätze aus Mutters Küche verwöhnten seine Augen. Der wunderbare Duft ließ seine Nasenflügel beben und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. Knusprige Rentierfleischbällchen, mit Semmelbröseln panierte Elch–Wallenberger, sahniger Kartoffelbrei und leckerer Preiselbeerkompott lachten ihn lockend an. Die Krönung waren jedoch die Schokoladenkugeln mit Kokosraspeln. Ein ganzer Teller voll stand vor ihm auf dem Tablett. Johan strahlte und rief: «Lena, komm und hilf mir.« Lena wartete wohl direkt hinter der Tür, denn kaum hatte er ausgesprochen, sauste sie schnell wie ein Wirbelwind durchs Zimmer und sprang aufs Bett. Bevor Johan richtig gucken konnte, hatte sie sich den größten Elch–Wallenberger geschnappt. Johan gluckste wohlwollend, nun konnte das Schlemmerfest beginnen. Mit einem Rentierfleischbällchen in der Linken und einem panierten Elch–Wallenberger in der Rechten saßen sie sich gegenüber, kauten fröhlich vor sich hin und schmunzelten sich an. Johan nahm einen großen Elch–Wallenberger und legte ihn zur Seite. »Den bekommt Bamse.« Es dauerte gar nicht lange, da war alles aufgegessen. Satt, zufrieden und in sich gekehrt hockten sie noch eine Weile einfach da. Irgendwann stand Lena auf und nahm die leeren Teller und das Tablett. »Gute Nacht Johan, danke schön«, sagte sie, lächelte ihn an und schwebte hinaus. Seine Eltern schauten noch kurz zu ihm herein und wünschten ihm ebenfalls eine gute Nacht. Dann schlossen sie die Tür. Johan lag noch eine ganze Weile wach. Er war aufgewühlt und durcheinander, aber auch sehr stolz auf sich. »Es ist ganz schön cool ein Held zu sein«, dachte er.

4

Früh morgens kann es ganz schön unheimlich sein. Mysteriöse, milchig-schimmernde Nebelschwaden lösen sich aus den Poren geheimnisvoller Wassergeister und schleichen als weiche, wachsende Wattebausche durch die mit glitzerndem Licht gefüllte Welt. Wahrscheinlich sind es gar keine Nebelschwaden, sondern der Atem eines scheuen, uralten Kältewesens, das nur nicht entdeckt werden will. Johan bettete seinen Kopf zurück in sein weiches Kissen. Jeden Morgen faszinierte ihn das Schauspiel. Normalerweise müsste man raus gehen und staunen. Johans Bett stand zwar so, dass er wunderbar aus dem Fenster gucken konnte, aber es auch zu fühlen war immer besser. Ziemlich gerädert war er heute und noch total müde. Er hatte nur etwa vier Stunden nach dem nächtlichen Festmahl geschlafen. Sein Bett war warm und kuschelig weich. Es hielt ihn fest umschlungen. Johan hatte Muskelkater in Armen und Beinen. Heute war er nicht imstande sich gegen die Umklammerung des Bettes zu wehren. Viel zu schwach fühlte er sich. Jetzt wollte er noch nicht aufstehen, er musste auch diesen schönen Traum von eben weiter träumen. In diesem Moment ging die Tür auf und seine Mutter schaute ins Zimmer. »Aufstehen Johan, Frühstück.« Johan blickte sie an und wollte gerade antworten, dass er heute etwas länger ausruhen musste. Dann fiel ihm jedoch ein, dass er dadurch die Zeit mit Lena und seinen Eltern am Frühstückstisch verpassen würde. Gemeinsames Frühstücken und Abendessen waren heilig. Also stand Johan mühsam auf. Frühstückszeit war auch Entscheidungszeit. Nicht immer im Sinne von Johans Wünschen, jedoch im Großen und Ganzen durchaus ausgewogen, wie er zugeben musste. Heute wollte er einen ruhigen Tag verbringen und angeln gehen. Er war sich sicher, dass er nicht zur Schule musste. Immerhin zwickte es überall und einen Tag Erholung brauchte er bestimmt noch. Seine Eltern und Lena saßen schon am Tisch, als Johan etwas leidend und mit gebrechlicher Körperhaltung zum Tisch schlurfte. »Johan, wenn du heute Mittag aus der Schule zurück bist, bring doch bitte dem alten Stellan ein Geschenk von uns. Ich werde eine Fleischpastete machen, darüber wird er sich freuen.« Wahnsinn, wie erschreckend laut sich diese zerstörerischen Detonationen anfühlen, wenn kleine Träume platzen. Die Schockwellen und Nachbeben, die von den umher fliegenden Traumfetzen verursacht werden, lassen manchmal sogar die Lippen zittern und Arme zucken. Johan brauchte eine Weile bis er sich gefangen hatte. »Muss ich heute wirklich schon zur Schule? Mir tut der ganze Körper noch weh. Das schaffe ich sicher nicht«, versuchte er das Blatt zu wenden. »Du hast den Fluss bezwungen, dann wirst du deinen Körper heute auch bezwingen«, meinte sein Vater daraufhin und damit war das Thema leider entschieden. Der kleine Troll, der auf dem Tisch neben dem Krug mit frischer Milch stand, hielt sich feixend den dicken Bauch. Auch hatte Johan ein bisschen den Eindruck, seine Eltern würden sich heimlich angrinsen, aber er ergab sich seinem Schicksal. »Ich helfe dir heute Nachmittag, wenn du das Geschenk zu Stellan bringst«, versprach Lena und blickte ihn dabei tröstend und verständnisvoll an. Der Vormittag in der Schule ging schneller herum als gedacht. Sicher hatte auch Lena dazu beigetragen. Sie musste allen ihren Freundinnen erzählt haben, dass sie von Johan aus dem Fluss gerettet wurde. Wie ein Lauffeuer fraß sich die Neuigkeit durch die ganze Schule. Die hochansteckenden Neugierdeviren huschten wieselflink von einer Ecke zur anderen und infizierten alle erreichbaren Kinder und Lehrer mit diesem unglaublichen Hunger nach wichtigen und unwichtigen Informationen. Es brach quasi eine Epidemie aus. In den Pausen wurde überall getuschelt und Johan wurden viel sagende Blicke zugeworfen. Mädchen lächelten ihn verträumt an und waren komischerweise immer irgendwo in seiner Nähe. Ziemlich verwirrend fand Johan das Verhalten seiner Mitschülerinnen, doch es schmeichelte ihm. Als er seinen Freunden erzählen musste, wie das im Fluss genau war, konnte man seine stolzgeschwellte Brust deutlich erahnen. Selbst die Lehrer wollten ihre Neugierde befriedigen und so verbrachte Johan den Deutschunterricht damit, sein Abenteuer ausführlich zu erzählen. Im Physikunterricht demonstrierte der Lehrer, welche Kraft das Wasser entwickeln kann und wie man sie nutzen könnte. Dabei wollte er von Johan andauernd wissen, wie stark ungefähr das Wasser im Fluss war. Nur der Englischlehrer übertrieb etwas, denn bei ihm musste Johan das Ganze in Englisch berichten. Als Johan mittags wieder zu Hause ankam, legte er sich eine kleine Weile erschöpft auf sein Bett, träumte vor sich hin und dachte an die Mädchen in der Schule. Der Vormittag hatte Spuren hinterlassen. Am frühen Nachmittag packten Lena und Johan die leckere Fleischpastete in einen Rucksack, nahmen Bamse an die Leine und machten sich auf den Weg zu Stellan. Stellan war ein alter Same und lebte zurückgezogen in einer kleinen Hütte oben am Fluss. Er war bestimmt über siebzig Jahre alt. Johan und Lena kannten ihn nicht sehr gut. Stellan kam nur ab und zu auf den Waldhof, um ihren Vater abzuholen. Die Beiden gingen regelmäßig zusammen in den Wald. Was genau sie im Wald machten, wussten Lena und Johan nicht. Etwa zwei Kilometer hatten sie bis zu der Hütte von Stellan zu laufen. Sie wählten den Weg oberhalb des Flusses, durch den Wald. Vom Waldhof aus ging es erst über die Wiese bis zum Waldrand, dann im Wald immer parallel zum Fluss. Man konnte ihn die ganze Zeit von oben sehen oder man hörte das gleichmäßige Plätschern und Rauschen. Die Sonne schien strahlend und nur ein paar Schleierwolken schwebten lautlos über den Himmel. Es würde garantiert trocken bleiben. Im Wald gab es keine Wege, doch das gefiel Lena und Johan besonders gut. Lena hüpfte die ganze Zeit um Johan herum und suchte den Boden ab. Der Waldboden federte wie ein weicher, flauschiger Teppich. Alte, verdorrte Nadeln der Fichten und Kiefern mischten sich mit Birkenblättern, Zapfen, Federn, Holzstückchen und knorrigen Wurzeln. Überall wuchsen kleine, grüne Inseln mit Blaubeerbüschen und Waldmeister. Es roch wunderbar würzig. Lena fand einen großen Käfer und nahm ihn auf die Hand. Ein schwarz glänzender, dreigeteilter Panzer schützte das zerbrechliche Tier. Am Maul hatte es zwei Furcht einflößende Zangen, die es immer auf und zu klappte. Wenn man es vorsichtig auf die Hand setzte, verursachten die Beine mit den Widerhaken ein witziges Zwicken auf der Haut. Man erwartete, dass es wehtun würde, weil die Haken und Zangen so gefährlich aussahen, doch man fühlte nur ein ganz leichtes, raues, hakiges Tapsen.Bamse schnüffelte an dem Käfer auf Lenas Hand, aber er zuckte sofort zurück. Der Käfer war ihm wohl nicht geheuer. Vorsichtig setzte Lena den Käfer zurück auf den Waldboden. Ein paar hundert Meter weiter hockte zwischen zwei kunstvoll verschnörkelten Kiefern ein Eichhörnchen herum und knabberte an einem alten Zapfen. Bamse hatte es sofort entdeckt. Er stoppte und blieb angespannt stehen. Lena und Johan sahen es dadurch auch. Das Eichhörnchen ließ sich nicht stören und mümmelte vor sich hin. Doch plötzlich hielt es abrupt inne und erstarrte. Bamse stieß ein leises Winseln aus, schaute nach oben und spitzte die Ohren. Irgendetwas war nicht in Ordnung. Bamse wurde nervös und tänzelte auf der Stelle. Lena und Johan lauschten angestrengt und bald war es auch für sie zu hören. Ein dröhnendes Knattern näherte sich. Es hatte Ähnlichkeit mit den bollernden Fehlzündungen eines alten Autos, nur viel dumpfer und gleichmäßiger. Sie suchten aufmerksam den Himmel ab. Um die Beiden herum kam Bewegung in den Wald. Das Eichhörnchen flüchtete panisch einen Stamm hinauf. Mehrere Vögel flatterten aufgeschreckt durch die Äste der Bäume. Bamse winselte wieder. Irgendwann wussten die Beiden, was es war. Ein Hubschrauber flog über den Wald und kam genau in ihre Richtung. Er war wahnsinnig laut. Es dröhnte knatternd und man hatte das Gefühl, dass der Hubschrauber Wellen ausströmte, die bis in den Körper zu spüren waren. Irgendwann konnten sie ihn durch die Baumwipfel sehen. Er war silberfarben und flog recht niedrig. Es schien ein Hubschrauber von den Rentierzüchtern zu sein. Die Züchter mit großen Herden, viele tausend Tiere meistens, hatten neuerdings Hubschrauber zum Treiben der Herden. Einer von Ihnen hatte den Ersten und innerhalb von drei Jahren hatte eigentlich jeder so einen lauten Helfer. Der Hubschrauber flog über sie hinweg, über den Fluss und die Straße, um dann mit einem leichten Bogen die Richtung zu den Bergen einzuschlagen. Plötzlich bemerkten die Beiden, wie etwas aus dem Hubschrauber heraus fiel. Es sah aus wie ein kleiner, schwerer Sack. Es stürzte schnell hinab, doch der Hubschrauber flog weiter. »Hast du das gesehen? Was ist dort heraus gefallen?« fragte Lena aufgeregt. »Ich weiß es nicht«, antwortete Johan nachdenklich. Das Erlebnis fand er sehr merkwürdig.