Verschwörung der Schmetterlinge - Thomas de Bur - E-Book

Verschwörung der Schmetterlinge E-Book

Thomas de Bur

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Beschreibung

- Hamburg Krimi - Ein liebenswerter Chaot, der eigentlich Konditor, aber viel lieber Trödler ist, kommt gemeinsam mit seinen zwei Angestellten einer unfassbaren Verschwörung auf die Spur. Eine rasante und hoch gefährliche Jagd durch Hamburg nimmt seinen Lauf.

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Seitenzahl: 377

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Thomas de Bur

Verschwörung

der

Schmetterlinge

1

Irgendwo in diesem unsäglichen Buch, das ich in einem langweiligen Moment in die Hand nahm, um die unausgefüllte Zeit ein bisschen durchzublättern, stand diese ober-schlaue Geschichte von einem Mann, der in ein Loch fiel. Leider habe ich den Titel des Buches und auch den Verfasser vergessen, denn erstens müsste ich ihn schon der Ordnung halber erwähnen und zweitens hat er ja so was von Recht mit dem Fallen, es wurde mir direkt schwindelig bei so viel Rechthaberei in einer dermaßen kleinen Geschichte.

In dem Geschichtchen des mir Entfallenen stürzte der Mann also in ein Loch. Man muss dazu wissen, dass das bei dem besagten Mann, im Gegensatz zu meinen Fällen, nicht allzu alltäglich war, aber das gehört schon zu meiner unglaublichen Geschichte, die ich im Anschluss erzähle. Der dort fallende Mann war ein sehr regelmäßiger Bürger, der sich normalerweise über alle eingetretenen Pfade in seinem Umfeld informierte. Unglücklicher Weise klaffte an einem schönen Montag morgen auf dem Bürgersteig, der seinen Weg zum Arbeitsplatz verkörperte, ein großes, tiefes Loch. Ein Baustellenloch genauer gesagt. Unser Mann fiel leider vollkommen überraschend hinein und brach sich ein Bein. Er fluchte wie ein Händler vom Hamburger Fischmarkt und war ganz nah dran die schuldigen Baustellenfachleute zu verklagen. Hochgradig übellaunig, weil er zuerst einen Gips und eine Krücke holen musste, erledigte er zwar spät, aber trotzdem artig, alle Fälle auf seinem Schreibtisch im Büro. Abends wackelten dann allerdings die Wände, als er seiner Frau, lautstark leidend, von der ihm zugefügten Frechheit erzählte. Neuer Tag, neues Glück, aber der pflichtbewusst zur Arbeit humpelnde Mann stürzte wieder in das besagte Loch. Das andere Bein war nun leider auch zerbrochen. Jetzt bebten in allen Häusern der Straße die Wände, als er mit puterrotem Kopf, wie ein Rohrspatz zeternd, wegen der wiederholten Versäumnisse nach dem Bürgermeister schrie, damit dieser ihm Entschuldigungen und akzeptable Wiedergutmachungsvorschläge vor beten konnte. Doch all das Aufplustern nutzte ihm nichts, die Krücke musste der Mann gegen einen Rollstuhl tauschen. Trotz alledem erledigte er sämtliche Arbeiten im Büro, auch wenn er dafür nur die halbe Zeit zur Verfügung hatte. Das tröstende Mitleid seiner Frau entschädigte ihn am Abend ein kleines Bisschen und so fand er trotz der Peinigungen und Ungerechtigkeiten seinen wohlverdienten Erholungsschlaf. Am nächsten Tag kam es, wie es kommen musste: das Loch war noch da und derMann rollte quasi zielstrebig hinein. Diesmal winkte jedoch das Glück im Unglück, vielleicht fiel sein erneuter Fall auch einfach nur etwas eleganter aus. Egal,  die Schmach hielt sich diesmal in Grenzen, denn er pflegte Rechtshänder zu sein und brach sich bei seinem dritten Fall nur den linken Arm. Direkt nach dem harten Aufprall, also noch im Dreck liegend, schlug sich unser gefallene Mann die rechte, flache Hand vor die Stirn, so dass es laut klatschte und rief aufgebracht: »Ich Dummkopf, ich bin ja selber schuld.«

2

Ich bin mir nicht so ganz sicher, ob meine derzeitige Lage überhaupt dafür geeignet ist, ausgerechnet jetzt über die schnöde Vergangenheit nachzudenken, aber in Ermangelung halbwegs aussichtsreicher Überlebenschancen schwinden mir gerade die Alternativen. Vielleicht ist es auch ein bisschen Melancholie, aber ich habe mich entschieden, meine offensichtliche Ausweglosigkeit zu ignorieren und rede mir lieber ein, dass ich den passenden Schlüssel zum Lösen meiner aktuellen Realitätsverzerrungen in den Wirren längst verdrängter Dummheiten finden kann. Immerhin wirkt das kämpferisch und ist deutlich besser, als aufzugeben, zu jammern oder den Kopf in den Sand zu stecken. Da kram ich lieber in den alten Zeiten und lenke die Aufmerksamkeit meiner zaudernden Gehirnzellen in die schöne Kindheit, in der ich mich ausgiebig an meine phänomenale Anziehungskraft für katastrophale Kausalketten gewöhnen konnte. Im Gegensatz zu dem geordneten Bürger in der kleinen, ober-schlauen Geschichte weiß ich nämlich ganz genau, dass ich meistens selber schuld bin. Nur, und da liegt das eigentliche Problem, dadurch weiß ich noch lange nicht, wann, wo und wie ich welchen ursächlichen Fehler gemacht habe. Bin ich zu dumm? Zu unaufmerksam? Oder einfach nur ignorant? Das will ich jetzt noch klären.

Ich erinnere mich zum Beispiel gut an den Tag, als mein Vater seinen nagelneuen Käfer ertränkte. Er war mächtig stolz auf seinen schicken Wagen und ich vermute, er musste jahrelang sparen, um ihn sich leisten zu können. Jeden Samstag polierte er ihn blitze-blank und sonntags fuhren wir bei schönem Wetter spazieren. Dieser ungeschickte Tag, von dem ich erzählen wollte, war ein Sonntag und wir besuchten meine Großtante Else. Sie gehörte zu der Linie unserer Sippschaft, die gut kochen konnte. Sie fütterte einen dicken Silberpudel.. Der Pudel war der Grund, weswegen wir noch an die Elbe fuhren. Durch ein überaus unglückliches Zusammentreffen von Fresssucht und Spieltrieb bekam das arme Hündchen nämlich einen heftigen Brechanfall. Meine Großtante Else besaß eine große Kiste mit Spielsachen, die für die Beschäftigung kleiner Störenfriede gedacht war. Darin wartete neben einigen leer gelesenen Pappbilderbüchern und einem zerknirschten Teddybären dieser feine Brummkreisel, der regelmäßig meine gesamte Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Ich war an dem besagten Sonntag zwar schon sechs Jahre alt, aber dieses faszinierende Schwindeln, wenn man ihm beim Drehen ganz genau mit den Augen folgte, war überaus anziehend. An jenem Tag wollte ich nicht alleine zuschauen und versuchte den Pudel als Gesellschaft zu gewinnen. Ich wusste genau, wie gerne er die Salami aus dem Kühlschrank fraß und deswegen habe ich den Brummkreisel ein bisschen aufgepeppt. An einem kurzen Band befestigte ich ein Stück Wurst und das andere Ende knotete ich in einem Loch an der Seite des Spielzeugs fest. Nach dem Starten des Kreisels drehte die Salami lockend ihre Runden und es war nicht überraschend, der Pudel lief im Kreis hinterher. Ich bin nicht ganz sicher, ob die Wurst, die Rollmöpse oder die Marshmallows vielleicht zu alt waren, denn nach einer Weile torkelte der Pudel brummend von dannen. Nachdem er in die Pantoffeln meiner Großtante die unverdaulichen Speisen abgelegt hatte und die Tante Else hinein schlüpfte, weil sie den apathisch auf dem Boden liegenden Liebling an die frische Luft bringen wollte, ging der Fernseher kaputt. Ich weiß aus eigener Erfahrung wie schwer es ist, nichts umzuwerfen, wenn man vor lauter Schreck einen unbedachten Hüpfer machen muss. Meine Großtante zumindest warf die Stehlampe um und die wiederum traf den Fernseher genau auf den gewissen Punkt, an dem die Bildröhre bei zu viel Gewalteinwirkung zerspringt. Meine Eltern bekamen anscheinend Angst, dass der rote Kopf von Tante Else ansteckend war, denn wir verabschiedeten uns hastig. So kam es, das wir noch an die Elbe fuhren. Ich vermute, mein Vater war etwas unkonzentriert, weil er die ganze Zeit mit mir schimpfte. Dabei hatte ich den Fernseher oder die Lampe nun wirklich nicht kaputt gemacht und dass der Pudel sich über-fraß, war auch nicht meine Schuld. Mein Vater parkte kurz vor dem Wasser, auf der abschüssigen Straße, die zu der kleinen Fähre hinunter führte. Als wir von unserem Spaziergang zurückkamen, war der Käfer nicht mehr da und am Ufer, wo die Fähre immer anlegte, hatte sich eine große Menschentraube gesammelt. Auf beiden Seiten der Elbe war Stau, denn die Fähre konnte nicht mehr übersetzen. Der Käfer versperrte den Weg, er parkte in den braunen Fluten. Es hat Monate gedauert, bis der Wagen wieder trocken war, aber er fuhr noch. Mein Vater war zu Recht stolz auf seinen Käfer, denn wer überlebt es schon, stundenlang im Wasser der Elbe auszuharren. Die Großtante Else besuchten wir eine ganze Weile nicht. Mit den Jahren wurde mein Vater gelassener, nur meine Mutter machte sich immer mal wieder um meine Zukunft Sorgen. Die Befürchtungen waren natürlich völlig unbegründet. Oft wird auch viel zu viel Aufhebens um kleine Missgeschicke gemacht und wenn man ehrlich ist, ein bisschen Salz in der Suppe ist sogar nötig. Dabei fällt mir allerdings ein, dass es nicht übertrieben werden sollte. Ich spreche aus eigener Erfahrung, zu viel Salz kann ziemlich unangenehm sein. Ich war einmal der süße Schleppenträger an einem Vereinigungstag. Weil die heiratswütige Schwester meiner Mutter meine Patentante Gisela war, fiel die Wahl auf mich, als sie einen hauchdünnen Ingenieur fand, den ihre fehlenden Kochkünste nicht störten. Meine Mutter äußerte damals ein paar Bedenken, doch für meine Tante Gisela kam nur ich als Träger der weißen Pracht in Frage. Sie entführten mich zum hiesigen Friseur am Ende der Straße und obwohl ich versuchte, mich gegen diesen albernen Seitenscheitelschnitt zu wehren, beendete der Barbier ohne mit der Wimper zu zucken sein grausames Werk. Ich muss gestehen, dass ich ihm seine Methoden außerordentlich übel nahm, er band mich an dem Folterstuhl doch tatsächlich fest. Ich glaube, ich war der Einzige, der zufrieden lächelte, als ein Lastwagen mit flüssigem Teer in sein Schaufenster kippte und er das Haargeschäft zwangsweise aufgeben musste. Das ereignete sich allerdings erst viele Jahre später. Der dunkle, samtene Anzug für die tragende Rolle bei der Hochzeit fand mein Gefallen, am blütenweißen Hemd wallten jedoch zu viele Rüschen, so dass man überall ein tunkte und die schwarzen Lackschuhe glänzten zu sauber. Das Glänzen kaschierte ich vor meinem Auftritt in den heiligen Hallen, als ich aus Versehen in die glitschigen Hinterlassenschaften der Kirchturmtauben trat und die Schuhe im spärlich wachsenden Gras abwischte. Insgesamt habe ich meine Aufgabe an dem besonderen Tag zu allseitiger Zufriedenheit meistern können. Mir ging das alles nur viel zu schnell. Seit meinen Kindergartentagen gehöre ich eher zu den bedächtigen Gehern. Meine Tante war an dem Tag einfach zu sehr in Eile und rauschte forsch zwischen den Bankreihen Richtung Altar. Obwohl ich wegen der ungewohnten Geschwindigkeit stolperte und der Länge nach auf ihren weichen, weißen Kleiderteppich stürzte, ließ sie sich von der Heirat nicht abhalten, sondern zog mich, auf der Schleppe liegend, bis zum erstaunt gaffenden Pastor unter die Kanzel. Außer diesem kleinen Zwischenfall lief trotzdem alles glatt und ihr Auserwählter stimmte allen heiklen Fragen bedenkenlos zu. Gefeiert und gegessen wurde im Gasthaus unserer Straße. Leider konnte ich das Fest nur bis zur Hochzeitssuppe verfolgen. Ich ärgerte mich ein bisschen über den Silberpudel. Er hatte die schlechte Angewohnheit, wenn es etwas zu essen gab, grundsätzlich bei mir unter dem Tisch zu sitzen. In der aufgetischten Suppe schwammen drei dieser leckeren Mettbällchen um den Eierstich herum. Als das erste Bällchen vom Löffel kullerte, war der silberne Vielfraß natürlich schneller als ich. Um es ihm für die Zukunft zu verleiden, wollte ich das Zweite vorsichtshalber etwas würzen und griff zu Pfeffer und Salz. Beim Salzstreuer saß der Deckel leider nicht fest und bevor ich richtig reagieren konnte, hatte ich einen großen Haufen Salz in der Suppe. Ich rettete das unverdorbene Mettbällchen mit den Fingern in meinen Mund, auf dem Anderen häufte sich blöderweise das Salz zu einem weißen, körnigen Berg. Weil ich an dem Kindertisch saß, war das Gelächter natürlich groß. Ich stand entrüstet auf und wollte meine Mutter um ihre Hilfe bei der Rettung des versalzenen Fleischstückes bitten, doch kein geringerer als der Silberpudel machte mir einen Strich durch die Rechnung, denn er sprang an meinem Bein hoch und brachte mich zu Fall. Der Teller zerbrach natürlich und das salzige Bällchen kullerte über den Fußboden, bis es von einer gierigen Hundezunge aufgeschleckt wurde. Erfreulicherweise bekam ich sofort einen zweiten Teller, voll mit Suppe und drei frischen Mettstückchen, so dass ich wegen der unerwartet wohlwollenden Entwicklung in mich hineingrinsen musste. Um nicht den gleichen Fehler zweimal zu begehen, griff ich mir einen anderen Salzstreuer. Es hätte mich stutzig machen müssen, dass alle Kinder, still und gebannt, auf ihre Teller starrten. Das schallende Gelächter, als mir erneut ein riesiger Haufen Salz in die Suppe schwappte, rief logischerweise meinen gekränkten Stolz hervor. Ich fischte den Deckel des Salzstreuers zwischen dem Eierstich heraus und aß, ohne eine Miene zu verziehen, den ganzen Teller ratzekahl leer. Danach habe ich in meinem ganzen Leben nie wieder eine Hochzeitssuppe angerührt. Eine halbe Stunde nach dem Essen holte mich ein Krankenwagen mit Blaulicht ab und ich lernte die Intensivstation des Krankenhauses Hamburg – Barmbek das erste Mal von innen kennen.

3

Mit fünfzehn Jahren konnte ich auf sechs Mal Gips, eine Gehirnerschütterung, eine Brandwunde und ein dutzend kleiner Narben zurückblicken. Dazu gesellten sich unzählige blaue Flecke und andere Malheure. Doch die Verletzungshäufigkeit nahm stetig ab und ich sah es zunehmend als Training. Mein Fallen nahm an Eleganz zu und ich konnte mit der Zeit viele unangenehme Konsequenzen auf ein Minimum beschränken. Einzig mit den Mädchen klappte es nicht so, wie ich es mir wünschte. An dieser Nuss hatte ich lange zu knacken. Obwohl ich eine Menge romantischer Situationen provozieren wollte, kam in letzter Sekunde immer etwas dazwischen. Ich meine, es ist ja auch nicht so einfach mit der weiblichen Psyche. Wenn man denkt, man hat sie überlistet, bekommt man sofort das Gegenteil bewiesen. Umso schwieriger ist es, die richtige Strategie zur richtigen Zeit zu wählen. In meinen Anfangsversuchen machte ich viele dumme Fehler und erst nach intensiver Literaturrecherche verstand ich diese merkwürdigen und unlogischen Reaktionen teilweise. Glücklicherweise war mein Vater Buchhändler mit einem kleinen Laden. Über dem Buchladen Hummel wohnten wir, so dass ich nachmittags nach der Schule etwas schmökern konnte. Beim Lesen war die Gefahr auch nicht so groß, dass etwas Unvorhergesehenes geschah. In Vaters kleinem Buchhandel gab es zwei Abteilungen. In einem Raum, dem Hinteren, stapelten sich alte, verstaubte Lederbücher bis zur Decke und in dem Vorderen, direkt hinter dem Schaufenster, standen die neuen Bücher ordentlich in Regalen. Mein Vater meinte immer, dass die alten Bücher seine Schätze wären und dass die Neuen das Geld bringen. Aus den neuesten Ratgebern probierte ich die erfolgversprechendsten Tipps und Tricks, nur um irgendwann festzustellen, dass die Idee vielleicht nicht schlecht war, aber dass ich das falsche Mädchen oder das richtige Mädchen zur falschen Zeit damit konfrontiert habe. In einer Phase größter Verzweiflung ging ich so weit, dass ich körperliche Leiden durch besonders tollpatschige und bewusst verursachte Ereignisse über mich ergehen ließ. Ich bin ja ein genauer Beobachter und auch nicht dumm. Es ist nämlich so, dass schon bei jungen Mädchen ein paar ausgeprägte Syndrome das Verhalten steuern. Am Anfang entdeckte ich die Offensichtlichsten, dass waren das Helfersyndrom, das Vergnügungssyndrom und das Bewunderungssyndrom. Auf mich und mein eher ungeschicktes Glück bezogen, könnte man den Unterschied der genannten Syndrome folgendermaßen erklären: Nehmen wir einmal an, ich schlendere, mit den Händen in den Hosentaschen, pfeifend über den Schulhof und stolpere aus Versehen über eine herum liegende Bananenschale. Falls ich ausrutsche und auf dem Po lande, schütteln sich wohl alle weiblichen Vergnügungshormone vor Lachen. Falls ich auf die Nase falle und sich die gelbe Bananenschale langsam blutrot färbt, werden mir die meisten Mädchen ganz uneigennützig helfen. Falls ich es hinbekomme so elegant auszurutschen, dass ich nach einem Rückwärtssalto sicher auf den Füssen lande, danach die durch die Luft segelnde Bananenschale cool hinter meinem Rücken auffange und sie mit einem lässigen Wurf genau in den zehn Meter entfernten Mülleimer befördere, muss ich wahrscheinlich für Scharen von kreischenden Groupies Autogramme schreiben. Jetzt sollte man aber wissen, dass ein Mädchen noch lange nicht das tut, was Mann von ihm will, wenn diese Syndrom abhängigen Symptome hervorgerufen werden. Das wäre zu einfach, es ist ungleich komplizierter und vielschichtiger. Ich habe das begriffen, als ich diese Verzweiflungsphase durchlebte. Nach den Erzählungen anderer Jungen zu urteilen, war ich ein hoffnungsloser Spätzünder und ich dachte, wenn ich nicht bald zu Potte kommen würde, waren sämtliche Weidegründe unwiederbringlich abgegrast. Die Vorstellung bereitete mir zunehmend Bauchschmerzen und raubte mir den Schlaf. Natürlich glaubte ich nicht jede Heldentat anderer Jungen, aber manche bildhaften Erzählungen lassen blöderweise das Wasser förmlich im Munde kochen und an Schlaf ist dann erst Recht nicht zu denken. In meinem persönlichen Plan wollte ich mit einem leidenschaftlichen Kuss anfangen und mich langsam, aber sicher, hocharbeiten. Der Mann meiner Cousine Bärbel hieß Peter und war ein total peinlicher Schürzenjäger. Auf einem Fest verriet er mir aber glücklicherweise im Schnapsrausch, dass man aus einem Rudel Hasen nur dann einen fangen kann, wenn man sich auf einen Einzigen konzentriert. Sonst geht man leider leer aus. Das wollte ich beherzigen. Zuerst versuchte ich, die Auserwählte für mein Vorhaben auszulosen, aber das Losglück war mir nie hold. Danach wählte ich strategisch, katalogisierte alle Mädchen, die ich kannte und sortierte sie in Kategorien. Die Hübschesten hatten ausnahmslos schon ältere Freunde, die Kategorie musste ich leider schnell streichen. In die nächste Kategorie steckte ich alle, die mindestens ein besonders anziehendes Körperteil hatten. Lange Haare, faszinierende Augen und enge Klamotten galten natürlich auch. Meine Mutter meinte immer, Männer wären Singular fokussierend und könnten überhaupt nicht beurteilen, ob eine Frau hübsch ist. Mein Vater zählte dann schnell drei oder vier Merkmale meiner Mutter lobend auf, nur um meiner Mutter zu beweisen, dass er eine Ausnahme war. Heute weiß ich, dass sie nur Komplimente hören wollte, wenn sie über das eingeschränkte Gesichtsfeld der Männer herzog. Damals war mir das recht egal, auch jeder Gedanke darüber Verschwendung, ich wollte ja erst einmal nur küssen. In die dritte und letzte Kategorie sortierte ich die Mädchen, an denen mir irgendetwas gründlich missfiel und zwar dermaßen stark, dass mir beim Küssen wahrscheinlich die schlaffe Zunge in meinen Hals gerutscht wäre. In der zweiten, also brauchbaren, Kategorie waren erstaunlich viele Kandidatinnen. Ich habe Wochen gebraucht, jede potentielle Küsserin genau auszuloten. Immer wieder musste ich die Eine oder Andere noch in der Analysephase streichen, weil irgendein oberflächlicher Konkurrent nicht so viel Aufhebens machte und sie einfach wegschnappte. Ich ließ mich jedoch nicht beirren und näherte mich unaufhaltsam meiner zukünftigen Kusspartnerin. Nach schweißtreibenden Grübeleien hieß meine logische Wahl letztendlich Sybille und hatte einen wunderschönen, großen Busen. Sie war eine Klassenkameradin und ziemlich still. Sie gehörte nicht zu den kreischenden Groupies und ich war der Meinung, dass von diesen drei ominösen Syndromen das Helfersyndrom bei ihr am deutlichsten ausgeprägt war, denn sie löschte regelmäßig mit der freiwilligen Feuerwehr. Nachdem meine Auswahl abgeschlossen war, plante ich den Zugriff. Ich durfte natürlich nicht einfach mit der Tür ins Haus fallen oder womöglich aufdringlich wirken. Deswegen wollte ich Sybille lieber kusstaktisch auf den Geschmack bringen. Ich wollte sie dazu verführen, mir lippenmäßig möglichst nah zu kommen. Der Rest würde sich von selber ergeben, das stand für mich außer Zweifel. Wahrscheinlich war sie ebenso ausgehungert wie ich, deswegen zerbrach ich mir auch nicht zu viel den Kopf. Mir war es wichtiger, mich für den verfänglichen Akt genau zu koordinieren. Der erste Versuch ging leider gründlich daneben. Effektvoll wollte ich vor ihre Füße fallen. Als Tatort wählte ich die breite, hölzerne Schultreppe und übte einige Male nach dem Unterricht. Ich dachte mir, wenn ich einen Treppenabsatz hinunter kuller und direkt vor Sybille zum Liegen komme, hatte sie kaum eine Chance, mir zu entgehen. Meine Tests verursachten einige blaue Flecken, denn so einfach ist es nicht, eine Treppe geordnet hinunter zu fallen. Nach ungefähr zehn Mal purzeln hatte ich genug und wartete auf eine passende Gelegenheit. Ein paar Tage später kam der große Moment. Die zweite große Pause war vorbei und Sybille schlenderte mit zwei Freundinnen vom Schulhof ins Gebäude. Ich wartete auf dem ersten Treppenabsatz und schielte ihnen entgegen. Als die Drei die unterste Treppenstufe erreichten, schlich ich langsam höher. Dabei ging ich die Stufen extra langsam, denn sie musste ja etwas aufholen und ich durfte nicht zu früh fallen. Als ich sah, dass Sybille auf der drittletzten Stufe vor dem Treppenabsatz angekommen war, sprang ich schnell die letzten Stufen nach oben, knickte mit einem Bein ein und ließ mich von der Schwerkraft, seitwärts rollend, in Sybilles Arme treiben. Es polterte ziemlich heftig und wegen der Aufregung war mein Schwung auch viel zu groß, aber ich landete genau wie geplant auf dem Treppenabsatz, unmittelbar vor Sybilles Füssen. Meine Schulter und mein linker Arm schmerzten höllisch, so dass mir das Stöhnen ganz automatisch entwich. Sybille und ihre zwei Freundinnen guckten zuerst ganz erschreckt, aber schon einen Augenblick später blitzte das Helfersyndrom in ihren Augen. Sybille schrie, dass ich mich nicht bewegen sollte und rannte los, um Hilfe zu holen. Ihre zwei Freundinnen guckten mich mitleidig an und traten einen Schritt zurück. Nach einer Weile kamen zwei Lehrer gelaufen und tasteten meine Gliedmaßen ab. Weil die Schulter wahnsinnig schmerzte, riefen sie einen Krankenwagen und der Arzt verschrieb mir, wegen der dicken Prellung, eine Woche schulfrei. Während dieser unfreiwilligen Auszeit bekam ich genug Zeit zum Nachdenken. Das Problem war meiner Ansicht nach gewesen, dass Sybille nicht alleine war und deswegen wahrscheinlich Hemmungen hatte. Ich musste mir etwas Besseres ausdenken. Nun, auch wenn sich das jetzt etwas Serienkillermäßig anhört, aber ich hatte sie ja zum Glück genau ausgelotet und wusste deswegen über ihren Tagesablauf bestens Bescheid. Mir fiel recht schnell ein, wo ich sie alleine antreffen würde. Auf ihrem Weg von der Schule nach Hause, ging sie nämlich immer zwischen der Bahnlinie und den Schrebergärten entlang. Dort war ein idealer Ort, um ungestört zu küssen. Es fehlte nur noch ein geschickter Anlass. Ich erwähnte ja bereits, dass Sybille bei der freiwilligen Feuerwehr löschte und meine Idee war dadurch mehr als logisch. Ein bestätigender Zufall war der Umstand, dass der Schürzenjäger Peter in dem Schrebergarten eine Parzelle hatte, wo er Hasen züchtete. Während meine Schulter ausheilte, besuchte ich ihn täglich in seinem Garten. Schon nach zwei Tagen wusste ich, wo der Schlüssel für das Gartenhaus lag und wann der Peter seine Hasen verpflegte. Das nächste Puzzlestück meines Planes war schwieriger zu verwirklichen. Einer meiner Cousins hieß Detlef und war ein lauter HSV-Fan. Der schlief sogar in seinen blau-weißen Vereinsschal gewickelt und leider waren die Themen, über die man sich mit ihm unterhalten konnte, extrem eingeschränkt. In Cousin Detlef versteckte sich allerdings, trotz seines Fußballplatzhorizontes, das Wissen über ein Geheimnis, welches ich dringend in Erfahrung bringen musste. Erschwerend kam hinzu, dass Cousin Detlef seine gesamte freie Zeit in dem Vereinsheim des örtlichen Fanclubs verbrachte. Es war dort schlimmer als in der sprichwörtlichen Höhle des Löwen, vor allem für Unwissende wie mich. Außer Uwe Seeler kannte ich keinen einzigen deutschen Fußballspieler und erst recht wusste ich nichts von aktuellen Tabellenplätzen oder irgendwelchen Spielergebnissen. Ohne einen genialen Trick wäre ich aufgeschmissen gewesen. Es war klar, dass ich mich zumindest soviel mit Fußball beschäftigen musste, damit ich die Spielergebnisse vom HSV kannte, wenn ich Detlefs Geheimnis herauskitzeln wollte. Allerdings machte ich mir darüber unnötig Sorgen. Schon am ersten Samstagabend war klar, dass der HSV verloren hatte. Der Fanclub marschierte aggressiv prügelnd, aber mit hängenden Köpfen, zurück ins Heim. Dann schloss sich die Tür und es herrschte trauernde Stille, die nur ab und zu durch einen Fan, der sein Bier nach draußen in die Büsche brachte, gebrochen wurde. Nach langem Grübeln entschied ich mich, lieber einen euphorischen Moment abzuwarten. Zwei Wochenenden später war es endlich soweit. Der HSV gewann mit Glück und der Triumphzug der Fans kurvte grölend und singend ins Vereinsheim zurück, um dort die glücklichen Emotionen aus den abgedunkelten Fenstern sprühen zu lassen. Ich kaufte schnell noch einen ganzen Kasten Bier als Begleitschutz und ging zuversichtlich zum Angriff über. Eine Flasche Bier für Cousin Detlef versteckte ich in meiner Hose, denn ich wusste ja nicht, ob der Kasten bis zu ihm reichen würde. Danach riss ich einen Ärmel von meinem Hemd und alle Knöpfe ab. Ich kann schon einmal vorwegnehmen, dass ich nach dem Überfall auf das Heim total heiser war. Tagelang hatte ich die einschlägigen Parolen im Keller auswendig gelernt, aber nicht weil der Wortschatz so umfangreich gewesen war, sondern weil man die spezielle Art des Ausdruckes und die Lautstärke echt üben musste. Obwohl ich mir ein dickes Tuch vor den Mund hielt, bekam mein Vater das Theater mit. Als er mich daraufhin fragte, ob ich das Ganze für ein Mädchen einstudiere, war mir das ganze ziemlich peinlich. An der Tür des Heimes angekommen, klopfte ich mit dem Bierkasten an die Tür, das macht man dort so. Kaum, dass die Tür aufgerissen wurde, grölte ich mein: »Ey, gewonnen!« dem blauweißen Schal entgegen. Sofort griff sich der Schalträger mit jeder Hand zwei Flaschen aus dem Kasten und winkte mich, während mir das Trommelfell von seiner gelallten Antwort fast platzte, in die Höhle hinein. Mutig steuerte ich ein paar Fetzen zu dem ohrenbetäubenden Kriegsgesang der hüpfenden Heimbewohner bei und drängte mich tief, mit dem Bierkasten vor dem Bauch, in das dunkle Loch hinein. Nach sechs Schritten waren alle Flaschen weg, ich ließ meinen leeren Begleitschutz einfach fallen und versuchte hüpfend meinen Cousin Detlef zu finden. Nach ein paar Metern war mein Abenteuer fast zu Ende, weil einem Fan auffiel, dass ich keinen Schal trug. Als ich ihn jedoch an grölte, der wäre von den Verlierersäcken geklaut worden und ihm mein zerrissenes Hemd zeigte, war er zufrieden und trank rülpsend weiter. Meinen Cousin Detlef fand ich schließlich in einer Ecke liegend. Er war vollkommen betrunken, aber das erschien mir ganz recht. Ich zog einen kräftig aussehenden Kerl an seinem Schal zu mir heran und schrie ihm ins Ohr, das er anpacken sollte. Über meine Kaltschnäuzigkeit musste ich mich echt selber wundern. Ich war jedoch dermaßen überzeugend, dass der torkelnde Muskelmann den fertigen Cousin ganz allein vor die Tür schleppte. Als der betrunkene Detlef mit dem Rücken an der Wand auf dem Boden hockte, begann ich mein Verhör. Leider war er total unkonzentriert und ich musste ihn andauernd schütteln. Die Flasche Bier aus meiner Hose und meine geschickte Geschichte, dass ich mich an den Verlierersäcken rächen wollte, die mich überfallen und meinen Schal geklaut hatten, führte nach unendlich oft wiederholten Aufforderungen und nervigen Schlachtrufen irgendwann zu dem gewünschten Ergebnis. Ich lüftete das Geheimnis, wie man eine Rauchbombe herstellt. Ich war vollkommen überrascht, dass es so einfach war und dass man nur Pökelsalz und Zucker brauchte. Zufrieden ließ ich meinen Cousin Detlef mit der halb leeren Flasche allein und flüchtete aus dem Dunstkreis der Ballfreunde. Am nächsten Nachmittag versuchte ich das Pökelsalz aufzutreiben. Da man das reine Pökelsalz nicht einfach irgendwo kaufen konnte, musste ich zum Metzger. Der Metzgersfrau tischte ich die Geschichte auf, dass ich einen Hasen schlachten und ihn pökeln wollte. Zuerst wollte sie mir nichts verkaufen, aber nach langem Betteln und vielen unschuldigen Blicken schenkte sie mir eine große Tüte mit dem wichtigen Pökelsalz. Der Rest war kein Problem. Ein Einmachglas aus dem Keller, Zucker aus der Speisekammer, Wunderkerzen aus dem Weihnachtsdekorationskarton vom Dachboden und fertig war mein Animationsprogramm. Die Show für Sybille setzte ich für den darauf folgenden Freitag an. Die Schule war mittags zu Ende und der Schürzen-Peter saß dann normalerweise zuhause beim Mittagessen. Um genug Zeit für die Vorbereitungen zu haben, ging ich nach der vierten Stunde vorzeitig mit Magenschmerzen nach Hause. Alle Utensilien verstaute ich in einer Plastiktüte und machte mich vergnügt auf den Weg zu den Schrebergärten. Der Schlüssel wartete auf dem Holzbalken unter dem Dach. Peter war weit und breit nicht zu sehen. Der Schrebergarten lag nur ein Grundstück von Sybilles Weg entfernt. Ich wollte ordentlich Rauch machen und mich von ihr retten lassen. In der Gartenhütte stand ein altes Sofa, darauf wollte ich, bequem liegend, aufs Küssen warten. Den Tisch schob ich etwas zur Seite, damit Sybille problemlos an mich heran kam. Die Herstellung der rauchenden Mischung war kinderleicht. Zu gleichen Teilen musste das Pökelsalz und der Zucker im großen Einmachglas gemischt werden. Ich füllte zur Sicherheit das Glas fast bis zum oberen Rand, denn ich wusste nicht, wie viel Rauch entstehen würde. Mit der Wunderkerze wollte ich das Gemisch anzünden. Damit meine Rauchquelle nicht so schnell auffiel, baute ich aus einem alten Drahtkorb und einem Kartoffelsack eine Haube und verstaute alles unter dem Tisch. Eine Wunderkerze und ein Feuerzeug legte ich bereit. Nun konnte Sybille kommen. Ich schlich durch den Garten bis zum Weg und wartete hinter einem Gebüsch auf sie. Ich hatte noch ewig viel Zeit und das Warten wurde mir echt lang. Nach ungefähr einer halben Stunde entdeckte ich Sybille endlich von weitem. Ich lief schnell zurück zum Gartenhaus und zündete die Wunderkerze an. Dann hielt ich den funkensprühenden Stab in meine Zaubermischung. Es geschah allerdings nichts, außer das die Wunderkerze ausging. Hektisch nahm ich zwei neue Kerzen und zündelte erneut. Mein Gemisch aus Pökelsalz und Zucker qualmte nach ein paar Sekunden kräftig. Als der Raum fast eingenebelt war, stülpte ich den Drahtkorb und den Sack über das Einmachglas. Es war perfekt, es qualmte wunderbar. Ich schlich zur Tür und lugte hinaus, um Sybilles Ankunft mitzubekommen. Es dauerte nicht lange, da konnte ich nichts mehr sehen und fing an zu husten. Als der Hustenkrampf nicht aufhörte, die Augen tränten und mir speiübel wurde, gab ich meinen Beobachtungsposten auf und torkelte hustend aus der Hütte raus. Ein paar Meter entfernt ließ ich mich ins Gras fallen und übergab mich erst einmal ordentlich. Ich bekam überhaupt nicht mit, dass Sybille mich erreichte. Erst als mich zwei Hände unter den Achseln packten und über den Rasen schleiften, registrierte ich, dass mich jemand rettete. Es war Sybille. Sie zog mich geschwind durch den ganzen Garten und lehnte mich in sicherer Entfernung an den Zaun. Ich hustete derweil kräftig und versuchte mit vertränten Augen zu erkennen, was Sybille tat. Genau genommen tat sie allerdings rein gar nichts, außer ganz ruhig auf mich einzureden und mich husten zu lassen. Mir war damals nicht klar gewesen, dass eine Mund zu Mund Beatmung erst bei Bewusstlosen und bei Atemstillstand durchgeführt wird. Nach einer Weile ließ der Hustenkrampf nach und ich bekam mühsam wieder Luft. Das Gartenhaus qualmte heftig und in der Ferne hörte ich ein Martinshorn. Im Krankenhaus musste ich nicht lange bleiben. Nach eingehender Untersuchung wurde ich als geheilt eingestuft und durfte nach Hause. Ich war nur froh, dass niemand den wahren Grund meiner Rauchbombe herausfand und dass alle Hasen überlebt haben. Das wäre mir wirklich peinlich gewesen. Alle dachten, ich hätte in der Hütte experimentiert und das durchschlagende Ergebnis war mir über den Kopf gewachsen. Der Peter war natürlich sauer, weil die Hütte beim Löschen nass wurde. Mein Vater blickte mich mit hochgezogenen Brauen tadelnd an, als er mich im Krankenhaus abholte. Bei meiner Mutter war ich mir nicht ganz sicher, ob sie nicht vielleicht etwas ahnte, denn am nächsten Morgen stand auf dem Frühstückstisch ein Strauß Blumen. Als ich sie fragte, für wen der sei, entgegnete sie mit einem merkwürdigen Blick, dass ich mich bestimmt bei Sybille bedanken wollte. Gut, da hatte sie natürlich recht. Direkt nach dem Frühstück stiefelte ich also los und brachte meiner Retterin den Blumenstrauß. Sybilles Mutter öffnete auf mein Klingeln und begrüßte mich freundlich. Als Sybille an der Tür erschien, rutschte mir allerdings das Herz in die Hose und ich bekam einen Stotterkrampf, auch wenn sie gar nicht wissen konnte, warum die Hütte so qualmte. Für die Blumen ergatterte ich eine umhüllende Umarmung und einen zärtlichen Kuss, auch wenn sie nur meine Wange traf. Mit hochrotem Kopf und glühenden Wangen verabschiedete ich mich schnell, um auf dem ganzen Heimweg über dieses schöne, weiche Gefühl der Umarmung ausgiebig vor mich hin zu schwärmen. Nachts konnte ich natürlich nicht schlafen, weil irgendwelche aufgeregten Tierchen in meinem Bauch ein Fest feierten. Aber ich hatte auch Zeit, Entscheidungen zu treffen. Meine verzweifelten Versuche, die weibliche Psyche auszutricksen, wollte ich einstellen. Man muss erkennen, wann etwas erfolglos ist. Die ominösen Syndrome der Mädchen wollte ich aber genauer beobachten, denn mir schwante, dass es noch andere Einflussfaktoren gab. Am nächsten Morgen stand ich früh auf, obwohl ich noch nicht geschlafen hatte. Nach dem Frühstück lief ich zur Tankstelle und kaufte einen neuen Strauß Blumen. Damit schlenderte ich wieder zu Sybille. Als ich klingelte und Sybilles Mutter öffnete, schaute sie mich ganz schön erstaunt an, aber sie sagte nichts, sondern rief ihre Tochter zur Tür. Sybille war nicht minder erstaunt und blickte mich ziemlich fragend an. Ich ließ mich jedoch nicht beirren und faselte mit hochrotem Kopf, dass mir ihre Umarmung und ihr Kuss so gut gefallen hatten, dass ich nicht schlafen konnte und dass ich dringend eine Wiederholung brauchte. Sybille musste laut lachen, als ich zerknirscht den zweiten Blumenstrauß rechtfertigte. Trotzdem erhielt ich diesmal nicht nur eine Umarmung, sondern auch einen richtig zärtlichen Kuss auf meine bebenden Lippen. Ich glaube, ich habe sie danach angegrinst wie ein Depp mit heißen Ohren, aber das schien sie nicht weiter zu stören. Als Sybille mit dem Strauß in der Hand zurück ins Haus ging, drehte sie sich noch einmal um und fragte lächelnd, ob ich bald wieder Blumen bringen würde. Ich konnte nur stumm nicken, so dick hatte sich der Froschkönig in meinem Hals aufgeplustert.

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