Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
In dieser Anthologie äußern sich Österreichische Schriftsteller zum Thema Barmherzigkeit. Die Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters, die das Herz für fremde Not öffnet und sich dem Notleidenden mildtätig annimmt. Also mehr als Mitleid.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 289
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Not der Menschen
von Herta Margarete Habsburg-Lothringen
Vorwort
von Kurt Svatek
Victoria Bösze
Sophia Benedict
Friedrich Damköhler
Franz Forster
Jadranka Klabučar Gross
Ingeborg Halzl
Fakuda Hazuki
Bernhard Heinrich
Sonja Henisch
Ingrid Karner
Eva Kittelmann
Emma Klinger
Margit Margreiter
Anton Marku
Elmar Mayer-Baldaseroni
Eva Meloun
Peter Mitmasser
Eva Novotny
Doris Pikal
Verena Prandstätter
Jordi Rabasa-Boronat
Andrea Roitner
Ingrid Schramm
Reinhard Schwarz
Michael Stradal
Peter Paul Wiplinger
Hermes Maximilian Zeller-Lehmann
Unsere Organisation Flame of Peace nimmt Not der Menschen sehr ernst. Dank unseren Spendern-Unterstützern und allen freiwilligen Mitwirkenden und Delegierten können wir vieles im sozialen Bereich bewirken. Z. B. unterstützen wir in der Ukraine die Kinderheime, Familien in Bergdörfer – damit die Kinder die Schule besuchen können; Krankenhäuser unterstützen wir mit diverser nötigster Ausstattung. Weltweit setzen wir uns für die Kinder und für die Bildung ein.
Auch haben wir den Brunnenbau in Kamerun für eine Schule und für die ganze Region unterstützt. Sowie wird den Frauen mit Kindern ideell wie materiell geholfen, auch den Menschen, die von Armut betroffen sind. Obdachlose werden mit warmer Kleidung und warmen Essen sowie auch ideell unterstützt.
Unser Projekt in den Schulen auf internationaler Basis ist dazu da, um Angst vor der Fremde und den Fremden zu nehmen.
Der Bereich Kommunikation und Dialog wird gefördert – im Bemühen Freundschaften zu schließen, Brücken zu schlagen, Grenzen zu überwinden, Hilfe leisten überall dort, wo es das Schicksal mit Menschen anders gemeint hat.
Unser Projekt „Trees for Peace“ ist zum Schutz für unsere Natur und die Umwelt da. Gemeinsam mit Menschen aller Länder dieser Erde pflanzen wir kleine Bäumchen – auch als Zeichen der Freundschaft und des Friedens.
Wir sehen unsere Aufgaben ebenso darin, an unsere Jugend die Achtsamkeit der Werte weiter zu geben, Mut zu spenden und Unterstützung an alle zu geben, die sich für Frieden und Freiheit einsetzen.
Wenn der Refrain eines alten Liedes lautet: „Schlag nach bei Shakespeare“, so gilt wohl für die deutschsprachige Literatur: „Schlag nach bei Goethe“. Im Faust II, lässt er Nereus sagen: „Hoch ist der Doppelgewinn zu schätzen: Barmherzig sein, und sich zugleich ergetzen.“ Damit steht er sehr wohl im Gegensatz zur antiken Philosophie, in deren Zentrum nach Michel Foucault eigentlich nur die Sorge um sich selbst steht. Die Barmherzigkeit aber ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters, die das Herz für fremde Not öffnet und sich dem Notleidenden mildtätig annimmt. Also mehr als Mitleid. So ist es wohl auch kein Zufall, dass die meisten der großen Weltreligionen Barmherzigkeit fordern und nicht zufällig kommt der Begriff Barmherzigkeit aus der gotischen Kirchensprache und ist wohl eine Übersetzung des lateinischen „misericors“.
Im Gegensatz zu den sieben Todsünden kennt das Christentum sieben leibliche und sieben geistige Werke der Barmherzigkeit. Die ersteren wären: Hungrige speisen, Durstigen zu trinken geben, Fremde beherbergen, Nackte kleiden, Kranke pflegen, Gefangene besuchen und Tote bestatten. Gerade beim dritten und sechsten scheiden sich wohl oft die Geister.
Zu den geistigen Werken zählen etwa: Unwissende lehren, Zweifelnde beraten, Trauernde trösten oder Beleidigern gern verzeihen. Nun, nicht alles davon fällt leicht. Papst Franziskus schlug 2016 vor, die körperlichen und geistigen Werke der Barmherzigkeit um die Sorge um die Schöpfung zu erweitern. Ein wohl auch politisch mehr als aktuelles Thema in diesen Tagen. Wenn Konfuzius die Güte des Rangoberen gegenüber den Unteren betont, setzt er sich damit wohl der Kritik Nietzsches aus. Denn ohne dem anderen auf Augenhöhe zu begegnen, wird Barmherzigkeit nicht funktionieren können. Vielleicht fällt es manchmal schwer, zu geben. Noch schwerer fällt es aber den meisten, die Gaben anzunehmen. Das nagt schon oft sehr am Selbstbewusstsein.
Diese Anthologie stellt sich diesen zu allen Zeiten wichtigen Themen und eröffnet dazu die verschiedensten Einblicke, Ausblicke, Zugänge und Standpunkte.
Möge wir Ludwig Anzengruber eines Besseren belehren, wenn er meint: „Nicht die Natur, nur der Mensch kennt Erbarmen, aber nicht oft lässt er es walten.“
Geboren 1942 in Wien, lebt in Bad Deutsch Altenburg. Haushaltungsschule Baden, Handelsschule, Gesangsstudium. Veröffentlichungen: „Tatort Schule“, „Enrico und das Dorf im Wald“, „Geburtstag auf dem Dachboden“, „Die geheime Werkstatt“, „Die verschluckte Trompete“, „Mein Osterhasenbuch“, „Hundegeschichten mit Rex“, Kurzgeschichten in div. Anthologien und in geschichtenbox.com.
EIN SIECHENHEIM DER MUTTER TERESA
Was ist Barmherzigkeit?
Es gibt viele Definitionen, und alle haben in etwa die gleiche Bedeutung, den gleichen Sinn, und der findet sich auch in allen Religionen wieder. Barmherzigkeit ist Herzenssache, gelebte Menschlichkeit, tätige Nächstenliebe und nicht nur das bloße Gefühl des Mitleidens.
Anlässlich einer Sendung über Mutter Teresa habe ich im Fernsehen Bilder von Siechenheimen ihres Ordens gesehen. Das war schrecklich, traurig und berührend. Und dann hatte ich tatsächlich die Möglichkeit, im Rahmen meines Indien-Aufenthaltes ein solches Heim zu besuchen.
Wir feiern den 1. Advent. Weit draußen am Stadtrand von Bangalore liegen hinter einer kleinen Kirche und umgeben von einem Stück Land für Obst und Gemüse, einige langgestreckte niedere Gebäude. Eine junge Schwester in der typischen Tracht des Ordens – weißer Sari, blau-weiß gestreifte Schärpe – führt uns herum. Wir fünf – das sind Pater Antony, ein Bruder der Salesianer, die Mädchen Sona und Bijolli und ich, sind etwas beklommen.
140 Menschen leben in diesen Häusern, vegetieren vor sich hin – Männer, Frauen, Kinder. Menschen von der Straße, Menschen, die die Familie ausgestoßen hat, weil sie ihr zur Last fielen: Behinderte, Unheilbarkranke, Depressive, Debile, Sterbende. Sie alle haben hier ein Dach über den Kopf bekommen. Sie sollen die letzten Tage ihres Lebens hier verbringen und in Würde sterben dürfen.
In einem Frauentrakt stinkt es grässlich nach Fäkalien und Fäulnis, obwohl mehrmals am Tag die Räume und der Hof mit dem Wasserschlauch gespült werden. Eine Frau, die sich nur in der Hocke fortbewegen kann, befingert unsere Kleider; ein alter Mann vor einem Fernseher wiegt sich im Korbstuhl vor und zurück, er lächelt, aber es ist eine erstarrte, eingefrorene Grimasse; Menschen auf Pritschen, kaum fünf Zentimeter über dem Fußboden, wie leblos, mit wächsernen Gesichtern, weit aufgerissenen Augen; auf dem Hof eine Frau, die abwechselnd weint und schreit, und vor ihr ein kleiner Junge, vielleicht drei Jahre alt, nackt und schmutzig, der der Frau beständig mit den Händchen über die Wangen streicht. Ist sie seine Mutter? Was wird aus ihm, wenn die Mutter stirbt? Die Begleitschwester beruhigt: Er würde in ein Waisenhaus der Salesianer-Schwestern kommen und dort zur Schule gehen.
Die jungen Schwestern, denen wir begegnen, haben alle ein freundliches Gesicht, oftmals lächeln sie, trällern vor sich hin. Die älteren Schwestern und die alten haben ernste, verschlossen-muffige Gesichter mit abgestumpftem Blick. Die Arbeit unter den Kranken und Sterbenden verlangt viel Kraft und Geduld, durch ihr Gelübde sind sie daran gebunden. Was ihr einem eurer Brüder tut, das habt ihr mir getan. Die Aussicht auf eine Belohnung im Jenseits ist wohl die Triebfeder ihres Handelns, nach außen hin Barmherzigkeit, Humanität, Nächstenliebe zeigend. Ob es die auch gäbe ohne die Aussicht auf das Ewige Leben?
Es ist ein Bild des Elends, das uns gezeigt wird, obwohl nur ein Ausschnitt, ein Bild des Abgrundes, des Jammers. Ich denke an die Bilder, vom Fernsehen ausgestrahlt, da ist das Elend nicht so jämmerlich wie hier bei der unmittelbaren Berührung. Der Film verniedlicht das Niedrige, der Schmutz auf dem Bildschirm ist nicht so schmutzig wie der Dreck, dem dein Fuß auszuweichen sucht, die Schreie im Mikrophon nicht so grell wie jene nahe deinem Ohr, und das Duftfernsehen hat unsere Wohnungen auch noch nicht erreicht, um uns den Geruch des Sterbens mitzuteilen. Nichts ist so eindringlich wie das direkt Erlebte, das einen selbst be-trifft. Der direkte Kontakt vermittelt einem das Gefühl, selber schmutzig, verkrüppelt, blöde, ausgestoßen, aber auch hilflos zu sein.
Aber warum ist dieses Heim so schmutzig? Zum einen gibt es zu wenige Schwestern, die sich zu dieser Tätigkeit berufen fühlen, zum anderen lebt der Orden ausschließlich von Spenden, und die fließen spärlich. Die Menschen spenden eher für Lebende als für Tote und Sterbende. Für jedes Medikament, jede Decke, jedes Putzmittel und das Essen müssen die Schwestern selbst aufkommen; es gibt keine Zuschüsse. Ich bewundere die Schwestern, wie sie mit Krankheit, Tod, Schmutz und Armut fertig werden. Später frage ich die Mädchen, ob sie sich vorstellen könnten, unter diesen Bedingungen zu arbeiten, und die Antwort ist ein entsetztes „No!“, Schwestern ja, aber nicht hier.
Ein etwas vergammelter älterer Mann führt uns in seine Wohnung. Es ist bloß ein Zimmer und dient ihm als Wohn- und Schlafraum ebenso wie als Küche. Alles, Boden, Bett, Tisch wirkt ungepflegt. Er bietet uns Teigtaschen aus Blätterteig an. Pater Antony ermuntert uns zuzugreifen, der Mann sei ein guter Koch. Ich habe keinen Appetit, besonders nach all dem, was ich gesehen habe, aber höflichkeitshalber nehme ich dann doch eines der Samosas. Es schmeckt köstlich! Ich ermuntere die Mädchen, aber sie verziehen nur angewidert das Gesicht.
Wie sich herausstellt, ist der Mann der Pfarrer der Kirche. Dieser winzige Raum, in dem wir eingeladen sind, ist seine Bleibe, seine Wohnung. Sie liegt im hinteren Teil des Gotteshauses, was nicht sofort zu erkennen ist. Die Kirche selbst ist ein interessanter Bau, sie hat die Form eines Flugzeuges, das fällt von außen kaum auf, nur im Kirchenschiff selbst ist die Konstruktion erkennbar. Da die Kirche in der Nähe einer Siedlung für Flugpersonal liegt, hat man diese Bauweise gewählt. Das Siechenhaus der Schwestern ist später dazu gekommen und hat offenbar auf die Kirche abgefärbt, weil seither die Zahl der Gottesdienst-Besucher stetig abnimmt. Die geübte Barmherzigkeit bleibt also den Schwestern der Mutter Teresa und dem Pfarrer vorbehalten.
Geboren in der UdSSR. Universitätsabschluss mit dem Diplom für Publizistik. Arbeitete in Zeitungen, Zeitschriften, Radio und Fernseher. Weiterbildung in Wien, wo sie seit 1984 lebt und arbeitet. Langfristige Akkreditierung als Journalistin und Pressefotografin beim Österreichischen Bundeskanzleramt. Gleichzeitig widmete sie sich der Wissenschaftsjournalistik. Zahlreiche Publikationen in Zeitungen und Fachzeitschriften, über 20 Buchveröffentlichungen in Deutsch und Russisch (Sachbücher, Übersetzungen, Lyrik und Prosa).
ICH HAB ALLES VERSTANDEN, MAMA!
«Geh’ma zu McDonald´s!»
«Vielleicht besser zum Kebab?»
«Nein, besser McDonald´s!»
«Also, gut!»
«Aber wenn du …»
«Gut, gut, geh’ ma zum Mac!»
«Hast du gestern was abgekriegt, als du spät nach Hause gekommen bist?»
«Nein, meine Mutter hatte keine Zeit, mein kleiner Bruder war krank, sie hat sich um ihn gekümmert.»
«Deine Mutter ist okay! Meine beginnt sofort zu schreien, deine aber …»
«Es kommt vor, dass meine auch … Nein, sie tut nicht schreien, sie kann einen aber so anschauen … Manchmal denke ich, es wäre mir lieber, wenn sie brüllte.»
«Ist sie streng?»
«Sie hat es schwer ohne Vater».
«Wofür hat man deinen Vater …?
«Er hat ein Fläschchen Parfüm mitgehen lassen … Er wollte meiner Mutter ein Geburtstagsgeschenk machen.»
«Lüg nicht! Für eine Flasche Parfüm kommt keiner in Knast!»
«Tja … Er hat die Verkäuferin angeschrien. Sie war erschrocken. Die Polizisten haben dann bei meinem Vater ein Taschenmesser gefunden …»
«Die Österreicher stehlen auch, ich habe selber gesehen.»
«Das sind Österreicher …»
McDonald´s war voll. Mit Mühe drängte ich mich zum kleinen Tisch am Fenster durch. Ein Bursche hat mir Bein gestellt, ich bin fast gestürzt, zusammen mit dem Tablett. Also, ist mir ein tschetschenisches Schimpfwort ausgerutscht und dann noch ein paar russische. Ich stellte das Tablett auf den Tisch und ging zu jenem Burschen zurück. Er saß mit anderen an einem kleinen Tisch.
«Das hast du absichtlich gemacht», sagte ich, «geh’ ma raus!»
Der Bursche ist aufgestanden und ist mir ruhig zum Keller gefolgt, dorthin, wo die Toiletten sind. Der Gang war leer. Dann habe ich es ihm gegeben. So, ganz leicht mit der Faust nur gestoßen. Er hat sich aber nicht gerührt. Das hat mich noch mehr geärgert, ich stieß ihn wieder. Da ist er ausgewichen und hat friedlich gesagt:
«Hey, du bist kein Österreicher. Und ich dachte, dass du ein Österreicher wärst …»
«Was meinst du damit?»
«Du siehst wie ein Österreicher aus.»
«Ich bin Tschetschene! »
Viele Tschetschenen haben helles Haar und helle Augen, so wie ich, man glaubt oft, dass ich ein Österreicher wäre.
«Ich dachte, du wärst ein Österreicher», wiederholte der Bursche ruhig.
«Und wo kommst du her?», fragte ich entgegen.
«Wir kommen aus Bosnien. Verzeih, Bruder! Wir sind doch Brüder, nicht wahr? Moslems. Wir dürfen uns nicht streiten. Ich war im Unrecht. Verzeih mir.»
«Gut», sagte ich.
Wenn man um Verzeihung bittet, ist es unmöglich, sich weiter zu ärgern.
Ich schaute zur Seite und sah ein Mädchen die Treppe heruntersteigen. Wir beide starrten sie an. Sie war sehr hübsch, ihr Röckchen war sehr kurz und oben hatte sie so gut wie fast nichts, irgendeinen Stoffflicken über der Brust, ihr Bauch war nackt. Wir glotzten sie an, bis sie hinter der Toilettentür verschwand.
Mein Freund Saschka wartete auf mich.
«Was ist los?»
Ich erzählte es ihm. Saschka zuckte mit den Schultern:
«Idioten!»
Er meinte die Bosnier.
Wir aßen und dann tranken wir langsam Cola aus Strohhalmen. Jener Bursche und seine Freunde blieben auch sitzen, obwohl sie mit ihren Hamburgern längst fertig waren. Wir hörten etwas aus ihrem Gespräch. «Lässt du das einfach so geschehen?», sagte ein Bursche zu dem, mit dem ich mich schon zurechtgefunden hatte. Bosnisch ist eine slawische Sprache, also dem Russisch sehr ähnlich, so können wir auch etwas davon verstehen. Jener Bursche schwieg.
Kurz gesagt, sie kamen an uns heran und sagten, dass wir auf die Straße hinausgehen sollen. Also sind wir eben hinausgegangen und haben uns unter irgendeinen Torbogen begeben. Kein Mensch ringsumher. Sie waren drei, wir zwei. Aber ich fürchtete mich nicht. Äußerlich sind Saschka und ich nichts Besonderes, aber wir sind sehr stark, und Saschka lernt Taekwondo.
«Gebt uns sofort eure Telefone und leert eure Taschen!», sagte einer der Burschen auf Deutsch.
Da hat Saschka ohne nachzudenken ihm eine geklebt. Und zwar ordentlich! Ohne was zu sagen. Ohne Worte. Der Bursche erwartete das nicht, der Schlag war aber so kräftig, dass er auf die Knie fiel und Blut aus seiner Nase strömte. Den anderen habe ich einfach kräftig gestoßen und er ist umgekippt. Jener Bursche, mit dem ich mich vorher fast verbrüdert hatte, stand einfach an der Wand, er wollte nicht raufen, aber Saschka hat das nicht verstanden, blitzschnell hat er mit dem Ellbogen seinen Hals an die Wand gedrückt.
«Nun, gebt uns jetzt eure Telefone! Und Geld auch! Also pronto! », brüllte Saschka.
Sein Gesicht strahlte Bosheit aus, die Bosnier glaubten, dass er ihren Freund zu Tode drücken würde. Der Bursche wollte etwas sagen, aber aus seiner Kehle drang nur ein heiseres Röcheln, als hätte man auf dem Schnellkochtopf das Ventil geöffnet. Da erschrak sogar ich. Die Burschen haben sofort ihre Mobiltelefone auf den Boden geworfen. Eines war ein iPhone, sicher geklaut. Sie haben auch ihre Taschen herausgezogen, aber an Geld war da fast nichts, fünf Euro und ein paar Münzen.
Ich habe die Telefone und das Geld eingesammelt. Saschka hat die Burschen gehen lassen, und dabei gedroht, dass er sie alle umlegen würde, sollten sie zur Polizei gehen. «Versprecht ihr mir, dass ihr nicht zur Polizei geht?» Sie versprachen.
Auf so einen Freund wie Saschka kann man sich verlassen. Er ist ein Jahr älterer als ich, also, ist er für mich wie eine älterer Bruder.
Die Bosnier sind dennoch zur Polizei gegangen. Wahrscheinlich, haben sie ihre Eltern dazu gezwungen. Ich hätte schwören können, dass sie nicht zur Polizei gehen würden, so mies haben sie sich gefühlt als wir weggingen. Doch wir waren tatsächlich quitt, sie haben angefangen, und sie haben einfach nicht erwartet, dass die Sache so eine Wendung nehmen würde. Wir, ich und Saschka, haben mit denen das gemacht, was sie mit uns machen wollten, nur ihnen ist das nicht gelungen. Sie haben alles das verdient! Ich und Saschka sind nicht schuldig. Im Gegenteil! Es war wie im Kino, wo die gerechten Rächer siegen. Die Gerechtigkeit war unser, wir haben gesiegt.
Die Polizisten dachten aber anders. Die Burschen liefen sofort ins Krankenhaus, also wurden sie zu Opfern und wir waren die Täter. Ihre Wunden sind schon längst verheilt, wir aber sitzen immer noch in Untersuchungshaft. Jetzt sagen Sie mir selbst, wo ist die Gerechtigkeit?! Man sollte diese Bosnier in den Knast stecken, nicht uns! Sie haben doch angefangen!
Die Bedingungen im Knast sind eigentlich nicht so schlecht, wie ich erwartet habe. Die Zelle hat vier Betten, so wie ein Zimmer in einem Wohnheim. Drei Mal am Tag bekommen wir was zum Essen. Es ist nicht schön, aber man kann leben. Nur verrecke ich vor Langeweile! Von Tag zu Tag fühlte ich mich schlechter. Saschka saß in einer anderen Zelle, ich sah ihn nur einmal im Gang. Dafür kam meine Mutter mich sehr oft besuchen. Es ist gut, dass ich in Wien geblieben bin, sonst wäre sie nicht zurechtgekommen, doch muss sie auch meinen Vater besuchen.
Meine Mutter tut mir leid. So leid, dass mein Herz stehen bleibt. Doch bin ich der «Älteste» seitdem mein Vater im Gefängnis sitzt, jetzt aber ist sie ganz allein mit den Kleinen geblieben. Sie ist aber sehr mutig, meine Mutter. Sie schrie mich nicht an, sie schimpfte nicht, sie weinte nicht einmal, sie sagte nur ganz leise:
«Erzähl bitte ehrlich, wie das alles passiert ist.»
Also, ich habe eben erzählt. Alles ganz klar und offen! Ich habe doch nichts zu verbergen, ich und Saschka, wir haben doch recht.
Nachdem sie die Geschichte gehört hat, sagte meine Mutter, dass wir einfach weggehen hätten sollen, in die U-Bahn steigen, wo viele Menschen sind, dann wäre nichts geschehen. Tja … Meine Mutter ist eine Frau, sie kann das nicht verstehen. Das war eine Ehrensache! Wir konnten nicht weglaufen wie die letzten Feiglinge! Wir hätten uns dann selbst nicht mehr achten können. Und diese Bosnier, sie sind Schweine! Sie haben angefangen. Dann haben sie doch versprochen, nicht zur Polizei zu gehen, und sie haben ihr Wort gebrochen.
Meine Mutter schüttelte den Kopf:
«Denk selbst nach: Wenn jemand dich verprügelt und dein Telefon weggenommen hätte, was hättest du gesagt?»
Warum soll ich darüber nachdenken? Mir hat keiner etwas weggenommen, weil ich mich verteidigen kann. Weil ich ein echter Mann bin. Ich bin erst sechzehn, aber ich weiß schon, wo es langgeht. Das alles konnte ich meiner Mutter nicht erklären. Nicht, weil mir die nötigen Wörter fehlen, sondern weil sie eine Frau ist. Frauen können solche Sachen nicht verstehen. Andererseits konnte ich meine Zunge nicht bewegen, so leid tat sie mir. Und jetzt ist sie alleine mit meinen kleinen Geschwistern.
Meine Mutter ist sehr tapfer.
Sie und mein Vater sind immer noch so etwas wie ein Liebespaar. Unsere Bekannten wundern sich, sie finden das seltsam. Obwohl meine Eltern schon so lange verheiratet sind, gehen sie miteinander untergehakt. So etwas ist unter Tschetschenen nicht üblich. Meine Mutter ärgerte sich manchmal über meinen Vater, weil er zu viel Zeit mit seinen Freunden verbrachte, sie wünschte, dass er nach der Arbeit sofort nach Hause ginge. Jetzt aber sitzt er im Knast und keiner besucht ihn außer Mutter, alle seine Freunde sind verschwunden, keiner interessiert sich für ihn. Mein Vater ist ein echter Mann, aber er verbarg nicht, wie er meine Mutter liebt, er wollte ihr zum Geburtstag ein Parfüm schenken. Meine Mutter liebt Parfüm. Jetzt aber sagt sie, es sollte überhaupt kein Parfüm in der Welt geben, sie würde nie mehr ein Parfüm verwenden.
Früher war mein Vater gar nicht arm. Als wir in Tschetschenien lebten, hatten wir zwei Häuser, eins davon hat mein Vater geerbt, und das zweite hat er selbst gebaut. Wir hatten auch ein Auto. Später aber … Sie wissen schon … Es war Krieg! Als wir nach Österreich kamen, hungerten wir am Anfang, dann aber hat mein Vater Arbeit gefunden. Wir lebten nicht besonders gut, aber es ging. Mir gefällt es, zu lernen. Nicht so, dass ich ein Gelehrter werden will, sondern einfach fürs Leben. Ich habe mir bereits einen Beruf ausgewählt. Jetzt aber, wegen dieser Geschichte, habe ich ein ganzes Jahr verloren.
Meine Mutter kam mich oft besuchen, sie hat immer an mich gedacht, sie hat sich gar nicht beklagt. Sie wiederholte nur immer wieder, dass ich bereuen solle, was ich gemacht habe. Wenn ich bereute, sagte sie, werde Gott auch mir verzeihen, und dann werde alles wieder gut. Sollte das nicht geschehen, so werde ich mein Leben lang leiden. Natürlich bereute ich, aber meine Mutter glaubte das nicht, sie sagte, ich habe nicht vom ganzen Herzen bereut, ich bedaure einfach, dass ich ins Gefängnis geraten sei. Und wie sonst sollte ich bereuen? Frauen verstehen Männer überhaupt nicht. Der weibliche Stolz ist einer, und der von Männern ein anderer! Es schien, wir redeten über ein und dasselbe, aber in verschiedenen Sprachen.
Ich ärgerte mich sehr. Über wen? Auch über die Polizisten, aber vor allem über diese Bosnjaken. Sie haben ihr Wort gegeben, dass sie nicht zur Polizei gehen werden, und sie haben ihr Wort gebrochen. Sie sollten bereuen, nicht wir! Wenn ich rauskäme, würde ich sie finden, sie würden mir für alles bezahlen.
Später aber war ich nicht mehr so sicher. Wenn man einen Monat nach dem anderen in einer Zehnquadratmeterzelle sitzt, verliert man einen guten Teil von seinen Wünschen. Außer Herzleid konnte ich nichts mehr empfinden. Es schien, dieses mein Dasein hier würde niemals enden …
Meine Mutter unterstützte mich. Wenn es sie nicht gäbe, ginge es mir noch schlechter. Sie hat sich Geld für einen Anwalt ausgeborgt und erzählte mir, was er bereits gemacht habe. Ich schöpfte Hoffnung, bedanken aber konnte ich mich nicht, meine Zunge drehte sich nicht im Mund. Ich verspürte Ärger. Besonders, wenn sie wieder und wieder «das Lied über die Reue» angefangen hat. Sie sagte, ohne Reue meinerseits wird kein Anwalt mir helfen können. Weil alles in Gotteshand liegt. Sobald sie aber wegging, hatte ich Mitleid mit ihr.
Weil ich meine Gefühle mit Worten nicht ausdrücken konnte, wolle ich ihr einmal einen Brief schreiben. Alles, was ich nicht sagen konnte, wollte ich auf Papier bringen. Der Wächter hat mir Papier und Bleistift gebracht. Diese Wächter sind sehr schweigsam. Sie sehen dich gar nicht böse an, sagen aber dann erst etwas, wenn es wirklich nötig ist. Ich saß lange vor diesem Blatt Papier, schreiben aber konnte ich nicht.
Wann kommt endlich die Verhandlung?! Sogar, wenn ich verurteilt werde, würde es besser sein als das alles hier. Ich käme dann in ein normales Gefängnis. Man sagt, dort gebe es sogar eine Sporthalle, Hauptsache aber, dort kann man sich mit anderen unterhalten, hier aber …
Eigentlich war ich in der Zelle nicht allein, ich hatte einen Nachbarn, einen Türken namens Bakra, er war aber genau so wortkarg wie diese Wachmänner und wollte nicht erzählen, warum er hier sei. Sagte nur mit Stolz, dass er kein Türke sei, sondern ein Kurde. Mir ist das aber egal, soll er Papua sein, von mir aus!
Der Wachmann brachte ihm jeden Tag Papier und Bleistifte, weil er ohne Ende zeichnete. Die Zeichnungen waren mit Texten, also Comics. Obwohl er auf Deutsch schrieb, konnte ich kaum was verstehen. Bakra versuchte mir etwas zu erklären, aber sein mündliches Deutsch verstand ich noch weniger, obwohl ich Deutsch ohne Probleme spreche, sogar ohne Akzent; ist doch klar, ich bin als kleines Kind nach Österreich gekommen.
Die zwei oberen Betten blieben lange leer, später hat man aber einen Dritten zu uns gebracht. Er ist sofort nach oben gekrochen und blieb dort drei Tage lang liegen. Offensichtlich schlief er, und stieg nur dann hinunter, wenn er auf die Toilette musste. Am vierten Tag starrte er den halben Tag lang an die Decke. Dann schaute er lange zu, wie Bakra zeichnete. Bakra zeigte ihm dann auch seine anderen Zeichnungen. Der Neuling hat mehr verstanden als ich, die Zeichnungen haben ihm gefallen, er hat sogar gelächelt, aber sein Lächeln war irgendwie krumm und unglücklich.
Sein Name war lustig, er hieß Knut. Auf Russisch bedeutet das die Peitsche. Ein Mensch mit so einem Namen sollte meiner Meinung nach entschlossen und mutig sein. Wie ein Blitz. Dieser Bursche war aber ganz scheu, sein Name passte nicht zu ihm. Er war sehr schmächtig, obwohl groß gewachsen, und sein Gesicht war ganz blass.
«Hey, erzähl endlich, warum bist du hier?», sagte ich.
«Für nichts!»
«Alle sind hier für nichts», sagte ich.
Dann erzählte ich ganz ehrlich meine Geschichte, ich habe doch nichts zu verbergen, sollte so etwas nochmal passieren, würde ich wieder genauso handeln.
So erzählte auch Knut seine Geschichte. Er war mit irgendwelchen Typen abgehängt, die er kaum kannte, er traf sie nur manchmal auf dem Schulhof. Die waren kühle Kerle, kein Vergleich zu Knut. Knut hatte eigentlich keine Freunde, so hat er sich gewaltig gefreut, als er von diesen Burschen eingeladen wurde. Sie tranken Bier, dann gingen sie zu einem, dessen Eltern verreist waren und tranken weiter, bis alle Elternvorräte ausgetrunken waren. Vorher trank Knut keine Spirituosen, dabei wurde ihm bald schlecht. Er erinnerte sich, dass später zwei Mädchen dazugestoßen sind, sie hatten ganz kurze Shorts an. Die Mädchen haben auch viel getrunken.
Bald wurde dem Knut ganz schlecht, er rannte auf die Toilette. Als er zurückkam, setzte er sich auf den Fußboden. Erst in der Nacht wurde er wach und sah, dass er auf dem Teppich im Wohnzimmer lag. Er trat über schlafende Körper und ging zur Tür.
Am nächsten Tag kamen Polizisten zu ihm nach Hause. Seine Eltern hatten ihn angeschrien, weil er erst bei Morgengrauen zuhause war, jetzt aber bekam seine Mutter überhaupt einen hysterischen Anfall:
«Was hast du angerichtet, gestehe!»
Erst im Polizeikommissariat hat Knut erfahren, dass die Burschen die Mädchen belästigt hätten. So gingen die Mädel am nächsten Tag zur Polizei und zeigten die Burschen wegen der versuchten Vergewaltigung an. Alle Burschen wurden verhaftet. Auch Knut. Obwohl er überhaupt nicht wusste, was da geschehen ist, er hat doch geschlafen, weil er keinen Alkohol verträgt.
Die Polizisten glaubten ihm nicht. Seine Eltern auch nicht. Sein Vater war beim ersten Verhör dabei, benahm sich aber so, als ob er sein Richter wäre. Jetzt wurde Knut von niemandem besucht. Mich besuchte meine Mutter, zu Bakra kam seine ganze türkische, Verzeihung, kurdische Verwandtschaft, nur Knut blieb alleine in der Zelle. Ihn haben alle vergessen. So vergisst man einen Regenschirm in einem Lokal, wenn es nicht mehr regnet.
Ich drehte den Bleistift in den Händen, wieder und wieder versuchte ich meiner Mutter einen Brief zu schreiben. Sie hat bald Geburtstag, feiern wird sie aber nur mit meinen kleinen Geschwistern. Was für ein Festtag würde das werden?! Meine Mutter zeigte mir nie ihre Tränen, ich wusste aber, dass sie oft weint.
Was genau meinte meine Mutter, wenn sie immer wieder sagte, dass ich bereuen solle? Wie muss man bereuen? Gott ist natürlich allmächtig, ich bezweifle aber, dass er sich für uns interessiert. Warum ließ er uns so sehr leiden? Warum ließ er diesen Krieg geschehen und dann diese Emigration zu? Meine Mutter sagte, nicht Gott sei schuld, das seien die Menschen. Menschen seien böse, ich dürfe nicht alles das auf Gott schieben. Wenn ein Mensch keine Gesetze achtete … Sie sagt, der Mensch verantworte seine Taten selbst, Gott habe uns das Leben gegeben und die Gesetze, also das sei schon genug, für alles andere sei der Mensch selbst verantwortlich. Solange wir alle gesetzmäßig lebten, wäre alles in unserem Land so weit so gut gewesen, dann aber seien alle wie verrückt geworden, dann hätte man nicht mehr gewusst, wer Feind und wer Freund war.
Was soll das bedeuten – Menschen sind böse? Bin ich auch böse? Man sperrt mich ein, als ob ich ein wildes Tier wäre. Nein, das ist ungerecht! Es gibt keine Gerechtigkeit in dieser Welt. Ich dachte darüber nach. Diese Gedanken vermischten sich mit meinen Kindheitserinnerungen. Woran genau ich dachte, weiß ich nicht mehr, ich weiß nur, dass all diese Gedanken mich allmählich gleichsam absorbierten, ich versank in ihnen …
Knut wurde zum Verhör abgeholt. Als er zurückkam, war er blass wie Kreide. Er sagte die Wahrheit, ich weiß es, man sieht sofort, ob einer lügt oder nicht, aber die Polizisten haben ihm nicht geglaubt. Knut ist nur ein halbes Jahr jünger als ich, in Wirklichkeit ist er aber wie ein kleines Kind, mit so einem befreundet zu sein, wäre total uninteressant. Als er vom Verhör zurückkam, hat er kein Wort gesagt, kroch sofort auf sein Bett und bewegte sich kaum bis zum Ende des Tages. In der Nacht hat mich ein Geräusch geweckt, als ob etwas geklopft hätte. Ich öffnete meine Augen und sah in dem hellen Viereck des Fensters einen riesigen Schatten, der wie ein Pendel schaukelte. Ich verstand nicht sofort, dass es der Körper von Knut war. Dann aber stieß eine unsichtbare Feder mich aus dem Bett, ich umfasste seine Beine und versuchte ihn nach oben zu stoßen. Bakra wurde auch wach, er sprang auf das obere Bett, zu zweit haben wir Knut aus der Schleife befreit. Er war bewusstlos, sein Herz aber klopfte schwach. Sofort kamen die Wachmänner, auf schnellstem Wege brachten sie Knut ins Krankenhaus.
Wir, Bakra und ich, lagen in unseren Betten – ohne zu sprechen, ohne die Augen zu schließen. Mit leerem Blick starrte ich ins weißliche Rechteck des vergitterten Fensters, der schreckliche schaukelnde Schatten schien immer noch da zu sein. Es schien, als ob meine Seele mir herausgenommen wurde, und an ihrer Stelle bildete sich in meinem Inneren eine furchtbare Leere, sie zog mich immer tiefer hinein, bis ich mich in diesem schwarzen Loch endgültig auflöste. Dann hat diese Leere die Grenzen meines Körpers überschritten, sie füllte die Zelle aus, kroch durch das vergitterte Fenster nach draußen. Sie lebte jetzt ihr eigenes Leben, sie übernahm die Macht, es gab keine Rettung mehr. Wie dünn ist diese Grenze zwischen Leben und Tod! Zwei Tage lang befand ich mich in so einem Zustand, den man wahrscheinlich Prostration, volle psychische Entkräftung, nennt. Ich war hier, und ich war nicht hier. Ich dachte ans Leben und an den Tod, und ich dachte an nichts mehr.
Warum hat er das gemacht? Gibt es in dieser Welt etwas, was wichtiger als das Leben selbst wäre? Wie schwer auch jetzt mein Leben in diesem Käfig sein mag, ich hätte niemals gewünscht, es zu beenden. Knut aber wollte das ...
Am dritten Tag sind die Tränen plötzlich von selbst aus meinen Augen geflossen, ich konnte sie nicht halten. Ich weinte. Ich weinte wie eine Frau, und es war mir nicht peinlich. Ich habe mich allerdings zur Wand gedreht, damit Bakra nichts sieht, ich wusste aber, dass meine Schultern verräterisch zucken. Bakra war offensichtlich in sein eigenes schweres Nachdenken versunken. In diesen Tagen hat er sogar seine Bleistifte vergessen.
Nachdem die Tränen aus waren, fühlte ich mich schon besser.
Am nächsten Tag kam meine Mutter, und ich habe ihr alles erzählt.
«Du hast ein Menschenleben gerettet», sagte sie nachdenklich, es schien, sie würde jetzt auch weinen.
Ich war kein Held. In dem, was Knut passierte, fühlte ich auch einen Teil von meiner unverständlichen Schuld. Worin diese Schuld bestand, wusste ich nicht, aber ich fühlte sie. Ich wollte mit meiner Mutter darüber reden, aber ich konnte wieder keine Worte finden, ich wusste nicht, wie diese Gefühle heißen, die meine Seele verwüsteten. Meine Mutter schaute mich lange und schweigend an. Ich schaute ihr auch in die Augen. Ihr Blick war gütig und traurig. Plötzlich überflutete mich das Gefühl der Dankbarkeit. Diese Frau versteht alles ohne Worte, sie ist klüger und besser als alle Männer. Das wusste ich jetzt ganz genau. Seitdem ich hier bin, haben mich meine Freunde genauso vergessen, wie die Freunde meines Vaters ihn vergessen haben, alleine meine Mutter hat mich nicht vergessen. Sie dachte nicht daran, mich wegzustoßen. Auch meinen Vater würde sie nie wegstoßen. Sie bleibt immer auf unserer Seite. Es ist ihr peinlich, was wir getan haben, sie rechtfertigt das niemals, trotzdem drückt sie uns an ihr großes Herz, sogar jetzt, wenn wir im Gefängnis sitzen.
Knut aber wurde von seinen Eltern verraten. Sie haben ihn zurückgestoßen, als er in Schwierigkeiten geriet. Sie haben ihn nicht einmal gefragt, was wirklich geschehen ist. Obwohl er ihr Blut ist ...
«Mama, ich habe alles verstanden», sagte ich leise, und meine Augen füllten sich dabei mit Tränen, mir schien, ich sei wieder ein Kind geworden.
«Was hast du verstanden, mein Sohn?», fragte meine Mutter mit trauriger Stimme. «Ich bereue es, Mama, es ist mir peinlich, was ich gemacht habe. Und dass ich dir weh getan habe.» Diese Worte flossen unwillkürlich aus meinem Mund.
Ich weiß nicht, wie ich das verstehen soll, es geschah aber genau so, wie meine Mutter vorausgesagt hatte. Am nächsten Tag kam der Anwalt und sagte, dass die Gerichtsverhandlung in drei Tagen stattfinden soll. Sie war kurz. Das Urteil: eineinhalb Jahre. Berücksichtigend, dass ich bereits fast ein Jahr abgesessen habe, hat man mich auf Bewährung frei direkt aus dem Gerichtssaal entlassen. Am Abend half ich meiner Mutter, die Kleinen ins Bett zu bringen.
Reue …
Die Russen haben so ein Sprichwort: «Gott liebt die Sünder.» Gemeint werden wahrscheinlich die bereuenden Sünder, die wieder den Weg zu Gott fanden … Haben wir alle wirklich nur einen Gott?
Seit Jugend künstlerisch tätig, begeisterter Lyriker. Autor mehrerer Gedichts und Prosa- Bücher, Sachbücher und Denkschriften. Gründer und Obmann der ART Schmidatal-Künstlergemeinschaft, Mitbegründer des "Kulturportal B4B". Mitglied der IG Autoren Österreich, des Österreichischen P.E.N.- Clubs, Österr. Missonbundes, Verbandes Geistig Schaffender u. Österr. Autoren, des Kulturbundes Weinviertel und der Volkskultur Niederösterreich.
MEIN GOTT, SEI BARMHERZIG!
Tausend Religionen, tausend Wahrheiten. Wahrheiten, geschaffen von Menschen, armen, reichen, gepeinigten, erhabenen, liebenden, egoistischen, kranken, erleuchteten, suchenden. im Glauben in der Hoffnung, in Angst, in Verblendung, in Machtgier, im Irrglauben. Nur sie sehen den Weg und predigen ihre Wahrheit, erklären sie zum Glauben. Viele Namen, viele Taten, Mythen und Legenden, erdacht, gepredigt, fundamentiert. Umgeben von Mauern, hoch und unüberwindbar, gemauert aus Intoleranz, unbeugsamen Starrsinn, verhetzt und geblendet.
Religionen, heraus gebrochen aus einer Wahrheit. Mein Gott, sei barmherzig, wie lange duldest Du diesen Irrsinn?
FREMDE HEIMAT
Fremdes Land
ich hab dich nie erfahren
fremdes Land
warst nie mein Hort
uns so gehe ich durch die Straßen
gehe ich durch den fremden Ort
Und doch will ich gerne bleiben
erhoffte Zukunft, nimm mich hin
fremde Menschen, seid mir gnädig
bis ich auch der Eure bin
Und so will ich denn bekennen
Nachbarn, reicht mir eure Hand
will mit euch lachen, mit euch weinen
mit euch singen „Heimatland“
FLÜCHTLINGE
Sie kommen aus dem Dunkel
es zieht sie ans Licht
irgendwo leben
mehr wollen sie nicht
Fragt nicht nach Namen
sind nur Schall und Rauch
man nennt sie “die Anderen”
und sie uns auch
Sie kommen von drüben
einst Heimat genannt
und man drängt sie weiter
und irren nach Unbekannt
Sie ziehen um die Erde
in trauriger Verbundenheit
wer zählt die Menschen
wer misst schon die Zeit
Flüchtlinge, Vertriebene
vom eigenem Land
aus vielerlei Gründen
ein zerrissenes Band
Sie starren mich an
was will man von mir
“nur ein Mensch sein”
das will man von dir
Hat je man bedacht
