Basale Stimulation® -  - E-Book

Basale Stimulation® E-Book

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Beschreibung

Das umfassende Handbuch vermittelt die fachlichen Grundlagen, Grundsätze und Ziele der Basalen Stimulation aus erster Hand mit interdisziplinärer Ausrichtung und einer ausgearbeiteten konzeptionellen und didaktischen Struktur. Das Herausgeber- und Autorinnenteam stellt den theoretischen Bezugsrahmen und zentrale Anwendungsfelder der Basalen Stimulation dar. Das Handbuch beschreibt die Basale Stimulation anschaulich, detailliert und verständlich. Das Autorenteam definiert und erläutert den Gegenstand benennt und klärt Grundkonzepte, wie das Hexagon der Entwicklungsbereiche, die Konzepte elementarer Wahrnehmung oder die Orientierungsräume benennt Adressaten, wie Patienten, Klienten, Bewohner und Angehörige skizziert Besonderheiten der Entwicklung entlang der Lebensspanne vom Frühchen bis zum alten Menschen stellt Akteure vor, wie Pflegende, Heilpädagogen und Therapeuten identifiziert und vertieft Prozesselemente und Handlungsschritte der Basalen Stimulation beschreibt Handlungsfelder und Settings, wie z.B. Akutpflege, Altenpflege, Intensivstation, und Kindertagesstäte diskutiert Rahmenbedingungen in ethischer und forschungsbezogener Hinsicht orientiert sich am Bedarf seiner Leser und Leserinnen und deckt die Inhalte der Fort- und Weiterbildungskurse zur Basalen Stimulation ab.

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EPUB

Seitenzahl: 1137

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Basale Stimulation

Lars Mohr, Matthias Zündel, Andreas Fröhlich

Wissenschaftlicher Beirat Programmbereich Pflege:

Jürgen Osterbrink, Salzburg; Doris Schaeffer, Bielefeld; Christine Sowinski, Köln; Franz Wagner, Berlin; Angelika Zegelin, Dortmund

Lars Mohr, Matthias Zündel, Andreas Fröhlich (Herausgeber)

Basale Stimulation

Das Handbuch

Unter Mitarbeit von

Ruth Alder-Waser

Gina Baldsiefen

Gabriele Bartoszek

Tobias Bernasconi

Christel Bienstein

Jens Boenisch

Thomas Buchholz

Ursula Büker

Doreen Brunner

Annette Damag

Andreas Eckert

Frank Früchtel

Christoph Gerhard

Michael Goßen

Hans-Joachim Hannich

Sabine Knoblauch

Stephan Kostrzewa

Annette Krauss

Christian Liesen

Melanie Lietz

Marianne Medwenitsch

Settimio Monteverde

Uta Münstermann

Peter Nydahl

Marianne Pertzborn

Hellgard Rauh

Ulrike Reisenberger

Hartmut Remmers

Maresa Reuther-Strauss

Elisabeth Röthlisberger

Thierry Rofidal

Klaus Sarimski

Holger Schäfer

André Schindler

Helga Schlichting

Dirk De Schryver

Ansgar Schürenberg

Eckart Seilacher

Barbara Senckel

Christoph Siegfried

Patrizia Tolle

Christian Weingärtner

Birgit Werner

Marion Wieczorek

Lars Mohr (Hrsg.), Dr. phil., Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH), Institut für Behinderung und Partizipation

E-Mail: [email protected]

Matthias Zündel (Hrsg.), Prof. Dr. phil., Hochschule Bremen, Fakultät Gesellschaftswissenschaften

E-Mail: [email protected]

Andreas Fröhlich (Hrsg.), Prof. Dr. paed. Dr. h.c., Kaiserslautern

E-Mail: [email protected]

Wichtiger Hinweis: Der Verlag hat gemeinsam mit den Autoren bzw. den Herausgebern große Mühe darauf verwandt, dass alle in diesem Buch enthaltenen Informationen (Programme, Verfahren, Mengen, Dosierungen, Applikationen, Internetlinks etc.) entsprechend dem Wissensstand bei Fertigstellung des Werkes abgedruckt oder in digitaler Form wiedergegeben wurden. Trotz sorgfältiger Manuskriptherstellung und Korrektur des Satzes und der digitalen Produkte können Fehler nicht ganz ausgeschlossen werden. Autoren bzw. Herausgeber und Verlag übernehmen infolgedessen keine Verantwortung und keine daraus folgende oder sonstige Haftung, die auf irgendeine Art aus der Benutzung der in dem Werk enthaltenen Informationen oder Teilen davon entsteht. Geschützte Warennamen (Warenzeichen) werden nicht besonders kenntlich gemacht. Aus dem Fehlen eines solchen Hinweises kann also nicht geschlossen werden, dass es sich um einen freien Warennamen handelt.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.

Dieses Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Kopien und Vervielfältigungen zu Lehr- und Unterrichtszwecken, Übersetzungen, Mikroverfilmungen sowie die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Anregungen und Zuschriften bitte an:

Hogrefe AG

Lektorat Pflege

z.Hd.: Jürgen Georg

Länggass-Strasse 76

3012 Bern

Schweiz

Tel: +41 31 300 45 00

E-Mail: [email protected]

Internet: www.hogrefe.ch

Lektorat: Jürgen Georg, Michael Herrmann, Martina Kasper, Antonia Halt

Herstellung: René Tschirren

Umschlagabbildung: Martin Glauser, Uttigen

Umschlag: Claude Borer, Riehen

Satz: Claudia Wild, Konstanz

Druck und buchbinderische Verarbeitung: Finidr s.r.o., Český Těšín

Printed in Czech Republic

1. Auflage 2019

© 2019 Hogrefe Verlag, Bern

(E-Book-ISBN_PDF 978-3-456-95701-2)

Nutzungsbedingungen

Der Erwerber erhält ein einfaches und nicht übertragbares Nutzungsrecht, das ihn zum privaten Gebrauch des E-Books und all der dazugehörigen Dateien berechtigt.

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Anmerkung

Sofern der Printausgabe eine CD-ROM beigefügt ist, sind die Materialien/Arbeitsblätter, die sich darauf befinden, bereits Bestandteil dieses E-Books.

Inhalt
Einführung
I Begriffe und Geschichte
1 Begriff und grundlegende Merkmale
1.1 Basale Stimulation als Konzept
1.2 Adressatenkreis: schwerstbeeinträchtigte Menschen
1.3 Fördernde Bedingungen, Lebensbegleitung und Ganzheitlichkeit der Entwicklung
1.3.1 Gestaltung fördernder Bedingungen (Entwicklungsförderung)
1.3.2 Lebensbegleitung
1.3.3 Ganzheitlichkeit
1.4 Beratung von Angehörigen
1.5 Individualität und Individualisierung
1.6 Voraussetzungslosigkeit
1.7 Dialogische Begegnung und Kommunikation
1.8 Ziele Basaler Stimulation
1.9 Die Frage nach dem Proprium Basaler Stimulation
1.10 Fazit
1.11 Literatur
2 Geschichte und Entwicklung – Werdegang eines Konzepts
2.1 Ratlos
2.2 Erste Modelle und Hypothesen
2.3 Bewegen – wahrnehmen – kommunizieren
2.4 Lernen als zentraler Begriff
2.5 Ganzheitlichkeit
2.6 Einflüsse und Austausch
2.7 Pflege und Basale Stimulation
2.8 Entwicklungen und Erweiterungen
2.9 Kulturelle Aspekte
2.10 Autobiographische Schlussbemerkung
2.11 Fazit
2.12 Literatur
3 Schwerste Beeinträchtigung
3.1 Einleitung
3.2 Beeinträchtigung – verschiedene Verständnisweisen
3.3 Das Behinderungsverständnis der WHO
3.4 Relationales Verständnis von Beeinträchtigung in der Heilpädagogik
3.4.1 Individuale Erlebens- und Verhaltensdisposition
3.4.2 Anforderungen und Erwartungen des Umfelds
3.4.3 Kontextuelle Bedingungen des Erlebens und Verhaltens
3.4.4 Beeinträchtigung als Einschränkung der Partizipation (Teilhabe)
3.5 Schwerste Beeinträchtigung in relationalem Verständnis
3.5.1 Schwerste Beeinträchtigung und persönlicher Hilfebedarf
3.5.2 Schwerste Beeinträchtigung und dominierende Aneignungstätigkeiten
3.5.3 Schwerste Beeinträchtigung und Partizipation
3.6 Schwerste Beeinträchtigung – Zusammenführung und Fazit
3.7 Literatur
II Grundlagen
4 Pflege, Versorgung und Lebenskonzept – Für eine am mehrfachbehinderten Kind orientierte Pädagogik
4.1 Zur Situation des mehrfachbehinderten Kindes
4.2 Die Welt der mehrfachbehinderten Person
4.3 Hin zu einem Pflege- und Versorgungskonzept
4.4 Das individuelle Konzept
4.5 Die Verordnung als Ergebnis multidisziplinärer Reflexion
4.6 Fazit
4.7 Literatur
5 Entwicklung humanistisch gesehen
5.1 Kinder sind kompetente Kinder in Entwicklung
5.2 Individualität, Vielfalt und Interaktion
5.3 Entwicklung bedeutet auch …
5.4 Kinder entwickeln sich
5.5 Entwicklung in Beziehung
5.6 Erfahrungsabhängigkeit von Entwicklung
5.7 Vertrauen in Entwicklung
5.8 Fazit
5.9 Literatur
6 Entwicklungspsychologische Grundlagen von Wahrnehmen und Verstehen
6.1 Fallbeispiel
6.2 Entwicklungsbedingungen der vorgeburtlichen und vorsprachlichen Zeit
6.2.1 Veränderte Forschungsmethodik – andere Befunde
6.2.2 Aufmerksamkeitssteuerung
6.2.3 Nachahmen
6.2.4 Verstehen
6.3 Fazit
6.3.1 Mögliche Erkenntnisse für den Umgang mit schwerbehinderten Kindern
6.3.2 Mögliche Erkenntnisse im Umgang mit komatösen und dementen Erwachsenen
6.4 Literatur
7 Kommunizieren und Menschen erfahren
7.1 Einleitung
7.2 Kommunikation, Wahrnehmung und sozial-emotionale Entwicklung
7.2.1 Wahrnehmung der Umwelt
7.2.2 Kommunikation mit Bezugspersonen
7.2.3 Emotionale Selbstbewusstheit und mütterliche Affektspiegelung
7.2.4 Affektive Selbstregulation und Bindungsqualität
7.3 Stufen der frühen Entwicklung kommunikativer Fähigkeiten
7.4 Kommunikative Dialoge bei schwerer Behinderung
7.4.1 Vorsprachliche Mittel zur Verständigung bei schwerer Behinderung
7.4.2 Herausforderungen für die Bezugspersonen
7.5 Methode der Intensive Interaction
7.5.1 Konzeptionelle Grundlagen
7.5.2 Phasen der praktischen Durchführung
7.5.3 Effektivität des Konzepts
7.6 Literatur
8 Gefühle erleben – aus der Sicht der Entwicklungspsychologie
8.1 Gefühle – eine menschliche Elementarfunktion
8.2 Gefühle erleben – die Sicht der Wissenschaft
8.2.1 Zur Definition von Gefühlen
8.2.2 Zur Physiologie von Gefühlen
8.2.3 Gefühlstheorien
8.2.4 Funktionen von Gefühlen
8.3 Entwicklung von Gefühlen
8.3.1 Die Gefühle des Neugeborenen
8.3.2 Die Gefühlsentwicklung im Säuglings- und Kleinkindalter
8.3.3 Die Gefühlsentwicklung im Kleinkind- und Vorschulalter
8.3.4 Die Gefühlsentwicklung ab dem sechsten Lebensjahr
8.3.5 Die Gefühlsentwicklung im Jugendalter
8.4 Fazit
8.5 Literatur
9 Sich bewegen und den eigenen Körper spüren
9.1 Skizzierung des aktuellen Forschungsstandes
9.2 Bewegung als Lerngegenstand
9.3 Bewegung als Medium der Gesundheit
9.4 Bewegung als Medium des Lernens
9.5 Bewegung als Medium der Entwicklungsförderung
9.6 Fazit
9.7 Literatur
10 Neurowissenschaftliche Überlegungen zu den Grundlagen der Basalen Stimulation
10.1 Einleitung
10.2 Was bedeutet Bewusstlosigkeit?
10.3 Bewusstsein und Willensfreiheit
10.4 Das Bewusstsein interpretiert die Aktionen des Gehirns
10.5 Das Bewusstsein ist nicht der „Chef“ im Gehirn
10.6 Für eine an den Ressourcen orientierte Sichtweise
10.7 Vernetztes Gehirn
10.8 Was trotz Bewusstseinsstörung möglich ist
10.9 Die Macht der Spiegelneurone
10.10 Gefühle können „ansteckend“ sein
10.11 Brauchen wir eine andere Art der ethischen Betrachtung?
10.12 Andere ethische Fallbesprechungen für die Praxis
10.13 Auflösung des Körper-Seele-Dualismus
10.14 Fazit
10.15 Literatur
11 Bildung bei schwerer und mehrfacher Behinderung
11.1 Einleitung
11.2 Zur Geschichte des Bildungsbegriffs bei schwerer Behinderung
11.3 Anthropologische Grundlagen eines tragfähigen Bildungsbegriffs
11.4 Bildung als relationaler Prozess
11.5 Bildung als Transformation
11.6 Begleitung von Bildungsprozessen bei schwerer Behinderung
11.7 Bildung als Moment kultureller Teilhabe
11.8 Fazit
11.9 Literatur
12 Basale Erziehung
12.1 Einleitung
12.2 Basale Stimulation und die klassischen pädagogischen Kernbegriffe
12.3 „Erziehung“ nach Brezinka
12.4 „Erziehung“ (und „Bildung“) nach Praschak
12.5 „Erziehung“ nach Oelkers
12.6 Tomasello und die Naturgeschichte der Moral
12.7 Erziehung zur Verantwortung?
12.7.1 Verantwortung als Geschäfts- und Strafmündigkeit
12.7.2 „Entwicklungsgemäße“ Verantwortung
12.8 Fazit und Einordnung
12.9 Literatur
13 Überlegungen zur pflegerischen Beziehung im Kontext Basaler Stimulation
13.1 Einleitung
13.2 Das Container-Contained-Modell als Beziehungsmodell in der Pflege
13.2.1 Grundgedanken des Container-Contained-Modells
13.2.2 Verstanden-Werden in der Container-Contained-Beziehung
13.3 Voraussetzungen seitens der Pflegenden für basale Beziehungen
13.3.1 Bions Konzept der Rêverie, verbunden mit der Praxis von Achtsamkeit
13.3.2 Achtsames Handeln und Rêverie als Aspekte professionellen Agierens
13.4 Fazit
13.5 Literatur
14 Advokatorische Ethik im Kontext schwerer Beeinträchtigung
14.1 Einleitung
14.2 Conditio humana
14.2.1 Menschliche Versehrbarkeit und gegenseitige Hilfe
14.2.2 Lebendigkeit, Beeinträchtigung, Verstummen
14.3 Zu einigen Grundfragen der Bioethik
14.3.1 Empiristisch-rationalistische Bestimmungsmerkmale
14.3.2 Personale Identität und biografischer Wandel
14.3.3 Exzentrische Positionalität – Der Leib als Ausdruck des Personseins
14.4 Verantwortungsethik
14.4.1 Handlungstheoretische Voraussetzungen – Natürliches vs. organisiertes Handeln
14.4.2 Normativität, Existenzialität
14.4.3 Care-Ethiken
14.5 Umrisse einer advokatorischen Ethik der Fürsorge
14.5.1 Vorbemerkung
14.5.2 Partnerschaftliche vs. vormundschaftliche Vertretung
14.5.3 Gradualität personaler Fähigkeiten (Personenstatus)
14.5.4 Grundsätze und Paradoxien
14.5.5 Relationale Gesichtspunkte einer advokatorischen Ethik der Fürsorge
14.6 Literatur
15 Handeln im Zwischenraum – Ethik und Basale Stimulation
15.1 Einleitung
15.2 Asymmetrie der Beziehung und Vulnerabilität
15.3 Ethik als Handeln zugunsten anderer
15.4 Von Schnellstraßen und Saumpfaden
15.5 Ethische Grundannahmen in der Basalen Stimulation
15.6 Der psychische und physische Freiheitsraum
15.6.1 Autonomie, Identität und Alterität
15.6.2 Intentionalität leiblicher Ausdrucksformen
15.6.3 Sozial konstruierte Identität und Freiheit
15.7 Zentrale Lebensthemen im Spannungsfeld zwischen Entwicklung und Vollendung
15.8 Ausgehandelte Freiheit
15.9 Fazit
15.10 Literatur
16 Die Lebenssituation der Angehörigen schwer beeinträchtigter Kinder
16.1 Einleitung
16.2 Die Belastungen des Alltags
16.3 Die emotionale Auseinandersetzung
16.4 Zufriedenheit und Bereicherungen
16.5 Soziale Beziehungen und Unterstützung
16.6 Fazit zur Lebenssituation der Eltern
16.7 Zur Kooperation zwischen Fachpersonen und Eltern schwerstbehinderter Kinder
16.7.1 Spezifische Besonderheiten der Familie
16.7.2 Familiäre Bedürfnisse
16.7.3 Familiäre Ressourcen
16.7.4 Fazit zur Zusammenarbeit
16.7.5 Offene Fragen aus der Perspektive Basaler Stimulation
16.8 Zur Situation der Geschwister
16.8.1 Risiken
16.8.2 Chancen
16.8.3 Fazit zur Situation der Geschwister
16.9 Literatur
17 Basale Selbstbestimmung
17.1 Aus der Praxis
17.2 Idee der Selbstbestimmung und Menschen mit schwerer geistiger Behinderung
17.3 Die Idee der Selbstbestimmung aus historischer Perspektive
17.4 Die pragmatische Dimension der Selbstbestimmungsidee
17.5 Rahmenbedingungen Basaler Selbstbestimmung
17.6 Basale Selbstbestimmung
17.6.1 Selbstbestimmung als Selbst-Entscheiden
17.6.2 Selbstbestimmung als Selbsttätigkeit
17.6.3 Selbstbestimmung als Erfahren der eigenen Wirkung
17.7 Praxisbezüge
17.7.1 Fallbeispiel – Essenssituation
17.7.2 Fallbeispiel – der Raum
17.8 Interpretation im Rahmen der Basalen Selbstbestimmung
17.9 Anschlussmöglichkeiten des Ansatzes
17.9.1 Bereich der motorischen und körperlichen Entwicklung
17.9.2 Schulischer und außerschulischer Bereich
17.9.3 Internationale Anschlussfähigkeit
17.10 Fazit
17.11 Literatur
III Anwendungen
18 Berührung in der Therapie mit Kindern
18.1 Einleitung
18.2 Zusammenhang zwischen Körperwahrnehmung, Berührung und Verhalten
18.3 Ein Kind in Not
18.4 Erste Kontaktaufnahme
18.5 Eine neue Sichtweise
18.6 Grundlegende Bedeutung der Körperwahrnehmung
18.7 Auswirkungen auf die Eltern
18.8 Auswirkungen im Alltag
18.8.1 Aufwachen
18.8.2 Mahlzeiten
18.9 Was kann erreicht werden?
18.10 Wiedersehen nach einem Jahr
18.11 Entwicklungsfortschritte
18.12 Berührung bleibt wichtig
18.13 Stellenwert von Sprache
18.14 Fazit
18.15 Literatur
19 Bewegen im (Schul-)Alltag?
19.1 Die Basalen Förderklassen Wien
19.2 Basale Bewegungsgestaltung – zwei Schüler und ihre Bewegungswelten
19.2.1 Der Morgenkreis
19.2.2 Ein Special – das (elektronische) Rollbrett
19.2.3 Hygiene und Essen
19.2.4 Transfervarianten
19.2.5 „Stehparty“
19.2.6 Positionierungsvarianten
19.2.7 Schwimmen
19.3 Fazit
19.4 Literatur
20 Basale Bildung im Pflegealltag von Menschen mit schwerer Behinderung
20.1 Einleitung
20.2 Pflege – lebensbestimmend für Menschen mit schwerer Behinderung
20.3 Pflege und Bildung/Pädagogik – (k)ein Spannungsfeld
20.4 Pflege als basalen Bildungsprozess gestalten
20.4.1 Kultur vermitteln – die Außenwelt erfahren
20.4.2 Kompetenzen erwerben – das Leben selbst gestalten
20.4.3 Wahrnehmung fördern – das eigene Leben spüren
20.4.4 Beziehungen aufnehmen und Begegnungen gestalten
20.5 Fazit
20.6 Literatur
21 Anspruchsvolle Bildungsinhalte
21.1 Maja ist unruhig
21.2 Bildungstheoretischer Hintergrund
21.2.1 Zum Verständnis von Bildung
21.2.2 Bildungsplan
21.2.3 Methodisch-didaktische Aspekte
21.2.4 Das Prinzip der Elementarisierung
21.2.5 Basales Mitmachtheater
21.2.6 Basale Stimulation
21.2.7 Basales Spielen
21.3 Umsetzungsversuche
21.3.1 Stoffe, Themen, Inhalte
21.3.2 Bildungsinhalte – Auswahl
21.3.3 Bildungsinhalte – elementarisiert
21.3.4 Räumliche Bedingungen
21.3.5 Zeitliche Bedingungen
21.3.6 Materialien
21.3.7 Basales Mitmachtheater – ein Raum für Erfahrungen
21.3.8 Bildung – interaktiv
21.3.9 Basale Stimulation – konkret
21.3.10 Basales Spiel – eine Episode
21.3.11 Bildungsangebote – offen
21.4 Fazit
21.5 Literatur
22 Anbahnung intentionaler Kommunikation
22.1 Einleitung
22.2 Die Grundlagen – frühe kommunikative Entwicklung
22.3 Die Praxis – kommunikative Entwicklung fördern
22.3.1 Gabriela – von der Kontaktaufnahme zur Triangulation
22.3.2 Vedran – Sicherheit als Basis für Kommunikation
22.3.3 Florian – eigene Bedürfnisse als Beweggrund für Kommunikation
22.3.4 Marijo – Anfang einer Entwicklung
22.3.5 Roland – „Brüll wie ein Löwe!“
22.3.6 Ayla – Apfel oder Keks?
22.3.7 Michael – zurück zum Basalen Dialog
22.3.8 Christa, Biljana, Hassan und Co. – Intentionalität in der Gruppe
22.4 Fazit
22.5 Literatur
23 Neue Ansätze Unterstützter Kommunikation bei schwerer Behinderung
23.1 Problemanzeige – Wenn Verständigung scheitert
23.1.1 Interessenbezogene Kommunikationsförderung
23.1.2 Kommunikation in der Pflege
23.1.3 Zwischenfazit – Bedeutung des Kernvokabulars
23.2 Sprachförderung neu denken
23.2.1 Kern- und Randvokabular
23.2.2 Kernvokabularforschung
23.2.3 Zentrale Ergebnisse: Kernvokabular im Vergleich
23.3 Kommunikation mit Menschen mit schwerer Behinderung ermöglichen
23.3.1 Konsequenzen für die Erstellung und Bereitstellung von Kommunikationshilfen
23.3.2 Modeling und Fokuswörter
23.4 Fazit
23.5 Literatur
24 Darf ich um den Tanz bitten?
24.1 Einleitung
24.2 Bewegungsdrang …
24.2.1 … wahrnehmen, verstärken, Form geben …
24.2.2 … durch Tanzen …
24.2.3 … und so entsteht ein Dialog
24.2.4 Abschließen
24.3 Varianten um ein Thema
24.4 Fazit
24.5 Literatur
25 Beziehungserfahrungen unter Kindern mit schwer-mehrfacher Behinderung
25.1 Aus der Praxis
25.1.1 Fallbeispiel Mittagszeit
25.1.2 Fallbeispiel Spielähnliche Aktivität
25.2 Bezugspersonenabhängige Erfahrungen mit sich und der Welt
25.3 Interaktionsrahmen
25.3.1 Bewegen
25.3.2 Wahrnehmen
25.3.3 Kommunizieren
25.3.4 Der Interaktionsrahmen – Anleitung
25.4 Pädagogische Begleitung
25.4.1 Gesundheit und Wohlbefinden
25.4.2 Anschluss und Zugehörigkeit
25.4.3 Wirksamkeit, Neugierde und Erkundung
25.5 Gemeinsam etwas erleben
25.6 Literatur
26 Fragen der Diagnostik im Kontext schwerer Beeinträchtigung
26.1 Einleitung
26.2 Förderdiagnostik – Grundlagen
26.2.1 Historischer Zugang
26.2.2 Terminologischer Exkurs
26.2.3 Die pädagogische Haltung
26.2.4 Kind-Umfeld-Diagnose
26.2.5 Erste Zusammenfassung
26.3 Leitfaden Förderdiagnostik
26.3.1 Entwicklung
26.3.2 Aufbau des Beobachtungsbogens
26.3.3 Zur Durchführung der Förderdiagnose
26.3.4 Auswertung
26.4 Förderplanung
26.5 Fazit
26.6 Literatur
27 Betreuungs- und Pflegesituationen im Modell der Orientierungsräume
27.1 Einleitung
27.2 Orientierungsräume
27.2.1 Entwicklungsgeschichte
27.2.2 Das Modell der Orientierungsräume
27.3 Die Orientierungsräume als didaktisches Modell im Unterricht
27.4 Beschreibung des Portfolios
27.5 Theorie-Praxis-Vernetzung
27.5.1 Kontextbeschreibung
27.5.2 Evaluation
27.6 Schlussgedanken
27.7 Fazit
27.8 Literatur
28 Nähe, Bindung und eigene Grenzen
28.1 Fallbeispiel
28.2 Veränderung und Herausforderung
28.3 Basale Stimulation für Früh- und Neugeborene
28.4 Kurzportrait Emotionelle Erste Hilfe
28.5 Was hat sich innerhalb der Praxisbegleitungen verändert?
28.6 Warum können diese Veränderungen für das Kind bedeutsam sein?
28.7 Was kann zu mehr Nähe und Bindung beitragen?
28.8 Elemente der Emotionellen Ersten Hilfe
28.9 Selbstanbindung
28.10 Duale Aufmerksamkeit
28.11 Unterschiede zwischen Basaler Stimulation und Emotioneller Erster Hilfe
28.12 Du ohne mich? Oder alternativ: Du und Ich
28.13 Wessen Fürsorge?
28.14 Was steht im Zentrum?
28.15 Transfer
28.16 Fazit
28.17 Literatur
29 Lebensbegleitung von Anfang an
29.1 Einleitung
29.2 Beispiel: Begegnung gestalten, wenn Worte fehlen
29.2.1 Biographieebene
29.2.2 Phänomenebene
29.3 Beispiel: Sicherheit erleben und Vertrauen aufbauen, Orientierung erfahren
29.4 Beispiel: Das eigene Leben – eigene Möglichkeiten und Stabilität spüren
29.5 Beispiel: Beziehung aufnehmen und Begegnung gestalten
29.6 Beispiel: Selbstbestimmung und Verantwortung leben
29.7 Beispiel: Die Welt entdecken und sich entwickeln
29.8 Fazit
29.9 Literatur
30 Mundhygiene – ein Schlüsselthema in der akutstationären Pflege
30.1 Einleitung
30.2 Beschreibung der Schritte des Modells zur Fallreflexion nach Johns (1995)
30.3 Durchführung der Fallreflexion
30.3.1 Beschreibung im Hinblick auf das Kernthema „Mundpflege“
30.3.2 Reflexion der Fallgeschichten anhand von sechs Detailfragen
30.3.3 Beschreibung beeinflussender Faktoren
30.3.4 Alternative Strategien und deren mögliche Konsequenzen
30.3.5 Spezifizieren des Lerneffekts
30.4 Fazit
30.5 Literatur
31 Intensivpflege
31.1 Einleitung
31.2 Fallbeispiel Herr Meier
31.3 Erleben komatöser Intensivpatienten
31.4 Erste Gedanken zu Herrn Meier
31.5 Erste Begegnung
31.6 Den eigenen Rhythmus finden
31.7 Am nächsten Tag
31.8 Die nächsten Tage
31.9 Fazit
31.10 Literatur
32 Basale Stimulation in der Pflege alter Menschen
32.1 Einleitung
32.2 Aus der Praxis: Frau Aesch
32.3 Basale Stimulation – eine Begleitung aus der Krise
32.3.1 Zugänge des Verstehens
32.3.2 Die aktuellen Lebensthemen von Frau Aesch
32.3.3 Die Lebenskräfte von Frau Aesch
32.3.4 Die Sensobiografie von Frau Aesch
32.3.5 Die Orientierungsräume von Frau Aesch
32.3.6 Elementare oder basale Wahrnehmung
32.4 Basal stimulierende Angebote
32.5 Fazit
32.6 Literatur
33 Am Lebensende – Basale Stimulation und Palliative Care
33.1 Fallbeispiel
33.2 Problemaufriss
33.3 Palliative Care – ein erweitertes Verständnis
33.3.1 Basale Stimulation als integraler Bestandteil einer Palliative Care
33.3.2 Das interdisziplinäre Team als Ensemble
33.3.3 Herausforderndes Verhalten als Ausdruck von Not
33.3.4 Basale Stimulation als Form der Kommunikation
33.4 Fazit
33.5 Literatur
34 Menschen im Wachkoma begegnen und begleiten
34.1 Vorbemerkung
34.2 Klientel
34.3 Menschen in Haus Königsborn
34.4 Fallbespiel
34.4.1 Situation des Betroffenen
34.4.2 Begegnen und Wahrnehmen
34.5 Begegnen, Berühren, Wahrnehmen, Bewegen – Lernen von Alltagskompetenz
34.6 Begegnen, Wahrnehmen, Bewegen und Begleiten
34.7 Begleitung in Umwelt und Mitwelt
34.8 Emotionale Stabilisierung – Einbindung von Bezugspersonen
34.9 Fazit
34.10 Literatur
IV ForschungundReflexion
35 Basale Stimulation der sozialen Umwelt – Inklusion und Sozialraumorientierung
35.1 Inklusion – ein neuer Begriff
35.2 Inklusion – ein normativer Begriff?
35.3 Eingriffe
35.4 Veränderungen
35.5 Möglichkeiten
35.6 Lösungsansätze
35.7 Doppelte Exklusivität
35.8 Fazit
35.9 Literatur
36 Im Spannungsfeld von Lebensalter und Entwicklungsalter
36.1 Nicht „eines“ sondern „viele“
36.2 Herausforderungen in der Praxis
36.3 Entwicklungspsychologische Grundannahmen
36.4 Pädagogische Schlussfolgerungen für die Praxis
36.5 Fazit
36.6 Weiterführende Literatur
37 Forschungsperspektiven Basaler Stimulation aus pflegewissenschaftlicher Sicht
37.1 Einleitung
37.2 Pflegepraxis und Forschung
37.3 Fachbegriffe und Bedeutungskontexte
37.4 Hypothesenbildung und Objektivierung
37.5 Forschungsperspektiven im Gesundheitswesen
37.6 Qualitative und quantitative Forschungsansätze
37.7 Erforschung komplexer Wirkungszusammenhänge
37.8 Exkurs – Evidence als Basis
37.9 Forschungsperspektiven für die Basale Stimulation
37.9.1 Was wird erforscht?
37.9.2 Wie wird geforscht?
37.9.3 Mit welchem Ziel wird geforscht?
37.10 Fazit
37.11 Literatur
38 Forschungsfragen aus der Sicht der Pädagogik
38.1 Einleitung
38.2 Basale Stimulation als Konzept der (Sonder-)Pädagogik
38.3 Basale Stimulation als Forschungsfeld
38.3.1 Menschen mit schwerster Behinderung als Handelnde
38.3.2 Drei Erklärungsschemata
38.3.3 Basale Stimulation als Forschungsprogramm
38.4 Fazit
38.5 Literatur
39 Der andere Blick
39.1 Über die Bedeutung der Basalen Stimulation für die Pflege
39.2 Pflege ist ein Berührungsberuf
39.3 Mit Sprühsahne fing es an
39.4 Die erste biografische Anamnese
39.5 Kommunikation über den ganzen Körper
39.6 Be-wusst-los
39.7 Mit allen Sinnen
39.8 Forschung, der Praxis verpflichtet
39.9 Aufmerksam gegenüber Gefährdungen
39.10 Fazit
39.11 Literatur
Verzeichnis der Herausgeber, Autorinnen und Autoren
Basale Stimulation im Verlag Hogrefe
Sachwortverzeichnis
Anmerkungen

Einführung

Das Konzept Basale Stimulation hat sich stets unterschiedlicher wissenschaftlicher Inspirationsquellen bedient, um den komplexen Bedürfnissen sehr schwer beeinträchtigter Menschen entsprechen zu können. Ihre körperlich-gesundheitliche, ihre emotionale, soziale und kommunikative Situation stellte uns Fachleute ebenso vor Fragen wie ihre kognitiven und wahrnehmungsbezogenen Fähigkeiten und deren Einschränkungen. Wir trafen auf ethische Fragen angesichts der bisherigen „Behandlung“ dieser Menschen, kurz, es waren unterschiedliche „Hintergrundwissenschaften“ heranzuziehen, um die Lebensbedingungen dieser Menschen, von denen man anfangs sehr wenig wusste, besser zu verstehen. Wollte man diese Situation nicht nur verstehen, sondern auch verbessern, so musste man zu Beginn – Mitte der 1970er-Jahre – breit gefächert in bisherigen Therapieansätzen, Behandlungsvorschlägen, pädagogischen und psychologischen Ansätzen suchen, um Brauchbares zu finden, das sich für diese besonderen Menschen weiterentwickeln ließ.

Heute bestimmen hauptsächlich die Pflege und Pflegewissenschaft sowie die praktische und theoretische Sonderpädagogik das Konzept. Sie beziehen sich ihrerseits wiederum auf andere Wissenschaftsbereiche. Unterschiedliche Humanwissenschaften wie Soziologie, Psychologie, Medizin, Neurowissenschaften, Philosophie und Theologie fließen neben anderen in das Konzept ein, natürlich auch Entwicklungen in der allgemeinen Pädagogik. Zumindest im Hintergrund beeinflussen sie die Entwicklung von Gedanken, die für Basale Stimulation maßgebend sind. Wenn nun im vorliegenden Handbuch dieses Konzept eine umfassende und differenzierte Darstellung erfahren soll, so wird es notwendig sein, auch die angesprochenen vielfältigen Hintergründe einzubeziehen. Gänzlich umfassend und in jeder Hinsicht in die Tiefe gehend wird das allerdings nicht möglich sein. Ein einzelnes Buch wäre damit überfordert und würde vor allem die an umsetzbaren Praxisanregungen interessierten Leserinnen und Leser enttäuschen. Dennoch ist es uns als Herausgebern wichtig, immer wieder zu zeigen, woher das Konzept Impulse bekommen hat und welche Verbindungen zu anderen Wissenschaftsbereichen bestehen. Das Konzept steht nicht in einem leeren Raum, ganz für sich, sondern hat viele Verbindungen zu parallelen und auch gegenläufigen Entwicklungen. Fragestellungen aus den aktuellen Humanwissenschaften und der täglichen Praxis bestimmen die Weiterentwicklung des Konzepts.

Sie finden in unserem Buch Beiträge, die auf den ersten Blick nicht unmittelbar oder nur bedingt mit Basaler Stimulation in Verbindung gebracht werden. Auch bei einzelnen Autorinnen oder Autoren wird man zunächst nach einem direkten Kontakt zum Konzept suchen. Wir haben uns entschieden, auch Kolleginnen und Kollegen als Autoren einzuladen, die keine eigenen, unmittelbar praktischen oder auch wissenschaftlichen Erfahrungen mit Basaler Stimulation haben. Sie repräsentieren jedoch fachliche Schwerpunkte, die für das Konzept Basale Stimulation unverzichtbar sind.

Ein großer Teil der Mitwirkenden an diesem Buch ist indessen sehr wohl im Konzept beheimatet. Langjährige praktische Erfahrung in der Pflege oder in der Arbeit mit behinderten Menschen zeichnen diese Autorinnen und Autoren aus. Sie haben Basale Stimulation zum Teil selbst weiterentwickelt und neue „basale“ Aktivitätsmöglichkeiten aufgezeigt.

Als Herausgeber war es unsere Aufgabe, die theoretisch notwendigen und praktisch möglichen Schwerpunktthemen zusammenzuführen. Dabei müssen wir von unseren Leserinnen und Lesern da und dort gewisse Anstrengungen verlangen. Die unterschiedliche wissenschaftliche Herkunft der Autorinnen und Autoren bedingt auch unterschiedliche Denk- und Schreibstile. So kann es in den einzelnen Beiträgen durchaus zu Recht zu unterschiedlichen Ausdrucksformen und Formulierungen kommen. Da mag einerseits die Sprache des Philosophen ungewohnt sein, die des Neurowissenschaftlers „schwierig“ erscheinen. Pädagogik hat ihre eigene Terminologie, gleichermaßen die Pflege und die anderen vertretenen Wissenschaften nicht minder.

Ganz sicher werden Sie in einzelnen Beiträgen auch Darlegungen finden, die sich mit anderen nicht ganz zur Deckung bringen lassen. Es mag Widersprüche geben, natürlich auch Widersprüche zu Ihren eigenen Erfahrungen und Einschätzungen. Daraus ergeben sich Möglichkeiten der Weiterentwicklung oder Neuausrichtung. Wir sehen dies als Chance. Ganz bewusst haben wir es bei Gina Baldsiefen, um eine Autorin und ihren Beitrag exemplarisch zu benennen, so gehalten. Sie zeigt – nach ihrer Einschätzung – eine deutliche Fehlstelle im Konzept der Basalen Stimulation auf. Dieser Einschätzung kann man zustimmen, das kann man ablehnen, man wird aber darüber diskutieren und weiter am Konzept arbeiten müssen.

Wir haben versucht, zu vermitteln. Wir haben unsere Autoren immer wieder gebeten, Rücksicht auf die Leserschaft zu nehmen, die sich nur in ihrem eigenen Fach richtig gut auskennt, in anderen Gebieten hingegen erst einmal fremd ist. Wir hoffen, dass dies hinreichend gelungen ist und alle Leserinnen und Leser sprachlichen Zugang zu den einzelnen Kapiteln finden.

Dies alles betrifft vor allem die sogenannten Grundlagenkapitel. Sie bilden Basis und Rahmen für die eigentliche pflegerische und pädagogische Arbeit. Diese wiederum ist mittlerweile so ausdifferenziert und vielfältig, dass eine vollständige Abbildung aller möglichen Tätigkeitsbereiche schon nicht mehr möglich ist. Wir mussten uns also auf eine möglichst repräsentative Auswahl beschränken. Dabei spielten nicht nur systematisch fachliche, sondern auch personenbezogene Aspekte eine Rolle. Wir mussten als Herausgeber Kolleginnen und Kollegen finden, die ihre praktische basale Arbeit in Form eines Handbuchbeitrags schriftlich darstellen wollten und konnten. So werden Sie als Leserin oder Leser vielleicht das eine oder andere vermissen, was Ihnen besonders wichtig wäre – Themen aus Ihrem beruflichen Alltag, zu denen Sie mehr und Genaueres wissen möchten. Manches konnten wir bis jetzt noch nicht als Text anbieten. Als Herausgeber setzen wir aber darauf, im Laufe der kommenden Jahre in weiteren Auflagen solche Leerstellen füllen zu können. Gerne nehmen wir dazu – dies sei ausdrücklich bemerkt – Anregungen entgegen, die uns auf Fehlendes oder Zu-Ergänzendes aufmerksam machen.

Wir möchten uns ausdrücklich bei allen Autorinnen und Autoren für ihr großes Engagement bedanken. Sie haben Zeit, Kraft und Geduld investiert, haben Ideen und Gedankengänge dargelegt, haben intensiv versucht, ihre eigenen Forschungen oder Praxiserfahrungen auf die Basale Stimulation zu beziehen, damit das Buch Gestalt annehmen konnte. Herzlich danken möchten wir daneben Frau Martina Schweizer (Zürich) und Herrn Michael Herrmann (Puerto del Rosario) für die mühevolle und zuverlässige redaktionelle Bearbeitung der Artikel, unserem umsichtigen Lektor Herrn Jürgen Georg (Bern) sowie Dr. Sabrina Sereni (Eupen), die uns einen Beitrag aus dem Niederländischen übersetzt hat. Unverzichtbar war bei der Realisierung des Handbuchs schließlich die entschiedene Unterstützung durch die Interkantonale Hochschule für Heilpädagogik Zürich (HfH).

Vor Ihnen liegt ein Gemeinschaftswerk, an dem sich viele beteiligten, an dem somit viele Anteil haben. Möge es denen nutzen, die unmittelbar betroffen sind.

Lars Mohr, Matthias Zündel & Andreas Fröhlich

Zürich – Bremen – Kaiserslautern, im Frühjahr 2019

IBegriffe und Geschichte

1 Begriff und grundlegende Merkmale

Lars Mohr, Matthias Zündel und Andreas Fröhlich

Der Begriff und das Konzept „Basale Stimulation“ entstanden Mitte der 1970er-Jahre. In Entwicklung geblieben sind sie bis heute und haben dadurch im Laufe der Zeit markante Änderungen ihres Inhalts erfahren. Die Basale Stimulation unserer Tage ist nicht deckungsgleich mit der Basalen Stimulation vor 40 Jahren. Der Ansatz wurde nach und nach „von einer zunächst nur als Technik präsenten Methode zu einem umfassenden Konzept für schwerst mehrfachbehinderte Menschen weiterentwickelt“ (Ackermann, 2007, S. 161). Davon ausgehend erfüllt eine Begriffsklärung, welche die heutige Idee und Prägung Basaler Stimulation auf den Punkt bringt, zumindest zwei Funktionen:

Sie bündelt Erläuterungen zum Begriff, die in der Literatur über verschiedene Stellen verteilt sind (z.B. bei Fröhlich, 2015, S. 156–158 oder Fröhlich & Nydahl, 2004, S. 83f.) und legt sie folglich auf einen Blick dar.Sie weist in Verdichtung die Charakteristika des Konzepts aus, die man nicht übergehen darf, wenn man sachlich korrekt und in Gegenwartsform von Basaler Stimulation spricht oder mit ihr arbeitet.

Definition: Basale Stimulation

Basale Stimulation ist ein Konzept für die pädagogische, pflegerische oder therapeutische Arbeit mit schwerstbeeinträchtigten Menschen. Sie dient den Angesprochenen in verschiedenen Formen der Umsetzung: als Begleitung ihrer Lebensvollzüge, durch Gestalten fördernder Entwicklungsbedingungen und in der Beratung von Angehörigen. Basale Stimulation nutzt individuelle – gegebenenfalls voraussetzungslose – Anregungen und kommunikative Angebote, die sich auf den Körper des Gegenübers und dessen Umwelt beziehen. Das Konzept legt maßgebliches Gewicht auf die dialogische Begegnung der Beteiligten. Es hat zum Ziel, je nach Situation

eine kohärente Selbstwahrnehmung,Gesundheit und Wohlbefinden,Bildung und Partizipation sowiedie Selbstbestimmung

der beeinträchtigten Person zu unterstützen.

Im weiteren Text wird als Entfaltung und Kommentar auf die einzelnen Elemente beziehungsweise Merkmale dieser Begriffsbestimmung genauer eingegangen.

1.1 Basale Stimulation als Konzept

Basale Stimulation kann man als Verstehens- und Handlungsmodell auffassen: als gedankliches und interaktionales Eingehen auf die Lebenssituation und die Probleme schwerstbeeinträchtigter Kinder, Jugendlicher und Erwachsener. Das Konzept beschreibt Vorgehensweisen, die sich vielfach in der Praxis bewährt haben. Solche Praxisbewährung kann sich allerdings nur dann (weiterhin) zeigen, wenn die Angebote Basaler Stimulation die Bedürfnisse, Lebenserfahrungen und Ziele ihrer Adressaten berücksichtigen, das heißt, wenn sie individuell abgewägt, angepasst und – soweit nötig – modifiziert werden. Basale Stimulation ist folglich kein festgelegtes Trainings- oder Interventionsprogramm, weder „Reizzufuhrmechanik“ noch Entwicklungs- oder Pflegetechnologie. Sie hält keine allseits verbindlichen Rezepte vor, deren Geltung unabhängig von der pflegerischen, therapeutischen oder pädagogischen Situation bestünde. Ihre professionellen Techniken dienen vielmehr dazu, diese Situationen einzuschätzen und angemessen in ihnen zu handeln. Genau das meint der Begriff „Konzept“: das Zusammenspiel von Reflexion und Praxishandeln, von Haltung, Kompetenz und Technik (vgl. Fröhlich, 2012, S. 7–22). „Stimulation“ ist demnach nicht als Reizsetzung, sondern als Anregung oder Angebot, eventuell auch als Ermunterung zu begreifen.

Als Konzept will Basale Stimulation theoretische Erörterung und praktisches Tun in ein ausgewogenes Verhältnis bringen, gleichermaßen im pädagogischen Rahmen, also im Blick auf Bildung und Erziehung, wie im pflegerischen oder therapeutischen Kontext:

Das Praxishandeln soll nicht unüberlegt geschehen, sondern im Rückgriff auf fachliche Grundlagen und Erfahrungswerte. Durch sie erhält die Anwendung und gegebenenfalls die Anpassung basaler Techniken eine Begründung für die jeweilige Situation.Die Theoriediskussion soll ihren Zweck nicht in sich selbst haben, also nicht „Kunst um der Kunst willen“ sein, sondern der Praxis Hilfe bieten: beim Nachdenken und Reden über Praxissituationen und beim Herangehen an diese Situationen. Theoretische Überlegungen tragen dann zu der Kompetenz bei, die individuellen Gegebenheiten der Interaktion mit einem beeinträchtigten Menschen zu erfassen und sie im professionellen Handeln zu berücksichtigen.

Kurz gesagt: Basale Stimulation als Konzept zeichnet sich durch eine Balance von Theorie und Praxis aus, das heißt durch den reflexiven Bezug des Praxishandelns und den situativen Bezug der theoretischen Erörterung (Abb. 1-1). Dieses Ausbalancieren und Bezugnehmen von Theorie und Praxis betrifft insbesondere:

das Feld der Interaktion beziehungsweise Kommunikationdie Gestaltung von Beziehung und Begegnungdie Auseinandersetzung mit der Psychologie der EntwicklungAspekte der NeurowissenschaftenFragen der angewandten Ethik.

Richtungweisende Impulse gewinnt das Konzept bei all dem aus einer humanistischen Sicht des Menschen und seines Austauschs mit der Welt, aus einer Haltung des Respekts vor den unzähligen Wegen menschlicher Entwicklung.

Abbildung 1-1: Der Konzeptcharakter Basaler Stimulation (Quelle: Eigenerstellung)

1.2 Adressatenkreis: schwerstbeeinträchtigte Menschen

Schwerstbeeinträchtige Kinder, Jugendliche und Erwachsene benötigen bei vielen oder gar bei allen Lebensverrichtungen die zugewandte Hilfe Anderer in einem für ihre Altersgenossen untypischen Ausmaß. Gemäß einer bedürfnisorientierten Umschreibung von Bienstein und Fröhlich (2012, S. 39) geht es um Menschen, …

die körperliche Nähe brauchen, um andere Menschen wahrnehmen zu können.die Mitmenschen brauchen, die sie auch nonverbal verstehen und sich auf ihre individuellen Ausdrucksmöglichkeiten einstellen.die Mitmenschen brauchen, die ihnen die Umwelt und sich selbst auf verständliche Weise nahebringen.die Mitmenschen brauchen, die ihnen Lageveränderungen und Fortbewegung nachvollziehbar ermöglichen.die Mitmenschen brauchen, die ihnen entwicklungs- und altersgerechte Spiel- und Bildungsangebote machen beziehungsweise sie zu sinnvoller Beschäftigung anregen und bei deren Ausübung unterstützen.die Mitmenschen brauchen, die sie bei den Aktivitäten des täglichen Lebens zuverlässig und fachlich kompetent versorgen, pflegen und begleiten.

Wurde der Adressatenkreis in den Anfangsjahren des Konzepts noch recht eng gefasst (vgl. Fröhlich, 1978, S. 43; Haupt & Fröhlich, 1982, S. 22f.), so hat er inzwischen eine beträchtliche Öffnung erfahren: Mit den Mitteln Basaler Stimulation arbeiten heute Fachleute verschiedener Professionen unter anderem in der Begegnung mit …

frühgeborenen Kindern, die intensivmedizinischer Behandlung und Pflege bedürfen.durch Krankheit oder Unfall schwer beeinträchtigen Menschen (z.B. in unterschiedlichen Komaremissionsstadien, in schwierigen intensivmedizinischen und anderen vergleichbaren Versorgungssituationen).von Geburt an schwer mehrfachbehinderten Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen.pflegebedürftigen Menschen im Sterben.

Die Angebote Basaler Stimulation mögen darüber hinaus in der pädagogischen, pflegerischen oder therapeutischen Förderung und Begleitung von Menschen hilfreich sein, die …

im Zusammenhang mit einer intellektuellen Beeinträchtigung herausfordernde Verhaltensweisen zeigen.selbstverletzendes Verhalten zur Autostimulation verwenden.schwere Störungen der Wahrnehmungs- und Bewegungskoordination beziehungsweise der Selbststeuerung haben.bei einer intellektuellen Beeinträchtigung (chronisch) erkrankt sind (vgl. Büker, 2014; Theunissen, 2000, S. 137).

1.3 Fördernde Bedingungen, Lebensbegleitung und Ganzheitlichkeit der Entwicklung

1.3.1 Gestaltung fördernder Bedingungen (Entwicklungsförderung)

Die menschliche Entwicklung ist ein äußerst komplexer, lebendiger und vielfältiger Vorgang. Sie lässt sich nicht „erzeugen“ oder von außen „eintrichtern“. Stattdessen erweist sich die Eigenaktivität des Individuums als bedeutsam: „Entwickeln kann man sich nur selbst“ (Haupt, 2000, S. 4). Durch soziale und materielle Umweltbedingungen wird Entwicklung aber gewiss „von außen“ beeinflusst. Die Bedingungen können sich (eher) vorteilhaft oder (eher) nachteilig auswirken (Schutz- versus Risikofaktoren). Basale Stimulation versucht Umweltbedingungen zu gestalten, die schwer beeinträchtigten Menschen helfen, die ihnen mögliche Entwicklung zu durchlaufen. Die „mögliche Entwicklung“ kann sich in Phänomenen äußern, die für Außenstehende unscheinbar wirken, wie zum Beispiel freier zu atmen oder die Grenzen und Gliedmaßen des eigenen Körpers zu spüren, eine spielerische Interaktion mit der Mutter zu genießen etc.

1.3.2 Lebensbegleitung

Basales Arbeiten wird nicht ausschließlich und nicht immer durch Gedanken des Förderns geleitet. Je nach Situation, in der sich die beeinträchtigte Person befindet, können Vorstellungen von kognitiver Weiterentwicklung oder körperlich-medizinischer Gesundung unangemessen sein und den Dialog behindern. Basale Stimulation rückt damit auch als Lebensbegleitung in den Blick. Lebensbegleitung meint, die Hilfe für eine beeinträchtigte Person und das Zusammensein mit ihr als Selbstzweck anzugehen. Man könnte sagen: Hilfe und Zusammensein „an sich“ stehen im Zentrum. Das ist kein Abschied von der pädagogischen, pflegerischen oder therapeutischen Professionalität. Vielmehr drückt sich in der Lebensbegleitung eine Professionalität aus, die neben dem Bemühen um Entwicklungsfortschritte auch die Qualität der Interaktion und Beziehung im Hier und Jetzt zu gewichten weiß.

1.3.3 Ganzheitlichkeit

In der basalen Praxistätigkeit sind das Gestalten fördernder Bedingungen und die Lebensbegleitung in der Regel eng verwoben und stellen zwei Grundaspekte des mehrdimensionalen professionellen Handelns dar. Wichtig ist bei beiden, Entwicklung in ihrer Ganzheitlichkeit zu betrachten:

„Ganzheitlichkeit bedeutet, dass unterschiedlichste Lernprozesse, Erfahrungen, Empfindungen, Denken und Wahrnehmen, aber auch Bewegen und Kommunizieren zur gleichen Zeit von der gleichen Person geleistet werden. Diese Ganzheitlichkeit gilt auch für Eltern, Lehrerinnen, Therapeuten – auch sie können sich selbst nicht in ‚Einzelteile zerlegen‘“ (Fröhlich, 2007, S. 90).

Das Modell der Ganzheitlichkeit versuchen Fröhlich und Haupt (1983, S. 5) in einer Grafik zu veranschaulichen, die wir nachstehend in aktualisierter Form übernehmen (Abb. 1-2).

Abbildung 1-2: Ganzheitlichkeit der Entwicklung (Quelle: Fröhlich, 2015, S. 67)

1.4 Beratung von Angehörigen

Seit ihren Anfängen verbindet sich die Darstellung Basaler Stimulation mit dem Hinweis und dem Rücksicht-Nehmen auf die Situation der nahen Angehörigen (vgl. bereits Begemann, Fröhlich & Penner, 1979, S. 164ff.). Denn Menschen leben von Geburt an in Beziehungen. Sie sollten folglich von Pädagogen, Pflegenden oder Therapeutinnen stets auch in ihrem sozialen Umfeld wahrgenommen werden. Die Angebote Basaler Stimulation können das Kontakt- und Handlungsrepertoire der Bezugspersonen oft erweitern. Das Konzept lässt sich somit auch für die Beratung von Angehörigen fruchtbar machen. Diese Beratung muss die besondere Gefühls- und Daseinslage beachten, die viele Angehörige bewegt. Sie unterscheidet sich in wesentlichen Punkten vom Befinden und von den Aufgaben der Fachpersonen. Ein pointierter Vergleich der Heilpädagogin Barbara Jeltsch-Schudel (2014) verdeutlicht dies in Tabelle 1-1.

1.5 Individualität und Individualisierung

Menschen sind gleich in ihrer Würde, aber oft unterschiedlich in ihren Interessen, Vorlieben, Lebenserfahrungen (z.B. Sensobiografien) oder Kommunikationsstilen. Der Berücksichtigung und bewussten Gestaltung dieser etwaigen Unterschiede beziehungsweise Persönlichkeitsmerkmale bei jedem schwerstbeeinträchtigten Kind oder Erwachsenen kommt in der basalen Arbeit ein hoher und entscheidender Stellenwert zu. Mit anderen Worten: Basale Stimulation bemüht sich um den Schutz der Individualität des Gegenübers. Das gewinnt besondere Relevanz durch den umfassenden Unterstützungsbedarf, der mit schwerer und mehrfacher Beeinträchtigung einhergeht. Denn Einrichtungen, die aufwändige Unterstützungsleistungen organisieren (z.B. Sonderschulen, Wohnheime oder Krankenhäuser), tendieren dazu, im Bereitstellen ihrer Ressourcen und Strukturen einer ökonomischen Logik zu folgen. Sie unterhalten zum Beispiel eine Zentralküche, die zu strikt reglementierten Essenszeiten führt, oder sie neigen dazu, Freizeitaktivitäten nur in der Gruppe anzubieten oder die Tagesabläufe ihrer Klientinnen und Klienten einander anzugleichen beziehungsweise fremd zu bestimmen. Für „Eigen-Arten“, individuelle Rhythmen und Gewohnheiten bleibt dann nur wenig Spielraum. Unterschiede in den Bedürfnissen und Anpassungsfähigkeiten schwerstbeeinträchtigter Menschen werden leicht übersehen. Basale Stimulation will dem entgegenwirken: Sie betont, dass die Individualität ihrer Adressaten eine Individualisierung des pädagogischen, pflegerischen und therapeutischen Angebots notwendig macht, also eine Anpassung des professionellen Handelns und der Hilfestrukturen an die Möglichkeiten des jeweils Einzelnen, Unverwechselbaren.

1.6 Voraussetzungslosigkeit

Basale Stimulation entstand und entsteht bis heute aus dem Kerngedanken, eine Pädagogik, Pflege oder Therapie zu gestalten, die von ihren Adressaten weder Voraussetzungen, Vorleistungen noch Vorkenntnisse verlangt. „Die physische Gegenwart, das lebendige Anwesendsein allein genügt, um in einen basalen Austauschprozess eintreten zu können“ (Fröhlich, 2006, S. 402). Ein voraussetzungsloses Arbeiten lehnt sich an Phänomene und Vorgänge der frühkindlichen Entwicklung an: Auch Neugeborene verfügen noch nicht über die Erfahrungen und Fähigkeiten, die später bei vielen pädagogischen, pflegerischen oder therapeutischen Vollzügen vorausgesetzt werden. Dennoch gibt es im Umgang mit ihnen erfolgreiche Intuitionen und umfängliches fachliches Know-how. Basale Angebote nehmen daher Bezug „auf die allerersten Anfänge der Kommunikationsfähigkeit, der Wahrnehmung, der Bewegungsfähigkeit, der Aufmerksamkeit, des Lernens etc.“ (ebd.). Das heißt nicht, das Lebensalter des jeweiligen Adressaten beziehungsweise dessen biographische Prägungen zu ignorieren. Im Gegenteil: Basale Stimulation mit Jugendlichen und Erwachsenen muss darauf achten, die Person des Gegenübers in und mit ihrer Lebensgeschichte zu verstehen. Eine unreflektierte Gleichsetzung mit dem Säuglings- oder Kleinkindalter verbietet sich. Gleichwohl finden sich voraussetzungslose Zugänge zu schwer beeinträchtigten Menschen vor allem in Interaktionen, welche die somatische, die vestibuläre oder die vibratorische Wahrnehmung ansprechen (vgl. Bienstein & Fröhlich, 2012, S. 45–48).

1.7 Dialogische Begegnung und Kommunikation

Basale Stimulation rückt das situative Erleben und Reagieren, die Bedürfnisse und Motive des jeweiligen beeinträchtigen Menschen in den Mittelpunkt der professionellen Aufmerksamkeit. Die Äußerungen unseres Gegenübers und der subjektive Sinn, der ihnen zugrunde liegt, sollen ernst genommen werden und Resonanz finden. Dadurch können gelingende kommunikative Prozesse – wie Verstanden-Werden oder Gemeinsamkeiten-Finden – in Gang kommen (Abb. 1-3). Basale Stimulation will eine Einladung sein, sich auf Begegnungen und Beziehungen einzulassen, also auf Mitmenschen, und mit ihnen zusammen auf die Umwelt. Der achtsame Dialog mit der beeinträchtigten Person ist ein Eckstein aller basalen Aktivitäten. Diese Betonung des Dialogischen beziehungsweise der zwischenmenschlichen Begegnung geht auch mit einer bestimmten ethischen Haltung der Professionellen einher. Sie kann als Schutzeinstellung zugunsten des beeinträchtigten Menschen bezeichnet werden (dazu Schnell, 2004).

Abbildung 1-3: Kreislauf gelingender Kommunikation (Quelle: leicht mod. n. Mall, 1993, S. 139)

1.8 Ziele Basaler Stimulation

Basale Stimulation gelangt zur Anwendung, um Gesundheit und Wohlbefinden, Bildung und Partizipation sowie die Selbstbestimmung beeinträchtigter Menschen zu unterstützen. Zum Teil mit unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen umgreifen die genannten drei Kategorien (Selbstbestimmung, Bildung und Partizipation, Gesundheit und Wohlbefinden) die gesamte Breite Basaler Stimulation, das heißt pflegerisches wie pädagogisches und therapeutisches Arbeiten. Sie sind in den „zentralen Lebensthemen“ enthalten, die Bienstein und Fröhlich (2012, S. 86–107) als Ausdruck basaler Motive schwer beeinträchtigter Personen formuliert haben. Motive sind die inneren Beweggründe für unser Verhalten. Die zentralen Lebensthemen wollen somit erschließen helfen, welche Bedürfnisse, Gedanken und Gefühle einen beeinträchtigten Menschen in seiner momentanen Lebenssituation beschäftigen beziehungsweise welche Bedürfnisse und Ziele aus seiner Perspektive im Vordergrund stehen. Im Einzelnen nennen Bienstein und Fröhlich (ebd.) die folgenden zentralen Themen:

Leben erhalten und Entwicklung erfahrendas eigene Leben spürenSicherheit erleben und Vertrauen aufbauenden eigenen Rhythmus entwickelndas Leben selbst gestaltendie Außenwelt erfahrenBeziehungen aufnehmen und Begegnungen gestaltenSinn und Bedeutung geben und erfahrenSelbstbestimmung und Verantwortung lebendie Welt entdecken und sich entwickeln.

Wohlbefinden, Partizipation und Selbstbestimmung haben eine erste, elementare Grundlage im Ausbilden einer kohärenten Selbstwahrnehmung. Damit ist zweierlei gemeint:

zum einen das Empfinden, dass die Teile meines Körpers zu mir und zueinander gehören, ein „Ganzes“, ein (Körper-)Ich sindzum anderen das Vorhandensein einer realitätsgerechten Orientierung, das heißt einer angemessenen Verarbeitung räumlicher und zeitlicher Informationen („Wo bin ich?“ bzw. „Wann passiert etwas?“).

Sehr häufig geht es in der basalen Arbeit (anfangs) um den Aufbau oder Erhalt dieser kohärenten Selbstwahrnehmung. Sie lässt sich durch eine spezifische Gestaltung der Kommunikation unterstützen. Eine kohärente Selbstwahrnehmung gibt dem Dialog mit den Mitmenschen und der Auseinandersetzung mit der dinglichen Umwelt ihre eigentliche Kontur. Sie spielt eine wichtige Rolle für die Nachvollziehbarkeit von Interaktionen und Geschehnissen und damit für das Erleben von Sicherheit.

1.9 Die Frage nach dem Proprium Basaler Stimulation

Begegnung, Kommunikation, Bildung, Gesundheit, Wohlbefinden, Partizipation etc. sind gewiss Begriffe, von denen auch außerhalb Basaler Stimulation in Therapie, Pflege und Pädagogik gesprochen wird. Das kann zu der Frage führen, welches Proprium die Basale Stimulation kennzeichnet, worin das Besondere liegt, das man bei ihr, aber nicht überall in den „helfenden Berufen“ findet. Zumindest die folgenden fünf Punkte geben darauf Antwort:

Basale Stimulation hält wirklich basale Angebote vor, Know-how für eine Begleitung und Entwicklungsförderung, bei der keine Vorleistungen oder bereits vorhandene Fähigkeiten des Adressaten verlangt werden. Mit dem Konzept kann man arbeiten, sobald ein Mensch geboren ist, solange er lebt und so schwer seine Behinderung sein mag. Die Entwicklung Basaler Stimulation hat bereits in den 1970er-Jahren zu zeigen geholfen, „dass die bislang vorherrschende Annahme einer Bildungsunfähigkeit Schwerstbehinderter gänzlich unhaltbar war“ (Praschak, 1990, S. 9).Basale Stimulation rückt die Möglichkeiten ins Zentrum, die der menschliche Körper bietet: Sie nutzt und gestaltet das Zusammenspiel von Wahrnehmung, Bewegung und Kommunikation. Insofern ist sie ein körperorientierter Ansatz. Der Körper ist eine manifeste Größe: sichtbar, hörbar, berührbar. Er eröffnet uns auch dann einen persönlichen Zugang, wenn scheinbar alle kommunikativen und geistigen Beziehungen verhindert sind.Basale Stimulation erweitert die in vielen Bereichen verengende Vorstellung von Kommunikation als einer vermeintlich kognitiv-verbal geprägten Interaktion hin zu einer sensiblen Wahrnehmung körperlicher Ausdrucksmöglichkeiten und räumlicher Arrangements. Sie nutzt diese Möglichkeiten und Arrangements als Basis für die interaktive Ausgestaltung pädagogischer, pflegerischer und therapeutischer Aufgaben und Situationen.Mit der Betonung des Körperlichen und der Ganzheitlichkeit legt Basale Stimulation Gewicht darauf, anthropologische Dualismen zu vermeiden. Sie versagt sich Gegenüberstellungen einer „höheren“, denkvermögenden und einer rein physikalischen Substanz im Menschen. Allzu leicht führen solche Dualismen zur Hochschätzung des Intellektuellen und spuren damit die Geringschätzung derjenigen vor, die mit intellektueller Brillanz nicht aufwarten können.In Fragen der Antastbarkeit von Leben und Lebenswert verweist Basale Stimulation auf die unbedingte Schutzbedürftigkeit ihrer schwerstbeeinträchtigten Adressaten. Sie wird hiermit zu einem Konzept, das sich auch politisch positioniert: zugunsten der Unantastbarkeit der menschlichen Würde und des individuellen Lebenswerts.

1.10 Fazit

Basale Stimulation ist ein Konzept für die pädagogische, pflegerische oder therapeutische Arbeit mit schwerstbeeinträchtigten Menschen. Sie dient den Angesprochenen in verschiedenen Formen der Umsetzung: als Begleitung ihrer Lebensvollzüge, durch Gestalten fördernder Entwicklungsbedingungen und in der Beratung von Angehörigen. Basale Stimulation nutzt individuelle – gegebenenfalls voraussetzungslose – Anregungen und kommunikative Angebote, die sich auf den Körper des Gegenübers und dessen Umwelt beziehen. Das Konzept legt maßgebliches Gewicht auf die dialogische Begegnung der Beteiligten. Es hat zum Ziel, je nach Situation

eine kohärente Selbstwahrnehmung,Gesundheit und Wohlbefinden,Bildung und Partizipation sowiedie Selbstbestimmung

der beeinträchtigten Person zu unterstützen.

Richtungweisende Impulse gewinnt Basale Stimulation aus einer humanistischen Sicht des Menschen. Sie geht mit einer Ethik der Unantastbarkeit der menschlichen Würde und des individuellen Lebenswerts einher. Als Konzept will Basale Stimulation theoretische Erörterung und praktisches Tun in ein ausgewogenes Verhältnis bringen: Weder soll Praxishandeln unüberlegt geschehen noch die Theoriediskussion ihren Zweck in sich selbst haben.

1.11 Literatur

Ackermann, K.-E. (2007). Sonderpädagogische Erfindungskraft als Medium der Wiederentdeckung der Bildsamkeit. Zum physiologischen Ansatz einer „Pädagogik bei schwerster Behinderung“. In U. Mietzner, H.-E. Tenorth & N. Welter (Hrsg.), Pädagogische Anthropologie – Mechanismus einer Praxis. Zeitschrift für Pädagogik, 52. Beiheft, 155–170. Weinheim & Basel: Beltz.

Begemann, E., Fröhlich, A.D. & Penner, H. (1979). Förderung von schwerstkörperbehinderten Kindern in der Primarstufe. Zwischenbericht. Mainz: v. Hase & Koehler.

Bienstein, C. & Fröhlich, A. (2012). Basale Stimulation in der Pflege (7. Aufl.), Die Grundlagen. Bern: Hans Huber.

Büker, U. (2014). Kommunizieren durch Berühren. Kindern mit Behinderung begegnen durch Basale Stimulation. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Fröhlich, A. (2015). Basale Stimulation – ein Konzept für die Arbeit mit schwer beeinträchtigten Menschen. Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Fröhlich, A. (2012). Basales Leben 1. Texte zur Arbeit mit schwer beeinträchtigten Menschen. Hochspeyer: Internationaler Förderverein Basale Stimulation e.V.

Fröhlich, A. (2007). Basale Stimulation. In H. Greving (Hrsg.), Kompendium der Heilpädagogik (Bd. 1, S. 88–96). Troisdorf: Bildungsverlag Eins.

Fröhlich, A. (2006). Basale Förderung. In G. Antor & U. Bleidick (Hrsg.), Handlexikon der Behindertenpädagogik. Schlüsselbegriffe aus Theorie und Praxis (2. Aufl., S. 402–404). Stuttgart: Kohlhammer.

Fröhlich, A. & Nydahl, P. (2004). Basale Stimulation. In E. Kellnhauser, S. Schewior-Popp, F. Sitzmann, U. Geißner, M. Gümmer & L. Ulrich (Hrsg.), Pflege. Professionalität erleben (S. 83–90). Stuttgart/New York: Thieme.

Fröhlich, A. & Haupt, U. (1983). Förderdiagnostik mit schwerstbehinderten Kindern. Eine praktische Anleitung zur pädagogisch-therapeutischen Einschätzung. Dortmund: verlag modernes lernen.

Fröhlich, A. (1978). Ansätze zur ganzheitlichen Frühförderung schwer geistig Behinderter unter sensomotorischem Aspekt. In Bundesvereinigung Lebenshilfe für geistig Behinderte e.V. (Hrsg.), Hilfen für schwer geistig Behinderte. Eingliederung statt Isolation, Schriftenreihe, 3 (S. 42–57). Marburg: Lebenshilfe.

Haupt, U. & Fröhlich, A. (1982). Personenkreis. In U. Haupt & A. Fröhlich, Entwicklungsförderung schwerstbehinderter Kinder. Bericht über einen Schulversuch (Teil I, S. 20–24). Mainz: v. Hase & Koehler.

Haupt, U. (2000). Entwickeln kann man sich nur selbst. Zusammen, 20(2), 4–7.

Jeltsch-Schudel, B. (2014). Familienentlastung. In B. Jeltsch-Schudel & U. Wilken (Hrsg.), Elternarbeit und Behinderung. Empowerment – Inklusion – Wohlbefinden (S. 93–106). Stuttgart: Kohlhammer.

Mall, W. (1993). Kommunikation – Basis der Förderung. In E.X. Frei & H.-P. Merz (Hrsg.), Menschen mit schwerer geistiger Behinderung. Alltagswirklichkeit und Zukunft (2. Aufl., S. 135–151). Luzern: Edition SZH/SPC.

Praschak, W. (1990). Sensomotorische Kooperation mit Schwerstbehinderten als Herausforderung für eine allgemeine Pädagogik (Theorie und Praxis, 31). Hannover: Universität Hannover, Fachbereich Erziehungswissenschaften I.

Schnell, M.W. (2004). Ethik und Anthropologie der Basalen Stimulation. In M.W. Schnell (Hrsg.), Leib. Körper. Maschine. Interdisziplinäre Studien über den bedürftigen Menschen (S. 105–114). Düsseldorf: verlag selbstbestimmtes leben.

Theunissen, G. (2000). Lebensbereich Freizeit – ein vergessenes Thema für Menschen, die als geistig schwer- und mehrfachbehindert gelten. In G. Cloerkes & R. Markowetz (Hrsg.), Freizeit im Leben behinderter Menschen. Theoretische Grundlagen und sozialintegrative Praxis (S. 137–149). Heidelberg: Winter (Edition S).

2 Geschichte und Entwicklung – Werdegang eines Konzepts

Andreas Fröhlich

2.1 Ratlos

Am Anfang stand nicht Basale Stimulation. Am Anfang standen sehr schwerbehinderte Kinder, die zu Hause in ihrem Bett lagen, die als Dauerpflegefälle in einer kleinen Kinderklinik untergebracht waren, die in einem Altenpflegeheim versorgt wurden. Sie waren nicht mit Kindern ihres Alters zusammen, sie besuchten weder eine Schule noch einen Kindergarten, alles das, was man unter Förderung zusammenfassen kann, blieb ihnen versagt. Ein paar dieser Kinder lernte ich kennen, recht viele waren der Einrichtung, in der ich zu arbeiten begonnen hatte, bekannt. Es gab da und dort Listen nicht schulfähiger, nicht bildbarer Kinder und Jugendlicher: „Da kann man nichts machen“, Bedauern, Achselzucken …

Die sogenannten „großen Anstalten“ versorgten solche Kinder unter pflegerischem Aspekt. Bethel, die Alsterdorfer Anstalten, das Epilepsiezentrum Kork und etliche andere, meist kirchliche Einrichtungen. Personalknappheit, pädagogisch-therapeutische Ratlosigkeit und die grundsätzliche Abstinenz der Sonderpädagogik gegenüber diesen Kindern hatten eine Art pädagogisch-therapeutischer Grauzone entstehen lassen, weitgehend vergessen und gerne übersehen.

Eltern schämten sich, ein solches Kind zu haben, sie schämten sich, es „abgegeben“ zu haben, sie schämten sich gegenüber der eigenen Familie, gegenüber anderen Menschen. Keine gute Voraussetzung für diese Eltern, sich für die eigenen „vergessenen“ Kinder engagiert einzusetzen, Interessen zu vertreten, Forderungen vorzutragen (vgl. Fröhlich, 1986).

Es ging also zunächst darum, für diese Kinder erste Fördermöglichkeiten zu entwickeln, die ihnen eine Chance eröffnen konnten, sich zu entwickeln. Der Gedanke der Entwicklung wurde über viele Jahre sehr intensiv von Ursula Haupt verfolgt. Sie setzte sich damit ein wenig ab von der herrschenden Pädagogik, die von den Kindern ein Erlernen vorgegebener skills and items erwartete. Zeit und Raum für eine eigene Entwicklung zu eröffnen, lag noch nicht im Blickfeld der Schulen und Rehabilitationseinrichtungen. Neue Sichtweisen mussten gefunden und angewendet werden: Die schwere Behinderung selbst schien ein Hindernis dafür zu sein, dass diese Kinder ihre eigenen Kräfte aktivieren konnten. Motorische, sinnesfunktionelle und kognitive Barrieren konnten von den Kindern nicht überwunden werden. Massive gesundheitliche Probleme schränkten die Vitalität der Kinder ein. Die medizinische Versorgung war zu dieser Zeit eher undifferenziert, viele dieser Kinder litten unter nur schlecht einstellbaren Anfallsformen, hatten schwerste Kontrakturen und wohl auch Schmerzen und Ernährungsstörungen waren bei fast allen zu beobachten. Die tägliche Versorgung dieser Kinder durch ihre Eltern oder auch professionelle Helfer in den Einrichtungen war schwierig und wirklich belastend. Es gab noch keine brauchbaren Einmalwindeln und diese Kinder waren inkontinent, es gab kaum geeignete Sanitärhilfen, keine brauchbaren Lifter und andere Hilfsmittel. Intensiver körperlicher Einsatz war Tag für Tag gefordert.

Zunächst einmal schien es vorrangig, überhaupt etwas zu finden oder zu erfinden, um mit diesen Kindern umgehen, mit ihnen in Kontakt kommen, sie beschäftigen zu können. Die Ausgangssituation ist ausführlich in den Jahren 1975 und danach dargestellt worden (Bundesverband für spastisch gelähmte und andere Körperbehinderte e.V. & Fröhlich, 1978; Fröhlich & Tuckermann, 1977; insbesondere auch Kultusministerium Rheinland-Pfalz, 1979).

2.2 Erste Modelle und Hypothesen

Ohne nun einen historischen Abriss mit genauer Quellenlage und -analyse anzubieten, soll in groben Zügen die Konzeptentwicklung dargestellt werden.

Gewissermaßen als „Startkapital“ hatten wir das 3-P-Modell, das schon vor dem tatsächlichen Beginn des Schulversuchs „Förderung von schwerstkörperbehinderten Kindern in der Primarstufe“ entwickelt werden konnte:

P1 – Johannes Pechstein, Sozialpädiater, Professor in Mainz, hatte seine Habilitationsschrift Umweltabhängigkeit der frühkindlichen zentralnervösen Entwicklung (1974) gerade vorgelegt. In ihr zeigte er mit den damaligen diagnostischen Mitteln, dass eine frühkindliche Reizdeprivation, also ein Zuwenig an sensorischer Anregung, sich nachteilig und nachhaltig auf die strukturelle und funktionelle Entwicklung des Gehirns auswirkt.Daraus zogen wir den zunächst hypothetischen Schluss, dass diese Kinder durch ihre eigenen Bewegungseinschränkungen, durch ihre multiplen Wahrnehmungsprobleme und natürlich durch ihre meist sehr monotonen Tagesabläufe zusätzlichen Deprivationen (Reizentzügen) ausgesetzt waren. Dauerhafte negative Auswirkungen auf die weitere Entwicklung waren zu erwarten oder schon längst eingetreten.P2 – Jean Piaget, Biologe und Psychologe, hatte seine damals bahnbrechenden Einsichten in die kindliche Entwicklung veröffentlicht und gerade der sogenannten sensomotorischen Intelligenz einen besonderen Stellenwert zugeschrieben. Diese sehr frühe Form von intelligentem Verhalten war bislang meist den Reflexaktivitäten zugeordnet worden, man sprach ihnen keine Bedeutung hinsichtlich der Intelligenz zu. Mit der Ausweitung des Intelligenzbegriffs durch Piaget ergab sich die Möglichkeit, auch diesen sehr schwerbehinderten Kindern Intelligenz zuzusprechen. Sie zeigten doch immerhin immer wieder Verhaltensweisen, die man mit denen eines Neugeborenen oder eines kleinen Säuglings vergleichen konnte.Damit war eine eher pädagogische Sichtweise aufgetan und die Einsichten Pechsteins konnten nicht nur neurologisch-medizinisch, sondern auch entwicklungspsychologisch bearbeitet werden.P3 – Die Bobath-Methode (kühn hatten wir das B zu einem P gemacht) hatte in der pädiatrischen Physiotherapie zunehmend Anhänger gefunden. Man baute auf die angenommene Plastizität des Gehirns, um primitive, das heißt in der kindlichen Entwicklung sehr frühe Bewegungsformen zu überwinden. Durch Bahnung, das heißt von den Therapeuten vorgegebene Bewegungsmuster, sollte das kindliche Gehirn dazu gebracht werden, diese zunehmend zu übernehmen und selbst als motorischen Output zu organisieren.

Wenn motorische, von außen angebotene Muster übernommen werden können, warum sollten dann nicht auch andere sensorische Angebote aufgenommen und neu bearbeitet werden können? Es ginge lediglich darum, möglichst einfache Angebote zu finden, die auch ein Kind mit schwer vorgeschädigtem Gehirn und eingeschränkter Sinnesfunktion aufnehmen könnte. Basale Angebote also.

Als grundlegende Hypothese für unsere praktische Arbeit mit sehr schwerbehinderten Kindern versuchten wir zu formulieren: Durch einfachste sensorische Reize kann dem Gehirn eines Menschen über die unterschiedlichen Wahrnehmungsorgane Anreiz gegeben werden, sich in Ansätzen neu zu organisieren. Das Gehirn kann Strukturen aufbauen, die zunehmend in der Lage sind, auch etwas komplexere Reizkonstellationen aufzunehmen.

Diesen Prozess wollten wir als Lernen bezeichnen, das Angebot als Basale Stimulation.

Heute sprechen wir nicht mehr von Reizen – diese Vokabel rückte unsere Überlegungen zu sehr in die Nähe eines mechanistischen Behaviorismus.

Das ist und war nie beabsichtigt. In Stimulation steckt natürlich stimulus (lat.: Reiz). Stimulation lässt aber auch Anregung, Einladung, Anreiz anklingen. In den 1980er-Jahren wurde Stimulation in den romanischen Sprachen oft gleichbedeutend mit Förderung verwendet, eine inhaltliche Verwandtschaft, die uns durchaus sympathisch war.

Dies alles war aber noch lange kein Konzept, sondern eine transdisziplinäre Arbeitshypothese.

2.3 Bewegen – wahrnehmen – kommunizieren

Aus dem beschriebenen 3-P-Modell hat sich unmittelbar eine weitere Dreiheit entwickelt, die für das Konzept der Basalen Stimulation nach wie vor bestimmend ist. Bewegung, Wahrnehmung und Kommunikation bedingen einander wechselseitig. Man kann nur wahrnehmen, wenn man seine Augen, seine tastenden Finger suchend bewegen kann oder wenn sich ein Objekt, das wahrgenommen werden soll, selbst bewegt. Ohne Bewegung versiegt die Wahrnehmung sehr schnell (vgl. Fröhlich, 1977).

Aber die eigene Bewegung kann nur kontrolliert erfolgen und gesteuert werden, wenn sie von dem, der sich bewegt, wahrgenommen wird. Muskelspannung, Gelenkstellung, Lage im Raum, Verhältnis zur Schwerkraft – ohne diese koordinierte Wahrnehmung kann Bewegung weder kontrolliert noch dosiert werden.

Kommunikation verbindet Wahrnehmungen mit Inhalt und Bedeutung, Kommunikation benennt und macht die individuelle Erfahrung mitteilbar. Bewegung ist immer auch Bewegung zu, von, mit und zwischen Menschen. Sie ist Interaktion und damit ein wesentlicher Teil der Kommunikation.

Der engere Prozess der Kommunikation besteht aus der Wahrnehmung des Gegenübers, seiner Sprache und Mimik. Gleichzeitig kann nur kommuniziert werden, wenn man seine Atmungsbewegungen, die Mundbewegungen, die mimische und gestische Bewegung koordiniert einsetzen kann. Wir haben es also mit einem elementaren Bedingungsgefüge zu tun.

Die Einsichten Pechsteins, Piagets (1975) und des Ehepaars Bobath (1977) haben uns geholfen, diese Zusammenhänge zu sehen und besser zu verstehen. Dazu war die Publikation von Karlheinz Jetter (1975) zu kindlichem Handeln und kognitiver Entwicklung besonders hilfreich.

2.4 Lernen als zentraler Begriff

Zunächst einmal erwies sich die Erweiterung des Lernbegriffs als ein nützlicher Schritt. Damit konnten nämlich die Aktivitäten der Betreuer, der Pädagoginnen und zum Teil auch der Pflegefachkräfte als Förderung des Lernens beschrieben werden. Wenn – so der wichtige nächste Argumentationsschritt – Kinder gemeinsam in einer Gruppe Lernerfahrungen machen und diese von einer Fachperson geplant, angeleitet und organisiert werden, dann ist das Schule, sofern die Kinder und Jugendlichen zwischen 6 und 18 Jahre alt sind.

Das war eine im weiteren Sinne politische Argumentation, wichtig deswegen, weil Schule in unserem Staat (Deutschland) eine zentrale auch rechtliche Rolle spielt. Das Recht auf Schule konnte so für diese Kinder und Jugendlichen über etliche Jahre hin mühsam errungen werden. Das bedeutet für 13 Jahre – die Schulpflichtdauer – Rechtssicherheit, Finanzierungssicherheit und geregelte zeitliche Entlastung für die betroffenen Familien.

So waren denn in den ersten Jahren unsere Bemühungen insbesondere darauf gerichtet, diese Position auszubauen und eine Art Schulkompatibilität zu konstruieren, sodass auch an anderen schulisch orientierten Einrichtungen solche Kinder aufgenommen werden konnten. Dies geschah dann auch überraschend schnell, wobei sich einzelne Bundesländer hervortaten und andere erschreckend lange brauchten, bis sie den Schritt wagten, diese Kinder als schulpflichtige Kinder zu sehen, denen der Staat verpflichtet ist, ein schulisches Angebot zu machen.

Immer wieder kam es zu kritischen Diskussionen um den passenden Ort der Förderung sehr schwer beeinträchtigter Menschen. Oft musste der Eindruck entstehen, Bildungseinrichtungen wollten sich dieser Menschen „entledigen“ (vgl. Fornefeld, 2010; Speck, 1998) und eine Unterbringung in einer mehr pflegeorientierten und vor allem billigeren Einrichtung in die Wege leiten. Für das Konzept der Basalen Stimulation mit seinem Anliegen, Pflege und Pädagogik gleichberechtigt zusammenzubringen, bedeutete das eine enorme Herausforderung. Sie wurde immer wieder verdächtigt, der „billigeren“ Pflege in die Hände zu spielen.

2.5 Ganzheitlichkeit

Ein weiteres wichtiges Denkmodell nach dem 3-P-Modell wurde von Ursula Haupt in die Arbeit eingebracht. Sie versuchte die Ganzheitlichkeit der menschlichen Entwicklung modellartig darzustellen. Es kam ihr darauf an, eine Hierarchie unterschiedlicher Persönlichkeits- und Entwicklungsbereiche in der Pädagogik zu vermeiden, ja, deren Unsinnigkeit eindeutig und einleuchtend vor Augen zu führen. Sie entwickelte das Ausgangsbild des Hexagons als Darstellung der Ganzheitlichkeit von Entwicklung (Abb. 2-1). Die Benennungen haben sich sprachlich geändert, Akzente wurden gesetzt, doch ist das Modell in seinen Grundzügen geblieben, wie sie es vorgeschlagen hat.

Abbildung 2-1: Hexagon (Quelle: Fröhlich, 2015, S. 67)

Menschliche Entwicklung vollzieht sich im Zusammenspiel unterschiedlicher Bereiche der Person. Diese Bereiche wirken unmittelbar und mittelbar aufeinander ein, bilden zusammen die unterschiedlichen Ebenen des Bewusstseins und werden in der Interaktion mit anderen Menschen im Hier und Jetzt wirksam. Gleichzeitig, gleich wirklich und gleich wichtig wirken sie zusammen.

Diese Ganzheitlichkeit bezieht sich nicht nur auf die Person zum Beispiel eines behinderten Kindes oder eines schwer beeinträchtigten Patienten. Sie bezieht sich ebenso auf die Person der Lehrerin oder der pflegenden Fachperson. Auch diese erleben ganzheitlich, ihre körperlichen Erlebensweisen sind genauso „wirklich“ wie die kognitiven oder emotionalen.

2.6 Einflüsse und Austausch

In einer Zeit der dynamischen Entwicklung von Hilfesystemen für Menschen mit schweren Behinderungen ist es nur natürlich, dass sich verschiedene Ansätze wechselseitig anregen, dass Ideen ausgetauscht und ins eigene Denken eingebaut werden. Meist lag diesem Austausch eine unmittelbare persönliche Bekanntschaft und Kollegialität zugrunde.

Patricia Albrecht, eine amerikanische Ergotherapeutin, brachte als Kollegin erste Ansätze der Sensory Integration von Jean Ayres in die Landstuhler Arbeit ein (Albrecht, 1981). Mit der Blindeninstitutsstiftung Würzburg bestand ein sehr intensiver konkreter Austausch, der zu einer neuen diagnostischen Herangehensweise, dem preferential looking, beitrug. Die humanistische Sicht der Kollegen dort beeinflusste im Gegenzug die frühe Basale Stimulation (Kern & Klostermann, 1989).

Es gab Begegnungen und Gespräche mit Felicie Affolter (1987), mit Adriano Milani-Comparetti aus Florenz, mit Wolf Wolfensberger (Syracuse, USA) – bedeutsame Protagonisten unseres Faches.

An dieser Stelle wären viele Kolleginnen und Kollegen zu nennen und zu würdigen. Der Austausch mit ihnen, die Diskussionen und auch die Streitgespräche waren eine Quelle der Inspiration und haben dazu beigetragen, dass sich im Laufe der Zeit ein Konzept entwickeln konnte.

Die Ärzte Heinz Krebs und Hans Schlack und Ueli Aebi sowie die Ärztin Elisabeth Köng sind zu nennen, Martin Schmidt, ebenso die Therapeutinnen Dorothee Ebert und Brigitte Rüller-Peters. Nächtelange Diskussionen mit Ernst Begemann beeinflussten die Entwicklung ebenso wie die gemeinsamen Seminare mit Ursula Haupt. Vor allem aber die bohrenden, kritischen, anregenden Fragen meiner unmittelbaren Mitarbeiterinnen in Landstuhl müssen als die vielleicht wichtigsten Entwicklungsimpulse für das Konzept hervorgehoben werden.

Zusammen mit Ulrike Tuckermann wurden Arbeitstagungen im Südwesten organisiert, die Fachkräfte aus den unterschiedlichsten Einrichtungen Hessens, des Saarlandes, aus Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg zusammenbrachten und inhaltlich stark in die Einrichtungen der jeweiligen Regionen ausstrahlten.

Daneben waren es immer auch Aufsätze und Bücher, die Einfluss ausübten. Anna Freud und insbesondere Hans Zulliger (1952), Viktor Frankl (1950) und Victor von Weizsäcker (1947). Vor allem aber Uri Bronfenbrenner (1981) und seine Ökologie der menschlichen Entwicklung sowie Bernhard Hassensteins Verhaltensbiologie des Kindes (1973) haben mich nachhaltig beeindruckt und das eigene Denken geprägt. Eine eher ethologisch-beobachtende Herangehensweise wurde von mir bevorzugt, denn die von Sollensforderungen und Erwartungen geprägte Pädagogik der damaligen Zeit war angesichts schwerster Entwicklungseinschränkungen bei diesen Kindern wenig sinnvoll. Im Jahre 1991 konnte sehr viel von dieser Arbeit in ein Übersichtswerk Pädagogik bei schwerster Behinderung einfließen (Fröhlich, 1991a), das für die kommenden Jahre richtungweisend sein sollte.

2.7 Pflege und Basale Stimulation

Die Integration der Pflege in diese basale Arbeit fand von Anfang an statt. Es war klar, dass die meisten dieser Kinder auch kranke Kinder waren (vgl. Penner in Kultusministerium Rheinland-Pfalz, 1979). Sie waren nicht dazu in der Lage, wie man später sagen würde, Aktivitäten der Selbstpflege zu übernehmen, sie mussten in jeder Hinsicht versorgt und „grund“-gepflegt werden. Sie hatten verschiedenste gesundheitliche, chronische Probleme, die eine ständige pflegerische Intervention erforderlich machten. Daher waren von Anfang an Pflegefachkräfte, in der Regel Kinderkrankenschwestern, mit im Team. Diese brachten ihr Wissen und ihre Praxis in die Arbeit ein, damit aber auch grundsätzlich pflegerisches Denken – was sich schnell als Kristallisationspunkt für zum Teil heftige fachliche Diskussionen herausstellte. Dennoch war klar, ohne die Einbeziehung der Pflege kann diese Arbeit nicht gelingen (Fröhlich, 1980).

Erst durch die aktive Zusammenarbeit mit Christel Bienstein kam es zu einer systematisch-konstruktiven Auseinandersetzung mit theoretischen Aspekten der Pflege. Gemeinsamkeiten und Unterschiede pflegerischen und pädagogischen Denkens konnten erkannt und beschrieben werden (vgl. Fröhlich, Bienstein & Haupt, 1997).

Zunächst wurden Einzelelemente der pädagogischen Arbeit, vor allem aus dem Bereich der Sinnesanregung, in die Pflege einbezogen. Dies hatte oft experimentellen Charakter. Meist handelte es sich um quasi ausweglose Situationen von Menschen im Koma, für die die Pflege nur versorgende Angebote bereitstellen konnte. Dort wurden erste Versuche gemacht, bekannte sensorische Angebote als „Schlüsselreize“ anzubieten: das Tuch, mit Maschinenöl getränkt, für den ehemaligen Automechaniker, die Stimmen der Kinder auf Kassette für die Mutter im Wachkoma, das Stück Holz für den alten Schreiner, der nicht mehr bei sich war etc.

Objekte und „Reize“ aus einer früheren Zeit, die als Schlüssel, als Türöffner dienen sollten, um diesen Menschen wieder einen Zugang zu sich selbst zu eröffnen.

Und es gab wirklich erstaunliche Prozesse des Erwachens, die dann ihrerseits zu Schlüsselereignissen für die Basale Stimulation wurden, neugierig machten und viele Pflegende neue Wege wagen ließen.

Die Kurse im Bildungszentrum Essen unter der Leitung von Christel Bienstein machten eine klarere Systematik erforderlich, Erfahrungen mussten systematisiert und mit vorhandenen wissenschaftlichen Einsichten abgeglichen werden. Die unterschiedlichen Förderangebote, wie sie in der 1. Auflage des Buches Basale Stimulation (1991b) beschrieben wurden, mussten aus ihrem zunächst rein pädagogischen Kontext herausgelöst und auf die Pflege ausgerichtet werden.

Die Pflege komatöser Menschen, die Intensivpflege und die Neonatalpflege standen am Anfang. Dann kamen aber auch – durch die Bedürfnisse der zunehmenden Zahl von Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern – gerontopsychiatrische, allgemeinpflegerische und zunehmend palliativpflegerische Fragen hinzu; die Begleitung Sterbender ist mittlerweile ein wichtiges Aufgabenfeld.

Gleichzeitig entwickelte die Pflege selbst immer konsequenter ihre eigene Wissenschaft, stärkte ihre eigene Identität. In diesem fachlichen und berufspolitischen Prozess spielte Basale Stimulation meines Erachtens eine wesentliche Rolle. Mit ihr hatte die Pflege etwas „Eigenes“, mit dem sie sich von der Medizin und verschiedenen Therapien abgrenzen konnte. Sie formulierte dabei zunehmend intensiv Fragen an die Basale Stimulation, verlangte Abklärungen und Erläuterungen. Die Pflege brachte mit der Entwicklung der eigenen Identität auch stärkere Akzentuierungen ein, welche die bis dahin überwiegend pädagogisch argumentierende Basale Stimulation zwang, auch pflegewissenschaftlich zu denken und zu handeln.

Mit diesen Diskussionen eng verbunden ist die Frage nach dem Konzept. In der Pädagogik ist dies kein verbreiteter Terminus, die Frage danach stellt sich seltener. Birgit Werner hat sich dieser Frage systematisch angenommen und für die Pflege – ohne die Pädagogik dabei in den Hintergrund zu drängen – einer Klärung zugeführt (Laubenstein, Lamers & Heinen, 2006; Werner, 2001)

2.8 Entwicklungen und Erweiterungen

Von besonderer Bedeutung ist in diesem Zusammenhang die Formulierung der zentralen Lebensthemen. Zunächst sprachen wir von zentralen Zielen.