Basiswissen Systemische Therapie -  - E-Book

Basiswissen Systemische Therapie E-Book

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Beschreibung

Seit 2008 ist das Wissen über Systemische Therapie prüfungsrelevant für die Approbation zur Psychotherapeutin bzw. zum Psychotherapeuten. Aber was genau muss ich für die Prüfung wissen und in welcher Tiefe? Wer vor dieser Frage steht, findet hier die Antworten. Anerkannte Größen ihres Fachs stellen in 15 Kapiteln den gegenwärtigen Wissensstand zur Systemischen Therapie dar. Fundiert und komprimiert wird das Fachgebiet Systemische Therapie in dem durchgehend farbigen Band didaktisch aufbereitet. Von Erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Grundlagen, Wirkfaktoren der Systemischen Therapie und Methodentheorie, unterschiedlichen Therapiesettings, systemischen Entwicklungskonzepten über systemische Diagnostik und vielem mehr bis zu systemischen Techniken und Interventionen reicht das Spektrum der Inhalte, bevor das Buch mit Impulsen zur Vorbereitung auf die schriftliche und mündliche Approbationsprüfung schließt. Zu jedem Kapitel gibt es Beispielfragen, wie sie möglicherweise auch in der schriftlichen Prüfung zur Approbation gestellt werden können. So gelingen Erfolgskontrolle und Lernüberprüfung einfach und mühelos. Ein ausführliches Literaturverzeichnis und Stichwortregister runden das Buch ab. Mit Beiträgen von Sebastian Baumann, Ulrike Borst, Reinert Hanswille, Björn Enno Hermans, Christina Hunger-Schoppe, Jürgen Kriz, Hans Lieb und Matthias Ochs.

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Seitenzahl: 602

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Reinert Hanswille (Hg.)

Basiswissen Systemische Therapie

Gut vorbereitet in die Prüfung

Mit Beiträgen von Sebastian Baumann, Ulrike Borst, Reinert Hanswille, Björn Enno Hermans, Christina Hunger-Schoppe, Jürgen Kriz, Hans Lieb und Matthias Ochssowie Cartoons von Björn von Schlippe

Mit 16 Abbildungen und 12 Tabellen

Vandenhoeck & Ruprecht

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.

© 2022 Vandenhoeck & Ruprecht, Theaterstraße 13, D-37073 Göttingen, ein Imprint der Brill-Gruppe

(Koninklijke Brill NV, Leiden, Niederlande; Brill USA Inc., Boston MA, USA; Brill Asia Pte Ltd, Singapore; Brill Deutschland GmbH, Paderborn, Deutschland; Brill Österreich GmbH, Wien, Österreich)

Koninklijke Brill NV umfasst die Imprints Brill, Brill Nijhoff, Brill Hotei, Brill Schöningh, Brill Fink, Brill mentis, Vandenhoeck & Ruprecht, Böhlau, Verlag Antike und V&R unipress.

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk und seine Teile sind urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung in anderen als den gesetzlich zugelassenen Fällen bedarf der vorherigen schriftlichen Einwilligung des Verlages.

Umschlagabbildung: clivewa/shutterstock.com

Cartoons: Björn von Schlippe

Satz: SchwabScantechnik, Göttingen

Vandenhoeck & Ruprecht Verlage | www.vandenhoeck-ruprecht-verlage.com

ISBN 978-3-666-40781-9

Inhalt

Das (etwas andere) Vorwort

1Einführung

Reinert Hanswille

1.1Geschichte und Entwicklung

1.2Berufspolitik

1.3Für wen ist das Buch?

1.4Genderperspektive

1.5Inhaltliche Orientierungen und Definitionen

1.6Begrenzungen

1.7Was Sie inhaltlich erwartet

2Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen I: Konstruktivismus

Matthias Ochs und Jürgen Kriz

2.1In aller Kürze

2.2Konstruktivismus

2.2.1Biologischer/radikaler Konstruktivismus

2.2.2Sozialer Konstruktionismus

2.2.3Relationaler Konstruktionismus und Dialogismus

2.2.4Gemäßigter beziehungsweise psychologischer Konstruktivismus

Fragen zu Kapitel 2

3Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen II: Systemtheorien

Jürgen Kriz und Matthias Ochs

3.1Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Einordnung der Systemtheorien

3.1.1Einfaches Ursache-Wirkungs-Modell

3.1.2Prinzipien nichtlinearer dynamischer Systeme

3.2Grundlegende Konzepte der Systemtheorie

3.3Soziologische Systemtheorie (Autopoiese, Selbstreferenz, operationale Geschlossenheit)

3.4Synergetische Systemtheorie

3.4.1Grundkonzepte der Synergetik

3.4.2Personzentrierte Systemtheorie

3.4.3Kleine Begriffstabelle zur Synergetik

Fragen zu Kapitel 3

4Methodentheorie und Wirkfaktoren

Ulrike Borst, Christina Hunger-Schoppe, Sebastian Baumann und Matthias Ochs

4.1Einordnung und Prämissen

4.2Methodentheorie: Wie ändert sich der Mensch (in Therapie)?

4.3Systemische Praxis: Was tun Therapeut:innen?

4.4Welche spezifischen Wirkfaktoren/Wirkmechanismen der Systemischen Therapie sind anzunehmen?

4.5Wie werden allgemeine Wirkfaktoren in der Systemischen Therapie realisiert?

4.6Folgerungen für die Praxis: Fallkonzeption und Grundhaltung

Fragen zu Kapitel 4

5Rahmungen und Grundhaltungen Systemischer Therapie

Reinert Hanswille und Ulrike Borst

5.1Rahmen und Rahmungen

5.2Rollen in Rahmen, systemische Arten der Rahmung

5.3Therapeutische Haltungen

5.3.1Allgemeine Variablen

5.3.2Allparteilichkeit und Neutralität

5.3.3Neugier

5.3.4Lösungs- und Zukunftsorientierung

5.3.5Ziel- und Auftragsorientierung

5.3.6Ressourcenorientierung

5.3.7Kontextorientierung und Zirkularität

5.3.8Hypothesenorientierung

5.3.9Wertschätzung

5.3.10Humor

5.3.11Beziehungsorientierung

5.3.12Arbeit auf Augenhöhe

Fragen zu Kapitel 5

6Settings der Systemischen Therapie: Einzeltherapie, Paar- und Sexualtherapie, Familientherapie, Mehrpersonensetting

Enno Hermans

6.1Historie, Entwicklung und klassische Settings Systemischer Therapie

6.2Familientherapie/Mehrpersonensetting als neues Setting der PT-Richtlinie

6.3Systemische Einzeltherapie

6.4Therapie mit Paaren und systemische Sexualtherapie

6.5Systemische Therapie mit Kindern und Jugendlichen und weitere Settings

6.6Netzwerkarbeit und ökosystemische Ansätze

Fragen zu Kapitel 6

7Systemische Gruppenkonzepte

Enno Hermans

7.1Ein kurzer Überblick

7.2Historie und Praxis systemischer Gruppentherapie

7.3Wirkfaktoren und Besonderheiten der Gruppentherapie

7.4Besondere Konzepte und Kontexte

7.5Stand der Forschung

7.6Ausblick

Fragen zu Kapitel 7

8Systemische Entwicklungskonzepte

Ulrike Borst und Matthias Ochs

8.1Einordnung

8.2Bedeutsamkeit kontextueller Faktoren für Entwicklung

8.3Menschliche Entwicklung als dynamischer Prozess

8.4Systemisch-familientherapeutische Perspektiven auf ausgewählte Entwicklungskonzepte

8.5Entwicklungsaufgaben von Kindern und Jugendlichen

8.6Familienentwicklungspsychologie: normative Krisen und nicht-normative Krisen

8.7Entwicklung in Stief-, Adoptiv- und Pflegefamilien sowie Familien mit alleinerziehendem Elternteil: Chancen und Risiken

8.8Familie und Krankheit

Fragen zu Kapitel 8

9Diagnostik in der Systemischen Psychotherapie

Christina Hunger-Schoppe, Matthias Ochs und Ulrike Borst

9.1Allgemeine Kennzeichen der Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen

9.1.1Welche Hintergründe von Klassifikationssystemen sind mitzudenken?

9.1.2Wie steht es um Objektivität, Reliabilität und Validität von Diagnosen?

9.1.3Was ist zu beachten, wenn wir über Diagnosen reden?

9.1.4Wie stark handlungsleitend soll die Diagnose für die Therapie sein?

9.2Diagnosen als soziale Konstruktion

9.2.1Wahrheit@sozial verhandelte Realitäten

9.2.2Fakten (Objektivität)@Denkkollektive (Subjektivität)

9.2.3Eigenschaften (Charakter)@Kontextbezug (Situation)

9.3Diagnostik als Intervention und Bestandteil der Therapie

9.4Kennzeichen und diagnostische Aspekte sozialer Interaktionen

9.5Indikationen und Kontraindikationen

9.5.1Indikationen

9.5.2Kontraindikationen

9.6Multimodale und multimethodale systemtherapeutische Diagnostik

9.6.1Fragebogen

9.6.2Szenische Methoden und Interviews

9.6.3Rating

Fragen zu Kapitel 9

10Systemische Überlegungen zur Entstehung und Aufrechterhaltung von Störungen

Hans Lieb und Sebastian Baumann

10.1Einordnung und Prämissen

10.1.1Ein Dilemma

10.1.2Die Begriffe »Störung« und »Krankheit«

10.1.3Systemische Therapie im Kontext der Psychotherapierichtlinie

10.1.4Fallkonzeptionen: störungsübergreifend, störungsspezifisch, störungsrelevant

10.2Systemische Erklärungen von Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen

10.2.1Kausalität in der Entwicklung von selbstorganisierten Systemen

10.2.2Das biopsychosoziale Modell aus systemischer Perspektive

10.2.3Erklärungen 1: Muster und Ordnungsbildung

10.2.4Erklärungen 2: Konstruktionen – die Perspektive von Sinn und Bedeutung

10.2.5Erklärungen 3: die Rolle der Kommunikation

10.2.6Erklärungen 4: Krisen und Entwicklungsaufgaben

10.2.7Erklärungen 5: generationenübergreifende Muster

10.2.8Erklärungen 6: funktionale Erklärungen – Symptome und Störungen als Lösungen

10.3Therapierelevanz der Erklärungsmodelle

Fragen zu Kapitel 10

11Klassische Kernkonzepte intra- und interpersoneller Dynamiken in Paarbeziehungen, Familien und Gruppen

Jürgen Kriz

11.1Frühe Konzepte der Familientherapie – zu eng und doch fundamental?

11.2Beiträge der Familientherapie für die heutige Systemische Therapie

11.2.1Psychoanalytisch orientierte Grundkonzepte

11.2.2Struktureller Ansatz

11.2.3Entwicklungsorientierter Ansatz

11.2.4Strategischer Ansatz

11.3Die Verschränkung von intra- und interpersonellen Prozessen

11.4Kollusion – ein Prototypus systemischer Ebenenverschränkung

11.5Axiome der Kommunikation und Kommunikationsprobleme

Fragen zu Kapitel 11

12Varianten der Systemischen Therapie und manualisierte/ integrative Therapien

Reinert Hanswille

12.1Einordnung: Was steckt hinter den Begriffen »Verfahren«, »Methode« und »Technik«?

12.2Varianten der Systemischen Therapie

12.2.1Reden über Lösungen, lösungsorientierte Kurzzeittherapie

12.2.2Reden über Probleme, narrative Therapieansätze

12.2.3Aufsuchende Familientherapie, Home Treatment, Home Visiting

12.2.4Hypnosystemische Therapie

12.2.5Bedürfnisangepasste Behandlung und Offene Dialoge

12.2.6Multifamilientherapie (MFT) (▶ Kapitel 7)

12.3Manualisierte und integrative Therapien für Kinder, Jugendliche und ihre Familien

12.3.1Attachment-Based Family Therapy (ABFT)

12.3.2Multidimensionale Familientherapie (MDFT)

12.3.3Multisystemische Therapie (MST)

12.3.4Mentalisierungsbasierte Therapie (MBFT oder MBT-F)

12.3.5Familienbasierte Therapie für Jugendliche mit Essstörungen (Familiy-Based Treatment for Adolescent Eating Disorders; FBT)

12.3.6Funktionale Familientherapie (FFT)

12.3.7Elterncoaching, elterliche Präsenz, gewaltloser Widerstand

12.4Manualisierte und integrative Therapien für Erwachsene

12.4.1Behavioral Couple Therapy for Alcohol and Drug Abuse (BCT)

12.4.2Emotionsfokussierte Therapie und Emotionsfokussierte Paar- und Familientherapie (EFT und EFFT)

12.4.3Leeds Manual für Systemische Therapie

12.4.4Internal Family Systems (IFS) und Ego-State-Therapie (EST)

12.4.5Systemische Paartherapie bei Depression

Fragen zu Kapitel 12

13Techniken und Interventionen in der Systemischen Therapie – ein Überblick

Reinert Hanswille

13.1Fragetechniken

13.1.1Zirkuläre Fragen

13.1.2Fragen nach Ausnahmen, in denen das Symptom/Problem nicht auftritt

13.1.3Fragen zur Möglichkeitskonstruktion, hypothetische Fragen, Was-wäre-wenn-Fragen, Fragen nach wünschbaren Alternativen, Futur-II-Fragen

13.1.4Bewältigungsfragen, Verbesserungsfragen, Verschlimmerungsfragen

13.1.5Skalierungsfragen

13.1.6Wunderfragen

13.2Symbolisch-handlungsanregende Interventionen

13.2.1Skulpturen und Aufstellungen

13.2.2Arbeit mit Figuren, Tieren, Stühlen, Familienbrett etc

13.2.3Timeline, Zeitlinienarbeit, Zeitstrahl, Lebensstrom, Lebensflussmodell

13.3Verbale und vorwiegend intrapersonelle Techniken

13.3.1Metaphernarbeit

13.3.2Externalisierung

13.3.3Reframing und Umdeutung

13.3.4Wertschätzende/positive Konnotation, Komplimente, Anerkennungen

13.3.5Mentalisieren

13.3.6Arbeit mit inneren Anteilen, Ego-State, IFS (Schwartz)

13.4Hausaufgaben, Schlussinterventionen, »Intersession Tasks«

13.4.1Einführung in die Schlussintervention

13.4.2Der Kommentar

13.4.3Die Handlungsvorschläge

13.4.4In den Sitzungen danach

13.5Reflexive Interventionen

13.5.1Reflecting Team

13.5.2Metakommunikation der Therapeut:innen

13.5.3Bedürfnisangepasste Behandlung und offene Dialoge

13.6Prozessorientierte Interventionen

13.6.1Joining

13.6.2Ressourcenaktivierung

13.6.3Rituale

13.7Darstellende Techniken

13.7.1Genogrammarbeit

13.7.2Systemzeichnungen

13.7.3Familien-Helfer-Landkarte, Familien-Helfer-Map, Auftragskarussell, Netzwerkkarte

13.8Video- und bildgestützte Interventionen

13.8.1Marte Meo

13.8.2Video-Home-Training

13.8.3Videounterstützte Interventionen

13.8.4Kinderorientierte Familientherapie (KOF)

13.9Techniken aus anderen therapeutischen Richtungen

Fragen zu Kapitel 13

14Systemische (Psychotherapie-)Forschung

Matthias Ochs und Jürgen Kriz

14.1Evidenzbasierte Medizin

14.2Forscherische Diversität, quantitative versus qualitative Herangehensweise

14.3Zwei erkenntnistheoretische Standbeine: Konstruktivismus und Systemtheorien

14.3.1Die soziologische Systemtheorie in der Forschung

14.3.2Die synergetische Systemtheorie in der Forschung

14.3.3Konstruktivismus/Konstruktionismus in der Forschung

14.4Into the Future: Pluralism, Diversity and Sophistication!

Fragen zu Kapitel 14

15Ideen für die Vorbereitung auf die schriftliche und mündliche Approbationsprüfung

Christina Hunger-Schoppe und Reinert Hanswille

15.1Grundhaltung: Lösungs- und Problemorientierung

15.2Zeitreise: Wozu nutzt eine Prüfung?

15.3Zuversicht

15.4Effektives und zustandsabhängiges Lernen

15.5Schriftliche Prüfung(svorbereitung): Vom Problem zur Fähigkeit

15.5.1Lerne, wie das IMPP zu denken

15.5.2Format und Bewertung

15.5.3Auswertung

15.5.4Allgemeine Vorbereitung für die schriftliche Prüfung

15.6Mündliche Prüfung(svorbereitung): Vom Problem zur Fähigkeit

15.6.1Lerne, wie die Prüfer:innen zu denken

15.6.2Format und Bewertungen

15.6.3Auswertung

15.6.4Allgemeine Vorbereitung

15.7Gute Zukunft: Und wofür das alles?

15.8Praktische Informationen

Dank

Literatur

Die Autor:innen

Stichwortregister

Abkürzungsverzeichnis

Link und Code für das Download-Material

Das (etwas andere) Vorwort …

Wir wissen nicht, wie Sie ein Buch im Buchhandel oder bei einem Onlinebuchhändler erwerben – manche suchen ganz gezielt nach einem Titel, von dem sie gehört oder gelesen haben; andere haben eine Leseempfehlung, aus einer Zeitschrift oder von einer Kollegin, oder eine Literaturliste erhalten, etwa im Rahmen eines Studiums oder einer Aus-, Fort- und Weiterbildung, und suchen die entsprechenden Titel; andere haben ein Buch in einer Seminar- oder Vorlesungsveranstaltung gesehen und vor Ort schon einmal reingelesen und wollen es jetzt selbst erwerben; einige kaufen vielleicht bestimmte Bücher, auch weil sie es müssen, um sich auf eine bestimmte Prüfung zielgerichtet vorbereiten zu können, und wieder andere lassen sich durch den Zufall begleiten und stolpern dabei fast zufällig über ein Buch. Aber vielleicht ist es bei Ihnen auch ganz anders … Vielleicht sitzen Sie gerade in einem gemütlichen Raum mit einer Tasse Tee in der Hand oder in der Natur und die Sonne erwärmt Sie oder Sie sind am Schreibtisch oder in der Bibliothek und schauen mit bangem Blick auf die noch verbleibenden Tage bis zur Prüfung.

Wir, die Autor:innen dieses Buches, wissen natürlich nicht, in welcher Lebenslage Sie sich gerade befinden, wie Sie sich fühlen, welche Aufgaben Ihnen bevorstehen oder was Ihre Motivation war, sich für unser Buch zu interessieren und es in die Hand zu nehmen. Vielleicht beschreiben die folgenden Szenen aber auch Ihre Situation:

–Sie befinden sich kurz vor der schriftlichen Prüfung am Ende Ihrer Psychotherapieausbildung im Vertiefungsgebiet Verhaltenstherapie, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie oder Psychoanalyse und müssen sich jetzt mit Systemischer Therapie als Prüfungsthema beschäftigen – in diesem Buch finden Sie die systemischen Grundlagen, damit Sie sich gut für diesen Teil der schriftlichen Prüfung vorbereitet fühlen, und Sie entdecken Methoden und Interventionen, die Sie in Ihrer therapeutischen Praxis anwenden können.

–Sie befinden sich in einer Psychotherapieausbildung im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie und wollen wissen, was Sie über Ihr Vertiefungsgebiet wissen sollten – in diesem Buch finden Sie einen fundierten Überblick über den gegenwärtigen State oft the Art in der Systemischen Therapie und entdecken vielleicht einige Gedanken, die Sie überraschen und Ihnen etwas Neues bringen.

–Sie sind Teilnehmer:in einer grundständigen Weiterbildung in Systemischer Therapie oder Beratung und suchen ein kompaktes Buch, das die Grundbegriffe und Basics der Systemischen Therapie beschreibt – in diesem Buch finden Sie die Grundlagen der Systemischen Therapie von der Erkenntnistheorie, Basiskonzepten und Entwicklungspfaden der Systemischen Therapie, dem Störungsverständnis bis zu den Interventionen und Techniken.

–Sie haben Ihre Psychotherapieausbildung oder Weiterbildung bereits abgeschlossen und möchten sich über den Stand der Systemischen Therapie informieren – in diesem Buch finden Sie einen fundierten Einblick in das systemische Denken und Handeln und bekommen einige Anregungen, wie Sie eine:n Klient:in, eine Symptomatik, eine Familiendynamik anders sehen und verstehen können.

–Sie studieren Psychologie, Erziehungswissenschaften, Soziale Arbeit oder Psychotherapiewissenschaften und suchen ein kompaktes Buch über Systemische Therapie für Ihr Studium – in diesem Buch finden Sie viele Konzepte und Überlegungen, die Sie in Ihrem Studium unterstützen und motivieren können, sich mit Systemischer Therapie vertieft zu beschäftigen.

–Sie sind als Ergotherapeut:in, Berater:in, Arzt oder Ärztin, Erzieher:in, Lehrer:in, Pädagog:in, Sozialarbeiter:in, Psycholog:in oder in einem anderen Beruf im psychosozialen oder klinischen Kontext berufstätig und interessieren sich für Systemische Therapie – mit diesem Buch können Sie Ihr Interesse an Systemischer Therapie anregen und stärken.

Welcher Lern- und Lesetyp sind Sie?

Lesen Sie ein Buch von der ersten Seite bis zur letzten? Dann werden Sie sich der Systemischen Therapie von der Erkenntnistheorie, der Rahmung, dem Störungsverständnis, den Methoden und den Techniken her nähern.

Lesen Sie ein Buch eher nach dem Prinzip »Welches Kapitel interessiert mich besonders oder welche Überschrift ›springt‹ mich an«? Dann können Sie auch interessengeleitet verfahren. Jedes Kapitel steht für sich und kann isoliert verstanden werden. Außerdem finden Sie in »Ihrem Kapitel« viele Hinweise und Verweise auf die anderen Kapitel.

Lesen Sie ein Buch eher über das Stichwortverzeichnis, in dem Sie die Begriffe und Themen suchen, die Sie im Moment benötigen? Dann können Sie sich auch so dem Inhalt nähern, indem Sie genau an die Stellen geführt werden, die Sie besonders interessieren.

Wahrscheinlich werden Sie viele aufschlussreiche Dinge lesen, die Sie anregen und neugierig machen, aber es wird auch Passagen geben, welche Sie fordern und die Sie vielleicht zweimal lesen müssen. Sicherlich wird es Abschnitte geben, die Sie innerlich begeistern und neugierig machen, und wieder andere werden Ihren Widerspruch aktivieren. Wir hoffen, dass unsere Begeisterung und unser Interesse für die Systemische Therapie und das systemische Denken Sie mitnimmt und neugierig werden und systemische Ideen nutzen lässt.

Wir wünschen Ihnen mit unserem Buch viel Freude, Anregungen, Ideen, Widerspruch, Lernerfolg und, wenn Sie sich auf eine Prüfung vorbereiten, ein prima Ergebnis!

Reinert Hanswille, Sebastian Baumann, Ulrike Borst, Björn Enno Hermans, Christina Hunger-Schoppe, Jürgen Kriz, Hans Lieb und Matthias Ochs

1Einführung

Reinert Hanswille

In diesem Kapitel erfahren Sie etwas über den Kontext dieses Buches und was die Autor:innen bewogen hat, ein Werk über die Systemische Therapie zu schreiben, mit dem besonderen Fokus der Vorbereitung auf die schriftliche Prüfung.

1.1Geschichte und Entwicklung

Die Systemische Therapie ist in ihrer gesamten Geschichte durch einen ständigen Wandel gekennzeichnet. Die theoretischen, konzeptionellen und methodischen Grundlagen haben sich, wie in allen Therapieverfahren, weiterentwickelt und für unterschiedliche Kontexte spezifiziert, neue Konzepte sind hinzugekommen, andere sind in den Hintergrund getreten.

In Deutschland beginnt die Geschichte der Systemischen Therapie (ehemals Familientherapie) in den frühen 1970er Jahren. Anfänglich fühlten sich viele Familientherapeut:innen als Teil einer avantgardistischen Bewegung (weg von der Therapie mit Einzelnen, hin zur Arbeit mit Systemen). Inzwischen gibt es eine institutionelle Konsolidierung (zwei große Dachverbände mit mehr als 12.000 Mitgliedern und mehr als 120 Weiterbildungsstätten), die Systemische Therapie ist in vielen Arbeitsfeldern nicht mehr wegzudenken (Supervision, Pädagogik, Beratung, Seelsorge, Medizin) und in einigen Bereichen gilt das systemische Arbeiten als Verfahren der Wahl (z. B. in der Jugendhilfe und der Organisationsentwicklung).

1.2Berufspolitik

In Deutschland haben sich die systemischen Verbände seit den 1990er Jahren um eine berufspolitische Anerkennung bemüht. Ein erster Antrag auf wissenschaftliche Anerkennung der Systemischen Therapie (Schiepek, 1999) wurde vom Wissenschaftlichen Beirat abgelehnt. Der zweite Versuch wurde 2007 gestartet (von Sydow, Beher, Retzlaff u. Schweitzer, 2007). Am 14.12.2008 wurde das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für die Systemische Therapie veröffentlicht, seitdem gilt sie als wissenschaftlich fundiertes Verfahren der Erwachsenen- sowie der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie. Damit durften Approbationsausbildungen im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie angeboten werden. Die ersten Ausbildungsgänge starteten bereits kurze Zeit danach. Weitere zehn Jahre später wurde der Systemischen Therapie für Erwachsene durch den Gemeinsamen Bundesausschuss (G-BA) die sozialrechtliche Anerkennung ausgesprochen. Dieser Schritt steht für den Bereich der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie bedauerlicherweise noch aus. Im Herbst 2021 hat der G-BA, 13 Jahre nach der wissenschaftlichen Anerkennung, endlich das Verfahren zur sozialrechtlichen Anerkennung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie im Verfahren Systemische Therapie angestoßen. Es bleibt zu hoffen, dass dann bald der lange Anerkennungsweg der Systemischen Therapie in Deutschland erfolgreich abgeschlossen wird. Inzwischen gibt es über zwanzig Ausbildungsstätten, die eine Ausbildung im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie anbieten.

Seit der Anerkennung durch den Wissenschaftlichen Beirat muss Systemische Therapie nun auch in den Approbationsausbildungen der Vertiefungsgebiete Verhaltenstherapie (VT), tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie (TP) und Psychoanalyse (PA) unterrichtet werden und in der schriftlichen Approbationsprüfung begegnen den Prüflingen Fragen zur Systemischen Therapie. Nach der sozialrechtlichen Anerkennung sind die systemischen Prüfungsanteile noch präsenter geworden.

Innerhalb der systemischen Dachverbände war der Weg ins Gesundheitssystem nicht unumstritten. Viele Systemiker:innen hatten und haben große Bedenken, ob der systemische Ansatz nicht »seine Seele verkauft«, indem er z. B. nun mit vermeintlich stigmatisierenden, pathologisierenden und reifizierenden Psychodiagnosen hantiert, nur um die sozialrechtliche Anerkennung zu erzielen. Andere sahen in der Anerkennung überwiegend Vorteile (Hanswille, 2020a, 2020b; Levold, 2020; Levold, Loth, von Schlippe u. Schweitzer, 2011). Die Zukunft wird zeigen, wie die Integration in das deutsche Gesundheitswesen die Systemische Therapie verändern wird.

Durch die berufsrechtliche Anerkennung, und erst recht nach der sozialrechtlichen, ist für viele junge Kolleg:innen eine Approbation im Vertiefungsgebiet Systemische Therapie attraktiv geworden. Aus Studierendenbefragungen wissen wir etwa, dass sich viele von ihnen schon seit Langem gern für dieses Vertiefungsgebiet entschieden hätten, und in vielen Psychotherapeutenkammern der Bundesrepublik lässt sich heute der »Zusatztitel in Systemischer Therapie« erwerben. Auch in der ärztlichen Weiterbildung kann Systemische Therapie als Verfahren gewählt werden. Ebenso findet Systemische Therapie in den Behandlungsleitlinien der Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) seit einigen Jahren peu à peu Einzug, z. B. auch in die aktuelle Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Depression.

In berufspolitischer Hinsicht wird die Systemische Therapie inzwischen selbstverständlich als viertes Richtlinienverfahren akzeptiert und das systemische Denken hat bereits in einem gewissen Maße Eingang in die Psychotherapierichtlinie des G-BA gefunden. Auch wenn der berufspolitische Weg fast zwei Jahrzehnte umfasste, ist es für viele Beobachter:innen des Feldes immer noch ungewohnt, die gestiegene Bedeutung der Systemischen Therapie zu akzeptieren.

1.3Für wen ist das Buch?

Wir wollen mit diesem Buch einen Überblick über die zentralen Inhalte der Systemischen Therapie geben und orientieren uns dabei am Gegenstandskatalog des Instituts für medizinische und pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP). Wir hoffen, dass viele Ausbildungskandidat:innen sowohl in ihrer Ausbildung wie auch in Vorbereitung auf die Prüfung mit dem Buch arbeiten und ihr Wissen über die Systemische Therapie mit ihm ausweiten und bündeln. Kolleg:innen aus den Vertiefungsgebieten VT, TP und PA finden hier einen kompakten Überblick über die Wissensbestände der Systemischen Therapie. Außerdem wünschen wir uns, dass auch viele Kolleg:innen, die sich in systemischer Weiterbildung befinden oder diese bereits absolviert haben, das Buch nutzen, um sich über den aktuellen Stand der Systemischen Therapie zu informieren und ihr Verfahren in der gesamten Breite kennenzulernen. Nicht zuletzt ist es auch ein Band für Studierende, die in ihrer Hochschulausbildung Bekanntschaft mit der Systemischen Therapie machen.

1.4Genderperspektive

Wir unterscheiden in diesem Buch nicht explizit zwischen Inhalten, die für psychologische Psychotherapeut:innen oder für Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut:innen Bedeutung haben. Wenn wir in diesem Buch von Psychotherapeut:innen sprechen, meinen wir immer Kolleg:innen aus beiden Berufen.

Unter den Autor:innen fand eine kreative Diskussion statt, welche gendersensitive Schreibweise wir in diesem Buch nutzen wollen. Da im klinischen Feld in der Mehrzahl Frauen zu finden sind und insgesamt wahrscheinlich auch die Leserinnen die Mehrheit darstellen, sprach vieles dafür, überwiegend die weibliche Form zu nutzen. Allerdings ist uns in der komplexen und teilweise hitzig geführten öffentlichen Debatte über generisches Maskulinum, Gender und Gendersterne, diverse Geschlechtsidentitäten jenseits des binären Schemas etc. bewusst, dass wir nicht alle Anliegen zufriedenstellen können. Das bedauern wir – uns ist aber keine Lösung bekannt, die alle Möglichkeiten gut integriert.

Wir möchten in unserem Buch alle Menschen ansprechen. Frauen und Männer sowie jene, die sich nicht als Frau oder Mann beschreiben. Deshalb haben wir versucht, so zu formulieren, dass sich alle Geschlechter angesprochen fühlen (z. B. Teilnehmende). Ist so eine umfassende Formulierung nicht möglich, wird der Genderdoppelpunkt verwendet (z. B. Patient:innen). Der Doppelpunkt zieht das Wort nicht auseinander wie der Unterstrich oder das Sternchen und bezieht trotzdem alle Personen mit ein (anders als z. B. die bisherige Variante mit dem Binnen-I). In manchen Fällen sind allerdings besonders die Adressat:innen zu berücksichtigen. Dann kann es angebrachter sein, eher auf genderneutrale Personenbezeichnungen zurückzugreifen.

1.5Inhaltliche Orientierungen und Definitionen

»Systemisch« ist in Mode. In fast allen Kontexten wird, wie bei einem projektiven Test, vieles damit assoziiert und draufprojiziert. Systemisches aber gibt es nicht an sich, so wie einen Stuhl oder, abstrakter, das Land Niedersachsen. Sondern »systemisch« wird verwendet, um damit beobachtete Phänomene in einer bestimmten Art und Weise ihrer Dynamik zu beschreiben – was daher grundsätzlich theorie- oder zumindest konzeptgeleitet ist. Diese Beobachter:innenabhängigkeit sollte immer im Hinterkopf mit bedacht werden, wenn wir das Wort »systemisch« benutzen.

Systemische Prozesse finden sich in Wirtschaft und Politik, an der Börse, in der Physiologie, in der Biologie, in der Klimaforschung und in vielen anderen Gebieten – eben überall dort, wo wir es mit lebenden, komplexen Systemen zu tun haben – deshalb ist die Systemtheorie auch eine Strukturwissenschaft, deren Grundprinzipien, z. B. bezüglich der synergetischen Systemtheorie, der Unterscheidung zwischen Mikro-, Meso- und Makroebene, zwischen Ordnungs- und Kontrollparametern, Hysteresedynamiken oder des Blicks auf Bifurkationspunkte, gegenstandsbereich- und phänomenübergreifend Anwendung finden (also unabhängig davon, ob es sich um das Elbhochwasser, das Gehirn, Ströme von Menschen in der Fußgängerzone oder eine Familientherapiesitzung, in den Natur-, Human-, Sozial-, Kultur- und Geisteswissenschaften handelt). Systemisch gearbeitet wird in der Schule, der Supervision, der Organisationsberatung, der Mediation, der Personalentwicklung, der tiergestützten Therapie, der Heimerziehung, der Jugendhilfe, in der Therapie, im Innovationsmanagement, dem Gesundheitscoaching und vielen anderen Feldern.

Unter den systemischen Praktiker:innen lässt sich nicht selten eine Praxis beobachten, in der »systemisch« beschrieben wird mit:

–Ich benutze systemische Fragen und das Genogramm.

–Ich mache gern Aufstellungen und arbeite mit dem Familienbrett.

–Ich arbeite immer mit der gesamten Familie.

–Für mich ist die Arbeit mit Ressourcen besonders zentral.

–In der Systemischen Therapie gibt es kein Richtig und Falsch.

–…

Oder die sich in Erwartungen an Aus- und Weiterbildung ausdrückt wie:

–Ich möchte meinen Handwerkskoffer erweitern.

–Ich will die bedeutsamen systemischen Tools erlernen.

–Ich brauche systemische Techniken, damit ich mich sicherer fühle.

–…

Gleichzeitig lässt sich eine regelrechte »Pandemisierung« des systemischen Arbeitens in Deutschland beobachten, mit einer starken Tendenz zu »Mutationen« des systemischen Denkens und Arbeitens. Das geht nicht selten einher mit einer Trivialisierung, in der die Systemische Therapie auf einen, zugegeben interessanten, Werkzeugkasten oder eine Toolsammlung reduziert wird und bei der die erkenntnistheoretische Rahmung der Systemischen Therapie, die theoretischen konzeptionellen Grundlagen vernachlässigt werden (eine Tendenz, die vor allem bei den sogenannten Tooligans beobachtet wird).

Wir möchten in diesem Buch bewusst die Verbindung zwischen komplexeren (nicht aber unbedingt deshalb komplizierten) theoretischen Überlegungen, systemischen Perspektiven zur Diagnostik und Entwicklung psychischer Krankheiten, konzeptionellen Überlegungen und methodischen Interventionen versuchen und damit die Verbindung der unterschiedlichen Ebenen Systemischer Therapie aufzeigen. Das Buch will auch der oft spürbaren Tendenz entgegenwirken, »systemisch« bedeute: »Alles ist systemisch, wenn nur mehrere Personen beteiligt sind oder die Wunderfrage gestellt wird.« Es will zeigen, was über Systemische Therapie gewusst werden sollte und was als essenziell angesehen werden kann.

Wir gehen in diesem Buch von einem Verständnis Systemischer Therapie aus, wie es unter anderem durch den G-BA und das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) beschrieben wurde. Wir orientieren uns weitgehend an folgenden, eher steinbruchartigen Definitionen von Systemischer Therapie, die sicherlich nicht von allen geteilt werden, die »systemisch« arbeiten:

–Der G-BA beschreibt Systemische Therapie in § 18 der Psychotherapie-Richtlinie: »Die Systemische Therapie fokussiert den sozialen Kontext psychischer Störungen und misst dem interpersonellen Kontext eine besondere ätiologische Relevanz bei. Symptome werden als kontraproduktiver Lösungsversuch psychosozialer und psychischer Probleme verstanden, die wechselseitig durch intrapsychische (kognitiv-emotive), biologischsomatische sowie interpersonelle Prozesse beeinflusst sind. Theoretische Grundlage sind insbesondere die Kommunikations- und Systemtheorien, konstruktivistische und narrative Ansätze und das biopsychosoziale Systemmodell. Grundlage für Diagnostik und Therapie von psychischen Störungen im Sinne dieser Richtlinie ist die Analyse der Elemente der jeweiligen relevanten Systeme und ihrer wechselseitigen Beziehungen, sowohl unter struktureller als auch generationaler Perspektive und eine daraus abgeleitete Behandlungsstrategie. Der Behandlungsfokus liegt in der Veränderung von symptomfördernden, insbesondere familiären und sozialen Interaktionen, narrativen und intrapsychischen Mustern hin zu einer funktionaleren Selbst-Organisation der Patientin oder des Patienten und des für die Behandlung relevanten sozialen Systems, wobei die Eigenkompetenz der Betroffenen genutzt wird. Schwerpunkte der systemischen Behandlungsmethoden sind insbesondere

•Methoden der systemischen Gesprächsführung und systemische Fragetechniken

•Narrative Methoden

•Lösungs- und ressourcenorientierte Methoden

•Strukturell-strategische Methoden

•Aktionsmethoden

•Methoden für die Arbeit am inneren System

•Methoden zur Affekt- und Aufmerksamkeitsregulation

•Symbolisch-metaphorische und expressive Methoden« (G-BA, 2020, S. 13 f.).

–Von Schlippe und Schweitzer (2012, S. 31) betrachten Systemische Therapie als einen besonderen Kontext systemischen Arbeitens, »nämlich als ein Heilverfahren im Gesundheitswesen – also dort, wo implizit und explizit Menschen als ›gesundheitlich gestört und handlungsbedürftig‹ angesehen werden«. Systemische Familientherapie wiederum sehen sie als Setting Systemischer Therapie an. Wobei zu betonen ist, dass Systemische Therapie sich in einer Vielzahl therapeutischer Settings im ambulanten und stationären Bereich realisieren lässt, unter anderem im Familiensetting, im Einzel- und Gruppensetting (IQWiG, 2017, S. 2).

–Und das IQWiG sieht folgende Kernmerkmale der Systemischen Therapie (IQWiG, 2017, S. 39):

•»Ätiologische Konzepte beziehungsweise Störungsmodelle: Beispielsweise wird Umgebungsfaktoren, biologischen, sozialen und gesellschaftlichen Aspekten bei der Entstehung psychischer Störungen ebenso eine Bedeutung beigemessen wie Wirklichkeitskonstruktionen.

•Annahmen über das Wirkprinzip und Ziel von Interventionen: Beispielsweise sollen Veränderungen durch die Auflösung problematischer Kommunikationsmuster erreicht werden.

•Konkrete Behandlungsmethoden: Ein Beispiel sind symbolisch-metaphorische Methoden, welche relevante Systeme, Systemmitglieder und deren Beziehungen untereinander symbolisch-visuell darstellen (beispielsweise Genogramme).

•Konzepte zur Indikationsstellung: Beispielsweise hängt die Indikation zur systemischen Therapie nicht nur von der Art und Schwere der Störung ab, sondern auch von störungsübergreifenden Aspekten, die neben individuellen unter anderem auch soziale Faktoren umfassen.

•Allgemeine Aspekte des Therapeutenverhaltens, der therapeutischen Grundhaltung und Beziehungsgestaltung sowie der Behandlungsplanung: Beispielsweise wird einer von Allparteilichkeit und Neutralität geprägten therapeutischen Grundhaltung ein hoher Stellenwert beigemessen.«

Systemische Therapie kann hierbei verstanden werden als dynamisch-interaktive Umsetzungen der »praktizierte[n] Erkenntnistheorie«« (von Schlippe u. Schweitzer, 2019): Realisiert werden diese erkenntnistheoretischen Grundannahmen mittels dynamisch-interaktiver Umsetzungen (Kriz, 2014b), also einer von den Psychotherapeut:innen zu erbringenden Transferleistung von der Epistemologie in konkrete psychotherapeutische Techniken, Methoden und Haltungen, die auch als dynamisch-interaktive Prinzipien konzeptualisierbar sind. Beispiele für solche aus den theoretischen Grundannahmen abgeleiteten Prinzipien Systemischer Therapie sind etwa die generischen Prinzipien (Haken u. Schiepek, 2010; Rufer, 2012) oder die praxeologischen Grundorientierungen (Ochs, 2020a).

Die Entwicklung der Systemischen Theorie ist seit ihren Anfängen in den 1940er und 1950er Jahren bis heute aus verschiedenen Quellen gespeist. Entsprechend vielfältig zeigen sich die Theoriebildung, die Praxiskonzepte und technischen Zugänge. Wir haben versucht, diese Unterschiedlichkeit in den einzelnen Kapiteln zu spiegeln. Anders als in den anderen Psychotherapieverfahren zeigt sich das unter anderem in den erkenntnistheoretischen Quellen und systemischen Forschungsansätzen. Es finden sich unterschiedlichste systemische Theoriekonzepte, die sich manchmal auch zu widersprechen scheinen – aber dieser »systemische Antagonismus« trug und trägt viel zur Weiterentwicklung systemischer Theorie, Praxis und Forschung bei. Das ist ein Dilemma, welches in den anderen Richtlinienverfahren scheinbar weniger ausgeprägt ist – aber eben nur »scheinbar«, wie Kriz (2014b) etwa bezüglich der psychodynamischen Verfahren veranschaulicht hat – und deshalb wirkt es in deren Lehrbüchern manchmal leichter, einen eindeutigen Wissensstand wiederzugeben.

Anders die systemische Welt: Sie präsentiert sich wie ein großer bunter Mischwald mit den unterschiedlichsten Baumarten. Alle sorgen dafür, dass der Boden humusreich ist und damit die Vegetation gut versorgt und das Wachstum der Bäume gesichert ist. Die Sorten stehen gleichwertig nebeneinander und bilden eine abwechslungsreiche Landschaft, die der Umwelt Sauerstoff zuführt. Der systemische Wald lässt sich aber dadurch eben auch schwieriger beschreiben als ein reiner Tannen- oder Buchenwald, in dem sich alle Bäume ähneln. Der systemische Mischwald ist kennzeichnet durch Unterschiede und Buntheit. Diese Buntheit wollten wir auch über die Sichtweisen und Sprachstile der Autor:innen spiegeln. Im Schreibprozess haben uns der gemeinsame Austausch und die Diskussionen über die Themen und Fragen angeregt und manche Standpunkte und Textpassage geschärft. In vielen Bereichen haben wir uns in den Positionen und deren Darstellungen aneinander angenähert, in anderen haben wir unsere Unterschiedlichkeit bestehen lassen, das wird auf den folgenden Seiten deutlich.

1.6Begrenzungen

Die Systemische Therapie ist in ihren vielfältigen theoretischen Grundlagen, Konzepten, Ansätzen, Interventionen und Methoden mit einer großen Wiese mit unzähligen unterschiedlichen Gräsern und Blumen gut zu vergleichen. Wir als Autor:innenteam wollten und mussten uns auf die bedeutsamsten Themen und Fragen beschränken, von denen wir denken, dass sie zum Kern der Systemischen Therapie gehören und über die angehende Psychotherapeut:innen Bescheid wissen sollten. Dabei haben wir uns am Gegenstandskatalog des IMPP orientiert und damit auch Schwerpunkte gesetzt.

Uns ist bewusst, dass die Leser:innen bestimmte Themen und Fragestellungen vermissen werden oder sich wünschen würden, andere Inhalte ausführlicher beschrieben zu sehen. Auch aus unserer Sicht hätten viele Gedanken mehr Platz verdient, weil wir sie nur in ihren Grundsätzen darstellen konnten oder es wünschenswert wäre, sie bekannter zu machen.

Dadurch, dass wir uns auf Themen konzentrieren wollten, die im engeren Sinne therapeutisch bedeutsam sind, mussten wir andere vernachlässigen, die in Coaching, Supervision, Organisationsentwicklung und anderen Feldern systemischen Arbeitens aber wichtig zu wissen wären.

1.7Was Sie inhaltlich erwartet

Wenn Sie die Einführung, das heißt das erste Kapitel, geschafft haben, folgen 14 weitere Kapitel, die Sie inhaltlich durch die »Höhen und Tiefen« der Systemischen Therapie führen. Wir hoffen, Sie erleben die Kapitel ähnlich einer Wanderung: Mal führt der Weg durch ein teilweise bekanntes Gebiet, dann geht er durch ein unbekanntes Terrain, mal ist er leicht zu beschreiten, dann wieder anstrengend und beschwerlich. Mit genug Verpflegung, Flüssigkeit, gutem Schuhwerk und etwas Kondition kann jede Wanderung zu einer bereichernden Erfahrung werden. Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen bei der systemischen Wanderung durch dieses Buch. Folgendes wird Ihnen dabei begegnen:

In ▶Kapitel 2 erläutern Matthias Ochs und Jürgen Kriz, inwieweit erkenntnistheoretischer Konstruktivismus eine wesentliche Verstehensgrundlage der Theorie und Praxis systemischer Psychotherapie darstellt. Hierbei sind vor allem der radikale/biologische Konstruktivismus, der soziale/relationale Konstruktionismus sowie der gemäßigte Konstruktivismus von Bedeutung.

▶Kapitel 3 gibt einen einführenden Überblick über die zentralen Konzepte, die der praktischen Arbeit Systemischer Therapie zugrunde liegen. Systemische Therapie fußt konzeptionell in Systemtheorie(n), welche die Entstehung, die Überstabilisierung und die Veränderung von Strukturen beschreiben und erklären. Dabei sind unter Strukturen (auch Ordnungen, Muster, Attraktoren genannt) sowohl leidvolle Symptomatiken in ihrer Erlebens- und Verhaltensdynamik zu verstehen als auch z. B. familiäre Interaktionsmuster, die so mit den Symptomatiken verbunden sind, dass sie sich gegenseitig stabilisieren, aber auch zur Veränderung beitragen können. Aus unterschiedlichen Traditionen heraus gibt es mehrere Systemtheorien, die für bestimmte Perspektiven und Fragen Unterschiedliches akzentuieren.

In ▶Kapitel 4 fassen Ulrike Borst, Christina Hunger-Schoppe, Sebastian Baumann und Matthias Ochs zuerst in aller Kürze die Psychotherapieforschung zu Wirkfaktoren zusammen, bevor sie untersuchen, welche allgemeinen und spezifischen Wirkfaktoren (oder eher: generischen Prinzipien) in der Systemischen Therapie prozesshaft zusammenwirken. Daraus wird eine Therapietheorie abgeleitet, die sich eng an die Theorien komplexer dynamischer Systeme anlehnt.

Reinert Hanswille und Ulrike Borst erklären in ▶Kapitel 5, wie und wieso die Rahmen und Rahmungen der Systemischen Therapie den Kontext des sozialen Systems, das therapeutische System, die Rollenkonflikte, mögliche und unmögliche Interaktionen sowie den »affektlogischen« Hintergrund der therapeutischen Interaktion definieren. Sie zeigen, wie innerhalb dieser Rahmen die therapeutischen Haltungen wie Allparteilichkeit und Neutralität, die Lösungs- und Zukunftsorientierung, die Ziel- und Auftragsorientierung, die Beziehungsorientierung und andere zentrale Elemente das therapeutische Geschehen in der Systemischen Therapie prägen.

In ▶Kapitel 6 geht es um die unterschiedlichen Settings der Systemischen Therapie. Ausgehend von der historischen Entwicklung einer Family Therapy stellt Enno Hermans weitere Settings vor und erläutert ihre Relevanz im klinischen Alltag: systemische Einzeltherapie, Paartherapie und systemische Sexualtherapie sowie Gruppensettings. Zentral ist der Fokus auf das Mehrpersonensetting, das Ende 2019 Einzug in die Psychotherapierichtlinie gehalten hat. Es ist als besonders bedeutsam für die Systemische Therapie anzusehen und auch im Hinblick auf die staatliche Psychotherapeut:innenprüfung relevant.

Das ▶Kapitel 7 widmet sich einem besonderen Setting der Systemischen Therapie: der Gruppe und hier unterschiedlicher Gruppenkonzepte. Zunächst beleuchtet Enno Hermans die historische Entwicklung von gruppentherapeutischen Vorgehensweisen sowie von systemischen Ideen und Ansätzen und geht auf allgemeine und spezifische Wirkfaktoren ein. Dann werden exemplarisch unterschiedliche systemische Gruppentherapiekonzepte vorgestellt mit einem Schwerpunkt auf hypnosystemische Ansätze und Multifamilientherapie. Abschließend erfolgt ein Ausblick auf die mögliche weitere Entwicklung von Gruppentherapie im systemischen Feld.

In ▶Kapitel 8 stellen Ulrike Borst und Matthias Ochs systemische Konzepte menschlicher Entwicklung dar. Sie beschreiben Entwicklungsaufgaben und besondere Herausforderungen für Einzelne und Familien. Auf den Stellenwert von Krisen für die Entwicklung wird besonders eingegangen.

Das ▶Kapitel 9 legt seinen Schwerpunkt auf die Diagnostik. Die systemtherapeutische Diagnostik beschäftigt sich mit der gezielten Erhebung von Informationen über das Denken, Erleben und Verhalten eines oder mehrerer sozialer Systeme beziehungsweise von Mitgliedern solcher Systeme. Eine Besonderheit systemischer Diagnostik liegt darin, dass sie die soziale Konstruktion und Dekonstruktion von Diagnosen betont. Dieses Verständnis ist handlungsleitend für das Kapitel von Christina Hunger-Schoppe, Matthias Ochs und Ulrike Borst, in dem es um die allgemeinen Kennzeichen der Klassifikation und Diagnostik psychischer Störungen aus systemischer Sicht, um diagnostische Aspekte sozialer Interaktionen, Indikation und Kontraindikation zu Systemischer Therapie sowie ihren verschiedenen Settings und um Ansätze für eine multimodale und multimethodale Diagnostik geht.

In ▶Kapitel 10 stellen Hans Lieb und Sebastian Baumann den Begriffen »Störung« und »Krankheit« die Logiken der Psychotherapierichtlinien und der systemischen Perspektive gegenüber. Sie erläutern anhand relevanter Theoriebausteine, wie aus systemischer Sicht Störungen entstehen und aufrechterhalten werden – mit folgenden Schwerpunkten: das biopsychosoziale Modell aus systemischer Sicht, die Rolle von Rekursivitäten, Zirkularitäten und Prozessen der Selbstorganisation, Unterschiede zwischen der Kybernetik erster und zweiter Ordnung, Perspektiven des Konstruktivismus, kommunikationstheoretische Ansätze, die Bedeutung kritischer Lebensereignisse und der Mehrgenerationenperspektive und abschließend die genuin systemische Perspektive, dass Symptome und Störungen bei Entstehung und Aufrechterhaltung jeweils als Lösungen angesehen werden können.

Jürgen Kriz beschreibt in ▶Kapitel 11 klassische Kernkonzepte, die dem Verständnis intra- und interpersoneller Dynamiken in Paarbeziehungen, Familien und Gruppen zugrunde liegen. Denn die Systemische Therapie hat in Deutschland eine rund fünfzigjährige Geschichte – international reichen die Anfänge noch weiter zurück. Dabei stand zunächst schlicht eine praxisorientierte Arbeit mit Familien (statt nur mit einzelnen Patient:innen) im Zentrum. Diese klassischen Konzepte werden heute vergleichsweise selten explizit angeführt; im Gegensatz dazu spielen sie für das systemische Denken, für zahlreiche Leitideen über therapeutisches Arbeiten sowie als Basis auch neuer Ansätze aber implizit eine wesentliche Rolle. Warum das so ist, wissen Sie am Ende des Kapitels.

Reinert Hanswille stellt in ▶Kapitel 12 einige wesentliche Konzepte und integrative systemische Therapiemodelle vor, die in den vergangenen Jahren durch Studien die Effektivität und Wirksamkeit der Systemischen Therapie belegt haben. Die Konzepte werden in einem Dreischritt beschrieben: Entwicklung und Geschichte, klinische Praxis und empirische Befunde. Es werden sowohl klassisch systemische Konzepte wie die lösungsorientierte Kurzzeittherapie oder das hypnosystemische Konzept fokussiert wie auch systemische Manuale und Konzepte für Kinder, Jugendliche und ihre Familien sowie systemische Manuale und Konzepte für Erwachsene.

In ▶Kapitel 13 gibt Reinert Hanswille einen Überblick über die gängigen Techniken und Interventionen, die in der Systemischen Therapie Anwendung finden. Diese werden kurz beschrieben, bevor sie theoretisch und historisch eingeordnet werden. Die Techniken und Interventionen sind untergliedert in: Fragetechniken, symbolisch-handlungsanregende Interventionen, verbale und überwiegend intrapersonelle Techniken, Hausaufgaben, Abschlussinterventionen und »Intersession Tasks«, reflexive Interventionen, prozessorientierte Interventionen, darstellende Techniken, video- und bildgestützte Interventionen sowie angeeignete Techniken, die primär anderen Verfahren zugeordnet werden.

Ausgehend von den in ▶Kapitel 2 und 3 eingeführten erkenntnistheoretischen Grundlagen systemischen Arbeitens skizzieren Matthias Ochs und Jürgen Kriz in ▶Kapitel 14 die Pluralität an Forschungsansätzen und -verständnissen, die im Kontext systemischer (Psychotherapie-)Forschung zur Anwendung kommen können.

Das ▶Kapitel 15 ist der Vorbereitung auf die schriftliche und mündliche Approbationsprüfung vorbehalten. Christina Hunger-Schoppe und Reinert Hanswille beschreiben die offiziellen Leistungserwartungen und geben Ideen und Tipps, die eine gelungene Prüfungsvorbereitung unterstützen können.

Am Ende der Kapitel 2 bis 14 befinden sich Fragen, wie sie Ihnen in der Prüfung begegnen können. Diese orientieren sich am Gegenstandskatalog des IMPP und bieten Ihnen die Möglichkeit, Ihren Lernerfolg zu kontrollieren. Sollten Sie unsicher sein, ob Sie die Lösungen gefunden haben, können Sie dies überprüfen.

Die richtigen Antworten stehen im Download-Bereich zu diesem Buch auf der Website des Verlags und sind unter Eingabe eines Codes einzusehen. Den Link und den Code für das Download-Material finden Sie am Ende dieses Buches.

2Erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Grundlagen I: Konstruktivismus

Matthias Ochs und Jürgen Kriz

Auch wenn der Konstruktivismus möglicherweise nicht recht als abgrenzbare erkenntnis- und wissenschaftstheoretische Position taugt, sondern vielleicht eher eine grundsätzliche Möglichkeit des reflexiven und kritischen Umgangs mit erkenntnis- und wissenschaftstheoretischen Perspektiven umreißt, so sollen hier einige wesentliche Aspekte konstruktivistischer Positionen angesprochen werden, die für ein vertieftes Verständnis Systemischer Therapie hilfreich erscheinen.

2.1In aller Kürze

Die Praxis Systemischer Therapie ist eng mit Grundfragen der Erkenntnistheorie verwoben, wobei Konstruktivismus und Systemtheorie zentrale Bereiche sind (Ochs, 2020a; Simon, 2013a). Diese erkenntnistheoretischen Perspektiven bilden komplementär zur empirischen Evidenz (siehe ▶Kapitel 14) den Rahmen für die wissenschaftliche Begründung systemischer Psychotherapie.

Konstruktivismus: Folgende konstruktivistische Strömungen sind als erkenntnistheoretische Fundierung systemtherapeutischer Praxis bedeutsam und werden unter 2.2 ausführlich vorgestellt: biologischer/radikaler Konstruktivismus, sozialer/relationaler Konstruktionismus sowie gemäßigter/psychologischer Konstruktivismus.1 Während der biologische/radikale Konstruktivismus die Bedeutung des Gehirns und der Neurobiologie bei der Herstellung beziehungsweise Entwicklung menschlicher Erkenntnis betont, hebt der soziale/relationale Konstruktionismus- die Relevanz von Interaktion, Kommunikation sowie des verkörperten Dialogs hervor. In der systemischen Literatur wird an einigen Stellen vom gemäßigten Konstruktivismus gesprochen (z. B. von Sydow, 2018d, S. 54), wenn zwischen »harten«, objektiven Daten und »weichen«, subjektiven Daten differenziert, also die psychologisch-subjektive Seite menschlichen Erlebens und Verhaltens betont und zugleich die Realität (z. B. die Existenz von Gewalt, Missbrauch oder Trauma) ernst genommen werden soll.

Systemtheorie: Für die erkenntnistheoretische Fundierung systemtherapeutischer Praxis sind systemtheoretische Selbstorganisationskonzepte,2 wie die soziologische Systemtheorie (Luhmann, 1984) und die Synergetik (Haken, 1983), relevant. Zu den synergetischen Systemtheorien ist auch die Personzentrierte Systemtheorie (Kriz, 2017) zu zählen, die die ursprünglich eng an naturwissenschaftlichen Phänomenen orientierten Selbstorganisationskonzepte für die Betrachtung des Menschen mit seinen subjektiven Erkenntnismöglichkeiten und -grenzen, seinen psychischen und interpersonellen Prozessen und den damit verbundenen somatischen und kulturellen Einflüssen nutzbar macht. Dies wird in ▶Kapitel 3 näher ausgeführt.

Prinzipien »praktizierter Erkenntnistheorie«: Realisiert werden diese erkenntnistheoretischen Konzepte mittels dynamisch-interaktiver Umsetzungen/Prinzipien (Kriz, 2007, S. 255), also einer von den Psychotherapeut:innen zu erbringenden Transferleistung von der Epistemologie in konkrete psychotherapeutische Techniken, Methoden und Haltungen. Beispiele für solche aus den theoretischen Grundannahmen abgeleiteten Prinzipien Systemischer Therapie sind etwa die generischenPrinzipien (Haken u. Schiepek, 2010; Rufer u. Schiepek, 2014) oder die praxeologischen Grundorientierungen (Ochs, 2020a).

2.2Konstruktivismus

Der Konstruktivismus als erkenntnistheoretische Strömung geht davon aus, dass Erkenntnisse des Menschen über sich selbst und seine sozialen sowie materiellen Umwelten prozesshaft hergestellt werden und dass dem Menschen ein objektiver Zugang zur Wirklichkeit nicht möglich ist. Letzteres steht im Gegensatz zum naiven Realismus, der quasi »abbildungstheoretische Erkenntnismöglichkeiten« (Glasersfeld, 1996) des Menschen postuliert. An der Herstellung von Erkenntnis sind sowohl neurobiologische (worauf der biologische/radikale Konstruktivismus hinweist) als auch psychische (was der psychologische Konstruktivismus in den Blick nimmt) und soziokulturell-verkörperte Prozesse (was der soziale und relationale Konstruktionismus betont) beteiligt. Die Wurzeln der konstruktivistischen Philosophie reichen bis in die Antike zurück – man denke an den berühmten Aphorismus des griechischen Stoikers Epiktetos: »Es sind nicht die Dinge selbst, die uns beunruhigen, sondern die Vorstellungen und Meinungen von den Dingen.« Immanuel Kant legte dar, dass wir die Realität nicht unmittelbar, sondern nur im Rahmen unserer Wahrnehmungsmöglichkeiten erfahren können. Aufgrund dessen ist grundsätzlich unüberprüfbar, ob die »Gegenstände, wie sie uns erscheinen« den tatsächlichen Gegenständen, »wie sie […] sind« entsprechen (Kant, 1798, 1800/1968, BA 26; zit. nach Kraus, 2017, S. 31). Jenseits der Philosophie wurden konstruktivistische Perspektiven ab Beginn des 20. Jahrhunderts in vielen Wissenschaftsdisziplinen ein wichtiger Bestandteil der Diskurse. So verwundert es nicht, dass die Psychologie, deren wesentliche Grundlagen im 20. Jahrhundert gelegt wurden, eine Wissenschaft darstellt, die auf konstruktivistischer Erkenntnistheorie, die eben auch einen kritischen Rationalismus »Popper’scher Prägung« (vgl. z. B. Gadenne, 2018) umfassen kann, fußt. Der US-amerikanische konstruktivistische Psychotherapeut Michael Mahoney (2003) beschreibt den Nutzen des Konstruktivismus für Psychotherapeut:innen mittels folgender drei Aspekte (Menschen sind zur Ordnungsherstellung »verdammt« und diese erkenntnisbezogene Ordnungsherstellung wird mittels Verkörperung sowie sozial-symbolischer Prozesse realisiert), die im englischsprachigen Original prägnant und stimmig selbigen auf den Punkt bringt (Mahoney u. Granvold, 2005, S. 74 f.):

–»Much human activity is devoted to ordering processes – the organizational patterning of experience. These ordering processes are fundamentally emotional, tacit, and categorical (they depend on contrasts), and they are the essence of meaning-making.

–The organization of personal activity is fundamentally self-referent or recursive, making the body a fulcrum of experiencing and encouraging a deep phenomenological sense of selfhood or personal identity.

–Self-organizing capacities and creations of meaning are strongly influenced by social-symbolic processes; persons exist in living webs of relationships, all of which are mediated by language and symbol systems.«

Viele systemtherapeutische Methoden (z. B. Reframing, systemische Fragen zur Anregung des Möglichkeitssinns, Skulpturinstallationen) zielen darauf ab, alternative und diverse Wirklichkeitskonstruktionen anzuregen. Auch die systemtherapeutische Haltung ist grundlegend vom Konstruktivismus geprägt, indem das »Augenhöhe-Prinzip« mit allen am psychotherapeutischen Diskurs beteiligten Akteur:innen praktiziert wird; niemand von ihnen hat vor diesem Hintergrund einen privilegierten, weil objektiveren Zugang zur Wirklichkeit – auch nicht die Psychotherapeut:innen. Diese stellen den Akteur:innen »lediglich« ihre Fachlichkeit auf gleicher Augenhöhe zur Verfügung und verschränken diese mit den subjektiven Konstruktionen zur Entstehung, Aufrechterhaltung und Bewältigung der psychischen Erkrankung aller anderen relevanten Akteur:innen. Zudem verstehen sich systemische Therapeut:innen primär eher als Fachleute für psychotherapeutische Prozesse, weniger für die »Richtigkeit« inhaltlicher Aussagen – ein deutlicher Unterschied der Systemischen Therapie zu anderen Ansätzen.

Landkarte versus Landschaft: Aus konstruktivistischer Sicht verfügen Therapeut:innen grundsätzlich nur über »Landkarten« der Bereiche, in denen sie und ihre Klient:innen arbeiten und leben, nie über die Landschaft(en) selbst. Diese Metapher von Landschaft und Landkarte geht auf das Hauptwerk »Science and Sanity« von Alfred Korzybski (1933/1994) zurück. Die Landkarte (unsere Konstruktion) darf nicht mit der Landschaft (»Wirklichkeit«) verwechselt oder konfundiert werden. Die Beschreibungen von Dingen sind eben nicht die Dinge an sich. Vielmehr verraten die gewählten Beschreibungen meist mehr über die Beobachter:innen als über das Objekt ihrer Beobachtung. Simon veranschaulicht das Verhältnis zwischen Landschaft und Landkarte, indem er konstatiert, dass es Landkarten gibt, die »nicht hinreichend gut zur ›Landschaft‹ pass[en]. Es gibt zwar nicht nur eine einzige ›richtige‹ Karte, an der man sein Handeln erfolgreich orientieren kann, aber es gibt Karten, bei deren Verwendung man sich mit großer Wahrscheinlichkeit verirrt« (Simon, 2013b, S. 173) – eben dann, wenn diese Landkarten »nur begrenzt zur Realität sozialer Beziehungen […] passen«; werden solche für bestimmte Kontexte »nicht-passenden« Landkarten verwendet, so führt dies »zwangsläufig zu unauflösbaren Widersprüchen und oft zu Verstrickungen in Paradoxien« (Simon, 2013, S. 174) – Symptombildung stellt eine (suboptimale) Möglichkeit dar, mit solchen unauflösbaren Widersprüchen und Verstrickungen in Paradoxien umzugehen.

Auch Systeme existieren nicht einfach so »da draußen«, sondern werden immer von Beobachter:innen konstruiert (Levold, 2014, S. 53 ff.). Systemische Fragen, wie etwa zirkuläre Fragen oder Fragen zur Wirklichkeits- oder Möglichkeitskonstruktion (▶Kapitel 13), zielen darauf ab, die Landkarten der relevanten Akteur:innen des psychotherapeutischen Diskurses zu explorieren. Aber auch erlebnisorientiertere Methoden, wie Zeitlinienarbeit, Tetralemma oder weitere Skulpturmethoden und -techniken (▶Kapitel 13) dienen der Erkundung von Landkarten. Die Arbeitsperspektive richtet sich dabei sowohl auf die subjektiven und intrapsychischen Konstruktionsprozesse als auch auf deren interpersonelle und kulturelle Abstimmungen, wobei therapeutisch besonders die Fragen relevant sind, wie sich die jeweiligen Realitäten bilden und verändern.

2.2.1Biologischer/radikaler Konstruktivismus

Der biologische/radikale Konstruktivismus (RK) betont die Bedeutung neurobiologischer Prozesse, besonders die Funktionsweise unserer Nerven und Sinnesorgane bei der menschlichen Erkenntnisherstellung. Menschliche Nervenzellen registrieren das Ausmaß einer Erregung, nicht aber deren Qualität: »Da draußen gibt es nämlich weder Licht noch Farben, sondern lediglich elektromagnetische Wellen; da draußen gibt es weder Klänge noch Musik, sondern lediglich periodische Druckwellen der Luft; da draußen gibt es keine Kälte und Wärme, sondern nur bewegte Moleküle mit größerer oder geringerer durchschnittlicher kinetischer Energie usw.« (von Foerster, 1993, S. 26) – wobei der Begriff »Moleküle« wiederum als eine Art physikalische Ontologisierung verstanden werden kann, denn Moleküle sind eben auch nur Teile von Landkarten (der Physik).

Ernst von Glasersfeld veranschaulichte diesen Gedanken im Rahmen eines Vortrags auf dem European Media Art Festival in Osnabrück 1995 folgendermaßen: Er tippte hörbar mit einem Bleistift kontinuierlich auf eine Tischplatte und erklärte dazu, dass sehr viel mehr als solche On/Off-Signale von »da draußen« nicht bei uns ankommen: Nervenzellen feuern oder sie feuern nicht; sie können dies zwar in unterschiedlichen Netzwerken oder Intensitäten tun – mehr jedoch nicht.

Basierend auf diesem (neuro-)biologischen (Schul-)Wissen kann (radikal-konstruktivistisch) geschlussfolgert werden, dass »die bunte Welt«, in der wir uns selbst verorten und von der wir Teil sind – auch all unser Erleben von tiefsten Gefühlen, Verbundenheit mit unseren Liebsten sowie spirituellen Einheitserfahrungen –, notwendigerweise eine Konstruktion sein muss – ein Bild, aber nicht ein Abbild der Wirklichkeit. Der Neurophilosoph Thomas Metzinger (2009) betont, dass unser Selbst selbst ein neurobiologisch erzeugtes Modell ist, das uns – wobei »uns« eben auch keine ontischen »Selbste« sein können – das Gehirn quasi zu evolutionsbiologischen Zwecken vorgaukelt – großes Kino mit vielen Emotionen und Dramen und Glücksmomenten, Cinemascope, Technicolor, aber eben eine Illusion, in der wir wie in einem Ego-Tunnel sozusagen lebenslang gefangen sind.

Veranschaulicht werden kann der RK folgendermaßen:

–Der Psychiater Hinderk Emrich führte ein Experiment mit akut psychotischen Patienten durch. Er präsentierte ihnen visuelle Invertbilder; dies sind z. B. Hohlmasken eines 3-D-Kopfes, die vom menschlichen visuellen System auch dann zwingend als normale Gesichter wahrgenommen werden, wenn man »von hinten« in diese Hohlmaske blickt. Diese Illusion der Wahrnehmung von Invertbildern trat in dem Experiment von Emrich aber »nur« bei gesunden Proband:innen auf: »Die gesunden Probanden waren alle in der Lage, die dreidimensionalen Hohlmasken als normale, dreidimensionale Gesichter zu sehen […]. Die schizophrenen Patienten führten diese Korrektur jedoch nur teilweise oder unvollständig aus, so daß sie zumindest teilweise Hohlgesichtspartien menschlicher Gesichter wahrnahmen. Das Ausmaß dieses Effektes war abhängig von der Akuität der Psychose« (Emrich, 1989, S. 79). Dieses Experiment kann als ein empirischer Hinweis (nicht als »Beweis«, weil durchaus weitere Interpretationen der Befunde möglich sind) dafür gedeutet werden, dass es quasi ein Charakteristikum des gesunden Geistes ist, Wahrnehmungsillusionen herstellen zu können beziehungsweise gar zu müssen.

–Der Komplexitätswissenschaftler Edgar Morin formuliert: »[D]as Gehirn [verfügt] über kein Mittel, um äußere und innere Stimuli zu unterscheiden. Also den Traum vom Wachzustand, die Halluzination von der Wahrnehmung, die Phantasie von der Wirklichkeit, das Subjektive vom Objektiven« (Morin, 1974, S. 149). Schon der chinesische Philosoph Dschuang Dsï (um 365 v. Chr.; † 290 v. Chr.) spielte mit dieser Denkfigur in seinem bekannten Schmetterlingstraum: »Einst träumte Dschuang Dschou, dass er ein Schmetterling sei, ein flatternder Schmetterling, der sich wohl und glücklich fühlte und nichts wußte von Dschuang Dschou. Plötzlich wachte er auf: da war er wieder wirklich und wahrhaftig Dschuang Dschou. Nun weiß ich nicht, ob Dschuang Dschou geträumt hat, dass er ein Schmetterling sei, oder ob der Schmetterling geträumt hat, dass er Dschuang Dschou sei, obwohl doch zwischen Dschuang Dschou und dem Schmetterling sicher ein Unterschied ist. So ist es mit der Wandlung der Dinge« (Dschuang Dsi, 1972, S. 51 f.).

–Zudem: Alle, die schon einmal psychoaktive Substanzen konsumiert haben, kennen die Erfahrung, wie sich durch die dadurch induzierten biochemisch-neurobiologischen Veränderungen subjektiv erlebte Wirklichkeiten alternativ und modifiziert ausgestalten (vgl. hierzu auch Korte, 2007).

Viabilität: Im RK wird versucht, »den Begriff des Wissens von seiner traditionellen ikonischen Verknüpfung mit der Wahrheit« (von Glaserfeld, 1997, S. 203) zu befreien und »Viabilität« beziehungsweise Nützlichkeit als »Gütekriterium« für Wirklichkeitskonstruktionen einzuführen. Viabel ist all das, was lebbar, nicht was »wahr« ist. Denn »Wissen wird vom denkenden Subjekt nicht passiv aufgenommen, sondern aktiv aufgebaut. Die Funktion der Kognition ist adaptiv und dient der Organisation der Erfahrungswelt, nicht der Entdeckung der ontologischen Realität« (von Glasersfeld, 1997, S. 48). Ähnlich formuliert der chilenische Biologe Francisco Varela, der für die Spielart des radikalen Konstruktivismus steht, die mit dem Autopoiese-Konzept assoziiert ist, und deshalb ohne Paraphrase dessen Vorstellung von der performativen Hervorbringung von Welt und Wahrheit durch das Subjekt hier zitiert werden soll: »Der Grundgedanke besteht darin, daß kognitive Fähigkeiten untrennbar mit einer Lebensgeschichte verflochten sind, wie ein Weg, der als solcher nicht existiert, sondern durch den Prozeß des Gehens erst entsteht. Daraus folgt, daß meine Auffassung der Kognition nicht darin besteht, daß diese mit Hilfe von Repräsentationen Probleme löst, sondern daß sie vielmehr in kreativer Weise eine Welt hervorbringt, für die die einzige geforderte Bedingung die ist, daß sie erfolgreiche Handlungen ermöglicht: Sie gewährleistet die Fortsetzung der Existenz des betroffenen Systems mit seiner spezifischen Identität« (Varela, 1990, S. 110). Das Konzept der Viabilität lässt sich mit folgenden Metaphern gut veranschaulichen:

–Für einen Wanderer, der sich im dunklen Wald verirrt hat, besteht der Wald nicht aus Bäumen, sondern aus den Zwischenräumen, die ihm einen Ausweg eröffnen.

–»Wer meint, an den Grenzen seiner Bewegungsfreiheit die ontische Welt zu erkennen, ist ebenso irregeführt, wie ein Autofahrer, der die Stelle, wo ihm das Benzin ausgeht, für das Ende der Straße hält« (von Glasersfeld, 1992, S. 31).

–Eine U-Boot-Kommandantin könnte, ohne direkten Außenkontakt und lediglich gestützt auf ihre Instrumente, ohne von »unserer Welt« überhaupt zu wissen, elegant eine Vielzahl von Felsen und Hindernissen umschiffen, um, aufgetaucht, von einem Beobachter zu hören, wie gut sie den Hindernissen ausgewichen sei. Sie würde dann vermutlich erstaunt antworten, sie wisse davon nichts, sie sei nur den Angaben ihrer Instrumente gefolgt (Maturana u. Varela, 1987).

Argumente gegen den RK:

–Syllogistische Einwände: Ein Kritikpunkt bezieht sich auf das sogenannte Selbstanwendungsproblem des RK (Schnell, Hill u. Esser, 1999): Wenn wir keinerlei Möglichkeit haben, Aussagen über die Beschaffenheit der Welt (»da draußen«) zu machen, dann auch nicht über die Beschaffenheit der neurobiologischen Grundlagen menschlicher Erkenntnis – die aber wiederum den Ausgangspunkt für die erkenntnistheoretischen Postulate des RK darstellen; hier beißt sich also die Katze in den Schwanz, was im Sinne der aristotelischen Logik problematisch ist, für die logisches Schließen und konsistentes Argumentieren (der sogenannte Syllogismus) unabdingbar ist. Nun kann natürlich aus systemischer Sicht eingewendet werden, dass syllogistisches Denken durch systemtheoretische Erkenntnisse relativiert wird: Komplexe, lebende Systeme werden durch Widersprüche, Antagonismen und Paradoxien konstituiert und sind durch Selbstreferenzialität gekennzeichnet – was zu wichtigen praxeologischen systemtherapeutischen Impulsen geführt hat: Paul Watzlawick überlegt in einem Interview mit Bernhard Pörksen, dass der Radikale Konstruktivismus »sich selbst als eine Konstruktion und nicht als eine letzte Wahrheit [begreift], er ist eine Möglichkeit, die Dinge zu sehen. Für mich ist, dies kann ich auch mit Blick auf meine therapeutische Arbeit sagen, allein die Frage ausschlaggebend, welche Konstruktion sich als die nützlichste und menschlichste erweist« (Pörksen, 2001, S. 222). Hier wird also versucht, den logischen Widerspruch in der Architektur des RK durch seinen pragmatischen Nutzen quasi zu kompensieren.

–Phänomenologische und existenzialphilosophische Einwände: Zudem widerspricht der RK einer grundlegenden Dimension der Conditio humana, nämlich dass der Mensch als Homo sapiens (nicht als Homo demens) nicht anders kann, als sich selbst als subjektives, »beseeltes« Wesen mit Bewusstsein zu erleben und nicht als illusorisches Epiphänomen einer biologischen Maschine. Denn was würde dann einen Menschen von einem Zombie unterscheiden? Tatsächlich betont der RK allzu sehr die neurobiologischen Grundlagen des Menschen und neigt somit zum biologischen beziehungsweise naturalistischen Determinismus. Dabei verliert er ein wenig ein umfassenderes biopsychosoziales Verständnis (Engel, 1977) von menschlichem Erleben und Verhalten aus dem Blick. Denn, wie dies Fuchs formuliert: »Der Mensch denkt, nicht sein Gehirn« (Fuchs, 2015, S. 802). Zudem: Es geht nicht um einzelne Nerven und Sinnesorgane, sondern um deren Verschaltung, welche im Laufe der Evolution zu einer spezifischen Architektur des Gehirns geführt hat, die quasi »übersinnliche« Wahrnehmung erfordert – nämlich die Integration aus unterschiedlichen Sinnesmodalitäten (Kriz, 2017, S. 49 f.).

–Einwände des kritischen Realismus: Der kritische Realismus – der als Erkenntnistheorie z. B. der Gestalttheorie zugrunde liegt – kritisiert den naiven Realismus (dass die Welt so ist, wie wir sie wahrnehmen) ebenso wie den RK. Der kritische Realismus unterscheidet streng zwischen unserer anschaulich-erlebten Welt als »phänomenaler Wirklichkeit« und der erlebensjenseitigen beziehungsweise transphänomenalen Welt (wie sie z. B. von der Physik beschrieben wird), die uns niemals unmittelbar anschaulich gegeben ist, sondern nur indirekt erschlossen und in Form von theoretischen Modellen, z. B. in physikalischen oder physiologischen Theorien, abgebildet werden kann. Im Gegensatz zum RK, welcher die Andersartigkeit neuronaler Prozesse und deren Konstruktionen betont, fokussiert der kritische Realismus auf die Beziehungen zwischen phänomenaler und transphänomenaler Welt: So ist es gerade Forschenden in der Psychologie möglich, bei systematischer Variation von Versuchsbedingungen die erlebensmäßigen, phänomenalen Veränderungen zu erfassen. Tausende von Experimenten der klassischen Gestaltpsychologie in den letzten hundert Jahren haben diese Beziehungen erforscht – angefangen von sogenannten optischen Täuschungen über »phänomenale Kausalität« oder den »sozialen Gradienten« bis hin zur Feldtheorie von Kurt Lewin (vgl. Antons u. Stützle-Hebel, 2015) oder systemtheoretischen Untersuchungen zur Dynamik der Selbstorganisation. Schon der Begriff »Gestalt« bezeichnet eine solche dynamische, selbstorganisierte Ordnung in der Wahrnehmung, das heißt in der phänomenalen Welt. Aus dieser Position erscheint der RK von der psychologischen Forschung zu »abgehoben« und eben zu »radikal« (vgl. Metz-Göckel, 2008).

Für die Entwicklung systemtherapeutischer Praxis war trotz dieser Einwände der RK sehr fruchtbar.

–Dass im RK die Verantwortung für die Konstruktion von Wirklichkeit – und damit für das Erleben, Erkennen und Verstehen von Welt – weitgehend beim Subjekt gesehen wird, hat zur Zuschreibung großer Potenziale für ein selbst gestaltbares, selbstbestimmtes Leben von Patient:innen beigetragen. Auch wenn dabei die zentrale Rolle anderer Subjekte für die Erzeugung, Stabilisierung und Veränderung dieser Realitäten – die für die heutige Systemische Therapie essenziell ist – nicht näher untersucht wird.

–Das Konzept der Viabilität betont zudem die Funktionalität sämtlicher Wirklichkeitskonstruktionen für die möglicherweise zwar suboptimale, aber dennoch auf jeden Fall gelingende Selbstorganisation lebender komplexer Systeme. Dieses Kalkül führt in systemtherapeutischer Praxis dazu, die »guten Gründe« für nonkonforme, nicht-normative und »verrückte« familiäre Wirklichkeitskonstruktionen und Dynamiken extensiv zu explorieren und zu würdigen.

–Zudem hat er die Entwicklung systemischer Techniken, Methoden und Haltungen stimuliert, die darauf abzielen, Wirklichkeitskonstruktionen in psychotherapeutischen Diskursen zu reflektieren und zu thematisieren sowie alternative Konstruktionen anzuregen.

–Der RK entlastet systemische Psychotherapeut:innen von dem Anspruch, als Expert:innen einen gewissermaßen privilegierte(re)n Zugang zur Wirklichkeit zu besitzen und die »wahre« Natur und Gesetzmäßigkeit psychischer und familiärer Probleme sowie die Gründe und die Lösungen hierfür erkennen zu können. Er entlastet sie von dem Anspruch (und dem vermeintlichen Privileg), richtige (funktionale) und falsche (dysfunktional-pathologische) individuelle und familiäre Wirklichkeitskonstruktionen zu identifizieren.

2.2.2Sozialer Konstruktionismus

Der soziale Konstruktionismus (SK) kann als Weiterentwicklung des RK betrachtet werden – nämlich insofern, als er die »soziale Komponente«, der Ernst von Glasersfeld (1997) in seinem Buch »Wege des Wissens – Konstruktivistische Erkundungen durch unser Denken« in einem so bezeichneten Unterkapitel lediglich zwei Seiten (von Glasersfeld, 1997, S. 183 f.) widmete, in den Mittelpunkt konstruktivistischer Überlegungen stellt. Der SK, zuerst von dem Sozialpsychologen Kenneth Gergen (2011) vorgestellt, betont wie der RK das Gemachte menschlicher Erkenntnis.3 Er begründet dies aber weniger mit dem Funktionieren von Nervenzellen, sondern damit, dass wir unsere Wirklichkeit mittels Sprache, Kommunikation und Interaktion herstellen. Menschliche Erlebniswelten sind also in der Lesart des SK weniger neuronale als vielmehr soziale Konstruktionen. Im SK wird davon ausgegangen, wie dies eine Protagonistin von ihm, nämlich die amerikanische Kommunikationswissenschaftlerin Sheila McNamee treffend beschreibt, »dass soziale Ordnung aus dem heraus entsteht, was die Leute zusammen tun« (McNamee, 2017, S. 242). Die soziale Ordnung werde also durch uns selbst konstruiert und aufrechterhalten. Sie erscheine uns selbstverständlich und werde oftmals durch eine »unausgesprochene soziale Übereinkunft« aufrechterhalten (S. 242). Als Beispiele führt McNamee etwa den Schulbesuch oder drei Mahlzeiten am Tag als soziale Übereinkunft in vielen westlichen Ländern an. Sobald wir diese soziale Ordnung nicht mehr akzeptierten und anerkennen, sei sie bedroht. Darin werde ihre Fragilität deutlich, so McNamee weiter (S. 242).

Die Familientherapeutin Lynn Hoffman Hennessy stellt richtigerweise heraus, dass Wissen (auch jenes über uns selbst) sozial konstruiert wird und im Miteinander entsteht: »Alles Wissen […] erwächst aus dem Raum zwischen den Menschen, aus dem Reich der ›gemeinsamen Welt‹ […]. Einzig durch eine fortwährende Konversation mit seinen nahestehenden Interaktionspartnern gewinnt das Individuum ein Gefühl für Identität oder eine innere Stimme« (Hoffman Hennessy, 1992, S. 17).

Durch kommunikative und interaktionelle Alltagspraktiken, die sowohl inter- als auch intrapsychisch verstanden werden können (denn wir kommunizieren und interagieren auch ständig in uns selbst, d. h. verschiedene Selbstanteile tun dies beständig im Sinne der Persönlichkeitstheorie des dialogischen Selbst von Hermans, 2001), konstruieren wir Erkenntnis über uns selbst und die Welt »da draußen«. Deshalb stellen systemische Psychotherapeut:innen gern so viele Fragen, denn so können im psychotherapeutischen Diskurs die subjektiven Sichtweisen der einzelnen Akteur:innen erkundet, geäußert und verändert werden, und die systemische Methode par excellence hierzu sind die zirkulären Fragen (▶Kapitel 13.1.1):

–Was denken Sie, wie Ihre Frau Ihren Umgang mit Ihren Ängsten einschätzt? Sieht Ihre Schwiegermutter das wohl so ähnlich oder ganz anders?

–Angenommen, ich würde Ihre Tochter fragen, wie sie findet, wie ihre Mutter mit ihren Ängsten umgeht, was glauben Sie, was sie antworten würde?

In der Psychotherapie geht es ganz wesentlich darum, ein gemeinsames »Fallverständnis« aller relevanten sozialen Akteur:innen zu entwickeln. Damit ist gemeint, dass sich die am psychotherapeutischen Diskurs Beteiligten der (sozialen) Wirklichkeit annähern, indem sie sich über die unterschiedlichen subjektiven Sichtweisen auf den »Fall« verständigen.

2.2.3Relationaler Konstruktionismus und Dialogismus

Der relationale Konstruktionismus (RelK) stellt eine Version des SK dar.4 In der Literatur werden diese beiden »Konstruktionismen« nur unscharf voneinander abgegrenzt. Während der SK die Perspektive einnimmt, dass Wirklichkeitskonstruktionen in sprachlichen Diskursen mittels Kommunikations- und Interaktionsmustern hergestellt werden, nimmt der RelK die Sichtweise ein, dass sich diese in der ganzheitlichen Begegnung und Bezogenheit von Menschen erst entfalten. Dabei wird deren Leiblichkeit, Geschichtlichkeit und soziokulturelle Prädisponierung als quasi nicht endender, offener Prozess mit berücksichtigt. Der RelK betont das intersubjektive Moment mit seinem quasi phänomenologisch-existenzialphilosophischen Gewicht5 im Kontext der humanen Wirklichkeitskonstruktion, die in diesem Sinne immer prozesshaft ist: »The relation processes are ongoing processes in which realities are always in construction« (Hosking, 2011, S. 47).

Der Dialogismus kann als eine relational basierte philosophisch-erkenntnistheoretische Strömung verstanden werden, die sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herausgebildet hat und davon ausgeht, dass Wirklichkeit im dialogischen Austausch zwischen Menschen erzeugt wird. Der Begriff »Dialogismus« wird verwendet, um Haltungen und Diskurse zu charakterisieren, die ausdrücklich anerkennen und praktizieren, dass Erkenntnisse über sich selbst und die Welt zutiefst in den verkörperten Beziehungen zu anderen begründet sind und durch diese aktiv hergestellt werden (»embodied, joint actions«; Shotter, 2011). In gewissem Sinne nimmt der systemische Ansatz damit wieder Bezug auf eine seiner Wurzeln, nämlich die erfahrungszentrierte Familientherapie (▶Kapitel 11.3).

Der Terminus »Dialogismus« mag bei enger Auslegung des Begriffs vielleicht als Phänomen einer Zweierbeziehung verstanden werden. Jedoch weist bereits Rosenzweig, ein früher Vertreter des Dialogismus, darauf hin, dass menschliches Bewusstsein nicht nur dyadisch, sondern in einem polyphonen Dialog in der Gemeinschaft verortet ist (Batnitzky, 2000). In einem Brief an Buber schreibt Rosenzweig: »What would become of the I-Thou if they will have to swallow up the entire world and Creator as well? […] For my and your sake, there has to be something else in this world besides me and you!« (zit. nach Batnitzky, 2000, S. 44). Die dialogische Epistemologie ist vor allem dem russischen Literaturwissenschaftler und Philosophen Michail Bachtin und seinem Umfeld zuzuordnen (Marková, 2000).

Bachtin hat sich mit dem Werk von Dostojewski beschäftigt und konstatiert, dass in diesem der Dialog in jedes Wort eindringt und es »zweistimmig« macht. Das zweistimmige Wort ist das »Wort mit Ausrichtung auf ein fremdes Wort«. In diesem findet ein »Mikrodialog« statt, ist oft ein Wort mit »Hintertür«, also ein Wort, »das sich die Möglichkeit offen [hält], den letzten endgültigen Sinn eines Wortes« zu verändern und so »nur einen bedingten, keinen endgültigen Punkt« zu setzen (Sasse, 2010, S. 92 f.). Die »Hintertüren« in den Worten sind für Bachtin nicht nur linguistische Figuren, sondern Weltsicht (Morson u. Emerson, 1990): Solche »zweistimmigen« Worte sind als nicht finalisierbare ambigue Signifikanten6 integraler Bestandteil lebendiger Kommunikation, deren Grundeinheit die »Äußerung« darstellt, die für ihn grundsätzlich polyphon und heteroglott ist. Jede sprachliche Äußerung ist eingebunden in eine Kette von Äußerungen (Bakhtin, 1986, S. 93) innerhalb des Diskurses, denen sie folgt oder vorausgeht und »is filled with echoes and reverberations of other utterances to which it is related« (Bakhtin, 1986, S. 91). »All real and integral understanding is actively responsive […] He does not expect passive understanding that, so to speak, only duplicates his or her own idea in someone else’s mind. Rather, he expects response, agreement, sympathy, objection, execution, and so forth […] Moreover, any speaker is himself a respondent to a greater or lesser degree […] Any utterance is a link in a very complexly organized chain of other utterances« (Bakhtin, 1986, S. 69).

Der Kommunikationswissenschaftler John Shotter, ein beschlagener Experte des Werks Bachtins, der wesentlich dazu beitrug, das sozial-konstruktionistische Moment des Bachtin’schen Dialogismus herauszuarbeiten und für die systemische Praxis fruchtbar zu machen (z. B. Shotter, 2011), hat immer wieder auf