Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wie geht man mit dem Wissen um, dass man den Tod zweier Menschen hätte verhindern können? Die Studentin Magda leidet noch sehr unter dem Tod ihrer jüngeren Schwester Marie, die zusammen mit ihrem Freund Bastian bei einem Autounfall ums Leben gekommen war. In der Hoffnung, den Verlust leichter verarbeiten zu können, freundet sie sich mit Luka an, einem alten Freund von Bastian. Schnell wird klar, dass Luka und Bastian einmal mehr gewesen sind als nur gute Freunde. Doch Luka scheint noch etwas zu verheimlichen. Ewas, das die Freundschaft zu Magda auf die Probe stellt und beide nicht mehr loslassen wird.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 175
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Für Penelope und ihren Vater.
Außerordentlicher Dank gilt Benjamin, Michael und Somebody Else. Ohne sie hätte Bastians Abschied keine Seele.
Besonderer Dank gilt meinen Testlesern für Ihre Zeit und Unterstützung.
Kuss an H. & C.
Teil I
Magda
Luka
Magda
Luka
Magda
Luka
Teil II
Bastian
Marie
Bastian
Marie
Bastian
Marie
Bastian
Marie
Bastian
Teil III
Magda
Luka
Er hatte diese seltene Art von Schönheit. Eine, die man normalerweise nur bei Models oder Schauspielern in Hochglanzmagazinen fand. Man konnte nie genau sagen, ob diese Männer wirklich schön waren oder einfach nur so ungewöhnlich aussahen, dass man gar nicht anders konnte, als sie anzustarren. Seine roten Haare fielen mir als erstes auf. Manche seiner Haarsträhnen verfingen sich in seinen weißen Augenwimpern und wenn er blinzelte, bewegten sie sich mit. Seine Sommersprossen und hellroten Augenbrauen ließen ihn noch außergewöhnlicher aussehen.
An dem Abend trug er ein weißes Hemd und eine schwarze Stoffhose. In dem obersten Knopfloch seiner dunklen Weste steckte eine kleine gelbe Blume. Der Höhepunkt seines Outfits war jedoch eine rosafarbene Hüfttasche aus altem Leder. Wer sich so anzog, dem war es egal, wie er auf andere wirkte.
Während er mir meinen Drink über den Tresen zuschob, konnte ich es mir nicht verkneifen, ihn eingehend zu beobachten. Er bemerkte es sofort und fragte mit rollenden Augen: »Kann ich dir sonst noch etwas bringen?«
Ich beschloss, ihn mit einem Kompliment zu besänftigen.
»Nein, danke. Ich bewundere nur deine Haarfarbe. Du hast ein wirklich schönes Gesicht!«
In dieser Hinsicht war ich vielleicht etwas berechnend. Doch es wirkte, denn sein ärgerlicher Blick begann sich in ein Lächeln zu verwandeln.
»Ja, lieb von dir. Das hat mir ja noch niemand gesagt«, sagte er arrogant. Ich nahm es ihm jedoch nicht übel, denn das gehörte wohl zu dem menschlichen Kunstwerk, das da hieß: Luka Kronewald.
Es war nicht das erste Mal, dass ich ihn sah. Er war vor nicht ganz einem halben Jahr unangekündigt auf der Beerdigung meiner 18-jährigen Schwester aufgetaucht. Alle saßen in der Kapelle und starrten auf ein Foto von Marie während ein Fremder vom Gottesdienst eine Rede über ihr viel zu kurzes Leben hielt. Meine Eltern hatten ihm Stichpunkte darüber gegeben, was sie mochte und worin sie gut war. Wie viele Freunde sie doch hatte. So etwas eben. Ich wunderte mich darüber, warum sie die Rede nicht selbst hielten. Als ich erfuhr, dass es jemand tun würde, der Marie nie gekannt hatte, wollte ich unbedingt einspringen. Doch es war ja alles geplant und längst organisiert. Ich sollte gefälligst ruhig sein und niemanden bei seiner Trauer stören. Dass auch ich trauerte und nicht nur meine Schwester sondern mit ihr auch meine engste Freundin verloren hatte, schienen meine Eltern vergessen zu haben. Sie waren zu sehr damit beschäftigt, in ihrem Selbstmitleid zu versinken. Manchmal blickte ich regelrecht auf sie herab, obwohl ich auch kein Sonnenscheinkind war. Das war immer Marie gewesen.
Ich saß in der letzten Reihe alleine auf der Bank und blickte auf mein von Tränen durchtränktes Taschentuch, als ich neben mir einen Schatten bemerkte, welcher einem großen jungen Mann mit roten Haaren gehörte. Als er sich am anderen Ende der Bank hinsetzte, blickte er mir nur flüchtig in die Augen. Ich sah, dass er nicht weinte. Er war dem Anlass entsprechend komplett in schwarz gekleidet. Allerdings trug er keine Krawatte wie alle anderen, sondern eine Fliege. Was will der Typ hier? Macht er das öfter? Setzt er sich zu trauernden Familien ohne jeglichen Bezug zu den Toten zu haben? Oder vielleicht hat er Marie doch gekannt? Aber warum hat sie ihn dann nie erwähnt?
Kurz vor dem Ende der Zeremonie stand er leise auf und ging. Ich sah mich danach auf dem Friedhof nach ihm um, konnte ihn aber nicht entdecken. Seitdem bin ich ihm auch nicht mehr über den Weg gelaufen – bis heute Abend.
Und so fragte ich ihn: »Habe ich dich nicht schon einmal gesehen?«
»Falsche Adresse, Liebes. Nicht interessiert.«
Ich überging seine Andeutung. »Ich bin mir sicher, dass wir uns schon einmal gesehen haben.«
Daraufhin blickte er mich das erste Mal wirklich an. Seine Augen verrieten, dass er mich wiedererkannte. Er sah hinab zur Theke und tat so, als wäre er mit dem Spülen von Gläsern beschäftigt. Ich nahm meinen Drink und ging zu Jan. Meinem festen Freund für diese Nacht.
Er wartete an unserem Stammplatz auf mich. Als ich auf ihn zuging, konzentrierte ich mich darauf, nicht zu stolpern. Es war nicht so, dass er mich sonderlich nervös gemacht hätte, aber ich wollte auch nicht hinfallen und ihm das Gefühl geben, dass er mich in irgendeiner Weise aus dem Konzept bringen konnte. Er trug alte hässliche Turnschuhe und eine ausgeblichene Jeans. Darüber ein dunkelblaues Hemd. Nicht wirklich sein bestes Outfit, dachte ich.
»He, wartest du schon lange auf mich?«
Er saß zusammengesunken auf einem alten Ledersessel. Vielleicht wollte er genauso kühl auf mich wirken, wie ich auf ihn.
»Nö«, entgegnete er nur.
»Wo sind denn die anderen? Hast du was von Markus gehört?«
Er setzte sich auf und schien wieder interessierter an einem Gespräch zu sein.
»Er wollte nachkommen. Warum?«
»Nur so.«
»Nur so. Na klar.«
Ich sah ihn genervt an. Markus war Jans bester Freund und irgendwie hatte Jan mitbekommen, dass ich mich für Markus genauso interessierte wie für ihn. Vielleicht fand ich aber auch beide gleich langweilig. Da war ich mir noch nicht so sicher.
Der Club, in dem wir waren, gehörte zu dieser Art Indie-Schuppen, die viel zu klein waren für die Massen an Studenten, die hier ein- und ausgingen. Hipster, Alternative, Andersdenkende. Je nachdem eben. Als ich zu Beginn meines Studiums das erste Mal hier war, gefiel mir die Atmosphäre trotz des aufgesetzten Anders-seins sofort. Jeder kannte jeden und man kam sehr leicht mit neuen Leuten ins Gespräch. Es fiel mir nicht schwer, alleine hinzugehen und nur für mich zu tanzen. Meistens blieb ich jedoch nicht lange alleine. Irgendein Typ sprach mich immer an. So hatte ich auch Markus und Jan kennengelernt. Jan tanzte mich eines Abends an und gab mir ein Bier nach dem anderen aus. Er war völlig betrunken gewesen. Sein Mund war auffällig feucht, so als ob er seine eigene Zunge nicht mehr unter Kontrolle hatte, um nach dem Trinken noch den restlichen Tropfen Bier aufzunehmen. Aber er sah so verdammt gut aus. Er hatte hohe Wangenknochen und eindringliche blaue Augen, die durch seine zur Seite gekämmten blonden Haare hervorguckten. Markus war weniger gutaussehend, aber ähnlich aufdringlich wie Jan. Ich traf die beiden bald wöchentlich in dem Club, bemerkte allerdings recht schnell, dass sie, abgesehen von ihrem Aussehen, ihrer aufdringlichen Art und gelegentlich witzigen Sprüchen, nicht viel zu bieten hatten. Aber sie amüsierten mich. Sie lenkten mich von den Erinnerungen ab.
An dem Abend, als ich Luka an der Bar sah, war ich nicht gerade einfach. Meine Stimmung änderte sich ständig. Ebenso meine Meinung. Es war ok, wenn Jan mich küsste. Doch es war nicht ok, wenn Markus dann anfing, mich zu ignorieren. Und umgekehrt. Bald hatte ich sie aber soweit, dass beide mir ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit schenkten. Sie hatten begriffen, wohin die Nacht uns drei in meiner Vorstellung noch führen sollte.
Während ich auf Jans Schoß saß und mich mit Markus unterhielt, blickte ich immer wieder neugierig zu Luka. Ich hätte ihn nur allzu gerne online gesucht, aber zu dem Zeitpunkt kannte ich seinen Namen noch nicht. Ich beobachtete, wie er ein Bier nach dem anderen über den Bartresen schob, wie er das entgegengenommene Geld sorgfältig mit seinen dünnen Fingern zählte, Drinks mischte und Gläser spülte. Seine Bewegungen wirkten hypnotisierend auf mich. Jan und Markus unterhielten sich mittlerweile ohne mich und ich hatte meinen Blick ununterbrochen auf Luka gerichtet, bis ein Mädchen mit kurzen braunen Haaren mir die Sicht versperrte. Sie schien nicht nur ein Getränk zu bestellen. Sie unterhielt sich auch mit ihm und brachte ihn zum Lachen. Die beiden nickten sich gegenseitig lachend zu, bis sich die Braunhaarige endlich umdrehte und mit ihrem Getränk in der Hand Richtung Ausgang ging. Erst dann erkannte ich sie. Kirsten, eine Kommilitonin von mir, die wie ich, Politikwissenschaften studierte. Wir kannten uns nicht sehr gut. Wenn wir uns über den Weg liefen, reichte unsere Sympathie nur für ein nickendes Hallo oder ein kurzes Winken aus. Als sie mich ebenfalls entdeckte, formte sie ihren Mund zu einem halbherzigen Lächeln, den Strohhalm immer noch zwischen ihren Lippen. Ich sprang auf und fing sie ab.
»Hey, Kirsten! Wie geht´s?«, fragte ich viel zu aufgekratzt. Entsprechend verwundert antwortete sie dann auch nur »Äh, gut. Du auch hier, was?«
Sie begann langsam weiterzugehen und hatte sichtlich keine Lust auf Smalltalk. Das traf sich gut. Ich nämlich auch nicht.
»Sag mal, kennst du den Rothaarigen da am Tresen?«
Sie blickte sich kurz zu Luka um, der uns zu meiner Überraschung direkt ansah.
»Das ist Luka. Kronewald. Du stehst doch hoffentlich nicht auf ihn?«
»Nein«, antwortete ich wenig überzeugend, obwohl ich wirklich nicht auf ihn stand. Ich wunderte mich, warum sie sich so feindselig mir gegenüber verhielt. Wahrscheinlich lag es daran, dass ihr bester Freund Til, ein Kommilitone von uns, mehr an mir als an ihr interessiert war. Ich erwiderte sein Interesse allerdings nicht. Seine Art war, ähnlich wie die von Kirsten, viel zu aufgesetzt.
»Gut, denn er ist schwul. Da hättest du es dann doch schwerer als sonst.«
Damit befand sie das Gespräch für beendet und ging weiter, aber nicht ohne sich erneut zu mir umzudrehen. Sie nickte Jan und Markus zu und setzte ein falsches Lächeln auf.
»Und wie ich sehe, hast du für heute Nacht ausgesorgt.«
Später am Abend und nachdem eine Menge Tequila geflossen war, trottete ich mit Jan und Markus zu Lukas Tresen.
»Noch ein Bier für die Kleine hier«, sagte Jan und grinste mich dabei an. Markus umarmte mich und küsste meinen Hals. Luka sah zuerst Jan, danach Markus und dann mich an.
»Glaubst du nicht, dass sie genug hatte?«
Ich sah ihn überrascht an. Seit wann interessierte es jemanden, wie viel ich getrunken hatte?
»Ich denke nicht, dass dich das was angeht«, erwiderte Jan aggressiv.
Luka sah mich eindringlich an, unbeeindruckt von dem was Jan gerade gesagt hatte und antwortete schlicht:
»Nein.«
»Wie bitte?« Markus mischte sich ein und ließ plötzlich von mir ab. Beide plusterten sich vor Luka auf. Jan griff über den Tresen und bekam Luka am Kragen zu fassen. Er zog ihn nah an sich heran und drohte ihm. Ich konnte nicht verstehen, was er sagte. Luka blickte auf den Boden, sichtlich angewidert von dem Alkoholgeruch, der Jans Mund entwich. Luka konnte die herablassenden Worte vielleicht ignorieren, einatmen musste er sie trotzdem.
Luka riss sich von Jan los.
»Leute, ich will keinen Ärger. Ich hab gleich Feierabend. Wenn ihr Bier haben wollt, könnt ihr zum zweiten Tresen da drüben gehen.«
Jan und Markus blickten ihn an, als würden sie am liebsten auf ihn losgehen.
»Wenn du heute noch heil nach Hause kommen willst, beeilst du dich besser. Schätzchen.«
Luka blickte nicht auf. Da wurde mir bewusst, dass ich mit zwei Idioten unterwegs war. Beide visierten den anderen Tresen an und während sie herüberschwankten, versuchten sie, besonders lässig zu wirken. Der Gedanke, dass ich mit ihnen heute noch die Nacht verbringen wollte, wurde mir zuwider.
In ihrem Eifer hatten sie mich sogar für einen kurzen Moment vergessen und ich lehnte mich schnell zu Luka vor.
»Kann ich heute Nacht bei dir bleiben?«
Er rückte seine Klamotten zurecht und überlegte kurz, ob er mich richtig verstanden hatte.
»Wie bitte?!«
»Kann ich heute bei dir schlafen?«, fragte ich erneut.
Er war sichtlich verwirrt über meine Frage und blickte nachdenkend in die entgegensetzte Richtung. Dann sah er mich an, stöhnte genervt, nickte aber schließlich.
»Ich warte draußen auf dich. Ohne die beiden da.«
»Magda«, rief Markus. »Was ist nun?«
»Ich komme ja!«
Ich drängelte mich durch die Tanzenden hindurch zum anderen Tresen.
»Wir haben dir noch einen Shot besorgt.«
Jan grinste mich herausfordernd an und legte seine Hand auf meine Hüfte. Markus sah aus, wie man nach fünf Bieren, drei Tequilas und einem Wodka eben aussah. Er konnte kaum noch seine Augen aufhalten. Als er mir das kleine Glas in die Hand drückte, beugte er sich zu mir und begann meinen Hals zu küssen. Jan wurde ungeduldig und fing ebenfalls an, mich zu küssen. Ein beißender Geruch von Schweiß stieg mir in die Nase. Ich löste mich von ihnen. Ich musste hier raus, ohne dass die beiden etwas von Luka mitbekommen würden. Doch es war einfach: Ich setzte ein falsches Lächeln auf und meinte, ich müsste noch schnell auf die Toilette. Dann drückte ich Markus den Shot zurück in seine Hand und ging. Beide sahen mich erstaunt an. Markus rief mir nach.
»He, Magda!?«
Ich blickte mich nicht um.
Ich war mir nicht sicher, warum ich Luka um diesen Gefallen gebeten hatte. Ich wusste nur, dass ich dringend mit ihm reden wollte. Egal wie abweisend er auch sein mochte.
Luka wartete vor dem Club auf mich. Eine selbstgedrehte Zigarette hing aus seinem Mundwinkel. Er blickte mich nicht an.
»Los?«, fragte er.
»Ja.«
»Du bist Luka, richtig?«
»Ja. Und du bist Magda?«
Ich nickte und versuchte mein Erstaunen darüber, dass er meinen Namen kannte, zu verbergen.
»Können wir ein bisschen schneller gehen?«
Luka wirkte nervös.
»Ist alles in Ordnung?«
»Relativ.«
»Du redest nicht viel, oder?«
»Wie ein Wasserfall.«
»Wohnst du weit weg?«
»Nein. Meine Wohnung ist in der Nähe.«
»Danke, dass ich heute Nacht bei dir bleiben kann. Ich weiß nicht, was mit den beiden los ist. Es tut mir wirklich leid, dass sie so auf dich losgegangen sind«, entschuldigte ich mich.
»Das sind Idioten. Nicht mehr und nicht weniger.«
Mir fiel nichts weiter ein und so gingen wir stumm nebeneinander her, bis wir bei seiner Wohnung ankamen. Es war Januar und eiskalt, sodass wir beide zügig gingen, um schnell ins Warme zu kommen. Er wohnte in einer Altbauwohnung in der Innenstadt. So eine mit schön verzierten großen weißen Fensterrahmen und Türen. Seine Wohnung war jedoch recht karg eingeräumt. Das Wohnzimmer diente als ein Atelier. Riesige Leinwände nahmen den gesamten Platz ein. Überall lagen Farbpaletten und Pinsel verstreut auf dem Boden. Auf einem kleinen Tisch, den er neben einer Staffelei gestellt hatte, lag ein Stapel handbeschriebener Seiten. Ich nahm eine davon in die Hand und überflog sie flüchtig. Es war ein unfertiges Gedicht, das vor durchgestrichenen Worten nur so wimmelte. Ich legte es schnell wieder zu den anderen, bevor Luka es mitbekam.
»Ich wusste gar nicht, dass du ein Künstler bist?«
»Du weißt gar nichts über mich, Magda«, antwortete er und führte mich in sein Schlafzimmer.
Anstatt eines Bettes stand hier eine dunkelblaue Couch, die man zu einem Bett ausklappen konnte.
»Setz dich. Ich hole dir ein Glas Wasser.«
Seine Couch diente wohl auch als Esstisch, doch die vielen Flecken störten mich nicht. Seine Wände hatte er in leichtem Rosa angestrichen. Eingerahmte Gedichte und Skizzen verzierten seine Wände. Das Zimmer war wärmer eingerichtet als das zum Atelier umfunktionierte Wohnzimmer. An seinem Kleiderschrank hingen Fotos von seinen Freunden. Eines zeigte einen kleinen Jungen, der vor Freude strahlend mit einem Milchbart in die Kamera lächelte. Lukas Gesichtszüge konnte ich in diesem Jungen nicht erkennen. Es schien jemand anderes zu sein, aber das Gesicht wirkte seltsam vertraut. Auf einem Foto daneben war Luka zusammen mit einem schwulen Pärchen zu sehen. Es sah so aus, als hätte sich Luka breit grinsend vor die Kamera geschummelt, während das Paar küssend versucht hatte, einen romantischen Augenblick festzuhalten.
Mir war es viel zu still und Luka schien Jahre in der Küche für ein Glas Wasser zu brauchen, also stellte ich den Fernseher an. Da es morgens halb Vier war, erschien dann auch gleich ein alter Erotikfilm aus den 70ern auf dem Bildschirm. Bevor ich wusste, wie ich die Sender wechseln konnte, kam Luka herein und gab mir das Wasser. Er sah unbeeindruckt auf den Bildschirm und stellte den Fernseher lautlos. Dann setzte er sich neben mich. Ich sah ihn neugierig an, darauf wartend, dass er gleich etwas sagen würde, doch das tat er nicht. Als ich ihn so ansah, fiel mir auf, wie sonderbar er auf mich wirkte. Die gelbe Blume an seiner Weste ließ traurig ihre Blüte herabhängen. Er musste sie wohl den gesamten Tag mit sich herumgetragen haben. Doch ich wollte seine Erscheinung nicht in Frage stellen. Immerhin hatte er auf mich aufgepasst, obwohl er gar keinen Grund dafür hatte. Ich fühlte mich wohl bei ihm.
Es fiel mir immer schwerer, meine Augen aufzuhalten. Müde lehnte ich mich an Luka. Sofort legte er seinen Arm fest um mich. Im Fernsehen lief noch der alte Pornostreifen. Das Flackern des Bildschirms beruhigte mich und ich war kurz davor einzuschlafen. Doch ich wusste, dass morgen früh der Moment verflogen sein würde und so musste ich das Thema jetzt ansprechen.
»Ich weiß, wo ich dich schon einmal gesehen habe«, begann ich. Luka entgegnete nichts.
»Warum warst du dort?«, versuchte ich es erneut.
»Was? Wo war ich?«, fragte Luka abweisend, so als ob er genau wüsste, wovon ich redete, den Gedanken aber abschütteln wollte.
»Auf Maries Beerdigung.«
»Ah.«
»Woher kanntet ihr euch denn? Sie hat mir nie von dir erzählt.«
»Ich kannte sie nicht.«
Luka gähnte bevor er schließlich sagte: »Ich kannte denjenigen, der das Auto gefahren hat.«
»Du kanntest Bastian?!«
»Ja.«
»Die beiden waren süß zusammen. Am Anfang zumindest. Findest du nicht?«
Luka blieb stumm.
»Du möchtest nicht darüber reden, oder?«
»Gut erkannt, Liebes.«
Ich löste mich aus seiner Umarmung und schaute ihn direkt an. Er ignorierte mich und starrte gedankenverloren auf den Bildschirm. Zwei unattraktive Männer besorgten es gerade einer Frau, die blauen Lidschatten trug. Wir beide waren zu müde, um den Sender zu wechseln. Ich seufzte, legte meinen Kopf auf seinen Schoß und schlief ein. Manch anderer hätte diese Situation ausgenutzt und vielleicht hätte ich sogar mitgemacht. Aber bei Luka und mir ging es um etwas anderes.
Magdas Kopf lag auf meiner Brust, als ich aufwachte. Sie hatte ihre Arme um mich geschlungen. Ihr Mund war weit offen und sie atmete hörbar ein und aus. Auf meinem Hemd breitete sich ein feuchter Fleck von ihrem Speichel aus. Ich versuchte, mich aus ihrem Griff zu lösen, aber sie schien mich dann nur noch fester zu umarmen.
Ich gab auf und drehte meinen Kopf langsam zur Seite. »Guten Morgen, Milchbärtchen«, flüsterte ich und sah ein Foto von ihm an, das ich an meiner Kommode neben dem Bett gehängt hatte. Ein lächerliches Ritual. Ich rollte mit den Augen und versuchte, den Gedanken zu verdrängen. Ein fader Geschmack breitete sich auf meiner Zunge aus.
»Was?«, fragte Magda schläfrig während sie versuchte, ihren Kopf anzuheben. Ich entdeckte, dass sich ihr Make-up auf meinem Hemd verteilt hatte und realisierte, dass das mein einziges weißes Hemd war.
»Wach auf, Magda. Ich muss aufs Klo«, sagte ich ungeduldig. Ich wartete nicht darauf, dass sie sich erhob, sondern schob sie grob beiseite.
Im Bad begann ich damit, den schwarzen Fleck von Magdas Mascara aus meinem Hemd zu waschen, doch das brachte herzlich wenig.
»Bist du bald fertig, Luka? Ich müsste auch auf die Toilette«, rief Magda.
Ich riss die Tür auf und starrte sie genervt an.
»Du bist wirklich einmalig. Sieh dir mal mein Hemd an!«
Sie blickte auf meine nackte Brust anstatt auf das Hemd in meiner Hand.
»Oh, entschuldige. Darf ich?« Sie schob sich an mir vorbei ins Bad. Bevor ich etwas entgegnen konnte, schloss sie die Tür hinter sich.
Ich stand vor dem leeren Kühlschrank in der Küche, als sie wieder aus dem Bad kam. Sie blieb im Türrahmen der Küche stehen und blickte mich erwartungsvoll an. Ihre langen braunen Haare waren zerzaust. Mir fiel zum ersten Mal auf, dass sie schön war.
»Hast du Hunger?«, fragte ich.
»Was hast du denn?«
»Nichts!«
Ich gab ihr ein aufgesetztes Lächeln, bei dem man nur kurz die Mundwinkel anhebt und die Augen zusammenkneift. Ich schloss den Kühlschrank, nahm mein dreckiges Hemd vom Küchentisch und ging an ihr vorbei ins Atelier. Sie sah mir nach und fragte, ob wir nicht zusammen essen gehen könnten.
»Was hältst du von dem Café an der Ecke? Ich lade dich ein. Wir haben uns noch gar nicht richtig unterhalten und das wäre doch nett, oder?«
Ich blieb stumm und hing mein ruiniertes Hemd an einer Staffelei auf. Immerhin konnte ich es noch tragen, wenn ich malte. Magda stand unsicher im Flur und sah mich fordernd an.
»Sieh es als Entschuldigung für dein Hemd an!«
Ich antwortete ihr wortlos mit einem Augenrollen. Und dann mit einem echten Lächeln. Ich fühlte mich schuldig ihr gegenüber und das Hemd war mir sowieso zu groß gewesen.
Magda bestellte eine große Frühstücksplatte für uns, obwohl ich lediglich einen Salat haben wollte.
»Bei der Platte ist bestimmt auch Obst dabei!«, meinte sie. Sie irrte sich natürlich und fragte dann mit schlechtem Gewissen: »Willst du gar nichts davon nehmen, Luka?«
»Nein, danke.«
