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DIE ENTHÜLLUNG DER GEHEIMNISSE EINER VERLORENEN WELT … Die interstellare Forscherin und freie Schatzsucherin Dr. Brooklyn Stevens hat den Fund ihres Lebens gemacht – einen ganzen Planeten, der seit Jahrhunderten als verschollen gilt. Dem Anschein nach wurde Jardine im Verlaufe der Nachfolgekriege von den Karten der Inneren Sphäre getilgt, doch die üppig bewaldete Welt, auf der sie zusammen mit ihrem Gefährten gerade abgestürzt ist, erzählt da eine ganz andere Geschichte. Ebenso wie deren Bewohner. Dr. Stevens und ihr Partner finden sich schon bald zwischen zwei verschiedenen Gruppen wieder. Eine, deren Mitglieder eine unheilige Mischung aus Mensch und Maschine darstellen, die andere eine abgehärtete Gemeinschaft, die in der Wildnis lebt. Beide Parteien sind schon bald hinter Stevens und ihrem Wissen über Jardine her – die eine Seite, um den Planeten vor jenen zu beschützen, die erneut einen Anspruch auf ihn erheben wollen, während die andere darauf aus ist, jeden zu töten, der um seine Existenz weiß. Zwischen beiden Seiten gefangen muss Brooklyn die Geheimnisse von Jardine lüften … und lange genug am Leben bleiben, um dem Rest der Menschheit davon zu erzählen …
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Seitenzahl: 149
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Titel
Herbert A. Beas II
Die Entdeckung von Jardine
Vergessene Welten II
Impressum
Yellow King Productions
Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Hartwig Nieder-Gassel Korrektorat und Lektorat: Mario Weiß, Michael Sellmeier, Christopher Denis, Thomas DoblingerLayout: Michael Mingers
©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.
Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.
Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.
Produkt-Nr.: YKBT006E-Book-ISBN: 978-3-98732-000-2
1
Meine geliebte Brooke!
Wenn es etwas gibt, das ich noch mehr hasse als die Idee der Raumfahrt an sich, so ist es der Gedanke daran, dass sie dich weiter und immer weiter fort von der Heimat führt. Der Gelehrte in mir weiß, dass jede Entdeckung, die du machst, der gesamten Menschheit zugutekommt, und ich kenne dich lange genug, um zu wissen, dass die Verheißungen von Jardine schier unwiderstehlich sein müssen (und du weißt, dass ich diese Chance ebenfalls wahrgenommen hätte, wenn ich nicht so ein verdammter Feigling wäre!).
All dies ändert aber nichts an dem Umstand, dass ich meinen wunderschönen Engel vermisse, und ich hoffe, dass ich dich bald wieder bei mir zu Hause haben werde. Ohne dich sind mir die letzten paar Monate wie eine Ewigkeit vorgekommen.
Bitte sei vorsichtig da draußen, mein Liebling. Die Kriege mögen vorüber sein, doch ich habe so meine Zweifel, dass die Liganer es gerne sehen, wenn noch so ein Elzeh mehr in ihrem Hinterhof herumschnüffelt.
Und ich bezweifle, dass IE ihre Politik in Sachen Lösegeldforderungen geändert hat.
Für immer in deinem Herzen!
Tyler Stevens
SACAJAWEA, SPRUNGSCHIFF DER EXPLORER-KLASSE
PIRATENSPRUNGPUNKT
HERAKLEION-SYSTEM, LIGA FREIER WELTEN
16. OKTOBER 3067
»NOCH ZWEI BOGEYS, SCHNELL HERANKOMMEND!«
»Ich habe eine Zielauflösung! Feuere! … daneben! Verdammt, ich habe noch nie einen Jäger gesehen, der im Weltraum so wegtauchen kann!«
»Verflixt nochmal, Lawrence! Was dauert denn da so lange?«
»Noch eine gottverdammte Minute. Halt du dein Höschen fest und uns dieses Ungeziefer vom Hals!«
»Stevens für Hara! Wir sind hier soweit. Bereithalten zur Übertragung …«
»Jesus, Maria und Josef, das war nahe!«
»Was haben die denn vor? Uns rammen?«
»Abschuss! Ein Abschuss!«
»Klasse Schuss, Juan! Hara, die Sac überträgt jetzt! Bringt eure Jäger in Sicherheit!«
»Nochmal kommen, Stevens? Nochma –!«
»Ihr sollt abhauen, verdammt! Wir aktivieren jetzt –!«
»Shit! Klauen-Rotte! Absetzen! Weg von dem Springer! K-F im Aufbau! Abset …«
»Einschlag! Brooke, Einschlag!«
»Schei …!«
»Sprung …!«
Im Zeitraum eines Lidschlages schrumpfte das Universum um Brooklyn Stevens herum in sich zusammen. Zeit, Raum, und sogar die aktuellen Geschehnisse verloren jegliche Bedeutung, als sie spürte, wie sie eins wurde mit der Unendlichkeit. Sterne und Planeten umkreisten sie und sie streckte ihre Hände aus, um nach ihnen zu greifen. Besonders einer erregte ihre Aufmerksamkeit. Mit zittriger Freude fand sie ihn, wie er seine zeitlose Bahn um einen gelbweißen Stern zog, mit einem knochenweißen Mond im Schlepptau. Kichernd jagte Brooke der warmen, gemütlichen Welt hinterher. Spürte die kühlen Fluten der tiefen, blauen Ozeane, das pulsierende Leben auf ihren drei großen Kontinenten. Brooke lächelte, während ihre Augen den unendlich vertrauten Landschaften folgten, den Städten, die sie so gut kannte.
Süßer, sang sie im Geist für den Planeten: Ich bin zu Hause!
Doch als sie ihre Finger ausstreckte, um die Welt zu liebkosen, die sie als Donegal kannte, erschienen überall auf der Oberfläche Bögen aus goldenem Feuer. Ein grollender Aufschrei erklang, als sich die Brände ausbreiteten. Städte stürzten eine nach der anderen in die Meere, wurden verschluckt von Erdspalten, die sich auftaten, breiter wurden und sich mit goldenem Magma und dunklem Salzwasser füllten. Rauch und Dampf fluteten den Himmel, verbargen alles, was noch verblieben war.
»Nein!«, hörte Brooke sich selbst schreien, als Flammen die Welt in ihrer Hand einhüllten. »Tyler–!«
Dann stürzte plötzlich und ohne Vorwarnung alles wieder in sich zusammen. Das Universum explodierte in einem Schwall aus Licht und Kälte. Sie schrumpfte zu einem Stecknadelkopf zusammen, verschluckt von dem Nichts.
Und das Abbild Donegals, in Feuer gehüllt, entschwand in der tintigen Schwärze der Unendlichkeit…
Sie öffnete ihre Augen und fand sich über die Lebenserhaltungs-Kontrollstation gebeugt wieder, wobei ihre Hände noch immer den harten Plastikbügel der Auxiliar-Waffensteuerung, die sie erst vor wenigen Augenblicken bedient hatte, umklammert hielten, als ob sie forttreiben würde, wenn sie diesen losließe. Die Anzeigen vor ihr erwachten flackernd wieder zum Leben, während sie mit klopfendem Herzen nach Atem rang. Anstelle von Zielinformationen zeigten diese nun einen Aufriss der siebenundsechzig Decks der Sacajawea, mit farblich kodierten Informationen zu Klimakontrolle, Temperatur, Luftdruck, und anderen Vitaldaten. Lediglich der Zweitmonitor hielt weiterhin die Waffenangaben vor.
Doch die Indikatoren zeigten Grün. In Ordnung.
Keine Bedrohung entdeckt.
Ihr Magen schlug Purzelbäume. Säure stieg in ihrer Kehle empor und brachte sie zum Würgen. Sie hatte das Gefühl, während der letzten paar Sekunden ganze Monate ihres Lebens verloren zu haben.
Als ob die Krämpfe nicht schon schlimm genug wären …
»Oh, was für eine gottverdammte Scheiße!«, fluchte eine Stimme und brachte auf diese Weise Brookes eigene Gefühle zum Ausdruck. Mit schmerzenden Nackenmuskeln und hämmerndem Kopf wandte sie sich der gertenschlanken, schweißüberströmten Gestalt von Tibor »Trouble« Mitternacht an der Segel-Kontrollstation neben ihr zu. Auch Tibors Station beherbergte eine der sechs Auxiliar-Waffensteuerungen, die es auf der Brücke gab und von denen jede einzelne als Unterstützung und Reserve für den Hauptwaffenleitstand diente, der sich im äußeren Ring der Brücke befand.
Tibors Augen waren noch immer fest zusammengekniffen und er sog, unterbrochen von ersticktem Husten durch zusammengebissene Zähne, Luft ein. Sein Kopf war nach links geneigt, während er seine Hand fest auf das rechte Ohr drückte; sie ging davon aus, dass er dasselbe Schreien hörte, das auch in ihrem Kopf gellte.
Brooke schluckte erneut Säure hinunter und schwang ihren Sessel herum, um die Kommandozentrale der Sacajaweain Augenschein zu nehmen, während ihre Sinneseindrücke sich normalisierten. Das Zentraldeck wies abgesehen von ihrer eigenen Station und der von Tibor nur noch vier weitere Besatzungspositionen auf – plus die unbesetzten Kommandosessel in der Mitte –, wobei nur drei dieser Stationen momentan besetzt waren. Juan Lafferty, an den Kontrollen für die Parktriebwerke zu ihrer Linken, hatte seine Sprungfolgen-Übelkeit bereits abgeschüttelt und strich sich mit einer Hand über den kahl rasierten Kopf, während er einen Seufzer der Erleichterung gen Decke richtete.
Gretchen Morden, an der Kommunikationskonsole gegenüber von Tibor, blickte inmitten der wirren Wolke ihrer eigenen pechschwarzen Haare verloren drein, bis sie genug davon zur Seite wischte, um einen Blick auf ihre Kontrollen werfen zu können. Lawrence Pohl, der Kapitän des SprungSchiffes, saß gegenüber von Juan an der Sprungkontrollstation, wobei er sich mit seinen starken Armen noch immer auf den Notfallgriffen seiner Konsole abstützte.
»Um Basts Willen, Lawrence«, keuchte Brooke schließlich, »du hättest mich wenigstens warnen können!«
Lawrence bedachte sie mit einem eisblauen, stechenden Blick, ein Knurren verzerrte die melierten grauen Stoppeln an seinem Kinn. »Hast du nicht gehört, wie ich ‚Sprung!‘ geschrien habe, Weib?«, grollte er. »Blakes Blut! Erst befiehlst du Hara, die Piraten direkt zu uns zu locken, und dann hast du auch noch die Nerven, dich über mein Springen zu beschweren?«
»Die haben Haras Raumflieger gar nicht gebraucht, um in unsere Richtung zu kommen«, grummelte Tibor, hielt dabei immer noch sein Ohr bedeckt. »Diese Kerle waren auf eine Bombardierung aus, und wir waren das Primärziel.«
Brooke blinzelte. Einschlag! Jemand hat vorhin »Einschlag!« gerufen!
»Lawrence«, sagte sie, »wie ist unser Status?«
Lawrence warf einen Blick hinüber zu Gretchen, die dienstbeflissen nickte – ihre Haare waren jetzt wieder in einem Dutt versammelt, der unauffällige, ungeschminkte Gesichtszüge offenbarte. Während sie die gelassenen, braunen Augen wieder auf ihre Station richtete und sich an die Arbeit machte, blickte Lawrence auf seinen eigenen Monitor und erfasste die Daten in Sekundenschnelle.
»Kein größerer Rumpfschaden. Wir haben ein wenig Beschuss aus leichten Waffen abbekommen, doch angesichts unserer Geschütze, ihrer Entfernung und unseres Wegsprungs haben wir sie wahrscheinlich aus dem Spiel genommen, bevor sie viel anrichten konnten.«
Brooke nickte und stellte sich für einen Moment die driftenden Hüllen von schrottreifen Piratenjägern vor, die nun Lichtjahre weit entfernt waren, auseinandergerissen von der schieren Kraft des Hyperraumfeldes der Sacajawea. Mindestens vier der feindlichen Maschinen waren gefährlich nahe an das SprungSchiff herangejagt, als die Kearny-Fuchida-Felder aktiviert wurden und den Einstein-Raum bis zur Unkenntlichkeit verzerrt hatten, um die Sac sodann durch die darauf resultierende Bresche zu schleudern.
Innerhalb einer Entfernung von ungefähr zwanzig Kilometern von einem springenden Schiff vermochten nur sehr wenige Raumfahrzeuge einen derart intensiven Ausbruch von Energien und Gravitationseffekten zu überleben.
In Bezug auf Hara hoffte Brooke, dass jedes einzelne der feindlichen Schiffe mindestens so nahe gewesen war.
Gretchen räusperte sich quer über die Brücke hinweg und lenkte auf diese Weise erneut die Aufmerksamkeit von Lawrence auf sich.
»Wir sind in Position«, sagte sie mit großem Gleichmut. »Die visuelle Triangulation bestätigt, dass wir uns jetzt auf der solaren Äquatorialebene des Herakleion-Systems befinden. Der Passivradar zeigt keine Kontakte im Nahbereich an. Und wir empfangen ein Signal–«
»Signal?«, entfuhr es Tibor. Brooke drehte sich um und sah, wie er sich die Schläfen massierte. »Das erklärt das Klingeln…«
»Du empfängst es also ebenfalls?«, fragte sie.
Tibor zuckte mit den Schultern. Obwohl er nicht oft über sie sprach, stellten die bionischen Implantate, die sein linkes Auge und sein linkes Innenohr ersetzt hatten – Zeugnisse seiner vorherigen Tätigkeit – für die Besatzung der Sacajawea ein offenes Geheimnis dar. Beide waren gut als die natürlichen Gegebenheiten getarnt, doch ein genaueres Hinsehen enthüllte den Farbunterschied zwischen seinen Augen – was von manchen als Anzeichen für eine gläserne Prothese interpretiert wurde – und die helle Vernarbung unter seinem linken Ohrläppchen.
In Wirklichkeit machte der Umstand, dass Tibor im Infrarotbereich sehen und sogar Funksignale ohne Zuhilfenahme von externer Ausrüstung empfangen konnte, ihn zu Brookes bestem Sensorspezialisten und Feldaufklärer. Einstmals hatten ihn diese Fähigkeiten zu einem versierten Geheimagenten gemacht, und selbst jetzt noch ermöglichten sie es ihm, frühzeitig vor möglichen Fährnissen wie zum Beispiel Überfällen zu warnen.
Oder auch, offene Übertragungen aufzufangen.
»Es ist schwach«, murmelte er und blinzelte, als er sich auf die Identifizierung des Signals konzentrierte. »Klingt wie ein automatischer Warnsat.«
»Ja, das ist es«, sagte Gretchen mit einem Nicken. »Es stammt von so etwas wie einer Boje weiter im Systeminneren. Ich kann es verstärken.«
Tibor nickte und schüttelte dann den Kopf, als wollte er die letzten Reste der sprungbedingten Benebelung aus seinem Gehirn verscheuchen. Gretchens Finger flogen über ihre Konsole und plötzlich erfüllte der knisternde Lärm eines Funkrauschens die Kommandozentrale.
Und eine blechern klingende Stimme, die von einem schweren – und ihrer Meinung nach alten – terranisch-englischen Akzent geprägt war:
»–Namen der Liga Freier Welten und ihres Generalhauptmanns Thaddeus Marik hat die ComStar-Initiative für Sichere Raumfahrt und Astronavigation das Herakleion-System zu einem Ort extremer Biogefährdung der Stufe Zehn erklärt, mit hoher Ansteckungsgefahr und ungeeignet für Reisende und Siedler.
Bis auf Widerruf dürfen Raumfahrzeuge diesen Planeten weder anfliegen noch auf ihm landen. Schiffe, die dies dennoch tun, werden im vollen Umfang mit den interstellaren Quarantänebestimmungen belegt, bis hin und einschließlich der Beschlagnahme und Zerstörung des zuwiderhandelnden Raumfahrzeugs.
Ich wiederhole für alle Schiffe, die diese Übertragung auf offenem Kanal empfangen: Sie sind in unter Quarantäne stehenden Raum eingedrungen. Im Namen der Liga Freier Welten und ihres Generalhauptmanns Thaddeus Marik hat die ComStar-Initiative für Sichere Raumfahrt und Astronavigation das Herakleion-System zu einem Ort extremer Biogefährdung der Stufe Zehn–«
Brooke gab ein leichtes Nicken von sich, das Lawrence an Gretchen weiterleitete. Mit einem Zirpen verstummte die uralte Stimme, gefolgt von einem Moment angespannter Stille.
»Tja«, seufzte Tibor, »da wären wir also.«
»Herakleion«, sagte Brooke. »Genau so, wie es die alten Sternenkarten besagt haben.«
»Thaddeus Marik herrschte von 2804 bis zu seinem Tod im Jahr 2821 über die Freien Welten«, murmelte Tibor. »Laut meinen Aufzeichnungen fand der Untergang Herakleions so um 2815 herum statt.«
»Könnte es sich vielleicht um einen weiteren ‚Registrierungsfehler‘ handeln?«, mutmaßte Lawrence.
Tibor zuckte die Schultern. »Es gehört zu den erwiesenen Tatsachen, dass selbst ComStar sich nicht an alle Fakten hält«, erwiderte er geradeheraus. »Das beweist überhaupt nichts, aber ich hatte mir zumindest ein wenig mehr an Erkenntnis erhofft.«
»Ich bezweifle, dass ein bloßer Hinweis dermaßen offensichtlich gewesen wäre, Trouble«, sagte Brooke mit einem schmalen Grinsen.
»Wie dem auch sei, wir müssen überprüfen–«
Ein schriller Alarm erklang auf der Brücke und schnitt ihr das Wort ab, während Lawrence praktisch aus dem Sitz sprang. Seine Blicke flogen über die Anzeigen vor ihm und ein ärgerliches Zischen entwich seinen zusammengepressten Lippen.
»Hüllenleck!«, schnappte er, noch bevor Brooke fragen konnte. »Raketenstation, Deck Sechzehn.«
»Was?«
»Sicherheitsschotts haben das Deck jetzt isoliert«, sagte Lawrence. »Minimaler Verlust von Atemluft, aber es sieht ganz so aus – Jesus, Maria und Josef!«
Brooke konnte fühlen, wie erneut unbestimmter Ärger in ihr aufstieg, noch während sie schnappte: »Ein bisschen genauere Informationen wären jetzt ganz–!«
»Das war keine Bombe, Brooke!«, schnitt Lawrence ihr das Wort ab. »Ich schaue in diesem Moment auf das Vid; dieses Leck wurde direkt in die Abschussvorrichtung gerissen.«
»Bestätige Bewegung auf Sechzehn!« meldete Gretchen.
Brooke blinzelte. »Wir sind geentert worden?«
»Irgendeine Ahnung, wie viele?«, fragte Tibor.
Lawrence und Gretchen tauschten einen schnellen Blick aus. Gretchens Augen fuhren erneut über ihre Monitore.
»Nur dieser eine, denke ich«, verkündete sie.
»Es existiert nur eine Möglichkeit, wie ein Jäger im Vakuum ein Enterkommando ans Ziel bringen kann«, murmelte Tibor.
Brooke nickte. »Gefechtsrüstungen«, sagte sie. Dann waren das da vorhin also keine Bomben!
»Die müssen wahnsinnig sein, um so etwas zu versuchen«, sagte Lawrence mit einem Stirnrunzeln.
»Oder einfach nur gut«, antwortete Tibor.
»Mehr als zwanzig Decks zwischen ihm und irgendetwas Wichtigem im Heck«, sagte Brooke sinnend.
»Und fünfzehn bis zu uns–«
»Wir könnten zum Hangar«, schlug Tibor vor. Zwei Decks nach hinten. Es wäre ein Risiko angesichts unserer Feuerkraft, aber unsere Fähren werden ihm mit Sicherheit das Licht ausblasen.«
»Aber erst, nachdem er mit uns durch ist«, sagte Brooke. »Lawrence, stell sämtliche Aufzüge ab und verriegle alle Leiterluken zwischen dort und dem Maschinenraum–«
»Schon passiert«, sagte Lawrence. »Aber genauso gut könnte er sich eine beliebige Stelle des Antriebskerns vornehmen und uns alle zum Teufel jagen.«
Brooke verzog das Gesicht. Die kniffligste Herausforderung bei der Verteidigung eines SprungSchiffes gegen einen Enterungsversuch bestand in der Möglichkeit, dass ein Angreifer den Antriebskern als Ziel ausgewählt hatte. Der lange Schaft, der den Kern eines jeden nadelförmigen SprungSchiffes, das es gab, ausmachte – im Endeffekt eine Kombination aus Energiekondensator für den Antrieb und Antenne für das SSprungfeld –,befand sich üblicherweise kaum zwanzig Meter oder weniger von der Außenhülle entfernt. Obwohl er generell von Schotts, Verstrebungen und Leitungen ummantelt wurde, erwies sich diese schlanke Komponente gegenüber jedem als schadensanfällig, der über eine hinreichend schwere Bewaffnung oder das Wissen verfügte, die richtigen Zugangsklappen zu identifizieren und aufzubrechen. Ein beschädigter Triebwerkskern würde es einem SprungSchiff unmöglich machen, sein Kearny-Fuchida-Feld über die gesamte Länge des Raumfahrzeugs aufzuspannen, womit ein Sprung unmöglich wäre. Einzig das Tabu, das die Zerstörung von SprungSchiffen betraf – was als Verbrechen gegen die Menschheit galt, seitdem die Großen Häuser realisiert hatten, dass solche Raumfahrzeuge das Einzige waren, das ihre Sternenreiche zusammenhielt – hatte Enterkommandos daran gehindert, die zentralen K-F-Antriebsbestandteile einschließlich der Antennen ins Visier zu nehmen.
Doch dieses Tabu hatte in den letzten paar Jahrzehnten an Wirksamkeit verloren.
»Er befindet sich im Aufzugschacht«, rief Gretchen. »Ich habe hier eine aufgebrochene Verriegelung auf Fünfzehn!«
»Er bewegt sich nach oben«, sagte Brooke. »Geht weder an die Maschine noch an den Kern. Versetze den Rest des Schiffes in den Verschlusszustand, Lawrence. Löse den Eindringlingsalarm aus und befiehl der Crew, sich für einen Kampf gegen Kröten zu bewaffnen.
»Trouble und ich gehen nach unten und versuchen, unseren ‚Freund‘ abzufangen, bevor er die Brücke erreicht.«
»Das hättest du wohl gern«, schnappte Lawrence, noch während er damit beschäftigt war, die Befehle in das Feld auf der Armlehne seines Sessels einzugeben. »Ich komme mit euch.«
»Jesus!«, zischte Gretchen. »Er befindet sich in den Röhren des Gravdecks, passiert jetzt die Dreizehn.«
»Ach komm schon, Lawrence«, sagte Brooke mit einem irritierten Seufzen. »Du kennst doch die Standards hier. Der Kapitän hält die Brücke; wir brauchen euch drei als Unterstützung für den Fall, dass er uns ausmanövriert oder etwas in der Art.«
Lawrence öffnete erneut den Mund, doch Brooke hatte bereits ihre Hand erhoben.
»Wir können uns später über diese Prozeduren streiten«, sagte sie, »immer vorausgesetzt, dass wir das hier überstehen. Im Moment sollten wir alle einfach nur dafür sorgen, dass wir in unsere Raumanzüge kommen und uns bis an die Zähne bewaffnen. Trouble, mitkommen.«
Trotz des dämpfenden Effektes ihres dickwandigen, gepanzerten Helms und dem Widerhall ihres eigenen schweren Atems konnte Brooke Stevens das Beben einer Erschütterung hören – und spüren –, das die Schotts unter ihren magnetischen Stiefeln durchfuhr. Die Leuchtkörper des Aufzugschachtes – strategisch so platziert, dass sie die Wartungssprossen und -klappen ausleuchteten – flackerten und erloschen, sodass sie zusammen mit ihrem in einem Raumanzug steckenden Gefährten in vollkommene Schwärze getaucht wurde.
»Mist!«, knurrte eine Stimme in ihrem Ohrstöpsel. »Er ist durch die Luke von Deck 4 gebrochen. Er ist einfach nicht zu stoppen!«
Trotz der jahrzehntelangen Erfahrung von Lawrence Pohl konnte Brooke einen Ansatz von Furcht aus der Stimme des Mannes heraushören und ihr eigener Mund wurde trocken. Der Eindringling hatte auf jedem Deck mit brutaler Kraft die Schleusenschotts des Steuerbord-Aufzugschachtes durchbrochen. Und jetzt war er hier. Ein Deck unter dem Wohnbereich der Sac – und gerade mal zwei Decks von der Brücke entfernt.
