BattleTech Legenden 03 - Der Preis des Ruhms - William H. Keith - E-Book

BattleTech Legenden 03 - Der Preis des Ruhms E-Book

William H. Keith

5,0

Beschreibung

Sie sind bis zu 15 Meter hoch, wiegen bis zu 100 Tonnen und speien Tod und Vernichtung - die riesigen von Menschen gesteuerten Kampfmaschinen, die Mechs des 31. Jahrhunderts. Das Sternenreich der Menschen ist zerfallen. Angeheuerte Söldnerhaufen ziehen mit ihren Stahlkolossen in die Schlachten der sog. Nachfolgekriege. Die Piloten der BattleMechs sind tollkühne Männer und Frauen, die für Geld ihre Haut zu Markte tragen, und viele von ihnen finden den Tod, weil ihre Kampfmaschinen veraltet und dem konzentrierten Feuer aus Laserwaffen und Raketen nicht immer gewachsen sind. Die Gray Death Legion hat nach jahrelangen Feldzügen im Dienst des Hauses Marik eine Ruhepause auf ihrem Heimatplaneten verdient, doch bei ihrer Rückkehr finden sie ihre Basis zerstört vor und ihre Verwandten sind, soweit sie überlebt haben, in alle Winde zerstreut: die Legion ist verraten worden, und Carlyle bricht auf, um sich an seinem ehemaligen Herrn zu rächen.

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Seitenzahl: 542

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Titel

William H. Keith

Der Preis des Ruhms

Dritter Roman der Gray-Death-Trilogie

Impressum

Yellow King ProductionsLegenden-Band 3

Titelbild: Catalyst Game LabsRedaktion: Mario WeißÜbersetzer: Reinhold H. MaiKorrektorat: Sina-Christin Wilk, Matthias Heß, Peter DachgruberLayout: Michael Mingers

©2026 The Topps Company, Inc. All rights reserved. Classic BattleTech, BattleTech, BattleMech and ’Mech are registered trademarks and/or trademarks of The Topps Company Inc. in the United States and/or other countries. Catalyst Game Labs and the Catalyst Game Labs logo are trademarks of InMediaRes Productions, LLC.

Deutsche Ausgabe Yellow King Productions, Neuöd - Gewerbepark 12a, D-92278 Illschwang unter Lizenz von INMEDIARES PRODUCTIONS, LLC., also doing business as CATALYST GAME LABS.

Alle Rechte vorbehalten. Der Nachdruck, auch auszugsweise, die Verarbeitung und die Verbreitung des Werkes in jedweder Form, insbesondere zu Zwecken der Vervielfältigung auf fotomechanischem, digitalem oder sonstigem Weg sowie die Nutzung im Internet dürfen nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags erfolgen.

Produkt-Nr.: YKBTL03E-Book-ISBN: 978-3-95752-607-6

ERSTES BUCH

1

Rauchwolken hingen am bösartig gelbgrünen Himmel. In der eisigen Mischung aus Wasserstoff und Methan, die Sirius V als Atmosphäre diente, konnte kein offenes Feuer existieren, aber die Trümmerreste der letzten Schlacht glühten teilweise noch. Das genügte, um in dieser weit unter dem Nullpunkt liegenden Chemikaliensuppe ölig rotbraune Wolken aus Schwefel und Stickstoffverbindungen zu erzeugen. Düster und schwer hingen sie in der dichten, fremdartigen Atmosphäre.

Grayson Death Carlyle beobachtete die sich nähernde Delegation auf dem Hauptschirm seines kampfgezeichneten Marauders.Die Auspuffsysteme der versiegelten Fahrzeuge zeichneten sich auf dem Infrarotschirm hell vor der Kälte des Hintergrunds ab. Hinter dem Konvoi der Delegation brütete die Stadt Tiantan vor einer Landschaft, die sich bestenfalls als giftige Einöde beschreiben ließ. Bei normalem Licht handelte es sich um eine riesige Metallkuppel, auf der Schwefelverbindungen und Ammoniakschlamm eine dicke Kruste gebildet hatten. In der Infrarotoptik strahlte die Stadtkuppel aus tausend Wärmeaustauschern und Ventilen und erschien wie ein heißer Geysir vor dem sanft leuchtenden Horizont.

Grayson aber war nicht hier, um das Schauspiel zu genießen.

»Kampflanze«, murmelte er in das Mikro vor seinem Mund, »Lambda-Es einspeisen!«

»Bestätigt, Oberst.« Oberleutnant Khaleds Stimme klang ebenso angespannt wie die Graysons. »Läuft.«

Vier Monitore einer Cockpitseite zeigten statische Störungen, dann stabilisierten sich die Bilder, und er sah den heranrückenden Konvoi aus vier verschiedenen Blickwinkeln. Oberleutnant Hassan Khaleds Warhammer,Isoru Kogas Archer,Charles Bears Crusader und Sharyls Shadow Hawk sahen die anrückenden Fahrzeuge jeweils aus einer anderen Position. Kameras im Kopf der verschiedenen Mechs übertrugen die »Lambda-Es« des Piloten, seine Sicht der Lage. Die Bilder wurden auch weiter von unregelmäßigen Statikeinbrüchen gestört. Sirius war ein heißer, junger Stern der Spektralklasse A1, dessen energiegeladene Stimme die Entfernung von 6 AE mit Leichtigkeit überbrückte und immer wieder Funk- und Videosendungen in Unordnung brachte.

Bears Crusader war der Kolonne am nächsten. Die flackernde Datenanzeige seines Bildschirms gab die Entfernung zum ersten Kettenfahrzeug mit 2000 Metern an. Schwer bewaffnete und gepanzerte Truppentransporter kämpften sich dahinter durch roten Schlamm und eisbedeckte Pfützen aus flüssigem Ammoniak.

Grayson überprüfte die Karte auf seiner Konsole, die ihm anzeigte, wo seine übrigen Einheiten Aufstellung bezogen hatten – drei Mechs der Erkundungslanze deckten weit auseinandergezogen ihren Rücken, während der vierte am gerade eroberten Raumhafen Wache stand. Seine eigene Befehlslanze unterstützte die Kampflanze und hatte sich auf dem Bergkamm vor der Stadt postiert.

Er schaltete auf eine andere Frequenz. »Befehlslanze. Status-Check.«

»Kalmar, Shadow Hawk.Okay.« Oberleutnant Lori Kalmar hörte sich angespannt und erwartungsvoll an.

»Clay, Wolverine.In Position.« Der lakonische Delmar Clay hatte mit seinem Wolverine auf einem Eishügel im Norden Stellung bezogen, von wo er dem Gegner, wenn nötig, den Rückweg abschneiden konnte.

»McCall. Meine wie Bannockburn ist b‘rreit, Sayr.« Der rotbärtige Davis Montgomery McCall hielt seinen Rifleman in Reserve, als zusätzliche Sicherung gegen einen Liao-Luft/Raumjägerangriff.

Die Monitore der Kampflanze zeigten volle Einsatzbereitschaft an. Der Feind kam immer näher. Graysons Aufmerksamkeit richtete sich wieder auf die von Bears Crusader übertragene Szene.

»Bear! Maximale Vergrößerung.«

Die Szene auf dem Monitor wurde auf seinen Befehl hin größer und konzentrierte sich auf den weißen Fleck, der Grayson ins Auge gefallen war. An der Antennenpeitsche des vordersten Wagens flatterte eine weiße Fahne.

Grayson änderte die Gefechtsfunkfrequenz. »Ramage? Wie ist die TakSit?«

Hauptmann Ramages Stimme war über die Kopfhörer in Graysons Helm zu vernehmen. »Wir sind in Position, Oberst. Ich habe beide Züge hinter Hügel 103 aufgestellt, und die Männer sind fertig zum Einsatz.«

»Gut. Nicht feuern, bis ich ein Zeichen gebe. Ich sehe eine weiße Fahne am vordersten Fahrzeug. Aber halten Sie sechs Uhr im Auge. Das könnte eine Übergabe sein ...« Er ließ die Warnung unvollendet. Wenn die Wagen Gesandte der Stadt enthielten, die Übergabebedingungen aushandeln sollten, bestand die Möglichkeit, dass sich der Siriusfeldzug seinem Ende näherte.

Aber Grayson musste vorsichtig sein. Ebenso gut konnte es sein, dass die Fahrzeuge Teil einer Falle waren, die zu einem ganz anderen Ausgang der Kampagne führen konnten.

»Jawoll. Sechs Uhr ist sicher.« ›Sechs Uhr‹ war ein seit langem etablierter Gefechtssprachebegriff für den Rücken der Einheit. Ramages Bodentruppen waren so aufgestellt worden, dass sie einem Feindvorstoß aus dieser Richtung begegnen konnten.

Die Wagen kamen 150 Meter vor der Kampflanze zum Stehen. Die weiße Fahne schlug in der unruhigen Atmosphäre mal zur einen, dann zur anderen Seite. Eine Stimme mit schwerem Akzent und sorgfältiger Aussprache hallte aus einem Außenlautsprecher des vordersten Fahrzeugs. »Hier spricht Botschafter Gregar Chandresenkhar, Besonderer Diplomatischer Liaisonoffizier des Lyranischen Commonwealths bei der planetaren Regierung von Sirius. Als offiziell registrierter Neutraler in den Auseinandersetzungen zwischen Haus Marik und Haus Liao bin ich von den Stadtvätern Tiantans gebeten worden, als ihr Sonderbeauftragter zu fungieren. Ich erbitte diplomatische Privilegien, Sir.«

Grayson warf einen Schalter um. »Hier spricht Oberst Grayson Carlyle«, erwiderte er. »Kommandant der Gray Death Legion, in Diensten des Hauses Marik und der Liga Freier Welten. Diplomatische Privilegien zugestanden, Sir.«

»Diplomatische Privilegien akzeptiert, Sir. Darf ich näherkommen?«

Grayson atmete tief durch. Eine Verletzung diplomatischer Privilegien war unwahrscheinlich. Trotzdem ...

»Sie dürfen, Herr Botschafter.«

Das vorderste Fahrzeug setzte sich wieder in Bewegung. Langsam näherte es sich den KampflanzenMechs, erreichte sie, fuhr an den Stahlkolossen vorbei. Graysons schwerer Marauder trat ein paar Schritte vor, damit der Botschafter wusste, wer der Kommandant des Grauen Tods war, dann verriegelte er den Bewegungsmechanismus.

Grayson war klar, dass viel von den Ereignissen der nächsten Sekunden abhing. Er öffnete eine Privatverbindung. »Lori?«

Seine Stellvertreterin meldete sich aus ihrem in den vergangenen Gefechten auch nicht unberührt gebliebenen Shadow Hawk.»Hier, Chef. Wollen wir ihnen vertrauen?«

»Wir müssen, Lori. Sie haben diplomatische Privilegien erbeten.«

»Mit so etwas haben wir uns draußen nicht großartig abgegeben.«

»Hmmm. Kann ich mir denken.«

Lori Kalmar war auf Sigurd geboren und aufgewachsen, einer der halbbarbarischen Welten der riesigen Peripherie jenseits der Grenzen der Inneren Sphäre. Für sie hatte es keine zivilisierten Konventionen der Kriegsführung gegeben, bis sie zur Gray Death Legion gestoßen war.

»Was ist?« witzelte er mit einer noch immer angespannten Stimme. »Wird dir der Krieg zu zivilisiert?«

»Nein, ich beginne mich nur zu fragen, wem man noch trauen kann. Pass auf, Gray! Er kommt.«

Eine einzelne Gestalt stieg aus dem Wagen. Ihr Gesicht war von der Atemmaske bedeckt, ohne die Menschen in der kalten, giftigen, sirianischen Atmosphäre nicht überleben konnten. Sie wirkte ungemein winzig neben dem massigen Gefährt. Dann wurde die Gestalt von einer Rauchwolke verdeckt, die aus den Trümmern eines auf dem eisigen Untergrund liegenden Vindicator aufstieg.

»Zeit zum Aufbruch«, stellte Grayson fest. »Pass gut auf uns auf, Oberleutnant.«

Er nahm seinen Neurohelm ab und hängte ihn in die Halterung über seinem Sitz, schnallte sich los, und quetschte sich an den Instrumenten, die das Cockpit seines Marauders ausfüllten, vorbei zur Heckluke. Marauder haben mehrere Einstiege. Der im Feld am häufigsten benutzte liegt an der Oberseite des Rumpfes, kurz vor der Autokanonenkupplung. Grayson war nicht einer der kleinsten, daher hatte er zwischen den Lagerregalen mit 120 mm-Granatmagazinen für die Rückenkanone des Marauders kaum Platz,obwohl sein AK-Munitionsvorrat schon mehr als zur Hälfte verbraucht war. Die Situation konnte im ganzen Regiment nicht anders sein, dachte er. Wenn die Liaos den Kampf fortsetzen wollten, würde die Gray Death Legion gezwungen sein, sich zu ihren Landungsschiffen zurückzuziehen, um neue Munition zu laden.

Aus einem kleinen Schrank holte Grayson einen leichten Schutzanzug und eine Atemmaske und begann mit den Verrenkungen, die notwendig waren, um sich in der Enge dieser Umgebung umzuziehen.

Bis jetzt war die Gray Death Legion auf Sirius V schnell und unnachgiebig vorgestoßen. Ihr Geldgeber konnte zufrieden sein. Sie waren jetzt fast zwei Wochen auf dieser Welt, hatten drei größere Gefechte und unzählige Scharmützel hinter sich, und kein einziges Mal waren ihre Reihen durchbrochen worden. Die letzte Begegnung hatte sich vor den Toren Tiantans – des ›Himmlischen Palasts‹ – abgespielt, und die MechTruppen der Verteidiger waren zerschlagen worden.

Der Krieg sollte vorüber sein, und trotzdem musste Grayson eine tiefe, drängende Unruhe aus seinen Gedanken bannen. Der Krieg ist zu Ende, dachte er. Jetzt heißt es, für unsere neuen Herren und Meister oben in der Umlaufbahn den Frieden aushandeln ...

Der Gedanke bereitete Grayson Carlyle kein Unbehagen. Das Geschick der Söldnertruppe Gray Death Legion hatte sich seit dem erfolgreichen Abschluss ihres letzten Feldzugs auf dem fernen Verthandi über alle Erwartungen, über alle Vorstellungen und Hoffnungen hinaus verbessert. Die allen Regeln der Kriegskunst nach zum Scheitern verurteilte Revolution gegen die Macht des Draconis-Kombinats hatte das Unmögliche erreicht – die Unabhängigkeit eines Volkes, das zu stur war, stumm zuzusehen, wie die Legionen Kuritas seinen Planeten vergewaltigten. Der Sieg der Gray Death Legion hatte der Einheit ein Vermögen an BattleMechs eingebracht – der härtesten und sichersten Währung, die es im zerfallenden Gespinst der galaktischen Zivilisation gab. Ihr Anteil an der auf Verthandi erzielten Beute hatte die MechTruppen der Legion auf volle Kompaniestärke gehoben, mit Ersatzteilen und ReserveMechs für eine zweite Kompanie. Darüber hinaus besaßen sie genügend erbeutete Panzer, Erkundungsfahrzeuge, Truppentransporter und Infanteriewaffen, um das Skelett eines ganzen Regiments zu formen. Als der Graue Tod in die Söldnerzentren Galateas zurückkehrte, war ihnen der Ruhm ihrer Siege bereits vorausgeeilt. Weder Graysons BattleMechKompanien noch seine Infanterieeinheiten hatten sich über Mangel an Freiwilligen beklagen können. Allem Anschein nach wollten sämtliche ungebundenen Söldnerkrieger von Graysons Glück profitieren.

Ebenso wie Haus Marik.

Grayson zwängte sich in den winzigen, metallenen Kasten, der seinem Marauder als Schleuse diente, überprüfte noch einmal den Sitz seiner Atemmaske und öffnete die Außenluke. Sie hatten Glück gehabt, dachte er. Nach Verthandi hatte das kombinierte Regiment der Gray Death Legion die Möglichkeit gehabt, sich seinen nächsten Auftraggeber auszusuchen. Unter den fünf großen Häusern hatten Steiner und Davion mehr oder weniger dem Standard entsprechende Verträge angeboten, die Grayson und seine Leute weiter gegen den unerbittlichen roten Drachen Haus Kuritas ins Feld geschickt hätten. Beide Häuser hatten verführerische Angebote gemacht: Geld natürlich, aber auch den weit süßeren Lohn der Rache.

Nach Verthandi musste Grayson jedoch feststellen, dass sein Durst nach Rache an den Mördern seines Vaters nachgelassen hatte und einer vagen, unangenehmen Leere gewichen war. Es schien, dass sich Hass nur schwer über Jahre hinweg aufrechterhalten ließ. Obwohl er seine Truppen auf Verthandi zu einem gewaltigen Sieg über die alten Feinde geführt hatte, fühlte er keine Befriedigung, sondern vielmehr die ernüchternde Erkenntnis, dass sein persönlicher Kreuzzug keine Chance hatte, den Vormarsch des Bösen aufzuhalten, der aus dem imperialen Palast auf Luthien gesteuert wurde.

Am Ende hatte nur eines der großen Häuser ein Angebot gemacht, das Grayson und seine Leute nicht abschlagen konnten. Etwas, das sie alle mit einer Verzweiflung suchten, die noch über den Rachedurst hinausging. Haus Marik hatte ihnen ein Heim angeboten, eine eigene Heimatwelt.

Der Sieg, den der Graue Tod heute errungen hatte, würde das Recht der Legion auf die Ländereien Helms besiegeln.

Ein teuflisch kalter Wind zerrte an Graysons Schutzanzug, als er die Beine aus der schmalen Schleusenluke schwang und sich auf seinen Marauder setzte. Er stützte sich mit einer behandschuhten Hand an der Basis der über ihm aufragenden Autokanone ab, während er mit der anderen eine Kettenleiter aus ihrem Staufach holte und in schepperndem Fall zu Boden schickte. Die Atmosphäre des Planeten Sirius bestand zum überwiegenden Teil aus Wasserstoff und Stickstoff, und das ›Wasser‹ dieser Welt bestand aus flüssigem Ammoniak. Bei einer Oberflächentemperatur, die kaum einmal über -40° C kletterte, war echtes Wasser hier nur als festes Eis zu finden, das sich in Form ganzer Bergketten über den öden, gelbgrünen Horizont erstreckte und im aktinischen Licht des fernen Sirius kalt glitzerte.

Grayson trat von der schwankenden Leiter auf den kalten Fels. Jetzt, wo er frei auf dem Boden dieser Welt stand, statt im gepolsterten Pilotensessel seines Marauders zu liegen, fühlte er den Zug von 1,5 g Schwerkraft in den Knien und im Rücken.

Auf Sirius V gab es kein eingeborenes Leben, abgesehen von dem, was die Menschen schon früh in der Geschichte ihrer Ausbreitung mitgebracht hatten. Mit einer Entfernung von nur 8,7 Lichtjahren von Terra war Sirius einer der nächsten Nachbarn der alten Erde im Weltraum. Der erste bemannte Vorposten auf dieser leeren, eisigen Welt war vor neun Jahrhunderten eingerichtet worden, nur kurze Zeit nach der Entdeckung des über lichtschnellen Raumflugs. So junge Sonnen wie Sirius hätten nach dem astrophysikalischen Verständnis jener längst vergessenen Tage gar keine Planeten besitzen dürfen, so dass der einzige Zweck dieser ersten Siriuskolonie darin bestanden hatte, die Unwahrscheinlichkeiten des Siriussystems zu erforschen. Es hatte noch fast einhundert Jahre gedauert, bis man die reichen Bodenschätze von Sirius entdeckt hatte: Schwermetalle und Transurane.

Heute war die Welt ein kleiner Ausläufer der von Haus Liao kontrollierten Konföderation Capella. Chinesische Kriegsherren in den Diensten der Terranischen Hegemonie hatten den als Himmlischen Palast bekannten Stadt und Industriekomplex im 26. Jahrhundert errichtet, um die Rohstoffvorkommen dieses Planeten auszubeuten. Liao hatte Sirius beim Ausbruch der Nachfolgekriege übernommen. Seither hatte dieser Planet im anhaltenden, verbissenen Vernichtungskampf zwischen den Häusern Liao und Marik ein Ziel für Angriffe und taktische Vorstöße dargestellt.

Grayson trat aus dem Schatten des Marauders auf die sonnenüberflutete Ebene. Durch die Atmosphäre gefiltert hatte das Licht des Sirius einen leicht grünlichen Schimmer, aber er hielt die Augen vor der grellen Helligkeit abgewandt. Obwohl sie fast sechsmal so weit von Sirius entfernt war wie Sol von Terra, stellte die winzige Sonnenscheibe selbst dann noch eine Gefahr dar, wenn man sie durch polarisierte Linsen betrachtete. Dicht über dem Horizont und knapp über den grauen Kuppeln von Tiantan konnte Grayson gerade noch einen winzigen, aber funkelnden Lichtpunkt ausmachen, der wie ein Planet tief am Abendhimmel stand. Grayson wusste jedoch, dass dies kein Planet war, sondern der weiße Zwergbegleiter der um ein Vielfaches größeren Sonne über ihm.

In seinen vorausgegangenen Nachforschungen hatte Grayson erfahren, dass sich der weiße Stern in einem ellipsenförmigen Orbit um Sirius A bewegte, der ihn einmal in 50 Jahren bis auf fast 10 AE an den Primärstern heranbrachte. Die letzte dieser Passagen hatte sich 2993 ereignet. Die nächste war in siebzehn Jahren fällig. Der weiße Zwerg schien die von Sirius A ausgehende Wärme während der Passage nicht merklich zu erhöhen, aber in den Jahren der größten Annäherung zwischen Sirius A und B war es gefährlich, zum Himmel aufzublicken. Die doppelte Ultraviolettstrahlung der beiden Sonnen konnte die Netzhaut eines Menschen trotz der eisigen Atmosphäre dieses Planeten verbrennen.

Was ist das für eine Welt, in der man Angst haben muss, den Himmel zu betrachten?, fragte sich Grayson.

Der Vertreter der Stadtväter von Tiantan stand dreißig Meter entfernt, eine winzige Gestalt vor der gewaltigen eisigen Weite und den drohend aufragenden Fahrzeugen. Zum Schutz gegen die Kälte und die giftige Atmosphäre trug er wie Grayson einen Schutzanzug und eine Atemmaske. Der Wind zerrte am Umhang des Mannes, den er sich noch zusätzlich umgeworfen hatte.

»Funkprobe«, sagte Grayson, und seine durch die Atemmaske gedämpfte Stimme wurde von seinem Helm über den Befehlskanal geschickt.

»Wir hören dich, Chef«, antwortete Lori. In ihrer Stimme lag ... Wärme. Grayson bemerkte, wie kalt seine Füße trotz der stark isolierten Stiefel waren. »Aufnahme läuft. Und wir haben ihn mit sechs Mann im Visier.«

»Gut. Position halten. Ich geh jetzt los.«

Er marschierte weiter, zwang seine Knie, das um die Hälfte angestiegene Gewicht zu tragen.

Die Geschwindigkeit, mit der die Legion die Verteidiger dieser Liao-Welt überwunden hatte, war überraschend gewesen. Lord Garth, Herzog von Irian und Lord-Kommandeur der in der Umlaufbahn um Sirius V befindlichen Marik-Hilfstruppen war von Graysons letztem Gefechtsbericht bass erstaunt gewesen. Die letzte Liao-Schlachtreihe vor den Stadtmauern ist gefallen, hatte die Botschaft gelautet. Diese Welt gehört Ihnen, Euer Gnaden.

Einzelne Mitglieder in Graysons Kommandostab waren der Ansicht, dass Lord Garth den Grauen Tod vorsätzlich gegen Liao-Festungen geworfen hatte, um die Legion zu schwächen. Tatsächlich war dieser letzte Feldzug bei aller Kürze der bisher härteste gewesen. Das Regiment hatte über fünfzig Infanteristen und drei seiner neuen MechKriegerrekruten verloren. Während der gesamten Kämpfe waren Lord Garth und das volle Bataillon regulärer Marik-Truppen unter seinem Befehl in der sicheren Umlaufbahn geblieben, hatten ihre Luft/Raumüberlegenheit aufrechterhalten und Graysons Stab Auswertungen ihrer Satellitenüberwachung geliefert, ohne sich in die Reichweite der Liao-Verteidigungsanlagen zu begeben.

Allerdings war daran nichts besonders Ungewöhnliches. Die Söldner des Grauen Tods waren speziell dazu angeheuert worden, die Liao-Verteidigungsanlagen auf einer Reihe von Schlüsselwelten wie Sirius V zu zerschlagen. Aus der Sicht des Marik-Oberkommandos stellte sich die Lage so dar: Seine militärischen Mittel waren wertvoll, und es war billiger, Söldner anzuheuern, die ihre Maschinen verheizten, als unersetzbare eigene Mechs in den Kampf zu werfen.

Trotzdem fiel der Kampf schwer, wenn man genau wusste, dass ausreichende Verstärkungen nur ein paar tausend Kilometer entfernt warteten ... und alles auf ihren Langstreckenortern verfolgten. Noch härter war es, die eigenen Leute an seiner Seite sterben zu hören. Jenna Hastings erstickte Schreie, als die eisige, giftige Atmosphäre dieser Welt durch das zerstörte Kanzeldach ihres Centurions strömte, klangen immer noch schrill in seinen Ohren. Sirius V war von einer so eiskalten Gnadenlosigkeit, wie sie nicht einmal MechKrieger kannten. In den letzten beiden Wochen hatte es auf beiden Seiten kaum Verletzte gegeben. Schon der kleinste Riss in Gefechtsanzügen oder BattleMechSchutzwänden erwies sich als tödlich. Wenn Sauerstoff in diese wasserstoffreiche Atmosphäre drang und Hitze oder gar ein Funke da zukam ...

Grayson blieb zehn Schritte vor seinem Gegenüber stehen. Der begrüßte ihn als Bittsteller mit einer leichten, steifen Verbeugung.

»Botschafter Gregar Chandresenkhar«, stellte er sich förmlich vor. »Besonderer Diplomatischer Liaisonoffizier des Lyranischen Commonwealths bei der Planetaren Regierung von Sirius und der Konföderation Capella. Ich habe den Stadtvätern von Tiantan meine Dienste als ihr Beauftragter zur Verfügung gestellt. Ist das für Sie akzeptabel, Sir?«

Grayson erwiderte die Verbeugung. »Vollkommen akzeptabel, Sir. Ich bin Oberst Grayson Carlyle, Gray Death Legion, im Dienst der Liga Freier Welten und unter dem Befehl Seiner Gnaden, Lord Garths, des Herzogs von Trian und Lord-Kommandeurs des Fünften Marik Expeditionskorps. Nach allen akzeptierten Konventionen und Protokollen der Kriegsführung habe ich die Autorität, mit Ihnen und denen, für die Sie sprechen, zu verhandeln.«

»Ich bin angewiesen, mich nach Ihren Bedingungen zu erkundigen«, stellte der Botschafter fest. »Die Stadtväter sind bereit, ihre Niederlage einzugestehen.«

Das war es also. Der Feldzug war vorbei.Der Gedanke lieferte keine Freude, kein Gefühl des Sieges. Er stellte einfach nur das Ende der Kämpfe dar.

»Jeglicher Widerstand auf Sirius V und im gesamten Siriussystem ist einzustellen«, erklärte Grayson langsam. »Sämtliche militärischen Elektronika, einschließlich elektronischer Ortungsanlagen, Radar und ECM Maßnahmen, sind sofort abzustellen. Die Benutzung capellanischer Militärbefehlsfrequenzen ist auf Befehle zur Einstellung des Widerstands und Notsignale zu beschränken. Ich bin autorisiert, Sie zu informieren, dass innerhalb von dreißig Standardstunden nach der formellen Niederlegung der Waffen Einheiten in den Diensten Haus Mariks eintreffen werden. Die örtlichen zivilen und Regierungsstellen haben volle Kooperation zu zeigen.«

»Selbstverständlich.« Diese Kooperation war eine Grundlage der formellen Kriegsführungsprotokolle. »Soll Sirius V auf Dauer unter die Kontrolle der Freien Welten überführt werden?«

Er will wissen, ob er es mit einem Beutezug oder einer Invasion zu tun hat, stellte Grayson fest. Ich schätze, an ihrer Stelle wüsste ich das auch gern.

Er schüttelte den Kopf. »Ich fürchte, diese Frage übersteigt meinen Wissensstand, Sir. Ich bin sicher, dass Seine Gnaden, der Marik-Lord-Kommandeur, seine eigene Forderungsliste hat. Die Stadtväter werden einen Rat einberufen, um Seine Gnaden und die Ligabeamten zu empfangen und deren Forderungen zu diskutieren.«

»Ist das alles?«

»Das ist alles, was ich Ihnen unter der Flagge Haus Mariks zu sagen habe. Ich habe allerdings noch ein paar Bitten in eigener Sache.«

»Die wären?«

»Nichts, was über das Konventionsprotokoll hinausginge, Herr Botschafter. Ich brauche Vorräte, Ersatzteile und, wenn möglich, die Erlaubnis zur Benutzung der örtlichen Erholungsstätten für meine Leute. Natürlich garantiere ich für ihr Betragen.«

Der Botschafter nickte. »Ich bin sicher, das lässt sich alles arrangieren. Noch etwas?«

»Liao-Truppen im Umkreis von fünfzig Kilometern um Tiantan haben sofort ihre Waffen abzuliefern. Sofern es nicht zu Verstößen kommt, werden Registrierung oder Internierung nicht notwendig sein.«

Chandresenkhar verneigte sich erneut. »Eine großzügige Geste, Herr Oberst. Sie können sicher sein, dass sie dankbar aufgenommen wird.«

»Ich möchte klarstellen, dass ich nicht für den Lord Kommandeur spreche«, fügte Grayson hinzu. »Seine Gnaden kann eine Internierung verlangen, und die Konventionen geben ihm das Recht dazu. Aber bis dahin ...« Er zuckte die Achseln. »Solange die Bevölkerung Tiantans sich benimmt, sehe ich keinen Grund, jemanden einzusperren.«

»Ich verstehe.« Der Botschafter zögerte, als horche er auf etwas. Ohne Zweifel stand er über das Funkgerät seines Schutzanzugs direkt mit den Stadtvätern Tiantans in Verbindung. »Sir, die Stadtväter haben mich gebeten, Sie über die vollständige Annahme Ihrer Bedingungen in Kenntnis zu setzen ... und Ihnen in ihrem Namen für Ihre Großzügigkeit zu danken. Sie schätzen sich glücklich, in diesem Krieg vom ruhmreichen Grayson Death Carlyle besiegt worden zu sein.«

Zehn Kilometer vom Schauplatz dieses Gesprächs entfernt, in einem luftdichten und beheizten Funkwagen, lehnte sich ein dunkler Mann mit nachdenklichen Augen von einer Funkkonsole zurück und legte das Gerät beiseite, das er ans Ohr gepresst hatte. »Das war‘s dann also«, stellte er fest, und die Worte kamen ihm langsam und gedankenschwer über die Lippen. Die sich in der engen Kabine um ihn drängenden Männer hörten ihm aufmerksam zu. »Sie haben einen formellen Frieden geschlossen. Der Sirius-Feldzug ist zu Ende.«

»Wir können also anfangen«, stellte einer der vier fest. Sein Schutzanzug war so weit geöffnet, dass die dicke BattleMechKühlweste darunter zu sehen war. Das Insignium auf seiner Brust war ein grinsender grau-schwarzer Totenschädel auf rotem Grund.

Der erste Redner nickte. »Ich hätte nie gedacht, dass jemand das so schnell schaffen könnte. Irgendwie ist es schade ...«

»Was ist schade, Präzentor ...?«

»Nennen Sie mich niemals so! Auch hier nicht!«

Die Augen des MechKriegers weiteten sich, und er rang sichtlich um seine Fassung. »Ich ... ich ... Verzeihen Sie mir, Lord.«

»Vergeben«, erklärte der Mann knapp. »Aber vergessen Sie es nicht noch einmal. Ihre Rolle in den bevorstehenden Ereignissen ist von höchster Bedeutung. Sie können sich kein unvorsichtiges Wort und keinen unvorsichtigen Gedanken erlauben. Das wäre höchst ... unangenehm.«

»J-ja, mein Lord. Danke, mein Lord.«

»Gut. Sie können sich jetzt fertigmachen.« Er nickte den anderen drei zu. »Sammeln Sie Ihre Leute. Der Herzog wird in dreißig Stunden eintreffen. Es ist Zeit, dass wir uns an die Arbeit machen.«

2

»Also, unser Teil des Vertrags ist erfüllt«, stellte Grayson fest.

Er stand mit Lori auf einer Bogenbrücke über den Silbernen Weg, den hohen Hauptkorridor, der quer durch die größte Kuppel Tiantans verlief. Die vier anderen Eisen- und Stahlbetonkonstruktionen beherbergten hydroponische Anlagen, deren Ertrag die gesamte Bevölkerung der Stadt versorgte. In dieser Kuppel lag die eigentliche Stadt, ein riesiges unterirdisches Stollenlabyrinth, in dem zwölf Millionen Menschen lebten.

Unter ihnen strömten die Menschen in Massen über den Weg, die Bürger der Kolonie, die gerade unter dem Ansturm der Legion gefallen war. Die Kuppelstädte Tiantans waren vollständig in Stahlbeton und Duraplast gehüllt, beheizt und vor dem eisigen Gift der Atmosphäre geschützt. Von außen waren die Kuppeln von einem abweisenden, kalten Grau. Die Innenwände waren in Pastellfarben gehalten, die einen deutlichen Kontrast zum bunten Getümmel der Farben, Kostüme und Geräusche ihrer Bewohner bildeten.

Auch die Brücke war überfüllt. Es schien, als habe die gesamte Bevölkerung Tiantans heute ihre Wohnungen verlassen, um einen Blick auf die Invasoren in ihrer Mitte zu werfen. Der ruhelose Hauptmann Ramage hatte an strategischen Punkten der Hauptkuppel bewaffnete Sicherheitstruppen postiert, aber es schien keine Notwendigkeit für irgendwelchen Waffeneinsatz zu geben. Die Menge war nicht feindselig, auch wenn Grayson viele düstere oder unbehagliche Mienen bemerkt hatte. Die Verteidiger hatten sich ergeben, und gemäß den Regeln der Kriegsführung war die Stadt damit vor Beschädigung sicher. Möglicherweise wurden ihre Oberhäupter ausgetauscht und auf Grund von Reparationsforderungen die Steuern angehoben. Alles in allem würde sich das alltägliche Leben des einzelnen Sirianers jedoch kaum ändern.

Lori berührte leicht Graysons Hand und führte ihn aus der bewegten Menge an das Geländer über dem Silbernen Weg. Das blonde Haar fiel ihr über die Augen, als sie zu ihm hochsah. Sie schob es ungeduldig beiseite.

»Wir haben unseren Teil getan, Gray, aber du scheinst nicht sonderlich erfreut darüber.«

»Worüber soll ich mich freuen?«

»Über unser Zuhause«, antwortete Lori. Trotz ihrer Nähe war sie kaum zu hören. »Ein Ort, den wir Zuhause nennen können ...«

»Wenigstens bis zum nächsten Feldzug, bis zum nächsten Vorstoß.«

Sie umfasste seinen Arm mit beiden Händen und drückte ihn. Ihr Lächeln war ansteckend, aber in Loris Augen lag ein Schatten der Sorge, als sie sein Gesicht betrachtete. »Nun komm schon, Gray! Bist du überhaupt nicht aufgeregt, ein neues Zuhause zu haben? Ich schon.« Ihr Lächeln verschwand. »Sigurd ist weit weg ...«

Grayson zwang sich zu einem Lächeln. »Ich muss wohl inzwischen ein echter Soldat geworden sein, Liebes«, stellte er fest. »›Das Regiment ist mein Zuhause‹ und so weiter ...«

Lori summte etwas, eine leise, traurige Melodie. Grayson neigte den Kopf, um sie trotz des Lärms der Menge verstehen zu können. Sie hörte auf zu summen und sang, gab der Melodie einen Text. Das Regiment ist mein Zuhause, wo noch die Sterne glüh‘n. Auf Welten heiß, auf Welten kalt, wo immer Krieger zieh‘n. Ist Heimathaus und Elterntrost, ist Liebe wohl verlor‘n. Das Regiment ist mein Zuhause, wo noch die Sterne glüh‘n.

Sie verstummte, dann blickte sie lächelnd zu Grayson auf. »All das ist es, Gray. Aber das Regiment braucht ein eigenes Zuhause. Wir alle brauchen es. Helm wird unsere Heimat werden ...«

Grayson nickte, aber er dachte daran, dass das Militär sein Zuhause war, soweit er zurückdenken konnte. Als der Sohn Durant Carlyles, des Kommandeurs von Carlyle‘s Commandos, hatte er auf zahllosen wechselnden Garnisonsposten gelebt, in Kantonnements auf Welten entlang der Marken, in Festungen oberhalb fremder Städte. Im Alter von zehn Standardjahren war er MechKriegerAnwärter in der Kompanie seines Vaters geworden. Von diesem Tage an hatte man ihn zum MechKrieger ausgebildet, in der Erwartung, dass sein Vater eines Tages in den Ruhestand treten und der Sohn den Befehl über die Einheit übernehmen würde.

Aber dann war alles ganz anders gekommen. Der Verrat von Trellwan und der Tod Durant Carlyles hatten Grayson auf sich allein gestellt gelassen. Dieser furchtbare Verlust hatte sich zur Triebfeder für den Aufbau der Legion entwickelt. Im Feuer gemeinsamer Kämpfe hatte er eine Art Familie gefunden, die einen Ersatz für die Familie darstellte, die er verloren hatte.

Für ihn war das Regiment schon immer sein Zuhause gewesen.

Die Gray Death Legion war ein typisches, wenn auch kleines kombiniertes Söldnerregiment. Seit Verthandi war die Legion gewachsen. Das Rückgrat der Einheit war immer noch Graysons BattleMechKompanie, genannt Kompanie »A« oder der Graue Tod. Diese zwölf Mechs waren in drei Lanzen zu je vier Maschinen unterteilt, mit Grayson selbst als Kompaniechef. Daneben hatte er es geschafft, den größten Teil einer zweiten MechKompanie aufzubauen, die jetzt als Schulungskompanie und Reserve für den Grauen Tod diente. Neue Rekruten wurden in Oberleutnant de Villars Kompanie B ausgebildet, und die älteren, erfahreneren Rekruten wurden jeweils zu zweit nach dem Rotationsverfahren in die Erkundungslanze der Kompanie A aufgenommen. Sie konnten damit rechnen, sich im Laufe der Zeit für einen permanenten Lanzenposten in der von Grayson geplanten zweiten Gefechtskompanie zu qualifizieren.

Neben den MechEinheiten gab es noch zwei Gefechtskompanien der Infanterie unter dem Befehl Hauptmann Ramages. Die in 40-Mann-Zügen organisierten Kompanien waren von Ramage, einem früheren trellwanischen Milizfeldwebel mit einem besonderen Talent für Kommandotaktik, gedrillt und trainiert worden. Seine Fähigkeit, grüne Rekruten in Kommandosoldaten zu verwandeln, die in der Lage waren, mit improvisierten Waffen gegen BattleMechs zu kämpfen, hatte einen entscheidenden Teil zum Erfolg des Guerillakriegs auf Verthandi beigetragen, so dass Grayson Ramage über dessen Proteste hinweg zum Hauptmann befördert hatte.

Eine zusätzliche neue Kompanie war erst kürzlich gebildet und unter den Befehl eines auf Galatea zur Legion gestoßenen Neuzugangs gestellt worden, des Hauptmanns Mark Baron. Baron hatte das Kommando über die Panzerkompanie der Legion, bestehend aus acht leichten Panzern vom Typ Galleon und zwölf mittelschweren Panzern vom Typ Vedette,die zum größten Teil Beutestücke aus dem Verthandi-Feldzug gegen die Draconier waren. Grayson hoffte, die Panzer zu Hilfstruppen für die Erkundungslanzen organisieren zu können. Im Augenblick jedoch war ihm hauptsächlich daran gelegen, Piloten für die Kampfmaschinen auszubilden.

Und dann war da noch die TechKompanie, die inzwischen unter dem Befehl von MeisterTech Alard King stand. Nach der letzten Zählung hatte die Techkompanie aus über dreihundert Spezialisten für die technischen Arbeiten bestanden, die es der Einheit erst möglich machten, ihre Aufgaben zu erfüllen. Das Personal dieser Kompanie reichte von MeisterTech King über die Schweberfahrer, die für Verwundete zuständigen MedTechs und die WaffenTechs bis hin zu den Köchen.

Zu guter Letzt waren da auch noch Renfred Tor und die zwanzig Männer und Frauen der Besatzung des Raumschiffs Ärgernis. Die ehemalige Freihändlercrew bildete jetzt die Transportabteilung der Legion.

Zählte man MechKrieger, Soldaten, Spezialisten und Techs, war die Gray Death Legion inzwischen auf mehr als 600 Personen angewachsen. Wenn man die gesamte »Familie« der Legion berücksichtigte, stieg diese Zahl auf beinahe tausend. Die restlichen Köpfe waren Nichtkombattanten, die Ehefrauen und -männer der Krieger und Techs, Kinder, Lehrer, Dienstboten, Friseure, private Techs in den Diensten einzelner Familien, und das kleine Heer aus Verwaltern und Buchhaltern, die dafür sorgten, dass die geschäftlichen Aspekte der Legion in Ordnung waren.

Natürlich hielt sich diese kleine Armee nicht auf Sirius V auf. In allen Liao-Feldzügen hatte Grayson nur die Leute mit in die Gefechtszone genommen, die für die zu erledigende Aufgabe unentbehrlich waren. Graham IV, ein grenznaher Planet im Marik-Raum, hatte als Aufmarschzone gedient. Als Transportmittel standen der Legion nur der eine alte Frachter und dessen zwei Landungsschiffe zur Verfügung. In diesen zu Truppentransportern umgebauten Handelsraumern wäre es schon mit der Hälfte der Truppen unerträglich eng geworden. Außerdem musste eine Söldnertruppe auf einem Feldzug auch essen, und auf einer so erdfremden und lebensfeindlichen Welt wie Sirius wurde diese Aufgabe zu einer logistisch komplexen und überwältigend teuren Angelegenheit. Diesmal hatte Grayson nur seine eigene Kompanie, mehrere ReserveMechs der Kompanie B so wie eine von Hauptmann Ramages Infanteriekompanien mitgenommen. Die Panzer hätten mit ihren Verbrennungsmotoren in der Atmosphäre von Sirius nicht funktioniert. Außerdem war es ohnehin schwierig, bei solchen Einsätzen Dieseltreibstoff zu bekommen. Der Rest der Schulungskompanie, die Hilfsmannschaften, sogar der größte Teil der Techs, waren auf Helm – der neuen Heimat der Legion – geblieben.

Der Vertrag der Legion mit Haus Marik hatte ihnen ein Landgut zugesagt, einen Pachtvertrag über ausgedehnte Ländereien des Planeten Helm. Helm war eine ungebändigte, kalte, von Gletschern bedeckte Welt. Selbst die bewohnbare Äquatorregion war weitgehend unberührt und öde. Der gesamte Planet hatte eine Bevölkerung von vielleicht fünfzehn Millionen Menschen, die sich nicht auf Städte, sondern auf zahllose Dörfer und kleine Bauernsiedlungen verteilte. Es gab keine Fabriken, keine Bergwerke, keine großen Industriekomplexe, kaum etwas, das diese Welt nach den Maßstäben der modernen galaktischen Zivilisation attraktiv erscheinen ließ.

Der Vertrag mit Marik war vor einem Jahr geschlossen und die letzten Einzelheiten der Landübergabe sechs Monate danach ausgehandelt worden. Als Gegenleistung für ihre Dienste gegen Liao hatte die Gray Death Legion in einer Übergabezeremonie auf Burg Helmfast, nahe des Dorfes Durandel, die Besitzurkunde über einen großen Teil der Nördlichen Hochebene Helms erhalten. Zwei Monate später hatten sich die ersten MechAnlagen des Regiments auf dem Hochland im Osten der Burg erhoben.

Die Masse der Gray Death Legion – die Köche und Lehrer, Eheleute und Kinder, ComputerTechs und Logistiker, das Heer der aus der örtlichen Bevölkerung rekrutierter Astechs, die Schulungskompanie und Infanteriereserve und Barons Panzerkompanie – waren jetzt auf Helm und bauten die Anlagen der Legion bei Durandel.

Trotz seiner momentan pessimistischen Stimmung musste Grayson zugeben, dass er ungeduldig darauf wartete, nach Hause zu kommen. Nach Hause.

»Oh-oh. Erkundungslanze nähert sich Frontal-Mitte, Oberst«, unterbrach Lori seine Gedanken in spöttisch offiziellem Tonfall.

Francine Roget, Harriman Vandergriff und Sylvia Trevor marschierten Arm in Arm auf Grayson und Lori zu, und schoben sich unaufhaltsam durch die Horden der über den Silbernen Weg drängenden Zivilisten.

»Ho, edler Oberst!« Leutnant Roget hob die grüne Glasflasche in ihrer freien Hand und verbeugte sich geziert vor Grayson. Alle drei waren sichtlich angeheitert.

»Ein Toast, Kameraden, auf Oberst Carlyle, den Sieger von Sirius V!«

Grayson fing düstere Blicke von einigen Passanten ein und hörte eine Veränderung im Tonfall ihrer gemurmelten Gespräche.

»Das reicht, Leutnant«, unterbrach er und löste sich sanft aus Loris Griff. »Die Feier ist zu Ende.«

»Och, Oberst ...«, setzte Vandergriff an, aber Grayson brachte ihn mit einem Blick zum Schweigen.

»Das reicht, Mister!« Er blickte auf die Zeitanzeige seines Armbandcomps. »Melden Sie sich bei Ihrem Landungsschiffkapitän, alle drei.«

»Vandergriff«, mischte sich Lori ein, »ich dachte, Sie hätten heute Nacht Dienst als Außenstreife.« Als Stellvertretende Einheitkommandeurin fielen Dienstpläne und Wachschichten in ihr Ressort.

»Och, Oberleutnant, Graff hat mit mir getauscht. Er hatte keine Lust auf das Nachtleben hier!«

»Wenn er wieder zurückkommt, können Sie ihm mitteilen, dass Ihre ganze Lanze Ausgangsverbot hat«, erklärte Grayson. »Ich erwarte, Sie alle an Bord und abflugbereit vorzufinden, wenn ich komme.«

Die Lanzenführerin nahm eine akzeptable Annäherung militärischer Haltung an, und die anderen bemühten sich, es ihr gleichzutun. Die bisherige Fröhlichkeit wurde bei Vandergriff durch Trübsinn und bei Trevor, dem neuesten Mitglied der Lanze, durch deutliche Verwirrung verdrängt, aber sie gehorchten.

»Befiehlt der Herr Oberst, dass meine Lanze den Spaß verpasst, Sir?« Leutnant Rogets Worte waren knapp, und ihre Fäuste ballten sich. »Wir haben hart gekämpft ... Sir.«

»Wir heben in acht Stunden ab, Leutnant«, erwiderte Grayson. Er sprach leise, aber sein Tonfall und die Tonlage seiner Antwort drückten seine Autorität aus. »Sie werden nicht mehr als ein paar Stunden Spaß verpassen.« Er beugte sich vor, und seine Stimme wurde nicht lauter, sondern leiser. »Und ich werde, verdammt noch mal, dafür sorgen, dass Sie die Möglichkeit verpassen, vor unserem Abflug noch eine Schlägerei anzuzetteln! Weggetreten!«

Die drei salutierten ungeschickt, dann drehten sie sich um und ließen sich von der Menge mittreiben. Grayson wandte sich wieder Lori zu.

»Ich würde schätzen, dass die meisten unserer Leute ... äh ... feiern. Es waren zwei harte Wochen.«

»Mag sein. Aber wenn sie uns jetzt Schande machen, nach dem formellen Friedensschluss ...«

»Ich weiß. Aber es sind gute Leute, Gray. Die ganze Kompanie! Es sind alles gute Leute!«

Was versuchte ihm Lori zu sagen, fragte sich Gray. Er wusste, dass es gute Leute waren. Das letzte Jahr hatte sie im Schmelztiegel eines schnellen, blutigen und harten Feldzugs zusammengeschweißt. Er hatte gesehen, wie sie zueinanderfanden, gesehen, wie sie eine Kampfeinheit geworden waren. Ein paar von ihnen waren schon auf Verthandi bei ihm gewesen, noch bevor sie sich Marik verpflichtet hatten. Sie waren gut, daran bestand kein Zweifel.

»Willst du damit sagen, dass ich zu hart war? Weil ich Graff auch festgesetzt habe?« Er schüttelte den Kopf. »Eine Lanze steht und fällt zusammen. Ich werde sie nicht schwächen, indem ich es zulasse, dass sie Antipathien gegeneinander entwickeln. Gegen mich können sie wüten, so viel sie wollen, aber nicht gegeneinander!«

»Das habe ich nicht gemeint. Du bist härter zu dir selbst als zu ihnen, Gray. Aber sie sind auch nur Menschen. Bei dir frage ich mich das manchmal.«

»Was fragst du dich?«

»Ob du ein Mensch bist ... oder nur ein Oberst ...«

Bei diesen Worten krampften sich Graysons Eingeweide zusammen. Mit ihrer charakteristisch scharfen Einsicht hatte Lori den persönlichen Satan erkannt, der mehr und mehr an Graysons Seele nagte.

Ein volles Regiment war normalerweise größer als es die Legion zurzeit war. Aber bei der Organisation einer Söldnereinheit gab es eine erhebliche Bandbreite, da Truppen dieser Art nur selten in der Lage waren, die volle Kampfstärke aufzubieten. Grayson, der den Rang eines Hauptmanns angenommen hatte, um seine Position als Kommandeur einer BattleMechKompanie zu rechtfertigen, wurde in der Aufstellungstabelle jetzt als ›Oberst‹ geführt, um seine Kommandogewalt über die gesamte Legion zu rechtfertigen. Dieser Titel bereitete ihm immer noch Schwierigkeiten. Mit seinen vierundzwanzig Jahren war er viel zu jung, um einen solchen Rang gelassen anzunehmen.

Als vierundzwanzigjähriger Söldner, der die Legion in der Hitze, dem Blut und dem Schrecken eines halben Dutzends harter Feldzüge aufgebaut hatte, begann ihm klar zu werden, dass ihm diese Aufgabe rapide über den Kopf wuchs. Mit jedem Befehl, jeder Entscheidung, war er sich weniger sicher, ob er das Richtige tat. Und trotz dem hingen Menschenleben davon ab, dass er die richtigen Entscheidungen traf.

War er zu hart mit Rogets Lanze umgesprungen? Insbesondere mit Graff, der nicht einmal an der Sauftour der Lanze teilgenommen hatte? Er wusste es nicht. Schlimmer noch: Er wusste es nie, wenn er solche Entscheidungen traf.

Er blickte unnötigerweise noch einmal auf seinen Armbandcomp. »Ich mach mich besser wieder auf den Weg zur Phobos.«

»Warum, Gray? Wir haben noch Zeit.« Lori nahm wieder seinen Arm. »Es dauert noch Stunden, bis der Herzog hier ist, und ich finde, unsere kleine Siegesfeier ist schon lange überfällig.«

Ihre Worte überraschten ihn, verwirrten ihn weit mehr, als er sich einzugestehen bereit war. »Ich ... ich bin wirklich nicht in Stimmung, Lori.«

»Komm schon! Diesmal gibt die Stellvertreterin die Befehle, Oberst. Meine Spione haben ein hübsches kleines Plätzchen abseits des Silbernen Wegs ausgekundschaftet. Gutes Essen. Privatzimmer mit swimmingpoolgroßer Badewanne ...«

»Lori ...«

»Zum Teufel, Grayson Carlyle. Dieses eine Mal werden wir beide uns mal amüsieren!«

In diesem Augenblick wurde ihm klar, dass Lori nicht wusste, nicht wissen konnte, wie tief sie ihn getroffen hatte. Er schüttelte den Kopf und löste vorsichtig seinen Arm aus ihren Händen. Im letzten Jahr waren Lori und er einander nahe gewesen und noch nähergekommen. In diesen Monaten hatten sie weit mehr geteilt als nur Liebe, Bett und Freundschaft. Aus Feuer, Schmerz und gegenseitigem Respekt gewachsen, war ihre Verbindung eine Gemeinsamkeit des Wesens geworden.

Zum ersten Mal in diesem Jahr fühlte Grayson, dass Lori ihn nicht nur nicht verstand, sondern nicht verstehen konnte ...

»Nein, Lori«, antwortete er lächelnd. »Die Stellvertreterin kriegt auch nicht immer, was sie will. Diesmal nicht. Ich hab noch zu viel Arbeit.«

Als sie zusammen zurück zum Wagen gingen, der sie wieder zum Raumhafen bringen würde, fühlte er, dass er sie verletzt hatte.

Zwischen den Felsbrocken und den eisverkrusteten Klüften der Einöde außerhalb der Kuppelmauern, erhoben sich mehrere Schatten und bewegten sich auf ein paar niedrige Fahrzeuge zu. Ein gepanzerter und bewaffneter Posten bemerkte aus dem Augenwinkel eine Bewegung und wirbelte herum. Sein Alarmruf starb mit ihm, als die weißglühende Klinge eines Vibromessers mit Leichtigkeit Rüstung, Polsterung und Fleisch durchschlug. Blut spritzte und gefror innerhalb von Sekundenbruchteilen, wo es auf das Eis und die reifbedeckte Rüstung des Wachtpostens fiel. Noch während der Posten zu Boden sank, kletterten weitere Gestalten in Schutzanzügen zwischen den Fahrzeugen herum.

Schnell und lautlos warfen sie schwere Leinensäcke in die Frachträume dreier Schweberscouts der Kompanie. Die schlanken Luftkissenfahrzeuge zitterten, dann hoben sie sich auf Luftpolstern, die von fusionsgetriebenen Hochgeschwindigkeitspropellern aufgebaut wurden, in die Höhe. Als ihr durchdringendes Singen über die gefrorene Landschaft kreischte, stürzte ein zweiter Posten aus dem Druckzelt in der Nähe. Seine Stimme klang über die allgemeine Funkfrequenz. »He! Wer ist da? Was ...«

Ein Laserstrahl schoss aus einem der Schweber und bohrte sich durch die dunkelgetönte Schutzbrille des Gray Death-Wächters. Die Polarisationsfilter halfen nicht gegen diese Megajoulelanze aus purer Energie. Der Wasserstoff der umgebenden Atmosphäre und der Sauerstoff der Atemmaske verbanden sich, als die Brille zersprang, und wurden von der intensiven Hitze des Laserlichts entzündet. Im eng anliegenden Schutzanzug des ersten Wachtpostens hatte sich kein Sauerstoff befunden, der mit der umgebenden Luft und der Hitze des Vibromessers hätte reagieren können. Hier jedoch setzte die chemische Reaktion sofort und explosiv ein. Brille, Atemmaske und Kopf des Postens flogen in einem feinen Nebel aus verkohlten Splittern, Wasser und Blut auseinander.

Die schwerbeladenen drei Schweber neigten sich vor, bis ihre Nasen beinahe auf dem Eis scheuerten, und rasten mit höchster Beschleunigung auf Tiantan zu. Als sie um einen niedrigen Eishügel schossen, trafen sie auf einen BattleMech, einen 40 Tonnen schweren Assassin.Das Schweberdreigespann ließ sich nicht aufhalten, sondern jagte weiter in halsbrecherischem Tempo über Eis und Stein auf die jetzt den Horizont verdunkelnde Stadt zu.

Der Assassin trat beiseite und grüßte mit erhobener linker Hand, als die Schweber ihn passierten. Dann drehte er sich um und setzte seine Streife fort.

Der Pilot des Mechs öffnete die Funkverbindung.

»Hier Graff in Sektor Zwo. Alles klar. Keine Vorkommnisse.«

Hinter dem Hügel kühlten zwei Leichen in der eisigen Atmosphäre schnell aus.

3

Fünfzig Kilometer westlich der Stadt warteten Grayson und die Offiziere seines Regiments auf dem windgepeitschten Stahlbeton und Zementplatz, der Tiantan als Raumhafen diente. Aus der Schleuse, die von der Plexkuppel des Hafens zu dem soeben niedergegangenen Landungsschiff führte, strömten die Mitglieder der Irianischen Garde. Hauptmann Ramage, wie immer flott und unerklärlich adrett in der grauen Ausgehuniform der Legion, murmelte etwas Unverständliches vor sich hin.

»Wie bitte, Ram?«, fragte Grayson. Die irianische Garde stellte sich in zwei Reihen auf, die einander über den violetten Teppich ansahen, der auf dem schwarzen Stahlbetonboden der Kuppel ausgerollt worden war. Durch die Luke konnten Grayson und seine Männer eine plötzliche Aktivität im Innern des Verbindungsschlauchs erkennen, der kurz vorher an der Hauptauslassschleuse des hoch aufragenden Landungsschiffes der Union-Klasse befestigt worden war.

»Ich habe mich nur gewundert, dass seine Mächtigkeit vor der Flotte hier eintrifft«, erwiderte Ramage mit gedämpfter Stimme. »Es sind noch drei weitere Unions unterwegs, und er hat sie alle geschlagen!«

»Kann es nicht erwarten, in Augenschein zu nehmen, was er in heißer Schlacht erkämpft hat«, murmelte Lori.

»Still, ihr beiden«, unterbrach Grayson. »Er kommt.«

Lord Garth, Herzog von Irian, war ein schwergewichtiger Mann. Wie viele Adlige Haus Mariks trug auch er das Marik-Wappen, einen stilisierten Raubvogel mit ausgebreiteten Schwingen, als Tätowierung auf der Stirn. Die über seine goldbesetzte violette Uniformjacke verteilten Orden schienen ihn bei der hiesigen Schwerkraft beinahe ebenso zu belasten, wie sein erheblicher Körperumfang. Neben und hinter ihm marschierte sein Gefolge, ein ganzer Trupp von Gestalten in Silber, Gelb und Lila.

Die Lufttemperatur der Kuppel war angenehm kühl, aber Lord Garth schwitzte heftig, als er die wartenden Offiziere der Legion erreicht hatte. Ramage, Lori und Grayson begrüßten ihn gleichzeitig mit präzise ausgeführtem Marik-Salut, die offene rechte Hand mit nach unten gerichteter Handfläche an der linken Brust. Der Gruß wurde von einem schlanken herzoglichen Ordonnanzoffizier erwidert, der ziemliche Schwierigkeiten zu haben schien, sich unter dem Gewicht mehrerer Kilo goldener Fangschnüre gerade zu halten.

»Seine Gnaden möchte der Gray Death Legion seinen Dank für die gute Arbeit aussprechen«, begann die Ordonnanz. »Im Namen des Hauses Marik und des Generalhauptmanns erklärt er Ihren Auftrag hiermit für beendet und Ihren Vertrag als erfüllt. Die 15. Marik-Miliz wird Sie ablösen, Sir.«

Grayson wiederholte seinen militärischen Gruß und vervollständigte ihn mit der erforderlichen förmlichen Verneigung, steif und aus der Hüfte heraus ausgeführt. Noch während der Bewegung fiel sein Blick auf die Reihen der in Rot und Violett gekleideten Soldaten hinter seinem Gesprächspartner. Die 15. Marik-Miliz war ein reguläres Linienregiment, das Grayson gut kannte. Die Legion hatte im vergangenen Jahr bei mehreren Missionen und Vorstößen entlang der Liao-Grenze Seite an Seite mit ihm gekämpft. Diese Truppen mit ihren rotvioletten Uniformjacken und den goldenen Litzen waren Irianische Gardesoldaten, die persönlichen Haustruppen des Herzogs.

»Seine Gnaden hat weiter bestimmt«, fuhr die Ordonnanz fort, »dass das als Gray Death Legion bezeichnete Söldnerregiment an Bord seiner Transportfahrzeuge zu gehen und nach Marik aufzubrechen hat.«

»Nach Marik ...« Grayson zügelte seine Überraschung. »Ins Mariksystem, Euer Gnaden?«

Die Operationsbefehle der Legion hatten anders gelautet. Nach dem Abschluss ihrer Mission auf Sirius V hätten sie sich auf ihren Landbesitz nach Helm begeben sollen. Marik war das regionale Verwaltungszentrum des Marik-Commonwealths, einer der riesigen, halb selbständigen Provinzen, aus denen sich die Liga Freier Welten des Hauses Marik zusammensetzte. Warum nach Marik, statt nach Helm?, wunderte sich Grayson.

»Seine Gnaden erinnert Sie an Ihre Pflichten gemäß Ihres Vertrags mit dem Generalhauptmann«, sagte der Offizier.

»Wir danken Seiner Gnaden für die großzügige Anerkennung«, antwortete Grayson vorsichtig. »Ich möchte respektvoll anmerken, dass uns unsere Pflichten vertraut sind. Darf ich aber fragen, warum unser Regiment zur Provinzhauptwelt des Marik-Commonwealths umgeleitet wird?«

»Befehle, Söldner.«Zum ersten Mal ergriff der Herzog von Irian selbst das Wort. Seine Stimme war hoch und unangenehm misstönend. Sein Blick war auf einen unbestimmten Punkt hoch über Graysons linker Schulter gerichtet, so als weigere er sich, ihn oder seine Begleiter wahrzunehmen. »Anscheinend plant der Generalhauptmann selbst, dort mit Ihnen zusammenzutreffen. Vielleicht hat er weitere ... äh ... finanzielle Angelegenheiten mit Ihnen zu besprechen. Oder vielleicht will er Sie ... auszeichnen. Ich weiß es nicht. Welche Beweggründe der Generalhauptmann auch haben mag, meine Einheiten werden Sie ablösen. Sofort.«

»Akzeptieren Sie die Ablösung, Oberst?«, drängte die Ordonnanz.

»Wie? Ja, natürlich. Zu Ihren Diensten, Euer Gnaden.« Grayson salutierte noch einmal. Die zeremoniellen Feinheiten erforderten Beachtung. »Ich übergebe Ihnen diese Welt, Euer Gnaden.«

»Die ganze Sache gefällt mir überhaupt nicht«, stellte Lori fest. Die drei hielten sich im Panoramaraum des Landungsschiffs Phobos auf. Die normalerweise zum Schutz vor drohenden feindlichen Angriffen herabgelassenen Stahllamellen waren geöffnet und gaben den Blick über den sirianischen Raumhafen und die hinter ihm emporragenden grauen Kuppeln frei. Sirius war vor mehreren Stunden untergegangen, und die Stadtkuppeln von Tiantan wurden von Lichterfeldern und dem gleichmäßigen Blinken der Navigationslichter gekennzeichnet.

Das Landefeld unter ihnen war pechschwarz, nur die Lichtkegel einiger Arbeitslampen beleuchteten die unmittelbare Umgebung der Startgrube. In allen Kegeln war unablässige, emsige Geschäftigkeit zu sehen. Das Regiment war mit den letzten Vorbereitungen für den Abflug beschäftigt. Die meisten BattleMechs des Grauen Tods waren schon verladen und in ihre Frachtkokons tief im Innern der kavernenartigen Laderäume manövriert worden. Jetzt war Ramages Infanteriekompanie damit beschäftigt, in einer langen Reihe luftdichter Allgeländeraupen an Bord zu gehen. Lotsen in Druckanzügen dirigierten die Fahrzeuge mit kreisenden Bewegungen ihrer roten Leuchtstäbe. Kleine, hell beleuchtete Wagen krochen käfergleich von Lichtkegel zu Lichtkegel. In ihrem Innern beförderten sie Techniker, die auf eine Gelegenheit warteten, noch im Feld befindliche Elektronika abzubauen, Nachschubspezialisten, die bereits verpackte Waffen abholten, oder Offiziere auf einem letzten Rundgang.

»Ich kann auch wenig daran finden, was mir zusagt«, antwortete Grayson, der neben Lori am Sichtfenster stand. Der Raum war dunkel, und ihre Gesichter wurden vom Streulicht der Arbeitslampen erhellt. »Aber wir haben praktisch keine andere Wahl.«

»Befehl ist Befehl?«, fragte Ramage. Er saß etwas abseits vom Fenster an einem kleinen Tisch und trug einen schweren Plastikkopfhörer. In der nahezu vollkommenen Dunkelheit des Aufenthaltsraums glühten und blinkten winzige mehrfarbige Lichter an seinem Funkgerät in unregelmäßigen Abständen, während er die Berichte seiner verschiedenen Unteroffiziere und Techs über den Fortgang der Einschiffung verfolgte. Besonders interessiert hatten ihn die Berichte einer Patrouille vom Randsektor des Landefelds. Zwei Posten waren dort in den frühen Morgenstunden tot aufgefunden worden – wahrscheinlich das Werk von Liao-Scharfschützen aus der Wildnis, die sich noch nicht ergeben hatten.

»Hmmm«, lautete Graysons Antwort. »Es ist nichts besonders Ungewöhnliches an dem Befehl, uns auf Marik zu melden. Abgesehen natürlich davon, dass Marik von hier fast ebenso weit entfernt ist wie Helm, nur in einer anderen Richtung. Das wird ein langer, teurer Flug, bloß um uns ein paar neue Orden abzuholen.«

»Solange Janos Marik es bezahlt ...«, setzte Lori an, beendete den Satz jedoch nicht. Nirgendwo in ihrem Vertrag mit der Ligaregierung gab es eine Klausel mit direktem oder indirektem Bezug auf den Transport der Legion. Die Sache stank nach einer Catch-22-Situation, wie sie Buchhalter und Zahlmeister aller Söldnereinheiten fürchteten: hohe Ausgaben, nur um dem Kunden einen Gefallen zu tun. Außer Spesen nix gewesen.

»Das Geld stört mich nicht, Lori«, erwiderte Grayson.

»Da ist Politik im Spiel, und das gefällt mir nicht.«

»Es ist immer Politik im Spiel, wenn ein Marik-Herzog auftaucht«, erklärte Ramage düster.

»Aber das ist ungewöhnlich ... verdammt ungewöhnlich«, stellte Grayson fest. »Bei der Parade heute habe ich nur die Irianische Garde gesehen, die persönlichen Haustruppen unseres alten Lord Garth. Ich habe den Habicht weder in Garths Begleitung noch unter den Offizieren gesehen, die aus dem Landungsschiff stiegen.« Kolonel Jake Hawkings, auch als ›Habicht‹ bekannt, war der kleinwüchsige, rothaarige und aufbrausende Kommandant der 15. Marik-Miliz, ein Mann, mit dem Grayson und sein Stab während ihrer Dienstzeit für Marik schon einige Male zusammengearbeitet hatten. Nach den vertraglichen Befehlen der Legion war es Hawkings‘ Einheit, die sie nach Beendigung des Einsatzes auf Sirius ablösen sollte.

»Sie haben recht, er war nicht da«, bestätigte Ramage.

»Ich hab mich auch darüber gewundert. Ich habe einen meiner Techs nachfragen lassen. Die 15. ist erst in zwei Wochen fällig. Sie sind gerade erst im System eingetroffen, und ihr Landungsschiff ist noch im Anflug.«

»In zwei Wochen!« Das war eine unerwartete Neuigkeit, und Grayson wusste nicht, wie er darauf reagieren sollte. Er hatte die Information erhalten, dass die 15. zusammen mit den Truppen Lord Garths bereits zu Beginn des Feldzugs eingetroffen war. Wenn die 15. nicht bei Lord Garths Truppen war, welche Einheit wardann an Bord der Landungsschiffe? Wer hatte den gesamten Verlauf des Feldzugs über aus dem All die Kämpfe beobachtet und ihren Sieg abgewartet?

»Vielleicht hätten wir die Ablösung nicht akzeptieren sollen«, warf Lori ein.

»Ach? Und wie hätten Sie‘s formuliert?« fragte Ramage. »Nein, Lord Garth, ich werde Ihnen mein Kommando nicht übergeben. Ich warte auf Kolonel Hawkings.«

»Inzwischen ist es eine sinnlose Frage«, stellte Grayson fest. »Wir sind abgelöst worden, und wir haben unsere Befehle. Seine Gnaden ist hier, und wir sind höflich aber bestimmt abgeschoben worden.«

Ramage legte die Hand an seinen Kopfhörer und lauschte angestrengt. »Das Tor ist offen«, erklärte er nach einem Moment, während von seinem Gerät bunte Lichter durch die Dunkelheit blinkten. »Alle Infanteriekompanien sind an Bord und untergebracht. MechKrieger Graff geht gerade als letzter der Erkundungslanze an Bord der Deimos.Unsere letzten Ausrüstungsteile kommen auch an Bord. Der Landeoffizier vom Dienst meldet, dass wir in neunzig Minuten starten können.«

»Vielleicht«, meinte Grayson vorsichtig, »vielleicht sollten wir uns beeilen und abfliegen, bevor Lord Garth es sich anders überlegt. Irgendetwas stinkt hier gewaltig, und ich will gar nicht wissen, was.«

An Bord des Marik-Landungsschiffs Gladius unterbrach Lord Garth, der Herzog von Irian, seine Inspektionstour der vier frisch lackierten BattleMechs im MechHangar des Schiffs. Die Stahlkolosse waren eben erst aus ihren Fesseln und Schutzvorrichtungen befreit worden. Alle vier waren mit dem unregelmäßigen grauschwarzen Tarnmuster bemalt, das für Mechgefechte auf luftlosen Welten üblich war. Hoch vom linken Bein der Kampfmaschinen grinsten den Herzog und seine Begleiter stilisierte Totenschädel an, in Grau und Schwarz gemalt auf scharlachrotem Untergrund.

Ein hochgeschossener Mann in schmuckloser brauner Jacke und kurzem Cape näherte sich der herzoglichen Inspektionsgruppe und führte eine korrekte, aber flüchtige Verbeugung aus. Der schmale Dolch in der Unterarmscheide des Mannes funkelte im Licht der Leuchtstoffröhren, als er sich wiederaufrichtete.

Garth fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und bestätigte die Verbeugung. Der Mann machte ihn nervös. Seine Manieren, seine Haltung, die Andeutung der Macht, die er repräsentierte, all das verstärkte die Drohung hinter diesen dunklen Augen, ob sie nun echt oder eingebildet war. »Nennen Sie mich Rachan«, hatte er vor Monaten bei ihrer ersten Begegnung auf Irian zu Garth gesagt. »Nicht ›mein Lord‹, auch nicht ›Präzentor‹, einfach ›Rachan‹, das genügt.«

»Sie haben etwas zu berichten, Rachan«, stellte Garth fest. Es war keine Frage, und es war auch nicht als Frage formuliert. Rachan hatte sich Garth noch nie genähert, nur um ein Schwätzchen zu halten, eine Tatsache, für die Garth ausgesprochen dankbar war.

»Die Landungsschiffe der Söldner bereiten sich auf den Start vor, Euer Gnaden«, meldete Rachan ohne Vorrede. »Meine Agenten berichten mir, dass in Tiantan alles bereit ist.«

Garth nickte, und sein Mehrfachkinn folgte der Bewegung. »Sehr schön. Ich komme nach oben.« Er grinste schief. »Das dürfte ein Schauspiel geben, wie?«

»Allerdings«, bestätigte Rachan, ohne das gezwungene Lächeln des Herzogs zu erwidern.

Als der Herzog und sein Stab im großen, reich ausgestatteten Aufenthaltsraum der Gladius eintrafen, war die Deimos,eines der beiden Landungsschiffe der Legion, bereits gestartet. Über dem fernen Stahlbeton der Startgrube hingen schwere Rauchwolken. Das Landungsschiff Phobos war noch zu sehen. Die einsame, silbergraue Kugel wurde von den Flutlichtbatterien des Hafens in einen Lichterkranz gehüllt, und aus Auslassöffnungen und Ventilen strömten weiße Dampfwolken. Das Schädelemblem der Gray Death Legion war im Schein der Hafenlampen deutlich auszumachen.

Einer von Garths Offizieren blickte auf, als sein Lord den Raum betrat. Er stand auf und verbeugte sich. »Euer Gnaden, das zweite Söldnerschiff befindet sich in den letzten Sekunden des Countdowns.«

Garth nickte und schritt hinüber zum breiten Sichtfenster. Ein unerträglich heller Lichtschein breitete sich am Fuß des Landungsschiffes aus. Vom wachsenden Ungestüm der fusionsgetriebenen Miniatursonne ausgeleuchtet, stiegen dichte Rauchwolken aus den Auslassöffnungen der Startgrube. Sekunden später traf die Druckwelle die Gladius und drang als leises Rumpeln durch die Rumpfpanzerung. Auf einer Flammensäule stieg die Phobos in die Nacht, zunächst langsam, dann immer schneller.

Garth spürte jemanden neben sich.

»Es wird Zeit, Euer Gnaden«, erklärte Rachan.

Garth nickte; sein Zeigefinger strich nervös über das Marik-Wappen auf seiner Stirn.

»Ja ... ja. Gut dann. Kapitän Tannis!«

Einer seiner Ordonnanzoffiziere trat vor. Er trug ein Funkgerät auf dem Kopf, dessen Lichter in der unsicheren Dunkelheit nach dem künstlichen Sonnenaufgang des Phobos-Starts gespenstisch blinkten.

»Ja, Euer Gnaden.«

»Jetzt.«

»Wie Sie befehlen, Euer Gnaden!« Der Mann salutierte, dann berührte er die Kopfhörer und murmelte etwas in das dünne Mikrophon vor seinem Mund. Der Herzog und Rachan wandten sich einer anderen Sektion des Sichtfensters zu, durch die sie die Kuppeln von Tiantan am Horizont jenseits des Raumhafens liegen sahen.

»Die Stadt ist fünfzig Kilometer entfernt«, stellte Garth mehr bei sich als zu einem der Umstehenden fest.

»Das dürfte ...«

Ein gleißend heller Lichtpunkt erschien an der nächst gelegenen Tiantankuppel. Ein weiterer Lichtpunkt an einer der dahinterliegenden Kuppeln folgte kurz darauf, dann noch einer und noch zwei weitere. Die Feuerbälle waberten einen Augenblick lang in den von ihrer Hitze erzeugten Wirbelströmungen, bevor sie sich mit schockierender Geschwindigkeit ausbreiteten.

Die Gruppe um den Herzog sah schweigend und gebannt zu. Das Innere des Aufenthaltsraums war von blauem Licht erfüllt. Dann verfärbte es sich plötzlich nach Rot und Orange, als riesige Feuerbälle aus den Kuppeln brachen und die Nacht zum Tage machten.

Der röhrende Donnerschlag der Explosionen erreichte den Raumhafen Augenblicke später. Der Rumpf des Landungsschiffs erzitterte noch stärker als unter der Druckwelle beim Start der erheblich näheren Phobos. Die Explosionen nahmen kein Ende. Immer neue Vorräte sauerstoffreicher Atemluft strömten in die Wasserstoffatmosphäre von Sirius V und entzündeten sich. In der sirianischen Atmosphäre konnte sich kein Feuer lange halten, aber solange der Sauerstoff der aufgerissenen Stadtkuppeln zur Verfügung stand, tobten isolierte Feuerstürme mit der Gewalt riesiger Hochöfen. Ganze Bergmassive aus wütenden, rot ausgeleuchteten Rauchwolken türmten sich gen Himmel.

Schließlich aber erstarben die Explosionen. Von den Kuppeln waren nur noch geborstene Trümmer- und Geröllhaufen geblieben – und fünf kurzlebige weißglühende Scheiterhaufen.

Rachan wandte sich an Lord Garth. »Es wird Überlebende geben, Euer Gnaden ... hauptsächlich in den unterirdischen Kammern und in Arbeitscamps und Außenposten der Umgegend. Ich schlage vor, dass Ihre Leute schnell neue Insignien auf dieses Landungsschiff malen.«

»Die entsprechenden Befehle sind bereits erteilt«, erwiderte der Herzog leise. Wer war dieser Mann, dessen Gehirn derartig verschachtelte Planungen entwerfen konnte?

»Sehr gut. Ein Landungsschiff der Union-Klasse gleicht zwar weitgehend dem anderen, aber mit den richtigen Abzeichen dürfte dieses seinen Eindruck nicht verfehlen.«

»Ja.«

»Ich würde jetzt auch Ihre Mechs losschicken, Euer Gnaden. Den ... sagen wir ... letzten Schliff unseres kleinen Dramas. Wenn esin diesem Gebiet morgen früh noch Überlebende geben sollte, werden sie das alles für das Werk des Grauen Tods halten.«

»Ja.«

Irgendwo unter ihnen erklang ein dumpfes Mahlen, als sich die Tore des MechHangars öffneten. Einen Moment später trottete ein schwerer Marauder in grau schwarz-gefleckter Tarnbemalung über den Raumhafen. Die Maschine hatte große Ähnlichkeit mit Grayson Carlyles Marauder, wie er in den letzten zwei Wochen aufgetreten war. Hinter dem Metallriesen erschienen ein Shadow Hawk,ein Wolverine undein Rifleman.

»Natürlich kann es durchaus sein«, fügte Rachan lächelnd hinzu, »dass es morgen früh gar keine Überlebenden mehr gibt, die sich darüber Sorgen machen könnten.«

4

Das Sprungschiff Ärgernis begann sein Sprungsegel einzuziehen. Das zwei Kilometer durchmessende, tiefschwarze Segel, mit dem jedes erreichbare Photon für die Fusionskonverter des interstellaren Sprungantriebs gesammelt wurde, war nur daran zu erkennen, dass es die Sterne und die aktinische Helligkeit des Sirius völlig verdeckte. Kapitän Renfred Tor hatte den Prozess eingeleitet, in dem er den Plasmaschub der Parkdüsen abgestellt und die kilometerlange Nadel seines Schiffs mit dem Heck voran in das Schubauge des Segels gebracht hatte, jene kreisrunde Öffnung durch die der magnetisch beschleunigte Plasmastrom gestoßen wurde, der die Ärgernis gegen den Schwerkraftsog des Sterns in Position am Sprungpunkt hielt. Die Sprungpunkte des Sirius lagen beinahe 67 AE von der Sonne entfernt, aber trotz der Abschwächung durch diese Entfernung war das Schwerkraftfeld des Sterns noch deutlich spürbar.

Grayson hing schwerelos auf der Brücke der Ärgernis und sah Tor bei der Leitung des Unternehmens zu. Der Schweiß stand auf Tors Stirn oder schwebte in Form kleiner, glitzernder Perlen durch den Raum. Ein winziger Fehler in den Berechnungen oder der Ausführung, und das extrem kostbare Sprungsegel konnte beschädigt werden oder unwiederbringlich verloren gehen. Mit vollendeter Kunstfertigkeit brachte Tor die Ärgernis sanft zum Stillstand, nachdem er ihr Heck durch das Schubauge des Lichtsegels manövriert hatte.

»Grün«, meldete Tor in das Mikrophon, das vom Ohrhörer bis vor den Mund ragte. »Verriegeln und Aufrollen. Alle Abteilungen, Sprung vorbereiten!«

Kapitän Tor blickte über den Navigationstisch hinüber zu Grayson. »Weißt du auch, was du tust, Oberst?«

Grayson studierte noch einmal das Netzwerk farbiger Lichter, das in der holographischen Projektion der Kartenbank unter der transparenten Oberfläche des Tisches hing. Sämtliche Sterne der näheren Umgebung waren hier in der korrekten Position zueinander dargestellt, jeweils begleitet von ihrem Namen und ihren Koordinaten, Zwei Linien, eine grün, eine rot, führten in einem Zickzackkurs durch die dreidimensionale Sternenkarte. Beide Linien begannen an dem als Sirius gekennzeichneten weißen Lichtpunkt, aber unmittelbar danach trennten sie sich. Eine bog scharf nach unten in das vertraute G2-System Graham ab, während die andere sich nach oben zu dem als Pollux markierten Stern erstreckte.

»Genau genommen verletzen wir unseren Vertrag, wenn wir die Anordnungen des Herzogs von Irian missachten.«

»Ich weiß, Ren«, gab Grayson unbehaglich zu. »Aber irgendetwas stimmt hier nicht.« Sein Misstrauen war bereits früher geweckt worden. Ihre Ablösung auf Sirius war nicht wie versprochen Jake Hawkings 15. gewesen, sondern hatte sich als Herzog Garth höchstpersönlich und dessen irianische Garde entpuppt. Das war zwar nicht ernsthaft verdächtig,aber ...

Dann war die Phobos auf ihrem Weg von Sirius V zum Zenitsprungpunkt in Funkentfernung an einem Konvoi aus vier Marik-Landungsschiffen vorbeigekommen, die in entgegengesetzter Richtung ins Systeminnere unterwegs waren. Der Grußspruch und die Identifikation der Phobos waren nicht beantwortet worden.

Nach dem Andocken der Landungsschiffe am alten Frachtraumer Ärgernis hatte Grayson eine Richtfunkverbindung nach Sirius geöffnet, um die unerwartete Anordnung des Flugs nach Marik bestätigen zu lassen. Vielleicht fand sich ja jemand im Stab des Herzogs, der bereit war, ihnen mehr zu erzählen? Aber dazu kam es nicht, denn Tiantans Funkstation, die seinen Funkspruch direkt an den Herzog hätte weiterleiten müssen, war unerklärlicherweise nicht in Betrieb.

Vielleicht technische Störungen, hatte Grayson vermutet. Der Ausfall technischer Anlagen war an der Tagesordnung, und gerade in den Nachwehen einer Invasion hatten Techniker und FunkRepTechs alle Hände voll zu tun, die städtischen Systeme in Betrieb zu halten. Und wenn er sich an die finsteren Gesichter einiger Zivilisten erinnerte, hielt er auch Sabotage keineswegs für ausgeschlossen.

Wie dem auch war, die Funkstille machte ihm Sorgen. Irgendetwas ging da unten vor, etwas, das mit dem Herzog und der einseitigen Änderung der Befehle für die Legion zu tun hatte. Der FunkTech der Ärgernis hatte es schließlich geschafft, eine Verbindung mit dem Landungsschiff des Herzogs zustande zu bringen, die aber hatte erstaunlich wenig gebracht. Der Herzog und sein gesamter Stab seien beschäftigt und dürften nicht gestört werden, hatte es geheißen. In Tiantan sei alles ruhig und die Befehle der Legion unverändert.

Was geht hier vor?,