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Schönen Männern und gutem Essen kann Restaurant-Kritikerin Mari nicht widerstehen. Deshalb nascht sie bei jeder Gelegenheit – solange, bis ihr Bauch verrückt spielt: Sie wird schwanger und weiß nicht, von wem. Der attraktive Ben entwickelt sich vom unkomplizierten One Night-Stand zur ernsthaften Konkurrenz im Büro. Und was der wortkarge Simon im Schilde führt, durchschaut keiner so genau. Mari muss viel kosten, abschmecken und ausprobieren, bevor sie die Zutaten für ihr Glück-Menü beisammen hat.
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Seitenzahl: 404
Veröffentlichungsjahr: 2014
Lena Hooge
Roman
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Schönen Männern und gutem Essen kann Restaurantkritikerin Mari nicht widerstehen. Deshalb nascht sie bei jeder Gelegenheit – so lange, bis ihr Bauch verrücktspielt: Sie wird schwanger und weiß nicht, von wem. Der attraktive Ben entwickelt sich vom unkomplizierten One-Night-Stand zur ernsthaften Konkurrenz im Büro. Und was der wortkarge Simon im Schilde führt, durchschaut keiner so genau. Mari muss viel kosten, abschmecken und ausprobieren, bevor sie die Zutaten für ihr Glücksmenü beisammen hat …
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
Danksagung
LESETIPP: »Die Achse meiner Welt«
Vorbemerkung
1. Kapitel
Für Johanna
Zwischen zwei Bissen Seebarsch an Apfelschaum platzte Mari der BH vom Körper. Sie hörte das dumpfe »Plöpp«, mit dem der Knopf zwischen ihren Brüsten aufsprang, und spürte, wie die Körbchen sich anhoben. Angefüllt mit Luft drückten sie von innen gegen ihre Bluse. Mari blickte verstohlen an sich herunter: Ihr Brustumfang hatte sich spontan verdreifacht.
»Irgendwas nicht in Ordnung, meine Liebe?«, erkundigte sich Manfred Fernau, ohne den Blick von seinem Teller zu heben.
Mari unterdrückte ein Stöhnen. War ja klar, dass ihr Chef ausgerechnet diesen Moment wählen musste, um mit seiner allwöchentlichen Inquisition zu beginnen.
»Es ist der Fisch«, entgegnete sie, nahm ihre Serviette vom Schoß und stopfte sich diese kurzerhand in den Ausschnitt. »Ganz offensichtlich ein Netzfang – was zu Lasten des Aromas geht.«
Fernau nickte und drehte sich zu Maris Kollegin um, die zu seiner Rechten saß. »Und warum ist das so, Frau Schubert?«
Nicole hatte nicht die leiseste Ahnung. »Ähm … weil der Fisch dann weniger frisch ist?«
»Sie haben schon mal besser geraten. Herr Friedmann?«
Timo verschluckte sich an seinem Riesling und antwortete mit einem virtuosen Hustenanfall. »Der … äh … Wein hat Kork«, stieß er dann hervor.
»Richtig erkannt, aber das ist hier jetzt nicht das Thema«, versetzte Fernau. »Gibt es andere Vorschläge? Herr Saalbach?«
Simon legte seine Gabel nieder und verzog wie immer keine Miene. »Beim Einholen der Netze platzen den Fischen häufig die Organe auf«, antwortete er ruhig. »Im Zuge ihres Todeskampfes setzen sie Gifte im Körper frei, die sich später negativ auf das Geschmackserlebnis auswirken.«
»Sehr gut. Was ist Ihnen sonst noch aufgefallen?«
»Der geeiste Parmesankäse über dem Risotto.«
Fernau beugte sich vor. »Inwiefern?«
»Ich kann mich natürlich auch irren …« Simon zögerte. »Aber durch die extreme Kühlung kann der Käse sein Aroma nicht entfalten – was den Verdacht nahelegt, dass hier womöglich eine nicht ganz so hochwertige Ware serviert wurde.«
»Hervorragend.« Fernau hob sein Glas. »Wäre das alles, oder haben Sie noch Anmerkungen zum Hauptgang, Frau Bertram?«
Mari, die gerade damit beschäftigt war, die Serviette möglichst unauffällig über ihren Brüsten zu drapieren, hob den Kopf. Ob es wohl möglich wäre, vor dem Dessert auf die Damentoilette zu verschwinden, um ihren BH zu schließen?
»Frau Bertram?«
»Äh … wie war noch mal Ihre Frage?«
»Haben Sie weitere Anmerkungen zum Hauptgang?«
»Nun ja …« Sie räusperte sich. »Wenn man mal davon absieht, dass die einzige Neuerung auf der Speisekarte darin besteht, dass die Preise um 25 Prozent angehoben wurden, scheint der Koch gerade seine grüne Phase auszuleben.« Sie deutete auf ihren Teller. »Diesen ungewürzten Berg Rucola als Wildkräuter zu bezeichnen, ist mehr als geschönt angesichts der Tatsache, dass der insgesamt zu holzig geratene Kohlrabi im Wasabi-Sud geschmacklich alles andere überlagert. Warum dazu noch eine Pastete aus Avocado, Brunnenkresse und Brokkoli gereicht wird, ist mir ein Rätsel – zumal bei der Zubereitung mit Geschmacksverstärkern getrickst wurde, wahrscheinlich Hefeextrakte, die Glutamat freisetzen. Und was das sogenannte Trüffel-Baguette betrifft …« Angewidert schob sie den Brotkorb von sich. »Dieser Teig hat keinen einzigen Trüffel gesehen. Stattdessen wurde ein Petroleumderivat verwendet, das einem auf der Zunge ein entsprechendes Aroma vorgaukelt. Wenn Sie mich fragen – eine Unverschämtheit.«
Schweigen senkte sich über die Runde. Dann, nach einer gefühlten Ewigkeit, ließ Fernau sein Besteck sinken. »Wie ich sehe, qualifizieren Sie sich zunehmend für größere Aufgaben, Frau Bertram«, sagte er und bedachte sie mit dem Anflug eines Lächelns. »Machen Sie weiter so – ich bin sehr zufrieden mit Ihnen.«
Jeder am Tisch wusste, dass er auf die Ressortleiterstelle anspielte, die seit Monaten bei dem Gourmet-Magazin vakant war, für das sie alle arbeiteten. Als Herausgeber und Chefredakteur von »Gaumenfreuden« hatte Fernau sich bisher jedoch nicht dazu geäußert, ob er jemanden aus dem Team seiner Restaurantkritiker befördern oder doch lieber eine externe Edelfeder verpflichten wollte. Auch bei den wöchentlich stattfinden Testessen, die einzig dazu dienten, Mari und ihre Kollegen in wechselnden Lokalen gezielt eingebaute Fehler aufdecken zu lassen, hatte er sich bislang immer zurückgehalten. Sein jetzt offen ausgesprochenes Lob fiel daher so schwer ins Gewicht, dass Nicole ihren Mund zu einem dünnen Strich verkniff und Timo anfing, an den Nägeln zu kauen. Mari hingegen erkannte ihre Chance.
»Ich werde vor dem Dessert noch mal kurz verschwinden«, kündigte sie an und ließ die Tür zur Damentoilette dabei nicht aus den Augen. »Entschuldigt mich bitte einen Moment.«
Schon beim Aufstehen wusste sie, dass sie ein Tabu brach: Bei einem Testessen verließ man den Tisch erst dann, wenn Fernau die Tafel für aufgehoben erklärte – das gehörte zu den ungeschriebenen Gesetzen im Kollegenkreis. Zu groß war das Risiko, etwas zu verpassen und so über einen der vielen Fallstricke zu stolpern, die der Herausgeber stets für seine Mitarbeiter auszulegen pflegte. Ein weit aufklaffender BH jedoch war Grund genug, sich darüber hinwegzusetzen, fand Mari. Sie zog die Serviette aus ihrem Ausschnitt und fing dabei einen Blick von Simon auf, der irritiert auf ihre Bluse starrte. Kein Wunder – seit der Party am Mainufer letzten Freitag hatte er eine ziemlich konkrete Vorstellung davon, wie ihre Brüste tatsächlich aussahen.
Verlegen wandte Mari sich ab. Die Nacht mit ihm hätte sie sich besser schenken sollen, dachte sie auf dem Weg zur Toilette. Nicht, dass es nicht schön gewesen wäre: Unter Simons konservativem, blauem Hemd war ein überraschend durchtrainierter Oberkörper zum Vorschein gekommen, und auch in anderer Hinsicht hatte er erfreulich viel Ausdauer bewiesen. Allerdings ging gleich beim ersten Mal alles so schnell, dass sie gar nicht dazu gekommen war, nach einem Kondom zu fragen. Und diese Kuschelattacke hinterher hätte er sich auch sparen können.
Sie stieß die Tür zum Waschraum auf und erhaschte einen Blick auf ihr Spiegelbild. Ihr dunkelblauer Bleistiftrock hatte Sitzfalten und der Stoff ihrer engen weißen Bluse spannte über ihrer imposanten Oberweite. Man sah ihrem Körper zweifellos an, dass genussvolles Essen zu ihrem Beruf gehörte – sie trug Kleidergröße 40, nach Weihnachten auch mal 42. Auf ihren knapp einen Meter achtzig verteilten sich die Pfunde jedoch meist recht vorteilhaft von oben nach unten, und da sie eine Vorliebe für modische, figurbetonte Kleidung besaß, dachte sie nicht im Traum daran, auch nur ein Gramm davon zu verstecken.
Zielstrebig steuerte sie eine der Toilettenkabinen an, schloss sich ein und knöpfte eilig ihre Bluse auf. Simon hatte sich vergangene Woche mehr Zeit gelassen, schoss es ihr dabei durch den Kopf. Zumindest versuchsweise, bevor sie über ihn hergefallen war. Jeden Zentimeter ihrer Haut schien er damals mit Fingerspitzen, Augen und Mund erkunden zu wollen. »Du bist wunderschön«, hatte er geflüstert, doch Mari hatte ihm kein Wort geglaubt. Das tat sie nie, wenn sie mit einem Mann ins Bett ging – eine Mischung aus Kontrollwahn, Skepsis und der Unfähigkeit, ihren eigenen Gefühlen zu trauen, bewahrte sie davor.
»Das eben war eine einmalige Sache – das ist dir klar, oder?«, hatte sie ihn ein paar Stunden später gefragt, während sie ihre Unterwäsche von seinem Schlafzimmerfußboden aufhob. Es war ein Satz, der in Situationen wie diesen ja doch immer fiel, Mari kannte es nicht anders. Und sie wollte tunlichst die Erste sein, die ihn aussprach.
Simon gab daraufhin sekundenlang keine Antwort. Dann stützte er sich auf, warf ihr einen langen, nachdenklichen Blick zu und schickte ein schwer definierbares »Tatsächlich?« hinterher.
»Ich brauch halt viel Abwechslung – genau wie beim Essen.« Sie war bereits in Rock und Bluse geschlüpft, hatte sich vorgebeugt und ihm einen Kuss auf die Stirn gegeben. »Nimm’s mir nicht übel, aber ich muss jetzt los.«
Sollte ihr eiliger Abgang seine Gefühle verletzt haben, ließ Simon sich das nicht anmerken – weder in dem Moment noch am Montag danach, als sie sich in der Redaktion wiedertrafen. Keine seiner Gesten verriet, ob er ihrer gemeinsam verbrachten Nacht irgendeine Bedeutung beimaß: In seiner ruhigen, zurückhaltenden Art ging er seiner Arbeit nach, als sei nichts gewesen. Zuerst war Mari erleichtert – ein liebeskranker Kollege war so ziemlich das Letzte, was sie im Job gebrauchen konnte. Inzwischen aber störte es sie, dass von ihm gar keine Reaktion kam. Ganz so konsequent musste er sie nun auch wieder nicht ignorieren.
Mari zog den BH über ihren Brüsten zurecht, verschloss ihn sorgfältig und hoffte, dass er sich nicht noch einmal selbständig machen würde. Dann verließ sie die Toilettenkabine mit wiegenden Hüften. Vor dem Spiegel blieb sie erneut stehen und überprüfte ihr Make-up. Das schulterlange, dunkle Haar und die braunen, fast schwarzen Augen hatte sie genau wie den olivfarbenen Teint von ihrer italienischen Mutter geerbt. Sonst wusste sie nicht viel über die Frau, mit der ihr bindungsscheuer Vater die einzige ernsthafte Beziehung seines Lebens geführt hatte – Lucia Bertram war kurz nach der Geburt ihrer Tochter an den Folgen einer Lungenembolie gestorben, und bis auf ein Album mit halb vergilbten Fotografien war nichts von ihr geblieben.
Mari tupfte sich die leicht glänzende Partie um die Nase mit einem Papiertuch ab und fragte sich zum wiederholten Mal, warum ihr Vater nur so ungern über diese Zeit sprach. Da wurde neben ihr die Tür aufgerissen: Nicole rauschte herein und schien sich über irgendetwas ziemlich aufzuregen. »Mitten beim Essen aufzustehen – du traust dich was«, sagte sie ohne Einleitung.
»Du dich ja anscheinend auch«, entgegnete Mari.
»Was du kannst, krieg ich schon lange hin.« Nicole kreuzte die Arme vor der Brust. »Du bist also mal wieder Erste – na, toll. Ich frag mich wirklich, wie du das immer schaffst.«
»Äh … was genau meinst du jetzt?«
»Das Trüffel-Baguette. Den Netzfisch, den Geschmacksverstärker und den ganzen anderen Scheiß, mit dem du Fernau so erfolgreich beeindruckst.«
Es gab eine Menge Dinge, die Mari darauf hätte antworten können. Zum Beispiel, dass sie ihren Vater seit ihrem achten Lebensjahr zu Geschäftsessen in Sterne-Restaurants hatte begleiten müssen – nämlich immer dann, wenn wieder eine seiner Affären mit einem ihrer zahlreichen Kindermädchen in die Brüche gegangen war. Thomas Bertram, der seine Tochter nicht allein zu Hause lassen wollte, hatte ihr bei diesen Gelegenheiten eingeschärft, bloß keinen Mucks von sich zu geben: Sie sollte still sitzen, sich benehmen und alles aufessen, was man ihr vorsetzte. Mari erinnerte sich noch gut daran, wie eingeschüchtert sie anfangs gewesen war: von der steifen Höflichkeit des Servicepersonals, den blütenweißen Tischdecken, den gestärkten Stoffservietten und dem fragilen Porzellan. Manchmal hatte sie den mitleidigen Blick einer Bedienung auf sich gefühlt, wenn sie vor lauter Müdigkeit vom Stuhl zu kippen drohte, ohne dass jemand am Tisch das bemerkt hätte. Nach und nach hatte sie jedoch angefangen, alles um sich herum zu beobachten: die Herren im dunklen Anzug, mit denen ihr Vater verhandelte. Das Mienenspiel der Oberkellner, die in der Nähe der Gäste stets ausgesucht freundlich waren, ihre Untergebenen aber gereizt zusammenstauchten, sobald sie sich außer Hörweite glaubten. Und nicht zuletzt auch die Teller und Schüsseln mit Speisen, die so seltsam aussahen, rochen, schmeckten und die ihr nie jemand erklärte. Aus purer Langeweile prägte sie sich Dinge ein, die vordergründig uninteressant waren – wie ein Fischmesser aussah, welche Farbe Hummer hatte oder wie sich das Innere einer frischen Miesmuschel auf der Zunge anfühlte. Mit Beginn der Pubertät fing sie an zu vergleichen: Warum schmeckte das Rinderfilet in dem einen Restaurant besser als im anderen? Das Johannisbeersorbet mal mehr, mal weniger fruchtig? Und wenn die Perlen des Belugakaviars wirklich größer als die des Ossietrastörs sein sollten – warum erkannte man in manchen Lokalen gar keinen Unterschied?
Plötzlich stellte sie Fragen, die nicht einmal ihr Vater auf dem Nachhauseweg beantworten konnte. Also machte sie sich Notizen, schlug in Lexika und Kochbüchern nach und stieß in einer gutsortierten Bahnhofsbuchhandlung schließlich auf die Bibel: die deutsche Ausgabe des Restaurantführers Gault Millau. Von da an war sie infiziert. Als sie längst kein Kindermädchen mehr brauchte, bestand sie darauf, ihren Vater zu seinen Geschäftsessen zu begleiten, und machte ihm gezielt Restaurantvorschläge – nur um nachvollziehen zu können, ob eine bestimmte Kritik im Guide Michelin, Gault Millau oder in anderen Führern berechtigt war oder nicht. Da sie seit früher Kindheit das Privileg besessen hatte, sich durch die gehobene Gastronomie im gesamten Rhein-Main-Gebiet zu futtern, wusste sie inzwischen sehr genau, wie echter Trüffel schmeckte. Doch Nicole das zu erklären, hätte sich nicht nur reichlich abgehoben angehört, es wäre auch zu persönlich geworden: Ihr Verhältnis zueinander war leidlich kollegial und wegen der Konkurrenzsituation im Büro oft genug angespannt. Da wollte Mari lieber nicht allzu viel von ihrem Privatleben preisgeben.
Also beschränkte sie sich jetzt auf ein Achselzucken und flüchtete ins Understatement. »Ich hatte einfach eine Eingebung, was den Geschmacksverstärker betrifft«, sagte sie und wischte sich einen Hauch verschmierter Wimperntusche vom unteren Rand des Augenlids. »Das war reiner Zufall.«
Nicole stieß ein ungläubiges Lachen aus. »Komisch, dass sich dieser Zufall allwöchentlich wiederholt.«
»Ist das so? Da scheinst du besser aufzupassen als ich.«
»Willst du etwa leugnen, dass du es auf die Ressortleiterstelle abgesehen hast?«
»Ich glaube, keine von uns würde ein solches Angebot ablehnen, wenn sich die Chance bietet«, erwiderte Mari, die sich nicht streiten und das Gespräch schnell wieder in unverfängliche Bahnen lenken wollte. »Was ist eigentlich mit der Party im ›Daphnes‹ heute Abend?«, fragte sie deshalb. »Gehst du hin?«
Das Ablenkungsmanöver schien zu funktionieren. »Davon weiß ich ja gar nichts!«, rief Nicole aus. »Was wird denn gefeiert?«
»Der Abschluss der Renovierungsarbeiten.« Mari öffnete die Tür und kehrte Seite an Seite mit ihrer Kollegin in den Speiseraum des Restaurants zurück. »Es gibt Live-Musik und ein großes griechisches Buffet. Ich kann dich mit meiner Einladung reinschleusen, wenn du willst.«
»Als ob ich auf deine Fürsprache angewiesen wäre!«
»Ich wollte doch nur …«
»Wenn ich irgendwo reinkommen will, schaffe ich das aus eigener Kraft, verlass dich drauf!«
Soviel also zum Thema Ablenkung, dachte Mari resigniert. Da das Dessert jedoch bereits serviert war, sparte sie sich eine schnippische Antwort und nahm sich vor, künftig noch mehr auf der Hut zu sein: Eine Kollegin, die ihren Neid so unverhohlen zeigte, konnte über kurz oder lang zu einer Gegnerin mutieren, die man niemals unterschätzen durfte.
Als sie das Restaurant wenig später verließen, lief sie zufällig neben Simon her. »Gehst du heute Abend auf die Party ins ›Daphnes‹?«, erkundigte sie sich, weil sie es unerträglich fand, ihn anzuschweigen.
Er stieß einen Brummlaut aus, den man weder als Zu- noch als Absage deuten konnte.
»Was hast du gesagt?«, bohrte sie nach.
Er warf ihr einen ungehaltenen Seitenblick zu, stieß ein »Mal sehen« hervor und beschleunigte zielstrebig seine Schritte. Offensichtlich hatte er Besseres vor, als mit ihr zu plaudern.
Nach Dienstschluss nahm Mari die U-Bahn und fuhr ins Frankfurter Westend. In diesem Stadtteil war sie aufgewachsen, in einer großzügigen Altbauwohnung nahe dem Palmengarten. Ihr Vater lebte immer noch dort, und da ihr eigenes Apartment im Nordend der Stadt winzig klein und mit wenig Stauraum ausgestattet war, hatte sie einen Großteil ihrer Garderobe in ihrem ehemaligen Kinderzimmer deponiert. Für den bevorstehenden Partyabend im »Daphnes« brauchte sie dringend ihre schwarzen Slingpumps, die sie zu einem ärmellosen Seidenoverall tragen wollte. In der Erwartung, die Wohnung zu dieser frühen Abendstunde verwaist vorzufinden, betrat sie den Flur – stutzte aber, als sie aus dem Schlafzimmer das Geräusch von zuklappenden Schranktüren hörte.
»Hallo? Ist jemand zu Hause?«
»Ich bin’s bloß«, rief Kirsten zurück.
Mari lächelte. Mit der Geschäftspartnerin und Immer-mal-wieder-Geliebten ihres Vaters verband sie eine tiefe Freundschaft, trotz ihres Altersunterschieds von zwölf Jahren. Leider hatten sie in den vergangenen Wochen nicht sonderlich viel Zeit füreinander gehabt.
Sie steuerte das Schlafzimmer an, schnappte sich unterwegs ein paar Salzstangen aus der Schale auf dem Wohnzimmertisch und lehnte sich schließlich kauend an den Türrahmen. »Was machst du da?«, fragte sie angesichts des halbfertig gepackten Koffers, der auf dem Bett lag.
»Ich verlasse deinen Vater.«
»Och, nö. Schon wieder?«
»Diesmal ist es endgültig.« Kirsten zerrte einen dunkelblauen Blazer vom Kleiderbügel und legte ihn sorgfältig zusammen. »Das hätte ich schon viel früher machen sollen.«
»Was ist denn jetzt schon wieder los – hat er ein Techtelmechtel mit seiner neuen Vorzimmerdame?«
»Nein … ich fürchte, es liegt an mir.«
»Echt – du hast eine Affäre?« Neugierig ließ Mari sich neben den Koffer plumpsen. »Hätte ich dir gar nicht zugetraut! Mit wem?«
»Das wüsste ich auch gern.« Kirsten warf ihr einen Blick zu, der deutlich machte, wie abwegig dieser Gedanke war.
»Was ist es dann?«
»Ach, es ging mir gesundheitlich nicht besonders gut in den vergangenen Wochen – und da hatte ich Zeit zum Nachdenken.«
Alarmiert setzte Mari sich auf. »Bist du krank?«
Ihre Freundin schüttelte den Kopf. »Nichts, worüber du dir Sorgen machen müsstest. Ich war nur kurz im Krankenhaus, um mir … ähm … eine Art Zyste entfernen zu lassen.«
»Du wurdest operiert?! Warum hat Papa denn nichts davon erzählt?«
»Er hat eben viel zu tun im Moment …«
»Aber ich hätte dich doch besuchen können!«
Kirsten, die noch blasser und schmaler aussah als sonst, winkte ab. »Es war eine ambulante Operation, ich durfte schon am selben Abend wieder nach Hause. Und da hab ich dann drei Tage rumgelegen und mir endlich mal ein paar Gedanken gemacht.«
»Worüber?«
»Darüber, dass ich demnächst 40 werde und nichts anderes vorweisen kann als einen Job, der mir zum Hals raushängt.«
»Du bist Partnerin in einer der erfolgreichsten Unternehmensberatungen im ganzen Land«, rief Mari ihr mit Nachdruck in Erinnerung. »Und als solche verdienst du ein Schweinegeld – man könnte meinen, da gibt es schlimmere Schicksale.«
»Geld allein reicht auf Dauer nicht aus, um zufrieden zu sein«, erwiderte Kirsten und wirkte dabei unglaublich müde. »Schon gar nicht, wenn man es an der Seite eines Mannes verdient, der einen nicht sonderlich ernst nimmt.«
»Ohne dich würde die ganze Firma den Bach runtergehen! Das sagt Papa immer wieder.«
»Klar, weil ich ihm durch meine Fleißarbeit den Rücken freihalte, so dass er sich als großer Macher gerieren kann.«
»Also habt ihr Streit wegen einer dienstlichen Sache?«
Kirsten schüttelte den Kopf und bereute es, das Thema überhaupt zur Sprache gebracht zu haben. Mari war eine gute Freundin, gleichzeitig aber auch die Tochter des Mannes, der ihr regelmäßig das Herz brach. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Plausch über Beziehungsprobleme. »Ich will nicht mehr so weitermachen wie bisher«, sagte sie ausweichend. »Jeden Morgen bin ich unglücklicher, wenn ich aufwache und weiß, dass nichts anderes als ein Tag voll stupider Arbeit auf mich wartet.«
»Was willst du denn dann?«
Ein Kind, dachte Kirsten. Doch diese Hoffnung hatte sich unlängst zerschlagen. »Ein Leben mit mehr Sinn«, antwortete sie stattdessen. »Deshalb habe ich beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen und noch mal ganz von vorne anzufangen.«
»Klingt gut – und wo?«
»In Bad Orb.«
»Bitte – wo?!«
»In Bad Orb – das ist ein kleiner Kurort im Spessart. Ich bin da aufgewachsen.«
»Hast du noch nie was von ›Eat, Pray, Love‹ gehört?«, fragte Mari entsetzt. »Frauen, die sich selbst finden wollen, fahren nach Italien, um sich vollzufuttern – und pilgern dann nach Indien weiter, wo sie sich in einem Aschram alles wieder runterhungern!«
»Was genau willst du mir damit sagen?«
»Dass es tausend anerkannte Orte gibt, um eine Lebenskrise zu zelebrieren. Aber der Spessart gehört mit Sicherheit nicht dazu!«
Unbeirrt packte Kirsten weiter. »Meine Eltern sind nicht mehr die Jüngsten, und ich bin ihr einziges Kind. Neulich standen sie sogar kurz davor, unser Café schließen zu müssen …«
»Klingt doch vernünftig. Was spricht dagegen?«
»Dass es ihnen den Boden unter den Füßen wegzieht – der Betrieb ist schließlich schon seit drei Generationen in der Hand unserer Familie, nur leider wirtschaftlich im Moment nicht sonderlich rentabel.«
»Moment! Du willst doch nicht etwa …?«
»Ich werde Geschäftsführerin und bringe den Laden wieder auf Vordermann«, verkündete Kirsten, wobei sie den Ärmel einer Seidenbluse in ihren Koffer stopfte. »Wozu bin ich schließlich Betriebswirtin?«
Die Skepsis stand Mari ins Gesicht geschrieben. »Entschuldige, aber wenn du wirklich glaubst, dass Wirtschaftswissenschaft irgendwas mit Gastronomie zu tun hat, sitzt du einem Missverständnis auf.«
»Auch Gastronomie muss sich rechnen – und davon verstehe ich was«, erwiderte ihre Freundin leichthin. »Abgesehen davon kann es doch nicht so schwer sein, ein Café in einem Kurort zu führen.«
»Du bist doch nicht mal in der Lage, eine Fertigbackmischung in einen halbwegs genießbaren Kuchen zu verwandeln«, beharrte Mari. »Wie willst du dann die Verantwortung für ein ganzes Café übernehmen?«
»Ich bin ja nicht allein, meine Eltern arbeiten vorerst noch weiter mit. Und mein Vater ist gelernter Konditor.«
»Na, dann.«
»Du klingst alles andere als überzeugt.«
»Bin ich auch nicht, um ehrlich zu sein – aber wenn du meinst, dass es dich glücklich macht …«
Kirsten schwieg einen Moment. »Unglücklicher als hier kann ich dabei auch nicht werden«, sagte sie dann. »Ich muss es einfach versuchen, oder?«
»Was hält Papa denn davon, dass du aus der Firma aussteigen willst?«
»Er weiß es noch nicht.«
»Wie – er weiß es noch nicht?«
»Ich habe meine Kündigung schriftlich eingereicht, aber er hat sie noch nicht gelesen.« Sie zuckte mit den Achseln. »Er dürfte allerdings nicht sonderlich überrascht sein – bei unserem letzten Streit habe ich ihm angekündigt, dass ich mich beruflich verändern möchte. Was er allerdings wie immer als überspannte Idee von mir abgetan hat.«
»Oje – da kommt ja noch einiges auf ihn zu.« Eine Welle des Mitleids stieg in Mari hoch, denn diesmal schien es ihrer Freundin wirklich ernst zu sein. Gleichzeitig hatte sie das dringende Bedürfnis, sich selbst aus der Schusslinie zu bringen: Sie hatte noch nie gern zwischen den beiden gestanden, wenn Kirsten und ihr Vater einen ihrer vielen Konflikte austrugen. »Wann verlässt du die Stadt?«, wollte sie wissen.
»Nächste Woche, wenn alles glatt läuft. Das Umzugsunternehmen ist schon beauftragt, und für meine Wohnung habe ich bereits einen Nachmieter.«
Das klang so unüberhörbar nach Abschied, dass Mari aufstand und ihre Freundin in den Arm nahm. »Wir bleiben doch trotzdem in Kontakt, oder?«, flüsterte sie.
»Natürlich! Wir können jederzeit telefonieren, und Bad Orb ist schließlich nicht aus der Welt.«
Dennoch würde es nicht mehr dasselbe sein, das wussten beide.
Es versetzte Mari einen Stich ins Herz, als Kirsten wenig später den Hausschlüssel auf die Kommode im Flur legte, bevor sie ihren Koffer endgültig aus der Wohnung rollte. Die Stille, die einsetzte, sobald die Tür ins Schloss gefallen war, ließ sich nur schwer aushalten. Also kramte Mari eilig ihre Slingpumps aus dem Schuhschrank und suchte ihrerseits das Weite. Sie wollte lieber nicht zu Hause sein, wenn ihr Vater von der Arbeit kam und merkte, dass er verlassen worden war.
Für Menschen, die einfach nur ein Glas Wein trinken, dabei griechisch essen und sich in Ruhe unterhalten wollten, war das »Daphnes« die falsche Adresse. Zu viel Wert legte die aus Thessaloniki stammende Wirtin darauf, die Sirtaki-Kultur in dem nach ihr benannten Restaurant hochzuhalten. Außer erlesenen Speisen, Live-Musik und lautem Gesang zählten daher auch wilde Tanzeinlagen rund um den Bartresen zum Konzept des Hauses. Ein Ritual, das bereits in vollem Gange war, als Mari ihr Fahrrad vor dem Lokal abstellte.
Der Fotograf, den sie für den Abend engagiert hatte, um Bilder von der Eröffnungsfeier zu machen, stand bereits vor dem Eingang und rauchte.
»Hallo, Heiko«, rief sie ihm zu. »Wartest du schon lange?«
»Gerade mal ’ne Zigarettenlänge«, kam die Antwort, während er den Stummel beiseitewarf. »Da drinnen geht ganz schön der Punk ab.«
»Das ist immer so – in Fachkreisen nennt man es auch Daphnes Inferno.«
»Wie sollen die Fotos denn werden?«
»Fürs Heft brauchen wir eigentlich nur ein gutes, das die Wirtin inmitten des Trubels zeigt – am besten mit dem üblichen Tablett in der Hand«, erwiderte Mari. »Mehr Motive benötigen wir dann für die Homepage und für Facebook, damit wir eine Bildergalerie zum Durchklicken zusammenbekommen. Da bräuchten wir dann die Gäste, das Buffet, die Musiker und das Interieur. Wichtig ist, dass möglichst viel Stimmung rüberkommt.«
»Geht klar. Kümmerst du dich selbst um die Namen der Leute, die ich ablichte?«
Sie nickte und folgte ihm nach drinnen. Sofort schlug ihnen ein intensives Wein-, Schweiß- und Knoblaucharoma entgegen, während die Bässe der Live-Band dröhnten. Auf dem Tresen ihrer Bar stand Daphne in kurzem Rock und bewarf die um sie herum tanzenden Gäste im Takt der Musik mit Papierservietten. »Hoppa!«, rief sie dabei, ließ die Hüften kreisen und den Blick durch den Raum schweifen. Zu ihren Füßen wuselten schwerbeladene Kellner, die ihre Tabletts sicher durch den Serviettenregen manövrierten und auch im dichtesten Gedränge der Tanzenden das Kunststück fertigbrachten, nichts fallen zu lassen. Heiko zückte seine Kamera und zoomte die Wirtin heran, die sich sofort für ihn in Pose warf – mit Schmollmund, sinnlich abgespreiztem Bein und dramatisch aufgeschütteltem Haar. Ein letzter Schwung Servietten noch, dann sprang sie von der Bar, um Mari mit Luftküsschen zu begrüßen.
»Hallöchen, meine Liebe«, rief sie atemlos. »Schön, dich zu sehen. Ich dachte schon, deine langweilige Kollegin vertritt dich heute.«
»Du meinst Nicole?« Suchend sah Mari sich um. »Ich war mir gar nicht sicher, ob sie wirklich kommt.«
»Sie ist da. Aber den Artikel schreibst du doch, oder?«
»Natürlich.«
»Gott sei Dank – dann kommt wenigstens was Anständiges dabei heraus!« Daphne blickte von einem zum anderen. »Was trinkt ihr – Ouzo, Wein, Cocktails?«
»Bier«, sagte Heiko sofort, doch Mari winkte ab.
»Später gerne. Jetzt erzähl doch erst mal, was du in den Umbau des Lokals investiert hast …«
Während sie sich Notizen machte und ihr Kollege den ersten Durst löschte, kochte die Stimmung um sie herum weiter hoch. Angefeuert von den »Hey, hey, hey«-Rufen ihrer Freunde erklommen zwei leicht bekleidete, junge Frauen den Tresen, den sie sofort zur Bühne machten: Langsamer, als der Rhythmus der Musik es vorgab, fingen die beiden an, sich zu umschlängeln, zu reiben, zu betasten. Das Ganze endete unter dem Gejohle der Menge mit einem Zungenkuss, bevor die Mädchen wieder von der Bar sprangen und von drei untersetzten Herren in verschwitzten Business-Hemden ersetzt wurden, die ein synchron aufeinander abgestimmtes Gezappel darboten und sich dabei glücklicherweise nicht selbst sehen konnten.
»Wart ihr schon am Buffet?«, fragte Daphne schließlich, die es offenbar eilig hatte, das Interview zu beenden und wieder am Partygeschehen teilzunehmen. »Steht alles in dem Raum rechts neben der Garderobe – bedient euch einfach, okay?« Damit nickte sie Mari ein letztes Mal zu und verschwand in der pulsierenden Menge.
»Lass uns das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden und die Fotos schießen, während wir uns zu den Fressalien durchkämpfen«, schlug Heiko vor. »Dann wartet am Schluss eine Belohnung auf uns.«
Mari, eigentlich noch satt vom Mittagessen, war sofort einverstanden, denn den gefüllten Weinblättern von Daphnes Chefkoch konnte sie nicht widerstehen. Schritt für Schritt folgte sie dem Fotografen durchs Getümmel, blieb immer wieder stehen, um die Gäste danach zu befragen, wie ihnen der Abend gefiel, und notierte sich die Namen all derer, die von Heiko abgelichtet wurden. Diese Art der Party-Berichterstattung war sicherlich die anspruchsloseste Facette ihres Jobs bei einem Gourmet-Magazin, doch das störte sie nicht weiter – zu gern war sie unter Leuten, und zu viel Spaß machte es ihr, in geselliger Runde zu essen, zu trinken und zu feiern. Abgesehen davon dauerte es an solchen Abenden nie sonderlich lange, bis sie zum gemütlichen Teil übergehen konnte: Knapp 20 Minuten später waren alle Fotos im Kasten und Mari stand vor Daphnes überbordendem Buffet, das mit allen erdenklichen griechischen Köstlichkeiten bestückt war. Es gab Milchlamm mit Knoblauch an weißem Bohnenmus. Eine wagenradgroße Auberginentarte. Gratinierten Ziegenkäse. Knackfrischen Tomatensalat mit Tintenfischringen. Marinierte Paprika in Walnuss-Sauce. Halloumi-Käse, frittierten Feta, hausgemachten Tsatsiki. Dampfenden Stifado-Eintopf. Und Teigtaschen mit würziger Feigen-Hackfleisch-Füllung.
Mari lud sich den Teller voll, als ob sie eine unfreiwillige Fastenkur hinter sich gebracht hätte. Gerade wollte sie nach dem Löffel greifen, um sich das letzte, mit Reis gefüllte Weinblattröllchen zu sichern, als links von ihr eine Hand nach vorn schoss und ihr den Leckerbissen vor der Nase wegschnappte.
»Hey!« Empört wirbelte sie herum. »Das war meins!«
Der Typ, der vor ihr stand, kaute bereits. »Willste’s wiederhaben?«, fragte er mit vollem Mund.
»Als Püree bestimmt nicht.« Angewidert wandte sie sich ab. Wenn sie eines nicht leiden konnte, dann waren das Menschen, die sich am Buffet vordrängelten.
»So gut war’s auch wieder nicht«, verkündete der Typ hinter ihr. »Glaub mir, da haste nix verpasst.«
Wie bitte?! Mühsam beherrscht drehte Mari sich zu ihm um. »Daphnes gefüllte Weinblätter sind die besten in ganz Frankfurt«, stellte sie klar. »Das stand auch wiederholt im Gourmet-Magazin ›Gaumenfreuden‹, das dieses Restaurant mehrfach als Testsieger ausgezeichnet hat.«
»Hab ich gelesen«, kam die Antwort. »Und ganz ehrlich – ich kann’s nicht nachvollziehen.«
»Vielleicht solltest du dieses Urteil Leuten überlassen, die wirklich was von griechischer Küche verstehen?«
Er zuckte mit den Achseln. »Ich bin Halbgrieche.«
»Und ich bin am Verhungern.«
Sie wollte gehen, doch er hielt sie am Arm fest. »Hey – du kannst jetzt nicht einfach abhauen!«
»Mein Essen wird kalt.«
»Aber wir haben uns doch eben erst kennengelernt …«
»Wir haben gerade mal ein paar Sätze gewechselt«, stellte Mari richtig.
»Dann lass uns noch ein paar dranhängen.«
»Wozu?«
Er grinste schief. »Weil ich heute Abend allein hier bin und Anschluss suche.«
»Hast du keine Freunde?«
»Klar hab ich die. Auf Facebook.«
»Dann stell dich doch mit deinem Smartphone in die Ecke und schreib denen, wie gut du dich hier amüsierst«, schlug Mari vor. »Alternativ könntest du natürlich auch ein Selfie von dir neben dem Buffet posten – aber ich muss jetzt leider weiter.«
Er stellte sich ihr in den Weg. »Warum so eilig? Wartet jemand auf dich?«
»Mein Milchlammfilet. Das schreit geradezu nach mir.«
»Und wenn ich nun der Mann wäre, der dein Leben verändert – relativiert sich da nicht das bisschen Milchlamm auf deinem Teller?«
»Es ist ein sehr gutes Milchlamm«, gab sie zu bedenken. »Und wenn ich mir dich so genau anschaue …« Mari musterte ihn von oben bis unten. Attraktiv war er ja, das musste sie zugeben – mit vollem, dunklem Haar, blauen Augen und einem gut sitzenden, schmal geschnittenen Anzug. Passte eigentlich genau in ihr Beuteschema. Von Beruf sicher Banker, Jurist oder Wirtschaftsprüfer. Zudem überragte er sie um fast zwei Köpfe, was bei Männern äußerst selten vorkam. »Nee«, sagte sie trotzdem. »Mit dem toten Fleisch hier kannst du nicht mithalten. Sorry.«
»Ich könnte mein Hemd für dich aufknöpfen«, bot er noch an, eifrig darum bemüht, das Gespräch nicht abbrechen zu lassen. Sie aber wandte sich lachend ab und ließ ihn stehen.
Heiko hatte ihnen bereits einen Tisch am Rande des Gewühls gesichert, an dem zu Maris Erstaunen nicht nur Nicole, sondern auch der wie aus dem Nichts aufgetauchte Simon Platz genommen hatten. Für den Bruchteil einer Sekunde zögerte sie. Je mehr Zeit seit ihrer gemeinsam verbrachten Nacht verging, ohne dass er das Gespräch mit ihr suchte, desto befangener fühlte sie sich in seiner Gegenwart. Nicht zum ersten Mal fragte sie sich, was er wirklich dachte: Steckte er das alles tatsächlich so cool weg, wie es den Anschein hatte, oder war er insgeheim doch enttäuscht?
Als sie näher trat und er kaum von seinem Teller aufblickte, wurde ihr klar, dass sie sich zu viele Gedanken machte: Simon verschwendete keinerlei Energie darauf, über Vergangenes zu grübeln. Zu ihrer eigenen Überraschung versetzte ihr das einen Stich – was lächerlich war, schließlich hatte sie es ja genauso gewollt. Weil sie aber gar nicht erst ergründen wollte, was es mit diesem Gefühl auf sich hatte, trat sie entschlossen die Flucht nach vorne an.
»Hallo«, rief sie in die Runde. »Ist es euch schon gelungen, die Aufmerksamkeit eines überlasteten Kellners zu ergattern?«
»Wir haben zwei Flaschen Rotwein und Wasser für alle bestellt«, entgegnete Nicole und stocherte geziert in ihrer Moussaka herum. »Hoffentlich in deinem Sinn.«
»Perfekt.« Mari ließ sich auf den freien Stuhl neben Simon fallen und schob sich mit Appetit eine Gabel Bohnenmus in den Mund, das sofort auf ihrer Zunge zerging. »Hm«, machte sie, zog aber die Stirn in Falten.
»Das ist der Thymian«, sagte Simon, als ob er ihre Gedanken erraten hätte. »Ist ’ne Spur zu viel davon drin.«
Sie setzte eine konzentrierte Miene auf, nahm erneut eine Gabel voll, kostete, schluckte und nickte. »Stimmt. Außerdem fehlt ein Spritzer …«
»… Zitrone«, vollendete er ihren Satz.
Beide sahen sich an. »Gut, dass wir nicht dienstlich hier sind«, entfuhr es ihnen gleichzeitig. Dann tauschten sie ein verschwörerisches Lächeln, und Mari spürte ein Kribbeln im Bauch.
»Könntet ihr beiden Streber mal mit dieser nervigen Testerei aufhören?«, beschwerte sich Nicole. »Der Chef ist weit und breit nicht in Sicht, und wir wollten doch eigentlich Spaß haben …«
»Zumal der Spaß gerade anrückt«, meldete Heiko sich zu Wort und deutete vielsagend auf den Kellner, der gerade die Getränke brachte.
»Ich finde, wir setzen das Thema Job für heute Abend auf die rote Liste«, schlug Nicole vor. »Kein Wort mehr über Zutaten, Geschmack, Service und Dekoration – und wer sich nicht dran hält, zahlt bei der nächsten Afterwork-Party eine Getränkerunde, abgemacht?«
»Von mir aus«, sagte Mari, obwohl sie nichts lieber tat, als sich über gutes Essen zu unterhalten.
Sie wollte gerade das Glas heben, um mit ihren Kollegen anzustoßen, als jemand einen Teller mit gefüllten Weinblättern vor ihr abstellte.
»Mit den besten Wünschen aus der Küche«, sagte eine Stimme, die ihr irgendwie bekannt vorkam. Tatsächlich zog der Typ vom Buffet einen Stuhl heran, quetschte sich unaufgefordert zwischen sie und Simon und grinste. »Du siehst – ich scheue keinerlei Mühen, um mich bei dir zu entschuldigen.«
Mari sah ihn an. »Du bist ganz schön hartnäckig.«
»Entflammt trifft es eher. Wann trifft man schon mal eine Frau, die so wortgewaltig ihr Essen verteidigt?«
»Willst du uns nicht vorstellen?«, mischte Nicole sich ein, die den Neuankömmling interessiert musterte.
Entnervt legte Mari ihre Gabel beiseite. »Meinetwegen. Das hier ist ein Halbgrieche, der sich am Buffet vordrängelt – meine Kollegen.«
»Sieh an, eine Bürogemeinschaft, die abends gemeinsam ausgeht«, rief der Halbgrieche aus. »In welcher Branche seid ihr denn so unterwegs?«
Abwehrend hob Nicole beide Hände. »Nichts da, wir haben gerade beschlossen, heute Abend nicht über unsere Arbeit zu reden.«
»Find ich gut. Hab sowieso gerade keinen Job, mit dem ich angeben könnte.«
»Soll das heißen, du bist auf Stütze?«, platzte Heiko heraus.
Der Fremde schüttelte den Kopf. »Nee, in der Bewerbungsphase. Ich hab hier morgen eine Art Vorstellungsgespräch – nur deshalb bin ich in der Stadt.«
»Das heißt, du kommst nicht von hier?«, erkundigte sich Simon.
»Ich bin aus Berlin. Aber wenn ich eine Zusage bekomme, ziehe ich her.«
»Von Berlin nach Frankfurt!« Nicole machte große Augen. »Ist das nicht ein ziemlicher Abstieg?«
»Im Gegenteil – wenn es klappt mit der neuen Stelle, hätte ich endlich mal einen Führungsposten.« Mit einem Seitenblick auf Mari fügte er hinzu: »Außerdem gibt’s hier anscheinend jede Menge toller Frauen.«
Die tolle Frau neben ihm schnaubte unbeeindruckt und machte sich über die gefüllten Weinblätter her. Butterweich waren sie und herrlich würzig. Mari schloss die Augen. Allein dafür hatte es sich gelohnt, die Wohnung an diesem Abend noch einmal zu verlassen.
Die Musik um sie herum wurde lauter, noch wilder. Bei genauerem Hinhören war eine rockige Version des Sirtaki-Themas aus dem Film »Alexis Sorbas« zu erkennen.
»Kennt ihr das?«, rief der Halbgrieche begeistert. »Wie könnt ihr dabei ruhig sitzen bleiben?« Er sprang auf und zog Mari hoch.
»Hey – mein Essen!«, beschwerte sie sich.
»Das wird dir nachher umso besser schmecken«, versicherte er und zerrte sie mit sich fort.
»Wartet! Ich komme mit!« Nicole kippte fast ihren Stuhl um, so sehr beeilte sie sich, den beiden ins Gedränge zu folgen.
Vor der Bar angekommen, streckte der Halbgrieche seinen Arm aus und legte Mari die Hand auf die Schulter. Dann reihte er sie beide in die lange Schlange der Tanzenden ein, die den Tresen bereits umrundete. Eine bestimmte Schrittfolge schien es nicht zu geben, Hauptsache, man kam irgendwie mit, ohne den Anschluss an die Gruppe zu verlieren. Schneller, immer schneller ging es – vorbei an verwaisten Tischen, halbvollen Gläsern und alkoholisierten Gästen, die johlend am Rand standen und klatschten. Mari hielt sich an der Schulter des Halbgriechen fest und ließ sich einfach treiben – vom Rhythmus, den Gerüchen und der Hitze der Körper, die sie umgab. Sie spürte, wie das Tempo weiter anzog, rasanter, stürmischer wurde. Doch gerade, als ihr die Luft ausging und sie sicher war, keine Sekunde länger durchhalten zu können, geriet die Formation ins Straucheln: Irgendwer rammte einen Kellner, stolperte und fiel. Scheppernd krachte ein Tablett zu Boden, während die Tanzenden weiterdrängten, über die Scherben hinwegstiegen und versuchten, ihren Weg um den Tresen fortzusetzen, als sei nichts geschehen. In dem Geschubse und Geschiebe, das nun einsetzte, verlor Mari den Halt: Ihre Hand glitt von der Schulter des Halbgriechen, die Ledersohlen ihrer Slingpumps rutschten über den feuchten Boden und eine magnetische Kraft schien sie unaufhaltsam nach unten ziehen zu wollen.
»Mist, gleich flieg ich hin«, dachte sie noch, als sich plötzlich ein Arm um ihre Taille legte. Im nächsten Moment wurde sie an ein blaues Herrenhemd gepresst, aus dem Pulk gezogen und behutsam durch den Raum manövriert, bis sie sich zu ihrer eigenen Überraschung in einer ruhigen Ecke unweit des Ausgangs wiederfand. An eine Wand gelehnt kam sie dort erstmals wieder zu Atem.
»Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass ich wichtig für dich werden könnte?«, fragte der Halbgrieche, lächelte und blieb ganz dicht vor ihr stehen. So nah, dass sie den Duft seines Rasierwassers wahrnahm. Er roch unerwartet gut, dachte Mari. Wie in Trance nahm sie wahr, dass er die Hand ausstreckte und ihr eine Haarsträhne hinters Ohr schob. Seine Fingerspitzen glitten ihren Hals hinunter, wanderten zu ihrem Nacken, strichen zart über ihre Haut. Sie war viel zu perplex, um sich dagegen zu wehren, ließ es einfach geschehen – selbst dann noch, als er sich vorbeugte und sie küsste. Zögernd zunächst und vorsichtig, doch als sie schließlich die Arme um ihn schlang und ihren Mund öffnete, drängte er sie mit seinem Körper gegen die Wand. Seine Zunge umschlängelte die ihre, seine Hände verfingen sich in ihrem Haar, sein Atem ging immer schneller, wurde so flach und gepresst, dass er innehalten musste. Mit geschlossenen Augen lehnte er seine Stirn schließlich gegen ihre und flüsterte: »Willst du mir nicht verraten, wie du heißt, ehe wir weitermachen?«
Mari zögerte. Das Lästige an One-Night-Stands war ja, dass man dabei nicht anonym bleiben konnte. Dass hinterher fast immer jemand nach der Telefonnummer fragte, ganz egal, wie betont unverbindlich man zuvor miteinander angebändelt hatte. Mehr als einmal war sie mit einem ultra-coolen Kerl ins Bett gestiegen und am nächsten Morgen mit einer weinerlichen Klette wieder aufgewacht. Ob es mit diesem Fremden, der unbestritten sehr gut küssen konnte, genauso kläglich enden würde? Sie fühlte sich zu ihm hingezogen und wusste selbst nicht, wie das passiert war. Doch wollte sie ihn wirklich so nah an sich heranlassen – wenn auch nur für diese eine Nacht?
»Komm schon«, drängte er jetzt. »Sag mir deinen Namen.«
»Wenn ich das täte«, fragte sie zurück. »Was passiert dann?«
»Ich verrate dir meinen.«
»Wie aufregend.«
Er beugte sich nach unten, so dass sie seinen Atem an ihrem Ohr spürte. Obwohl er sie nicht berührte, jagte es Mari einen Schauer über den Rücken, als er flüsterte: »Anschließend werde ich dir vorschlagen, gemeinsam wegzugehen. Ich bringe dich in mein Hotel, zeige dir den Blick auf die nächtliche Skyline, das Kingsize-Bett und das, was man außer Schlafen noch darin tun kann.« Eindringlich sah er sie an. »Aufregend genug für dich?«
»Hm«, machte Mari und bemühte sich, möglichst unbeteiligt zu klingen. »Ich denk drüber nach.« Damit schob sie ihn zur Seite und ging zu ihren Kollegen zurück.
»Mensch, wo wart ihr denn?«, rief Nicole, kaum dass Mari sich wieder an den Tisch gesetzt hatte.
»Frische Luft schnappen«, entgegnete sie knapp, während sie leicht verärgert feststellte, dass ihre beiden Teller abgeräumt worden waren. Na, toll. Jetzt musste sie noch einmal zum Buffet und erneut um die gefüllten Weinblätter kämpfen.
»Das war soo irre eben«, plapperte Nicole drauflos und griff nach der Weinflasche, um sich den letzten Rest in ihr Glas zu kippen. »Nach der dritten Runde um den Tresen dachte ich, wir heben ab und fliegen.«
»Sah eher nach ’ner Bruchlandung aus«, versetzte Heiko.
»Du hättest eben mitmachen müssen.«
»Echte Männer tanzen nicht – stimmt’s, Simon?«
Der aber antwortete nicht, sondern leerte einfach nur sein Weinglas.
»Mit der Einstellung seid ihr keine Männer, sondern Langweiler«, fand Nicole. »Kavaliere bleiben niemals sitzen, wenn um sie herum getanzt wird.« Unvermittelt hob sie den Kopf. »Was meinst du dazu?«, richtete sie das Wort an jemanden, der hinter Mari an den Tisch getreten war.
»Da kann ich dir nicht widersprechen«, entgegnete der Halbgrieche, und ein Lächeln lag in seiner Stimme.
Mari wagte nicht, sich zu ihm umzudrehen. Stattdessen registrierte sie, wie ihre Kollegin beide Brüste nach vorn streckte und herausfordernd zu ihm hochsah.
»Das heißt, du würdest noch mal mitkommen, wenn ich dich darum bitte?«, fragte Nicole.
»Jetzt gleich?«
»Wann sonst? Besser wird die Musik nicht.«
Zu Maris Enttäuschung zögerte der Halbgrieche nicht eine Sekunde und entgegnete: »Okay, ich bin dabei.«
Ohne ihn aus den Augen zu lassen, stand Nicole auf, ging mit wiegenden Hüften um den Tisch herum und nahm seine Hand. »Ich bin übrigens Nicole – und wie heißt du?«
Seine Antwort ging im Gewirr der vielen Stimmen unter, und Mari stellte fest, dass ihr der Appetit urplötzlich vergangen war. Zum Teufel mit den gefüllten Weinblättern – sie wollte nur noch ins Bett.
»Ich geh mal pinkeln«, verkündete Heiko, obwohl das streng genommen niemanden interessierte.
Einen Moment lang schien es, als ob Simon und Mari allein zurückbleiben würden. Dann aber schob auch er seinen Stuhl nach hinten und verließ wortlos den Tisch.
Mari starrte ihm nach. Nee, oder? Ließ der sie hier einfach sitzen! Sie verrenkte sich den Hals und sah, dass Simon sich zum Tresen durchkämpfte. Alles klar, er ging tanzen. Und sie zu fragen, ob sie mitkommen wollte, war offenbar zu viel verlangt.
Fest entschlossen, nicht wie ein Mauerblümchen auf seine Rückkehr zu warten, schickte Mari sich an, ebenfalls aufzustehen, als sich plötzlich jemand auf den Stuhl neben ihr fallenließ: der Halbgrieche. Ohne Damenbegleitung. »Nicole ist auf der Toilette, und ich werde jetzt abhauen«, sagte er ohne Umschweife. »Begleitest du mich?«
»Ja«, hörte Mari sich antworten. »Unter einer Bedingung.«
»Die da wäre?«
»Keine Namen, keine Telefonnummern, keine Freundschaftsanfragen auf Facebook. Ich … ich hab da keinen Bock drauf, verstehst du?«
»Nein«, antwortete er wahrheitsgemäß. »Aber das ist auch egal. Gehen wir.«
Als Simon wenig später mit einer neuen Flasche Wein und zwei frischen Gläsern an den Tisch zurückkehrte, war Mari bereits verschwunden.
Die Nacht war so kühl und klar, dass Mari nach wenigen Schritten an der frischen Luft wieder zu Verstand kam. Was machte sie hier eigentlich? Die Tatsache, dass Simon kein Interesse an ihr zeigte, war doch noch lange kein Grund, dem nächstbesten Fremden auf das Hotelzimmer zu folgen. Sie schob ihr Fahrrad neben dem Halbgriechen die Fressgass hinunter und überlegte, was er für ein Gesicht ziehen würde, wenn sie sich jetzt einfach in den Sattel schwang und davonradelte.
Da durchbrach er das Schweigen und fragte: »Ist das ’n Spleen von dir?«
»Wie? Was meinst du?«
»Na, dieses Getue um deinen Namen.«
»Ich hab’s halt nicht so gerne, wenn andere zu viel über mich wissen«, entgegnete sie unwirsch.
»Das verhinderst du doch nicht, indem du deinen Namen verschweigst.«
»Nicht?«
Er schüttelte den Kopf. »Glaub mir, eine halbwegs intakte Beobachtungsgabe genügt, und man findet eine Menge über dich heraus.«
Ihre Neugier war geweckt. »Was denn, zum Beispiel?«
»Na ja … Du verstehst was von gutem Essen, du küsst gerne, und du überlegst gerade fieberhaft, wie du aus der Nummer mit mir und dem Hotelzimmer wieder rauskommst.«
Abrupt blieb sie stehen. »Wir kennen uns schließlich nicht besonders gut.«
»Das könnten wir ganz schnell ändern, indem wir damit anfangen, uns einander vorzustellen.«
»Und wenn sich später dann doch zeigt, dass du ein psychopathischer Leichenfledderer bist?«
»Dann kannst du mich bei der Polizei wenigstens mit meinem vollen Namen anzeigen.«
Mari schüttelte den Kopf. »Ich verstehe nicht, wo dein Problem liegt. Wenn ich dich gleich an der nächsten Ecke stehen lasse, ist es sowieso egal, wie ich heiße, denn wir sehen uns nie wieder. Und falls ich doch mit dir auf dein Zimmer kommen sollte …«
»Ja?«
»… musst du erst recht nicht wissen, wie ich amtlich gemeldet bin. Denn für das, was wir beide dann tun würden, ist Anonymität erfahrungsgemäß sehr förderlich.«
»Das heißt, ich soll dir beim Liebesspiel Tiernamen geben?«
»Ich schätze es am meisten, wenn man dabei die Klappe hält.«
»Wow, das klingt vielversprechend«, brach es aus ihm heraus. »Keine Namen, keine Nähe, keine Kommunikation. Bist du sicher, dass wir uns überhaupt berühren sollten?«
»Anders geht’s ja wohl nicht.«
»Nun, wir könnten uns in Zellophan einwickeln. Das reduziert den Körperkontakt auf ein Minimum und ist auch gleich viel hygienischer …«
Sie erreichten die Hauptwache und bogen links in die Schillerstraße ein, die der späten Stunde zum Trotz noch immer sehr belebt war.
Mari fröstelte. Sie war unentschlossen, was sie als Nächstes tun sollte – mitgehen oder weglaufen? Für keine der beiden Möglichkeiten schien es einen triftigen Grund zu geben.
»Ich höre, wie es in deinem Kopf rattert«, meinte der Halbgrieche. »Was denkst du?«
»Ach, nichts Besonderes. Ich frage mich bloß …«
»Na?«
»Wenn das mit mir alles so kompliziert und abwegig ist – warum wolltest du dann, dass ausgerechnet ich dich begleite?«
»Ich konnte in dem Moment ja nicht ahnen, was du für eine Spinnerin bist.«
Erneut blieb sie stehen. »Dann ist es wohl an der Zeit, dass unsere Wege sich trennen.«
»Nicht, bevor wir eine letzte Sache geklärt haben.«
»Nämlich?«
Statt einer Antwort nahm er ihr Gesicht in beide Hände und küsste sie. Sofort breitete sich ein Prickeln in Maris Magen aus, und der Funke sprang wieder über. Wie zuvor öffnete sie die Lippen und ließ seine Zunge ein, die ungeduldig in ihren Mund drängte. Seine Hände strichen über ihren Rücken nach unten und pressten sie mitsamt dem Fahrrad, das zwischen ihnen stand, gegen seinen Körper.
»Ich glaube, wir zwei verstehen uns tatsächlich am besten, wenn wir gar nicht reden«, brachte er schließlich hervor.
Mari nickte atemlos. »Wo ist dein Hotel noch mal?«
»Nur ein paar Schritte von hier – am Eschenheimer Turm.«
»Worauf warten wir dann noch?«
Wenig später standen sie sich in einem grell ausgeleuchteten Fahrstuhl gegenüber, der sie ins 12. Stockwerk des Hotels beförderte. Sie waren allein, aber so angespannt, dass sie es kaum wagten, den Blick zu heben. Als der Lift sein Ziel erreichte und sich die Tür mit einem dezenten »Bing« öffnete, rührte sich keiner der beiden von der Stelle.
»Bist du dir sicher?«, frage er leise.
»Nein«, gab sie zu.
Er reichte ihr die Plastikkarte, mit der sich sein Zimmer öffnen ließ. »Du bestimmst, wie weit wir gehen. Ein Wort von dir genügt, und wir brechen alles ab – einverstanden?«
»Okay.«
Gemeinsam traten sie in den Flur hinaus. Wie in allen Hotels dieser Welt war er mit einem scheußlich gemusterten Teppichboden ausgelegt, der sämtliche Schritte schluckte. Mari bemühte sich, über das psychedelisch anmutende Dessin hinwegzusehen, damit ihr nicht schwindelig wurde. Ein paar Meter noch, dann standen sie vor einer verschlossenen Zimmertür.
»Hier?«, fragte sie.
Er nickte und sah zu, wie sie die Karte in den Schlitz schob. Ein grünes Lämpchen blinkte, dann sprang die Tür auf.
»Hast du Kondome da?«, wollte sie wissen.
»Aber nicht zu knapp.«
Mari verzog keine Miene und ging hinein.
Sie trat vor das breite Fenster, das die Frankfurter Skyline hell erleuchtet und in voller Schönheit zeigte. Messeturm, Commerzbanktower, die Spitze des geradezu klein anmutenden Kaiserdoms – alles da.
Es war dieser Mix aus hochmoderner und historischer Architektur, der den Anblick so einzigartig machte. Da in der Stadt außerdem unermüdlich weiter in die Höhe gebaut wurde, gab es im Ensemble der Wolkenkratzer immer wieder etwas Neues zu entdecken.
»Hab ich dir zu viel versprochen?«, fragte der Halbgrieche und trat ganz dicht hinter sie.
»Nein.« Mari machte einen Schritt zur Seite, um wieder etwas Abstand zwischen ihnen zu schaffen. Dann sah sie sich um.
Das Zimmer war geräumig und vom breiten Doppelbett bis zum verchromten Sofatisch mit Glasplatte in kühlem, betont angesagtem Design eingerichtet. »Ziemlich edle Absteige – zahlst du das selbst?«
»Zum Glück nicht. Mein angehender Arbeitgeber lädt mich ein.«
»Echt? Mein Chef bringt uns am liebsten kostengünstig in irgendwelchen Gasthöfen am Stadtrand unter und verbittet sich das Einreichen von Taxiquittungen.« Sie sah den Halbgriechen prüfend von der Seite an. »Dein zukünftiger Boss scheint schon jetzt eine Menge von dir zu halten.«
»Kein Wunder – er ist mein Patenonkel«, antwortete er und grinste.
»Dann bekommst du deinen neuen Job also auf Vitamin-B-Basis?«
»Noch habe ich den Vertrag nicht in der Tasche. Außerdem besteht Onkel Manf… – also mein potenzieller Chef – darauf, dass wir möglichst unter den Teppich kehren, wie wir privat zueinanderstehen.«
