Baumkind - Ever B. - E-Book

Baumkind E-Book

Ever B.

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Beschreibung

Zwei Jahre haben Linda und Lion miteinander verbringen dürfen, ehe ein herabfallender Ast ihr Schicksal besiegelt und Lion während seines Dienstes als Polizist stirbt. Zurück lässt er seine Frau Linda, gerade einmal 22 Jahre alt und seinen nur wenige Monate alten Sohn Lukas. Sein Tod stürzt Linda in tiefe Verzweiflung, aus der sie sich nur mit Hilfe ihrer übrigen Familie und ihrem Baum befreien kann. Sie erkennt, dass die Bäume um sie herum weit mehr sind, als es zunächst den Anschein hat. Was wäre, wenn Du herausfinden würdest, dass die Dich umgebenden Pflanzen mehr sind, als die meisten Menschen in ihnen sehen? Freunde? Helfer? Retter? Wesen, die genauso ein Bewusstsein und Empfindungen haben, wie die meisten Menschen? Würdest du es dann immer noch übers Herz bringen, eine Blume abzureißen oder sogar einen Baum zu fällen? Wie würdest Du handeln?

Das E-Book können Sie in Legimi-Apps oder einer beliebigen App lesen, die das folgende Format unterstützen:

EPUB
MOBI

Seitenzahl: 514

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Für Mutter Erde &

die Natur um uns herum:

Wir sollten uns

jeden einzelnen Tag

daran erinnern,

dass wir die Erde nicht von unseren Eltern geerbt,

sondern von unseren Kindern geliehen haben.

Und eine Leihgabe gibt man doch immer

in dem Zustand zurück,

in dem man sie selbst auch vorfinden möchte?

Oder?

Es wird endlich Zeit, die Augen zu öffnen

und zu handeln!

Denn fürs Nichtstun

bleibt keine Zeit mehr!

Ever B.

Baumkind

#Eikes_Vermaechtnis

© 2021 Ever B.

Erstveröffentlichung:

November 2021

Cover Design:

Ever B. und RenaTe B.

Layout:

RenaTe B.

Korrekturleser:

Stefanie Brandt

Druck und Distribution im Auftrag des Autors:

tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg

ISBN:

Softcover:

978-3-347-47399-7

Hardcover:

978-3-347-47402-4

E-Book:

978-3-347-47420-8

Großdruck:

978-3-347-47422-2

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autorin unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Inhaltsverzeichnis

(1) Und so beginnt es

(2) Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus

(3) Viele Zitronen ergeben echt viel Limonade

(4) Trauer schmeckt irgendwann bitter …

(5) Lieben bedeutet nicht, nur zu leiden. Es impliziert die Hoffnung, dass das Leben weitergeht. Immer.

(6) Unverhofft kommt eben doch öfter als man denkt

(7) Alles kommt zu einem zurück. Irgendwann. Wirklich alles!

(8) Was dich nicht umbringt, macht dich stärker für alles, was noch kommen mag

(9) Wenn dir die Geister der Vergangenheit etwas erzählen möchten: Mach die Ohren auf und schau genau hin!

(10) Eines ist gewiss: Das Leben findet immer einen Weg

(11) Habe den Sinn in all der Sinnlosigkeit endlich gefunden

(12) Pläne sind dazu da, sie auch mal komplett über den Haufen zu werfen (wenn nötig)

(13) Beweise zu finden ist gar nicht so leicht, wie es sich anhört

(14) Anwälte sind echt eine ganz spezielle Sorte Mensch

(15) Guten Menschen passieren schon mal schlimme Dinge. Und Erinnerungen kann man auf die Sprünge helfen

(16) „Leben und leben lassen“ ist leider nicht jedermanns Sache

(17) Zuweilen geschieht auch guten Menschen etwas Gutes

(18) Manchmal ist ein Opfer mehr als nur ein Opfer: Nämlich das einzige Mittel zur Rettung

(19) Es gibt Dinge, die gibt‘s eigentlich nicht. Und wenn ich es nicht selbst erlebt hätte – ich hätte es nicht geglaubt!

(20) #Eikes_Vermaechtnis

(21) Nachwort

(22) Personenverzeichnis

Und so beginnt es

Ich erinnere mich an dich.

Seit du dem Leib deiner Mutter entstiegen bist, warst du begeistert von uns Bäumen.

Du hast unter unseren Ästen im Schatten gelegen, wenn deine Mutter oder dein Vater dich im Garten zu uns gelegt haben.

Sobald du dich fortbewegen konntest, bist du zu mir gekommen, dem größten und ältesten Baum in eurem Garten.

Und als du laufen lerntest, hast du dich an meinem Stamm hochgezogen, dein Gesicht an meine Rinde gelegt und hast dem Schlagen meines alten Herzens gelauscht.

Du hast mich mit deinen kleinen Armen umarmt, soweit sie reichten.

Das hat mir sehr gefallen.

Und einmal hast du gesagt, du liebtest mich.

Ich sei dein Freund.

Wenn dir das Leben Zitronen gibt, mach Limonade draus

Linda

Schreiben.

Das war es, was ich schon immer machen wollte.

Seit ich ein Kind war, habe ich den Bäumen in unserem Garten meine Geschichten erzählt.

Zunächst von meinem Alltag, später auch frei Erfundenes, vermischt mit der Wirklichkeit, in der ich lebte.

Damals.

Ich hatte das Gefühl, in ihnen wirklich gute Zuhörer zu haben …

Und nun ist mein Traum zerplatzt.

Ich habe keine Zeit mehr dafür.

Für nichts habe ich mehr Zeit.

Nur noch für meinen Sohn.

Um ihn muss ich mich kümmern, ihn muss ich versorgen, ganz gleich, wie schwer es mir fällt, aufzustehen und meinem Alltag ins Gesicht zu blicken.

Meinem neuen Alltag, den ich nicht wollte.

Ohne Lion.

Ohne Lukas´ Vater.

Ohne meinen Mann.

In zwei Monaten werde ich 22.

Aber ich bin schon Witwe.

Durch einen dummen Zufall.

Sein Tod war so unnötig, so sinnlos, dass ich mich gar nicht traue, die Augen zu öffnen und dieser Wahrheit ins Gesicht zu blicken.

Der Wahrheit, dass Lion nicht mehr da ist, weil er starb, von einem Ast erschlagen, der aufgrund des Sturmes, der am Vortag herrschte, nur noch an ein paar Fasern hing und durch einen endgültigen Windstoß unser Schicksal besiegelt hat.

Endgültig.

Unwiederbringlich.

Ich habe Bäume immer geliebt.

Sie waren meine Freunde, seit ich denken kann.

Doch diesen Baum, diesen Baum … nein, ich kann ihn nicht hassen.

Es war nicht seine Schuld.

Es war nur ein dummer Zufall.

Nur ein Zufall …

Ich laufe zum Bett meines Sohnes Lukas, als er anfängt zu weinen und nehme ihn hoch auf meine Arme, um ihn an mich zu drücken und seinen wundervollen Duft einzuatmen - er duftet wie der Wald, den ich so sehr liebe, wie der Baum im Garten meiner Eltern und Großeltern, dem ich immer alles erzählt habe.

Als er mein Herz in meinem Brustkorb schlagen hört, beruhigt er sich rasch wieder, lässt nur noch ein leises Fiepen vernehmen und schläft mit einem seligen Lächeln auf dem kleinen Mund wieder ein.

Ich küsse ihn auf die Stirn und lege ihn zurück in sein Beistellbett.

Kaum schließe ich die Tür zum Schlafzimmer, klingelt es an der Wohnungstür und um mich herum wird die Welt ein klein wenig dunkler und … beängstigender.

Ich eile durch den langen Flur und werfe dabei einen Blick in den Spiegel, in dem ich mit einem amüsierten Lächeln sehe, dass mein Shirt wieder voller Flecken ist und meine dunkelblonden, langen Haare mir in allen Richtungen vom Kopf abstehen, als sei ich gerade erst aufgestanden und hätte vergessen, wie man eineBürste benutzt. An der Wohnungstür angekommen, schaue ich durch den Spion.

Ich merke, wie mein Lächeln gefriert.

Zwei Polizisten stehen vor meiner Tür, ein älterer Mann und eine junge Frau in Uniform.

„Frau Imholt? Hier ist die Polizei. Wir müssen dringend mit Ihnen sprechen.“

Der Mann hält seinen Ausweis vor den Spion, sodass ich den Namen darauf lesen und mich überzeugen kann, dass es sich wirklich um die Polizei handelt. Peter Dürholt steht darauf.

„Würden Sie uns bitte öffnen?“

Ich öffne eilig die Tür.

„Entschuldigen Sie“, bringe ich zaghaft hervor, „ich habe nicht mit … Besuch gerechnet.“ Verlegen streiche ich mir durchs Haar. Ich sehe aus wie eine Vogelscheuche!

„Dürfen wir eintreten?“, kommt die Frage erneut.

Warum benehmen sie sich wie Vampire, die man erst hereinbitten muss?, schießt es mir durch den Kopf.

Aber ich trete brav einen Schritt zur Seite und mache eine einladende Bewegung mit der linken Hand.

Und kaum treten die beiden ein, wird es um mich herum noch ein wenig dunkler.

Ich blinzele. Täusche ich mich?

„Frau Imholt, wir haben leider eine schlechte Nachricht für Sie …“, beginnt der Polizist und ich sehe irritiert ins verweinte Gesicht der Polizistin, die sich ihre Tränen schwer verkneift.

„Was ist passiert?“, bricht es aus mir heraus. Ich merke, wie Panik Besitz von mir ergreift und meinen Verstand zu überwältigen droht.

„War Lion Imholt Ihr Mann?“, fragt der Polizist.

Hat er das gerade wirklich so gefragt?

Ich nicke und merke, wie mir das Blut in die Beine sackt.

„War …?“ Mir entfleucht nur ein heiseres Flüstern, aber in meinen Gedanken schreie ich dieses eine Wort.

Die Dunkelheit um mich herum stürzt auf mich ein und verpasst mir Scheuklappen.

„Es tut mir leid, Ihnen mitteilen zu müssen, dass Ihr Mann Lion Imholt heute Mittag von einem Ast erschlagen worden ist. Der zuständige Notarzt konnte nur noch seinen Tod feststellen …“

Ein lautes Rauschen übertönt jedes weitere Wort. Ich sehe, wie sich sein Mund bewegt und Worte formt, aber meine Ohren haben vergessen, wie man sie empfängt, und mein Verstand ist im Moment nicht in der Lage dazu, über das Rauschen hinaus irgendetwas sinnvoll zu verarbeiten.

Lukas ist erst drei Monate alt. Drei Monate!!!

Ich starre die beiden an, bis die Dunkelheit sie verschlungen und meine Welt vollkommen aus den Angeln gehoben hat.

Ich falle und stürze in ein rechteckiges tiefes Loch, aus dem ich es nicht mit eigener Kraft wieder herausschaffe. Meine Finger kratzen über die lockere Erde, die mich umgibt, aber ich komme keinen einzigen Zentimeter hoch. Jeder verzweifelte Griff nach oben lässt nur noch mehr Erde auf mich herabrieseln. Und als ich nach unten sehe, erkenne ich, dass ich auf dem noch halb offenen Sarg stehe, in dem wie friedlich schlafend das bleiche, von dunklen Haaren umrahmte Gesicht meines Mannes zu sehen ist. Seine wundervollen dunkelbraunen Augen sind geschlossen.

Für immer.

Schweißnass fahre ich mit einem lauten Keuchen aus dem Schlaf hoch und bekomme zuerst kaum Luft, weil mich eine vollkommene Finsternis einhüllt und ich erst einmal versuche, meiner Panik und dem galoppierenden Herzschlag Herr zu werden.

Seit Wochen plagt mich dieser Traum.

Er lässt mir keine Zeit, mich nachts auszuruhen und neue Kräfte zu sammeln.

Immer und immer wieder sehe ich die Szene vor mir, wie die Polizisten, die selbst keine Kollegen von Lion waren, mir diese fürchterliche Botschaft überbringen: Dass Lion tot ist.

Fort. Für immer.

Ich spüre, wie sich mein Brustkorb zusammenzieht und die Trauer, die sich wie ein Krake dort eingenistet hat, aus mir herauszubrechen droht und mein Herz dabei zerquetschen möchte. Meine Hand legt sich automatisch auf meinen Mund, damit ich nicht laut aufschluchze und womöglich Lukas wecke, der neben mir im Bett friedlich schläft. Es hilft nicht. Also beiße ich mir ins Handgelenk, bis es anfängt zu bluten. Erst der eisenartige Geschmack meines Blutes bringt mich wieder zur Vernunft.

Ich muss stark sein. Für meinen Sohn. Für mich …

Denn wenn ich noch einmal zusammenbreche, dann breche ich auch auseinander. Und ich weiß nicht, ob ich es dann jemals schaffen werde, mich wieder zusammenzufügen – und noch zu funktionieren.

Und was, bitteschön, soll mein Sohn mit einer Mutter anfangen, die nicht in der Lage dazu ist, für ihn zu sorgen? Und ihm ein Lächeln zu schenken?

Zwei Monate ist das Ganze jetzt her – aber ich fühle mich noch immer nicht in der Lage dazu, auch nur einen Schritt in Richtung Neuanfang zu gehen.

Ich werde die Wohnung nicht halten können.

Das hat mir auch meine Mutter gesagt – und meine Großmutter. Sie möchten, dass ich wieder zu ihnen ziehe. Dorthin, wo ich als Kind immer glücklich gewesen bin.

Ich habe keine Perspektiven. Zwar habe ich meine Ausbildung zurKrankenschwester abgeschlossen, aber gleich darauf wurde ich schwanger von Lion, meinem Freund, den ich in meinem dritten Jahr bei meinem Intensiveinsatz kennengelernt habe, als er zusammen mit einem Kollegen mitten in der Nacht einen randalierenden Junkie zur Beobachtung hergebracht hatte, den wir mit vereinten Kräften erst einmal fixieren mussten. Dabei sind wir uns näher gekommen – zuerst unfreiwillig, denn ein Tritt des Patienten beförderte mich in seine Arme, aber danach …

Mir entweicht dann doch ein leises Wimmern, als ich mich an unsere erste Begegnung und dann an unseren ersten Kaffee erinnere, damals in dieser ersten Nacht.

Ich ziehe meine Knie an, umschlinge sie mit meinen Armen und verberge mein Gesicht darin, um mich irgendwie zusammenzuhalten.

Es ist so unfair.

Wir hatten gerade einmal zwei Jahre.

„Linda, Liebes, wie lange willst du dich denn noch quälen?“, dringt die Stimme meiner Mutter aus dem Telefonhörer. Es ist gerade sieben Uhr morgens.

Sie meint es nur gut. Ich weiß …

„Ich meine es doch nur gut mit dir! Die Wohnung ist viel zu teuer für dich allein! Du kannst sie nicht weiter abzahlen! Komm doch bitte zurück zu uns nach Hause! Granny wartet schon voller Sehnsucht auf dich und ihren Urenkel!“

Granny …

Ich habe sie seit Lukas´ Geburt nicht mehr gesehen. Wir hatten einfach zu viel um die Ohren. Erst der Umzug einen Monat vor der Geburt, dann die Geburt selbst, die auch kein Zuckerschlecken gewesen ist. Nein, es war die Beerdigung.

Vier Monate später: Das Ereignis, das meine Welt komplett hat zusammenbrechen lassen.

„… Schatz, hast du mich verstanden? Ich komme gerne vorbei. Granny und ich lassen dich nicht im Stich! Hörst du mich?“, ertönt Moms Stimme weiter aus dem Telefonhörer.

Ich schüttele leicht den Kopf.

Verflixt! Ich rutsche immer wieder aus dieser Realität heraus …

„Nein, nein, Mom. Ich …“, ich seufze tief auf, als aus dem Schlafzimmer ein leises Rufen zu hören ist.

„Okay. Wir werden zu euch ziehen. Kommt heute Nachmittag her, dann können wir alles Weitere besprechen.“

„Wir werden da sein“, antwortet sie mir.

„Bis später!“ Ich lege auf und gehe zum Schlafzimmer zurück. Es fühlt sich an, als würde ich durch Sirup waten. Alles geht nur quälend langsam und wirkt vollkommen irreal! Um mich herum scheint es wieder dunkler zu werden.

Nein! Ich darf jetzt keine weitere Panikattacke bekommen!

Ich atme tief durch, ein und aus. Ein und aus.

Als ich die Tür öffne, weicht die Dunkelheit endgültig – und ich sehe in die strahlenden Augen meines Sohnes, der seine kleinen Ärmchen nach mir ausstreckt.

Ich stehe unter der großen Eiche in meinem Garten, meinem Zuhause.

Ihre ausladenden Äste sind voller grüner, saftiger Blätter.

Mein Kopf legt sich wie von selbst in den Nacken und ich starre hinauf, um den Himmel über mir zwischen den Blättern hervorblitzen zu sehen.

Bin ich so winzig?

Vorsichtig lege ich meine Hände an den Stamm und fühle mich sofort willkommen geheißen. Und dann lege ich meine Wange daran, spüre die raue Rinde unter meiner empfindlichen Haut und fühle ein Pulsieren, als schlage dort tief drinnen ein altes, mächtiges und gütiges Herz.

„Ich hab´ dich lieb!“, sage ich leise mit der Stimme eines zweijährigen Kindes …

Ich muss eingeschlafen sein.

Die Türglocke reißt mich aus meinem Schlaf.

Lukas liegt zufrieden schlummernd in seinem Bettchen.

Wir haben den Vormittag über gespielt, ich habe ihn gebadet, er hat bei mir getrunken wie ein Weltmeister. Und gegen Mittag ist er irgendwann eingeschlummert, sodass ich mir endlich eine heiße Dusche und eine ausgiebige Haarwäsche gönnen konnte.

Danach muss ich eingeschlafen sein, versunken in die Betrachtung seines kleinen Gesichtchens, das mich so sehr an Lion erinnert.

Lukas sieht aus wie eine Miniaturausgabe seines Vaters. Nur die Farbe seiner Augen, die hat er von mir.

Sie sind strahlendblau und je nach Gefühlslage umgibt die Pupille ein grüner Strahlenkranz aus reiner Freude. Wenn er traurig ist, wird das blau ganz grau …

So sehen meine Augen momentan fast die ganze Zeit aus. Lediglich wenn ich ihn ansehe, kämpft sich ein wenig Blau zurück in die sturmgrauen Wolken meiner Augen.

Diesmal habe ich nicht geträumt. Nicht diesen Traum.

Habe ich überhaupt geträumt?

Ich wache auf und strecke mich, als es erneut klingelt.

„Jaja, ich bin ja schon auf dem Weg …“ Meine Stimme klingt ganz verwaschen und müde. Mein Mund ist vollkommen trocken.

Habe ich heute schon etwas gegessen?

Ich erinnere mich nicht daran.

Erneut klingelt es und ich erhebe mich, um zur Tür zu wanken.

Und als ich es endlich schaffe zu öffnen, sehe ich in das besorgte Gesicht meiner Mutter, hinter ihr steht Granny.

Kaum erblicken sie mich, glätten sich die Sorgenfalten und sie lächeln mich beide an.

Sie ziehen mich in ihre Arme, halten mich einfach nur fest.

Es fühlt sich unsagbar gut an, so gehalten zu werden!

Als brauchte ich in diesem Moment nur noch einen Bruchteil meiner Kraft, um nicht auseinanderzufallen.

Eybe

Den ganzen Weg über mache ich mir unendliche Sorgen, was wir vorfinden werden, wenn wir erst einmal angekommen sind.

Ich sehe meiner Mutter Poppy auf dem Nebensitz an, wie auch sie die feine Stirn immer wieder in Sorgenfalten legt, umrahmt von ihren silbernen Haaren, die ebenfalls silbernen Augenbrauen tief über die himmelblauen Augen gezogen.

Hat sie gegessen? Konnte sie sich anständig um den kleinen Lukas kümmern?

Ist sie aus ihrem Loch herausgekrochen?

Warum musste sie auch nach Köln ziehen, so weit fort?

Von uns aus mögen es nur knapp vierzig Kilometer sein, aber da wir nicht gerne mit dem Auto fahren, ist es beinahe so etwas wie eine Weltreise von Remscheid bis zu ihr. Und Köln ist so riesig! Der Verkehr ist immer ganz schrecklich. Es ist grau und stinkt nach Abgasen. Mitten in der Stadt. Und da müssen wir durch, um zu ihr in den Vorort zu kommen, da die Autobahn momentan auf dem Abschnitt gesperrt ist und der Verkehr umgeleitet werden muss.

Ich erinnere mich noch sehr gut daran, wie ich mich damals beim Tod meines Mannes, ihres Vaters, gefühlt habe. Aber anders als sie, habe ich die Hilfe meiner Mutter angenommen. Nun, wir wohnten ja auch unter demselben Dach.

Und trotzdem hat sie uns immer genug Freiraum gegeben.

Linda war damals zehn Jahre alt, als ihr Vater starb. Bei einem Unfall auf der Autobahn, auf dem Weg zurück nach Hause. Auch er war Polizist gewesen. Hatte jemandem mit einer Panne auf der Bahn helfen wollen und sie hinter die Leitplanke geschickt, damit ihnen nichts zustößt. Dabei hat der LKW, dessen Fahrer eingeschlafen war, die beiden Fahrzeuge und ihn gleich mit durch die Leitplanke hindurch und die Böschung hinunter katapultiert. Die Pannenopfer haben überlebt. Haarscharf.

Robert nicht.

Das, was von ihm übrig war, reichte nicht, um es in einem offenen Sarg zu zeigen. Er war vollkommen entstellt gewesen.

Linda konnte so nie richtig Abschied von ihm nehmen.

Stundenlang hat sie in der alten Eiche in unserem Garten gesessen, so weit oben, wie sie hinaufklettern konnte, und hat geweint und sich vor dem Baum alles von der Seele geredet.

Und nun stehen wir vor ihrer Tür und klingeln schon zum dritten Mal.

Meine Sorge steht mir ins Gesicht geschrieben. Poppy legt beruhigend ihre Hand auf meine linke Schulter.

Beinahe bin ich erschrocken, als die Tür sich nun endlich öffnet und ich in ihr verhärmtes, trauriges Gesicht sehe, wie sie mich mit müden Augen, die sturmgrau sind, ansieht.

Wo ist ihr wundervolles lebendiges Blau geblieben, das ich so sehr zu lieben gelernt habe, schon von der Stunde ihrer Geburt an? Der herrlich grüne Strahlenkranz um ihre Pupillen?

Für eine Sekunde bin ich versucht, etwas zu sagen, aber dann lächle ich sie nur an und schließe sie in meine Arme. Ich spüre, wie meine Mutter dasselbe tut.

In dieser innigen Umarmung bleiben wir erst einmal stehen.

Linda fühlt sich an, als würde sie auseinanderfallen, wenn wir sie nicht halten.

Also bleiben wir so stehen, und geben ihr den Halt, den sie im Moment so dringend nötig hat.

„Danke“, kommt es aus der Tiefe der Umarmung von ihr. Sie schnieft.

„Danke, dass ihr da seid.“

Sie befreit sich aus der Umarmung, tritt einen kleinen Schritt zurück und senkt verlegen den Blick zu Boden.

„Immer, Linda“, erwidert Poppy.

„Wir wären auch früher gekommen, wenn du es zugelassen hättest.“

Linda macht einen Schritt zur Seite, um uns einzulassen.

„Wo können wir dir helfen?“, frage ich, um die Stille mit Tatendrang zu füllen.

Wir sind uns ein wenig fremd geworden. Seit gut zwei Jahren lebt sie nicht mehr bei uns. Das ist okay. Kinder müssen irgendwann flügge werden. Aber ich hatte mir damals erhofft, dass dies erst nach der Ausbildung geschehen würde. Und nicht schon vor dem Abschluss.

Na ja, und dass sie sich vielleicht ein wenig mehr Zeit gelassen hätten, mit der Familienplanung … Und dem Kauf einer großen Wohnung in Köln.

Auch wenn Lion einen wunderbaren Job als Polizist getan hat – gebracht hat ihnen das alles nichts. Letztendlich.

„Ich … ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich erst einmal das Nötigste zusammenpacken? Und dann …“, sie atmet tief durch, als würde ihr der Gedanke körperliche Schmerzen bereiten, „und dann sehen wir weiter. Nach und nach.“

Ich weiß, es ist egoistisch, dass ich mich freue, dass sie nun wieder zu uns zurückkehrt. Zu ihren Wurzeln. Unter diesen Umständen.

Aber ich kann nicht anders.

Würde mein Schwiegersohn noch leben, käme mir so etwas nicht in den Sinn.

Und auch wenn es falsch klingt, so bin ich dennoch dankbar für alles.

Auch für seinen Tod. Aber wenn ich es hätte verhindern können – ich hätte es getan.

Und dennoch – es gibt so vieles, von dem Linda noch nichts weiß. Worüber Poppy und ich sie informieren müssen. Aber alles nach und nach, damit sie keinen Schrecken bekommt.

Kleine Schritte, die müssen wir nun tun.

Winzig kleine Schritte.

Denn wenn ich sie noch einmal verliere, wird es für immer sein.

Und das möchte ich nicht riskieren.

Unser Familiengeheimnis wird sicher bei ihr sein!

So wie es das zu meiner Zeit gewesen ist.

Wie es das auch irgendwann bei Lukas sein wird. Wenn er alt genug ist, die Zusammenhänge zu verstehen.

„Gib mir eine Tasche und ich helfe dir, zu packen“, erwidere ich freundlich. Und lächle sie wieder an.

Endlich zeigt sich ein Funken von Blau und Grün in ihren Augen.

Ein zaghaftes Lächeln erscheint auf ihrem Gesicht, als habe sie diese Muskeln viel zu lange nicht genutzt …

Du kleiner Mensch!

Was hast du doch für starke Hände

– auch wenn sie noch so winzig sind!

Sie legen sich geschickt an meinen Stamm

und ziehen deinen schmächtigen Körper hinauf

bis in meine mächtige Krone.

Ich schüttele meine Äste vor Lachen

und du stimmst mit ein.

Deine helle Stimme erfreut mein altes Herz

so sehr!

Geh nie wieder fort.

Ich möchte dich nie weinen sehen.

Doch wenn die Traurigkeit dich trotzdem einmal

in ihre dunkle Umarmung zieht,

dann werde ich da sein, um dich zu trösten.

Ich werde immer für dich da sein!

So lange mein altes Herz schlägt.

Immer!

Viele Zitronen ergeben echt viel Limonade

Linda

Zuerst ist es mir unangenehm, meine Mutter Eybe und Granny Poppy wieder um mich zu haben. Es fühlt sich an, als stünde die Zeit, die ich nicht bei ihnen verbracht habe, wie eine Mauer zwischen uns.

Aber sie bröckelt.

Ich höre nicht einen Vorwurf, kein schlechtes Wort, nichts.

Sie helfen mir einfach nur.

Und das hilft mir.

Granny ist ganz begeistert von Lukas. Auch wenn sie den Namen nicht ganz nachvollziehen kann, da er nichts mit Bäumen zu tun hat.

„Er hat deine Augen!“, jauchzt sie, als sie ihn in die Arme nimmt und er vor Freude laut kräht und dabei nach ihrer Nase greift.

„Was für ein herrlicher kleiner Bursche!“, lacht sie und drückt ihn an sich, um mit ihm zu schmusen. Lukas schnurrt fast wie eine Katze.

Ich weiß, es ist seltsam. Aber genauso hat Lion ihn immer begrüßt, wenn er endlich von seiner Streife nach Hause gekommen ist.

Hierher.

Und ich verlasse unser Nest. Ich kann es nicht halten ohne einen Job. Und momentan ist es schwierig, überhaupt eine Arbeit zu bekommen. Lukas ist noch viel zu klein.

Und von der Witwenrente allein werden wir nicht leben können.

Lion war fünfundzwanzig, als …

Wir waren gerade einmal ein Jahr lang verheiratet.

Meine Nase fängt an zu kribbeln und ich merke, wie mir die Tränen in die Augen steigen wollen.

Ich bin wirklich keine Heulsuse, aber im Moment habe ich keinerlei Kontrolle über meine Wasserwege.

Also lächle ich traurig und schnappe mir meinen Koffer, um ihn mit all den wenigen Sachen zu packen, die mir etwas bedeuten und die ich vielleicht brauchen werde, wenn wir wegziehen. Den Rest werde ich dann holen, nach und nach.

Ich muss die Wohnung zum Verkauf anbieten. Vielleicht wäre ein Makler eine gute Idee, jemand, der sich um alles kümmert.

Hauptsache heraus aus den Schulden.

Das sachliche Denken tut mir gut, und ich gewinne wieder meine Fassung zurück.

Als mein Koffer fertig ist, stelle ich ihn ordentlich in den Flur neben die Tür und mache mich daran, für Lukas ebenfalls einen Koffer zu packen.

Ich nehme auch das Beistellbettchen auseinander und binde alles ordentlich für den Transport zusammen. Wenigstens er soll in seinem eigenen Bett schlafen.

Für einen kurzen Moment erscheint mir alles so ungerecht und sinnlos!

Eine heiße Wut rührt sich tief in meiner Brust und macht mir das Atmen wieder schwer.

Warum? Warum er? Wieso zur Hölle hat dieser Baum uns alles genommen?!?

Ich balle meine rechte Hand zu einer Faust, schlage mir damit gegen die Brust und schluchze auf, sacke zusammen und lehne meinen Rücken an die Wand. Und dann lasse ich den Schrei, der tief in mir drin eingesperrt war, endlich heraus und schreie, bis meine Stimme versagt.

Ich schreie und weine und merke erst, dass meine Mutter wieder bei mir ist und mich in den Arm nimmt, als meine Stimmbänder keinen Laut mehr hergeben und sich einfach nur wund und rau anfühlen. Schmerzhaft.

Aber dieser Schmerz betäubt ein wenig dem Schmerz, der in meinem Herzen wütet.

Eybe

Linda ist beinahe fertig mit Packen. Sie hat auch das Beistellbett auseinandergenommen und sorgfältig für den Transport verschnürt.

Vielleicht geht es ihr in der Tat ein wenig besser.

Plötzlich höre ich ein Schluchzen aus dem Schlafzimmer.

Ich möchte nicht voreilig sein und sie bedrängen, also warte ich nur und gebe ihr den Freiraum, den sie braucht.

Wenn sie mich braucht, werde ich es wissen.

Im nächsten Moment höre ich, wie sie zusammensackt und sich wohl an der Wand herunter gleiten lässt – und der Schrei, der aus ihr herausbricht, erinnert mich an meinen eigenen Schmerz vor zwölf Jahren. Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten.

Wir bekommen unsere Kinder in jungen Jahren.

Und wir verlieren unsere Männer in jungen Jahren.

Ich war damals achtundzwanzig.

Linda ist so viel jünger …

Ihr Schrei zerreißt mir das Herz!

Ich öffne die Tür und setze mich zu ihr, ziehe sie in meine Arme und lasse sie einfach nur schreien und weinen, während ich versuche, ihr mit meiner Nähe Halt zu geben.

Halt und Geborgenheit, damit sie nicht vollends zerbricht!

Es dauert gefühlt fünf Minuten, ehe sie sich beruhigt und mich aus tränennassen Augen, die noch dunkler und grauer sind als bei unserer Ankunft, anschaut.

„Ich möchte hier fort“, flüstert sie plötzlich leise und mit rauer Stimme.

„Bitte, lass uns fahren“, bittet sie leise. Ich nicke und helfe ihr auf.

„Komm, ich helfe dir. Ich trage deine Last mit dir. Wenigstens ein Stück des Weges.“

Und ich meine damit nicht die Koffer und das Bettchen.

Ich meine so viel mehr!

Denn ich kenne ihren Schmerz, ich habe ihn auch einst gefühlt.

Und sie so zu sehen, fühlt sich an, als würde ich noch einmal in dieses schwarze, bodenlose Loch fallen, ohne zu wissen, wann der Aufprall kommt und ob es jemals aufhört …

Ja, ich kenne dieses Gefühl nur zu gut.

Es ist einfach nur total beschissen!

Linda

Ich habe Lukas in seine Transportschale gelegt und ihn angeschnallt. Und dann haben Poppy und Mom je einen Koffer getragen und ich habe Lukas heruntergebracht. Um anschließend mit Mom noch einmal das Bett zu holen.

Gut, dass sie einen großen Kombi haben.

Klar hätte ich auch selbst fahren können, immerhin steht unser Auto unversehrt in der Tiefgarage. Ein metallicblauer Ford C-Max.

Wie gerne hätte ich den gegen Lions Leben eingetauscht!

Im Moment traue ich es mir nicht zu, ordnungsgemäß ein Fahrzeug zu führen.

Also bin ich lieber Beifahrer.

Aber hey! Immerhin komme ich das erste Mal seit vier Monaten vor die Tür!

Der Weg und die Fahrt verschwimmen zu Farbklecksen in meiner Erinnerung.

Der dunkelhaarige Mann mit den sanften braunen Augen lächelt mich freundlich von oben herab an.

„Hat er dich arg erwischt?“, fragt er leise, als er sieht, dass ich mir noch immer die rechte Rippenunterseite reibe, dort, wo der Fuß des Randalierers mich erwischt und aus dem Raum heraus in seine Arme katapultiert hat. Hätte er nicht dort gestanden, wäre ich im wahrsten Sinne des Wortes gegen die Wand geflogen.

„Geht schon“, erwidere ich verlegen und löse mich aus seiner hilfreichen Umarmung.

Ist da eben ein grüner Strahlenkranz um seine Pupillen erschienen?

Als ich mich umwende, sind seine Augen einfach nur dunkelbraun.

Echt schön …,denke ich und muss mich zusammenreißen.

Etwas widerstrebend löse ich mich von ihm und schaue verlegen auf den Boden.

Es ist drei Uhr morgens, ich bin müde und habe noch gute drei Stunden bis zur Übergabe hier auf der Intensiv. Mein drittes Ausbildungsjahr.

Am liebsten würde ich diese Station gar nicht mehr verlassen! Das Team ist toll und ich würde mich sehr freuen, hier auch fest angestellt zu werden.

Aber im Moment wäre ich selig, den Namen desjenigen zu erfahren, in dessen Armen ich mich bis gerade eben noch befunden habe.

Verlegen blicke ich auf und merke, wie meine Wangen ganz heiß und rot werden.

Als hätte er meine Gedanken gelesen, erscheint ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht.

„Übrigens, ich bin Lion. Lion Imholt. Ich bin seit zwei Jahren mit der Polizeischule fertig und schlage mich mit … na, du weißt schon, allem Möglichen auf der Straße herum.“

Sein Lächeln blendet mich beinahe.

„Ich bin Linda“, stelle ich mich verlegen vor. „Ich bin Schülerin im dritten Jahr. In sechs Monaten bin ich auch fertig mit der Ausbildung.“

Da ist er wieder: Der grüne Kranz um seine Pupillen!

„Du … du hast echt schöne Augen!“

Habe ich das gerade wirklich ausgesprochen?

Lion lacht laut auf, aber es klingt freundlich.

Verlegen beiße ich mir auf die Unterlippe.

„Ist das nicht eigentlich mein Part, dir ein Kompliment zu deinen Augen zu machen?“, fragt er lachend.

„Linda!“, kommt es aus dem Zimmer, wo immer noch alle damit beschäftigt sind, den Randalierer zu bändigen. Diese Geräusche habe ich bis gerade vollkommen ausgeblendet.

„Komm her! Wir brauchen dich zum Festhalten! Flirten kannst du später noch!“

Ich werde knallrot und will mich umwenden.

„Ich warte draußen auf dich. Lust auf einen Kaffee?“, fragt Lion mich und ich nicke freudestrahlend.

„Gern!“, bringe ich schließlich heraus, ehe ich mich umdrehe und ins Zimmer eile, um besagtes Bein festzuhalten.

Keine zwanzig Minuten später entschuldige ich mich bei meinen Kollegen, die den Bericht noch fertig schreiben, und eile aus der Station heraus auf den Flur.

Enttäuscht sehe ich, dass dort niemand mehr ist.

„Na, das wäre ja auch zu schön gewesen“, murmele ich resigniert und habe schon meinen Schlüssel-Chip in der Hand, um die automatische Tür der Intensiv, die ansonsten nur von innen geöffnet werden kann, damit zu öffnen.

„Möchtest du schon gehen?“, ertönt es auf einmal von hinten.

Allein der samtige Klang seiner Stimme malt mir schon wieder einLächeln ins Gesicht.

Als ich mich umwende, steht Lion vor mir und hält in jeder Hand einen Becher heißen Kaffee. Er dampft noch richtig.

„Der Kaffeeautomat auf dem Gang war kaputt. Da musste ich mich erst einmal umschauen. Der auf der Station eins drüber hat zum Glück funktioniert.“

Er lächelt mich an und reicht mir einen Becher.

„Ich wusste nicht, wie du ihn magst, daher habe ich ihn so gemacht, wie ich ihn auf der Arbeit trinke. Mit ein wenig Milch und ohne Zucker. Ich hoffe, das ist okay?“

Genauso trinke ich ihn auch immer!

„Vollkommen! So mag ich ihn am liebsten.“

Sein Lächeln wird breiter.

Wir setzen uns in den Wartebereich im breiten Flur vor der Intensivstation, dabei sitzt er so nahe neben mir, dass unsere Oberschenkel sich berühren.

„Du … sag mal …“, beginnt Lion und hebt seine Hand, als wolle er mich berühren.

Ich nippe an meinem Kaffee, blicke zu ihm auf und kann mir ein Grinsen kaum verkneifen.

Er ist ja genauso nervös wie ich!, stelle ich überrascht fest.

Entschlossen stelle ich meinen Kaffee ab, hebe meine Hand und lege sie auf seine.

„Ja“, erwidere ich, „mir geht es genauso wie dir.“

Ich weiß nicht, woher wir unseren Mut genommen haben, immerhin kennen wir uns seit nicht einmal einer Stunde – aber unsere Gedanken laufen irgendwie synchron.

Gleichzeitig beugen wir uns vor.

Es ist nicht das erste Mal, dass ich einen Jungen küsse.

Aber es ist das erste Mal, dass es mir gefällt.

Tief in mir drin regt sich ganz zart ein Gefühl, als sei es genaurichtig, das zu tun.

Der richtige Moment, die richtige Tat. Einfach alles ist perfekt!

Ich verliere jegliches Zeitgefühl.

„Na, geht das nicht ein bisschen schnell?!“

Abrupt brechen wir ab, als meine Stationsleitung raschen Schrittes an uns vorbei geht und uns nur kurz mustert.

Wir sehen uns an und lachen.

„Es klingt jetzt vielleicht ein bisschen abgedroschen, wenn ich das sage – aber, normalerweise mache ich so etwas nicht!“, gebe ich offen zu.

Herrlich, diesen grünen Strahlenkranz im tiefen Braun seiner Augen zu sehen, die mich anstrahlen und bis in den letzten Winkel meiner Seele zu blicken scheinen.

Lion lacht erleichtert auf.

„Du wirst es mir vielleicht nicht glauben – aber für mich ist es auch das erste Mal!“

Er zwinkert mir zu und nimmt meine Hand. Die Berührung jagt ein Kribbeln über meinen Rücken.

Ich habe gar nicht bemerkt, dass er seinen Kaffee auch schon abgestellt hat.

Und dann legt er seine Hand in meinen Nacken, zieht mich zu sich heran und küsst mich wieder.

Ich könnte ewig bei ihm sitzen und ihn küssen …

Es ist das schönste Gefühl auf der Welt!

Ich spüre noch immer die warme Berührung seiner Hände …

Der Wagen ruckelt und hält an, um den Gegenverkehr durchzulassen. Verschlafen öffne ich meine Augen.

Ich merke erst, dass meine Wangen tränennass sind, als ich mir mit der Hand eine Haarsträhne aus dem Gesicht streichen möchte.

Erschrocken nehme ich vorne mein Shirt etwas hoch, wische mir das Gesicht trocken und reibe anschließend die Hände an meinem Hosenbein ab. Ein Blick nach rechts zeigt mir, dass Lukas tief und fest schläft, die kleinen Hände zu Fäusten geballt neben seinem Köpfchen liegend. Ich zögere, streichle ihm über die zierliche, perfekte Wange und betrachte sein Profil, das mich so sehr an Lion erinnert.

Diesmal schlucke ich meine Tränen herunter.

Irgendwann muss es doch endlich aufhören!

Ich werde wohl kaum ewig in Tränen ausbrechen können, wenn ich mein Kind anschaue.

Was wäre ich da für eine Mutter?

„Wir sind bald da“, beantwortet meine Mutter meine unausgesprochene Frage.

Sie mustert mich im Rückspiegel, sieht meine geröteten Augen. Und sagt nichts.

Gott sei Dank!

Ich lächele sie müde im Spiegel an und schließe meine Augen, als ich den Kopf gegen die Seitenscheibe lehne.

Es regnet, das sanfte Klopfen an der Scheibe lullt mich wieder ein.

Um mich herum liegt der Wald meiner Kindheit. Ich spüre seine Anwesenheit, kann das Rauschen des Windes in den Baumkronen hören.

Es fühlt sich an, als käme ich heim, nach Hause.

Im Endeffekt ist es ja auch so.

Ich wünschte mir nur, dass die Umstände andere wären.

„Ich liebe dich, meine Linda! Mehr als mein Leben!“, flüstert Lion nahe an meinem Ohr und umarmt mich ganz fest.

Ich möchte ihn nicht gehen lassen, schmiege mich in seine Arme und atme tief ein, seinen erdigen, waldigen Geruch, den ich so sehr liebe! Es ist mit ein Grund dafür, dass ich nie Heimweh bekommen habe.

Bislang ist er immer nach seinem Dienst zu mir zurückgekommen.

Doch ich fürchte mich vor dem Tag, an dem das einmal nicht der Fall sein wird.

Dann wird die Welt für mich viel dunkler sein …

„Jetzt muss ich aber wirklich los!“ Mit diesen Worten löst er die Umarmung und nimmt mein Gesicht in seine Hände, damit ich ihm ins Gesicht schaue, tief in seine wundervollen, dunkelbraunen Augen.

„Ich komme zu euch zurück! Versprochen!“ Und dann legt er seine Hand an meinen runden Bauch und küsst mich.

Der Wagen hält ruckartig an.

Um uns herum ist es bereits dunkel, ich muss die Dämmerung verschlafen haben.

Im Spätherbst wird es hier draußen so schnell Nacht.

Stille …

Der Wind rauscht in den Wipfeln der Bäume, die Tiere der Nacht regen sich.

Der Ruf eines Uhus hallt durch die Dunkelheit.

„Ich liebe dich noch immer so sehr!“, flüstere ich und reibe mir über die Augen.

Später, als du in die Schule kamst,

bist du zu mir in die höchsten Äste geklettert

und hast mir von deinem Tag erzählt.

Ich kenne dich, meine Liebe ….

Ich kenne dich!

Und ich liebe dich!

Ich liebe jede einzelne Zelle von dir!

Trauer schmeckt irgendwann bitter …

Linda

Ich öffne die Autotür und helfe beim Auspacken. Mom bringt meinen Koffer hoch in mein altes Zimmer. Granny müht sich mit der Trageschale ab. Lukas schläft noch immer friedlich darin.

Manchmal frage ich mich, wie viel er überhaupt schon mitbekommt.

Wird er sich jemals an seinen Vater erinnern?

Ich habe das einzige Foto von uns dreien mitgenommen. Es ist in einem Rahmen aus Erlenholz eingeschlossen. Wir beide stehen ganz nahe beieinander - und zwischen uns liegt Lukas in unseren Armen. Wir lächeln, schauen aber nicht in die Kamera, sondern blicken uns über das kleine Köpfchen hinweg an.

Ich beschließe, es ihm jeden Tag zu zeigen – und ihm auch von seinem Vater zu erzählen, der ein wirklich toller, mutiger, rechtschaffener Mann gewesen ist, mit einem so gütigen und liebevollen Herzen, dass es mir meines zusammenzieht, wenn ich daran denke, dass ich es nie wieder werde schlagen hören.

Tränen drängen sich wieder in meine Augen, aber diesmal schaffe ich es, sie zurückzuhalten.

„Granny, Mom?“, rufe ich, als ich mit dem Bettchen hereinkomme und es in eine Ecke im Flur stelle.

Aus der Küche kommt ein entferntes „Ja?“

„Ich bin kurz im Garten. Ich komme gleich wieder!“

Moms Kopf erscheint im Türspalt.

„Natürlich, Liebes!“, antwortet sie nur, lächelt mich an und verschwindet wieder in der Küche.

Ich atme tief durch.

Es ist eine halbe Ewigkeit her, seit ich das letzte Mal hier war.

Die letzten zwei Jahre waren so angefüllt mit Arbeit, Hochzeit, Umzug, Schwangerschaft und einer Geburt, die mich wirklich sehr mitgenommen hat. Und dann …

Lions Tod hat mich in ein tiefes Loch gestürzt.

Sein Versprechen, auch an diesem Tag wieder zu uns zurückzukommen, hat er nicht halten können. Für nichts …

Ich merke, wie sich mein Atem beschleunigt, mein Herz beginnt zu rasen und die Dunkelheit stürzt von allen Seiten auf mich herein. Panik …

Meine Lungen wollen die Luft weder herein-, noch herauslassen.

Mit zitternden Händen öffne ich die Balkontür und trete hinaus – und als ich ihn erblicke, fällt alles genauso plötzlich von mir ab, wie es gekommen ist.

Mitten im Garten, keine zwanzig Meter von mir entfernt, steht mein Baum.

Es ist eine große Eiche, mit ausladender Krone. Majestätisch breitet sie sich über der Wiese aus und steht, vom Mond beleuchtet, einfach nur da. Der Himmel ist klar und von funkelnden Sternen überzogen. Wie Sternenstaub auf einer schwarzen Decke sieht es aus.

Ich höre den Ruf mehr mit dem Herzen, als mit meinen Ohren, aber ich höre ihn sehr deutlich:

Komm zu mir, Linda! Öffne mir dein Herz und teile deinen Schmerz!

Es ist noch genauso wie damals.

Mit jedem Schritt in den Garten werde ich schneller, bis ich schließlich beinahe renne. Ungebremst werfe ich mich an den Baum und breite meine Arme aus, auch wenn ich weiß, dass ich diesen Jahrhunderte alten Baum unmöglich mit meinen kurzen Armen umfassen kann. Nicht einmal drei Menschen könnten das!

Ich erinnere mich, wie Mom und Pa und ich es versucht haben, am Morgen seines letzten Tages bei uns – und wir lachend aufgeben mussten. Damals war die Welt noch in Ordnung. Ich war zehn, es war Sommer.

Ich presse mich an den Stamm und empfinde plötzlich Ruhe und Frieden, als ströme all das vom Baum auf mich ein.

Ich freue mich, dass du wieder da bist!, höre ich die Stimme des Baumes in meinem Kopf.

Wo bist du so lange gewesen?

Ich spüre, wie sich mein Herz ganz weit öffnet und alles, was geschehen ist, aus mir herausströmt. Der Baum kann alles lesen. Seine Ruhe und Güte umfangen mich wie eine warme Decke, sodass ich nicht friere. Es hilft mir, meine verkrampfte Haltung aufzugeben und loszulassen.

Und wie damals, als ich vom Tod meines Vaters erfahren habe, klettere ich hinauf bis zur Astgabel in der Krone, setze mich dort hinein, strecke meine Arme zu beiden Seiten aus und berühre mit meinen Handinnenflächen die dicken Äste, zwischen denen ich sitze.

Ich schließe meine Augen und lasse den Tränen freien Lauf.

Sie tropfen herunter und fallen auf die Äste, den Stamm.

Ich muss nichts mehr sagen, denn alle Informationen strömen nur so aus mir heraus.

Sie liegen in meinen Tränen verborgen, in dem Geruch, den ich verströme, verbergen sich in meinen Gedanken, in meinem Herzen, das weit offen ist – und der Baum, mein Baum, kann alles herauslesen und verstehen.

Seine Zweige rücken näher an mich heran, als wolle er mich umfangen und trösten.

Tatsächlich fühle ich mich auch getröstet und gehalten.

Ich halte dich, meine liebe Linda. Du kannst mir alles erzählen!, flüstert der Baum in meinen Gedanken.

Auch wenn ich es sehen kann, so hilft es dir, dir alles von der Seele zu reden …

Er hat recht!, denke ich – und beginne stockend zu erzählen, beschreibe die Szenen, die vor meinem inneren Auge ablaufen wie ein Film.

„Es ist so unfair!“, kommt es mir langsam und nachdrücklich über die Lippen.

„Ich habe Lion im Krankenhaus kennengelernt, vor gerade einmal zwei Jahren.“

Meine Kehle schnürt sich zu bei diesen Worten, aber ich zwinge mich, weiterzusprechen.

„Es war … es war so einfach! Wir sahen uns und wussten sofort, dass … dass wir zueinander gehören. Eins ergab das andere. Nach der Ausbildung war für uns klar, dass wir zusammenbleiben wollten. Was lag also näher, als zu heiraten? Auf der Intensiv bekam ich einen befristeten Vertrag – und als ich dann schwanger wurde, war dieses Thema durch. Ich durfte dort nicht mehr arbeiten, Arbeitsschutz. Beatmungen, Keime, das ist nichts für Schwangere! Und dann wurde Lion nach Köln versetzt - und schließlich zogen wir um, damit sein Arbeitsweg kürzer wurde und er zwischen den Diensten so mehr Zeit mit mir verbringen konnte. Mit uns. Wir hatten drei Monate zusammen zu dritt! Nur drei Monate!“ Ich schreie fast, halte inne und fahre mich wieder herunter. Als ich dann weiterspreche, bin ich ruhiger, gefasster.

„Die Geburt war schwer, wir hatten eine ganz blöde Hebamme und einen noch blöderen Assistenzarzt, der sich für einen Gott in Weiß hielt. Lion ist handgreiflich geworden, als dieser Mann mit seinen dummen Aussagen und seinem Verhalten beinahe …“, ich stocke bei der Erinnerung und spüre, wie mein Herz einen Schlag überspringt.

„Wir beide standen wirklich auf der Kippe. Ich war dem Abgrund noch nie so nahe! Beinahe wären wir gestorben …“

Ein Seufzen entfährt mir. Unwillkürlich fangen meine Hände an zu zittern.

„Ohne Lion wären wir das auch. Er sorgte dafür, dass der Oberarzt hinzugezogen wurde, was der Assistenzarzt nicht wollte. Dieser … er wollte es allein schaffen. Letztendlich kamen wir in den OP, unter Vollnarkose. So konnte man uns beide noch retten. Ich erinnere mich nur noch verschwommen an wenig. Die ersten Stunden waren dunkel, voller Schmerzen und Ungewissheit, mir fehlte vollkommen das traute Rooming in1 … Ich erinnere mich, dass Lion meine Hand gehalten hat – während er im anderen Arm nach den ersten Stunden unseren Sohn hielt, der alles gut überstanden hat, damit er seine Nähe spüren konnte. Als ich die Augen endlich öffnen konnte, lächelte er mich an und legte Lukas in meine Arme. Das ist die erste gute Erinnerung, die ich an diesen Tag voller Schmerzen, Angst und Ungewissheit habe.“

Die Nähe meines Baumes hilft mir tatsächlich, das Vergangene aufzuarbeiten. Ich habe in den Wochen nach der Geburt immer erfolgreich alles beiseite gedrängt. Es holte mich nur nachts ein – aber diese Träume wurden von anderen Albträumen verdrängt …

„Eike …“, ich zögere, weiter zu erzählen.

Eike, das ist der Name, den ich meinem Baum als kleines Kind gegeben habe, da ich das „ch“ von Eiche noch nicht aussprechen konnte. Das konnte ich lange nicht.

Meine Eiche wartet geduldig.

„Ich …“ Mir laufen die Tränen wieder übers Gesicht.

Sprich weiter, wenn du die Worte gefunden hast., redet er mir gut zu. „Wir hatten beinahe wieder so etwas wie Normalität in unserem Leben. Die Schmerzen durch den Kaiserschnitt wurden erträglicher und klangen schließlich ab. Die Wunde wuchs zu, auch wenn das, was in meinem Kopf wütet, noch immer nachhallt. Aber ich hatte Lion. Er war mein Halt. Er war wie du – er roch sogar wie du! Nach Wald und Erde. Ich … ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt!“ Ich spüre, wie sich meine Kehle wieder zuschnürt als Antwort auf den Schmerz in meinem Herzen.

„Ich wünschte, dieser Ast hätte ihn nicht erschlagen! Sein Tod war so … so absolut sinnfrei!“ Meine Stimme ist ganz heiser und versagt schließlich ganz.

„Es waren nicht einmal Kollegen aus seinem Revier, die mir die Nachricht überbrachten. Ich kannte sie beide nicht. Auch wenn die Frau …“, ich überlege kurz und krame in meinem Gedächtnis nach ihrem Namen, „Robby, glaube ich, versucht hat, den Kontakt zu mir zu halten. Ich wollte das nicht! Ich wollte nur noch allein sein. Mit Lukas. Nicht einmal Mom und Granny habe ich an mich heran gelassen.“

Meine Stimme versagt wieder, endgültig.

Aber Eike nimmt mein Schweigen hin.

Ich bleibe hier sitzen, lehne mich an den Stamm, der mir trotz der Kälte Wärme, Nähe und Halt zu geben vermag und halte mich einfach fest, bis meine Knöchel weiß hervortreten.

Und in das lange Schweigen hinein, in dem meine Tränen endlich versiegen und zu trocknen beginnen, höre ich Eike sprechen:

Ich fühle mit dir, Linda! Aus tiefstem Herzen empfinde ich deinen Schmerz mit. Wir werden einen Weg finden, deinem Schmerz einen Sinn zu geben. Das verspreche ich dir!

In meinem Mund macht sich ein bitterer Geschmack breit. Ich kenne ihn nur zu gut!

Meine Zunge wird ganz taub von dieser Bitternis …

Gib sie mir!, fordert Eike mich auf.

Irritiert blinzele ich mit den Augen.

„Was soll ich dir geben?“, frage ich verwirrt.

Deine Traurigkeit. Deine Bitternis. Deine Trauer. Ich werde dir helfen, daraus die Kraft zu schöpfen, die du brauchst, um den Sinn in all dieser Sinnlosigkeit zu sehen. Und in dem großen Ganzen. Alles hat seinen Sinn. Selbst der Tod eines geliebten Menschen … Ich werde dir zeigen, dass ein Sinn aber nicht immer etwas mit Notwendigkeit zu tun hat. Was geschehen ist, kann ich nicht ändern, all der Schmerz, die Angst, die Ungewissheit, die Tränen und die Trauer – ich kann sie nicht zurück oder gar von dir nehmen. Doch ich kann dir helfen, nicht daran zu zerbrechen.

Ich schweige und schließe meine Augen, lasse die Worte auf mich einwirken, lege sie in mein Herz und lasse sie dort ruhen und wachsen wie eine Pflanze.

Sie berühren wie Balsam meine Wunden und versiegeln sie.

„Danke“, flüstere ich leise.

In diesem Moment tut es nicht mehr so sehr weh.

Und ich spüre ganz tief in mir drin, dass ich heilen werde.

Dieser große Verlust wird mich nicht zerbrechen.

Ich werde heilen.

Und ich werde den Sinn finden, die Wahrheit, die hinter all dem steht und auf mich wartet.

Der erste Schritt in die richtige Richtung ist getan.

Ich bin für dich da, Linda, antwortet Eike mir.

Langsam öffne ich meine Augen wieder und spüre, wie die Entschlossenheit sie erreicht und der grüne Strahlenkranz in ihnen aufflammt. Und ich weiß, dass das Sturmgrau meiner Augen nun Vergangenheit ist. Ein Teil von mir, aber kein Teil, der sich in mir verewigen muss.

Nun erkenne ich den Weg, den ich verloren habe, als ich Lion verlor.

Es ist, als leuchte er von innen heraus in einem strahlenden, saftigen Grasgrün.

Ich löse mich von meinem Baum und beginne den Abstieg.

Unten angekommen, lege ich noch einmal meine Arme um den Stamm und drücke mich an ihn.

„Ich liebe dich, Eike. So sehr, wie ich Lion geliebt habe.“

Mit diesen Worten wende ich mich um, warte nicht länger und gehe die zwanzig Meter zurück zum Haus, in dem mein Sohn auf mich wartet.

Lukas, das kleine Abbild seines Vaters Lion.

Ich werde ihn immer lieben – auch über den Tod hinaus.

Er wird immer ein Teil von mir sein – und es auch bleiben.

Mein geliebter Lion …

Genau wie Eike, wie mein Sohn Lukas, wie meine Mom Eybe und Granny Poppy.

Wie mein Vater es gewesen ist und bleiben wird, tief in meinem Herzen.

Wir teilen dasselbe Blut in unseren Adern, dieselben Gefühle in unseren Herzen und dieselben Gedanken in unseren Köpfen.

Wir sind eine Familie.

Meine Familie!

Ich liebe dich auch!

Von ganzem Herzen!

1 Rooming in: stationärer Zeitraum nach der Geburt, bei der das Neugeborene bei der Mutter im Zimmer bleibt, ggf. in einem Eltern-Kind-Zimmer bei beiden Eltern

Lieben bedeutet nicht, nur zu leiden. Es impliziert die Hoffnung, dass das Leben weitergeht. Immer.

Eybe

Lukas ist aufgewacht. Es ist herrlich, ihn anzusehen, wie er gähnt und sich streckt, um dann seine wunderschönen Augen zu öffnen und uns anzustrahlen.

Ich höre, wie die Balkontür erneut geöffnet wird, nach beinahe zwei Stunden.

Linda hat sich mit der Eiche ausgesprochen, mit ihrem Baum. Sie hat ihm ihr Herz ausgeschüttet. Ich hoffe sehr, dass nun der Heilungsprozess anfangen und sie bald wieder ganz die Alte sein kann.

Es ist wichtig, damit sie die Kraft hat, alles zu verstehen, wenn wir es ihr sagen werden. Was nicht mehr lange dauern wird.

„Ich bin gleich wieder da, Poppy“, wende ich mich an meine Mutter und will zur Küchentür gehen, aber da öffnet sie sich auch schon wieder und Linda kommt herein.

Ich erkenne sofort, dass sich etwas geändert hat. Ihre Augen strahlen wieder in diesem wunderschönen Dunkelblau – und ihre Pupillen sind umrahmt von dem herrlichen grünen Strahlenkranz, der mir deutlicher als alles andere zeigt, dass sie ihre Trauer abgelegt hat – und dass die Heilung in vollem Gange ist.

„Ich danke dir!“, flüstere ich dem Baum zu und höre wie zur Antwort den Wind in seiner Krone rauschen.

„Mom?“ Linda klingt zaghaft, zurückhaltend.

Sie wartet an der Tür.

„Granny, es tut mir so leid! Ich habe mich selbst verloren und konnte nicht … ich konnte einfach nicht … ich wusste nicht mehr, wer ich bin!“, schließt sie unsicher.

Ich gehe einfach zu ihr und schließe sie in meine Arme, drücke sie dabei ganz fest an mich.

„Ich verstehe dich! Auch ich habe mich damals beinahe verloren. Und nur mein Baum konnte mir zurückgeben, was der Verlust mir genommen hat“, erwidere ich leise. Linda löst sich aus meiner Umarmung und sieht mich fragend an.

„Was …?“

Ich staune, dass sie es noch nicht greifen kann. Und dann erinnere ich mich, dass auch ich ein paar Monate gebraucht habe, um es zu verstehen.

„Du hast es bereits gesagt: Dich Selbst.“

Mein Lächeln wird breiter.

„Willkommen zurück, Linda!“

Linda

Ich bin vollkommen baff, als meine Mutter mich so begrüßt.

Ihr Lächeln ist ehrlich und trifft mich mitten ins Herz.

Ja, was sie sagt, stimmt!, denke ich.

Ich habe tatsächlich mein Selbst wiedergefunden. Mich selbst. Wie konnte ich nur so lange ohne das überleben? Wie konnte ich Lukas eine gute Mutter sein, wenn ich nicht einmal vollständig gewesen bin?

Diesmal treiben mir meine Gedanken keine Tränen in die Augen.

Geweint habe ich genug.

Geweint und mich gegrämt.

Getrauert.

Es ist an der Zeit, aufzustehen und nach Antworten zu suchen.

Das Leben geht weiter, das weiß ich nun. Immer!

Sich selbst aufzugeben ist dabei keine Option.

Niemals!

Ich lächle meine Mutter an und sie reicht mir die Hand.

Poppy kommt zu uns, Lukas auf dem Arm. Er strahlt mich an mit Augen, die den meinen so ähnlich sind. Die Freude in ihnen ist greifbar – und ansteckend.

Er lacht sein perlendes Babylachen, als ich ihn in meine Arme schließe und den Kreis vollende, den meine Mutter und meine Großmutter bilden.

Vier Generationen in einem Raum.

Meine Familie.

Und unsere Männer sind bei uns – irgendwie.

Auch wenn sie nicht körperlich anwesend sind.

„Ich möchte dir jemanden vorstellen, Lukas“, beginne ich und schaue meine Mom und Granny an. Sie nicken mir zu und lösen den Kreis auf.

Mit Lukas in meinen Armen gehe ich aus der Küche heraus, schnappe mir im Vorbeigehen die Decke, die auf der Couch liegt, wickle Lukas darin ein und gehe weiter durch, zurück über die Terrasse in den Garten. Zu Eike.

Der Wind frischt auf und streicht durch seine Krone.

Erwartungsvolles Schweigen umgibt uns.

„Lukas, das ist Eike, mein Baum. Eike, das ist Lukas, Lions und mein Sohn“, stelle ich beide einander vor, kaum dass wir angekommen sind. Mein Sohn streckt seine Händchen aus der Decke heraus und berührt den Stamm, an dem wir ganz nahe stehen, streichelt mit seinen kleinen Fingern über die raue Rinde und lässt sein glockenhelles Lachen ertönen. Das Pulsieren des Herzens spüre ich genauso deutlich wie er, obwohl ich selbst ihn nicht berühre. An den Stellen, an denen er Eike berührt, erscheint ein zartes, irisierendes Leuchten unter der Rinde, als würde sein Lebenssaft selbst wie Adern unter menschlicher Haut durchscheinen und pulsieren.

Sei willkommen, Lukas,höre ich Eike in meinem Kopf.

Ich fühle mich willkommen. Zurück Daheim. Hier, wo ich sein sollte. Und Lukas auch. Er schmiegt sein kleines Gesicht an den Baum, ich sehe, wie er den Duft nach Wald und Erde tief einatmet.

Und plötzlich bildet sich in meinem Kopf der Gedanke, dass er seinen Vater genauso vermisst, wie ich, dass ihn dieser Geruch ebenso an ihn erinnert. Als habe sich Lion tief in sein kindliches Gedächtnis gebrannt, seit dem Tag seiner Geburt, an dem er ihn in seinen Armen gehalten hat. Damals, als ich es nicht konnte und sie beide darauf gewartet haben, dass ich endlich aufwache, um genau das endlich zu tun.

Sechs Monate später

Linda

Ich gähne, weil ich schrecklich müde von der Nachtschicht bin.

Heute habe ich von meiner Stationsleitung die Nachricht bekommen, dass ich die Probezeit vorzeitig erfolgreich überstanden habe und nun ein vollwertiges Mitglied des Intensiv-Teams bin. Was freue ich mich darüber!

Aber im Moment ruft mein Bett schrecklich laut nach mir.

Ich freue mich auf Lukas.

Heute wird er genau elf Monate.

Noch ein Monat und er ist ein Jahr alt.

Er zieht sich schon fleißig an allem hoch und macht Anstalten, laufen zu wollen. Aber bislang hat die Schwerkraft ihn immer auf den Hintern zurückgezogen.

Es ist bemerkenswert, dass er sich davon nicht unterkriegen lässt, stattdessen auf alle viere geht und sich in einem Wahnsinnstempo auf den Weg zur nächsten Wand, zum nächsten Tisch oder wohin auch immer macht, um sich mit Feuereifer wieder hochzuziehen und es erneut zu versuchen.

Ich bin überglücklich, dass Mom und Granny sich um ihn kümmern, sodass ich mich auf meiner alten Station im Sana-Klinikum wieder bewerben konnte – glücklicherweise auch genommen wurde und nun wieder arbeiten kann.

Klar, Lukas ist nicht einmal ein Jahr alt, aber ehrlich gesagt – wir brauchen etwas Geld zum Überleben. Ich kann meiner Familie nicht die ganze Zeit auf der Tasche liegen. Mein …. unser Auto muss unterhalten werden.

Es ist schon eine Menge dran an dem Spruch, Auto beginnt mit „Au!“, endet mit „O!“ und dazwischen ist ein „t“ wie teuer.

Aber wir wohnen so weit draußen in der Aue, im Wald, dass man ohne Auto vollkommen aufgeschmissen ist.

Und das bisschen an Rente, was Mom und Granny bekommen, reicht gerade so zum Leben für uns. Aber Leben bedeutet mehr, als nur zu schauen, dass man am Monatsende alle Kosten abgedeckt hat.

Das Haus, mein Zuhause, ist alt und bedarf einiger Reparaturen und Modernisierungen. Zudem wirft die Wohnung in Köln weiterhin Kosten auf, da ich es noch nicht fertig gebracht habe, sie einem Makler zu übergeben. Vorher muss ich sie ausräumen, alle unsere persönlichen Sachen heraus holen. Alles, was wir noch brauchen könnten. Ich war einfach noch nicht bereit, noch einmal dorthin zu fahren.

Lion hat immer sehr vorausschauend gehandelt. Ich habe allerdings erst vor kurzem erfahren, dass er eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, schon damals, als er mit der Ausbildung fertig war. Das hat er uns verschwiegen. Als Polizist steht das eigene Leben immer auf der Kante.

Ich wusste von Nichts, bis die Versicherung sich bei uns meldete, um wegen der Auszahlung der Summe mit mir zu sprechen. Es wird reichen, um den Kredit abzulösen. Lion muss ihnen meine Handynummer gegeben haben. Sie haben schon länger versucht, mich zu erreichen. Aber die Briefe ließ ich ungeöffnet und an mein Telefon bin ich wegen der fremden Nummer nicht gegangen.

Ich blinzele überrascht, als ich erkenne, dass ich schon angekommen bin. Und bin dankbar für die Automatismen des menschlichen Gehirns2, die mich sicher und ohne Zwischenfälle heimgebracht haben – obwohl ich vollkommen in Gedanken versunken war.

Ich atme tief durch und öffne die Fahrertür. Sogleich werde ich von meinem Baum begrüßt, dessen Krone sich bis übers Dach des Hauses in den Himmel streckt. Das Rauschen in seinen Blättern heißt mich willkommen.

Schlaf gut, Lin!, höre ich ihn in meinen Gedanken flüstern.

Lin … das war auch immer Lions Spitzname für mich.

Ich habe es geliebt, wenn er mich so genannt hat.

Genau wie Eike. Vom ersten Tage an hat auch er mich so genannt.

Die Haustür öffnet sich, als ich gerade die Hand an die Türklinke lege. Rasch trete ich einen Schritt zurück, um denjenigen nicht zu sehr zu erschrecken, der gerade raus möchte. Es ist meine Mutter. Sie zuckt leicht zusammen.

„Himmel!“, stößt sie aus, die Hand ans Herz gelegt vor Schreck und sieht mich an. Dann malt sich ein Lächeln auf ihr Gesicht.

„Guten Morgen, Linda! Lukas erwartet dich schon sehnsüchtig!“, begrüßt sie mich schließlich.

Ich lächele müde zurück.

„Seit wann ist er denn wach?“, frage ich zurück.

„Ungefähr seit vier. Er kann es kaum erwarten, dich zu sehen!“

Wow! Dieses Kind ist ein Energiebündel wie sein Vater. Und ein absolut Frühaufsteher.

In Gedanken muss ich lächeln. Lukas sieht nicht nur aus wie sein Vater, er hat auch viele seiner Eigenschaften. Wie zum Beispiel das frühe Aufstehen. Oder die Art und Weise, wie er seine kleinen Hände an mein Gesicht legt, wenn er möchte, dass ich ihm ganz aufmerksam zuschaue oder zuhöre. Er besteht dann immer sehr auf seinen Augenkontakt. Das finde ich toll!

„Vielleicht mag er sich ja gleich für ein kleines Nickerchen mit mir hinlegen?“, hoffe ich inständig. Ich bin wahnsinnig müde, aber der Schlaf muss jetzt erst einmal warten. Ich atme noch einmal tief ein, habe dabei das leise Lachen des Baumes in meinem Ohr und trete ein, während Mom die Tür von außen hinter mir schließt und ich höre, wie sie den Motor ihres Wagens startet, um wegzufahren.

„Guten Morgen, Linda!“, erklingt Grannys Stimme aus dem Wohnzimmer.

Und dann bin ich vollkommen überrascht, als Lukas auf seinen zwei kurzen Beinen um die Ecke geflitzt und minimal stolpernd auf mich zu gerannt kommt. Mir bleibt vor Erstaunen der Mund weit offenstehen.

„Lukas!“, stoße ich hervor und beuge mich herab, damit er jauchzend in meine offenen Arme springen kann. Ich richte mich auf und drücke den kleinen Kerl fest an mich, spüre, wie er seine kleinen Ärmchen um meinen Hals schlingt, um mich feste an seinen schmächtigen Körper zu drücken, der so viel Kraft in sich trägt.

„Du kannst ja schon laufen!“

Meine Nasenwurzel kribbelt verdächtig.

Und ich habe diesen Meilenstein verpasst …

„Er hat die ganze Zeit seit vier Uhr morgens geübt – gerade eben hat es endlich geklappt!“, berichtet Granny mir lachend und wischt damit alle meine schlechten Gedanken fort, wie ein Schwamm die Kreideschrift auf einer Tafel.

Jetzt kann auch ich lachen!

„Du bist so wunderbar!“, lobe ich meinen Sohn und drehe mich mit ihm im Kreis, bis er mir lachend zu verstehen gibt, dass er herunter möchte.

Er legt seine gefalteten Hände an seine Wange.

„Eia!“, sagt er leise und bedeutet mir damit, dass auch er müde ist und schlafen möchte.

Was für ein schlaues Kind!

Ich lächle ihn an und reiche ihm meine Hand.

„Sehr gern, Luke! Ich gehe nur schnell duschen.“

Keine fünf Minuten später liegen wir zusammen im Bett und kuscheln uns aneinander. Seine ruhigen Atemzüge und der warme Körper schenken mir das Gefühl von Geborgenheit, das ich immer in Lions Nähe empfunden habe. Beides hüllt mich ein wie eine warme Decke, sodass auch ich endlich meine müden Augen schließen und einschlafen kann …

„Du schaffst das, Lin! Ich glaube fest an dich!“ Lion legt seinen Kopf leicht auf die Seite und schaut mich an. Seine dunkelbraunen Augen leuchten durch den grünen Strahlenkranz um seine Pupillen. Ich könnte ihm ewig so in die Augen sehen!

„M-meinst du e-echt? Ich … ich b-bin so sch-schrecklich nervös!“, stottere ich und kaue auf meiner Unterlippe.

Er hebt seine rechte Hand an meine Wange. Bestimmt zieht er mich mit der anderen an seine breite, warme Brust und umfängt mich mit seinen Armen. Ich atme tief durch: Wald, Bäume, Erde.

Ich liebe diesen Geruch!