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In ihrem lieblosen Leben findet Guinever nach einem Unfall im Wald wieder Zugang zu ihren lange verschütteten Erinnerungen und findet ihren "imaginären" Freund Lancelot wieder, der sich auf den Weg gemacht hat, um ihr zu zeigen, dass das Leben lebenswerter ist, als ihre Eltern ihr bislang gezeigt haben. Allerdings gestaltet sich die Rückkehr in die wunderbare Welt ihrer Kindheit und Jugend doch deutlich anders, als sie beide es sich jemals gedacht haben. Lancelot & die Höhle des Drachen part one Der Auftakt zu einer etwas anderen Geschichte (Trilogie) über "imaginäre" Freunde und unverhoffte Wendungen des Lebens. Lass dich entführen in eine parallele Welt, in der es Artus und seine Tafelrunde gibt und Konflikte noch mit dem Schwert ausgetragen werden. Dies ist die Geschichte von Guinan und Lancelot.
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Seitenzahl: 297
Veröffentlichungsjahr: 2018
© Erstveröffentlichung Dezember 2018 Ever B.
(Korrekturfassung Juni 2019)
Umschlag, Illustration: Ever B. mittels canva.com
Korrekturleser: RenaTe B.
Verlag & Druck: tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback 978-3-7469-6443-0
Hardcover 978-3-7469-6444-7
e-Book 978-3-7469-6445-4
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
( 01 ) ERINNERUNGEN
(02) DER LETZTE AUSWEG
(03) DER JUNGE LORD GUINAN
(04) DAS VERSPRECHEN
(05) DER KNAPPE
(06) DER TRANK DES VERGESSENS
(07) EIN BÖSER ZWISCHENFALL
(08) NEUE VERHÄLTNISSE
(09) BEKANNTSCHAFT MIT CAMELOT
(10) DIE KRÄHE
(11) SCHNEE
(12) DAS MITTWINTERFEST
(13) DER TAG DANACH
(14) SELTSAME TRÄUME
(15) DRAVEN
(16) SCHLAFENDE KRÄFTE WERDEN WACH
(17) DAS AMULETT DER BLINDEN EILA
(18) HIOBSBOTSCHAFTEN
(19) ZEIT DER SORGE
(20) "MEIN LEBEN FÜR DEINES …hatte sie über alles reden"
PERSONENVERZEICHNIS
WICHTIGE ORTE
NUR EIN KLEINES NACHWORT
LESEPROBE PART TWO
(01 ) ERINNERUNGEN
Damals
Seit ich mich erinnern kann, habe ich schon immer in diesem düsteren Haus gelebt, auf diesem unglaublich großen Anwesen meiner Eltern. Es hatte einen ausgefallenen Namen, wie manche alten Anwesen und Häuser es schonmal haben: Domus Dracones.
Drachenheim. Oder Haus der Drachen. Unheimlich, nicht?
Unter dem dunklen Winterhimmel war es noch viel finsterer hier. Und oftmals waren meine Eltern nicht zu Hause.
Sie trugen dafür Sorge, dass immer genug Bedienstete im Hause waren, die für mein gutes oder schlechtes Benehmen und meine Erziehung verantwortlich gemacht werden konnten – für mich, die einzige Tochter des Hauses.
Meine Mutter krümmte keinen Finger.
Lieber kümmerte sie sich um das Geschäft ihrer Eltern, das zusammen mit dem meines Vaters ein wahres, einzigartiges Imperium in ihrer Branche darstellte. Keine Ahnung, was.
Dad war es auch gewesen, der Mom dazu hatte überreden können, ein Kind zu bekommen, das später mal alles fortführen sollte.
Na ja, und dann kam ich.
Vom ersten Tag an spürte ich, dass – wenn schon ein nerviges Kind – sie lieber einen Sohn gehabt hätte.
Aber Dad machte das wieder gut.
Er zeigte mir, dass er mich so liebte, wie ich bin.
Wenn er mal da war.
Doch er vergaß es, denn mit der Zeit waren sie beide kaum noch daheim. Immer unterwegs, für die Firma, für die Arbeit, für wohltätige Zwecke.
Ohne mich.
Mildred war mein spezielles Kindermädchen.
Sie war riesig, sie war breit, sie hatte die Kraft von zwei Elefanten und war immerzu der Ansicht, dass ich schmutzig war und in die Wanne gehörte – und das am besten täglich zweimal. Und angemessene Kleidung konnte nur ein Spitzenkleidchen sein.
Kennt ihr diese Teile? Sie kratzen und jucken zur selben Zeit und man kann nicht anständig damit rennen, ohne an irgendwelchen Ecken hängen zu bleiben.
Und wen wundert es da, dass ich irgendwann mal keine große Lust auf all diesen Hygiene- und Spitzenwahn hatte und die Flucht nach vorn ergriffen habe, ehe sie mir noch die letzten dunklen Haarsträhnen ausreißen konnte bei dem Versuch, mich ordentlich zu frisieren?
Wie alt bin ich damals wohl gewesen? Drei, vielleicht vier Jahre alt. Den Keller habe ich schon immer gefürchtet, aber Mildred war an jenem Tag so schlecht drauf gewesen, dass ich meine Angst fast vergessen habe, bis ich mich in den finsteren Untiefen des Kellers wiedergefunden habe.
Der riesige Ofen, der das gesamte Haus beheizte, starrte mich an wie ein großes, rotglühendes Auge …
Unheimliche Geräusche kamen von allen Seiten …
Plötzlich berührte mich etwas an der Schulter und ich machte vor Schreck einen Satz nach hinten.
Ich wandte mich um – doch niemand war da.
Nichts.
Mein Herz schlug mir bis zum Hals, als ich mich zum Gehen umwandte.
„Hallo! Wer bist du?“, kam es plötzlich aus der Dunkelheit.
Ich hatte solche Angst, dass mir nicht einmal einfiel, dass es jemand sein könnte, der nach mir suchte. Vor mir bewegte sich etwas, ein Schatten formte sich und dann trat ein kleiner Junge von fünf, vielleicht sechs Jahren in das düsterrote Licht.
„Hast du deine Stimme verloren?“ Er legte den Kopf zur Seite und grinste mich an.
„Du hast mich erschreckt!“
Ui, das klang vorwurfsvoller, als ich es beabsichtigt hatte.
Der Junge zuckte die Achseln. Dann verneigte er sich vor mir.
„Ich bitte vielmals um Entschuldigung!“ Wir lachten beide.
„Ich bin Lancelot. Und wer bist du?“
„Guinever.“
Ich biss mir auf die Unterlippe, weil ich diesen Namen schon immer schrecklich blöd gefunden habe.
Lancelot runzelte die Stirn.
„Ich nenne dich lieber Genny, okay?“
Das stimmte mich wieder fröhlicher.
„Abgemacht!“
Er nahm mich bei der Hand und wollte gehen, aber ich zögerte, besah mein ehemals weißes Spitzenkleid und warf ihm einen zweifelnden Blick zu.
„Man sieht es mir zwar nicht an, aber ich bin mindestens genauso dreckig wie du – wenn nicht schlimmer! Ich kenne einen See, in dem wir uns waschen können.“
„Ich kann aber nicht schwimmen …“
Das war mir unangenehm. Aber Lancelot zuckte nur die Schultern. „Dann lernst du es eben!“
Er griff wieder nach meiner Hand und führte mich in die dunkelste Ecke des Kellers. Es war so pechschwarz, dass ich meine eigene Hand vor Augen nur bemerkt hätte, wenn ich mir gleichzeitig in die Nase kneifen würde.
Nach einigen Minuten tiefster Finsternis, die mir wie eine Ewigkeit vorkamen, traten wir aus einer dunklen Höhle hinaus ins Freie.
Um uns herum waren grüne Wälder und Heide, ein leuchtend blauer Himmel, über den weiße Wattewölkchen zogen, Vogelgezwitscher und warmer Sonnenschein.
„Wie hast du das gemacht?“ Lancelot sah mich fragend an.
„Na“, ich breitete die Arme aus, als wollte ich die Welt umarmen, „hier ist Sommer. Aber bei mir daheim … war Winter.“
Er hob eine Augenbraue und schaute mich ungeduldig an.
„In meiner Welt ist Sommer, wenn bei euch Winter herrscht. Und umgekehrt.“
Damit nahm er mich wieder bei der Hand und zog mich hinter sich her.
Ich ließ mich staunend mitziehen.
Die Sonne warf ihre Strahlen durch die Blätter der mächtigen Bäume um uns herum und malte grüne Kringel auf den weichen Waldboden. Um uns herum zwitscherten die Vögel in den Ästen, es raschelte mal hier, mal da, ein rotes Eichhörnchen kletterte den dicken Stamm unmittelbar vor uns hinauf und ließ ein lautes Keckern hören. Hinter den nächsten dichten Büschen lag ein kristallklarer See.
Ich bestaunte das klare Wasser, das zur Mitte hin eine tiefblaue Farbe annahm. Ein großer Felsen ragte am rechten Ufer hoch und ein kleines Plateau erhob sich weit über den See. Jedes Moosblatt spiegelte sich detailgetreu auf seiner Oberfläche.
Lancelot schlüpfte aus seinen Sachen und lief hinein.
„Komm! Jetzt lernst du schwimmen!“
Er war kein besonders toleranter Lehrer, dafür aber ein umso effektiverer.
Als er mich vom Felsen aus in den See geworfen hatte, in dem ich nach meinem unfreiwilligen Flug von ca. fünf Metern landete, hatte ich nach ungefähr fünf bis zehn Minuten, in denen ich japsend nach Luft schnappte und versuchte, nicht zu ertrinken, gelernt, mich über Wasser zu halten.
Und das rettende Ufer, an dem sich Lancelot halb totlachte, hatte ich auch nach wenigen Schwimmzügen erreicht.
„Du … du siehst aus … wie eine ins Wasser gefallene Katze!“
Das nächste, was er zu sehen bekam, waren Sternchen.
Wir balgten und prügelten uns bis die Sonne sich dem Horizont näherte. Erschrocken darüber, dass es schon dämmerte, zogen wir rasch unsere schmutzigen Sachen wieder an.
„Verflixt, ist das schon spät! Ich muss nach Hause!“, stieß ich hervor, nachdem ich mir das Kleid über den Kopf gezogen hatte.
Aber Lancelot schüttelte nur den Kopf.
„Die Höhle, die unsere Welten miteinander verbindet, wird von einem Drachen bewohnt. Er verlässt sie nur bei Vollmond.“
Ich schluckte hörbar. Daheim würde eine Menge Ärger auf mich warten, wenn ich wieder zurück kam …
„Hättest du mir das nicht früher sagen können? Jetzt kriege ich bestimmt Stubenarrest bis mir graue Haare wachsen!“
Lancelot schaute betreten zur Seite. Doch dann neigte er den Kopf leicht zur Seite und grinste von einem Ohr zum anderen.
„Möchtest du lieber von Mildred blank geschrubbt werden wie ein Stück Wäsche am Waschbrett? Jetzt haben deine Haare wenigstens die Gelegenheit nachzuwachsen. Und außerdem … was brauchst du mehr als das Haus, um zu entkommen? Deine Eltern werden dich sowieso nicht vermissen. Sie wissen gar nicht, wie wertvoll du bist!“ Lancelots Wangen waren ganz rot vor Erregung, sein Blick sprühte förmlich vor rechtschaffenem Zorn. Egal wie grausam es klang, er hatte recht. Ich spürte ein tief vergrabenes Glücksgefühl, das sich langsam an die Oberfläche vorarbeitete.
Wenn auch nur für eine begrenzte Zeitspanne – ich war frei!
Er reichte mir seine Hand. Und ich nahm sie an und ließ mich in sein Zuhause führen. Ein Zuhause, das viel mehr mein Zuhause werden sollte, als es mein eigentliches Zuhause jemals sein konnte.
Müde war ich, müde und zufrieden von diesem außergewöhnlichen Tag.
Heute
Guinever kuschelte sich in ihre Daunendecke ein und seufzte. Jedes Mal bei Vollmond war es dasselbe. Sie träumte von einigen wenigen wunderbaren Tagen aus längst vergangener Kinderzeit - und konnte sich nach dem Aufstehen an so gut wie gar nichts mehr erinnern.
Es blieb lediglich ein warmes Glücksgefühl. Und manchmal verblieb auch die Andeutung eines Namens in ihrem Gedächtnis.
„Lars … Lan …“ Und dann verschwand die Andeutung auch schon wieder.
Sie kniff die Lippen zu einem dünnen Strich zusammen und setzte sich, weiterhin wie ein Wurm fest in die Decke eingewickelt, auf. „Ach, verflixt noch eins!“
Ihr Blick wanderte zum Fenster, wo der Mond noch immer auf eine fast meterhohe Schneedecke schien, die alles unter sich versteckt hielt. Sein Licht zauberte atemberaubende Lichtreflexe.
Für Momente schien es, als würde jemand – ohne den Schnee zu berühren – über ihn hinweg tanzen. Aber im nächsten Moment war die Gestalt verschwunden.
Guinever, die sich überrascht weiter zum Fenster vorgebeugt hatte, fiel mit lautem Poltern aus dem Bett. Als sie sich anschließend schimpfend aus der Decke hervor gearbeitet hatte, stürzte sie zum Fenster. Doch es war nichts zu sehen …
Nichts außer der mächtigen alten Esche dort draußen.
Enttäuscht wandte sie sich um und legte sich zurück ins Bett, wo sie fast augenblicklich wieder eingeschlafen war …
Damals
Ein Schwall eiskalten Wassers stürzte auf mich herab, gerade in dem Moment, als ich meine Augen öffnete. In Sekundenschnelle saß ich aufrecht auf meinem Strohlager - und warf Lancelot einen giftigen Blick zu, der ein Lachen kaum unterdrücken konnte.
„Beweg deinen verschlafenen Hintern aus dem Bett!“, forderte er mich auf.
„Nun mach schon! Der Tag hat gerade erst angefangen, aber er verspricht schon jetzt sonnig und warm zu werden!“
Ich sah ihn mit eisigem Blick an, ließ mich aber trotzdem von ihm hochziehen.
Seit unserem ersten Treffen waren gut fünf Jahre vergangen. Und mit acht fühlte man sich schon wesentlich erwachsener als mit drei oder vier.
Ich schüttelte mich wie ein Hund und spritzte Lancelot von oben bis unten nass.
„Da hast du’s! Du elende Furztüte!“
Ich sah ihn mit gespielter Feindseligkeit an – und dann brachen wir gleichzeitig in schallendes Gelächter aus.
„Mensch, Genny!“, gluckste Lancelot.
„Lass das bloß nicht meine Ma hören! Sie wird dich sonst von oben bis unten blank schrubben, wie es die alte Mildred immer getan hat!“ Er rümpfte die Nase.
„Und diesmal hast du es ausnahmsweise mal nötig.“
Er wurde ein bisschen ernster und schaute an sich herunter.
„Wenn ich ehrlich sein soll, so schmutzig bin ich schon lange nicht mehr gewesen.“
Ich konnte förmlich fühlen, wie mir der Schalk in den Nacken sprang und meine Augen aufblitzen ließ.
„Lass uns doch mal wieder ein kleines Wettschwimmen machen!“ schlug ich enthusiastisch vor.
Lancelot zog die Stirn kraus.
„Nee, nee. Du bist beinahe so gut wie ich.“
Er sah meinen enttäuschten Blick und überlegte es sich anders.
„Na gut! Wer als Erster da ist, genießt das Privileg, den anderen unterzutauchen!“ Mit diesen Worten rannte er los. Und ich hinter ihm her.
Es passierte nicht oft, dass ich als Erste den See erreichte. Aber diesmal kannte ich die bessere Abkürzung durch den Wald.
In Gedanken malte ich mir schon aus, wie sehr ich es genießen würde, mein Privileg auszukosten, Lancelot unterzutauchen.
Ich versteckte meine Sachen unter einem Fliederbusch und rannte ins Wasser, um zum Felsen zu tauchen.
Lancelot erschien kurze Zeit später. Er stolzierte herum wie ein Gockel und wartete auf meine vermeintliche Ankunft, das sah ich genau von meinem Versteck unter dem Felsen aus. Dabei war ich schon längst da und rieb mir voller Vorfreude die Hände.
Schließlich zog er sich aus und kletterte auf den Felsen, von dem aus er mit dem Kopf voran – beinahe schon elegant – ins Wasser sprang. Als er zum Luftschnappen auftauchte, war mein Zeitpunkt gekommen.
Ich drückte ihn mit aller Kraft herunter und bekam einen heftigen Schlag mit dem Ellenbogen am Kopf ab. Es war so schmerzhaft, dass ich sofort losließ, den Tritt bekam ich kaum noch mit.
Über mir entfernte sich die schillernde Wasseroberfläche immer mehr, die Dunkelheit hüllte mich ein. Und dann fühlte ich seine Hand. Später vermochte keiner von uns beiden mehr zu sagen, wie wir es geschafft hatten, ans Ufer zu kommen.
Wir lagen in der warmen Sonne, rangen keuchend nach Luft und zitterten noch von dem eben erst überstandenen Schrecken.
„Es tut mir leid!“, keuchte Lancelot.
„Ich wollte dir nicht weh tun! Ich möchte dir niemals weh tun!“
Heute
Guinever wachte ruckartig auf. Sie fühlte sich, als würde sie ersticken. Absolute Finsternis umgab sie. In plötzlicher Panik schlug und trat sie aus, bis die Finsternis um sie herum plötzlich einen Riss bekam.
Dann erst merkte sie, dass sie verzweifelt mit ihrer Decke kämpfte. Vor lauter Lachen kugelte sie aus dem Bett und lachte auch auf dem Boden weiter.
„Was machst du denn hier? Guinever!“
Erschrocken blickte das angesprochene Mädchen in das wütende Gesicht einer Frau mittleren Alters, die sich drohend und massiv
über ihr aufbaute, die Hände demonstrativ in die Seiten gestemmt. Hätte sie kein einigermaßen nach einem solchen aussehendes Gesicht, wären oben und unten nur schwerlich auszumachen gewesen.
„Wenn deine Eltern erfahren, dass du zu spät zum Unterricht kommst …“ Sie hob drohend eine Faust und Guinever wich ungewollt einen Schritt zurück.
„Guinever!“ Noch nie hatte sie gehört, wie jemand diesen Namen freundlich aussprach. Niemand, außer …
Der Gedanke entschlüpfte ihr wie ein nasses Stück Seife.
„Du kannst dich glücklich schätzen, dass sie nicht zu Hause sind. Aber warte nur, bis sie wieder da sind!“ Mildreds Augen blitzten feindselig auf.
„Siebzehn Jahre und noch immer kein bisschen klüger als mit vier! Zieh dich an und mach, dass du wegkommst!“
Mit diesen Worten knallte sie die Tür zu und ließ Guinever allein. Diese streckte die Zunge nach ihr aus. Ihre Worte hingen wie ein schlechter Geruch in der Luft.
„Warum hasst sie mich so?“, murmelte Guinever traurig. Sie konnte sich beim besten Willen nicht daran erinnern, was ihr Kindermädchen dermaßen verärgert haben könnte.
Aber Verletzlichkeit konnte sie sich nicht leisten.
Hastig zog sie sich für die Schule an.
Sie konnte ihre dunkelrote Uniform nicht ausstehen. Ebenso wenig wie die steife, weiße Bluse, die weißen Strumpfhosen und die absolut unbequemen schwarzen Lackschuhe. Die ebenfalls schwarze Mütze mit dem Emblem der Schule, einem goldenen Drachen, war die Krönung. Guinever fühlte sich wie ein Lackaffe, als sie ihre Haare zusammenband und die Mütze aufsetzte.
Am liebsten hätte sie den Spiegel zerschlagen, aus dem ihr ein unendlich fremdes Gesicht entgegenblickte.
Hätte sie nicht so traurig dreingesehen, wäre niemand, der sie erblickt hätte, auf einen anderen Gedanken gekommen, als dass sie zwar bildschön aber arrogant war und keine Gefühle besaß außer unbändigem Ehrgeiz.
„Dein Ego ist so groß, dass es den ganzen Klassenraum ausfüllen könnte!“, hatte einmal eine Mitschülerin zu ihr gesagt.
Guinever zeigte nach außen hin keine Gefühle, gab sich im
Gegenteil kalt und abweisend.
Sie verstand nicht, warum man ihr Derartiges nachsagte, denn aufgeblasen und egozentrisch hatte sie sich nie benommen. Ja, sie war gut in der Schule. Die Lehrerinnen der Mädchenschule gaben offen zu, dass sie, obwohl sie erst seit zwei Jahren Schülerin der Einrichtung war, die beste Schülerin seit Gründung des Internats im Jahre des Herrn 1890 war.
Ihre Leistungen kamen nicht von ungefähr. Jeder konnte so gut sein, aber dafür musste auch mindestens ebenso viel gelernt werden.
Bis zu ihrem fünfzehnten Lebensjahr hatte Guinever Privatunterricht gehabt. Alles ausgezeichnete und sehr strenge Lehrer. Sie erinnerte sich gerne an diese Zeit zurück.
Mr. McAllister in den Sprachen Latein, Englisch, Spanisch und Japanisch.
Ms Rose in den Naturwissenschaften Biologie, Chemie, Physik und Mathematik.
Mr. Benson in Literatur und Poesie, Deutsch und Philosophie.
Und letztendlich die liebste von allen: Ms Deborah Lincoln, die sie in Sport, was die Kampfsportarten Taekwondo, Kendo und Ju-Jutsu einschließt, sowie Kunst, Musik (bei ihr lernte sie Gitarre, Klavier, Violine und Schlagzeug spielen) und ein wenig Psychologie nebenher unterrichtete.
Sie hatte so unendlich viel gelernt, sich das Wissen aber auch verbissen in jeder freien Minute angeeignet. Reiten lernte sie fast nebenbei, ebenso Tanzen, Singen, Fechten.
Mit Ms Lincoln verbrachte sie auch ihre Freizeit. Sie brachte ihr vieles einfach so „nebenbei“ bei, bis ihre Eltern sich dazu entschlossen hatten, sie auf diese private Mädchenschule zu schicken.
Niemand hatte so wenige Freunde wie sie.
Das heißt, eigentlich hatte sie keine Freunde mehr.
Mit Ms Lincoln hatte sie über alles reden können.
Auch über … sie wusste es nicht mehr.
Manchmal überkam sie eine vage Erinnerung, aber die verschwand, ehe ihr Bewusstsein sie erfassen konnte. Genau wie ihre Träume. Wütend über sich selbst warf sie sich zuerst den eleganten schwarzdunkelroten Rucksack und dann den schwarzen Poncho über und stapfte in den Schnee hinaus.
Sie hatte einen Entschluss gefasst. Zwar würde dieser weder Mildred noch ihren Eltern und schon gar nicht ihren Lehrerinnen gefallen, aber was kümmerte sie das?
Mochte sie doch erfrieren in dieser kalten Welt – niemanden würde es stören!
„Das du dich da mal nicht irrst!“, flüsterte eine vertraute Stimme in ihrem Kopf.
Im nächsten Moment hatte sie diese Worte schon selbst ausgesprochen und schalt sich einen Idioten.
Guinever fing an zu laufen. Sie rannte so schnell, wie Schnee und Eis es ihr erlaubten, den Blick fest vor sich auf den Boden gerichtet. Sie wollte so schnell wie möglich fort.
Weit fort.
Der Wald war ganz nah …
Sie lief und lief, nur auf ihren unmittelbaren Weg achtend und sah den Hirsch erst im letzten Moment. Er schaute sie aus seinen braunen Augen ohne die geringste Angst an.
Irritiert versuchte sie zu bremsen, glitt aber auf dem eisigen Grund aus. Verzweifelt um ihr Gleichgewicht bemüht, ruderte sie mit den Armen in der kalten Luft. Vergebens!
Sie prallte hart mit dem Kopf auf und blieb bewusstlos liegen.
Der Hirsch betrachtete sie einen winzigen Moment.
Erst dann lief er fort.
Damals
„Genny, sag mir doch bitte, was mit dir los ist!“, bat Lancelot.
Er konnte mich nicht verstehen. Wie denn auch? Ich saß vor ihm wie ein Häufchen Elend und mir fehlten die Worte.
Seit dem letzten Mal, als wir einander hier in seiner Welt gesehen hatten, waren fast sechs Monate vergangen. In dieser Zeit hatte sich so einiges geändert.
„Ich kann nicht mit dir schwimmen gehen …“, murmelte ich resigniert. „Nicht heute, nicht morgen – und übermorgen auch nicht!“
Lancelot stemmte verärgert die Fäuste in die Seiten.
„Und warum nicht, bitteschön? Ist Euer Durchlaucht auf einmal wasserscheu geworden? Du bist beinahe mehr Wasserratte als ich! Oder möchtest du auf einmal nicht mehr mit mir zusammen sein?
Hast du Angst vor mir? Schämst du dich auf einmal, dass wir nackt schwimmen gehen? Mensch, ich habe das Gefühl, wir beide haben uns öfter nackt gesehen, als deine Eltern dich jemals angeschaut haben!“
Er schürzte beleidigt die Lippen und schmollte vor sich hin. Eigentlich ganz süß, wäre ich nicht so verlegen gewesen, hätte ich ihm durchs Haar gewuschelt, damit er seine Unterlippe wieder einfuhr.
„Nein …“ Meine Wangen und Ohren waren rot vor Verlegenheit.
„Du weißt doch, dass mir das nichts ausmacht. Es ist etwas anderes. Denk doch mal nach! Ich bin jetzt fast zwölf! Und außerdem …“ Eigentlich wollte ich witzig sein, aber ich merkte sofort, dass es nicht funktionierte, „außerdem möchte ich nicht so gerne beinahe wieder ertrinken. Hinterher saufen wir beide wieder bei dem Versuch ab, uns gegenseitig das Leben zu retten …“
Lancelot schmollte weiter vor sich hin.
„Kannst du mir nicht wenigstens einen kleinen Tipp geben? Langsam glaube ich fast, du hast irgendeine Krankheit und willst mich von dir stoßen, damit du in aller Stille und Einsamkeit wie eine Wölfin deine Wunden lecken kannst.“
Ich spürte, wie meine Ohren unfassbarer Weise noch röter wurden. „Ich kann nicht.“
Entweder konnte Lancelot nicht verstehen oder, was wahrscheinlicher war, er wollte es ganz einfach nicht. Meine Ohren leuchteten es ihm doch förmlich entgegen!
Schließlich zuckte er nur mit den Schultern und ging, ohne ein weiteres Wort zu verlieren.
Er ließ mich zurück. Einfach so.
Ich schluckte meinen Ärger und die Tränen herunter und schob störrisch mein Kinn vor. Es gab halt eben Dinge auf der Welt, über die redete man nicht einfach mit einem pubertierenden Jungen, der mich letztendlich doch nur auslachen oder das Weite suchen würde. Oder beides.
Bald ist wieder Vollmond. Bis dahin würde alles wieder vorbei sein. Obwohl es jeden Monat wiederkehren wird, wie mir Lancelots Ma erklärt hatte. Und während dieser Zeit sollte ich es vermeiden, in einem offenen Gewässer zu schwimmen, sowie überhaupt bestimmte Dinge (an die ich noch nicht einmal im Traum gedacht hatte!) mit Lancelot oder sonst einem Jungen zu tun, solange ich nicht entschlossen war, diesen Jungen auch zu heiraten. Sie hatte mir ausführlich erklärt, dass sich daraus ein Umstand mit dickem Bauch für mich ergeben könnte (worüber ich dank der Biologiestunden bei Ms Rose schon ausführlich Bescheid wusste). Ich wusste, dass ich nicht mehr zurückkehren würde.
Meine Eltern waren im Begriff, mich wegen meiner „blühenden Phantasie“ und der regelmäßig auftretenden einmonatigen Unauffindbarkeit zum Psychiater zu schicken. Na ja, wenn man so viel Geld hat, kann man es ja getrost für derlei unnötige Dinge aus dem Fenster werfen …
Sie drohten mir auch mit einer privaten Mädchenschule, da sich meine Privatlehrer allmählich weigerten, mich weiterhin zu unterrichten.
Ich wusste, dass das nicht stimmte.
Insbesondere Ms Lincoln arbeitete gerne mit mir. Sie lobte mich als ausgezeichnete Sportlerin – und darüber hinaus wusste sie über mein kleines Geheimnis Bescheid.
Ich seufzte, stand von meinem Lager auf und beugte mich weit aus dem Fenster hinaus, um tief durchzuatmen.
Da war er: Lancelot.
Er beugte sich vom Rücken seines Pferdes zu einer Magd herunter, die älter war als ich. Und gab ihr einen Kuss auf die Wange.
Ich erstarrte und konnte mich nicht rühren, auch als Lancelot schon lange fortgeritten war.
Was kümmert es mich, ob er eine andere mag oder nicht?! dachte ich ironisch. Bald ist wieder Vollmond. Dann verlässt der Drache seine Höhle und ich kann heimkehren. Heim …
„Bist du traurig, Guinever?“
Lancelots Mutter stand im Türrahmen. Ich konnte ihren mitfühlenden Blick spüren, der auf mir lag. Auf mir, dem Mädchen mit den pechschwarzen Haaren. Ich schluckte und versuchte verzweifelt, mir nichts anmerken zu lassen. Aber die Tränen waren einfach zu stark und sie hatten sich schon eine geraume Weile angestaut.
Sie kam zu mir und nahm mich in die Arme.
„Komm schon, Kleines. Du bist jetzt eine Lady! Sei nicht traurig. Außerdem schickt es sich nicht mehr, mit einem so großen, dummen Jungen wie Lancelot schwimmen zu gehen. Nicht mehr lange, und er wird der Knappe seines Herrn, bei dem er auch Page gewesen ist. Sein Ritter ist ein strenger aber gerechter Mann. Er wird ihm den Kopf schon zurechtsetzen. Und wenn er erst einmal in Camelot ist, wird er nicht mehr so viel Zeit haben, um mit dir Dummheiten auszuhecken.“ Ich spürte, wie sie lächelte.
„Aber wer weiß? In ein paar Jahren vielleicht, … wenn er selbst ein Ritter ist … Ich weiß nicht genau, wie du zu ihm stehst, aber ich kann mit Sicherheit sagen, dass er dir niemals wissentlich weh tun würde. Im Gegenteil! Er möchte dich beschützen wie ein Wolf seine Wölfin …“
Ich hörte nur zu und schwieg.
In gewissem Sinne trösteten mich diese Worte. Aber mein Entschluss war gefasst: Ich würde … ich durfte nicht mehr zurückkehren.
Ich musste diesem wundervollen Ort fernbleiben.
Diesem Ort.
Und Lancelot.
Endlich war wieder Vollmond.
Ich harrte in meinem Versteck aus, wartete nur darauf, dass der Drache seine Höhle verließ und vermied jeden Gedanken daran, was ich alles im Begriff war, hinter mir zu lassen. Für immer.
Ein Schimmern von smaragdgrünen Schuppen lenkte mich von diesem schmerzlichen Gedanken ab. Der Drache war anmutig und wunderschön anzusehen. Erst streckte er seinen Kopf mit den wie Bernstein leuchtenden Augen aus der Höhle heraus und sondierte die Umgebung. Ich duckte mich tiefer in mein Versteck. Dann wagte er sich vorsichtig ganz heraus, spreizte seine mächtigen schillernden Flügel und verschwand durch die Baumwipfel hindurch in den Himmel, an dem der Vollmond wie eine runde silberne Scheibe hing und alles in sein mildes Licht tauchte.
Rasch verließ ich mein Versteck und lief eilig in die Höhle.
Nach Hause …
Diese Worte waren ohne Bedeutung für mich.
Mein Zuhause war hier.
Und ich war im Begriff, es für immer zu verlassen.
„Ich werde eines Tages wieder zu dir kommen, Guinever!“, trug mir der Wind ein Flüstern ans Ohr.
War da jemand gewesen?
Und schon hatte mich die Finsternis verschluckt.
Heute
Guinever schlug die Augen auf.
Ihr Kopf fühlte sich an, als hätte ihr jemand eine mit dem Vorschlaghammer übergezogen. Er brummte entsetzlich!
Als sie sich langsam aufrichtete, begann sich alles um sie herum zu drehen. Aber sie biss die Zähne zusammen und stand zitternd auf. Schwindel überkam sie und zwang sie beinahe wieder in die Knie. Sie stützte sich an einen Baum, bis das Achterbahn-Gefühl allmählich ein wenig nachließ und schließlich fast ganz verschwand. Erst jetzt bemerkte sie, dass die Schatten um einiges länger geworden waren, als sie es bei ihrem Weggehen gewesen waren. Sich innerlich schon gegen die bevorstehende Standpauke wappnend, setzte sie langsam einen Fuß vor den anderen. Frierend. Nach Hause …
Diese Worte brachten ihr keinen Trost.
Gedankenfetzen schwirrten ihr durch den Kopf …
„Hast du Angst vor mir?“
„Wenn er selbst ein Ritter ist … Er möchte dich beschützen wie ein Wolf seine Wölfin …“
Guinever hatte keine Ahnung, woher diese Gedanken kamen. Sie konnte sich noch immer nicht erinnern.
Die Kälte wurde beißender und lenkte sie ab.
Frierend und schwindlig erreichte sie das elterliche Haus. Inzwischen prangten die Sterne und ein beinahe blau leuchtender Vollmond am Himmel.
Plötzlich schien er ein Gesicht zu haben. Ein Gesicht, das freundlich lächelte …
Eine Gestalt tänzelte über den Schnee, ohne diesen zu berühren, und folgte Guinever mit einigen Überschlägen ins Haus …
( 02 ) DER LETZTE AUSWEG
Hier und heute
Es war Mildred, die Guinever beim Hochschleichen in ihr Zimmer erwischte. Oder präzise ausgedrückt: Es war ihr Wanst, von dem sie abprallte und infolgedessen sie auf dem Hosenboden landete.
Beinahe augenblicklich setzte das Schwindelgefühl mit unbarmherziger
Wucht wieder ein. Die kaum zu durchdringende Dunkelheit verschwamm vor Guinevers Gesicht und bildete tanzende Schatten aus geballter Finsternis.
Und in einem jener Schatten tauchte plötzlich Mildreds Gesicht auf: Groß, hart, unbarmherzig. Aber vor allen Dingen groß!
Guinever zuckte erschrocken zurück und schüttelte benommen den Kopf, als aus dem einen Gesicht plötzlich drei wurden, die einander umkreisten …
Drei Paar Augen starrten sie feindselig an, und als sich die drei Münder öffneten, um sie auszuschimpfen, wabbelten die Backen im Takt der Worte.
Sie schlug sich eine Hand vor den Mund, sprang auf und rannte zur nächstgelegenen Toilette, wo sie sich laut würgend erbrach. Ihrem Magen schien es egal zu sein, dass er eigentlich nichts beinhaltete. Er forderte sie im Gegenteil weiterhin dazu auf, sich zu erbrechen. Und als Mildred die Beleuchtung anschaltete, stach das Licht ihr wie Nadeln in den Augen. Immerhin war die Übelkeit ein wenig zurück gegangen. Aber schlecht war ihr immer noch.
Hätte sie sich nicht an Mildreds Ausschnitt, der einen dezenten Blick auf ihren Riesenbusen erlaubte, festgehalten, wäre sie gestürzt.
Es vergingen einige Momente, ehe sie sich leicht schwankend auf den Beinen halten konnte.
„Danke“, murmelte Guinever.
Mildred trat demonstrativ einen Schritt zurück.
„Du brauchst mir nicht zu danken“, gab sie kurz angebunden zurück. „Deine Eltern werden dir schon noch eine erinnerungswürdige
Standpauke halten! Wer weiß, was du betrunken wie du bist angestellt hast!“
Mit diesen Worten wandte sie Guinever den Rücken zu und ging. Diese blieb zurück, den Mund vor Empörung offenstehend.
So etwas Lächerliches hatte sie schon lange nicht mehr gehört!
Seit gut … fünf Jahren nicht mehr!
An die Zeit davor konnte sie sich kaum erinnern. Vieles war verschleiert, vieles vergessen.
Sie streckte ihren Rücken gerade und bereitete sich innerlich auf die Konversation mit ihren Eltern vor.
Der Kronleuchter erfüllte den Salon mit einem dämmrigen Licht. Zu düster, um gut für die Augen zu sein. Und in ihrem momentanen Zustand bekam ihr auch dieses Licht nicht. Es tat ihr weh in den Augen und schmerzte im Kopf …
Ihr Vater stand in einem Smoking an der Bar und goss sich ein Glas Whiskey ein. Ihre Mutter saß mit einem arrogant anmutenden Gesichtsausdruck im Ledersessel und rauchte. Sie trug ein schwarzes Abendkleid.
Sie mussten also gleich zu irgendeiner Veranstaltung aufbrechen. Genny empfand nicht mehr viel für ihre Eltern.
Mittlerweile glaubte sie sogar sagen zu können, dass sie ihr gleichgültig waren.
Sie wollte gerade den Mund zu einem höflichen „Guten Abend!“ öffnen, als ihr Vater ihr mit einer herrischen Geste das Wort abschnitt.
„So dankst du uns all das, was wir für dich tun?“, begann er unfreundlich.
„Wie kannst du uns so hintergehen? Haben wir nicht alles gegeben? Kleider, ein Heim, eine gute Schule, die deine Talente fördert?!“
“Du solltest dich schämen, uns so zu enttäuschen!“, fügte ihre Mutter mit gelangweiltem Unterton in der Stimme hinzu.
„Charles“, fuhr sie an ihren Mann gewandt, fort, „dieses Kind war deine Idee. Du weißt, ich wollte keines. Und wenn, dann einen Jungen. Du siehst ja selbst, was aus ihr geworden ist: Sie schwänzt die Schule und trinkt!“
“Das ist nicht wahr!“, brach es aus Guinever heraus.
„Ich … ich hatte einen …“
“Lüg nicht! Man konnte dich bis hierhin kotzen hören!“, unterbrach ihr Vater sie. Die Mutter winkte ab.
Sie stand auf und versetzte ihrer Tochter eine schallende Ohrfeige. Guinever musste sich beherrschen, nicht zurück zu schlagen.
Das alles konnte nichts anderes als ein Albtraum sein!
Niemand hatte solche Rabeneltern!
Niemals konnte jemand so gefühlskalt, arrogant und verletzend sein! Ihr Blick flackerte einen Moment, das Schwindelgefühl drohte wieder über sie hereinzubrechen – aber sie kämpfte es tapfer nieder.
Worte lagen ihr auf der Zunge, die sie in gefährlich leisem Ton hervorbrachte:
„Behandelt mich gefälligst nicht wie eine Puppe, die ihr nach Belieben in die Ecke schmeißt oder hervorholt, um sie irgendeinem arroganten Wichtigtuer zu zeigen!“
Sie versuchte, sich auch weiterhin zu beherrschen, schaffte es dann aber doch nicht mehr.
„Ich bin nicht euer Spielzeug!“, schrie sie.
Ein zweiter Schlag traf ihre Wange.
„Rede nicht in diesem Ton mit uns!“, herrschte ihre Mutter sie an. „Ich habe dich geboren – was ich übrigens sehr bereue. Von uns bist du aufgezogen worden, und wir werden dich so lange so behandeln, wie wir es für richtig halten, bis du verheiratet bist und wir dich endlich los sind!“
Guinevers Wange war heiß und brannte, so wie die Worte, die ihr entgegen geschleudert worden waren. Ihr Kopf dröhnte und schmerzte wie verrückt.
Aber sie widerstand der Versuchung, die Hand an den schmerzenden Kopf zu heben.
„So gemeine Biester wie euch dürfte es in Gottes Schöpfung eigentlich gar nicht geben!“, murmelte sie zornig.
So leise es auch war, ihr Vater hatte sie verstanden. Mit drei Schritten war er bei ihr. Seine Hand traf ihre andere Wange. Guinever stürzte von der Wucht des Schlages getroffen zu Boden. Ihr Kopf drohte zu platzen, das Zimmer drehte sich wie ein Karussell. „Du hast Stubenarrest bis zum Ende des Jahres. Das sind nur noch knapp acht Wochen. Innerhalb der restlich verbleibenden Schulzeit entbinde ich dich vom Unterricht. Dafür gehst du zum Psychiater. Ich vereinbare noch heute einen Termin für dich. Und nun geh auf dein
Zimmer!“
Guinever mühte sich auf die Beine, möglichst ohne ihre Schwäche zu zeigen. Sie warf einen letzten gleichgültigen Blick auf die Gesichter ihrer Eltern und machte sich wortlos auf den Weg in ihr Zimmer.
Man behandelte sie wie ein kleines Kind, das mit voller Absicht das elterliche Haus oder die Schule in Brand gesetzt hatte.
Womit hatte sie nur diese Ablehnung, diesen Hass verdient?
Ihr war speiübel.
Im Salon unterhielten sich ihre Eltern weiterhin in fast unbeherrschtem Tonfall.
„Es war bestimmt wieder dieser Lancelot, ihr dämlicher imaginärer Freund!“, keifte ihre Mutter.
„Das kann unmöglich sein!“, widersprach ihr Vater.
„Der Psychiater hat uns versichert, seine Hypnose sei absolut sicher. Lancelot kann nicht zurückgekehrt sein!“
“Lass mich dir helfen!“ Mildred reichte ihr die Hand und stützte sie. Ihr Gesicht war mit einem Mal weich und freundlich.
Wie das einer Mutter sein sollte, einer Freundin.
Sie half ihr ins Bad, wo sie schon fürsorglich ein Vollbad eingelassen hatte.
„Ich komme gleich zurück und helfe dir raus.“ Sie lächelte und erklärte:
„Deine Beule habe ich inzwischen bemerkt. Und“, fügte sie hinzu, „so hätten selbst die Herrschaften nicht mit dir umgehen dürfen!“
Irgendwann später lag Guinever im Bett ihres ruhigen Zimmers, fürsorglich von Mildred mit der flauschig weichen Daunendecke zugedeckt. Sie dachte nochmals über Mildreds Worte und ihr verwandeltes Verhalten nach. Nun hatte sie wenigstens eine Erklärung für die anfängliche Feindseligkeit ihrer Kinderfrau: Lancelot und sie selbst hatten ihr, die es nur gut mit ihr gemeint hat, etliche mehr oder weniger lustige Streiche gespielt und ziemliche Sorgen bereitet.
Glücklicherweise gab es nun endlich wieder jemanden in diesem Haus, der freundlich zu Guinever war. Wirklich freundlich. Und darüber war sie unsagbar froh.
Ihr Magen knurrte auch nicht mehr dank des kleinen Imbisses aus
Sandwiches und heißem Zitronentee, den Mildred ihr zubereitet hatte.
Und irgendetwas musste im Tee gewesen sein, denn die Kopfschmerzen ließen nach und waren nur noch als dumpfes Pochen zu verspüren.
Wohltuende Müdigkeit überkam sie …
„Du willst doch jetzt nicht etwa einschlafen, Genny?!“
Die entfernt bekannte Stimme, die plötzlich in der Dunkelheit zu hören war, riss sie fast augenblicklich aus den Armen des Schlafes. Binnen einer Sekunde saß sie aufrecht im Bett und in fast demselben Moment kehrten ihre Kopfschmerzen wieder zurück. Sie blinzelte und sah schließlich die Silhouette eines Mannes vor ihrem Fenster.
Das Mondlicht warf seinen Schatten auf ihr Bett.
Mondlicht?
Mildred hatte die Vorhänge doch zugezogen!
„Lancelot?“, fragte sie zaghaft.
Der Mann lachte leise und drehte sich zu ihr um.
„Wie ich sehe, hast du mich noch nicht ganz vergessen …“
Über seine Lippen huschte ein schalkhaftes Grinsen, das ebenso plötzlich verschwand wie es aufgetaucht war.
„Ich hätte deine Eltern dafür umbringen können, wie sie mit dir umgegangen sind!“ Er seufzte.
„Aber wenigstens war Mildred freundlich zu dir.“
Er musterte Guinever forschend und seinem Blick schien nichts zu entgehen.
„Genny, was ist los mit dir? Erzähle mir davon!“
Er setzte sich auf die Bettkante und sah sie auffordernd an.
Ihren lange vergessenen Freund wiedergefunden zu haben, brachte sie um das letzte bisschen Selbstbeherrschung, die Guinever sich gerade eben noch zusammenkratzen konnte …
Sie sah ihn und konnte es dennoch nicht glauben. Und dann fing sie an zu weinen.
Mit einem Mal brachen all die Verzweiflung und Wut, all die Traurigkeit und Einsamkeit der letzten Jahre aus ihr heraus. Alle Gefühle, die sich in den vergangenen fünf Jahren angestaut hatten, flossen mit den Tränen fort.
Lancelot, überrascht von ihrem Tränenausbruch, schloss sie in die
Arme und hielt sie fest.
„Hej, hej! Mein Anblick ist doch nicht so verzweifelt schlecht, dass man in Tränen ausbrechen muss!“, versuchte er zu scherzen.
