Baumsterben - Christoph Stoll - E-Book
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Baumsterben E-Book

Christoph Stoll

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Beschreibung

Langsam und mörderisch fallen die Bäume im 2. Band der Forsthaus-Krimi-Reihe von Christoph Stoll. Kunstlehrer und Waldbesitzer Justus Hauer muss wieder ermitteln.  Denn trotz idyllischer Lichtungen und wohltuender Stille ist der Wald in Christoph Stolls Krimis nicht immer ein friedlicher Ort. In »Baumsterben« wird der Wald vielmehr Gegenstand von Gier und Intrigen, Streit und Missgunst – eine gefährliche Mischung.  Ein Krachen in der stillen, sternlosen Nacht. Ein mächtiger Baum fällt mit brutaler Wucht auf ein Einfamilienhaus. Da Justus Hauer als Waldbesitzer für den Baum, der das Haus der Ortsbürgermeisterin getroffen hat, verantwortlich ist, muss er sich zum Forsthaus aufmachen. Der Baum war so gefällt worden, dass er das Haus treffen sollte. Ein Mordversuch oder eine Einschüchterung? Justus und Kommissarin Helliger nehmen die Ermittlungen auf … und kommen sich noch etwas näher.  In »Baumsterben« wird Christoph Stolls Held Justus Hauer erneut zum unfreiwilligen Ermittler. Dabei ist der sympathische Kunstlehrer scheinbar so gar nicht dafür geeignet: Strategie ist nicht seine Stärke, systematisches Denken ebenso wenig, etwas ungeschickt ist er auch. Doch dafür kennt er den Wald und hat ein geschultes Auge für Details …  Leichtfüßig, mit klugem Humor und einem überraschenden Fall: Die Forsthauskrimis von Christoph Stoll kombinieren geschickt ein idyllisches Setting – ein Forsthaus an der Lahn -, einen sympathischen Ermittler wider Willen und raffinierte Fälle.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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© Piper Verlag GmbH, München 2024

Redaktion: Regine Weisbrod

Covergestaltung: t. mutzenbach design, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence (München) mit abavo vlow (Buchloe)

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Text bei Büchern ohne inhaltsrelevante Abbildungen:

Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Kapitel 1

Eine dunkle, sternenlose Nacht im Lahntal. Aus dem Nichts wird die Stille durch ein zunächst kaum wahrnehmbares Geräusch gestört. Ein leises Knistern steigert sich mit rasender Geschwindigkeit zu einem großen, krachenden Getöse. Mit infernalischer Lautstärke stürzt eine gewaltige Fichte um. Pfeifende Geräusche orchestrieren das Kippen des Baumes mit seinen mächtigen Ästen. Die gewaltige Spitze lässt beim Auftreffen Dachziegel eines Wohnhauses im Ortsteil Lahntal von Lahnberg splittern und mit klirrendem Geräusch auf dem Boden einer Terrasse zerplatzen. Der riesige Stamm, der mehr als dreißig Meter misst, liegt zitternd quer über Terrasse und Garten des Einfamilienhauses. Die fatale Verwüstung benötigte nur Sekunden.

Um drei Uhr nachts klingelt in Frankfurt bei Studienrat Justus Hauer das Handy am Bett. Der Klingelton ist hartnäckig. Muss er auch sein, denn Justus Hauer befindet sich in Schlummerland. Als er im Halbschlaf bemerkt, dass Ignoranz keine Option ist, gehen ihm blitzschnell die möglichen Anrufer durch den Kopf: Ist was mit seiner Mutter im einsamen Forsthaus, ist es ein Schülerstreich oder die Kundenzufriedenheitsumfrage seines Waschmaschinenherstellers? Endlich findet er das Handy. Auf dem Display steht unmissverständlich Friederike Mahr. Warum ruft ihn die Försterin seines bescheidenen Waldstücks mitten in der Nacht an? Jetzt ist Justus hellwach. Auch ohne eine Lampe einzuschalten, ohne Kaffee, ohne alles.

»Was gibt’s denn? Hat sich in meinem Revier der Dachs verlaufen, der Hirsch Husten oder der Fuchs Liebeskummer?« Justus erschrickt ein wenig, als er sich so sprechen hört. Dafür kennen sich die beiden eigentlich viel zu lange.

»Nein, sorry, also ehrlich, warum rufst du mich an? Du weißt schon«, forschender Blick aufs Handy, »dass es mitten in der Nacht ist?«

Immerhin kommt es so zu keiner weiteren verbalen Entgleisung.

»Justus, ich reiß’ mich auch nicht darum, aber wenn es dir hilft, ich bin schon seit halb zwei auf den Beinen.«

Schweigen im Schlafzimmer Hauer.

»Also ich erklär’s dir kurz. So um kurz nach eins ist heute Nacht eine große Fichte umgestürzt.«

Justus denkt nur: So was kann in der Natur und besonders in einem Wald vorkommen. Baum krank, Wind stark, Schwerkraft im Einsatz, da bleibt das nicht aus.

Justus gähnt. »Also, ein Baum ist umgefallen?«

»Der Baum steht oder, besser gesagt, stand in deinem Waldstück direkt oberhalb der Wagners in Lahntal.«

Justus fühlt sich bemüßigt, das von seinem Vater – Förster in elfter Generation – vermittelte Wissen gegenüber der Revier-Fachkraft ins Spiel zu bringen: »Na ja, das sind ja auch nur Flachwurzler.« Er findet das ziemlich fachmännisch. Gerade wenn man kein Lodengrün trägt, sondern sich als Kunstlehrer mit Bildern, Perspektiven und Epochen beschäftigt.

Justus bemerkt, dass die Försterin nicht in Stimmung für solche Einlassungen ist.

Nach einem etwas zu langen Atemholen von Friederike Mahr, was wohl als ein Anflug von Verzweiflung bei dieser nächtlichen Kommunikation zu verstehen ist, findet sie zu ihrer klaren Linie zurück, die ihr ganzes Leben begleitet. Für Justus sind gerade Linien so ziemlich das Langweiligste, was er sich vorstellen kann, aber für ihre Klarheit liebt er Friederike schon. Deshalb ist sie auch die »Frieda« für ihn.

Friederike legt nun los. Ihr Ton signalisiert: Kein weiterer Stopp auf dieser Strecke!

»Also, die Fichte hat beim Umstürzen das Haus unserer Bürgermeisterin gestreift. Der Dachvorsprung hat ganz schön was abbekommen. Jetzt liegt das Monster halb auf der Terrasse und halb im Garten. Zumindest sind das Klettergerüst und die Schaukel der Kinder noch ganz. Aber du kannst dir vorstellen, da war die Aufregung groß. Sie, ihr Mann und die beiden Kinder haben im Dachgeschoss geschlafen, als der Baum umgestürzt ist, also das war schon knapp!«

»Ich versteh immer noch nicht …«, will Justus anfügen, da fährt Friederike Mahr fort:

»Die Wagners haben mich dann angerufen. Wahrscheinlich hatten sie Angst, dass noch ein anderer Baum durch den Sturz gestreift und gelockert wurde und nun ebenfalls Richtung Haus fallen könnte. Na ja, und im Dunkeln ist die Angst natürlich auch noch mal größer. Außerdem war es zu der Zeit vollkommen windstill. Klar ist da ein umstürzender Baum ziemlich unheimlich!«

Nun kann er Friedas aufgeregten Tonfall ein Stück weit verstehen. Das hört sich nicht nach einer friedlichen Waldansicht à la Caspar David Friedrich an. So weit kann er zumindest folgen.

»Ich bin dann sofort von Lahnberg nach Lahntal runtergefahren, habe die erst einmal beruhigt. Dann habe ich mir meine Taschenlampe geschnappt und mir den Baumstumpf angeschaut.«

»Ja und?«, kommt es matt von Justus, der innerlich schon einmal den Weg Richtung Weiterschlafen eingeschlagen hat.

»Du wirst dich wundern!«

Justus merkt, dass er absolut nicht bereit ist, sich zu wundern.

»Der Baum ist abgesägt worden. Ganz klar. Wahrscheinlich keine Motorsäge, damit’s keiner hört. Und jetzt kommt das Größte!«

Bei Justus werden die Gehirnströme immer noch nicht fluide. Warum nachts sägen? Klar weiß er, dass es in alter Tradition gute Zeiten fürs Fällen gibt, wie zum Beispiel zwischen Weihnachten und Heilige Drei Könige, denn da ist nur noch sehr wenig Feuchtigkeit in den Stämmen, aber jetzt ist Oktober, und es ist mitten in der Nacht. Immer noch.

»Die Fallkerbe war exakt so ausgerichtet, dass der Baum auf das Haus der Bürgermeisterin fallen musste. Du weißt, was das bedeutet?«

»Nichts Gutes?«, kommt es stimmlos von Justus.

»Also: ich habe dann die Polizei gerufen, die haben sich das angeschaut. Und deswegen rufe ich dich an, es soll heute Nachmittag um vierzehn Uhr einen Termin mit der Polizei, den Wagners und der Versicherung von den Wagners geben. Die Presse wird bestimmt auch da sein. Die haben ja ihre Connections zur Polizei, und nachdem sich letzte Woche der böse Wolf als netter, Hundesteuer zahlender Schäferhund-Mischling geoutet hat und deshalb kein Thema mehr für Schlagzeilen ist, werden die sich nun darauf stürzen. Und: du müsstest dich bitte auch herbemühen. Immerhin ist es dein Baum.«

Mit solchen Bäumen will Justus eigentlich nichts zu tun haben. Aber der Wald gehört nun mal den Hauers. Warum können sie nicht einfach eine dauervermietete Dreizimmerwohnung am Stadtrand Frankfurts anstatt eines Forsthauses im fernen Lahntal besitzen?

»Schaffst du das?«, fragt die Försterin schnell nach.

Wahrscheinlich hat sie Angst, dass ich gleich wieder einschlafe, denkt Justus müde.

»Ja, das bekomme ich hin. Muss ich ja wohl.«

»Gut, dann bis heute Nachmittag«, hört Justus Frieda sagen. Präzise wie ein Befehl.

Das Gespräch hat Labrador George II überzeugt, dass die Nacht nun zu Ende ist und er jetzt mit Fressen und einem Spaziergang rechnen kann. So sitzt er aufmerksam und schwanzwedelnd vor Justus’ Bett. Justus starrt in die braunen Augen seines Hundes, die ihn liebevoll fixieren. Es ist immer noch mitten in der Nacht, aber der Magen eines Labradors kennt keine Ruhezeiten. Warum eigentlich nicht? Justus ist zu müde zum Denken. Er macht das Licht aus und wartet darauf, dass George II sich wieder zu seinem Weidenkörbchen (Handarbeit aus Yorkshire!) trollt. Im Einschlafen hört er nichts. Alles ist gut. Das kurze Geräusch eines Hundes, der Anlauf nimmt und exakt eine Sekunde später ein kleines Matratzenbeben mit der Stärke sechs auf der Richterskala auslöst, gehört wieder einmal zu den typischen Fehleinschätzungen des Justus Hauer. George II hat seinen standesgemäßen Schlafplatz gewählt. Damit muss Justus nun schlafen können.

Kapitel 2

Am nächsten Morgen, der viel zu früh ins Zimmer schleicht, muss Justus kurz sortieren, ob der nächtliche Anruf vielleicht ein Traum war. George II am Fußende des Bettes lässt da allerdings keinen Zweifel aufkommen. Also erst einmal Schule. Justus versucht sich zu beeilen, was aber nur dazu führt, dass sich der Rest seines Kaffeebechers mit dem praktischen Klickverschluss, bei dem der Zeigefinger immer schnell vergisst, ob er geschlossen oder noch gedrückt ist, in die Studienrats-Aktentasche ergießt. Die Klassenarbeiten des Elfer-Grundkurses sind nun alle schön braun gebatikt. Also doch lieber im gemäßigten Justus-Tempo weiter.

Pünktlich beim Schulgong betritt er das Gebäude. Er nimmt es zumindest für Pünktlichkeit. Was für Schüler gilt, sollte auch für Lehrer gelten. Den Unterricht hat er ja im Kopf. Genauso pünktlich verlässt er mit dem Endgong der fünften Stunde das Gebäude. Zu Hause noch schnell George II einpacken, und schon geht es aus Frankfurt Richtung Lahn.

Er fährt direkt nach Lahntal, der kleinen, nur aus sechs Häusern bestehenden Siedlung, die administrativ zu Lahnberg gehört. Er versucht, direkt vor dem Haus der Bürgermeisterin noch eine Lücke zum Parken zu finden. Gar nicht so einfach. Auf der einen Seite fließt die Lahn, auf der anderen gibt es kaum Parkmöglichkeiten. Er erkennt das Auto von Friederike Mahr, und George II erkennt ihren Dackel Elvira im Innern des Kombis. »Love is in the Air«. Daneben noch ein Polizeifahrzeug, ein Pick-up und einen Transporter vom SWR. Oje! Das ganz große Besteck, denkt Justus. Er beschließt, nicht zu klingeln, sondern nimmt gleich den Weg zwischen den Häusern, wo früher gerne die Traktoren geparkt oder die Kanus gestapelt wurden.

Als er am Gartentor ankommt, bleibt er fassungslos stehen. Wo früher ein kleiner, hübsch hergerichteter Garten mit liebevollen Spielmöglichkeiten für die Kinder inklusive Baumhaus war, hat der gefällte Baum eine Spur der Verwüstung hinterlassen.

Die Bürgermeisterin sieht Justus und kommt ihm entgegen, um ihm die Gartenpforte zu öffnen. »Hallo, Justus«, begrüßt ihn Anna Wagner.

Justus erschrickt. Das Gesicht der Dreiunddreißigjährigen, sonst ein Sinnbild für Dynamik und Lebensfreude, wirkt versteinert. Wo sonst die Lippen zwischen den Worten lächeln und die Augen blitzen, ist eine wächserne Leblosigkeit eingezogen. Auch die Stimme, die sonst klar und deutlich Räume zu füllen und Menschen zu erreichen weiß, klingt fahl und heiser.

»Schön, dass du auch da bist. Wir sind hier inzwischen vollständig. Das SWR-Team, das da am Hang rumkraxelt, lassen wir mal außen vor.«

Sie ruft alle Anwesenden zu sich. Hier steht nun ein Halbkreis gleichermaßen staunender und erschrockener Menschen, von denen sich zumindest einige kennen. Da der Gutachter der Wohngebäudeversicherung aus Koblenz kommt, stellt Anna Wagner aber noch einmal alle der Reihe nach vor: »Friederike Mahr, die für das Waldstück zuständige Försterin, Justus Hauer, Besitzer des Waldstücks, in dem der Baum stand, Polizeiobermeister Strecker aus Bad Ems, Versicherungsgutachter Dr. Harald Stamm«, Justus kann nicht anders als zu schmunzeln, »und Jürgen Beckert, Forstwirt. Mein Mann ist übrigens mit den Kindern bei den Großeltern. Ich danke Ihnen, dass Sie es alle möglich gemacht haben, so schnell zu kommen. Wir sind vollständig, also lassen Sie uns mit dem Ortstermin beginnen. Herr Polizeiobermeister Strecker ist so freundlich, alles zu protokollieren.«

Während Anna Wagner bewundernswert ruhig und sachlich weiterspricht, hört Justus ein Auto, das sich auf dem schmalen Weg zum Garten im Schritttempo nähert. Dann sieht er die dazugehörige graue Motorhaube. Er runzelt die Stirn. Nun kann er aus der Entfernung schemenhaft den Fahrer erkennen. Hier hätte ihm allerdings das Gendern beim Denken helfen können, denn es ist eine Fahrerin. Justus hat keine Zeit mehr, sich erst zu wundern und dann zu erschrecken. Er erschrickt sofort. Es ist Kommissarin Kathrin Helliger, die er bei einem Vorfall in seinem Revier im Sommer kennengelernt hatte. Was macht die hier???

Die Kommissarin öffnet die Gartenpforte und wirkt dabei so bestimmend, dass keiner zu fragen wagt, wer sie ist und wie sie hierherkommt. Nach einigen Schritten über den frisch gemähten Rasen ist sie beim Halbkreis angekommen. Keiner sagt ein Wort. Justus denkt nicht mal eins.

»Entschuldigen Sie bitte, dass ich hier so hereinplatze. Mein Name ist Kathrin Helliger von der Kripo Bad Ems. Lieber Herr Strecker, ich habe Sie leider nicht vorab informieren können, dazu ging alles zu schnell. Sorry dafür, lieber Herr Kollege. Ich bin hier, weil die Staatsanwaltschaft sehr besorgt ist, wenn Politiker und Politikerinnen, auch auf der lokalen Ebene, Opfer von Angriffen werden. Deshalb bin ich mit dem hier beschäftigt«, sie zeigt auf den liegenden Baum, »bis ich einschätzen kann, ob es sich hierbei um eine gezielte Tat gegen Frau Ortsbürgermeisterin Wagner handelt oder ob der Vorfall andere Hintergründe hat. Ich ermittle da erst einmal ergebnisoffen.«

Bis jetzt hat sie beim Reden alle angeschaut. Alle bis auf Justus. Er befürchtet, dass er jetzt dran ist. Natürlich wendet sie jetzt ihm den Blick zu. Was tun? Vor Justus läuft in Sekunden ein Kathrin-Helliger-Film ab. Bilder aus dem Sommer, Bilder im Forsthaus, im Wald, bei der Ermittlung, beim Wein … Er merkt, dass er sich nun verhalten muss, am besten irgendwie vernünftig verhalten muss. Die Spannung steigt. Der Puls ist schon oben. Wenn da nur nicht die vielen Menschen wären. Er formuliert dann nickend ein mattes »Hallo«. Unverfänglichkeit kann ein Segen sein, zumindest manchmal, freut er sich dezent.

Kathrin Helliger wäre nicht Kathrin Helliger, wenn sie den Ortstermin nicht systematisch strukturieren würde. Zunächst wird der Verlauf rekonstruiert. Dabei sind die Aussagen und Einschätzungen der Försterin Mahr und die des jungen Forstwirts Beckert extrem wichtig. Der Gutachter der Versicherung ist sichtlich damit beschäftigt, dem Ereignis die richtigen Versicherungsparagrafen und Schadenfallsmerkmale zuzuordnen und dabei vor allem mögliche Leistungsausschlüsse zu identifizieren. Von Frieda erhascht Justus zwischendurch einmal einen Blick, als ob er den Baum abgesägt hätte, nur damit die Kommissarin wieder einen Grund hat, nach Lahnberg zu kommen.

Polizeiobermeister Strecker weicht Kommissarin Helliger nicht von der Seite. Mag Justus das? Aber der Polizeibeamte ist voll und ganz auf das Protokoll konzentriert. Das entspannt nun Justus wieder. Das kann er sich sogar eingestehen.

Nachdem keiner in der Runde mehr etwas beitragen kann und für heute alles besprochen und dokumentiert ist, bittet Kommissarin Helliger kurz um Aufmerksamkeit.

»Ich danke Ihnen, dass wir hier so einen guten Termin hatten. Meine Arbeit geht weiter, denn es ist nach dem ersten Anschein von einem Anschlag auszugehen. Ob es sich um eine Einschüchterung oder versuchten Mord handelt, das werde ich herauszufinden haben. Auf Wiedersehen.«

Sie verteilt noch Visitenkarten. Justus ist gespannt, ob er, der inzwischen etwas abseits steht, auch eine bekommt. Und tatsächlich nähert sie sich ihm und übergibt auch ihm eine. Er bedankt sich, indem er die Karte mit der linken Hand entgegennimmt und ihr – obwohl jetzt wieder die Frau Kommissarin – kurz mit der freien rechten Hand ihren Unterarm berührt. Nur eine Millisekunde. So lange etwa, wie ein Schmetterling benötigt, um einmal die Flügel aneinanderzuschlagen. Eine Millisekunde aber, die ihn noch Minuten danach überrascht und in sonderbare Gedanken hüllt.

Kapitel 3

Justus fängt George II ein und überredet ihn beim Öffnen der Kofferraumtüren seines Minis, immerhin die Kombi-Variante, doch einzusteigen. Auch wenn’s schwerfällt, denn soeben fährt Frieda mit Dackeldame Elvira an seinem Auto vorbei. Game over. Nun biegt er vorsichtig auf die Landstraße, um kurz im alten Forsthaus bei seiner Mutter vorbeizuschauen. Da sieht er den grauen Helliger-Audi auf der anderen Seite entgegenkommen. Sie telefoniert und fährt bereits ziemlich schnell. Ist vielleicht besser so.

Justus genießt es, nach nur einigen Augenblicken von der Landstraße auf den Betonweg abzubiegen, der ihn über viele Kurven zum Forsthaus bringt. Die Laubbäume sind, obwohl schon Anfang Oktober, teilweise noch richtig grün. Nur die Kastanie vor dem Forsthaus hat bereits die meisten Blätter für dieses Jahr entlassen. Justus kennt jeden Ast, von den mächtigen weiter unten bis zu denen in der Höhe, die das Haus überragen. Seitdem es ihm als kleines Kind im Sommer zum ersten Mal gelungen war, den tiefsten Ast zu erklimmen, kletterte er immer wieder in dem Baum herum. Spannend wurde es, wenn er dann aus der Höhe über die Kronen am Hang hinweg die Lahn sehen konnte. Es gab Augenblicke, da konnte er sich als Kind vorstellen, auf einem Baum zu leben. Mehr brauchte er nicht.

Justus schließt vorsichtig die Haustüre auf. Gerda, die Betreuerin seiner Mutter, scheint nicht da zu sein. So geht er vorsichtig durch den schmucklosen Flur Richtung Wohnzimmer, um nach seiner Mutter zu schauen. Sie vorher anzurufen und auf seinen Besuch hinzuweisen, hätte nichts gebracht. Ihre Demenz hätte die Information in tausend Stücke zerrieben und in der Tiefe versenkt.

Sie sitzt in ihrem Sessel. Fast unbeweglich, nur die sich in regelmäßigen Abständen bewegenden Wimpern zeigen, dass sie mit Schauen beschäftigt ist. Justus will sich vorsichtig bemerkbar machen, um sie nicht zu erschrecken, doch George II gibt das Vorauskommando und stürmt zu seiner Mutter. Sie freut sich sichtlich, das Tier zu sehen, und Justus muss nun einen Augenblick warten, bis er mit der Begrüßung an der Reihe ist und sie im Sitzen liebevoll umarmen kann.

Er bleibt, solange es die Aufmerksamkeit seiner Mutter zulässt. Das ist heute eine knappe halbe Stunde. Im und ums Forsthaus sieht auf den ersten Blick alles gut aus, und in einer Woche beginnen seine Herbstferien, die er hier verbringen will. Da ist Zeit für alles.

Bevor Justus den Motor startet, um wieder nach Frankfurt aufzubrechen, holt er sein Handy heraus, um zu sehen, ob es einen Stau auf der A3 kunstvoll zu umfahren gilt. Nein, alles klar! Gerade will er das Handy auf den Beifahrersitz legen, da meldet sich der Signalton für eine WhatsApp-Nachricht. Nach dem schnellen Blick auf das Display ist alles plötzlich nicht mehr so klar.

Kathrin Helliger schreibt Sollen wir reden? Justus legt das Handy vorsichtig zurück. Er weiß ehrlich nicht, was jetzt richtig wäre. Er fährt lieber los.

Der steile Betonweg beansprucht seine ganze Aufmerksamkeit. Einen Fuchs, der hinter einem Ginsterbusch Schutz sucht, nimmt er nicht einmal wahr. Während er über die Autobahn fährt, schaltet er das Autoradio ein. In den regionalen Nachrichten ist es das erste Thema: »Schock im Lahntal: Anschlag auf eine Bürgermeisterin. Die Bürgerinnen und Bürger von Lahntal, aber auch darüber hinaus sind erschüttert, dass es einen Anschlag auf die dreiunddreißigjährige Bürgermeisterin Anna Wagner, Mutter von zwei Kindern, gegeben hat. Die Kriminalpolizei ermittelt. Der Staatsschutz ist eingebunden. Über das Motiv gibt es noch keine Erkenntnisse, es wird aber in der Lokalpolitik vermutet.« Justus schaltet das Radio aus. Wie lange kennt er nun schon Anna Wagner? Es sind bestimmt zehn Jahre. Das war, als sie mit ihrem Mann das etwas vernachlässigte Haus in Lahntal kaufte. Justus wurde damals hinzugezogen, da das Grundstück direkt an das Hauer’sche Waldstück am Steilhang grenzte. Da musste die Grundstücksgrenze abgegangen werden, weil es an der Stelle keine Grenzsteine gab. Das junge Ehepaar war nach dem Studium hierhergezogen. Anna Wagner war da mit Sohn Max schwanger, und sie wollten für ihre Familie ganz bewusst ein Nest in der Natur bauen. Nach der Geburt von Tochter Mia begann sie sich in der örtlichen Politik zu engagieren. Sie schrieb Artikel in der Lokalpresse über Umweltthemen, organisierte Diskussionsveranstaltungen, und zwar ohne eine Parteizugehörigkeit. Das fanden viele merkwürdig. So kann man doch nichts ausrichten! Bei der Ortsbürgermeisterwahl vor drei Jahren ließ sie sich aufstellen. Die SPD-Kandidatin und der sich zur Wiederwahl stellende CDU-Bürgermeister konnten das nicht ernst nehmen. Aber Anna Wagner nahm sich frei, ging vor der Wahl von Haus zu Haus und sprach mit den Menschen, besuchte Sportvereine und Pfarrgemeinderäte. Auf ihrer Homepage gab es ein wöchentliches Update der wichtigen Themen vor Ort, und per Instagram (»Annas Instakram«) zeigte sie, was ihr auffiel oder mit welchen Menschen sie gesprochen hatte. Eines ihrer Reels ging sogar viral. Darin sicherte sie einer Entenfamilie, zu deren Entenkindern sich auch noch ein graues Schwanen-Waisenkind gesellt hatte, den Weg über die befahrene Landstraße zum Dorfteich. Ein kleines Team, bestehend aus ihrem Mann Tom, Jürgen Beckert, damals noch in der Ausbildung zum Forstwirt, und ihre Freundin Caro unterstützten sie. Was dann passierte, hatte keiner für möglich gehalten: Im ersten Wahlgang flog der Amtsinhaber aus dem Rennen, und in der Stichwahl konnte sie sich gegen ihre Konkurrentin, die mit dem ziemlich verzweifelten Slogan »Ich kann’s« angetreten war, durchsetzen. Gleich zu Beginn überraschte die junge Bürgermeisterin dann die Einwohner und Einwohnerinnen von Lahnberg erneut, und zwar mit dem Plan, auf einem Gemeindegrundstück ein Windrad zu errichten. Dazu gehörte Mut. In unendlich vielen Gesprächen konnte sie den Gemeinderat überzeugen, dass hier die Möglichkeit bestehe, etwas für alle Lahnberger und Lahnbergerinnen zu tun. Klar: Viele fanden ein Windrad unmöglich. Aber normalerweise steht ein Windrad auf dem Grundstück eines Investors, dem dann alle Gewinne zufließen. Den Blick auf das Windrad müssen allerdings die Menschen vor Ort ertragen, ohne etwas, außer der Gewerbesteuer, davon zu haben. Hier war es jedoch so, dass der Gewinn ausschließlich dem Ort zugutekam. Die Entfernung zur Ortsgrenze war optimal gewählt, das kam noch positiv hinzu.

Einige unerbittliche Feinde des Windrads blieben, aber was konnte mit dem Gewinn alles getan werden: Es konnten Zuschüsse für umweltfreundliche Produkte in jedem Haushalt gezahlt werden, es gab einen Share-Traktor, Lahnberg verfügt nun über das beste Internet im ganzen Landkreis, und die Kita konnte mit einem überzeugenden Personalschlüssel ausgestattet werden, sodass bei der Krankheit einer Erzieherin nicht gleich das ganze System ins Wanken kommt und Eltern in Stress geraten.

Längst haben sich die Wogen geglättet, und viele sprechen von »unserem« Windrad. Aber wenn es um Kritik daran geht, die dann gerne mal aggressiv wird, so richtet sich die immer gegen eine Person: die Lahnberger Ortsbürgermeisterin Anna Wagner. Die war’s.

Justus verfolgt die politischen Entwicklungen in Lahnberg nicht ernsthaft. Dafür ist er in Frankfurt zu weit weg, aber in seinen Augen ist Anna Wagner eine Politikerin, von der er zuvor nicht mehr gedacht hätte, dass es sie gibt.

Justus ist nun wieder in Frankfurt gelandet. Somit sind seine Gedanken auch wieder hier. Vor dem Aussteigen nimmt er das Handy reflexartig vom Beifahrersitz. Er muss gar nicht aufs Display schauen. Er weiß den letzten Satz auswendig: Sollen wir reden?

Justus ist froh, das Handy in der Jackentasche verschwinden lassen zu können. Er geht in seine Wohnung. Er wäre jetzt lieber im Wald – auch wenn es dort inzwischen dunkel wäre. Da könnte er seinen Gedanken freien Lauf lassen. Jetzt betritt er seine Mietwohnung. Sehr praktisch, sehr genormt, eine Wohnung, in der man nur sehr ordentlich sein kann. In allem.

Kapitel 4

Am nächsten Tag bringt Justus die Schule hinter sich, ohne Störungen aus Lahnberg, einfach so, mit dem Stundenplan als Navigation. Besonders stolz ist er auf eine Kunststunde mit einer Siebten. Die Schülerinnen und Schüler sollen zu dem Bild »Oberon« von Georg Baselitz kurze Geschichten entwickeln. Geisterhafte Gestalten, die wie Pilze gewachsen zu sein scheinen, beugen sich darin über den Betrachter. Die Siebtklässler können wählen, ob das Bild am Anfang, in der Mitte oder am Schluss ihrer kleinen Erzählung steht. Justus verzichtet selbstverständlich auf den Shakespeare’schen Hintergrund und staunt darüber, wie direkt die Schülerinnen und Schüler auf das Gemälde reagieren. Dabei reichen die Kommentare von »Das sind hundertpro Aliens« bis zu »Das ist Werbung für Zahnpasta« oder »Da möchte ich nicht liegen, ernsthaft! Ist ja total gruselig!«.

Um fünfzehn Uhr dreht er im nahen Park eine Runde mit George II. Der Rasen sieht zwar an manchen Stellen aus wie Kunstrasen, und die Bäume wirken wie aufgestellt, aber immerhin besser, als die adeligen Pfoten von George II dem bourgeoisen Asphalt auszusetzen. Das Handy meldet sich. Justus möchte eigentlich nicht schauen, wer anruft, aber seine Hand ist schneller. Kaum die grüne Taste berührt, und schon hat er Frieda im Ohr: »Hallo, Justus!«

»Hallo, Frieda, äh – Friederike.« Oh, wie peinlich denkt Justus, aber manchmal ist die Trennung zwischen Denken und Sprechen nicht immer sortenrein hinzubekommen.

Also lieber weiter im Text: »Wie geht’s, hat sich bei euch alles wieder etwas beruhigt?«

»Beruhigt? Justus, dein Humor war auch schon mal besser!«

Diese Retourkutsche – wahrscheinlich für den von ihr gehassten Namen »Frieda« – muss er einstecken. Ist in Ordnung.

»Also, ich will dir kurz sagen, dass ich heute dabei sein musste, als ein Trupp von der Kripo alles rund um den abgeschlagenen Baum abgesperrt hat. Die haben dann buchstäblich jedes Blatt hochgehoben. Die haben sogar die Sägespäne eingesammelt und dann noch eine aufwendige 3-D-Aufnahme vom Stumpen gemacht.«

»Aber das Röntgen haben sie sich geschenkt, oder gab’s noch eine Gastroskopie?«, fügt Justus genervt ein.

Friederike Mahr fährt unbeeindruckt fort: »So etwas habe ich auch noch nicht gesehen. Normalerweise haben die’s ja auch nicht so mit Bäumen.«

»Haben sie denn was gefunden?«

»Soweit ich es mitbekommen habe, nur zwei oder drei kleine Gummistücke. Aber warum die die mitgenommen haben, keine Ahnung.«

»Und wie geht’s jetzt weiter?«

»Die scheinen vor Ort fertig zu sein.«

»Okay!«, hält Justus das Gespräch für beendet.

Doch Frieda hat noch eine Bitte: »Darf ich den Jürgen Beckert fragen, ob er den Stamm zerlegen und abfahren kann? Klar, es ist dein Stamm, aber ich fände es gut, wenn die Wagners nicht ewig den Baum im Garten liegen sehen müssten. Die stehen immer noch unter Schock, ganz besonders Max und Mia.«

Sie fügt noch an: »Vielleicht kannst du ja den Jürgen Beckert mal anrufen. Ich denke, wenn er für den Abtransport das Holz bekommt, dann hast du überhaupt keine Kosten, und er ist gut bedient.«

Justus ist sauer, richtig sauer auf sich. Warum hat er nicht daran gedacht, dass er dafür zuständig ist? Er weiß doch, dass das mit Bäumen etwas anderes ist als mit Äpfeln, die vom Baum des Nachbarn in den eigenen Garten plumpsen. Und auch die Situation der Familie Wagner. Wäre er jetzt im Lahnberger Forsthaus, dann wäre ihm das bestimmt eingefallen, aber hier, in einem Park in Frankfurt?

»Klar, mache ich! Ich danke dir für den Hinweis.«

»Gerne, Herr Studienrat.«

Warum diese Ironie?, fragt sich Justus, bekommt die Erklärung jedoch bereits im nächsten Satz geliefert.

»Und übrigens bittet dich die nette Kommissarin«, Friederike weiß ganz sicher, dass sie den Namen nicht nennen muss, »sie einmal anzurufen.«

Wahrscheinlich verkneift sich Frieda, jetzt noch das Wort »dienstlich« hinzuzufügen, denkt Justus, womit er übrigens nicht falschliegt. Ja, und warum ruft ihn Kathrin Helliger nicht direkt an? Die Nummer hat sie ja. Ja und überhaupt: weshalb? Oder hat sich die WhatsApp-Nachricht darauf bezogen? Doch keine Zeit für weitere Fragestellungen, jetzt muss er erst einmal artig antworten.

»Ja, das kann ich ja mal machen.«

»Okay, jetzt lass ich dich auch in Ruhe. Sag mir nur bitte noch kurz, ob es dabei bleibt, dass du in den Herbstferien im Forsthaus bist. Dann können wir uns nämlich die Frühjahrsplanung für den Wald vornehmen.«

Justus möchte gerne antworten, dass es doch erst Herbst ist, aber Frieda ist so verlässlich in ihrer Arbeit, da möchte er auch zumindest verlässlich nett sein.

»Ja, es bleibt dabei, ich komme Ende nächster Woche, außer irgendwelche Idioten spielen vorher mit meinen Bäumen noch mehr Mikado.«

Dieses Gespräch ist beendet, aber ein anderes noch nicht geführt. Er ist beim Telefonieren stehen geblieben. Nun dreht er auf dem Kiesweg um, um nach Hause zu gehen. George II kommt beinahe nach dem ersten Pfiff zu ihm.

In seiner Wohnung fühlt er sich nach dem zweiten Kaffee stark genug, um Kommissarin Helliger anzurufen. Was soll daran kompliziert sein?, denkt er sich Mut an.

Er drückt ihre Nummer.

»Helliger, kleinen Augenblick, ich muss gerade das Gespräch noch zu Ende bringen. Geht aber ganz schnell.« Justus wundert sich. Weiß sie, dass er es ist?

»Ja, sorry, was kann ich für Sie tun?«

Oje, jetzt muss er sich erst zu erkennen geben, sich quasi vorstellen. So wichtig fühlt er sich nicht, und damit hat er nicht gerechnet.

Das geht dann auch so richtig schön schief mit »Ich bin’s«. Zum Glück fragt sie nur nach »Wer?«, sodass Justus das verbale Leerfeld lediglich ausfüllen muss: »Justus – Justus Hauer.« Um nicht noch ungesprächiger zu wirken, setzt er gleich nach: »Ich sollte anrufen.« So, jetzt liegt der Ball erst einmal bei ihr. Justus kann durchatmen.

»Lieber Herr Hauer, schön, dass Sie mich angerufen haben.« Justus stutzt. Die Info hört sich erst einmal gut an, aber die Stimme wirkt wenig persönlich. So etwas kann Justus verunsichern. Zum Glück ist er noch nicht mit Reden dran.

Sie fährt unbeeindruckt fort: »Wir haben uns im Sommer bei dem Doppelmord kennengelernt.« Das klingt jetzt wenig romantisch, findet Justus und hat seinen Spaß daran.

»Sie haben mir damals sehr geholfen, Sie kommen aus Lahnberg und können deshalb manches anders einschätzen als jemand von außen. Ich will gar nicht drum herumreden; ich beschäftige mich im Augenblick ausschließlich mit der Sache Anna Wagner, aber je mehr ich mich da einarbeite, desto unkonkreter wird der Fall. Es ist wie ein Mord ohne Leiche. Ich wollte Sie daher um eines bitten: Hätten Sie Anfang nächster Woche mal eine Stunde Zeit für mich? Dann habe ich so die ersten Dinge zusammengetragen, und Sie können vielleicht auch etwas dazu sagen.«

Endlich kann Justus »Ja« sagen und hinzufügen, dass er das gerne machen will.

»Das ist wahnsinnig nett«, antwortet sie. Nun in einer anderen Tonalität. Das hätte Justus allerdings bei einer schlichten Äußerung der Kommissarin so nicht erwartet.

»Wollen wir sagen am nächsten Montag, sechzehn Uhr?«

»Ja, das passt, da hab ich nur bis zur sechsten Stunde Unterricht. Und wo?« Der Garten des Forsthauses bietet sich aufgrund der Jahreszeit nun nicht mehr unbedingt an. Auf den kühlen Charme des Kommissariats in Bad Ems hat er aber auch keine Lust.

»Lassen Sie uns doch in Ihrem Wald an der Stelle am Hang treffen, wo der Baum manipuliert worden sein muss, um dem Wagner’schen Haus seinen unheilvollen und zerstörerischen Besuch abzustatten. Dann können wir ja weitersehen«, hört er sie, ganz die Kommissarin, sprechen.

Das Wort »weitersehen«, findet Justus, beschreibt die Situation perfekt. Da wird nichts von ihm verlangt, da gibt es kein imaginäres Ziel. »Weitersehen«, das mag Justus, und außer einer kurzen Verabschiedung ist dem nichts mehr hinzuzufügen. Von beiden Seiten.

Kapitel 5

Der Montag beginnt wie üblich. Kurzer Gang mit George II, dann Kaffee und kurzes Checken der Mails am Bistrotisch in der Küche. Da sticht ihm eine Nachricht seiner Tochter Rebecca ins Auge. Klar, sie hat sie ja auch mit dem Flaggenzeichen für »wichtig« kenntlich gemacht. Also schnell die Mail aufgemacht.

Hallo, Papi,

einen lieben Gruß aus Nottingham. Mit der Masterarbeit bin ich bald fertig. Aber es gibt etwas, worüber ich mit dir und Mame sprechen muss. Hast du während deiner Herbstferien einmal Zeit? Mame ist da auch für ein paar Tage in Deutschland. Vielleicht bekommen wir das hin? Wäre mir wirklich wichtig.

Sei geknutscht

Rebbi

 

Justus’ erster Reflex als Vater: Ist sie schwanger? Wer das war, dem werd’ ich’s zeigen! Innerhalb einer halben Minute werden aber alle sich aufdrängenden Fragen verbannt. Justus ist jetzt nur Vater. Auch wenn das Kind inzwischen sechsundzwanzig Jahre alt ist. Er respektiert die Mail und versucht nicht anzurufen. Also »Antworten« gewählt und losgelegt:

Liebste Rebbi,

wie schön, von dir zu hören. Natürlich können wir gerne sprechen. Ich bin allerdings in den kompletten Herbstferien im Forsthaus. Wenn du magst, kannst du ja ein paar Tage bleiben und an deiner Arbeit schreiben? Für Esther könnte ein Treffen hier auch okay sein. Bis zum Flughafen ist es ja nur eine gute Stunde, und dann ist sie auch wieder schnell zurück in Tel Aviv. Sprichst du mit ihr einmal darüber?

Muss jetzt in die Schule, Schüler quälen …

Alles Liebe

Papi

 

Und »Senden«. Damit ist das erledigt. Jetzt muss er sich beeilen, um den Schulgong innerhalb der Schule und nicht kurz davor mitzubekommen.

Nach sechs Stunden am Stück schleppt sich Studienrat Hauer aus dem Schulgebäude. Unter dem Arm dreißig DIN-A3-Blocks mit den Arbeiten der 9b. Mit leicht verkrampftem linken Arm erreicht er sein Auto. Die Blocks schnell eingeladen, und ab geht es nach Hause, George II einsammeln.

Um kurz vor halb drei biegt Justus mit seinem Mini auf die Autobahn ab. Endlich hat er Zeit, seinen Gedanken folgen zu können und nicht nur auf die Abbiegespuren, Ampeln und Blicke in den Seitenspiegel (ja, an Fahrradfahrern liegt ihm etwas! Außer, er müsste selbst strampeln) achten zu müssen.

Er merkt, dass er sich auf das Treffen mit der Kommissarin einstellen muss. Das mag Justus überhaupt nicht. Er nimmt lieber alles so, wie es kommt – und sucht sich dann das Beste heraus.

Gut, er und die Kommissarin hatten sich in den Sommerferien bei einem merkwürdigen Kriminalfall in seinem Waldstück kennengelernt. Er unterstützte sie, beide tauschten sich häufig aus, gerne auch einmal bei einem Glas Wein nach dem dienstlichen Part unter der Eiche auf der kleinen Wiese neben dem Forsthaus. Mehr war aber nicht. Warum auch immer haben sie sich Wochen später einmal verabredet. In Frankfurt zum Essen. Obwohl Justus nach Kräften versucht hat, jede Erinnerung an dieses Treffen aus dem Gedächtnis zu radieren, sind die Bilder plötzlich da.

Justus hatte damals das Restaurant vorgeschlagen. Ganz clever, wie er fand, das Holbein’s im Frankfurter Städel Museum. So könnten sie vorher einen kurzen Gang im Städel machen, wenn auch nur ein Stündchen dafür blieb.

Kathrin Helliger kam im Städel bei der Kasse an. Sie trug ein Kostüm, das von Weitem an Chanel erinnerte, und mit ihren roten Pumps war sie viel zu schick für ein Museum angezogen. Oder war er jetzt schon der biedere Studienrat mit Jeans und Leinensakko? Gut, er weiß, er hat sie mit Details zu den Bildern zugetextet. Goethe hat auf dem berühmten Bild »Goethe in der Campagna« zwei linke Schuhe an, das Kind bei Monets »Déjeuner« ist sein unehelicher Sohn und so weiter. Kein Bild blieb unkommentiert. Die Kommissarin hörte zu – oder nicht?