Waldesdunkel - Christoph Stoll - E-Book
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Waldesdunkel E-Book

Christoph Stoll

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Beschreibung

Kurzweilig, überraschend und höchst raffiniert – Startschuss zu einer neuen, atmosphärischen Cosy Krimi-Reihe! In »Waldesdunkel« macht Autor Christoph Stoll den Kunstlehrer und Waldbesitzer Justus Hauer zum unfreiwilligen, aber begabten Ermittler. Justus' Erfolgsrezept: sein Wissen um das Revier, aber auch genaues Hinsehen wie bei einem Gemälde. Menschen findet Justus Hauer ziemlich anstrengend. Umso mehr liebt der 50-jährige Kunstlehrer die Stille des Waldes und das Forsthaus seiner Kindheit, wo er auch diesmal die Sommerferien verbringen will. Doch als im Familienforst ein Mann erschossen wird, ist es aus mit der erhofften Ruhe. Statt flirrende Sonnenstrahlen zwischen grünem Blattwerk zu genießen, sieht sich Justus mit der attraktiven Kommissarin Helliger konfrontiert – was ihn erst richtig ratlos macht. Und der Wald behält seine Geheimnisse für sich – bis die traditionelle Treibjagd eine tödliche Wendung nimmt. Christoph Stoll fängt in »Waldesdunkel« die besondere Atmosphäre des Settings – ein Forsthaus mitten im Wald im Lahntal – wunderbar authentisch ein. Das besondere Licht, der würzige Duft, die Stille – als Leser:in schwelgt man darin ebenso wie der Held dieser Krimireihe. Bis der erste Schuss fällt … Autor Christoph Stoll weiß dabei, wovon er schreibt. Er stammt aus einer Försterfamilie, wuchs in einem Forsthaus im Taunus auf – und lebt auch heute wieder in einem Forsthaus.  Leser:innen, die stimmungsvolle, clever konstruierte Krimis mit klugem Humor und charmant-individuellen Ermittlerfiguren lieben, werden in »Waldesdunkel« auf ihre Kosten kommen.

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Veröffentlichungsjahr: 2024

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© Piper Verlag GmbH, München 2024

Redaktion: Regine Weisbrod

Covergestaltung: t. mutzenbach design, München

Covermotiv: Bilder unter Lizenzierung von Shutterstock.com genutzt

Konvertierung auf Grundlage eines CSS-Layouts von digital publishing competence, München mit abavo vlow, Buchloe

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Inhalt

Inhaltsübersicht

Cover & Impressum

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Danksagung

Buchnavigation

Inhaltsübersicht

Cover

Textanfang

Impressum

Kapitel 1

Endlich Sommerferien! Endlich raus aus dem heißen Frankfurt! Gestern noch im Lehrerkollegium den fünfzigsten Geburtstag gefeiert. Keine Chance, sich dem zu entziehen. Aber nun ist auch das vorbei.

Dafür fühlt sich heute alles entspannt an. Justus Hauer fährt in seinem dunkelgrünen Mini Clubman, der gerade zum fünften Mal den TÜV bezwungen hat, die Strecke, die er schon zigmal abgespult hat (Wiesbadener Kreuz – Blitzer – Niedernhausen-Camberg – Blitzer – Limburg, nun auch mit Blitzer). Auf dem Beifahrersitz eine Biografie des rätselhaften Malers Jacobus Vrel aus dem 17. Jahrhundert (Geschenk der anderen Kunstlehrer). Jetzt noch durch eine Stadt mit ihren Reihenhaus-Ausläufern, und dann kann er endlich Richtung Lahntal abbiegen. Vorbei an der Schaumburg mit ihrem Harry-Potter-Charme – und dann immer an der Lahn entlang, kilometerlang.

Labrador George II., bis hier regungslos im Kofferraum schlummernd (George I. war vor der dritten Hüft-OP vorsichtshalber verschieden), wird kurz munter, als er die Luft riecht, die Jagen ohne Lizenz verspricht. Das Tal – nicht zu groß und nicht zu eng, eine geotektonische Maßanfertigung für die Lahn – breitet sich im Sonnenlicht des späten Nachmittags aus. Justus genießt den Anblick und sieht die ersten Eichen des heimischen Waldstücks, das sein Kinderspielplatz gewesen und später sein Rückzugsort geworden war.

Was er in diesem Augenblick nicht sieht, nicht sehen kann: Genau in diesem Waldstück, das direkt an die Landstraße heranreicht, schwenkt das Fadenkreuz eines Zielfernrohrs mit vollkommen gleichmäßiger, langsamer Bewegung mehrere Buchen- und Eichenstämme ab, um dann einen grün gestrichenen Hochstand mit größter Präzision ins Visier zu nehmen. Danach bewegt sich das kleine, erbarmungslose Kreuz noch einmal zum Boden, um danach wieder auf der Höhe der Kanzel zum Stillstand zu kommen.

Justus Hauer sieht von der Kreisstraße aus das Auto – was heißt Auto: den Hightech-SUV seines Jagdpächters Michael von Flachau in der Einfahrt des Waldwegs zur sogenannten Mondwiese. Kein netter Typ, halt ein erfolgreicher Fondsmanager, der, nachdem er mit der Tennis- und der Golf-Society durch war, seinen Jagdschein gemacht hat, obwohl Wald für ihn früher nur eine Ansammlung von Bäumen gewesen ist. Jetzt ist sein Ego wieder top, und er kann auf seine Armbanduhr mit Büchsenlichtanzeige megastolz sein. Zahlt aber pünktlich. Die Tiere des Waldes von Dachs bis Rehbock haben eine zarte Zuneigung für ihn entwickelt. Er füttert reichlich an und trifft aber nur ganz selten.

Justus biegt kurz vor dem Ort Lahnberg von der Landstraße ab, um die enge Betonstraße mit ihren vielen Kurven zum alten Forsthaus hinaufzufahren, das nun seit zweihundertsechzehn Jahren unverändert im Schutz einer Kastanie und einer Eiche steht und seit genau der gleichen Zeit das Heim der Justus’schen Förster-Vorfahren ist. Die Balken des dunkelbraunen Fachwerks unterstützen sich gegenseitig. Das mochte Justus schon als Kind.

Der todbringende Lauf der Bockbüchsflinte schwenkt noch einmal mit unerbittlicher Geradlinigkeit von der Kanzel weg Richtung Boden, bevor er ein imaginäres Ziel in zwei Metern über dem Boden fixiert. Im Lauf eine Patrone des Kalibers 7 x 57R mit schrecklicher Wirkung: ein Teilmantelgeschoss, das sich beim Eintritt ins Fleisch bizarr verformt und dann alles zerfetzt, was sich ihm entgegenstellt.

Justus weiß, dass, wenn er gleich aussteigt, nicht nur entspannte Tage auf ihn warten, sondern auch eine heikle Mission. Sein Vater, Förster in der elften Generation und in dieser auch endlich Waldbesitzer, ist vor knapp vier Jahren gestorben. Bis zum Schluss war er im Revier unterwegs. »Bewaffneter Spaziergang« nannte er das. Bei Mutter Charlotte hat sich mittlerweile die Demenz still und leise wie ein Nieselregen im Spätsommer ausgebreitet. Ihr Zustand lässt keine andere Wahl als die Übersiedlung in das Pflegeheim Haus Odilie im nahen Nassau. Seine beiden Geschwister hat ihre Karriere ins Ausland gebracht, sie können nicht helfen. Justus hingegen ist als Kunstlehrer in Frankfurt-Preungesheim hängen geblieben. So sehen es die Geschwister. Wenn es doch wenigstens ein schickes Gymnasium im Frankfurter Westend oder in Bad Homburg geworden wäre. Das sagen seine Schwester und sein Bruder zwar nicht, denken es aber dafür umso lauter. Da ist sich Justus vollkommen sicher.

Er ist es, der sich aufgrund der familiären Lage um alles im elterlichen Forsthaus kümmern muss. Dazu gehört auch, nun seine Mutter davon zu überzeugen, dass sie in einem Pflegeheim viel besser aufgehoben ist.

Beim Ausladen der betagten Leinenreisetasche atmet er mit Blick auf die weit ausladenden Äste der Kastanie noch einmal kurz durch, befreit George II. aus seinem nicht standesgemäßen Kofferraum und schließt die Holztür mit dem kleinen, viel zu hoch angebrachten Fenster in Rautenform auf. Danach betritt er den schwarz-weiß gekachelten, wenig geräumigen Flur. Alles ist ruhig. Von irgendwoher kommt ein Luftzug. Die Gardine des Flurfensters bewegt sich leicht. Mit einem lauten Knall fällt die Tür zu. Nur einen Herzschlag später folgt ein weiterer Knall. Der Schuss hallt lange nach. Direkt am Waldrand ist das nichts Besonderes.

Kapitel 2

Justus ist aufgewacht. Exakt zur selben Zeit wie in Frankfurt. Schulzeitroutine trotz Sonntag plus Ferien. George II. schlummert derweil noch ein Ründchen.

Kurze Vergegenwärtigung: Ja, das »große« Zimmer, früher dem älteren Bruder Adalbert vorbehalten. Ein Regal, jetzt mit seinen Büchern. Von Babar, dem kleinen Elefanten bis Thomas Manns Zauberberg. Nur wenige Bilder. An der Decke schwebt immer noch das hellblaue Segelflugzeug, das er mit zehn Jahren unter Verwendung ungeheurer Klebstoffmengen aus Balsaholz zusammengebaut hatte. Die leicht angewinkelten Flügel mit der Bespannung aus Papier machen nach wie vor einen guten Eindruck. Modellflugzeug mit Motor wäre besser gewesen, war aber ebenso wie eine Fernsteuerung damals vollkommen unerschwinglich.

Bevor der mobile Pflegedienst für seine Mutter kommt, möchte er sie mit einem Frühstück überraschen. Wie viele Jahre hatte sie morgens mit einem einfachen, aber liebevoll vorbereiteten Frühstück auf ihn gewartet? Also etwas übergestreift und ab in die Küche. Das ist schnell vorbereitet. Alles – vom Brot über Butter bis zur Marmelade – befindet sich am gleichen Platz. Seit Kindertagen. Nur Kaffee dauert länger. Der muss von Hand aufgebrüht werden. Kaffeemaschine wäre toll.

Trotzdem gelingt es ihm, fertig zu sein, bevor seine Mutter in die Küche kommt. »Hallo, Mutter!«

»Hallo … du!«, erwidert sie mit diesem diffusen Lächeln, bei dem man nicht so recht weiß, wie freundlich es ist. Ihr Gesicht wirkt jetzt am Morgen zumindest etwas entspannter und rosiger als bei seiner Ankunft, und ihr Blick ist glücklicherweise klarer als am gestrigen Abend. Justusʼ Sorgenbarometer sinkt bei dieser Beobachtung. Gerade als sie ihn anschaut und dabei ihre Hand seine Hand sucht, klingelt es. Justus steht mit einem kurzen Zeichen des Bedauerns vom Küchentisch auf. Das Rennen zur Tür gewinnt aber George II.

Da man nicht sehen kann, wer vor der Haustür steht, und es auch keine Gegensprechanlage gibt – die er früher total modern gefunden hätte –, bietet jedes Öffnen eine Überraschung.

»Ah, das Forstamt persönlich, und das am Sonntag«, begrüßt Justus die Försterin.

»Hallo, Justus«, kommt es ehrlich fröhlich zurück.

Friederike Mahr ist noch von seinem Vater ausgebildet worden und kennt die Familie gut. Als Dreizehnjähriger hat er einmal versucht, die Magie der im Wald gelegenen Schinderhanneshöhle zu nutzen, um die damals zwölfjährige Friederike mit einem Kuss zu beglücken. In letzter Sekunde ließ er dann jedoch von dem gewagten Vorhaben ab und wies lieber mit schwitzigen Händen auf die Vorteile seines Pfadfindermessers (mit Blutrinne) hin. Zwei Jahre später war er an der Stelle, wo der Rotbach für eine Weile in einer Biegung tiefer und ruhiger wird, bei Pfarrerstochter Luzia überzeugender. Ach, die Luzia … die Jugendliebe fürs Leben?

Friederike Mahr kümmert sich seit dem Tod des Vaters in forstlicher Hinsicht auch um dieses Minirevier, das viel zu klein ist, um davon leben zu können. Wenn es sich halbwegs selbst trägt, ist es schon gut. Und da ist die pragmatische Friederike genau die Richtige. Auch wenn jeder sie Frieda nennt, darf sie keiner so ansprechen.

»Ich hab dein Auto von der Höhe aus gesehen, und da wollte ich es mir doch nicht entgehen lassen, direkt mit dir zu sprechen.«

Justus ist unsicher, ob er sich darüber freuen soll oder eher nicht, und versucht sich deshalb zu konkreteren Informationen vorzuarbeiten. »Was gibt’s denn?«

»Du, da sind noch ein paar Dinge, die in eurem Wald dringend gemacht werden müssen. Sorry, ich weiß auch, dass Sonntag ist, aber so häufig hab ich ja nicht das Vergnügen, dich in echt zu sehen.«

Justus denkt nur: Die sechs Wochen jetzt sollten eigentlich reichen.

Aber da legt Frieda auch schon los: »Also: Verkehrssicherungspflicht wäre das Thema für die Kurve beim Dachsbau. Die Leitern am Hochsitz an der Mondwiese und an der Kanzel am Taubenkopf sind morsch. Wenn da jemand hochklettert, kann er böse abstürzen, und du hast ein Problem. Außerdem musst du am Nordweg ein Schild anbringen, das auf die Schranke hinweist, damit keiner hineinfährt und …«

»Da soll auch keiner fahren, dafür ist die Schranke ja da«, kommt es missmutig von Justus. Nicht noch mehr Aufträge! Seine Mutter zu einem Umzug in ein Pflegeheim zu bewegen ist aus seiner Sicht schon mehr als genug. Und es ist Sonntag! Vielleicht hat sich ja auch noch der Fuchs wegen des kaputten Zauns an der Einfahrt zum Forsthaus beschwert? Aber das denkt Justus nur, um die Stimmung nicht unnötig zu belasten.

»Okay, okay«, wirft Friederike ein, »aber ich muss dir das halt sagen. Das warʼs auch schon.«

»Schon ist gut. Aber ist klar, ich kümmere mich darum.«

»Okay, ich muss jetzt noch zur Verwandtschaft. Tschüss, Justus!« Bei seinem Namen wandelt sich der Ton vom Formalen ins Fröhlich-Private. Die Frieda!

Kaum, dass er sich wieder an den Frühstückstisch zu seiner Mutter gesetzt hat, um vorsichtig das unangenehme Thema Pflegeheim anzusteuern, klingelt es erneut an der Eingangstür.

»Bloß keine weiteren Probleme«, mault er halblaut und öffnet die alte Tür, die auf so viel Betrieb mit einem leisen Ächzen reagiert.

Statt in die ungeregelte Natur blickt er auf adrette Ordnung. Vor ihm steht unübersehbar ein Polizist, der sich als Polizeiobermeister Werner Klau (ein Name, dem Justus nur wenig Chancen bei der nächsten Beförderung einräumt) von der Polizeistation der Kreisstadt Bad Ems vorstellt und für einen frühen Morgen ohne Kaffee viel zu direkt fragt, ob er Justus Hauer und somit der Eigentümer des Waldes in der Gemarkung 61 sei.

WIE???

Justus beantwortet nach einem Augenblick die Fragen wie eine mechanische Schreibmaschine und stellt dann doch, weil er immer noch einen kindlichen Respekt vor Uniformen hat, relativ leise die Frage: »Darf ich fragen warum?«

Polizeiobermeister Klau gibt sein amtliches Wissen preis:

»Es geht um die Kanzel am Taubenkopf …«

»Oh, Mist!«, entfährt es Justus, was Polizeiobermeister Klau beinahe unmerklich mit einer leichten Kopfbewegung quittiert, um dann sofort zu erklären: »Also dort ist jemand ums Leben gekommen.«

Justus beißt sich auf die Lippen.

»Genauer gesagt, ein Mensch ist erschossen worden.« Normalerweise ist es doch bei der Jagd immer umgekehrt, denkt Justus in sich hinein.

»Könnten Sie bitte mit rauskommen, wir haben da vor Ort ein paar Fragen an Sie?«

»Ich darf aber mit meinem Auto fahren, oder?«, fragt Justus, dem plötzlich Bilder von TV-Krimis durch den Kopf gehen, bei denen Personen nach deren Verhaftung immer durch das Auflegen einer Hand auf den Kopf zum Einsteigen auf den Rücksitz eines Polizeiautos genötigt werden. Irgendwie beschütztes Autofahren. Dem will er unbedingt entgehen.

»Ja, natürlich!«, bestätigt Polizeiobermeister Klau betont freundlich, fügt jedoch hinzu: »Aber bitte nur bis zum Fünf-Wege-Platz. Da sind dann die Kollegen von der Mordkommission.«

Justus geht zurück in die Küche, in der seine Mutter unbeirrt sitzt und lächelt. Dann zieht sie für einen Augenblick die Augenbrauen hoch.

»Ich muss leider weg, aber die Gerda vom Pflegedienst ist«, er schaut auf die Uhr, »in fünfzehn Minuten bei dir. Bis später!«

Er geht zum Auto, was George II. als Aufforderung zum Mitkommen interpretiert.

»Na gut, du darfst mit.« Tür auf, und schon ist er hineingesprungen.

Kapitel 3

Am Fünf-Wege-Platz angekommen, sind die besonders unauffälligen Fahrzeuge der Kriminalpolizei nicht zu übersehen. Polizeiobermeister Klau ist im Gespräch mit einer Frau. Er scheint sie über den Neuankömmling zu informieren, denn als Justus aussteigt, nimmt sie schon Kurs auf ihn.

»Helliger, Kripo Bad Ems. Ich bin die leitende Kommissarin in diesem Fall.«

Justus versucht, sich einen Vornamen für sie vorzustellen. Was passt zu einer Kriminalkommissarin, die Ende dreißig oder Anfang vierzig ist, das braune Haar zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden hat und insgesamt unübersehbar gestylt aussieht, als wäre sie gerade ihrem Insta-Account entstiegen? Jessica, Simone …?

Justus hat nicht lange Zeit, dieses Rätsel zu lösen, denn er wird von ihr sehr bestimmt an den Ort des Geschehens geführt. Hier gibt es kein Vertun, die Lady führt Regie. Sein Blick fällt auf den Hochsitz, die einzige Kanzel in seinem Wald. Also so desolat ist die nun auch nicht. Klar, die Stufen und die eine Stütze sehen nicht richtig prächtig aus, aber so im Ganzen …

»Was Sie jetzt sehen werden, ist nicht besonders schön«, beginnt Frau Helliger, an Justus gerichtet. Auch das klar und unmissverständlich.

Justus schaut zur Kanzel, die in Blickweite wie eh und je steht. Immerhin steht! Noch jemand, der an dem Hochsitz herummäkelt. Erst Frieda und jetzt auch noch sie. Womit hat er das verdient?

Die Kommissarin mahnt Justus auf dem Weg zur Kanzel: »Es ist ein Mord, und jetzt wird es wirklich heftig.«

Justus denkt nur, dass blutendes Fleisch sozusagen zur Grundausstattung eines Forsthauses gehört, er aber genau deswegen nicht der Förster in zwölfter Generation geworden ist. Dampfendes Blut und Lodengrün, das ist einfach nicht seins. Aber er wird damit natürlich klarkommen. Deshalb fällt es ihm leicht, sofort zu antworten: »Kein Problem!«

Direkt unter der Kanzel liegt ein Mann. Etwas beleibt. Mitte bis Ende siebzig. Der Kopf sieht nicht gut aus. Ist der Eintritt der Kugel nur ein kleines Loch, so ist die Verwüstung, die die Kugel bei dem Weg durch den Kopf angerichtet hat, jedoch immens. Überhaupt: Kopfschuss, das ist wenig waidgerecht … Das denkt Justus aber nur. Ansonsten: kurzärmeliges kariertes Hemd, halb aufgeknöpft, braune Baumwollhose, Wanderstiefel. Aber von seiner Leiter ist der jedenfalls nicht gefallen. Da ist sich Justus sicher!

»Kennen Sie den Mann?«, fragt die Kommissarin mit strengem Unterton, wobei Justus ziemlich klar ist, dass sie, so, wie sie die Frage stellt, die Identität des Opfers bereits kennt.

»Das ist Bernd Huckner«, bejaht er die Frage.

Huckner war ein typischer »Hansdampf in allen Gassen«-Typ, wie es ihn in beinahe jedem kleinen Ort gibt. Er kannte jeden, und jeder kannte ihn. Verdiente sein Geld als Immobilienmakler, war aber auch der Vorstandsvorsitzende des örtlichen Angelvereins und kandidierte vor drei Jahren für den Kreistag. Ansonsten verpachtete er einen Hühnerstall mäßigen Rufes und konnte günstig Kredite besorgen, wenn man etwas Land hatte und gerade klamm war. Jäger war er natürlich auch.

Und da liegt er nun. Was ist ihm wohl als Letztes durch den Kopf gegangen, bevor sich die Kugel auf ihren Weg genau dorthin, zu seinem allerletzten Gedanken, gemacht hat?

Das Blut, das am Hinterkopf ausgetreten ist, hat das Laub und das Gras gleichmäßig eingefärbt und zu einer rundlich geformten roten Fläche werden lassen, die Justus im Umriss an den Bodensee erinnert.

Es ist allerdings ein Detail, das der Szenerie einen wirklich makabren Anstrich verleiht: Ein kleiner grüner Zweig steckt im Mund des Opfers.

»Herr Hauer, haben Sie eine Idee, was das bedeuten soll?«, fragt ihn die Kommissarin, die Justus sich viel besser bei einem Mord in einer mondänen Villa vorstellen kann als hier, nur umgeben von vielen, alle das gleiche Grün tragenden Bäumen, in Gemarkung 61.

»Das ist ein jagdlicher Brauch. Wenn ein Stück Wild erlegt ist, ist das der sogenannte Bruch. Das soll die letzte Äsung, also das letzte Mahl symbolisieren.«

Wenn sein Vater dafür nach einem geeigneten Zweig suchte, wusste Justus als Kind, dass gleich der irgendwie feierliche Augenblick gekommen war. Er glaubte, bei seinem Vater dann nicht nur Freude über den gelungenen Abschuss zu spüren, nein, es war eine letzte Handlung voller Respekt für das erlegte Tier. Sein Vater streichelte zunächst das Tier am Hals, und dann platzierte er mit aller Vorsicht den Bruch, den er sorgsam ausgesucht hatte.

Justus beugt sich etwas näher zu dem Toten hinunter. »Ist hier, wenn ich mich nicht täusche, Fichte. Sonst habe ich dazu auch keine Idee …« Mehr kann Justus nicht beisteuern.

»Mhm«, ist der Kommentar der Kommissarin. Justus denkt bei sich, dass das für die Ermittlerin mit ihrer nicht übersehbaren Professionalität keine wegweisende neue Erkenntnis sein sollte.

»Darf ich da einmal näher ran?« Justus deutet auf den Oberkörper des Toten.

»Aber nicht näher als so!« Die Kommissarin gibt ihm unmissverständlich mit der Hand den einzuhaltenden Abstand vor. Beim hellblauen Siegelring ist sozusagen Schluss.

Justus beugt sich über den Toten. Durch das teilweise aufgeknöpfte Hemd hat er etwas am Bauch entdeckt. Er versucht, es sich so genauer anzuschauen.

»Was gibt’s denn?«, fragt die Kommissarin ungeduldig.

»Ich glaube, ich sehe da einen blauen Strich«, gibt Justus zögernd zu bedenken. Der Gesichtsausdruck der Kommissarin signalisiert leichte Genervtheit. Da hilft auch der sorgsam aufgetragene rosa Lippenstift nicht. Justus ist nicht beeindruckt. Er sieht ganz genau hin. Routine. Das macht er im Kunstunterricht bei den Bildbetrachtungen auch immer: Jedes Detail zählt!

»Könnten Sie vielleicht das Hemd dort am letzten geschlossenen Kopf ein wenig anheben?«

Die Kommissarin legt Gummihandschuhe an und zieht den Stoff vorsichtig ein wenig zur Seite.

Ein runder Stempel mit blauer Färbung kommt zum Vorschein. In der Mitte des Stempels prangt in roter Schrift »Trichinenfrei«.

Ein fragender, maronenbrauner Blick der Kommissarin, den sie im gleichen Augenblick schon wieder zu bereuen scheint, trifft Justus.

»Das macht man nur bei Sauen, also bei Wildschweinen.«

»Warum?«

»Bevor das Fleisch eines Wildschweins genutzt werden kann, muss es ein Veterinärmediziner auf Trichinen untersuchen. Wenn keine Trichinen-Würmer da sind, die für den Menschen gefährlich werden können, gibt’s als Belohnung dann den Stempel. Mit voller amtlicher Wucht.«

Ein nüchternes »Aha« von Kommissarin Helliger ist alles dazu. Ihr klingelndes Smartphone (Smetanas Die Moldau, was Justus eher atypisch für einen Kriminalprofi findet) verhindert einen weiterführenden Dialog.

Justus wird vom Tatort wegkomplimentiert. Man werde sich mit ihm in Verbindung setzen. »Wir haben später noch ein paar Fragen an Sie!« Klingt wie in einem Vorabendkrimi, findet Justus. Jetzt nur noch der Werbe-Break …

Justus geht langsam zurück und verabschiedet sich noch von Polizeiobermeister Klau, bevor er in seinen Wagen steigt.

»Der Huckner soll eine Charaktersau sein«, sagt er gedankenverloren zu George II., der ungläubig zu ihm aufschaut. Na ja, noch eine Befragung, dann sollte es für ihn erledigt sein. Es sind ja immerhin Sommerferien. Wenn schon keine Normandie dieses Jahr, dann bitte nicht so viel Formalkram. Jetzt erst einmal nach Hause. Endlich Kaffee wäre gut.

Kapitel 4

Mit schlechtem Gewissen betritt Justus das Forsthaus. Aber gut, nun ist er ja wieder da, und ausgesucht hat er sich dieses ganze Spektakel in seinem Wald auch nicht. Gerda vom Pflegedienst Mona Schwarz hat seine Mutter vor dem Fernseher geparkt. Oje. Wieder so eine süßliche Serie mit frisch geföhnten Schauspielern. Aber immerhin besser als DMAX und eine Doku über das Aufpimpen von Autos, denkt er.

Er beugt sich bedächtig zu ihr, nimmt die Fernbedienung und fährt den Ton allmählich runter, um ihn dann ganz auszuschalten.

»Sorry, musste in den Wald, aber jetzt bin ich nur noch für dich da. Was wollen wir machen?« Sein Blick schweift durchs Zimmer. »Wollen wir ein Fotoalbum anschauen?«

Seine Mutter widerspricht nicht, sondern sieht ihn erwartungsvoll an. Also steht er auf, um im Regal ein Fotoalbum auszuwählen. Sein Blick gleitet über die stattliche Anzahl. Bloß nicht das erste in der Reihe nehmen. Da sind die Fotos von seiner Hochzeit. Daran möchte er nun wirklich nicht erinnert werden. Er greift sich ein Album aus braunem (aber geprägtem!) Kunstleder, blätterte es auf und wendet das mattierte Seidenpapier mit dem Spinnwebmotiv zur Seite. Jedes Mal eine kleine Enthüllung, versehen mit einem zarten Geräusch. Die Fotos der aufgeschlagenen Seite werden sichtbar.

Er setzt sich neben seine Mutter.

Sie als junges Mädchen auf einer Schaukel. Schwarz-weiß. In ältlicher Schreibschrift steht darunter: »8. Geburtstag«.

Einige Seiten weiter – ab hier in leicht verblasster Farbe – sieht man sie, die zurückhaltend schöne, schwarzhaarige Charlotte, bei der Nachfeier einer Jagd. Ihr Mann in einer angedeuteten Forstuniform, dann sie mit einem Kopftuch mit bunten Punkten, das die Haare kaum bändigen kann. Daneben zwei junge Männer – augenscheinlich Jäger, die eine junge Frau einrahmen, wobei der eine so tut, als würde er ihr mit seinem Jagdhorn ins Ohr pusten. Komiker. Auch hier gibt die Schrift – sofern man sie entziffern kann – die nötigen Informationen: »Große Jagd in Dausenau, 14.6.1967«, und unter den drei rechts außen die Namen »Bernd, Gertrud, Herbert« und – in Klammern mit Bleistift – »ein Spießbock, 150 m!«.

Lange verharrt ihr Blick auf dem Foto. Als Justus umblättern will, klingelt es wieder an der Haustür.

»Heute ist der Wurm drin«, kommentiert er mit einem Blick auf seine Mutter die ungebetene Unterbrechung und legt ihr vorsichtig das Fotoalbum in den Schoß.

Er öffnet.

»Du schon wieder?«, entfährt es ihm, als er Frieda vor sich sieht. Ihre Art, Dinge zu regeln, ist so praktisch wie ihre Kleidung. Auch am Sonntag.

»Darf ich kurz reinkommen?«

»Klar doch. Ich war zwar gerade dabei, meiner Mutter ein wenig die Zeit zu vertreiben. Willst du dich zu uns setzen? Über dich freut sie sich immer.«

Frieda betritt zögernd den Flur, bleibt jedoch stehen, als Justus sie halblaut fragt: »Ist es wegen dem Huckner?«

»Ja, klar. Die waren bei mir im Büro und haben eine lange Liste von Leuten, die sie befragen wollen.«

»Und woran sind die interessiert?«, fragt Justus nahezu gelangweilt, um dann unmissverständlich zu betonen: »Der ist jedenfalls nicht vom Hochsitz gefallen!«

»Die Kommissarin sucht nach einem Motiv. Da hat sie offenbar keine Ahnung. Wenn die merkt, wie viele hier sauer auf den Huckner waren wegen der Umgehungsstraße.«

»Wieso Umgehungsstraße?«, kommt es als Echo von Justus.

»Na, er hat gegenüber den Besitzern der Felder um Lahnberg herum behauptet, dass sie enteignet würden, damit die Umgehungsstraße gebaut werden kann. Und da hat er ihnen ein Kaufangebot gemacht, das etwas höher lag als der Richtwert. Tja, und die Umgehungsstraße wurde dann nicht realisiert, wie du weißt, und der Huckner hat so gutes Land für wenig Geld bekommen, das nach ein paar Monaten zum Bauerwartungsland wurde. Beim anschließenden Verkauf hat er natürlich prächtig verdient. Und jetzt, munkelt man, versucht er – ich meine natürlich, hat er versucht –, mit einem Betreiber von Müllverbrennungsanlagen ins Geschäft zu kommen. Natürlich nur so informative Gespräche. Aber ich sage dir, da hätte er hier bei den Lahnbergern keine Chance gehabt.«

»Deswegen muss man den doch nicht in meinem Wald umlegen. Und dann noch der Trichinen-Stempel und der Zweig. Was hat das mit der Jagd zu tun?«

»Ich frage mich einfach, was der Grund dafür sein könnte, und wollte bei dir mal hören, ob du eine Idee hast.«

»Keine Ahnung, und bitte nimm’s mir nicht übel, aber ich habe gerade ganz andere Probleme: Ich muss meine Mutter überzeugen, ins Heim zu gehen. Gerda kommt zwar dreimal täglich, aber das reicht einfach nicht. So wird zwar für die Mahlzeiten gesorgt, und sie hilft ihr manchmal auch ins Bett. Es würde ansonsten auch überhaupt nicht gehen, wenn sich nicht jeden Tag abwechselnd ihre zwei rüstigen Freundinnen aus dem Ort um sie kümmern würden. Die sind so rührend, aber zusammen auch schon einhundertvierundvierzig. Eine kommt immer am Vormittag, die andere dann am Nachmittag, eben wenn ich keine Ferien habe oder am Wochenende nicht kommen kann. Es bleibt dennoch zu viel Zeit, in der sie einfach alleine ist. In ihrem Zustand! Neulich hat sie den Telefonhörer nach dem Gespräch einfach in die Schublade gesteckt. Ich habe den richtigen Augenblick bis jetzt noch nicht gefunden, ihr das Heim schmackhaft zu machen – wie denn auch, bei dem Programm heute? Sei mir nicht böse, aber ich werde jetzt mal mit ihr einen Spaziergang durch den Garten machen, Blumen zählen.«

Justus bewegt sich Richtung Wohnzimmer.

»Alles klar!«, bemerkt Friederike, die Justus lange genug kennt, um zu wissen, dass seine Aufmerksamkeit jetzt woanders ist. Bevor sie die Haustür öffnet, setzt sie dann aber doch noch nach: »Was hältst du von der Kommissarin?«

Aber da ist Justus schon bei seiner Mutter und damit außer Hörweite. Frieda bleibt nichts anderes übrig, als das Forsthaus ohne diese Erkenntnis zu verlassen.

Kapitel 5

Justus hat seine Mutter zu Bett gebracht und genießt ein gut gekühltes Bier auf der kleinen Wiese unter der Eiche direkt neben dem Forsthaus. Er blickt in die Bäume und horcht, ob er die Vielzahl an Lauten irgendwelchen Vögeln zuordnen kann und ob die Fledermäuse heute pünktlich vorbeischwirren. Justus entspannt sich. Für einen Menschen, der sich nicht unbedingt mit Menschen treffen muss und für den ein Wald ohne Jäger der ideale Wald ist, ist es ein guter Augenblick.

Als er das leere Bierglas ins Haus tragen will, erschüttert ein Schuss, gefolgt von einem – nicht erwarteten – zweiten Schuss, die Abendruhe rund um Justus. Und jetzt ein Doppelmord, denkt er, und ihm erscheint plötzlich neben Kriminalkommissarin Helliger ihre Zwillingsschwester. War vielleicht doch ein Bier zu viel …

Dann doch lieber Bett. Soeben hat er das Licht ausgeknipst, da hupt es zweimal kurz vor der Tür.

Justus rappelt sich relativ unkoordiniert aus dem Bett, findet keine Schuhe, na, dann halt barfuß, und macht sich auf den Weg zu Tür, wobei er es gerade noch hinbekommt, nicht über George II. zu stolpern.

Nachdem er die Haustür mühsam aufgeschlossen hat, um sie dann endlich zu öffnen, schaut er direkt in zwei gleißende Scheinwerfer. Jetzt auch noch Aliens oder ein Ufo? Mit dem schützenden Arm vor den Augen erkennt er dann den Umriss eines Autos. Der Mercedes-SUV verrät es Justus: Es ist Herr von und zu Flachau.

»Was gibt’s?«, und ein fragender Blick. Zu mehr ist Justus nicht fähig.

Michael von Flachau kommt zu Justus und zeigt ihm ein Eichenblatt, auf dem vier kleine Blutstropfen zu sehen sind.

»Ja, und?«

Der Jagdpächter nimmt einen gedanklichen Anlauf für eine umfangreiche Erklärung, um dann jedoch nur zu sagen: »Ich hab getroffen, aber wohl nicht so richtig.«

Nicht mal richtig vorbeischießen kann der, denkt Justus in sich hinein und fragt dann aber: »Wen getroffen?«

»Einen Keiler! Ja, und der ist jetzt ab in die Büsche, und ich kann ihn nicht finden. Ich hab das Nachtsichtgerät und die Maglite benutzt, aber: nichts. Ich muss mir unbedingt mal ein Wärmebildgerät besorgen.«

Warum nicht gleich eine AWACS-Maschine der Bundeswehr kommen lassen, hätte Justus gerne ergänzt, aber für Ironie ist er jetzt einfach zu müde. »Also Nachsuche«, konstatiert er. »Wo?«

»Gemarkung 60 unterhalb des Hochsitzes an der Kant-Senke.«

»Okay, geben Sie mir fünf Minuten, George, komm!«

An der Abschussstelle angekommen, ist es stockfinster. George II. wird an der Stelle, an der Blutstropfen zu sehen sind, abgesetzt. »Und such!« Die schwankenden Lichtkegel zweier Taschenlampen illuminieren die Szene mehr schlecht als recht.

Was nun folgt, sieht so aus: ein Hund, der sich für alles interessiert, aber nicht für seinen Auftrag. Dominanz durch Ignoranz. Immerhin hat George II. trotz Dunkelheit prächtige Walderdbeeren gefunden, die er, mit permanentem Hunger ausgestattet, genüsslich frisst. Jede einzeln. Dann ein Jagdpächter, der aus sicherem Abstand vollkommen unnötige Kommentare abgibt, und Justus, der auf allen vieren dem Hund vormacht, wie eine gründliche Nachsuche aussieht.

Nach einer Stunde geben alle auf. George II. hat sich schon vorher zum Auto bewegt.

»Sprechen Sie morgen früh mal den Vorsitzenden vom Hegeverein an, und fragen Sie ihn, ob er es noch mal mit seiner Dachsbracke probiert.« Die hat es immerhin auf das Titelblatt von Wild und Hund geschafft. Das zählt wirklich was in Jägerkreisen.

Michael von Flachau ist das unangenehm, und am nächsten Morgen hat er anderes vor, aber so sind nun mal die jagdlichen Regeln. Er erinnert sich deshalb jetzt eher ungern an das entsprechende Kapitel in Sicher zum Jagdschein.