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Theologinnen und Theologen aus verschiedenen Teilen der Welt denken über das Thema "Befreit durch Gottes Gnade" und drei Unterthemen (Erlösung – Menschen – Schöpfung) nach. Leitend ist dabei die Einsicht, dass weder die Erlösung noch der Mensch und die Schöpfung insgesamt durch menschliches Vermögen zu erwerben sind. Schon gar nicht sind Gott, Mensch und Welt für Geld zu haben. Anlass für diese Vergewisserung eines Grundanliegens der lutherischen Kirchen weltweit ist die Vorbereitung auf die Feiern des Lutherischen Weltbundes zum 500. Reformationsjubiläum. Die Beiträge ermöglichen Einblicke in die wichtigen Themen und Herausforderungen, vor denen die Mitglieder der weltweiten Kirchengemeinschaft in den verschiedenen Kontexten jeden Tag stehen. Das theologische Konzept der Rechtfertigung durch Gottes Gnade und dessen Folgen für die verschiedenen Aspekte des Lebens waren die wichtigsten Leitprinzipien für die Texte, von denen jeder einzelne drei Fragen enthält, die zu weitergehender Reflexion und Diskussion im eigenen Kontext einladen. Das Werk erscheint in vier, in einem Schuber zusammengefassten Heften und kann nur vollständig erworben werden. Heft 1: Befreit durch Gottes Gnade – 500 Jahre Reformation Heft 2: Erlösung – Für Geld nicht zu haben Heft 3: Menschen – Für Geld nicht zu haben Heft 4: Schöpfung – Für Geld nicht zu haben [Liberated by God´s Grace. 2017 – 500 Years of Reformation] In these four booklets, theologians from all parts of the world reflect on the main theme and three sub-themes (Liberated by God's Grace: Salvation – Not for Sale; Human Beings – Not for Sale; Creation –Not for Sale) of the Lutheran World Federation's commemoration of the 500th Anniversary of the Reformation. This collection of essays provides profound insights into the crucial issues and challenges daily faced by the members of the worldwide Lutheran communion in very diverse contexts. The theological concept of justification by God's grace and its consequences for different dimensions of life serve as the main guiding principles for the essays, each one of which is accompanied by three questions that invite to further contextual reflection on the subject.
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Seitenzahl: 565
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Die in dieser Publikation geäußerten Meinungen sind die Meinungen der Autorinnen und Autoren und spiegeln nicht zwangsläufig die offizielle Position des Lutherischen Weltbundes wider.
BEFREITDURCH GOTTES GNADE
HERAUSGEGEBENVON
ANNE BURGHARDT
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie;
detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2016 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
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Gesamtgestaltung: Department for Theology and Public Witness
LWF-Office for Communication Services
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
Veröffentlicht von:
Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig, Deutschland, für Lutherischer Weltbund
150, rte de Ferney, Postfach 2100
CH-1211 Genf 2, Schweiz
ISBN 978-3-374-04742-0
www.eva-leipzig.de
Parallelausgaben in Englisch und Spanisch
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Martin Junge
Einleitung
Anne Burghardt
Befreit durch Gottes Gnade – von was, zu was?
Gottfried Brakemeier
Die Kirche und der öffentliche Raum – eine lutherische Interpretation
Kjell Nordstokke
Befreiendes Wort Gottes – zum lutherischen Verständnis der Heiligen Schrift
Hans-Peter Großhans
Gendergerechtigkeit verwirklichen – eine asiatische Perspektive
Au Sze Ngui
Bildung und Reformation
Elżbieta Byrtek
Befreit durch Gottes Liebe zur Veränderung der Welt – eine Jugendperspektive
Monica M. Villarreal
Befreit durch Gottes Gnade: Gnade und Frieden – eine anglikanische Perspektive
Timothy J. Harris
Bibelarbeit: Jesaja 55,1-2
Zephania Kameeta
Autorinnen und Autoren
Martin Junge
Im Jahr 2017 feiern wir das 500-jährige Reformationsjubiläum. Für die in der lutherischen Tradition stehenden Kirchen markiert der 31. Oktober 1517 den Beginn der Reformation. An diesem Tag soll Martin Luther seine 95 Thesen an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg genagelt haben, in denen er sich gegen den Ablasshandel und die in seinen Augen damit einhergehenden kirchlichen Missbräuche wandte. Seitdem hat die Reformation eine beeindruckende Reise vollbracht. Heute finden wir lutherische Kirchen in allen vier Weltgegenden, wobei eine stetig wachsende Zahl von Lutheranern im globalen Süden lebt. Der Lutherische Weltbund, eine weltweite Gemeinschaft mit 145 Mitgliedskirchen, repräsentiert heute über 72 Millionen Lutheraner in 79 Ländern.
Aufgrund der unterschiedlichen prägenden Erfahrungen der Kirchen sowie ihrer unterschiedlichen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergründe ist es nahezu unmöglich, von „der“ lutherischen Identität zu sprechen. Für einige Kirchen ist das Jahr 1517 nicht unbedingt von besonderer Bedeutung, denn sie verknüpfen andere Zeitpunkte mit dem Beginn der Reformation. Für einige Mitgliedskirchen des LWB ist z.B. der Zeitpunkt der Einführung des Christentums in ihren lokalen Kontext das konstitutive Schlüsseldatum, das man als grundlegend für das Selbstverständnis und die eigene Identität ansieht. Der 500. Jahrestag der Reformation bietet jedoch für alle lutherischen Kirchen eine ausgezeichnete Gelegenheit, über die bleibende Relevanz der die Reformation auslösenden Fragen und ihre gesellschaftliche Bedeutung nachzudenken.
Die vier Hefte dieses Sammelbandes möchten zu einer solchen in die Tiefe gehenden Reflexion beitragen. Die Diskussion wird geführt im Blick auf das übergreifende Thema des 500-jährigen Reformationsjubiläums und der Zwölften LWB-Vollversammlung „Befreit durch Gottes Gnade“, dessen drei Unterthemen, „Erlösung – für Geld nicht zu haben“, „Menschen – für Geld nicht zu haben“ und „Schöpfung – für Geld nicht zu haben“, zur Entfaltung unterschiedlicher Aspekte des Hauptthemas beitragen. Die Hefte enthalten Aufsätze von Bischöfen, Pastoren, Theologen, Mitgliedern des Rates des LWB, Vertretern verschiedener LWB-Netzwerke und ökumenischen Partnern aus allen LWB-Regionen. Das breite Spektrum von Autoren und Themen gibt der und dem Lesenden einen Einblick in die große Vielfalt innerhalb der Gemeinschaft und in verschiedene Aspekte der programmatischen Arbeit des LWB. Die drei Fragen am Ende jedes Aufsatzes wollen zu weiterer Reflexion und Diskussion anregen.
Wir hoffen, dass diese Hefte im bilateralen Dialog zwischen Partnerkirchen Verwendung finden, um einen Dialog über die Botschaft und die Rolle der Kirchen in verschiedenen Kontexten anzustoßen. Darüber hinaus geben sie hoffentlich wichtige Impulse für die Vorbereitung der Zwölften Vollversammlung, die 2017 in Windhuk, Namibia, stattfinden soll.
Zu guter Letzt möchte ich allen danken, die mit einem Aufsatz zu dieser Veröffentlichung und damit zu ihrer Reichhaltigkeit und Vielfalt beigetragen haben. Ich möchte die Leserinnen und Leser ermuntern, diese Hefte eingehend zu lesen, und hoffe, dass sie gehaltvolle und interessante Diskussionen nach sich ziehen.
Anne Burghardt
„Befreit durch Gottes Gnade“ – das Motto des Lutherischen Weltbundes für das 500-jährige Reformationsjubiläum ist eng verbunden mit der Lehre von der Rechtfertigung allein aus Gnaden durch den Glauben, die in der lutherischen Tradition auch als „der Artikel, mit dem die Kirche steht und fällt“ (articulus stantis et cadentis ecclesiae) bezeichnet worden ist. Die zentrale Erkenntnis dieser Lehre, dass nämlich in Christus Gottes Gnade uns als ein freies und bedingungsloses Geschenk gegeben ist, ruft Dankbarkeit hervor, die sich im liebenden und fürsorgenden Engagement für die Menschen und die ganze Schöpfung äußert. Das gilt heute genauso wie zu Luthers Zeiten und ist eine Erkenntnis, die weiterhin für alle Aspekte der Theologie von Belang ist. Die Aufsätze in diesem Heft beleuchten die Aktualität und den Einfluss dieser reformatorischen Erkenntnis aus verschiedenen Perspektiven.
In seinem Aufsatz „Befreit durch Gottes Gnade – von was, zu was?“ weist Gottfried Brakemeier darauf hin, dass in der heutigen Welt Begriffe wie Gnade und Barmherzigkeit zunehmend suspekt werden. Eine Welt ohne Gnade aber wäre am Ende eine unmenschliche Welt. Eine Theologie jedoch, in deren Zentrum die Rechtfertigung allein aus Gnaden durch den Glauben steht, hält an dem Begriff der Gnade fest, denn die Rechtfertigung ist – in biblischer Begrifflichkeit – die Zusage von Gottes bedingungsloser Annahme der Menschen. Selbst Liebe zu schenken ist die Antwort auf Gottes überreiche Liebe zu den Menschen und kein Versuch, sich Gottes Liebe durch „gute Werke“ zu verdienen. Brakemeier zeigt, inwiefern die beiden Sätze aus Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ von 1520, „Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan“ und „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan“ eng zusammengehören.1
„Ein Christ ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“2 Das ist sein [Luthers] erster Satz. Jeder, der Gott als Herrn hat, kann keinem anderen Herrn dienen (vgl. Mt 6,24). Gott zu dienen befreit uns vom Dienst an den Menschen. Jeglicher Druck fällt ab, sobald der Mensch sich im Glauben Gottes Gnade anvertraut. Diese Freiheit wird jedoch gründlich missverstanden, wenn sie mit Willkür gleichgesetzt wird. Darum fügt Luther hinzu: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“3 Das ist sein zweiter Satz. Die zwei Sätze gehören zusammen. Freiheit zerstört sich selbst, wenn sie nicht in der Lage ist, Verpflichtungen zu übernehmen. Vor allem aber ist dies ein Verrat an der Liebe. Denn die ist ja wesentlich ein „Dienst am Nächsten“. Ohne Diakonie wird auch der Glaube falsch, denn es gilt den „Glauben zu haben, der in der Liebe wirksam ist“ (Gal 5,6).4
Die Wiederentdeckung der befreienden Botschaft des Evangeliums, die sich Luther durch sein gründliches Studium der Bibel erschloss, bildete das Zentrum der Reformation. Es ist notwendig, dass diese starke und befreiende Botschaft zu verschiedenen Zeiten und in verschiedenen Kontexten aufs Neue gehört wird. In seinem Beitrag weist Hans-Peter Großhans, Mitglied des Hermeneutik-Netzwerks des LWB, auf die Vielfalt des menschlichen Lebens hin und auf die Tatsache, dass Gott sich durch das Medium der Bibel an die Menschen und Gemeinschaften in ihren konkreten Lebensumständen wendet.
Auf das Hören von Gottes Wort folgt nicht etwa eine Art herrschaftlicher Prozess der Anti-Individuation, sondern ein Lied, das die vielfältige Gnade Gottes preist (1 Petr 4,10), wie sie sich in der Verschiedenheit und Vielfarbigkeit des Lebens der Christen und der Kirchen ausdrückt – in „der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes“ (Röm 8,21).5
Dass auf das Hören und Verstehen des Wortes Gottes seit Anbeginn der Reformation so viel Wert gelegt wurde, hat zur Entstehung zahlreicher neuer Bibelübersetzungen geführt, die in verschiedenen Fällen einen nachhaltigen Einfluss auf die weitere Entwicklung der Nationalsprachen gehabt haben. Ein Verständnis des tatsächlichen Sinngehalts eines Textes hängt in großem Maße von dem verwendeten hermeneutischen Schlüssel ab. Elżbieta Byrtek beschreibt, welche Bedeutung durch die Jahrhunderte hindurch in den lutherischen Kirchen Bildung und Erziehung hatten. Grund dafür war das Bedürfnis nach einem umfassenderen und tieferen Verständnis der biblischen Schriften. Eine ernsthafte und aufrichtige Beschäftigung mit der Bibel zieht es nach sich, dass man Fragen stellt, verschiedene Lesarten zur Kenntnis nimmt und seine eigenen Anliegen und Zweifel zur Sprache bringt.
Ein Glaube, der sich nicht scheut, Fragen zu stellen, Antworten zu suchen und im Dialog zu bleiben mit denjenigen, die nicht derselben Meinung sind, ist ein lebendiger Glaube, eine der fähig sein wird, in der heutigen multilateralen und komplexen Welt zu überleben. Einer Welt, wo „richtige“ Antworten von Seiten der Fachleute nicht unbedingt die Menschen erreichen, wo aber Christen, befreit durch Gottes Gnade, die Verantwortung haben, über diese Gnade mit anderen zu sprechen, und bereit sein müssen, sich auf schwierige Gespräche einzulassen.6
Die Reformation wirkte als ein Katalysator für ein erneuertes Verständnis der Rolle der Kirche in der Gesellschaft. Für Luther hatte die ganz normale Arbeit sowohl im Haus als auch außerhalb des Hauses einen hohen Wert. So erhielt die alltägliche Arbeit eine neue Würde, und er betrachtete sie ausdrücklich als einen wesentlichen Teil des Dienstes an Gott und dem Nächsten. Diese Sichtweise war eine fruchtbare Grundlage für spätere Konzepte einer aktiven Bürgerschaft. In seinem Aufsatz über die Rolle und die Aufgaben der Kirche in der Gesellschaft, weist Kjell Nordstokke darauf hin, dass nach Luther die Kirche durch Gott dazu berufen ist, ein „lebendiges Wort“ in der Welt zu sein.
Die Aufforderung, ein „lebendiges Wort“ zu sein, ist eine Ermahnung zu aktiver Bürgerschaft. Luther veränderte radikal das Verständnis von christlicher Berufung, er verlagerte den Schwerpunkt vom inneren Leben der Kirche auf den Dienst an der Welt – auf ein Dasein als christliche Bürger, die ihren Nächsten Liebe und Fürsorge angedeihen lassen.7
Mit Blick auf Norwegen nennt Nordstokke vier diakonische Tätigkeitsfelder: Nächstenliebe, die Schaffung inklusiver Gemeinschaften, sorgsamer Umgang mit der Schöpfung und Kampf für Gerechtigkeit.
2013 verabschiedete der LWB ein Grundsatzpapier zur Verwirklichung von Gendergerechtigkeit im LWB (Gender Justice Policy – GJP), das zur Bewusstseinsbildung im Blick auf die Themen Inklusivität und Geschlechterrollen in den Kirchen beitragen soll. Am Beispiel des Volkes der Murut, die im malaysischen Bundesstaat Sabah leben, beschreibt Au Sze Ngui, wie die befreiende Kraft des Evangeliums die Wahrnehmung der Geschlechterrollen bei den Murut verändert hat. Sie stützt sich dabei auf die Argumentation und Methodik der GJP. Ngui legt dar, wie das christliche Verständnis der Gleichheit aller Menschen vor Gott Murut-Frauen befähigt hat, in der Kirche Aufgaben zu übernehmen, die traditionell den Männern vorbehalten waren. Sie verweist auf die befreiende Kraft des Evangeliums, wenn es darum geht, bestimmte Traditionen in den Blick zu nehmen, die trotz aller manchmal vorgebrachten Argumente nicht mit der wirklichen Botschaft des Evangeliums übereinstimmen.
Befreiung von der Knechtschaft der Sünde ist der Anfang unseres Strebens nach Gerechtigkeit: wir sind frei; wir haben Vergebung erlangt; wir empfangen die Gnade Gottes. Wir sind frei, uns und die Welt zu verändern. Es gibt viele Beispiele dafür, wie das Christentum durch seine Unterstützung der Neubewertung „traditioneller“ Praktiken als Kraft des Wandels gewirkt hat.8
„Befreit durch Gottes Gnade, um die Welt zu verändern“ ist das Motto des Globalen Netzwerks Junger Reformerinnen und Reformer des LWB, das im Rahmen der Vorbereitungen auf das 500. Reformationsjubiläum gegründet worden ist. Durch dieses Motto inspiriert, greift Monica Villarreal die Frage nach der befreienden Kraft des Glaubens von einer Jugendperspektive her auf. Befreit sein, durch Gott befreit sein, das führt auch immer zugleich zu der Frage, wovon wir denn nun befreit sind und wofür. Villarreal zitiert Worte von Carolina Huth aus Argentinien, einem Mitglied der Leitungsgruppe des Globalen Netzwerks Junger Reformerinnen und Reformer, die die Vorstellung von der andauernden Reformation konkretisiert, indem sie erläutert, wie ihr Glaube sie zur Schaffung neuer Räume befreit hat.
Als Lutheraner glauben wir, dass Traditionen zwar nicht notwendig sind für die Erlösung, dass sie aber manchmal nützlich sind für die Aufrechterhaltung von Ordnung, Ruhe und der gängigen Praxis. Wenn sie aber ihren Zweck nicht erfüllen, wenn die Menschen sich unwohl fühlen und die Kirche nicht länger einladend ist und Gottes Botschaft nicht alle erreicht, dann sollten wir darüber nachdenken, die Kirchenstühle umzustellen.9
Ein Beitrag aus der Ökumene ist der Aufsatz von Timothy J. Harris, der sowohl den zutiefst persönlichen als auch den aufs Globale abzielenden Charakter von Martin Luthers Entdeckung der Gnade Gottes bedenkt. Bei dieser Wiederentdeckung
ging es nicht nur um sein eigenes Streben nach persönlicher Gewissheit angesichts seiner geistlichen Angst, sie war vielmehr Auslöser für eine Bewegung der andauernden Reform, deren Herzstück eine vertieftes Verständnis der großen evangelischen Botschaft von Gnade und Frieden war und ist, zu der wir stets aufs Neue wieder hingeführt werden.10
Die Wiederentdeckung der Größe des Evangeliums erinnert uns auch an unsere eigenen Beschränkungen beim Versuch das Evangelium zu verstehen, denn unsere kulturellen Scheuklappen und blinden Flecke bringen uns manchmal dazu, das Evangelium kleiner zu machen, als es ist. „Das Evangelium ist größer als jede Kultur und keine ethnische Gruppierung, kein Volk und keine Kultur können einen Vorrang für ihre besondere Ausdruckform des Evangeliums beanspruchen.“11 Im Geiste einer andauernden Reform besteht daher immer die Notwendigkeit der „Übersetzung“ des Evangeliums „in die vielen unterschiedlichen Formen von Sprache, Verkündigung und Lebenswelt als wesentlichen Elementen des menschlichen Lebens“12, wobei stets unsere eigenen Verständnisgrenzen zu bedenken sind.
In seiner kontextuellen Bibelstudie zu Jesaja 55,1-2 spricht Zephania Kameeta die drängenden Probleme von Armut und Hunger in Afrika und insbesondere in Namibia an und entfaltet in diesem Kontext die befreiende Botschaft von Jesaja.
Der Text dieser Bibelarbeit sagt nicht, kommt her, sodass ihr gezählt und registriert werden könnt oder eine wissenschaftliche Untersuchung, warum ihr durstig seid, an euch durchgeführt werden kann; sondern er sagt einfach: kommt her zum Wasser! Das ist es, was nötig ist, in dieser Stunde der Not. Die Notleidenden wollen Hilfe, bevor sie verschmachten. Jetzt ist eure Stunde und euer Moment. Etats und Geld sind nicht die Frage: Kommt, esst und trinkt, sodass ihr leben könnt.13
DIEDREI UNTERTHEMEN:
ERLÖSUNG – FÜR GELDNICHTZUHABEN;
MENSCHEN – FÜR GELDNICHTZUHABEN;
SCHÖPFUNG – FÜR GELDNICHTZUHABEN
Die drei Unterthemen konkretisieren die unterschiedlichen Dimensionen des „für Geld nicht zu haben“ des Hauptthemas „Befreit durch Gottes Gnade“ und stellen Praktiken und theologische Konzepte in Frage, die der befreienden Botschaft des Evangeliums entgegenstehen. Die Versuche, die Erlösung zu kommerzialisieren sind vielgestaltig und reichen von der Propagierung eines Wohlstandsevangeliums (Prosperity Gospel) bis zu Bestrebungen, die Erlösung durch die Einhaltung gewisser Praktiken und Rituale usw. zu „garantieren“. Die Aspekte von Heilserwartung, die in konsumistischem Verhalten aufscheinen, wie auch Fragen, wo und unter welchen Umständen „Erlösung“ in einem säkularen Kontext erwartet wird, sind ebenfalls von Bedeutung.
Die erneuerte Beziehung zwischen Gott und den Menschen führt notwendigerweise zu einem tieferen Verständnis von der Schöpfung des Menschen als Ebenbild Gottes und zu der Erkenntnis, dass die Menschen durch Gottes Gnade erneuert werden. Menschen können deshalb nicht als Waren angesehen werden, deren Wert nur nach dem Gewinn bestimmt werden kann.
Heutzutage ist es im Lichte der massiven Ausbeutung von natürlichen Ressourcen von entscheidender Bedeutung, dass wir auch Gottes Schöpfung jenseits des Menschen unsere Aufmerksamkeit widmen. In der Genesis lesen wir, dass Gott die Schöpfung als „gut“ ansah und sie der menschlichen Fürsorge anvertraute. Der Begriff der „Herrschaft“ in Genesis 1,26 ist oft missbraucht worden und es ist übersehen worden, dass Gott alle Schöpfung für „gut“ erklärte, ganz unabhängig von ihrer Nützlichkeit für den Menschen. Die erneuerte Beziehung zwischen Gott und den Menschen hat deshalb auch Auswirkungen auf das Verhältnis des Menschen zu der übrigen Schöpfung, denn die Schöpfung gehört zuerst Gott und ist unseren Händen nur anvertraut.
Verschiedene Reflexionen zu unterschiedlichen Aspekten der Unterthemen finden sich in den jeweiligen Heften dieses Sammelbandes. Sie werden hoffentlich zu Gesprächen über die befreiende Botschaft des Evangeliums anregen, während wir uns gemeinsam dem 500. Reformationsjubiläum nähern.
Gottfried Brakemeier
DIE KRISEEINES BEGRIFFS
Gnade ist zu einem Fremdwort geworden. Es kommt nur noch in Ausnahmefällen vor, etwa in dem Wort „Gnadengesuch“. Zum Tode Verurteilte bitten um Gnade. Oder man spricht davon, dass die Sonne gnadenlos vom Himmel brennt, das Land ausdörrt und die Ernte vernichtet. Gnadenlos geht es vor allem im Kriege zu. Da gibt es kein Pardon. Man hat die Rache der Feinde zu fürchten. Die wütet, ohne nach Schuld und Unschuld zu fragen, und meint, sich um Recht und Unrecht nicht kümmern zu müssen. Es wird zerstört, vergewaltigt, gemordet. Das wiederholt sich im „Gesetz der Straße“. Viele jugendliche Gewalttäter haben das Wort „Gnade“ nie gehört oder längst vergessen. Auch wenn das Opfer bereits am Boden liegt, wird weiter getreten und zugeschlagen – „gnadenlos“.
Es ist bezeichnend, dass man auf Gnade erst dann aufmerksam wird, wenn sie abhandengekommen ist. Nur in der negativen Bedeutung von „gnadenlos“ hat das Wort noch Gewicht. Wer keine Gnade kennt, also „ungnädig“ ist, gilt als rücksichtslos, skrupellos, brutal. Ansonsten ist der Begriff aus der Alltagssprache verschwunden. Vorbei sind die Zeiten, als die Herrschenden ihre Autorität als „von Gottes Gnaden“ verstanden und sie auf diese Weise legitimierten. In einer Demokratie geht alle Macht vom Volke aus. Der Stimmzettel entscheidet über die Regierungsbildung. Parlamentarier sind „Volksvertreter“. Mit Gnade hat das nichts zu tun. Auch Gott ist überflüssig geworden. Viele verzichten sogar auf die Formel „So wahr mir Gott helfe“ bei der Amtseinführung. Eine säkulare Welt tut sich schwer mit dem Begriff „Gnade“. Wofür braucht man ihn?
Hinzukommt, dass das Wort suspekt ist. Niemand will von der Gnade Anderer abhängig sein. Wer Gnade braucht, ist ein Schwächling. Man will auf eigenen Beinen stehen, sich den Lebensunterhalt selbst verdienen, niemandem etwas schuldig sein. Das Bemühen der Menschen geht dahin, von Gnade unabhängig zu werden. Das ist nicht zuletzt eine Frage des Prestiges. Kinder wollen den Eltern nicht dauernd auf der Tasche liegen und von ihnen ausgehalten werden. Sobald sie können, besorgen sie sich eine eigene Wohnung und nehmen ihr Leben in die Hand. Es ist beschämend, wenn das nicht gelingt. Ähnliches gilt für das Verhältnis zum Staat. Langzeitarbeitslose leiden unter dem Gefühl, überflüssig zu sein und auf Kosten der Allgemeinheit zu leben. Sie werden von vielen als Schmarotzer betrachtet. Man will kein Bettler sein und sein Leben von Almosen fristen. Wer könnte das verurteilen? Es ist besser, wenn man ohne Gnade auskommt.
Denn Gnade versklavt. Es gibt unzählige Beispiele dafür. Die Großzügigkeit der Herren schafft eine Schar von ergebenen Dienern, die es nicht wagen, Einspruch gegen Zumutungen zu erheben. Günstlinge und Lakaien sind unfrei. „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, sagt das Sprichwort. Das ist von jeher die Methode gewesen, mit der Diktatoren ihre Macht gefestigt haben. Sie gewährten Privilegien und garantierten damit Loyalität. Auch unter „demokratischen“ Bedingungen ist das nicht anders. Denn allzu oft sind die Wähler käuflich. Mit Wahlgeschenken kann man ihren politischen Willen steuern und Anhänger gewinnen. Geschenke verpflichten, auch wenn es sich nur um die zu Weihnachten handelt. Der Begriff „Gnade“ ist unsympathisch, weil er hierarchisches Denken suggeriert. Mit ihm, so scheint es, werden Abhängigkeiten festgeschrieben. Es bleibt bei der Gegenüberstellung von Gebern und Nehmern, von „denen da oben“ und „wir hier unten“, wobei „die da oben“ als Wohltäter und Gönner stets den Ton angeben.
Offenbar steht Gnade dem Freiheitsbestreben des Menschen im Wege. So ist es leider auch in der Kirche häufig verstanden worden. Nicht immer erhielten Bewegungen, die sich Befreiung von unwürdiger Knechtschaft auf ihre Fahnen geschrieben hatten, die erforderliche Unterstützung. In dieser Hinsicht setzt die „Theologie der Befreiung“ zwar nicht neue, aber doch ungewohnte Akzente. Gott steht auf der Seite der Unterdrückten und führt sie heraus aus dem Hause der Sklaverei, so wie er es seinerzeit mit dem Volk Israel in Ägypten getan hat. Gott solidarisiert sich mit den Armen und ergreift ihre Partei im Kampf um Gerechtigkeit. Viele begegnen dieser Theologie mit Argwohn und werfen ihr eine unzulässige Politisierung des Evangeliums vor. Wie immer man auf diesen Vorwurf reagiert, Tatsache ist, dass mit der lateinamerikanischen Befreiungstheologie und ihren verwandten Strömungen in anderen Kontinenten die Frage nach dem Verhältnis von Gnade und Freiheit erneut und in aller Schärfe gestellt ist. Wie kann von der befreienden Gnade Gottes geredet werden ohne den Menschen zu entmündigen und in neue Abhängigkeiten zu stürzen? Und wie kann man die Autonomie des Menschen vertreten, ohne die Rede von Gnade überflüssig zu machen?
WELTOHNE GNADE?
Es braucht nicht viel Phantasie, um sich eine Welt ohne Gnade vorzustellen. Sie ist bereits auf weite Strecken Wirklichkeit. Die Horrornachrichten aus unmittelbarer Nachbarschaft oder aus fernen Ländern geben davon ebenso Zeugnis wie die soziale Ungleichheit in der Gesellschaft. Kein Tier kann grausamer sein als der Mensch. Bestialische Morde, blinde Zerstörung oder das millionenfache Flüchtlingselend in Hunger- und Krisengebieten sind dafür erschreckende Beispiele. Der Holocaust ist von einem Volk zu verantworten, das stets auf seine Kultur stolz war. Zivilisation bietet keinen Schutz vor Völkermord, wie dies auch andere Beispiele aus Vergangenheit und Gegenwart belegen. In Amerika muss an die Leidensgeschichte der Urbevölkerung erinnert werden. Die Indianer wurden brutal dezimiert und bis auf wenige Reste ausgerottet. Genauso tragisch ist das Unrecht, das den aus Afrika importierten Sklaven angetan wurde. Die Liste der Verbrechen des Menschengeschlechtes ist lang. Sie beginnt bei Kain und Abel und hat nicht zuletzt in der Kreuzigung Jesu erschütternden Ausdruck gefunden. Gewalt war von jeher das Signum der Menschheit. „Das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf“. So lesen wir es in Genesis 8,21. Eine Welt ohne Gnade ist kalt, unmenschlich, mörderisch.
Daneben gibt es weniger spektakuläre Arten von Brutalität wie die wirtschaftliche Ausbeutung. Wer einmal in die Schuldenfalle geraten ist, kommt nur schwer wieder heraus. Banken kennen keine Gnade. Es geht um Gewinne, Boni und Rendite. Durch Spekulation und falsche Versprechen sind viele Menschen um Hab und Gut gebracht worden. In einem konsequent kapitalistischen System wird das gesamte Leben vermarktet. Alles wird zur Ware, die gekauft oder verkauft werden muss, mit Einschluss der religiösen Güter. Die Börsenkurse bestimmen das wirtschaftliche Geschehen. Wiederum bleibt für Gnade kein Raum. Mit ihr schwindet das soziale Denken, die Barmherzigkeit, die Güte. Die Gier verdrängt die Rücksicht auf den Nachbarn. Egoismus wird zur Tugend. Es beginnt der Kampf um den Arbeitsplatz, bei dem auch Mobbing und ähnliche Methoden zur Anwendung kommen. Man muss halt „clever“ sein und zusehen, auf der Seite der Gewinner zu stehen. Ein brasilianisches Sprichwort fängt diesen Geist in die knappe Formel: „Jeder für sich, und Gott für alle“. Die sozialen Belange werden in die Alleinzuständigkeit Gottes abgeschoben. Das ist bequem und gleichzeitig grausam. Solche Haltung kann sich in viele Gewänder kleiden, und doch sind alle in gleicher Weise unmenschlich.
Außerdem wird verkannt, dass sich eine Welt ohne Gnade tödlichen Gefahren aussetzt. Der Untergang der Nächstenliebe bleibt nicht ohne Folgen. Er provoziert den Hass derer, die sich im allgemeinen Wettbewerb nicht durchsetzen konnten, die ausgeschlossen oder unterdrückt wurden. Das von der Natur her bekannte „Gesetz des Stärkeren“ ist für die menschliche Gemeinschaft untauglich. Denn in dieser sind die Unterlegenen immer noch in der Lage, sich an ihren Gegnern furchtbar zu rächen. Es genügt ein Streichholz, um einen Flächenbrand zu entfachen. Gleichgültigkeit oder gar Feindseligkeit gegenüber den sozial Schwachen, gegenüber religiösen und ethnischen Minderheiten sowie anderen Volksgruppen riskiert schwere soziale Konflikte. Es darf nicht verwundern, wenn Kinder, die stets am Rande der Gesellschaft vegetierten und nie Zuwendung erfahren haben, eine zynische Lebenseinstellung entwickeln und kriminell werden.
Nicht „Exklusion“, sondern „Inklusion“ ist Voraussetzung für Frieden. Die aber hat den wohlwollenden Blick auf den Nachbarn zur Voraussetzung. Ich muss ihm einen Platz in der Gesellschaft einräumen, auch wenn er oder sie anders ist und meinen Idealvorstellungen nicht entspricht. Man braucht mit dem Partner nicht unbedingt einer Meinung zu sein, um ihm freundschaftlich die Hand zu reichen. Gnade ist zu Toleranz fähig, die Existenzrecht anerkennt, solange sie nicht in Beliebigkeit abgleitet. Das Verbrechen kann sich nicht auf das Toleranzgebot berufen. Doch recht verstandene Gnade schränkt den Lebensraum der Menschen nicht ein. Im Gegenteil, sie schützt und weitet ihn. Nur wer zu Mitmenschlichkeit fähig ist, gehört zu den Friedensstiftern, die von Jesus selig gepriesen werden (Mt 5,9). Ohne Gnade droht die Menschheit an ihren Konflikten zu zerbrechen.
Schließlich und endlich ist zuzugeben, dass eine Welt ohne Gnade eine grobe Täuschung ist. Alles, wofür der Begriff „Gnade“ steht, also Freundlichkeit, Akzeptanz, Gratuität, Vergebungsbereitschaft und Ähnliches kann unterdrückt und verraten werden. Dennoch bleibt Gnade Teil der Wirklichkeit. Ohne Gnade ist der Mensch nicht denkbar. Wer das bestreitet, ist blind. Das ist von Martin Luther in seiner Erklärung des ersten Glaubensartikels im kleinen Katechismus meisterhaft formuliert worden: „Ich glaube“, sagt er, „dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält“. Der Mensch verdankt sich nicht sich selbst. Er ist auch nicht Produkt eines genetischen Zufalls oder einer biologischen Manipulation. Das alles mag mitgespielt haben. Aber es reicht nicht, um das Geheimnis der Person zu erklären. Menschen werden nicht fabriziert, sondern geschaffen und haben gerade so eine unverlierbare Würde. Ihr Leben ist Geschenk, so wie jeder neue Tag es ist. Gnade steht am Beginn des Lebens. Auch im weiteren Verlauf desselben bleibt sie ein Grundbedürfnis. Jeder Mensch muss auf seine Weise getragen werden mit seinen Fehlern, seinen Schwächen, seiner Schuld. Er braucht Nachsicht, Vergebung, Liebe. Wer könnte darauf verzichten?
Man hat das spezifisch Menschliche in der Vernunft gesehen, die den Menschen auszeichnet. Er unterscheidet sich von anderen Lebewesen dadurch, dass er denken, sprechen, planen und die Welt gestalten kann. Auch für Martin Luther ist die Vernunft das „Beste im Vergleich mit den übrigen Dingen dieses Lebens und geradezu etwas Göttliches“. Sie ist kulturschaffende Kraft. So sagt er es in seiner „Disputation über den Menschen“. Obwohl sie nicht davor geschützt ist, sich in den Dienst des Bösen zu stellen, erhebt sie den Menschen über alle Geschöpfe. Trotzdem wäre es verfehlt, die Vernunft zum ausschließlichen Kriterium des Menschlichen zu machen. Zum Rationalen gehören das Irrationale, das Seelische, das Emotionale. Und das ist nicht berechenbar. Es ist bewiesen, dass Entscheidungen häufiger emotional als rational gefällt werden. Der Mensch ist ein komplexes Wesen, das sich einer einfachen Entschlüsselung entzieht.
Eben deshalb wird der christliche Glaube darauf bestehen, dass zum Menschsein die Barmherzigkeit gehört. Das hat auch Martin Luther gewusst und immer wieder betont. Erst Empathie macht den Menschen zum Menschen. Ohne die Fähigkeit zum Mitgefühl, zum Mitleid, zur Liebe bleibt der Mensch eine Maschine. Am deutlichsten hat dies der Apostel Paulus gesagt. „[…] und hätte der Liebe nicht“, werden alle meine Fähigkeiten, so groß sie sein mögen, zu nichts (1 Kor 13,1f). Schon Jesus erinnert daran, dass Gott Barmherzigkeit den Brandopfern vorzieht (Mt 9,13f). Religiöser Rummel ist genauso wertlos wie intellektuelle Brillanz, sofern sie am Mitmenschen und seinen Bedürfnissen vorüber gehen. Fasst man das alles in den Begriff der Gnade zusammen, kommt man zu dem Schluss, dass der Adel des Menschen wesentlich darin besteht, gnädig sein zu können. Alles andere ist zweitrangig.
DIE MENSCHLICHKEIT GOTTES
Der Gott, in dessen Namen sich Jesus gesendet weiß, ist Liebe in Person (1 Joh 4,16). Damit unterscheidet er sich von allen Gottheiten, die Mord und Totschlag legitimieren und Gewalt in seinem Namen erlauben oder sogar fordern. Gott ist nicht gleich Gott. Man muss schon genau hinschauen und zwischen den Göttern unterscheiden. Sie werden an ihren Forderungen erkannt, an ihren Geboten, an ihren Werken. Es gibt unter ihnen wahrhafte Tyrannen, die ihren Verehrern Lasten aufbürden und sie um ihren Verstand bringen. Sie säen Hass und Zwietracht, fordern Kreuzzüge und heilige Kriege. Religion kann ebenso barbarisch sein wie jeder einzelne Mensch. In ihrem Namen wurden und werden entsetzliche Verbrechen begangen. Nicht selten hat Religion Fortschritt und Entwicklung blockiert und die Gläubigen auf überholte Verhaltensmuster fixiert. Religiöse Menschen sind oft rückständig, veraltet, verdächtig. Religion ist darum bei vielen Zeitgenossen in Misskredit geraten. Manche träumen von ihrer Abschaffung. Sie sei nicht nur überflüssig, sondern geradezu schädlich. Religiöser Fanatismus mit seiner typischen Gewaltbereitschaft ist in der Tat zu einer der größten Gefahrenquellen der globalen Welt geworden. Wer zügelt den religiösen Wahnsinn?
In einer Zeit, in der die Rede von Gott Plausibilität verliert, muss der Glaube von seinem Diskurs Rechenschaft ablegen. Die Christenheit bekennt sich zu dem Gott, den Jesus als seinen Vater angerufen hat und an den sich auch seine Gemeinde mit „Vater Unser“ wenden darf. Die Bezeichnung steht für ein Vertrauensverhältnis. Genauso gut könnte von Gott als Mutter geredet werden, so wie es einige Indizien in der Bibel nahelegen. Anders als frühere Propheten bis hin zu Johannes dem Täufer predigt Jesus nicht den zornigen Gott, dessen strafende Gerechtigkeit in Bälde über die Welt hereinbricht, sondern den barmherzigen Gott, der sich den Geringen, Ausgestoßenen und Schuldigen zuwendet.
Damit hat er Anstoß erregt bei denen, die sich für gerecht hielten und deshalb Privilegien beanspruchten. Die Tischgemeinschaft, die Jesus mit Zöllnern und Sündern pflegt (Lk 15,1f), ist für sie ein Skandal. Sie stellt ihr „Weltbild“ auf den Kopf, das den Kategorien von Verdienst und Leistung verhaftet bleibt. Wenn Gott so ist, wie Jesus ihn verkündet, müssen sie sich ändern. Dazu aber sind sie nicht bereit. Die Nachsicht des Rabbi aus Nazareth mit den Unwürdigen empfinden sie als Aggression. Jesus hat Augen für die Schwachen und Kranken, für die, die am Rande leben, für die Armen und Verachteten. Gerade sie versucht er in die Gemeinschaft der Kinder Gottes zurückzuholen. Seine Zuwendung geschieht ohne Auflage. Gratuität ist das Merkmal seines Handelns. Das heißt, Jesus versteht sich als Anwalt des gnädigen Gottes, der den Sünder nicht verstößt und den Verlorenen eine Chance gibt.
Es ist bekannt, dass am Anfang der Reformation ein Wandel des Gottesbildes steht. Martin Luther entdeckt den barmherzigen Gott, der den Menschen annimmt, ohne auf Verdienst und Würdigkeit zu schauen. Rechtfertigung meint biblisch eben dies: Zuspruch von Lebensrecht auch ohne Nachweis von Leistung, bedingungslose Annahme, Erweis von Liebe. Die Skrupel, die Martin Luther quälten wegen seiner immer neuen Niederlagen im Kampf gegen das Böse in sich selbst, wurden schlagartig überwunden, als er entdeckte, dass Gott den Sünder rechtfertigt „allein aus Gnade und Glaube“. Seine bange Frage „Wie bekomme ich einen gnädigen Gott?“ war damit beantwortet. Es wäre verkehrt, sie als zeitgebundenen Ausdruck eines verstörten Gewissens zu interpretieren. Es ist die Frage des Menschen schlechthin. Wo gibt es Barmherzigkeit in dieser Welt? Ein unbarmherziger Gott ist eher ein Moloch als ein Vater. Er droht mit Höllenstrafen und verbreitet Furcht und Schrecken. Trost ist bei einem solchen Gott nicht zu haben. Auch die Leugnung Gottes verspricht keine Lösung. Der Atheismus ist genauso „trostlos“ wie eine zynische Religion. Das ist beim Vater Jesu Christi anders. Er bietet Geborgenheit, Zuflucht, Schutz vor Sinnlosigkeit. „Gott will […] dass wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechten Kinder, damit wir getrost und in aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater“ (Martin Luther in der Erklärung des „Vater Unser“ im Kleinen Katechismus).
Fragt man, woher diese Überzeugung kommt, ist die Antwort schnell gefunden. Ihr Ursprung liegt in Jesus Christus. In seiner Person ist Gott den Menschen so nahe gekommen wie nie zuvor. „Niemand hat Gott je gesehen“ (Joh 1,18), aber in Jesus gibt er sich zu erkennen. Die Gemeinde bekennt ihn als die Offenbarung schlechthin. Wohl gibt es Zeichen Gottes in Natur und Geschichte, aber sie sind nicht eindeutig. Wer von der Liebe Gottes redet, kommt an Jesus von Nazareth nicht vorbei. Sie äußert sich sowohl in seinen Worten und Taten wie auch in seinem Leiden. Jesus stirbt am Kreuz als Opfer seiner Feinde. Alle Bosheit der Welt stürzt auf ihn ein. Aber auch in dieser Hölle bleibt Jesus seiner Sendung treu. Anstatt seine Peiniger zu verfluchen, bittet er für sie um Vergebung (Lk 23,34). Er zieht es vor, selbst zu sterben als Anderen den Tod zu wünschen. Jesus verzichtet konsequent auf Vergeltung. Für die christliche Gemeinde ist diese Geschichte transparent für das Verhalten des Vaters im Himmel. Gott verzichtet auf Rache an seinen Feinden (Röm 5,10). Stattdessen vergibt er ihre Schuld. So stiftet er Versöhnung (2 Kor 5,18ff). Aus Rache kann kein Friede wachsen.
Jesus bezeugt den Gott, der das Heil des Menschen will, einschließlich das der Gottlosen und „Ungläubigen“. Das Neue Testament spricht von seiner Menschenliebe (Tit 3,4). In Jesus Christus wird er solidarisch mit der geschundenen Kreatur, um sie aus allem Elend zu reißen. Der Gott Jesu Christi ist „human“. Er kennt „Mitleid“ und beweist damit seine Barmherzigkeit. Die kommt Ostern an ihr Ziel. Sünde, Leid und Tod behalten nicht den Sieg. Der Gekreuzigte wird als der Lebendige erfahren, der im Besitz der Schlüssel ist zu Tod und Hölle (Offb 1,15). Die Auferstehung Jesu Christi befreit die Menschheit aus dem Kerker der Vergänglichkeit und schenkt ihr Zukunft auch angesichts des Todes. Am Ende aller Dinge steht nicht das Nichts, die Sinnlosigkeit, die absolute Vernichtung, sondern ein neuer Anfang. (Offb 21,1ff). Das Reich Gottes wird zur alles bestimmenden Wirklichkeit.
DEREVANGELISCHE IMPERATIV
Unter solchen Umständen ist es nicht verwunderlich, dass der Wille Gottes seinen wesentlichen Ausdruck im Gebot der Liebe findet. Gott selbst setzt den Maßstab mit seinem Handeln und mit seinem Sein. Wiederum ist auf Jesus Christus zu verweisen, in dem diese Liebe in Erscheinung getreten ist (Röm 8,39). „Seid barmherzig, wie euer himmlischer Vater barmherzig ist“, sagt Jesus (Lk 6,36). Und als er nach dem höchsten Gebot gefragt wird, antwortet er „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen […] und deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist wichtiger als diese beiden“ (Mk 12,29ff). Es handelt sich um zwei Gebote in einem einzigen. Gott lieben und den Nächsten lieben ist nicht dasselbe. Nächstenliebe ist nicht Gottesliebe oder umgekehrt. Es verbietet sich, beides zu verwechseln. Die Liebe zu Gott zeigt sich darin, dass man ihm die Anbetung vorbehält. Ihm allein gehört die Liturgie (Mt 4,10). Jeder menschliche „Personenkult“ ist verwerflich. Dem Nächsten dagegen gebührt die Diakonie. Er und sie brauchen Hilfe, Solidarität, Aufmerksamkeit. Es gilt das Prinzip: „Einer trage des Anderen Last“ (Gal 6,2). Es ist also zu differenzieren. Liebe hat viele Gesichter. Und doch handelt es sich letztlich um ein einziges Gebot. Es geht um Liebe, also um eine Einstellung, die nur das Gute wollen kann.
Dieses Gebot ist nicht eines unter anderen, sondern Kriterium der Ethik überhaupt. An ihm „hängt das ganze Gesetz und die Propheten“ (Mt 22,40). Und Paulus wird sagen: „So ist nun die Liebe die Erfüllung des Gesetzes“ (Röm 13,10). Wenn eine Anweisung dem Liebesgebot widerspricht, ist sie neu zu formulieren oder abzuschaffen. Man kann das an der Diskussion zwischen Jesus und den Pharisäern über die Sabbatruhe beobachten. Aber das ist nur ein Beispiel unter anderen. Jedenfalls gilt: Gott will eine humane Welt. Und die ist ohne ein Minimum an „Liebe“ nicht zu haben. Obwohl „Liebe“ ein abgenutztes Wort ist, kann darauf nicht verzichtet werden. Vielmehr muss es gegen den Missbrauch geschützt werden. Liebe meint biblisch gesprochen nicht zuerst ein Gefühl, sondern eine Willensrichtung. Ob ich den Nächsten liebe oder nicht, hängt entscheidend von den Absichten ab, die ich ihm oder ihr gegenüber hege. Auch für meinen Feind kann ich das Beste wollen, ohne ihn sympathisch zu finden. Der Feindesliebe Gottes verdanken wir das Heil. Seine Gnade wendet sich unterschiedslos allen Menschen zu. Sie ruft die Sünder zurück in Gottes Gemeinde.
Das geschieht ohne Druck und Zwang. Liebe, sofern sie authentisch ist, schafft keine Abhängigkeiten. Sie gewährt Freiheit. Es muss schon fast befremden, dass der Vater im Gleichnis vom verlorenen Sohn keinen Einspruch erhebt, als der beschließt, das Vaterhaus zu verlassen und seinen Anteil am Erbe einfordert (Lk 15,11f). Der Vater lässt ihn ziehen. Genauso wenig bindet Jesus seine Jünger an sich. Er stellt es ihnen frei, fortzugehen, falls sie sich an ihm ärgern (Joh 6,66f). Freiwilligkeit ist die Basis echter Nachfolge. Gnade ohne Liebe dient eigenen Zwecken und ist daher demütigend für den Empfänger. Anders die Gnade, die aus der Liebe kommt. Sie will den Nächsten als Partner, nicht als Untergebenen. Sie verzichtet darauf, ihn zu bevormunden und vorzuschreiben, was er oder sie zu tun hat. „Gesetzlichkeit“ widerspricht dem Gebot der Liebe. Sie etabliert die religiöse Diktatur und verwandelt Gnade in Zwang. Liebe hingegen wertet den Menschen auf und mutet ihm Verantwortung zu. Dazu muss sie denken können und sich in der Kunst üben, zu erkennen, „was wahrhaftig ist, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert und erfreulich ist […]“ (Phil 4,8). Liebe braucht Orientierung, aber keine Paragraphen. Zwang macht sie kaputt.
Vor allen Dingen aber braucht sie Motivation. Liebe entsteht nicht auf Befehl. Deshalb begründet das Neue Testament den Imperativ zum Handeln mit der Tat Gottes. Wir sollen lieben, weil wir von Gott geliebt worden sind. „Lasst uns lieben, denn er hat uns zuerst geliebt“ heißt es im ersten Johannesbrief (4,19). Ähnlich formuliert es schon Jesus im Gleichnis vom Schalksknecht (Mt 18,21f). Die Pflicht zu gegenseitiger Vergebung ergibt sich aus dem Schuldenerlass Gottes. Das gilt für die Ethik insgesamt: Jedes Mal geht dem Gebot die Erinnerung an Gottes gnädiges Tun voraus. Erfahrene Gnade wird zur Inspiration für das Tun des Guten. Hier ist die Quelle, aus der sich der Imperativ speist. „Du Schurke!“, sagt der Herr im Gleichnis, „Diese deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich darum gebeten hattest; hättest du dich da nicht auch über deinen Mitknecht erbarmen sollen, wie ich mich über Dich erbarmt habe?“ (Mt 18,32f). Jeder Wohltäter muss sich als Trottel fühlen, wenn die Empfänger hartherzig bleiben. Eben deshalb fragt der Apostel Paulus: „Oder verachtest du den Reichtum seiner Güte, Geduld und Langmut? Weißt du nicht, dass dich Gottes Güte zur Umkehr treibt?“ (Röm 2,4). Es geht darum, aus dieser Güte die rechten Konsequenzen zu ziehen.
Wer sich dem verweigert, erleidet empfindliche Verluste. Natürlich kann man bestreiten, dass man Gott etwas schuldig ist. Wer oder was ist das überhaupt „Gott“. Ein moderner Trend will Religion ohne Gott. Offenbar ist der Begriff nicht mehr zeitgemäß. Man will zwar glauben, aber anders als bislang. Freilich wird man zusehen müssen, dass man mit Gott nicht gleichzeitig die Gnade aus der Welt katapultiert. An wen oder was will man denn glauben, wenn Gott aus dem Leben verschwindet? Die Gefahr ist groß, dass man sich in diesem Fall mit der Sinnlosigkeit der Welt abfinden muss, ebenso wie mit der allgemeinen Lieblosigkeit und der Tragik eines endlichen Lebens. Gott, das ist die entscheidende Kraft, die es gestattet, der Negativität des Lebens standzuhalten und der Macht des Bösen zu widerstehen. Die Erfahrung der Bewahrung in schwierigen Situationen, ja selbst angesichts von Todesgefahr wird unter den Bedingungen moderner Gottesfinsternis unmöglich. Aus all dem folgt, dass die Bestreitung der Wirklichkeit Gottes als „Risikofaktor“ ersten Ranges für ein gelingendes Leben angesehen werden muss.
Hinzukommt, dass die Leugnung der Gnade Gottes Gefahr läuft, das Gespür für das Wunder und das Außergewöhnliche zu verlieren. Sie sieht daher normalerweise keinen Grund zu Dankbarkeit. Alles droht in Selbstverständlichkeiten unterzugehen und gleichsam automatisch nach bekannten Gesetzen abzulaufen. Wer ist für die Wunder der Schöpfung verantwortlich? Der „Evolution“ braucht man nicht zu danken. Schon ein solcher Gedanke ist absurd. Abstumpfung gegenüber der Gnade Gottes führt zu Blindheit gegenüber Dimensionen, ohne die das Leben fade wird. Insofern kann die Erinnerung daran eine gewaltige Befreiung in Gang setzen. Sie öffnet die Augen für die Berechtigung eines Gebetes wie das „Vater Unser“. Man muss sich schon darüber klar werden, was man tut, wenn man für Gottes Gnade die Löschtaste drückt.
FREIHEIT
Die Reformation verstand sich als Freiheitsbewegung. „Zur Freiheit hat uns Christus befreit“ schreibt der Apostel Paulus (Gal 5,1). Das hat der Bewegung Dynamik verliehen. Sie wagte es, gegen Fremdherrschaft aufzustehen und sich auf das Evangelium als alleinige Norm zu berufen. So hat Martin Luther auf dem Reichstag zu Worms im Jahre 1521 Papst, Kaiser und der geballten Macht der Kirche getrotzt. Er hatte das Thema bereits in seiner Schrift von der Freiheit eines Christenmenschen (1520) ausführlich entfaltet. „Ein Christen ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.“ Das ist sein erster Satz. Wer Gott zum Herrn hat, kann nicht anderen Herren dienen (vgl. Mt 6,24). Gottesdienst befreit von Menschendienst. Alle Zwänge fallen ab, sobald sich der Mensch im Glauben der Gnade Gottes anvertraut. Allerdings wäre diese Freiheit als Beliebigkeit gründlich missverstanden. Deshalb fügt Luther sofort hinzu: „Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“ Das ist sein zweiter Satz. Beide Sätze gehören zusammen. Freiheit zerstört sich selbst, wenn sie nicht in der Lage ist, Verpflichtungen zu übernehmen. Vor allem aber wird die Liebe verraten. Sie ist wesentlich „Nächstendienst“. Ohne Diakonie wird auch der Glaube falsch. Denn es gibt keinen „christlichen“ Glauben, der nicht in der Liebe tätig wird (Gal 5,6). Sie bedeutet für den Glauben den Gültigkeitstest.
Es lohnt sich, beiden Sätzen des Reformators nachzudenken und ihre Reichweite auszuloten. Martin Luther weckte den Zorn der Papstkirche, weil er ihr die Mittlerrolle im Heilsprozess absprach. Zur Rechtfertigung genügt allein der Glaube. Die Kirche ist Zeugin des Evangeliums und erfüllt damit eine unverzichtbare Aufgabe. Aber das Heil kommt ausschließlich von Jesus Christus. Der Mensch braucht sein Heil nicht mehr zu erarbeiten und sich um verdienstliche Werke zu bemühen. Stattdessen wird er eingeladen, es vertrauensvoll in Empfang zu nehmen. Luther konnte sich dafür auf Paulus berufen, „[…] denn durch Gesetzeswerke wird kein Mensch gerecht“, hatte der gesagt (Gal 2,16). Was das bedeutet, hatte Luther am eigenen Leib erfahren. Eine Last war von ihm abgefallen, als er sich bewusst wurde, dass seine Sünde ihn nicht vom Reiche Gottes ausschloss. Er konnte wieder erhobenen Hauptes durchs Leben gehen. Gottes Gnade hatte ihn vom religiösem Leistungsdruck befreit. Der war nicht nur in der mittelalterlichen Kirche stark. Er ist auch heute noch vorhanden, nicht zuletzt in nichtchristlichen Religionen. Wer sich den Verordnungen nicht fügt, bleibt außen vor, gilt als „ungläubig“ und wird angefeindet.
Auch unter veränderten Bedingungen behält die Rechtfertigungsbotschaft unverminderte Relevanz. Jeder braucht die Erfahrung des Angenommenseins. Sie ist Bedingung von seelischer Gesundheit und Identitätsfindung. Ein ungewolltes Kind hat es schwer im Leben. Ohne den Schutz und die Fürsorge der Mutter sowie des Vaters kann es nicht erwachsen werden. Auch später ist Anerkennung lebensnotwendig, wenn schon nicht von der Allgemeinheit, so doch im kleinen Kreis. Alle Streben nach Lob, nach Beifall, nach Zustimmung. Der Mensch muss das Gefühl haben, jemand zu sein, etwas zu gelten, einen Platz zu haben. Aber was geschieht, wenn die Gesellschaft mit Einschluss der eigenen Eltern ihre Glieder verstößt? Ich selbst kann zu dieser Gesellschaft gehören, wenn ich anfange, mich zu hassen und Minderwertigkeitskomplexe zu entwickeln. Dann bilde ich mir ein, nichts zu taugen, ein Versager zu sein, einen Makel zu tragen. Das ist eine gefährliche Entwicklung, die in Selbstmord oder Gewaltausbrüchen enden kann.
Gottes Gnade sagt es anders. Und wenn alle dich hänseln, dich demütigen und dich fertig machen, Gott hält zu dir. Du bleibst sein Geschöpf, dem seine Liebe gilt. Du bist nicht weniger wichtig als Andere. Lass dich von deren Erfolg nicht beeindrucken. Rechtfertigung bedeutet Emanzipation von gesellschaftlicher Verurteilung. „Wer will die Auserwählten Gottes beschuldigen? Gott ist hier, der gerecht macht“ (Röm 8,33). So fragt der Apostel Paulus. Der Mensch ist immer mehr als die Summe seiner Taten und Untaten. Was Andere über mich denken, ist zwar nach wie vor wichtig. Das Image, das sie verbreiten, kann mir nicht gleichgültig sein. Niemand ist immun gegen Verunglimpfung und Aggression, und Rufmord gilt mit Recht als Straftat. Und doch haben menschliche Urteile ihre absolute Gültigkeit verloren. Sie sind „relativ“ geworden. Entscheidend ist, was das Evangelium über mich sagt. Dann komme ich auch mit meinen Unzulänglichkeiten besser zurecht. Ich lerne es, mich selbst mit meinen Fehlern und Schwächen anzunehmen, ohne mich mit ihnen zu entschuldigen. Die Rechtfertigungszusage hat außerordentliche psychologische Wirkungen. Sie lehrt Schuld anzuerkennen, ohne in Verzweiflung zu stürzen.
Dem Hochmut freilich widersetzt sie sich. Sie durchkreuzt den Machbarkeitswahn und fordert ein realistisches Menschenbild. Der Apostel Paulus straft die Überheblichkeit der Korinther mit schneidenden Worten. Er will wissen: „Wer gibt dir einen Vorrang? Was hast Du, das du nicht empfangen hast? Wenn du es aber empfangen hast, was rühmst du dich dann, als ob du es nicht empfangen hättest?“ (1 Kor 4,7). Für alle Selbstherrlichkeit bedeutet die Botschaft von der Rechtfertigung eine herbe Ernüchterung. Sie holt den Menschen auf den Boden der Tatsachen zurück und lehrt ihn Bescheidenheit. Gottes Gnade ist ein Ärgernis für die Stolzen, die Starken, die Gerechten, für die, die meinen, für nichts dankbar sein zu müssen. Doch ohne Gottes Gnade wären auch sie ein Nichts. Es ist angeraten, sich darüber nicht zu täuschen. Auch der Gesellschaft als Ganzes setzt die Gnade Gottes Grenzen. Denn wenn das letzte Urteil über eine Person in die Zuständigkeit Gottes gehört, steht alles menschliche Richten unter einem Vorbehalt. Damit wird der Gesellschaft das endgültige Verfügungsrecht über ihre Glieder entzogen. Der Mensch ist Gottes Eigentum und genießt als solches seinen Schutz. Niemand ist davon ausgenommen. Alle sind eingeladen, Gottes Gnade im Glauben anzunehmen. Trotzdem geht die Gabe der Antwort des Menschen voraus. Im weiteren Sinne gehört daher die Rechtfertigungsbotschaft zu den Begründungen der Menschenrechte. Das Gottesrecht hat den Respekt der menschlichen Würde und die Integrität der Person zum Ziel.
Schon daraus wird ersichtlich, dass Gottes Gnade den Menschen nicht in einen leeren Raum versetzt. Sie stellt ihn in die Gemeinschaft mit Anderen. Deshalb gehört der zweite Satz aus Luthers Freiheitsschrift unbedingt zum ersten hinzu. Es besteht kein Widerspruch. Man kann das bei Jesus Christus lernen. Er, der frei war und sich ausschließlich seinem Vater im Himmel verantwortlich fühlte, erniedrigte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an (Phil 2,7). Er tat dies freiwillig, nicht gezwungen. Nach seinen eigenen Worten ist er nicht gekommen, um sich dienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben zu lassen für die Vielen (Mk 10,45). Darum gilt: „Wer unter euch der Erste sein will, der soll aller Knecht sein“ (Mk 10,44). Nur wer dienen kann, ist wirklich frei. Der „Freiheit von-“ muss die „Freiheit zu-“ entsprechen. Erst dann erhält sie das Gütesiegel. Bloße Unabhängigkeit kann genauso despotisch sein wie reine Willkür. Sie braucht die Bindung an das Gute.
Es ist daher ein tragisches Missverständnis, wenn man meint, dass ein evangelischer Christ keine guten Werke zu tun braucht. Während der Katholik Verdienste sammeln müsse, könne der Protestant die Hände in den Schoß legen. Wer so argumentiert, hat das Bekenntnis, das die Lutheraner seinerzeit in Augsburg im Jahre 1530 der Öffentlichkeit vorlegten und das bis heute in Geltung steht, nicht gelesen. Da steht im sechsten Artikel: „Und es wird gelehrt, dass dieser Glaube gute Frucht und gute Werke bringen soll, und dass man allerlei gute Werke tun müsse, die Gott geboten hat […]“ Allerdings unterscheidet die Lutherische Tradition zwischen den Werken der Liebe und den Werken des Gesetzes. Diese geschehen nicht um des Nächsten willen, sondern weil das Gesetz es so will. Das aber heißt, dass der Mensch eine Leistung vollbringt, die er sich als Verdienst anrechnen kann. Das widerspricht dem Geist der Liebe, der es nicht um den eigenen Ruhm, sondern um das Wohl des Nächsten geht. Jesus selbst hat immer wieder unter Beweis gestellt, dass es auf die Praxis der Liebe, nicht auf die formale Erfüllung der Gebote ankommt. Die Liebe brüstet sich nicht mit guten Werken. Sie tut sie ohne an den eigenen Vorteil zu denken.
Weil sie Dienst ist, kann sich ein Christenmensch durchaus unterordnen. Er weiß, dass jede Gemeinschaft Regeln braucht und darauf angewiesen ist, dass ihre Glieder sie achten. Deshalb gibt es Ordnungen, Ämter, „Obrigkeit“. Das Neue Testament erkennt den Staat als gute Einrichtung Gottes an und verlangt ihm gegenüber Gehorsam (Röm 13,1f; 1 Petr 2,17). Jede Kirche ist der Verfassung ihres Landes verpflichtet. Sozialer Friede ist ohne einen gesellschaftlichen Gundkonsens nicht möglich. Die Kirche selbst braucht Verwaltungs- und Leitungsstrukturen. Ein Christ ist kein Anarchist. Allerdings ist der geforderte Gehorsam durch das übergeordnete Prinzip begrenzt, das sagt: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen“ (Apg 5,29). Also kann auch ein Christenmensch in die Opposition gehen. Das wird immer dann der Fall sein, wenn die Gesetze nicht „stimmen“. Die Befreiungstheologie hat richtig erkannt, dass sich Sünde nicht zuletzt in ungerechten Gesellschaftsstrukturen niederschlagen kann, eine Einsicht, die nicht wieder preisgegeben werden darf. Es gehört zum Auftrag der Kirche, das Unrecht beim Namen zu nennen und anzuprangern. Das ist beispielsweise im Jahre 1977 auf der 6. Vollversammlung des Lutherischen Weltbundes in Daressalaam, Tansania geschehen. Die Delegierten erklärten, das System der Apartheid sei mit dem lutherischen Bekenntnis unvereinbar. Wer trotzdem daran festhalte, stelle sich abseits der Gemeinschaft. Rassismus ist Sünde. Aber es gibt auch andere, weniger dramatische Fälle von Strukturkritik. Wo notwendig, wird die Kirche auf Änderung der herrschenden Gesetze drängen. Denn die Liebe „freut sich nicht über das Unrecht“ (1 Kor 13,6). Auch Widerstand kann vom Christen um des Gewissens willen gefordert sein. Jedenfalls schließt der Dienst am leidenden Menschen die Bereitschaft zum politischen Handeln mit ein.
Martin Luther selbst ist dafür ein beeindruckendes Beispiel. Er war keineswegs ein „unpolitischer“ Mensch. Die Missstände seiner Zeit provozierten seinen Unmut und gaben Anlass für kritische Stellungnahmen. Der Reformator appelliert an die Verantwortlichen seiner Zeit und fordert Maßnahmen zur Sanierung der sozialen Verhältnisse. So vor allem in seiner Schrift „An den christlichen Adel deutscher Nation – von des christlichen Standes Besserung“ aus dem Jahre 1520. Aber auch sonst hat er sich sehr dezidiert zu Wort gemeldet. Eine unpolitische Kirche gibt es nicht. Solange Christen in dieser Welt leben, sind sie Teil der Gesellschaft, das heißt der „Polis“, und mitverantwortlich für deren Wohl und Wehe. Gewiss, Staat und Kirche haben ihre je spezifischen Aufgaben. Während der Staat für Recht und Frieden sorgen soll, ist der Kirche der Einsatz für Gottes Willen und für sein Recht aufgetragen. Eben deshalb kann es der Kirche nicht gleichgültig sein, ob und wie der Staat seinem Mandat nachkommt. Sie hat die mahnende Stimme zu erheben und Protest anzumelden, sofern Ungerechtigkeit und Gewalt zu endemischen Übeln werden. Wenn ethische Fragen zur Diskussion stehen, darf sich die Kirche nicht in Schweigen hüllen. Umgekehrt sollte der Staat ein Interesse daran haben, dass die Kirche in rechter Weise Glaube, Liebe und Hoffnung sät und unter den Bürgern für ihre Verbreitung sorgt. Er hat ihr dafür die entsprechende Infrastruktur zu garantieren.
Die Unterscheidung von Staat und Kirche bedeutet eine unmissverständliche Absage an die Idee der Theokratie. Schon Jesus hat dazu klare Worte gesprochen. Man soll weder dem Kaiser geben, was Gottes ist, noch umgekehrt (Mk 12,17). Weltliche Gewalt hat ihr eigenes Recht, wenngleich auch sie nie aus der Verantwortung vor Gott entlassen ist. Folglich will lutherische Theologie nicht den Gottesstaat, sondern den Rechtsstaat. Ein Gottesstaat ist seinem Wesen nach autoritär und im Grunde freiheitsfeindlich. Er lässt nur eine Glaubensrichtung zu und unterbindet legitime Vielfalt. Stattdessen muss erwartet werden, dass sich die Gesellschaft über ein Rechtssystem verständigen kann, das ihren Gliedern ein Maximum an Freiheit, Frieden und Wohlstand sichert. Auch mit Nichtchristen ist ein solcher Konsens möglich. Gerechtigkeit ist ein allgemein menschliches Postulat und hat in religiösen wie säkularen Zeiten Verbindlichkeit. Der Rechtsstaat ist keine christliche Erfindung und doch ein von der Kirche zu förderndes Projekt.
Natürlich muss sich die Kirche Jesu Christi davor hüten, parteipolitisch vereinnahmt zu werden. Sie würde ihre Freiheit einbüßen und zu kritischer Distanz unfähig sein. Während der einzelne Christ nicht umhinkommt, seine politische Option zu treffen und einer Partei sein Votum zu geben, ist der Kirche als Institution eben dies verboten. Sie hat alle Parteien gleichermaßen auf die Förderung des Allgemeinwohls zu verpflichten und darauf zu drängen, dass von den jeweiligen Programmen öffentlich Rechenschaft abgelegt wird. Die Kirche sollte der Versuchung widerstehen, den Staat kontrollieren zu wollen. Aber sie hat die Pflicht, die staatlichen Organe an ihre Verantwortung zu erinnern. Dies ist Teil ihrer „politischen Diakonie“ und Ausweis ihrer von Gott geschenkten Freiheit.
FRAGEN
In der globalen Welt des 21. Jahrhunderts wird Toleranz zu einer zentralen Bedingung des Friedens. Ist es richtig, zu behaupten, dass das Evangelium nicht zuletzt von Intoleranz befreit? Wie weit darf christliche Toleranz gehen, ohne zur Beliebigkeit zu werden?
Die Kirche solle sich nicht in politische Angelegenheiten einmischen. Das ist eine oft gehörte Forderung. Sie wird damit begründet, dass man sagt, die Kirche habe sich um das Heil des Menschen zu sorgen, der Staat um das Wohl. Kann man Heil und Wohl so sauber trennen?
Warum muss man eigentlich von Gottes Gnade reden? Ist nicht eine humane Welt auch ohne Gott möglich? Viele sagen, man müsse die Religion abschaffen, um Frieden in der Welt zu schaffen. Was ist dazu zu sagen?
Kjell Nordstokke
DIE REFORMATIONUNDDAS KIRCHENVERSTÄNDNIS
Es ist die zentrale Botschaft der lutherischen Reformation, dass mit der Lehre von der Rechtfertigung durch den Glauben die Kirche steht oder fällt. Dieser Standpunkt gründet auf Luthers Lesung der Bibel und seine Interpretation des Wirkens Jesu. Man hat diese oft in Form der fünf sogenannten solae oder Grundsätze der lutherischen Theologie dargestellt: allein durch die Schrift (sola scriptura); allein durch den Glauben (sola fide); allein durch Gnade (sola gratia); allein durch Christus (solo Christo); und Gott allein die Ehre (soli Deo gloria).
Auf den ersten Blick haben diese Prinzipien keinen Bezug zur Kirche. Man könnte den Eindruck gewinnen, dass die Ekklesiologie (die Theologie der Kirche) für Luther und seine Anhänger kein wichtiges Thema war. Das aber war ganz sicher nicht der Fall; die Reformation begann als eine Reaktion auf die spätmittelalterliche Gestalt der Kirche und ihre Ausrichtung auf wirtschaftliche und politische Macht. Nach Luthers Auffassung führte eine solche Kirche dazu, dass die Verkündigung des Evangeliums verkümmerte. Es war deshalb dringend nötig, die Kirche zu reformieren. Die Verkündigung des Evangeliums ist es, die das Dasein der Kirche und ihre Aussendung in die Welt begründet und nicht umgekehrt. Die Kirche und ihr Auftrag bestehen allein durch die Schrift, allein durch den Glauben, allein durch Gnade, allein durch Christus und allein zur Ehre Gottes.
Der Zustand der Kirche im 15. Jahrhundert war so, dass sich viele nach einer Reformation sehnten. Der Papst war ein politischer Führer mit einem eigenen Heer geworden; die Bischöfe waren örtliche Herrscher und verfügten über enorme wirtschaftliche Mittel. Problematisch war jedoch nicht nur, wie die Kirche ihre politische Macht ausübte. Die Reformatoren kritisierten auch die Art und Weise, wie der Papst und die Bischöfe die religiöse Macht ausnutzten, um ihre Stellung als weltliche Herrscher zu legitimieren. So exkommunizierten sie z.B. politische Gegner und sprachen in einigen Fällen ein Interdikt über ein Land aus. Das heißt, sie verwehrten einem ganzen Volk den Zugang zu den Sakramenten und den Vollzug christlicher Begräbnisse. Der Kampf um die politische Macht hatte also für eine Vielzahl von Menschen und ihr religiöses Leben schwerwiegende Folgen. Sie fürchteten um ihr Heil, da sie die Messe nicht besuchen und die Sakramente, wie von der kirchlichen Obrigkeit vorgeschrieben, empfangen konnten. In der gleichen Geisteshaltung übernahmen die Menschen Praktiken, die die Kirchen eingeführt hatten, um ihre Einnahmen zu erhöhen, so etwa den Ablasshandel. Luther hatte beobachten können, wie die armen Leute von Angst getrieben ihr Geld für den Kauf von Ablässen vergeudeten, um den Qualen des Fegefeuers zu entrinnen, und wandte sich 1517 mit seinen 95 Thesen über die „Kraft der Ablässe“ gegen diese Praxis. Wie wir wissen, war dies das Startsignal der Reformation. Sie war also zum einen zunächst einmal eine Reaktion gegen die Kirche, die ihre Macht missbrauchte, um die Armen auszubeuten; zum anderen stellte sie eine Kirche in Frage, die anstatt das Evangelium zu verkünden den Gläubigen sagte, sie sollten Vertrauen in ein Stück Papier haben, das für Geld zu kaufen war. Erlösung ist keine Ware, die dem Kommerz unterworfen ist; Erlösung ist für Geld nicht zu haben.
Luther kritisierte nicht nur solche Praktiken. Aus theologischer Überzeugung stellte er die Gestalt der gegenwärtigen Kirche radikal in Frage und forderte die politischen Herrscher seiner Zeit auf, die Macht wieder an sich zu nehmen, die seiner Überzeugung nach die Kirche unrechtmäßig usurpiert hatte. Es sei nicht der Auftrag der Kirche, als politischer Herrscher Macht auszuüben. Das „Schwertamt“, so Luthers Ansicht, gehört denen, die Gott rechtmäßig als Könige und andere weltliche Herrscher eingesetzt hat. Alle Bürger, auch die Kirche, sollten deren Autorität in Gehorsam anerkennen. Die Kirche hat einen anderen Auftrag: Gott hat sie berufen, das „Wortamt“ auszuüben, die öffentliche Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat.
DAS WORTALSEINMÄCHTIGES, ÖFFENTLICHES WORT
Die Unterscheidung zwischen dem Schwertamt und dem Wortamt hat in der lutherischen Theologie zur Formulierung der Zwei-Reiche-Lehre geführt und eine intensive Diskussion darüber hervorgerufen, wie diese Lehre in Zeiten zu interpretieren sei, die sich politisch und gesellschaftlich von der Lutherzeit sehr unterschieden.
Zunächst einmal ist es wichtig festzuhalten, dass es hier um Unterscheidung und nicht um Trennung geht. Luther betont, dass beide Reiche (er spricht eigentlich von Regimenten) Gottes Willen und Urteil unterworfen sind. Alle Herrscher sind deshalb Gott verantwortlich und sollten als gute Christen ihre Tätigkeit als göttliche Berufung betrachten und Wort und Sakrament fleißig nutzen, damit sie durch diese in ihrer Pflichtausübung als Regierende gestärkt werden. Das war in Zeiten sinnvoll, in denen alle Bürger der Kirche angehörten. Man erwartete, dass Könige und andere Herrscher gute Christen waren und regelmäßig in die Kirche gingen und dort die „Macht des Wortes“ erfuhren.
Es ist offensichtlich, dass diese Lehre heute anders angewandt werden muss, angesichts einer Situation, in der die Kirche vielerorts nur einen Teil der Gesellschaft repräsentiert und vielleicht nur eine Minderheit die Kirchenmitglieder oder Kirchenbesucher sind. Außerdem würden heutzutage wohl nur sehr wenige politische Führungsverantwortliche ihre Position als eine von Gott anbefohlene ansehen. Ihr Mandat und ihre Macht sind säkularen Prozessen unterworfen, die die Zuweisung und Durchführung von Führungstätigkeit regeln. Wie kann die Kirche mit dieser Herausforderung umgehen und einen Beitrag zur Förderung verantwortlichen Regierungshandelns und einer gesellschaftlichen und politischen Ordnung leisten, die Gottes Willen für die Schöpfung und das menschliche Leben entspricht?
Es gibt einen weiteren Punkt, wenn es um die Interpretation der Zwei-Reiche-Lehre geht: damals hatte die Kirche im Unterschied zu heute politische und wirtschaftliche Macht in einem skandalösen Ausmaß angehäuft. Die Tatsache, dass dieser Machtmissbrauch vielleicht ein Anstoß für die Formulierung dieser Lehre gewesen ist, könnte auch zu einer Interpretation beigetragen haben, die vor jeglicher Vermischung von Kirche und Politik warnte. Dies war jedenfalls die Haltung, die viele Kirchenleitende während der Zeit des Nationalsozialismus einnahmen. Ihrer Ansicht nach sollte die weltliche Regierung gemäß ihrer eigenen Rechtsverfassung handeln und als von Gott eingesetzte gesellschaftliche Ordnung anerkannt werden, der man darum gehorchen müsse. Im gleichen Sinne lehnten nicht wenige die Vorstellung ab, die Kirche solle sich im Kampf gegen die Apartheid engagieren, sie behaupteten, dies sei eine politische Frage und gehöre damit nicht zum Auftrag der Kirche. Manche argumentierten, eine Beschäftigung mit solchen politischen Fragen würde zu Spaltungen innerhalb der Kirche führen, als ob das eine größere Sünde wäre als die Spaltung, die durch die Apartheid in der südafrikanischen Gesellschaft verursacht worden war.
Es ist ganz offensichtlich, dass die Zwei-Reiche-Lehre keinen Rückzug der Kirche aus der Welt vorsieht. Vielmehr fordert sie die Kirche auf, die Basis ihres öffentlichen Auftrags zu erkennen. Heute häuft die Kirche nicht länger politische und wirtschaftliche Macht an – zumindest in den meisten Teilen der Welt. Es geht also weniger darum, die Kirche vor den Gefahren des Strebens nach dem „Schwertamt“ zu warnen, als vor dem Rückzug aus der Welt und der Beschränkung auf geistliche Anliegen.
Luther interpretierte das „Wortamt“ nicht als einen Rückzug aus der Welt. Er verstand es im Gegenteil als ein öffentliches Wort. Für ihn war die Kanzel eine öffentliche Plattform, von der aus die ganze Gemeinschaft und nicht nur der innere Kreis der Gläubigen angesprochen werden sollte. Dank der neu entwickelten Drucktechnik wurden ja auch seine Worte in ganz Europa verbreitet. Wir können feststellen, dass Luther in Predigt und Schrift nicht nur geistliche Dinge ansprach, sondern sehr oft auch politische und wirtschaftliche Fragen. Er sprach sich für die Einrichtung von Schulen für alle Kinder aus, für Hilfseinrichtungen für die Armen und Bedürftigen und wandte sich scharf gegen den von ihm als unethisch erklärten Zinswucher. Wenn wir heute diese Texte lesen, beeindruckt uns seine Fähigkeit, die Zeichen der Zeit zu erkennen, vor allem auch sein Mut, öffentliche Belange anzusprechen, auch wenn wir zugeben müssen, dass einige seiner Äußerungen, z.
