Befreite Gefühle - K. T. Talbot - E-Book

Befreite Gefühle E-Book

K. T. Talbot

0,0

Beschreibung

Gefangen in einem Schneesturm kann Karen ihre überwältigenden Gefühle für Jessie kaum mehr im Zaum halten. Die Hockeyspielerin Jessie kam in die Stadt, um sich ein neues Leben aufzubauen, weit weg vom Schmerz vergangener Beziehungen. Doch als sie Karen trifft, flammen die Gefühle wieder auf, die sie eigentlich verstecken wollte. Eine ganze Nacht allein mit Karen ist das letzte, was sie jetzt brauchen kann, deshalb wagt sie sich in den Sturm, um nach Hause zu kommen. Doch zu Karens Überraschung steht sie recht bald wieder vor der Tür - werden sich beider Gefühle jetzt befreien können?

Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:

Android
iOS
von Legimi
zertifizierten E-Readern
Kindle™-E-Readern
(für ausgewählte Pakete)

Seitenzahl: 355

Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:

Android
iOS
Bewertungen
0,0
0
0
0
0
0



K. T. Talbot

BEFREITE GEFÜHLE

Roman

© 2015édition el!es

www.elles.de [email protected]

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN 978-3-95609-152-0

Coverfoto: © Kesu – Fotolia.com

1

Nachdem Karen die ganze Woche über gearbeitet und sogar noch zwei Schichten einer kranken Kollegin übernommen hatte, freute sie sich jetzt auf ein freies Wochenende. Als Krankenschwester in der immer gut besuchten Notaufnahme des Brockville General Hospital zu arbeiten hatte ihr in den letzten neun Jahren große Freude und Genugtuung bereitet. Sie hatte in dieser Zeit so manche schreckliche und schwere Verletzung gesehen, aber anderen helfen zu können war Karens große Leidenschaft.

Da es ein regnerischer Tag war, gönnte sich Karen ein heißes Bad und kuschelte sich dann mit einem guten Buch auf ihren Diwan. Sie hatte nicht oft die Gelegenheit, einen entspannten Tag einzulegen. Als Hausbesitzerin hatte sie eigentlich immer etwas zu tun. Entweder musste der Rasen gemäht werden oder sie musste sich um den Garten kümmern, und im Winter musste der Bürgersteig vom Schnee befreit werden.

Karens Haus befand sich nur etwa fünfzehn Minuten von der Stadt Brockville entfernt auf dem Land. Der Weg zur Arbeit und zurück war wunderschön und gab Karen genügend Zeit, sich morgens geistig auf die Arbeit einzustellen und sich abends von ihrem Tag zu erholen, bevor sie zu Hause ankam. Ihr Bungalow verfügte über zwei Schlafzimmer und war, etwas von der Straße zurückgesetzt, in einem Pinienwäldchen gelegen.

Karen mochte Menschen und traf sich gern mit ihrer Familie und Freunden, doch wenn sie erst einmal in ihren eigenen vier Wänden war, war sie so entspannt, dass sie sich nur schwer dazu aufraffen konnte, noch einmal auszugehen. Sie nippte an ihrem frisch aufgegossenen Tee und sah aus dem Fenster. Die Bäume hatten bereits ihre Blätter verloren und der Boden war mit einer wärmenden Schicht vor dem nahenden Winter geschützt. Selbst die Pinien hatten eine sandig-goldene Decke aus Nadeln auf dem Boden hinterlassen. Es war ein regnerischer Novembertag. Der Himmel war eine aufgewühlte Mischung aus Blau und Grau.

Einige Vogelhäuschen hingen in den Ästen einer großen Pinie und boten eine verlockende Auswahl an Mais, Nüssen und verschiedenen Körnern. Es gab auch einige Talgknödel, die die Dunenspechte dazu einluden, sich am reichhaltigen Buffet zu beteiligen.

Zahlreiche Vogelarten fanden sich täglich hier ein, um sich an dem Bankett gütlich zu tun. Die Blauhäher machten mit ihrem unverwechselbaren Ruf auf sich aufmerksam. Viele andere Vögel flatterten aufgeregt umher. Es war eine wahre Freude, ihnen allen dabei zuzusehen, wie sie, meist in Harmonie, einer gemeinsamen Notwendigkeit nachgingen: der Futtersuche. Doch sobald auch nur ein oder zwei Eichhörnchen auf der Bildfläche erschienen, kehrte sofort Unruhe ein. Karen hatte nur selten die Muße, die Tiere, die in ihrem Garten ein sicheres Zuhause gefunden hatten, in aller Ruhe zu beobachten. Die Natur war so wunderschön, und Karen hatte ihr eigenes kleines Paradies direkt vor ihrem Fenster. Sie beobachtete ein Turteltaubenpärchen, das sich nah aneinander gedrückt auf einem Ast niedergelassen hatte und einander sanft zugurrte, und wurde ein wenig schwermütig. Sie sehen immer so glücklich aus, wie sie da so aneinander gekuschelt sitzen. Irgendwann würde auch ich gern solch intime Momente mit einem besonderen Menschen teilen, dachte sie.

In diesem Moment klingelte das Telefon und riss sie aus ihren Gedanken.

»Hallo.«

»Hi, Karen«, sagte die Stimme am anderen Ende der Leitung.

»Oh, hallo, Julie. Was für ein toller Tag zum Nichtstun, stimmt’s? Besonders nach einer hektischen Woche.«

»Ja, das stimmt. Ich dachte, ich setze einen Schmorbraten auf und lasse ihn den ganzen Tag köcheln. Wir wollten dich zum Abendessen und Kartenspielen einladen.«

»Ich würde gern mit euch essen. Was soll ich mitbringen?«

»Gar nichts. Es ist für alles gesorgt. Komm doch so um fünf zu uns.«

»Wie sieht es mit Nachtisch aus, soll ich den mitbringen?«

»Hauptsache, du bringst dich mit.«

»Okay, ich sehe euch dann heute Abend.«

Julie und Karen waren seit mehr als sieben Jahren richtig gut befreundet. Karen hatte sie an dem Tag kennen gelernt, an dem sie als Krankenschwester eingestellt wurde. Sie waren sofort Freunde geworden.

Karen goss sich eine frische Tasse Tee auf und kuschelte sich wieder auf ihren Diwan. Sie las stundenlang, und bevor sie es sich versah, war es Zeit, sich fertig zu machen und zu Julie und Rhonda zum Abendessen aufzubrechen.

Rhonda war Julies Lebensgefährtin. Sie waren jetzt seit etwas mehr als drei Jahren zusammen, überaus glücklich und sehr verliebt. Karen hatte viele Bekannte und Freunde. Und einige aus ihrem Freundeskreis – eigentlich recht viele, um genau zu sein – waren lesbisch. Karen interessierte sich für lesbische Partnerschaften und fand sie faszinierend, konnte sich selbst aber nicht mit einer gleichgeschlechtlichen Partnerin sehen. Jedenfalls beneidete sie Julie und Rhonda um ihre Beziehung und bewunderte den respektvollen Umgang der Frauen miteinander.

Karen hatte sich im Laufe der Jahre ab und zu mit Männern getroffen, aber es hatte sich nie eine feste Beziehung daraus entwickelt, und sie war ihnen auch emotional nie nahe genug gekommen, um sich überwinden zu können, sich der körperlichen Liebe hinzugeben. Mit vierunddreißig immer noch Jungfrau zu sein war mehr als ungewöhnlich und fast ein wenig peinlich. Wenn sie sich irgendwann ganz dieser einen Person hingab, sollte es etwas ganz Besonderes sein. Sie hatte sich noch nie zu jemandem genügend hingezogen gefühlt, um diesen Schritt zu wagen.

Karen klingelte an Julies Tür. Sie hatte eine Flasche Rotwein in der einen und eine Flasche Weißwein in der anderen Hand. Als Julie die Tür öffnete, hielt sie ihr beide Flaschen hin und sagte: »Ich weiß nicht, was besser zu Schmorbraten passt, also bin ich mal auf Nummer sicher gegangen.«

»Du solltest doch nichts mitbringen!«, schalt Julie sie.

»Ich konnte doch nicht mit leeren Händen hier auftauchen. Du kennst mich doch«, verteidigte sich Karen.

»Wo ist Rhonda?«

»Oben. Sie zieht sich ein anderes Shirt an.«

Just in diesem Moment kam Rhonda ins Zimmer und nahm Karen die beiden Flaschen ab.

»Ich bin mir sicher, dass wir rausfinden können, welcher von den beiden besser zu Schmorbraten passt. Wenn wir mit dem Essen fertig sind, können wir ein Urteil fällen«, sagte Rhonda.

Sie lachten und die Flaschen wurden geöffnet, noch bevor Julie Karens Mantel weggehängt hatte.

»Das Essen riecht großartig! Ich habe extra den ganzen Tag über nicht viel gegessen, damit ich deinen leckeren Schmorbraten gebührend würdigen kann«, erklärte Karen.

»Also, es ist auf jeden Fall genügend da, so dass niemand hungern muss.« Julie bat sie, doch am Tisch Platz zu nehmen. Und wie immer war das Essen köstlich. Sie hatten alle je ein Glas Rotwein und Weißwein, damit sie nach dem Essen eine fundierte Entscheidung darüber treffen könnten, welcher Wein besser zu Schmorbraten passte.

Rhonda tat so, als wäre sie eine Weinkennerin und schwenkte den Wein im Mund hin und her, erst den Roten, dann den Weißen.

Julie und Karen mussten über Rhondas Gesichtsausdruck lachen.

»Okay, wie wäre es damit . . .« Rhonda stand auf, nahm einen Schluck Weißwein, behielt ihn im Mund und lehnte sich zu Julie hinüber, die den Wein aus ihrem Mund trank, wobei nur wenige Tropfen verschwendet wurden.

»Hat der genauso geschmeckt wie dein Weißer?«, fragte Rhonda.

»Nein, um ehrlich zu sein, schmeckt dieser hier nach mehr«, konterte Julie mit einem breiten Grinsen.

Karen sah ihren Freundinnen dabei zu, wie sie sich neckten. Was für ein wundervolles Pärchen, dachte sie. Ich hätte auch gern jemanden, mit dem ich ein ähnliches Glück erleben darf wie Rhonda mit Julie. Ihnen dabei zuzusehen, wie sie miteinander lachten, sich neckten und flirteten, dabei ihre Gesichter verzogen und sich generell wie verliebte Teenager benahmen, schien so natürlich. Karen sehnte sich nach jemandem, der sie wie etwas Besonderes behandelte und der sie mit diesem bestimmten Blick ansah . . . mit leuchtenden Augen, so wie Julie und Rhonda einander ansahen.

Rhonda wandte sich an Karen und wechselte das Thema.

»Karen, du warst ja diese Saison wieder ein treuer Fan unseres Hockey-Teams.«

»Ja, das Spiel gefällt mir. Und die Tatsache, dass ich fast jede im Team persönlich kenne, macht das Zuschauen noch interessanter.«

»Stimmt, dieses Jahr sind es fast wieder dieselben Spielerinnen. Ach, wir haben übrigens eine neue Spielerin. Sie unterrichtet Sport an der Thousand Island Mittelschule.«

»Julie hat mir das schon erzählt, aber bis jetzt war sie jedes Mal nicht da, wenn ich beim Spiel zugeschaut habe.«

»In der letzten Zeit hatte Jessie ziemlich viel mit der Schule zu tun, aber ab sofort sollte sie wieder öfter beim Training sein.«

Der Abend verging wie im Flug. Sie hatten stundenlang Karten gespielt, und als Karen schließlich auf die Uhr sah, war es bereits nach zehn. »Ich setze mal lieber meinen Hintern in Bewegung und gehe nach Hause.«

»Ist es schon so spät?«, fragte Julie.

»Ich war heute ziemlich faul. Und für morgen früh hab ich noch eine ziemlich lange Liste an Sachen, die gemacht werden müssen. Vielen Dank für einen wundervollen Abend.« Karen nahm sie zum Abschied in den Arm und gab ihnen einen Abschiedskuss. »Julie, dich sehe ich ja auf der Arbeit – und Rhonda, bis Donnerstag, beim Hockey.«

Die Woche verging wie im Flug, und ehe sie es sich versah, war es Donnerstag. Julie und Karen trafen sich auf der Zuschauertribüne.

»Die Neue soll heute spielen«, informierte Julie Karen. »Ich bin mal gespannt, wie sie spielt. Denkst du, Rhonda hört auf unsere Meinung und schickt sie auf die Bank, wenn wir sagen, dass sie nicht gut ist?«, neckte Karen.

»Ich habe sie erst ein paar Mal spielen sehen. Sie hat wegen ihres neuen Jobs als Lehrerin am Anfang der Saison einige Trainings verpasst. Wenn sie allerdings gespielt hat, war sie ziemlich gut«, sagte Julie.

»Das waren bestimmt die Spiele, die ich verpasst habe, weil ich arbeiten musste. Ich schau sie mir heute Abend mal genau an, und dann fällen wir unsere Entscheidung«, witzelte Karen.

In diesem Moment kamen die Spielerinnen zum Aufwärmtraining aufs Eis. Rhonda nahm ihren Platz im Tor ein. Sie war Captain des Rideau Rocket Frauen-Hockeyteams. Sie war eine gute Spielerin und liebte den Sport. Sie starteten das Tortraining, und eine nach der anderen schoss mit dem Puck aufs Tor. Karen hielt nach der neuen Spielerin Ausschau, um sie beurteilen zu können. Jessie trug die Nummer Neun. Auf jeden Fall skatet sie verdammt gut, dachte Karen. Die Rideau Rockets können sich glücklich schätzen, dass Jessie sie ausgewählt hat.

Just in diesem Moment sah die neue Spielerin auf und direkt in Karens Augen. Für einen kurzen Moment hielten sie einen elektrisierenden Blick.

Etwas Unbekanntes regte sich in Karen. Es war, als würde die neue Spielerin sie mit einem Zauber belegen.

Jessie, die erst seit Mitte September für das Team spielte, zeigte an diesem Abend ihre bis dato beste Leistung. Sie gab sich Mühe, um zu beeindrucken. Nicht nur das Team war von ihrer ausgesprochen guten Leistung positiv überrascht, nein, eine Zuschauerin im Publikum war mehr als nur ein wenig fasziniert von dieser neuen Spielerin in ihrem ach so vertrauten Team.

Karen konnte die Augen einfach nicht von Jessie abwenden. Als das Spiel vorbei war, lehnte sie sich zu Julie hinüber. »Du kannst Rhonda wissen lassen, dass ich der neuen Spielerin meinen Segen gebe. Sie scheint ein richtig guter Fang zu sein.«

»Nach dem heutigen Spiel ist sich Rhonda sicher darüber im Klaren, dass Jessie ein Gewinn für das Team ist.« Julie lächelte.

Sie standen auf, und nachdem sie sich voneinander verabschiedet hatten, ging Karen wie gewohnt nach Hause. Julie wartete immer auf Rhonda und die beiden Frauen gingen gemeinsam nach Hause.

An diesem Abend hatte Karen Schwierigkeiten einzuschlafen. In ihrem Kopf hatte sie immer wieder den Moment vor sich, als sich ihre Augen mit denen der neuen Spielerin getroffen hatten. Keine von beiden hatte den Blick gesenkt. Und Karen interessierte sich für die geheimnisvolle neue Frau im Hockey-Team. Wer war sie? Sie würde sich in dieser Saison so viele Spiele wie möglich ansehen.

In den nächsten Wochen sah sich Karen zwei weitere Spiele an. Ihre Augen waren dabei jedes Mal fest auf die Spielerin Nummer Neun geheftet. Der Donnerstag wurde zum wichtigsten Tag ihrer Woche.

An diesem Donnerstag hatte das Rideau Rockets Team einen starken Gegner aus Kingston, der auch noch Tabellenführer war. Karen erwischte sich dabei, wie sie während des Abendessens immer wieder auf die Uhr sah. Die Zeit schien einfach nicht vergehen zu wollen. Zehn Minuten fühlten sich an wie dreißig. Sie konnte es kaum erwarten zu sehen, ob Jessie heute spielte. Sie war sich nicht sicher warum, hatte aber eine unglaubliche Faszination für die neue Spielerin entwickelt. Seit jenem kurzen Moment während des Spieles vor drei Wochen, den sie miteinander geteilt hatten, empfand Karen eine gewisse Erregung, die sie sich nicht erklären konnte und die sie nicht verstand.

Endlich war es Zeit aufzubrechen. Nachdem sie ihr Haar noch ein letztes Mal im Spiegel überprüft hatte, trat sie aus der Tür. Während der Fahrt hörte sie die lokalen Sportnachrichten.

»Die Mädchenmannschaft der Thousand Island Mittelschule holte sich im gestrigen Basketball Turnier gegen die Windsor Pirates High School den Sieg«, verkündete der Ansager. »Die neue Trainerin, Miss Carmichael, lässt das Team zu ganz neuen Höhen auflaufen. Miss Carmichael kommt aus einer kleinen Gemeinde im Nordwesten namens Mattawa. Sie hat sich als ziemlich gute Trainerin für unsere jungen Damen erwiesen, die alle zu ihr aufblicken und sie respektieren. Gut gemacht, Miss Carmichael.«

Karens Gedanken schweiften ab und sie hörte den Nachrichten nicht mehr zu. Stattdessen sah sie vor ihrem inneren Auge Jessie auf dem Platz – wie sie sich und ihr Team ohne Zögern zum Sieg führte. Ich bin mir fast sicher, dass Sophie auch für dieses Basketball-Team spielt, dachte sie bei sich und beschloss, ihre Nichte gleich am nächsten Morgen anzurufen, um es herauszufinden.

Karen kam an der Arena an und konnte sich gar nicht mehr an die Fahrt in die Stadt erinnern. Sie parkte ihren Wagen. Sie war so in Gedanken versunken gewesen, dass sie jetzt überrascht war, schon angekommen zu sein.

In der Arena fand sie Julie auf ihrem üblichen Platz auf der Tribüne.

»Hi, Julie.« Sie umarmten sich und gaben sich zur Begrüßung einen Kuss.

Und schon zehn Minuten, nachdem Karen angekommen war, liefen die Eishockey- Spielerinnen zum Aufwärmen auf das Eis. Karen hielt intensiv nach Jessie Ausschau. Wo ist sie? Wo ist sie? Ah, da! Gut, sie hat es geschafft, herzukommen! Sie hatte schon befürchtet, dass Jessie es nach der ganzen Herumreiserei mit dem Basketballteam nicht zum Hockeyturnier schaffen würde . . . wenn denn Jessie und die ominöse Miss Carmichael tatsächlich ein und dieselbe Person waren.

Jetzt, nachdem sie wusste, dass die Nummer Neun da war, atmete Karen auf und entspannte sich.

Karen dabei zuzusehen, wie sie Jessie beobachtete, amüsierte Julie. Es war so, als würde sie ihr dabei zusehen, wie sie beim Einkaufen von dieser einen, wahnsinnig begehrenswerten Sache in Versuchung gebracht wurde, von der sie genau wusste, dass sie sie besser nicht haben sollte. Trotzdem konnte sie sich nicht helfen und verschlang Jessie mit den Augen, wenn sie sich unbeobachtet fühlte . . .

Jessie sah zur Tribüne auf, um nachzusehen, ob Karen es zum Spiel geschafft hatte. Sie war noch nicht gut genug mit den anderen Frauen im Team befreundet, als dass sie einfach so hätte fragen mögen. Sie wollte wirklich keine zusätzliche Aufmerksamkeit auf sich und ihr Privatleben ziehen. Schließlich war sie Lehrerin, und öffentlich zu ihren sexuellen Vorlieben zu stehen, konnte sich negativ auf ihre Karriere auswirken.

Sie sah Karen an ihrem üblichen Platz neben Julie. Jessie beobachtete Karen, wann immer sie konnte, in der Hoffnung, sie würde auch zu ihr herschauen. Endlich trafen sich ihre Blicke, und es war unglaublich, wie viel Intensität und Wärme darin lagen.

Einen Moment lang vergaß Jessie, wo sie war, und wurde vom Puck seitlich am Fuß getroffen. Das brachte sie auf das Eis und zum Spiel zurück.

Karen musste Jessie einfach ein breites Lächeln schenken. Sie konnte nicht anders und bemerkte es noch nicht einmal.

»Julie, hast du nicht gesagt, Jessie sei neu in der Stadt?«

»Ja, sie ist Ende letzten Sommers hergezogen. Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres.«

»Ja, genau. Du sagtest, sie unterrichtet an der Thousand Island Mittelschule?«

»Ach, Karen. Erinnerst du dich denn nicht? Ich hab dir gesagt, dass sie Sport unterrichtet. Also, entweder hörst du mir gar nicht zu oder es macht dir Spaß, dich ständig über die Nummer Neun zu unterhalten.«

Karen wurde klar, dass das, was Julie da sagte, stimmte. Sie wollte die ganze Zeit über Jessie reden. Sie erinnerte sich an alles, was sie jemals über Jessie erfahren hatte, und trotzdem wollte sie es immer wieder hören. Sie wusste nicht viel über Jessie und hoffte deswegen immer, Julie würde ihr etwas Neues über die Nummer Neun zu erzählen haben. Immerhin spielte Rhonda im selben Team mit ihr.

»Ha, sehr lustig! Natürlich höre ich dir zu. Du hast nur nie Jessies Nachnamen erwähnt.«

»Ich glaube, dass Rhonda mal gesagt hat, ihr Nachname sei Carmichael, Jessie Carmichael.« »Das würde hinkommen«, bestätigte Karen mit Überzeugung.

»Was würde hinkommen?«

»Als ich heute hergefahren bin, liefen die Sportnachrichten, und es wurde erwähnt, dass sie gestern mit der Basketball-Mädchenmannschaft der Thousand-Island-Mittelschule das Turnier in Windsor gewonnen hat.«

Julie nickte. »Ja, das hört sich nach ein und derselben Miss Jessie Carmichael an.«

Karen strahlte. Jessie Carmichael, dachte Karen. Der Name gefällt mir.

Das Spiel endete drei zu zwei für die Rideau Rockets. Mit ihrer Schnelligkeit und Energie hatte Jessie dazu beigetragen, dass das Spiel auch für die Zuschauer sehr spannend gewesen war. Jessie hatte ein Tor selbst geschossen und eine gute Vorlage gegeben. Normalerweise ging Karen nach Hause, sobald das Spiel zu Ende war, während Julie noch auf Rhonda wartete und sich mit Bekannten unterhielt, die ebenfalls auf ihre Partner oder Freunde warteten. Heute ließ sich Karen allerdings Zeit mit dem Nachhausegehen. »Das Spiel war ja richtig spannend heute. Da war richtig was los auf dem Spielfeld, und es war ein aufregendes Spiel.«

»Ja, es hat Spaß gemacht, alle Aspekte des Spieles zu betrachten«, neckte Julie sie.

Karen sah sie verwirrt an: »Was meinst du mit ›alle Aspekte des Spiels‹?«

»Du weißt schon: das Spiel selbst, die Spieler, die Zuschauer, die Interaktion . . .«

»Wovon redest du eigentlich? Was für eine Interaktion denn?« Karen wurde rot. Sie war sich sicher, dass Julie sie dabei ertappt hatte, wie sie das ganze Spiel über Jessie nicht aus den Augen gelassen hatte. Sie wusste ganz genau, wovon Julie sprach.

»Ich glaube, dass die tatkräftige Unterstützung der Fans den Spielern heute sehr geholfen hat.«

»Na, da hast du ja dann deinen Beitrag geleistet, so wie du ausgerastet bist, besonders als die Nummer Neun ihr Tor geschossen hat.«

»Sie ist ja die Neue im Team, und da wollte ich sicherstellen, dass sie auch merkt, dass ihre Leistungen bemerkt und gebührend gewürdigt werden.«

Julie beließ es dabei. Sie konnte sich ungefähr vorstellen, was Karens wahre Beweggründe waren, wollte sie aber nicht vor ihren eigenen Gefühlen zurückschrecken lassen.

Karen wartete noch ein wenig mit Julie und wollte gerade gehen, als Jessie aus der Umkleidekabine kam. Die Art, wie ihr kurzes rotes Haar unter der schwarzen Baseballkappe hervorlugte, unterstrich noch ihre leichten Sommersprossen, die momentan von einem rosigen Hauch überdeckt wurden, der noch von der Anstrengung des Spieles zu rühren schien. Karen war perplex. Sie konnte sich nicht rühren, und brachte nur ein Lächeln zustande, als Jessie auf sie zukam und hallo sagte.

Julie hielt Jessie auf. »Haben wir heute nicht etwas über dich in den Sportnachrichten gehört?«

»Oh, haben wir es in die Lokalnachrichten geschafft?«

»Ja, anscheinend habt ihr ja beim Basketball-Turnier super abgeschnitten . . . wo war das noch mal, Karen?«

Karen konnte nicht glauben, was Julie ihr da antat. In ihrem Kopf herrschte nur Leere. »Ich glaube, es war in Windsor.«

Jessie trat näher an sie heran. »Ja, das stimmt. Ich bin sehr stolz auf die Mädchen.«

Julie lächelte. Immerhin hatten die beiden Frauen jetzt wenigsten einige Worte gewechselt. Es war nicht viel, aber immerhin ein Anfang. »Glückwunsch, noch mal. Das war ein großartiges Spiel heute.«

»Danke, es hat Spaß gemacht. Schön, dich endlich kennen zu lernen.« Jessie schob ihre Hockeytasche an ihrer Schulter hoch, blinzelte Karen zu und ging.

Karen sah Jessie selbstbewusst weggehen. Was für eine raue, tiefe, laszive Stimme sie hat, dachte Karen. Diese Stimme, gepaart mit ihren dunklen braunen Augen, ließen Karens Knie ganz weich werden. Noch nie zuvor hatte irgendjemand einen solchen Effekt auf sie gehabt. Karen war geschockt und verunsichert von den neuen, verstörenden Gefühlen, die in ihr aufkeimten.

Jessie konnte kaum glauben, wie unheimlich gut Karen von nahem aussah. Ihr Gesicht war klar und ihre Haut ganz weich. Ihre Augen, in die sie bisher nur von weitem geschaut hatte, waren von nahem noch atemberaubender. Sie waren so blau wie der Himmel an einem Sommertag. Sie musste diese Frau jetzt endlich kennen lernen! Wenigstens hatte sie jetzt einen Namen, den sie dem Gesicht geben konnte, das sie in ihren Träumen sah und das ihr nachts den Schlaf raubte: Karen.

2

Julie und Rhonda hatten mit dem Gedanken gespielt, eine Weihnachtsfeier für das Eishockey-Team zu organisieren. Obwohl Karen eigentlich kein Mitglied des Teams war, kam sie doch zu allen Spielen und war mit den meisten Frauen im Team befreundet.

»Sie muss natürlich auch kommen«, sagte Julie. »Von den Fragen zu urteilen, die sie in der letzten Zeit über Jessie stellt, gibt es da bestimmt etwas, dem sie sich früher oder später stellen muss. Ich würde da gern ein bisschen nachhelfen.«

Rhonda war nicht ganz überzeugt. »Julie, du spielst hier aber nicht die Kupplerin, richtig?«

»Und ob ich das tue! Ich glaube, dass Karen auf dem besten Wege ist, eine neue fantastische Welt zu entdecken.«

»Glaubst du wirklich, Karen hat Interesse an Jessie, auch sexuell?«, fragte Rhonda.

»Ich glaube, dass sie mehr Interesse an Jessie hat, als sie sich selbst eingesteht.« Julie machte eine kurze Pause. »Karen befindet sich auf unbekanntem Terrain. Ich glaube, sie möchte die Gelegenheit haben, sich mit Jessie zu unterhalten und sie wenigstens besser kennen lernen. Sie erzählt nur von der Nummer Neun und wie toll sie spielt und was für eine Bereicherung für das Team sie ist. Ich müsste also nur den Ball ins Rollen bringen . . .«

Am nächsten Morgen auf der Arbeit verbrachten Julie und Karen ihre Pause in der Cafeteria, wie sie es oft taten, wenn sie sich mal einen Augenblick ausruhen wollten. Es war ein hektischer Morgen gewesen. Karen bestellte sich frischen Obstsalat und eine Tasse heißen Tee, und Julie nahm ihr übliches Müsli und etwas Toast.

Als sie sich setzten, begann Julie das Gespräch: »Das war wieder ein tolles Spiel gestern. So aufregend.«

Karen nickte zustimmend. Sie hatte den Mund voller Obstsalat. »Rhonda und ich schmeißen in zwei Wochen eine Weihnachtsfeier.«

»Ich kann mich gar nicht daran erinnern, dass ihr jemals eine Party gegeben habt. Das muss eine ganze Weile her sein.«

»Ja stimmt. Ich glaube, die letzte war im Februar. Diesmal soll sie am achtzehnten Dezember stattfinden. Samstag in zwei Wochen. Du kommst doch, stimmt’s?«

»Ich muss auf meinen Schichtplan nachschauen, ob ich arbeiten muss.«

»Ich hab schon für dich nachgeschaut, als ich die Party geplant und für mich selbst geschaut habe. Wir haben an dem Wochenende beide frei. Und falls wir es ein wenig übertreiben, können wir am nächsten Morgen sogar ausschlafen«, sagte Julie mit einem schelmischen Grinsen.

Karen zögerte. »Aber um diese Jahreszeit gibt es auch immer viel zu tun. All die Einkäufe und das Dekorieren.«

Julie ließ nicht locker. »Ja, daran haben wir auch gedacht, als wir den Termin festgemacht haben. So haben die Leute Zeit, alle Vorbereitungen für die Feiertage vorher oder hinterher zu machen.«

»Ich würde wahnsinnig gern kommen. Ich muss mich eben extra ins Zeug legen und meine Besorgungen etwas früher als gewöhnlich erledigen. Was ja auch nicht so schlecht ist. Da gehe ich wenigstens den Menschenmassen kurz vor Weihnachten aus dem Weg.« Karen lächelte, als sie daran dachte, dieses Jahr dem Last-Minute-Weihnachtstrubel zu entgehen. »Wer kommt denn sonst noch?«

»Rhondas gesamte Eishockeymannschaft mit Partnern und Partnerinnen und noch ein paar andere Freunde.«

Karen griff nach ihrer Tasse und nickte zustimmend »Das wird sicher toll. Die Mädchen feiern alle gern. Und es ist eine gute Gelegenheit, endlich mal alle kennen zu lernen, besonders für Jessie. Sie kennt zwar alle im Team, aber nicht die besseren Hälften der anderen Spielerinnen.«

Ihre Pause war vorbei und sie gingen zurück an die Arbeit. Julie wurde augenblicklich in die Notaufnahme gerufen, um sich um einen frisch eingelieferten Fall zu kümmern, und Karen hatte noch Papierkram zu erledigen.

Den Rest des Tages verbrachte Karen beschwingt und guter Stimmung. Sobald sie zu Hause angekommen war, trug sie das Datum der Party im Kalender ein: achtzehnter Dezember – Jessie kennenlernen. Jedes Mal, wenn sie daran dachte, spürte sie Schmetterlinge im Bauch, ein Gefühl, das sie eigentlich nicht kannte. Karen konnte die Wirkung, die Jessie auf sie hatte, nicht begreifen. Sie wusste nur, dass sie sich auf merkwürdige Weise zu ihr hingezogen fühlte. Und zwar so sehr wie nie zuvor. Sie konnte sich einfach keinen Reim darauf machen.

Die Zeit verging schnell. Es war Donnerstagabend, Zeit für das Eishockey-Spiel der Damenmannschaft. Karen beschloss, vor dem Spiel nicht nach Hause zum Abendessen zu gehen. Stattdessen wollte sie ein paar wichtige Einkäufe erledigen und einen Happen in irgendeinem Burger-Schuppen essen. Gut vorbereitet wie sie war, hatte sie sich was zum Umziehen mitgebracht. Sie zog sich um, bevor sie die Arbeit verließ. Um kurz nach fünf war Karen auf dem Weg zu ihrem Wagen. Sie atmete die kühle Abendluft ein und dachte: Was für ein wunderschöner Abend, als sie an den klaren, dunklen Himmel schaute.

Das Thousand Islands Shopping Center war ihre erste Anlaufstelle, nachdem sie sich einen Burger mit Pommes gegönnt hatte. Karen hatte eine Mission. Sie hatte eine Liste von Läden, die sie auf der Suche nach dem perfekten Geschenk für ihre Eltern abklappern wollte. Sie brauchte außerdem etwas für Julies Party am Achtzehnten. Für den Rest der Familie und ihre Freunde konnte sie auch noch nach der Party Geschenke kaufen.

Nach dem Einkaufen war Karen geschafft und musste sich erst einen Moment erholen, bevor sie zum Spiel aufbrach. Sie kaufte sich ein kaltes Getränk und ging zur Hockey-Arena.

Rhonda und Julie waren heute schon etwas früher da, weil Rhonda ja noch alle Teamkolleginnen zur Party einladen wollte. Sie zog gerade ihre Ausrüstung an, als die anderen Frauen ankamen. Jessie war noch nicht da.

»Könnt ihr alle mal kurz zuhören!«, rief Rhonda laut, nachdem sie ihre komplette Ausrüstung angelegt hatte. »Hört mal bitte alle zu! Julie und ich organisieren eine Weihnachtsfeier, und ihr seid alle mit euren Ehemännern, besseren Hälften und Partnern und Partnerinnen eingeladen.«

Jubel und Gelächter wurden in der Umkleidekabine laut. In diesem Augenblick trat Jessie ein. »Hey, was ist denn hier los?«

Carla meldete sich zu Wort: »Rhonda hat uns alle zu einer Teamparty bei sich und Julie eingeladen!«

»Um genau zu sein«, unterbrach Rhonda sie, »habe ich alle Teammitglieder mit ihren Ehemännern, besseren Hälften und Partnern und Partnerinnen eingeladen. Wir wollen alle dabei haben.«

»Das hört sich ja toll an. Ich würde gern herausfinden, was euch Clowns, ups, ich meine natürlich Mädchen, so bewegt.« Alle Spielerinnen bewarfen Jessie lachend mit Gegenständen.

»Ich mag deine Art von Humor. Du passt genau zu all den anderen Komödianten«, bemerkte Rhonda.

»Wann, sagtest du noch, soll dieser große Event stattfinden?«, fragte Jessie.

»Am achtzehnten Dezember. Samstag in zwei Wochen.«

»Oh, verdammt! An dem Tag habe ich ein Basketball-Turnier; wir organisieren es hier vor Ort.«

Rhonda atmete tief durch. »Schaffst du es denn, zur Party zu kommen?«

»Du solltest keine Party verpassen, die von Rhonda und Julie organisiert wird. Die sind immer ein Riesenspaß!«, sagte Carla.

»Die Turniere dauern manchmal länger als geplant, aber es sollte um fünf Uhr vorbei sein. Selbst, wenn es etwas länger dauert, sollte ich es um acht oder so zur Party schaffen.«

»Perfekt.« Rhonda atmete erleichtert auf. So wie es aussah, würde alles wie geplant laufen. »Okay, alle zusammen! Raus mit euch aufs Eis und spielt, als wärt ihr bereit für die Party. Auf geht’s!« Rhonda hatte das Team gerade genug motiviert, dass sie ein fantastisches Spiel ablieferten.

Als Rhonda zum Aufwärmen aufs Eis kam, suchte sie Julie auf der Tribüne und signalisierte ihr, dass Jessie zugesagt hatte, zur Party zu kommen.

Julie begann zu lachen. Ihr Verkupplungsplan war in vollem Gange. Sie boxte Karen aufgeregt auf den Arm.

Verwirrt blickte Karen sie an. »Autsch, wofür war das denn?«

Julie kicherte. »Ach, gar nichts. Ich liebe einfach Rhonda so sehr!«

»Du und Rhonda, ihr habt ein Wahnsinnsglück, dass ihr einander habt. Ich beneide euch um eure Beziehung.« Karen seufzte. Eines Tages werde ich hoffentlich auch so glücklich mit jemandem sein, dachte sie.

Karen hatte eigentlich vor, an diesem Samstag ein paar Geschenke zu verpacken und den Weihnachtsbaum aufzustellen. Als das Telefon um halb sechs klingelte, schrak sie auf. Es war das Krankenhaus. Jemand war krank geworden und konnte nicht zur Arbeit kommen. Sie würde die Schicht übernehmen müssen. Nachdem sie sich aus dem Bett gequält hatte und das Wasser für ihren Tee aufgesetzt hatte, duschte sie sich. Dann war sie frisch und bereit, zur Arbeit zu gehen.

Es war kein schlechter Tag auf der Arbeit, und die Zeit verging wie im Flug. Als Karen nach Hause kam, war sie müde. Sie wollte trotzdem den Baum aufstellen und dekorieren; also rief sie ihre Schwester Joan an, um ihr zu helfen.

Joan war nur drei Jahre älter als Karen. Sie hatten sich während ihrer Jugend nicht sehr nahegestanden, doch seit sie von zu Hause ausgezogen waren und ihr eigenes Leben lebten, hatte sich das geändert.

»Hi, Joan. Ich wollte heute eigentlich meinen Weihnachtsbaum aufstellen und dich fragen, ob du mir beim Dekorieren helfen kannst.«

»Tut mir leid, Karen, aber Sophie ist heute zu Hause. Wir hatten uns auf einen gemeinsamen Abend gefreut.« Sophie war Joans Tochter. Sie war ein Teenager und logischerweise nicht gerade erpicht darauf, einen Abend mit ihren Eltern zu verbringen. »Bringe Sophie doch einfach mit. Es würde richtig Spaß machen, den Baum gemeinsam zu dekorieren und Weihnachtslieder zu singen«, sagte Karen hoffnungsvoll. »Was sagst du dazu? Frag Sophie doch, ob sie Lust hat.« Karen konnte hören wie Joan die Treppe hoch nach Sophie rief.

»Um ehrlich zu sein: Sophie denkt, dass das ein Riesenspaß wäre, Karen. Wann sollen wir kommen?«

»Hm, es ist schon fast sechs Uhr. Wie wär’s, wenn ihr um sieben hier seid?«

»Sieben ist perfekt. Bis dann!«

Karen legte auf, machte sich schnell eine Suppe zum Abendessen und bereitete ein paar Süßigkeiten für ihre Gäste vor.

Schon bald klingelte es an der Tür. »Ich freu mich so, dass ihr es so kurzfristig geschafft habt. Es macht mir keinen Spaß, den Weihnachtsbaum allein zu schmücken.«

Sophie nahm kein Blatt vor den Mund. »Tante Karen, du brauchst wirklich einen Partner. Du verdienst es, glücklich zu sein und nicht immer nur allein.«

»Ist das so?« Karen richtete Sophies Kragen, zog sie an sich und gab ihr einen Kuss auf die Wange. »Wieso denkst du, ich sei einsam und unglücklich?«

»Tante Karen, ich wollte damit ja nicht sagen, dass du unglücklich bist. Du bist einer der glücklichsten Menschen, die ich kenne. Was ich damit sagen will ist, dass du jemand besonderen haben solltest, mit dem du Feiertage und besondere Anlässe gemeinsam verbringen kannst.«

»Aber wenn ich jemanden in meinem Leben hätte, hätte ich weniger Zeit für meine Lieblingsnichte und meine Schwester, stimmt’s?« Sie zog Sophie noch ein wenig auf, aber eigentlich wusste sie, dass ihre Nichte Recht hatte. Sie hätte ja selbst gern jemanden, um gemeinsam mit diesem Jemand die besonderen Anlässe zu begehen. Sie hatte immer gedacht, es würde schon passieren, wenn die Zeit reif dafür wäre.

Im Laufe des Abends wurden ihre Gesänge immer lauter. »Wie gut, dass ich auf dem Land lebe und keine Nachbarn habe, die sich beschweren könnten.« Karen hängte den letzten Schmuck an den Baum und brachte Eierpunsch und Snacks für alle.

»Hey, Tante Karen, willst du dir nicht mein Basketball-Turnier in ein paar Wochen ansehen?«

Karen spürte sofort die Schmetterlinge in ihrem Bauch.

»Ein Basketball-Turnier?«

»Ja, am achtzehnten Dezember«, bestätigte Sophie.

»Roger und ich freuen uns schon darauf«, unterbrach sie Joan. »Bis jetzt haben wir uns noch keines der Spiele angesehen. Aber wir haben schon viel von Miss Carmichael gehört.«

»Miss Carmichael ist eine unglaublich gute Trainerin«, fügte Sophie begeistert hinzu. »Und sie hat einen tollen Sinn für Humor.«

Karen wusste, dass die Party am gleichen Tag stattfinden sollte. »Ich würde wahnsinnig gern kommen und das Spiel ansehen. Joan, ruf mich doch an und sag mir, wann das Spiel anfängt, und ich sehe mir das Spiel gemeinsam mit dir und Roger an.«

»Gute Idee. Ich nehme jede Gelegenheit wahr, Zeit mit meiner kleinen Schwester zu verbringen.« Joan stand auf. »Komm, Sophie. Wir müssen langsam los, bevor dein Vater denkt, wir hätten uns verlaufen.«

Sie lachten alle und gingen gemeinsam zur Tür.

»Ich kann euch beiden gar nicht genug für eure Hilfe danken. Es war richtig schön, dass ihr da wart. Der Gesang war auf jeden Fall etwas ganz Besonderes!« Karen konnte sich diese letzte Bemerkung nicht verkneifen. Sie nahmen sich alle in den Arm und küssten sich zum Abschied.

»Uns hat es auch Spaß gemacht, Tante Karen. Danke, dass ich mitmachen durfte.« Sophie drückte Karen erneut und sagte ihr, dass sie sie lieb hätte.

Als sie gingen, waren sie überrascht zu sehen, dass es angefangen hatte zu schneien.

»Was für ein perfekter Abschluss für einen Abend, an dem man gemeinsam mit der Familie den Weihnachtsbaum dekoriert hat.« Karen schlang die Arme um sich und rieb sie, um die Kälte zu vertreiben, während sie zusah, wie Sophie und Joan wegfuhren. Als sie weg waren, rief sie kurz Roger an, um ihm zu sagen, dass seine beiden Mädels auf dem Weg waren, so dass er sich keine Sorgen zu machen brauchte.

Dann ging Karen ins Haus zurück und goss sich noch einen Tee auf. Sie schlüpfte in ihren Pyjama und hüllte sich in ihren Bademantel. Sie legte die Füße hoch, machte es sich auf der Couch gemütlich und freute sich über ihren Weihnachtsbaum. Wie hübsch er aussah! Dann wanderten ihre Gedanken zu Miss Carmichael. Karen nahm einen Schluck Tee und seufzte. Wie kann es ein, dass ich sie so sehr mag, obwohl ich sie kaum kenne?

Sie stellte ihren Tee ab und schlief friedlich ein.

Der Schnee fiel zwei Tage lang, und die Welt sah sauber und rein aus. Ein Schimmer lag auf allem. Es war genau das Richtige, um einen in Weihnachtsstimmung zu versetzen. Überall hatten die Menschen ihre Häuser geschmückt und Lichterketten aufgehängt, und von überall her kam Weihnachtsmusik. Karen liebte diese Zeit des Jahres. Ihr gefiel einfach alles an Weihnachten, außer vielleicht das Gedränge beim Einkaufen. Aber dank Julies und Rhondas Party war sie mit ihren Weihnachtseinkäufen größtenteils schon fertig und musste nur noch das eine oder andere Geschenk verpacken.

Da sie wieder eine Extraschicht auf der Arbeit eingelegt hatte, hatte sie das Hockey-Spiel der letzten Woche verpasst. Umso mehr freute sie sich auf das Wochenende. Sie hatte sich schon lange nicht mehr so auf eine Party gefreut und konnte es kaum erwarten, dass es endlich Samstag wäre.

Jessie war unglaublich beschäftigt. Sie hatte jeden Tag nach dem Unterricht Basketball-Training, und mehrmals die Woche musste sie zu Spielen fahren. Das Basketball- und Volleyball-Training hielten sie auf Trab, aber sie sorgten auch dafür, dass sie fit blieb und sich energiegeladen fühlte. Jessie liebte ihren Job, auch wenn er sie viel Zeit kostete.

Jessie bewohnte eine kleine Wohnung in der Stadt. Das passte hervorragend zu ihren ganzen außerplanmäßigen Aktivitäten. Sie hatte vor, über die Feiertage nach Hause zu fahren und ihre Familie in Mattawa zu besuchen, aber vorher musste sie sich unbedingt ein paar Tage frei nehmen, um ihre Weihnachtseinkäufe zu erledigen. Sie war schon spät dran. Wenn sie abends, nachdem sie den ganzen Tag unterrichtet hatte, nach Hause kam, wollte sie nur noch schnell Arbeiten korrigieren und sich dann die Spielpläne ansehen.

Jessie freute sich sehr darauf, nach Hause zu fahren und ihre Familie wieder zu sehen. Außer ihren Eltern lebte auch ihr Bruder Tom mit seiner Frau Sharon in Mattawa. Jessie sprach regelmäßig mit ihnen.

Ihr Bruder Tom war ihr bester Freund und größter Fan. Jessie fand es toll, wie er ihre Art zu leben unterstützte. Er war immer an ihrer Seite gewesen, hatte immer zu ihr gestanden. Als sie es ihren Eltern gesagt hatte, war Tom dabei gewesen und hatte ihre Hand gehalten, ihr Kraft gegeben. Und als ihre frühere Partnerin, Lynne, sie vor zweieinhalb Jahren wegen einer anderen Frau verlassen hatte, war Tom für sie da gewesen. Tom war zu ihr gekommen; er hatte sie im Arm gehalten, als sie weinte. Er war immer für sie da gewesen, und Jessie würde für ihn da sein, wenn er sie brauchte. Tom und Sharon waren seit vier Jahren verheiratet und wollten Kinder, hatten aber bis jetzt keinen Erfolg gehabt. »Aber das Üben macht ja auch Spaß!«, sagte Tom immer.

Jessie war erschöpft und ein wenig einsam und wählte Toms Nummer. »Hallo Tom, ich wollte nur mal hören, wie es dir geht!«

»Mir geht es recht gut, Jess. Wie schön, von dir zu hören.«

»Und – alles bereit für Weinachten? Was heißen soll: Hast du schon meine Geschenke besorgt?«, neckte ihn Jessie.

»Immer noch die alte Spaßmacherin!«, grinste Tom. »Raus mit der Sprache: Gibt es da irgendwen, der dir gefällt? Sollte ich da irgendwas wissen?« Tom erkundigte sich immer nach ihrem Liebesleben, in der Hoffnung, sie würde bald jemanden finden, der ihrer würdig war.

»Mir gefällt eine von den Frauen, die sich immer die Hockey-Spiele ansehen. Sie hat ein tolles Lächeln und ist wahnsinnig attraktiv. Ich muss ständig an sie denken. Sie heißt Karen.«

»Hast du sie schon gefragt, ob sie mit dir ausgeht?«

»Nein, ich bin mir nicht mal sicher, ob sie auf Frauen steht.«

»Als ob dich das jemals aufgehalten hätte . . . Lässt du etwa nach? Warum brauchst du so lange dafür?«

»Es gibt so viel, was ich nicht über sie weiß. Ich weiß ja nicht mal, wie sie mit Nachnamen heißt. Vielleicht ist sie verheiratet oder mit irgendwem zusammen? Was macht sie beruflich?«, brach es aus Jessie heraus.

»Okay, mach mal langsam.« Tom gebot ihr Einhalt. »Das hört sich für mich so an, als würdest du zu viel darüber nachdenken. In diesem Falle solltest du erst handeln und dann nachdenken. Das hast du ja schließlich immer so gemacht«, lachte Tom.

»Ja, und schau, was es mir gebracht hat! Aber ich habe so viele Fragen. Am Samstag gehe ich zu Julie und Rhondas Party, und dann rede ich mal mit ihnen.«

»Kommt diese Frau auch? Oder kannst du sie einladen?«

»Nein, die Party ist nur für das Team. Aber ich werde die Gelegenheit nutzen, um möglichst viel über Karen herauszufinden. Ich gehe auf jeden Fall hin, egal wie müde ich nach dem Spiel bin. Ich muss unbedingt Zeit mit den anderen Spielerinnen verbringen und neue Freunde kennen lernen«, erklärte Jessie mit neuer Energie.

»Sehr gut. Sharon ruft nach mir. Ich muss weg. Aber halt mich auf dem Laufenden. Vielleicht fragst du sie trotzdem, ob sie mit dir zu der Party geht. Ich hab dich lieb, Jess.«

»Und ich dich, Tom. Tschüss.«

Jessie würde diesen Samstag brauchen, um mal wieder abzuschalten. Es würde toll sein, den Abend mit anderen Lesben zu verbringen und die anderen Mitglieder des Teams mit ihren Partnern zu treffen. Sie wollte alle kennen lernen. Jessie dachte über Toms Vorschlag nach, Karen zu der Party einzuladen.

Am Dienstag übte Jessie mit ihrer Klasse einige Spielzüge. Sie beobachtete, wie Hope dazu ansetzte, auf den Korb zu werfen. Sie war perfekt positioniert, außerhalb der Freiwurfzone. Sophie gab den Ball an Hope ab.

»Gut gemacht, Mädels. Sehr gute Vorbereitung«, lobte Jessie.

Hope fing den Ball und setzte zu einem Korbleger an. Doch als sie auf dem Boden aufkam, knickte sie um. Sie ging so schnell zu Boden, dass Jessie sofort klar war, dass sie sich ernsthaft verletzt haben musste.

Jessie rannte zu ihr hin. »Hope, bleib ganz still liegen und beweg dich nicht.«

»Es tut so weh! Ohhhh, verdammt, tut das weh«, rief Hope und hielt sich das Bein.

»Ja, ich weiß.« sagte Jessie mitfühlend. »Atme ein paar Mal tief durch, okay?«

»Oh, Mann. Es tut so weh!«

»Hope, sieh mich an. Atme tief durch«, wiederholte Jessie. »Okay, und jetzt lass mich mal sehen.« Sie sah auf. »Sophie, könntest du bitte die Kühlpacks aus dem Erste-Hilfe-Kasten in meinem Büro holen? Und beeil dich!«

Sophie war binnen Sekunden wieder da. Hopes Knöchel war geschwollen, und als Jessie den Socken herunterzog, sah sie, dass er bereits blau wurde.

»Hope, ich bringe dich besser in die Notaufnahme.«

»Ich kann nicht selbst laufen, Miss Carmichael.« Hopes Gesicht war tränenüberströmt.

»Bitte versuch, ruhig zu bleiben, und halte das Kühlpack drauf.« Jessie stand auf, blies in ihre Pfeife und bedeutete der Klasse, sich um sie zu versammeln. »Ich brauche jemanden, der die Ausrüstung einsammelt und aufräumt.« Mehrere Mädchen meldeten sich. Jede wollte helfen. Jessie wählte zwei Mädchen aus. »Ich muss den Unterricht abbrechen, aber ich erwarte von euch, dass ihr euch verantwortungsbewusst verhaltet und in die Bücherei geht, oder die verbleibende halbe Stunde sonstwie sinnvoll nutzt.« Jessies Ton ließ keinen Zweifel daran, dass sie es ernst meinte. »Macht keinen Blödsinn. Ich will morgen keine Klagen hören.«

Sie entließ die Klasse und wandte sich an Sophie. »Kannst du mir helfen, Hope zur Bank zu bringen?«

»Natürlich.« Sophie machte sich sofort daran, ihr zu helfen.

»Hope, kannst du Sophie beschreiben, welches deine Jacke ist, so dass sie sie holen kann? Ich werde die Schulsekretärin anweisen, deine Eltern anzurufen. Bin gleich wieder da. Ach, und Sophie – würdest du mir bitte dabei helfen, Hope zum Wagen zu bringen?« »Selbstverständlich. Gern!«, sagte Sophie, ohne zu zögern.

Jessie fuhr vor den Eingang der Notaufnahme des Krankenhauses.

»Bleib kurz hier, Hope. Ich hole einen Rollstuhl.« Sie konzentrierte sich ausschließlich darauf, ihrer Schülerin zu helfen, und lief durch die elektrische Tür. Sie fand drei Rollstühle, griff sich einen und fuhr damit hinaus zu Hope. Nachdem sie Hope hineinmanövriert hatten, schob Jessie sie in die Notaufnahme und parkte dann ihren Wagen.

Jessie war so schnell zurück, dass Hope ganz erstaunt war. »Wow, das ging aber schnell!«

»Ich wollte dich hier nicht mit Schmerzen warten lassen, also bin ich gerannt. Und mir tut die Übung gut«, witzelte Jessie, um Hope von den Schmerzen abzulenken.

Hope lächelte. »Sie sind doch super in Form, Miss Carmichael. Ich hoffe, dass ich in Ihrem Alter auch noch so fit bin.«

»So, so, in meinem Alter?«, grinste Jessie. »Ich nehme das jetzt mal als Kompliment. Aber deswegen bekommst du auch keine besseren Noten«, neckte sie Hope.

Hope war etwas entspannter und lachte laut auf, was sie allerdings vor Schmerzen zusammenfahren ließ.