Begabte Bäume - Bodo Hell - E-Book

Begabte Bäume E-Book

Bodo Hell

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Beschreibung

Bodo Hell ist mit seinem umfangreichen Œuvre tief verwurzelt in der österreichischen Literaturlandschaft. Mit seinem unglaublichen enzyklopädischen Wissen schafft er stets einzigartige Bücher. Sein nächster Streich, der sich in sein großes Werk einreiht, lautet "Begabte Bäume" und ist ein Vademecum der anderen Art. Der Faktizität verpflichtet sammelt Bodo Hell Vielfältiges, Kurioses und Wissenswertes rund um die Bäume wie Herbstlaub auf. Vom Ahorn bis hin zur Zirbe gibt er breit gefächert Botanisches, Historisches, Kulturgeschichtliches, Trivia, Religiöses, Mystisches und Mythologisches, Volkstümliches, Erstaunliches, Listiges und Listen zum Besten und führt uns in den Itineraren durch Österreichs Vergangenheit und Gegenwart.

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Seitenzahl: 194

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Bodo Hell

Begabte Bäume

Mit Zeichnungen von Linda Wolfsgruber

Literaturverlag Droschl

Bodo Hell, 1943 in Salzburg geboren, lebt in Wien und am steirischen Dachstein, wo er eine Almwirtschaft betreut. Für sein Werk erhielt er u.a. den Rauriser Literaturpreis 1972, den Erich Fried Preis 1991, den Preis der Literaturhäuser 2003, den Telekom Austria Preis in Klagenfurt 2006, den Christine-Lavant-Preis und Heimrad-Bäcker-Preis (beide 2017).

Bei Droschl erschienen u. a.: Larven Schemen Phantome (mit Friederike Mayröcker, 1986); 666. Erzählungen (1987); die wirklichen Möglichkeiten (mit Ernst Jandl, 1992); mittendrin (mit Bildern von Hil de Gard, 1994); Tracht: Pflicht. Lese- und Sprechtexte (2003); Nothelfer (2008); Bodo Hell Omnibus (2013); Ritus und Rita (2017); Auffahrt (2019).

© Literaturverlag Droschl Graz – Wien 2023

Gefördert von der Kulturabteilung der Stadt Wien, Literatur

Umschlag: & Co www.und-co.at

Satz: AD

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH

ISBN 978-3-99059-138-3

Literaturverlag Droschl Stenggstraße 33 A-8043 Graz

www.droschl.com

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Ahorn Ahornkar (Bergsagen und Itinerar)

Baum der Erkenntnis (Weinstock/Kreuzesholz)

Berberitze (Weinscharl)

Birke

Bretterzeilengedicht (der Wald)

Buche Rotbuche

Corona von Bäumen zerrissen (Citation)

Eibe

Eiche

Erzherzog Johann-Reminiszenzen (Itinerar West)

Esche

Hainbuche Weißbuche (hoabüchern)

Hollerauge (weiblich)

Holz (fallen Fälle)

Holzbearbeitung (Lignoglossie)

Huderpfanne Badewanne (Auerhahnbalz)

Hulzögger Aichinger Bloch

iterative Itinerare (Natur Kultur)

Kaiserbuche (Haunsberg)

Kastanie Keschtn

Kauz Waldkauz (in Warteposition)

Keanberg Kienberg (Itinerar)

Kiefer

Kümmernis-Kommentar

Kümmernis-Lied

Lärche

Latsche

Linde (auch Waber)

Mammutbäume (Göttweig)

Photosynthese (Liste)

Sappel (aus der Feiner Schmiede am Pretulbach)

Sauwald (Innviertel)

Schimmelsprung (Waldviertel/Itinerar)

Tanne/Fichte

terra preta

Tornados Spur (Itinerar)

Trommelrede (Stock/Stöcke des Schamanen)

Ulme

vierundzwanzig Gräben (Rätsel)

Wacholder Zweiglein Unermüdlich (Grimm Nr. 47)

Waldprophet Mühlhiasl Bogenbergwallfahrt (bayrischer Wald)

Weide

Wienerwald

Zirbenholz Zapfenlikör (Rezeptur)

zu Bruch (Lawinenschneisen/Kinderseelen/Itinerar)

Ahorn Ahornkar (Bergsagen und Itinerar)

vornehmlich 3 Arten sind zu unterscheiden: der gemeine, der Spitz- und der Bergahorn (weiters auch Feld-, Vogelaugen- und roter Ahorn), die weißgraue Rinde des stattlichen pseudoplatanos (Bergahorns) blättert hin und wieder ab, die traubenförmigen Blüten brechen vor dem oder zugleich mit dem Laub aus, die Weibchen hinterlassen mehrere geflügelte Samen: deren zwei und zwei sitzen immer beisammen (halbiert als Nasenzwicker für die Kinder), bejahrte BergahornPersönlichkeiten sind als Charakterbäume im Wiesenplateau der steirischen Ramsau anzutreffen (waren auch Schneitelbäume wie die Eschen), allerdings muß man im nach ihnen benannten Ahornkar (über Weißenbach bei Haus) heute die namensgebenden Ahörner regelrecht suchen (der Baum steigt bislang nicht so hoch hinauf), Bergahornholz ist gut für weiß zu schrubbende feste Tischplatten, die biegsamen Äste am Baum können auch dem Schneedruck (etwa bei nassem Sommerschnee) gut standhalten, Feldahörner dagegen (mit ihrem schön gemaserten Schnitzholz) erreichen oft nur Buschhöhe, kanadischer Sirup aus einer speziellen Ahornart ist beliebt als Süßung im Müesli, aber auch heimischer Ahornsaft wurde zu Zeiten eingedampft (als ZuckerErsatz zur Zeit der Kontinentalsperre in den napoleonischen Kriegen), die Rinden der verwandten Platane (im mediterranen Wildwuchs entlang von Gräben als Feuchtigkeitsanzeiger) blättern noch stärker ab, auch die gestielten Bommeln der Stadtplatanen sind länger oben hängend zu sehen, junge japanische Frauen (mit strahlendweißen Zahnreihen) fotografieren sich lachend vor der herbstlichen Farbpalette (von Gelb über Orange zu Rot), ausgelöst durch die Verfärbung spezieller Ahornarten in den säuberlich gepflegten Tempelgärten (momiji, 400 bis 500 Sorten sind erwähnt), Furniere aus heimischem Vogelaugenahorn könnten bei Betrachterinnen und Benützern künstlerischen Sinn und wohl auch Intarsienwünsche wecken

an der roten Tonhöhle in halber Höhe des sogenannten Ahornkars gehen wir mirnichtsdirnichts vorbei, ohne etwas Besonderes zu vermissen, da wir angesichts der noch bevorstehenden Aufstiegsstrecke ins Plateau AM STEIN (knapp zwei Stunden) auf eine Abzweigung dorthin (zur roten Tonhöhle) gern verzichten, ja wir wüßten gar nicht mehr zu sagen, wie weit der HöhlenEingang und ob er überhaupt ins BergInnere führe, genauso wie wir die Senninmeß (einen Felsenschluf weiter unten, durch den die Sennerinnen auf dem Rückweg nach der Almzeit, da wohlgenährt, nicht mehr hätten durchkommen sollen) übersehen haben, das lassen wir vorläufig beides auf sich beruhen, bis uns dann ein neuer Hinweis zur ultimativen Erkundung und zu weiteren Erkundigungen drängt

an der ebenso abseitigen Passage des im steilen alten Hochwald deutlich erkennbaren Teufelssprungs (vorausgesetzt man kennt die Abzweigung) respektive an den Fußabdrücken des Gottseibeiuns und des vulgo Sagbauern (also 4 schuhförmigen Felsvertiefungen in der waagrechten Platte, die menschlichen etwas kleiner als die diabolischen, wenn auch trickreich früher hingesetzt unter dem Absprungfelsen, und beide oder alle vier Ausnehmungen quellwasserbestanden), an all dem sind wir detto, jeden zeitraubenden Abstecher vermeidend, vorbeigestiegen (noch einmal zurück: diese mündliche Abmachung vorm Sprung mußte also selbst der Teufel hinterher einhalten, und so hat er dem schlauen Sagbauern, der, weil früher weggesprungen, zuerst gelandet ist, sage und schreibe eines Morgens einen Sack voll Goldes unten vor die Tür geknallt, wie es die heimische Gewährsperson einem musealen Sagensammler namens Paganini alias Haiding einstens mitgeteilt und also dieser selbst in der Folge behauptet hat, während die Leute auf dem Hof doch allem Anschein nach bescheiden geblieben sind, denn ob und worin der Sagbauer den Schatz investiert hat, davon spricht die Sage nicht und auch die heutigen bunten Gebäude des vulgo Sagbauern machen nicht extra etwas her)

und vor dem Gamsofen sowie unter der großgesichtigen jähen Kreuzleitwand (den weinenden Tintenstrichen eines ehrfurchtgebietenden Riesenantlitzes) machen wir schon gar nicht halt, da soll nämlich der Jäger (Name verschwiegen) den Wilderer (Identität unbekannt) oben einmal so sehr an die Wald- und FelsenKante gedrängt haben, daß dieser (der Wilderer) lieber abgesprungen ist als sich fangen zu lassen, also heruntergefallen sei und das Zeitliche gesegnet habe, während jener forsche Jäger (als bestallte Revieraufsichtsperson) diese wohl damals schon fesche XY, also die dann allseits beliebte Jägersgattin (bei der man gern eingekehrt ist) geheiratet und sein relativ beschauliches Leben guten Gewissens weitergeführt hat, also schnell vorbei an den hier ausnehmend zarten Exemplaren auch des gelben Akonits (sehr wohl vergiftungsfähig ist auch diese Variante des bekannteren blauen Eisen- oder Sturmhuts), oben wüßte man vielleicht ausgesetzt den Rengtalsteig vorbeiführen, mit einer riesigen murmeltierähnlichen versteckten Felsskulptur und gewagten Tiefblicken, wie er kaum begangen in weitem Bogen sich im hohen Gras verlierend steil zwischen Lärchenstämmen hinauf zu Roßfeld und Stoderstraße führt, tatsächlich haben die Altvorderen da einmal einen unmöglich zu schulternden WasserSack voller Einsetzfische hereingetragen, die dann im Ahornsee gar nicht so richtig gewachsen sein sollen (nie mehr gehen wir da hinein mit solch schwappelnder Last auf unseren hülzernen Rückenkraxen!)

unten würde der Gradenbach im Hiefler Graben tosen (hätte man jetzt ein Ohr dafür), und da seien die Lärchenblochs für die Eisenbahnschwellen der Ennstalbahn wasserrutschend hinunterbefördert worden (hoffen wir nur, daß sie den finalen GradenbachfallAbsturz auch halbwegs unzersplittert überstanden haben), und da, wo der Steig jetzt eben ins Tal hineinführt, wäre der Platz und die Besinnungspause für eine philosophische Tafel respektive für einen zu memorierenden theoretisch-analytischen Ansatz/Langsatz, der da lauten könnte:

unter einer Sage versteht man eine Art feststehendes Gerücht, das vielen Leuten bekannt ist und von Wissenden in der Regel ironisch-polemisch beurteilt wird, da die Anwohner so etwas ja nicht bloß liebendgern weitererzählen, sondern sogar selbst bisweilen für glaubhaft halten

dann ginge man die ziemlich horizontale Transversale, also eine waagrechte Wegstufe im Steilhang weiter (sogar Drahtsicherungen von den lange zurückliegenden Viehauftrieben würden in dieser Querung sichtbar) und käme zu einem schuhbreiten Loch mitten am Weg (an dessen Rand man im Feuchten nicht ausrutschen sollte) und bis zu jener Stelle, wo 1980 oder 81 der glimpflich verlaufende Absturz einer grauen Knerzlkalbin erfolgt ist (das waren damals die ersten und einzigen enthornten Rinder des Dorfs und man hätte sie also an den Hörnern nicht festbinden und heraufziehen können), bis zu einem Baum im Steilgelände (es wird einem heute noch angst und bang, wenn man zu dieser Fichte ohne Liegeplattform darüber hinunterschaut), dort wurde ihr Rutschen gestoppt und irgendwie haben wir das Tier dann wieder auf den Weg (mit dessen Mithilfe versteht sich) heraufgebracht, leicht verletzt war es schon, ist aber mit den anderen Stall- und Weidegenossinnen weitergehumpelt und war dann den gesamten Almsommer zwar leicht gehbehindert, aber munter und freßfreudig

aufatmend ginge es über ein sanfteres altes Schotterfeld (wie gleichgroß gekörnter BergwerksAbraum oder grobkörniger Bahnschotter) weiter und anschließend sogar etwas bergab zwischen moosüberwachsenen GroßBlöcken durch eine veritable Zwergenlandschaft zum Gradenbach hinunter, nein, der einzelne Frauenschuh, der dort knapp vorm Bachübertritt allsommerlich gestanden war, ist nicht mehr zu sehen (vielleicht hat ihn jemand fürs eigene Alpinum unten ausgegraben, auf jeden Fall war er schon beim allernächsten Vorbeikommen verschwunden, verraten sollte man Standorte ja sowieso nicht)

die oben zurücktretenden Felswände der östlichen (also westexponierten) Talseite hat man jetzt ganz (infolge einer leichten Körperdrehung und gesteigerten WegAufmerksamkeit) aus den Augen verloren (mit ihren möglichen geheimen Durchstiegen durch die WandRunsen und HalbHöhlen als Wilderer-Verstecken), denn das Hindenken gilt jetzt schon dem Riesenfelsblock mit Markierungszeichen im Wald (von dem es heißt, er rühre sich jedesmal, wenn der Hahn unten krähe, worauf dem verdutzt und ungläubig Schauenden lachend erklärt würde: selbstverständlich rühre er sich, nämlich der Hahn beim Krähen, der Felsblock selbst natürlich nicht, oder vielleicht nur manchmal mit dem Hahn gemeinsam), in etwa wäre der Felsblock als sicheres Fundament geeignet für aufgehendes Mauerwerk, also den oberirdisch sichtbaren Teil eines Bauwerks, die andere westseitige (also ostexponierte) bewaldete Talseite ist zwischen den Stämmen nur zu erahnen, aber man hat erzählen gehört, daß da von den ehemaligen Holzknechthütten aus eine Route durch den sogenannten Fuchsschlag (der jetzt längst verwachsen sei) zum Hirnberg und also aufs Emach hinauf gangbar war (würde man heute auf dieser Bergflankenseite hinaufsteigen wollen, hätte man schon weiter unten, nämlich vorm Palfen des Tropfkogels und detto weit vor der Senninmeß, also schon unten hätte man den Bach an einer gangbaren Klammstelle (Furt) überschreiten müssen und dann einen Aufstiegspfad, der sich bald in der WaldfelsenSteilheit verlöre/verloren hätte, selbst hinaufsuchen müssen (von einer abendlichen Aufstiegstour dort mit einem StrohBienenstock am Rücken und der zwischendurch einmal verlorenen Beinhaube, damit man dann weit oben an der Latschenkante bei Einbruch der Nacht den Altschwarm, also die graue unbewegliche Traube eines Bienenvolks einfangen konnte, und von den Folgen solcher Unternehmung angesichts eines späteren SchneeEinbruchs auf die blühenden Almrauschbüsche und also Trachtverlust sei ein andermal genauer berichtet), die Schottermassen eines breiten bisweilen versiegenden oder unterirdisch weiterrauschenden Bachbetts (die aus einem der vergangenen Überschwemmungssommer herrührten, alles tonnenschweres Material von der Westseite aus den Steilrinnen heruntergerutscht) hat man jetzt tänzelnd überquert, aha: da sind einige wenige Exemplare dieses Bergahorns zu sehen, welche diesem Tal (Ahornkar) und dem See weiter oben (Ahornsee) wohl ihre Namen gegeben haben, wo man allerdings solche lichten Laubbäume, die man als große Baumindividuen und Charakterbäume aus der WiesenStufe unten kennt, nicht mehr vorfinden wird, man möchte es nicht glauben, aber bis hierhier hat sogar Jungvieh, das nicht diesen Weg heraufgetrieben wurde, sondern von oben forttapsend heruntergekommen ist, auf seiner neugierigen Futtersuche, zu den feuchten Flanken mit ihrem Fledergras gefunden (von dem Nachbarin Sigrid behauptet, daß solches den Kalbinnen besonders schmeckt), das mußt du erst einmal realisieren, wie weit die im Herbst ausbüchsen und sich gar noch seitlich in den Waldkuhlen und Quellfluren versteckt fortbewegen können, auf das Signal des Glockenklangs kannst dich dort auch nicht verlassen, denn das verschlägt sich gleich oder wird vom Bachrauschen übertönt, ach ja: heute würde man das schwere Hochleistungsvieh über diese glatte Felsabbruchstelle, wo man schon als beschuhter Zweibeiner zu tun hat, um hinaufzukraxeln, wohl nimmer hinaufbringen und es müßte vorab eine weitläufige Umgehung im schottrigen Bachbett ausgekundschaftet werden, bevor man die Gruppe in die weglose Wildnis hinein treibt und dann gemeinsam mit den Kalbinnen ansteht

schön ausgetretene WiesenWeglein führten jetzt auf die Hangstufe rechts hinauf, und man könnte die Gelegenheit nützen, sich im Umkreis der verrosteten TonnenReste und ManometerRohre, die da halbeingewachsen herumliegen und ans einstige Latschenbrennhüttl und seinen Betrieb erinnern, wo man die Zweige des Krummholzes der Umgebung vorsichtig erhitzt und ausdestilliert und somit das hilfreiche Latschenkieferöl für Inhalationen, aber auch für duftende HeißBäder gewonnen hat, jaja: laßt uns hier im Sinnieren über die vormaligen heilsamen Tätigkeiten im Abseits Halt machen und Rast halten

unter den beidseitig emporstrebenden gefältelten Felstürmen und -flanken, die uns jeweils neu gegliedert im wechselnden Licht über den Tag hinweg als von ferne inschriftenlose GedenkMonumente erscheinen könnten, zumal auch hier eine geeignete Stelle für die nächste bergphilosophische Sentenz gegeben wäre, die da (in die rostigen Eisentonnen von Richard-Serra-Dimensionen geritzt) lauten könnte:

Berge sind nicht bloß Gräber, sondern Grabmäler: vertikalisierte, sichtbare, steinern gehärtete Totenmonumente: natürlicheArchitektur, die auf der Erde Markierungen vornimmt, sichtbare Zeichen setzt, die Massen von Unsichtbarem bergen, Berge sind Riesenzeichen, Megagramme, die ganz direkt epigraphisch »Geographie« machen – und zwar halb anadeïktisch, d. h. aufzeigend, halb kryptographisch, d. h. geheimhaltend

hirnseitig sind also keine Halbhöhlen mehr sichtbar, doch haxbergseitig ist sehr wohl die eine oder andere horstgeeignete Wandvertiefung auszunehmen, im wahrsten Sinne dieses übertragen gebrauchten Wortes ›ausnehmen‹ haben die Altvorderen, das heißt die mutigsten unter ihnen, die Adlerjungen oder ein Adlerjunges (vielleicht sogar bevor es vom zweiten im Verlauf des heute Kainismus genannten Hinausschmisses des Schwächeren in den Sturztod befördert wurde) aus dem ÄsteNest herausgenommen und an die Tierschauen, Zoos oder im letalen Fall an Präparatoren verkauft

hinter den jetzt folgenden mehrfachen Quellaustritten unterm Palfen (Vorsicht: die glatten überronnenen Platten sind rutschig) und auf den grießligen KleinHohlwegen davor und dahinter, in denen man oft mehr zurückrutscht denn vorwärtskommt (von der Abzweigung hinauf zur wasserversorgten Josefshütte und den Zauberwäldern dahinter sprechen wir gar nicht), ist man sosehr mit dem Wassergeräusch und den wackelnden Trittsteinen uferentlang sowie trockenen Übertrittsmöglichkeiten beschäftigt, daß man die Richtungsänderung des GesamtTals (nämlich sich leicht nach Westen biegend) kaum realisiert hat, feuchtgrasbestandene Naßstellen, Abzweigungen und Kleinvarianten der Route (Nr. 668) halten einen auf Trab, im auffälligen Bauchwehgassl mit austretendem Rinnsal sollte man (heißt es) keineswegs stehenbleiben, sonst käme es zu der namengebenden abdominalen Erscheinung samt Diarrhoe (Durchfall), also schnell durch und hinauf auf die magische Kurzrasenfläche des Aicher Hüttfelds, dieses eingerahmt von Latschenhäuten und düsteren baumbestandenen Blockheiden mit feuchtelndem RiesenplotschenBewuchs, doch die charakteristische quasi aus einem Steinblock emporwachsende mittelgroße Lärche in diesem natürlichen Rasenpark weiß den desparaten Wanderer heiter zu stimmen, zumal hier auch ein möglicher Rehwild- oder RotwildAufstieg in die orographisch rechte (zum Haupttal parallele) Grubenreihe des versteckten Gruabachs führt, von wo aus man auf Gemsenrouten durch SchotterRinnen und AlmrauschFlanken schließlich auf den sogenannten Giacometti-Steig mit seinen hochgezogenen Kalknadeln und Gratvorsprüngen hinaufgelangen könnte (nur bei trockenem Untergrund und trittsicheren Beinen nach gut durchschlafenen Nächten unangefochten zu schaffen), das bleibt heute alles außen vor, wir würden die schrofige Steilstelle über dem Zellerl (einem binsenbestandenen Flachsee mit ungewissem Ufer und wechselndem Wasserstand) erklimmen, ein Felsblock im Graben markiere (wie einem gesagt wurde, Grenzmarch ist keines sichtbar) die Grenze zwischen Waldgenossenschaft Weißenbach und Jagdrevier Ahornkar, welches, zumal was die WeideRechte betrifft, jetzt auch offiziell zur höhergelegenen GrafenbergAlpe zugepachtet wurde, damit die möglichen Vorweiden und also auch tiefergelegenen Schneefluchten gesichert sind und kein Streit wegen Weideübergriffen entsteht, im ZirbenFichtenHochwald rechts könnte man hinter den Großblöcken hervorlugende Gnomenwesen vermuten, wäre nicht der Blick mit einemmal ausschließlich nach vorne auf die Seefläche des Ahornsees samt dem leicht abseits stehenden Hartweger-HolzHüttl gerichtet, wo der Musiker Fritz Mosshammer (selig) den Schalltrichter seines teleskopartigen Carbon-Alphorns auf die Wasseroberfläche gelegt und die Zuhörenden mit seinen atemgestützten Tönen in minutenlangen bewegungslosen Hörzauber versetzt hat, ein Polyesterboot ist an einem Baum hochgezogen oder liegt bäuchlings halb aufs Ufer herausgezogen, wobei sich darüber ein mächtiges nach hinten offenes Felsenrund auftut, dessen Durchstiege unter der Bangoschtwand (meint: Beingarten-Wand, da so viele Knochen heruntergefallen sind) mehr zu erahnen denn auszumachen sind, aber da sieht man auch schon zwei Frauen im reiferen Alter am Ufer sitzen, eine Bäuerin und Kräuterkundige sowie eine Arztenswitwe und Immobilienmaklerin (wie sich später gesprächsweise herausstellt: vereint im Gedanken an diesen Verstorbenen, der den Platz hier sosehr geliebt habe, daß man jetzt drauf und dran sei, seinen Jägerhut samt Hirschbart dem Ort aufzuopfern), und angesichts solch real stattfindender Ritualisierung bleibt gar keine Gelegenheit, sich an der Wand der Fischerhütte der unzähligen LiebesEinritzungen und AnwesenheitsAufschriften zu vergewissern, samt Hinweisen auf eine ›christlich zentrierte Erlebnispädagogik‹ (religiöse Erfahrungen in der Natur sind unumstritten) oder auf Figuren aus dem Herrn der Ringe (ARAGORNS JÜNGER 93), auch wäre hier im überfrachteten Gedächtnisort kaum der geeignete Platz für weiters angebrachte erkenntnistheoretische Auslassung in Sachen Bergwelt, und so wollen wir unseren Spickzettel herausziehen und laut in das Felsenrund und über die sich kräuselnde und sonnenlichtgepeitschte Wasseroberfläche hinweg vorlesen, was da steht, etwa diese medientheoretische und medienpraktische Überlegung:

unser Wort »Sage« erweist sich bereits als eine späte Verharmlosung und Homogenisierung der speziellen Berg-»Sagen«, innerhalb derer recht unterschiedliche, auch sehr pointierte »Sprechweisen« auftreten, und was in bestimmten Überlieferungen dominiert, ist die aktuelle Erscheinung von »Abgeschiedenen«, also Menschen, die längst tot sind, namentlich bekannte sowie andere, sie werden von gerade lebenden Menschen am und im Berg gesehen, oder sie kommen aus dem Berg herausund nehmen mit aktuell Lebenden Kontakt auf, es handelt sich um »Visionen« im alten Sinn des Wortes: wahrnehmungsartige (folglich unfreiwillige) Erlebnisse, in denen etwas Unmögliches, Unwirkliches, äußerst Unwahrscheinliches wahrgenommen wird

und da steigt auch schon leichter Rauch zwischen den weit unten am KlaubholzFeuer hantierenden beiden Frauen auf und das flüchtige Luftgebilde einer Rauchsäule steht als kurze Erscheinung mitten im Felsenkessel, reicht aber nicht (auch nicht olfaktorisch) bis zu uns her, denn wir haben uns unterdessen vorsichtshalber auf dem nächstmöglichen kräfteraubenden Gämsenpfad in solch gekrümmter Schlucht zwischen gewachsenen Felsen stetig emporgeschraubt (wann wenn nicht jetzt muß dieser Fluchtweg nach oben einmal begangen werden) und wir sind bereits dem überhängenden Felsen sowie diesem unsicheren Ausstieg zur oben verlaufenden 618er-Route nahegekommen, von wo die Stimmen der RundkursGeher und der ob des Tiefblicks auf das grüne Seeauge, 1504 m hoch (oder tief) gelegen, mit seinen FelsenInslein und auf die schwimmende Fischfütterungsanlage voll verfaulenden Fleischs und herabfallender Fliegenmaden entzückten Wanderer eine Zeitlang hörbar und entweder als einheimisch oder als fremddialektal zu identifizieren sind

zuguterletzt: ein (wie er sich selbst wohl verstanden hat und weiter versteht) ›Spaßvogel‹ hat dort oben eines Tages an der AbgrundZirbe ein Schild mit der Aufschrift Schwiegermuttersprung angebracht und es, falls abgekommen oder von PassantInnen heruntergerissen, stets wieder erneuert, ja selbst der Windbruch des vergangenen Winters, der dieses Wegstück für kurze Zeit unpassierbar hat werden lassen, scheint es nicht vermocht haben, ihn von einem solchen Akt erneuter Beschilderungslust abzubringen

Baum der Erkenntnis (Weinstock/Kreuzesholz)

nach jüdischer Vorstellung war der Baum der Erkenntnis kein Apfelbaum, sondern ein Weinstock: es wird erzählt, die Sintflut sei zerstörerisch sogar in den Garten Eden eingedrungen und habe dort auch den Baum der Erkenntnis zuerst unterspült und dann mit ihren Wassermassen hinweggeschwemmt, Noah, dessen Name ›Trost‹ bedeutet und der den Weinstock nach der Flut auffindet, pflanzt ihn wieder ein, erntet die Trauben, keltert und vinifiziert, trinkt kräftig, weiß aber die Wirkung des Weins nicht richtig einzuschätzen und fällt in Tiefschlaf, während sich seine Leibesmitte unordentlich entblößt (er wird also vor seinen drei Söhnen, von denen das ganze weitere Menschengeschlecht abstammt, zu Schanden, wie es heißt, Noah gibt sich also im wahrsten Sinne des Wortes eine Blöße, diese Schande Noahs geht in die Erzähltradition ein), wobei sein jüngster Sohn Ham sich wohl hämisch über ihn geäußert haben dürfte (und zur Strafe den beiden anderen, weil verflucht, als Knecht dienen mußte), während Sem und Japhet (das Gesicht abgewandt) des Vaters Blöße fürsorglich bedeckt haben sollen

wie also das erste Paar (nämlich Adam und Eva) in Schande gefallen war, da es von einer verbotenen Baumfrucht gegessen und dann erst seine Blöße bemerkt und schnellstmöglich bedeckt hatte, so hat auch das zweite (neue) Menschengeschlecht nach der Sintflut schändlich gehandelt, d. h. seine Laufbahn mit Schande begonnen, auch hier wieder als Folge eines besonderen Fruchtgenusses, richtiger: Fruchtproduktgenusses

Frage: wo hat Noah vorher diesen speziellen Baum (den Weinstock der Erkenntnis) denn eingepflanzt gehabt: nicht irgendwo, sondern nach einer apokryphen Legende just an jenem Punkt der Erde, wo die Mitte des verlorenen Paradieses gelegen war, und zugleich an diesem mystischen Ort, wo Gott Adam aus Erde geformt hatte, auch dort, wo Adam dann mit Eva die Ursünde beging (durch Adams Fall ist ganz verderbt / menschlich Natur und Wesen / dasselb Gift ist auf uns geerbt / dass wir nicht konnten gnesen / ohn Gottes Trost, der uns erlöst / hat von dem großen Schaden / darein die Schlang Evan bezwang / Gotts Zorn auf sich zu laden, wie der altprotestantische Choral den Gedanken an die Erbsünde umspielt und umsingt, in seiner ersten Strophe, mittlerweile aus dem evangelischen Gesangsbuch entfernt, siehe auch die Bachsche Choralbearbeitung im sogen. Orgelbüchlein mit ihren Septimenabwärtssprüngen im Pedal: Adams Fall), schließlich ist diese paradiesische Erkenntnisstelle auch noch der gleiche Ort, an dem Adam begraben liegt, hier hatte ein Engel dem toten Urvater dann einen Kern von der Frucht des ehedem verbotenen Baumes in den Mund gelegt (also wohl einen Traubenkern), und bekanntlich wurde über der Höhle, die Adams Schädel barg, 33 Jahre nach Beginn unserer Zeitrechnung dann Christi Kreuz errichtet, nämlich auf der Schädelstätte Golgatha (man sieht so einen, nämlich Adams Schädel ja auf vielen Kreuzigungsdarstellungen am Fuß des Kreuzes hervorschauen), das Kreuz kann also nach diesem Vorgang als neues Weinstockholz an der Stelle des alten paradiesischen und zwischenzeitlich postsintflutlichen aufgefaßt werden

und schon manchmal sind wir selbst wie aus einer paradiesischen Landschaft verstoßen worden, wie hinausgedrängt aus einem Bild, einem Bildrahmen, wie etwa auf dieser armenischen Miniatur des 13. Jhds. dargestellt, auf der Adam einerseits noch mitten im Garten sitzt und so wie Eva/Heua/Chawwa (am rechten Bildrand stehend) ängstlich in Richtung verknoteter Schlange blickt, wobei sich diese Versucherin selbst gar nicht im Paradies aufhält (oder aufhalten darf), sondern außen am Bildrahmen klebt und die beiden Figuren, Urvater und Urmutter (ihrerseits noch wie Heilige gekleidet), aus dem eng umrahmten Garten (hortus conclusus) herauszulocken versucht, ganz unteuflisch, wie es scheint, Apfel oder Apfelbaum der Erkenntnis ist drinnen keiner zu sehen, nur weißrote Blüten und grüne Sichelblätter im zarten Pflanzenbewuchs, gleichzeitig aber kleben Adam und Eva/Heua/Chawwa (drinnen wie draußen als solche alt-armenisch handschriftlich bezeichnet) bereits am unteren Bildrahmen fest, an welchen sie sich hängend klammern, wie Kletterer unterm Überhang, als braunnackte unschöne Figurenknollen, ihrer Reputierlichkeit entkleidet, eher ein Beispiel für frühe Gnomenwesen denn für das erste Menschenpaar nach der Erkenntnis von gut und böse, dort gehören wir jetzt nicht mehr hin, in dieses Geviert, das sich in Quadratmetern oder in Hektaren messen ließe, das von einem erhöhten Aussichtspunkt aus eine geschlossene Fläche darstellen könnte, ein locker umgrenztes Gebiet, in dem wir uns für eine bestimmte Zeit aufhalten durften, wie Halbnomaden mit unseren Herden, in paradiesischer Gebirgsflur, der Garten Eden/Üppigland selbst, oder eine heutige Naturlandschaft als ParadiesesErsatz, und zwar ganz ohne Züchtigungsengel, wie er auf dem Wiener Weltgerichtstriptychon mit erhobenem Schwert auf das sich im Wald versteckende erste Menschenpaar losstürmt, vom Maler (Hieronymus Bosch) samt Erschaffung Evas/Heuas/Chawwas aus Adam und Engelssturz in einem Simultanbild auf dessen linken Flügel gebannt

als ein weiteres Bild der biblischen Weinmetaphorik sehen wir diese von 2 Männern auf einer Stange hereingetragene Riesenweintraube: es sind 2 der von Moses ins verheißene Land Kanaan ausgesandten Kundschafter, die mit der kaum zu transportierenden Großtraube vom Ort Eschkol zurückkommen (im Poussinschen Herbstbild können sich diese zwei während des Tragens allerdings ganz unangestrengt unterhalten), allerdings kann deren Anblick die Israeliten nicht wirklich beruhigen, denn die Auswanderer sehnen sich mehr nach Ägypten und den dortigen Fleischtöpfen zurück denn ins fruchtbare Weinland voraus, ja sie werfen sogar Steine nach den ungeliebten Boten unter der Stange, in den späteren Interpretationen wird die Riesentraube am Tragestab dann als Vorverweis auf den am Kreuz hängenden Christus gedeutet

in den illuminierten Codices, aber auch in volksfrommen Darstellungen taucht das Bild der mystischen Kelter