Begegnen statt ignorieren - Klaus Rudolf Berger - E-Book

Begegnen statt ignorieren E-Book

Klaus Rudolf Berger

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Beschreibung

Wir leben am Anfang des 21. Jahrhunderts in Zeiten großer Turbulenzen. Finanzkrisen schütteln derzeit viele Länder des Westens. Gleichzeitig erleben wir große Bevölkerungs- und Flüchtlingsbewegungen. Mindestens 45 Millionen Menschen leben derzeit weltweit in Auffanglagern oder sind in Schiffen auf der Flucht. All dies wird das Leben in den bisher etablierten Ländern Europas mit verändern. Menschen klopfen an die Tür und bitten um Einlass, wünschen Anteil am Wohlstand der wenigen zu nehmen. Deutschland erlebte in den letzten Jahren eine erschreckend zunehmende Repression gegenüber Asylanten und Ausländern. Werden wir den Fremden begegnen oder bleiben wir in der Ignoranz gegenüber ihrem Lebensschicksal mit all den daraus entstehenden Folgen stecken? Welches Lebensschicksal haben Aussiedler, Asylanten und Ausländer hinter sich, wenn sie in Deutschland, als ihrer neuen Heimat, um Einlass bitten? Diesen und weiteren Fragen zu dem Problem um Aussiedler, Asylanten und der multikulturellen Gesellschaft spürt Berger in seinem Buch nach.

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Begegnen statt ignorieren

Aussiedler, Asylbewerber und Multikulti

Klaus Rudolf Berger

Impressum

© 2015 Folgen Verlag, Wensin

Autor: Klaus Rudolf Berger

Cover: Eduard Rempel, Düren

Lektorat: Mark Rehfuss, Schwäbisch Gmünd

ISBN: 978-3-944187-55-6

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

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Hinweis

Das eBook Begegnen statt ignorieren ist als Buch erstmals 1993 erschienen. Es bezieht sich daher auf Ereignisse und die Situation in Deutschland und der Welt zu dieser Zeit.

Inhalt

Einleitung

I. Aussiedlerproblem

1. Gelockt von Katharina

2. Verfolgt und unterdrückt durch den Marxismus-Leninismus

2.1 Selbstständige sozialistische Republik der Wolgadeutschen

2.2 Hitler-Stalin-Pakt und Internierung der Russlanddeutschen

2.3 Lebenssituation nach Krieg und Deportation

3. Befreit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion

4. Auf der Suche nach einer neuen Heimat

II. Asylantenproblem

1. »Die große Wanderung«

2. Wer ist ein Fremder, wer ein Asylant?

3. Fremdenhass – die Angst vor Fremden

4. Bereit zur Integration oder im permanenten Gaststatus?

III. Multi-Kulti-Utopie

1. Multikulturelle Gesellschaft: in Pro und Contra …

2. Multinational, multireligiös – Können wir so leben?

2.1 Europa – ein Beispiel multinationalen Zusammenlebens?

2.2 Multireligiös – Kann man alles glauben, ohne den Glauben zu verlieren?

3. Dialogfähigkeit im »multikulturellen« Umfeld

IV. Gefahr der Ignoranz – Gründe und Folgen

1. Ignoranz im Kontext von Angst und fehlender Identität

2. Ignoranz politischer Geschichte der Nachkriegszeit

3. Ignoranz biblischer Aussagen

V. Problemlösungsansatz: Begegnung

1. Begegnung mit der Heimat

2. Begegnung als eine Haltung mit Konsequenzen

3. Begegnung mit Gott, dem Schöpfer der Menschen und Völker

Anmerkungen

Einleitung

Während einer kleinen Vortragsreise im Herbst 1991, die mich in die Schweiz führte, entstanden erste Anstöße zu dem vorliegenden Buch. Ich hatte die Herausforderung angenommen, zu den Hauptproblemen unserer Gesellschaft heute aus christlicher Sicht zu sprechen. Schon die Vorbereitung ließ mich unmittelbar in den Strudel der Probleme eintauchen und drohte mich hinabzuziehen: Binnenmarkt Europa, öffentlicher Schuldenberg der BRD z. Zt. auf insgesamt 1,6 Billionen DM geschätzt, hohe, zu hohe Mieten, steigende Arbeitslosigkeit in Ostdeutschland, Angst vor Asylanten, Aussiedlern und Ausländern allgemein, Zerfall der Familien, allgemeiner Werteverfall, zum Beispiel sichtbar in dem aufkommenden Neofaschismus mit der Tendenz zum Rechtsruck in der Politik. Sehr betroffen war ich dann, als ich unmittelbar auch in der Schweiz ähnliche Probleme wie bei uns in der Bundesrepublik fand. Hohe Mieten, steigende Arbeitslosigkeit, Angst vor Fremden, die in die »Zukunftsangst Einwanderung« mündet und Fragen über Fragen, wie es denn weitergehen soll.

Inzwischen sind fast zwei Jahre vergangen und erneut zeigen sich die Probleme mit aller Schärfe: Die Wahlen in Schleswig-Holstein und Baden-Württemberg zeigten die Tendenz, dass die politische Rechte zu Erfolg kam, weil sie Ausländer ausgrenzte und »Deutschland den Deutschen« allein geben wollte.

Nach weiteren Monaten – die Probleme um die Ausländer und Asylanten überschlagen sich mittlerweile förmlich – ist die Lage in der BRD bedrohlich. Die Kundgebung vom 08.11.1992 in Berlin ließ mir Tränen in die Augen kommen vor Wut, Verzweiflung und Fassungslosigkeit angesichts der Gewalt. Es ist für mich eine Schande, wenn der Bundespräsident nicht ohne Polizei und schützende Regenschirme zu einer großen Öffentlichkeit sprechen kann. Aufrufe für »Menschenwürde und Weltoffenheit gegen Fremdenfeindlichkeit« sind dringend angesagt, auch das erneute Bewusstsein für den Paragraphen Eins unseres Grundgesetzes, der die Würde des Menschen als unantastbar rechtlich garantiert, ist notwendig, damit Ausschreitungen gegen Fremde und »Andersartige« (Asylanten, Ausländer, Juden und teilweise auch gegen Behinderte) bestraft, verhindert und zunehmend reduziert werden. Doch derzeit scheint sich die Wut ungehemmt auf Menschen zu richten, die sich kaum wehren können. Die Ausschreitungen rechtsradikaler Gruppen, sogenannter Neonazis, sind allein in der Zeit vom 28.09.1991 bis 02.11.1992 in der Bilanz hoch und in ihrer Brutalität erschreckend. Dabei nimmt neben roher Gewalt und dem Legen von Brandsätzen auch die Schändung jüdischer Gedenkstätten zu. Nach der Dokumentation des Stern-Extra-Beitrages: »Die neuen Nazis greifen an«, von Marlies Prigge1 liest sich die dort beschriebene Gewalt wie eine schlimme Erinnerung an Gewalttaten im Dritten Reich und dies innerhalb von fünf Wochen:

»Greiz/Thüringen: Rechte verfolgen einen VW-Bus, in dem auch ein Farbiger sitzt. Mit Eisenstange und Baseballschläger dreschen sie auf den Wagen ein.

Bonn: Ein 23-jähriger Skin schlägt seinen marokkanischen Nachbarn zu Boden und würgt ihn, nachdem er ihn als ›Kanakenschwein‹ beschinhft hatte.

Coesfeld/Nordrhein-Westfalen: Ein jugoslawischer Mofafahrer wird zu Boden gerissen, getreten, geschlagen. Die Täter grölen rassistische Parolen.

Eilenburg/Sachsen: Asylbewerber werden von Skins mit Leuchtkugeln beschossen und mit Steinen beworfen.

Stuttgart: Fünf jüdische Gräber werden geschändet, mit Hakenkreuzen beschmiert. An einem Grab die Aufschrift: Sieg heil.

Dortmund: Unbekannte verwüsten den jüdischen Ehrenfriedhof, aber auch Ehrenmäler russischer und jugoslawischer Kriegsgefangener.

Gelsenkirchen: Unbekannte werfen durch den Briefschlitz einer Haustür einen Brandsatz in ein Gebäude, in dem sich die Büroräume der jüdischen Kultusgemeinde befinden.«

Gemäß der Überzeugung, die ich zum Thema meiner vorliegenden Arbeit gewonnen habe, sind wir angesichts der Gräueltaten neofaschistischer Gruppen gefordert, ihnen zu begegnen statt sie zu ignorieren. Zu begegnen mit geschichtlichem Bewusstsein und dem Versuch, die Motive Rechtsradikaler zu verstehen, ohne sie dadurch indirekt von Schuld freisprechen zu wollen. Die Morde von Hoyerswerda, Rostock, Mölln, Solingen und die vielfältigen Verletzungen der Menschenwürde sind nicht zu entschuldigen, sie müssen bestraft werden, damit die Straftäter zur Besinnung und Umkehr kommen. Gerade sie müssen lernen, anderen Menschen zu begegnen und sie zu achten!

Liegt hier nicht die eigentliche Ursache für ihre abgrundtiefe Menschenverachtung? Ignoranz und Egoismus, platte Vergleiche und das Gefühl persönlich zu kurz gekommen zu sein, gehören mit zu den Ursachen rechtsmotivierter Gewalttaten. So steht in einem Faltblatt mit dem Titel: »Viele Kulturen, eine Zukunft – Nationalismus und Rassismus in Europa überwinden!«, herausgegeben vom Bundesvorstand des DGB: »Durch die hohe Arbeitslosigkeit nicht nur in den neuen Bundesländern (z. Zt. in Gesamtdeutschland ca. 3,5 Millionen K. B.), die Verarmung von immer mehr Menschen, die Wohnungsnot in Ballungsgebieten und dem Vertrauensverlust gegenüber politischer Institutionen entsteht ein Nährboden für soziale Unsicherheit und für Konflikte. Durch ökonomische und technische Veränderungen geraten Teile der Bevölkerung ins Hintertreffen. Sie nehmen ihre Ohnmacht gegenüber ihrer sozialen Abwertung wahr, sehen ihre Lebensperspektive bedroht und fühlen sich selbst an den Rand gedrängt. (…) Viele gesellschaftliche Probleme sind ungelöst. (…) Die soziale Schere zwischen Arm und Reich klappt immer mehr auseinander. Diese Unzufriedenheit wird dazu missbraucht, einer angeblichen ›Überfremdung‹ das Wort zu reden. Antidemokratische, nationalistisch und rassistisch ausgerichtete Bewegungen bieten scheinbar glatte Lösungen an.

Ausländer, Asylsuchende und Aussiedler werden zu Sündenböcken, die für Entwicklungen verantwortlich gemacht werden, die sie nicht zu verantworten haben.«2 Ferner schreibt Ulrich Beck in seinem Essay »Biedermänner und Brandstifter« dazu:

»Die Ostdeutschen wissen, dass die Westdeutschen denken, dass sie die Asylanten sind. Man lässt es sie merken. Den einen rauben sie Geld, den anderen ihre linken Überzeugungen, alle fühlen sich an die gut verdrängte Herkunft der fünfziger Jahre erinnert. ›Die Parasiten‹, heulen die Ossis in sich hinein, ›erst müssen wir den Kommunismus ausbaden, während die da draußen sich sonnen konnten, dann werden wir wie die Zigeuner behandelt und mit verlogenen Versprechungen abgefertigt.‹ Wenn man im Gehirn ein Mikrofon installieren könnte, müsste es so oder so ähnlich die Gedanken aufzeichnen, die den Deutschen in Ost und West allmählich den Schlaf rauben, aber noch tabuisiert werden.

Und nun kommt die Pointe der Geschichte: Beide schlagen auf Asylanten ein. Die einen werfen Brandsätze, die anderen sprechen Brandsätze, der Rest schaut schockiert oder genüsslich zu. Die Mordanschläge auf Fremde sind auch es gibt viele Ursachen ein stellvertretender, versetzter Bürgerkrieg im weniger denn je vereinigten Deutschland.«3

Wenn Beck dem einen oder anderen Leser vielleicht auch etwas überzogen in seiner Schlussfolgerung erscheinen mag, so legt er doch den Finger auf die wunde Stelle. Er, wie auch der Auszug aus dem Faltblatt des DGB, zeigt deutlich, wie leicht Sündenböcke vom eigentlichen Ursprung der Aggression und Gewalt ablenken, weil sie zur Ursache schlechthin erklärt werden. Hass und Enttäuschung müssen sich Luft machen. Rolf Seiter meint, dass in den Krawallen und Ausschreitungen der letzten Monate die Sehnsucht nach Stabilität, Halt und Heimat der Jugendlichen deutlich wird.

»Labilität, Leben auf schwankendem Grund kann nicht verkraftet werden. Viele junge Menschen, die mit Steinen um sich werfen und mit Prügeln um sich schlagen, verdeutlichen in ihrer Haltung, wie sie letztlich einen verzweifelten Überlebenskampf führen. Es ist der Kampf um die Zukunft. Die Angst vor Fremdsteuerung, vor Unterdrückung macht sich barbarisch Luft«.4

Die wohl bisher noch nicht verkraftete Wiedervereinigung Deutschlands, die für viele bewusstseinsmäßig überhaupt nicht verarbeitete deutsche Geschichte, die nationale Identität und die Erfahrung der Wiedervereinigung sind nicht aufgearbeitet worden. Sie muss erneut in den Schulen und Familien thematisiert werden. Besuche, Urlaube und geografische, geistesgeschichtliche wie politische Studien in Ostdeutschland können helfen, den Leerformeln von »Ossis« und »Wessis« zu begegnen, so dass sie sich zu Deutschen in Ost- und West-, Nord- und Süddeutschland auflösen, um dann nur noch geografische bzw. kulturelle Besonder- bzw. Verschiedenheiten zu bezeichnen.

Um diese Aufgabe zu erfüllen, ist der entschiedene Wille zur Begegnung mit der deutschen Geschichte, ihren Menschen, Traditionen, Irrungen und Wirrungen gefragt, weniger Demonstrationen oder politische Parolen. In diesem Sinne ist die deutsche Geschichte der Weimarer Republik, die Machtergreifung Hitlers sowie die durch ihn veranlassten Gräueltaten gegenüber »Nicht-Ariern«, in Sonderheit gegenüber den Juden, zu studieren. Ich stimme Heinrich Jaenecke zu, wenn er als Grund für den wiedererstarkten Feind von rechts u. a. die Ignoranz rechtsextremistischer Gruppen in Deutschland anspricht nach der Formel: »Bonn ist nicht Weimar«. Sicher, lange Zeit nach 1945 war die Mehrheit der deutschen Bevölkerung – sehen wir einmal von den Studentenunruhen 1968 und den folgenden Jahren ab – mit der demokratischen Staatsform einverstanden. Das parlamentarische System funktionierte. Doch in all diesen Jahren wirkte der unorganisierte neonazistische Untergrund, genährt von der braunen Medienindustrie, die Zeitungen, Bücher, Bildbände und Videofilme produzierte, weiter. Sein Publikum zählt heute noch Millionen:

»13 Prozent der wahlberechtigten Bevölkerung, so ermittelte eine Sinus-Studie bereits vor elf Jahren, haben ein rechtsextremes Weltbild und ein reaktionäres Menschenbild«.5

Wie extrem dieses Weltbild ist, zeigt u. a. auch der »Fall« Günter Schirmer. Günter Schirmer, ein 46-jähriger behinderter Mann, der nach einem Verkehrsunfall 1979 ein Bein verlor und ein halbes Jahr im Koma lag, ertrug die entwürdigenden Attacken von rechtsextremen Jugendlichen nicht mehr, er nahm sich mit einer Überdosis an Tabletten das Leben. Die Hannoversche Allgemeine Zeitung berichtet am 15.10.1992

u. a. unter der Überschrift:

»Bei Hitler hätten sie mich vergast«

»Früher Nachmittag in Großburgwedel. Das Ehepaar Schirmer ist unterwegs zum Rathaus. Auf einem Schulweg kommen den beiden Hunderte von radelnden Schüler entgegen. Plötzlich beobachtet Irene Schirmer, wie einige Jugendliche ihrem Mann ins Rad treten, ihn bespucken und anpöbeln. ›Unter Hitler wärst du schon lange vergast worden‹, rufen sie und ›Du lebst von unseren Steuergeldern‹. Als die beiden am Rathaus angekommen sind, ist Günter Schirmer von oben bis unten verunreinigt von Spucke. Als seine Frau ihr Entsetzen zum Ausdruck bringt, sagt er ihr: ›Mach dir nichts daraus. Das bin ich gewohnt.‹«6

Spüren wir, wie schnell der Hass seine Opfer wechseln kann? Er sucht sein Ventil. Heute sind es die Ausländer, Asylanten, Aussiedler und Juden – morgen die Behinderten? Im unmittelbaren Umfeld der Stiftung Eben-Ezer, einer diakonischen Einrichtung für Menschen mit geistiger Behinderung in Lemgo, ist hiervon zur Zeit noch nichts zu spüren. Dennoch fühlen unsere Heimbewohner sich im Kontext der Übergriffe von Rechtsradikalen bedroht, unsicher und ängstlich. Steht in ihren Augen schon die Frage: »Wann sind wir dran?« Damit sie weiterhin fröhlich und menschenwürdig leben können, sind alle Menschen mit einer demokratischen Gesinnung gefragt, ob sie ihnen wie auch den Ausländern, Asylanten und Aussiedlern begegnen und dann aus einem inneren Ja zu ihnen stehen, so wie es Professor Dr. Franz Schönberger von der Universität Hannover, Fachbereich Erziehungswissenschaften I, in einem offenen Brief an Frau Schirmer am 19.10.1992 schrieb:

»Behinderte Menschen können sich auf uns verlassen! Als Pädagogen, die sich zur Arbeit mit ihnen aus innerem Antrieb, geistigem Interesse und sozialer Verantwortung entschieden haben, stehen wir zu ihnen und ihren Angehörigen. Wir werden unser Bestes tun, ihr Lebensrecht zu sichern, ihre Lebensfreude zu wecken und ihren Lebensmut zu erhalten.«

Diesem Selbstverständnis kann ich persönlich als Leiter einer Fachschule für Heilerziehungspflege, an der zur Zeit 94 Mitarbeiter für die Behindertenhilfe ausgebildet werden, von ganzem Herzen zustimmen. Als Christ sehe ich meine politische Verantwortung u. a. als eine Herausforderung an, in der Bildungsarbeit, hier insonderheit in den Fächern Geschichte/Politik, Anthropologie, Soziologie und Ethik in der Fachschule deutlich die Strukturen, Phänomene, Ursachen und Hintergründe menschlich brutalen Miteinanderumgehens aufzudecken und die Auswirkungen bewusst zu machen, damit die Eskalation der Gewalt gestoppt und weiterer Entwürdigung menschlichen Lebens Einhalt geboten wird.

»Was wir jetzt erleben, ist die Quittung für das Wegsehen, für die ausgebliebene Abrechnung mit den Tätern und ihren geistigen Erben, für die ›zweite Schuld‹«, wie es Ralph Giordano formulierte.7

›Begegnen statt ignorieren‹ wird somit u. a. auch eine Handlungsmaxime für politisches Handeln sein, denn alles menschliche Tun hat ja zutiefst seinen Ursprung im Willen oder, um es biblisch zu formulieren, im Herzen des Menschen. Jesus demaskiert Ideologien und Traditionen des Humanismus, indem er uns mit seinen Worten sagt: »Denn von innen, aus dem Herzen des Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Dieberei, Mord, Ehebruch, Habsucht, Bosheit, Lust, Schwelgerei, Missgunst, Lästerung, Hoffart, Unvernunft. All diese bösen Dinge kommen von innen heraus und machen den Menschen unrein.«8

So müssen wir nehmen wir Jesu Worte ernst Begegnung wieder neu auch mit ihm, seinem Wort und seinem Vater, unserem Schöpfer, bekommen. Auf diesen ganz zentralen Zusammenhang will ich im letzten Kapitel meines Buches eingehen.

Als ich mit den Recherchen zu ›Begegnen statt ignorieren‹ vor gut zwei Jahren begann, wusste ich noch nicht, was mich heute, nach Mölln und Solingen, in meinem Land, der Bundesrepublik Deutschland, hierzu erwartet. Die Ereignisse überschlagen sich. Hinzu kommt die europäische Dimension: Europa ’93 steht vor der Tür und will in den einzelnen Ländern verwirklicht werden. So will ich die Europaproblematik und das Problem der »Wiedergeburt des Nationalismus in Europa« im dritten Kapitel im Kontext des Themas der Multi-Kulti-Utopie mit behandeln. Grundsätzlich bleibe ich aber bei der ursprünglichen inhaltlichen Gliederung, wie ich sie vor etwa einem Jahr ausgearbeitet habe. Über sie will ich einzelne Problemfelder (vgl. die Kapitel I bis III) analysieren und anschließend nach tragbaren Lösungen fragen. Die von mir ausgewählten Problembereiche lauten:

I. Aussiedlerproblem,

II. Asylantenproblem und

III. Multi-Kulti-Utopie.

Nach ausführlicher Darstellung dieser Problemkomplexe, die sich allesamt unmittelbar auf das Miteinander von Menschen in unseren Dörfern, Gemeinden, Städten und großen Ballungsräumen der Bundesrepublik und Europas allgemein beziehen, ist eine Gefahr ganz deutlich zu spüren: Die Ignoranz des anderen, weil er anders aussieht, sich anders verhält, anders spricht, anders denkt und glaubt als der jeweils sich heimisch Wissende. Das Problem der Ignoranz ist demnach bewusst zu machen, um darüber hinaus erneut wieder Begegnung zu verstehen, zu lernen und zu praktizieren. Da sich all dies zunehmend im binnenmarktorientierten Europa realisiert, müssen wir vor der Besprechung der einzelnen Problemkreise einige Überlegungen zu dem sich noch konstituierenden Europa9 anfügen.

Ob jenes Heil oder Unheil, »schöpferische Vielfalt« oder einen zerstörerischen Herrscherwillen offenbart, wird die Geschichte zeigen. Persönlich schwanke ich zwischen Begeisterung und Skepsis hin und her, da einerseits der Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion zeigt, dass Völker eigenständig sein möchten und den Mantel der Einheitssprache und Einheitswährung, sowie der allgewaltigen Einheitsideologie und Einheitsführung (z. B. auch durch die Einheitspartei gestützt) abstreifen. Andererseits aber gerade das friedliche Zusammenwirken von Völkern in Europa nur zu wünschen ist, da so der Einzelne durch die Vielfalt der anderen beschenkt werden wird, sofern er sie verstehen und ihr dann auch existenziell begegnen kann. Um dies zu realisieren, ist noch viel Bildungsarbeit zu leisten und es besteht für mich stark der Verdacht, dass von der »hohen Politik« und ihren Repräsentanten das Konzept eines gemeinsamen Europas seinen 430 Millionen Menschen aus über 23 Mitgliederstaaten (erweitert um die Staaten der EFTA, Zypern und Malta) übergestülpt wird, ohne abzuwarten, ob sie das wirklich wollen und auch fähig dazu sind.

Was ist aber zu bedenken, wenn Europa eine Zukunft haben soll und auf diesem Kontinent auch all die Menschen ein menschenwürdiges Leben führen können, die sich hier heimisch fühlen?

Nach einer Diskussionsgrundlage für das »Internationale Bertelsmann Forum«, ausgearbeitet von der »Forschungsgruppe Europa« an der Universität Mainz, haben wir Nachfolgendes zu beachten, zu bedenken und zukünftig politisch zu realisieren:

1. Ausgangssituation

Sie markiert uns den derzeitigen Ist-Stand. Hier sind Strukturveränderung in Westeuropa zu erwarten, die »in festgefügte Besitzstände« eingreifen, so dass die Folgen über Wirtschaft, Handel »auf die Strukturen von Politik, Verwaltung und öffentlichen Haushalten, auf das Bildungswesen und die Sozialsysteme ausstrahlen.«10 Ferner ist noch ein zuverlässiger politischer Rahmen für die Wirtschafts und Währungsunion zu schaffen.

2. Einflussgröße Osten

Nach dem Zusammenbruch der alten Strukturen und Apparate müssen in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, jetzt GUS, völlig neue Organisationsformen gefunden werden.

Vom Totalismus muss man zur Demokratie, von der Planwirtschaft zur Marktwirtschaft und von der Blockstruktur zur nationalen Eigenständigkeit11 kommen. Dies bedeutet für die Menschen in diesen Ländern zwar einerseits einen Gewinn von Freiheit, andererseits aber auch einen Verlust von Sicherheit. So schreibt die Forschungsgruppe:

»Alle Bezugsgrößen ihrer materiellen Existenz Beschäftigung, Löhne und Preise, Renten und Sozialleistungen stehen zur Disposition. Die gutgefügte Struktur der Gesellschaft ist zerbrochen, und neue soziale Gruppen entstehen. (…) Eine vorrangige Aufgabe der europäischen Politik liegt deshalb in der Stabilisierung und Unterstützung der Demokratie.«12

Die bisher als ungelöst anzusehenden ethnischen Konflikte sind im Spannungsfeld ihrer sozialen und kulturellen Gegebenheiten einer Lösung zuzuführen. Die ethnischen Probleme der ehemaligen Sowjetunion, wie auch die wirtschaftliche Zerrüttung des Landes und sein gigantisches Militärpotential über 4 Millionen Soldaten und paramilitärische Kräfte sind unter Waffen stellen noch eine Gefahr besonderer Art dar, die nicht übersehen werden darf.

3. Einflussgröße Mittelmeerraum

Hierzu sagt das Forscherteam:

»Der Mittelmeerraum ist die andere Region in der unmittelbaren Nachbarschaft deren Entwicklungstendenzen Europa herausfordern. Die Krisen und Kriege der letzten Zeit weisen daraufhin, dass mit abnehmendem Kontrolldruck des Ost-West-Konfliktes die gewaltsame Austragung von Konflikten im Mittelmeerraum zunehmen könnte. Ethnische, politische oder wirtschaftliche Auseinandersetzungen können jederzeit auch als Territorialkonflikte ausbrechen. Kaum einer der Staaten besteht in historisch gewachsenen Grenzen, die niemand in Frage stellt.«13

Hinzu kommt ferner die militärische Bedrohung, da die arabischen Staaten über ebenso viele Soldaten, Panzer und Kampfflugzeuge wie die Staaten Westeuropas verfügen.

Entsprechend ist die Europäische Gemeinschaft herausgefordert, als Modell friedlichen Zusammenlebens zu fungieren. Da Westeuropa aber derzeit, und wohl noch einige Jahre weiterhin, Zielpunkt der großen Wanderbewegung ist, muss das Problem der Zuwanderer gelöst werden, ohne dass durch Fremdenfeindlichkeit die Probleme der Europäer in den jeweils eigenen Ländern (z. B. in der BRD: »Ost«, »West«) und untereinander verdeckt werden. So wird es besonders wichtig sein, das Phänomen der Wanderbewegungen genau zu beschreiben. Dies soll im Zusammenhang des zweiten Kapitels unter dem Stichwort »Die große Wanderung« geschehen.

In unseren Tagen gehen die verschiedensten Ängste14 um. Im Zusammenhang des vorliegenden Buches sind es die Ängste der Einheimischen gegenüber den Fremden, der Besitzenden gegenüber den Umherziehenden usw.

Wenn wir wieder neu verstehen und erleben, dass jeder Mensch, der auf dieser Erde lebt, ein von Gott gewollter und geliebter ist, dann kann der Weg zur Begegnung und zum Abgeben dessen, was man im Überfluss im Westen hat, gefunden werden. Statt Ausgrenzung15 geschieht dann grenzenlose Freiheit zur Begegnung, weil man versteht, dass auch der/die andere, ganz gleich welcher Nationalität, Religiosität, Kultur, Sprache, Hautfarbe und ethnischer Besonderheit er/sie angehört, ein Geschöpf Gottes ist.

Der humane und würdige Umgang von Menschen mit- und untereinander gelingt, bereichert und erweitert den eigenen Horizont und lässt ihn mit dem des anderen in Berührung und Beziehung kommen, wenn wir das beherzigen und leben, was Jesus im Doppelgebot der Liebe seinen Jüngern sagte:

»Gib dem, der dich bittet, und wende dich nicht von dem, der dir abborgen will. Ihr habt gehört, dass gesagt ist: ›Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen.‹ Ich aber sage euch: Liebet eure Feinde; segnet die euch fluchen; tut wohl denen, die euch hassen; bittet für die, so euch beleidigen und verfolgen, (…)16 und an anderer Stelle der entscheidende Aufruf: ›Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!‹«17

Diese Aufforderung Jesu ist für mich der theologische Hintergrund, um die Begegnung mit anderen Menschen zu einer menschenwürdigen, den anderen als Person und Geschöpf Gottes achtenden Haltung werden zu lassen.

Statt Hass müssen wir Liebe, statt Gewalt und Aggression Frieden leben, um miteinander statt gegeneinander zu leben. Im politischen Handlungsfeld des Alltags geht dies über die in meinem Buch genannten »Menschengruppen« und Problemfelder hinaus und will auch die einzelnen Gesellschaftsschichten erreichen. So ist es mein Wunsch, über Problembewusstsein, Phänomenbeschreibung und pragmatischer Handlungsanweisung (gehe auf den anderen zu, begegne ihm, statt ihn zu ignorieren!) Anstoß und Hilfe für ein bewusstes Denken und ein humanes Handeln im Umfeld der aktuellen Aussiedler, Ausländer und Asylantenproblematik zu geben.

Helmut Scheuer sei herzlich gedankt, der mir vielfältige gute Hinweise bei der Überarbeitung des Manuskriptes zuteil werden ließ.

Lemgo, Klaus R. Berger

I. Aussiedlerproblem

Viele Jahre, ja jahrzehntelang, kamen sie, zehn bis fünfzigtausend jährlich, von der deutschen Öffentlichkeit mehr oder weniger, eher fast unbemerkt, wahrgenommen. Doch der Zustrom wurde in den letzten Jahren ständig mehr.

1987 80.000, 1988 über 200.000, 1989 377.000 und 1992 um 300.000 Menschen, die ihre »Heimat« verließen und nach Deutschland kamen. Man schätzt, dass noch ca. 3,5 Millionen potenzielle Aussiedler in den GUS-Staaten, in Polen, Rumänien und der Tschechoslowakei und in Jugoslawien leben, die vielleicht kurz und mittelfristig alle aussiedeln wollen. Liest man die Berichte über die Lebenssituation der Russlanddeutschen (etwa 2 Millionen leben noch in der GUS), so versteht man, dass sie sich zu Recht nach einem besseren Leben sehnen. Ein Blick in die Geschichte der Deutschen im Osten hilft uns, deren Motive für die Aussiedlung zu begreifen und ihre Sehnsucht nach einer Heimat in Deutschland zu verstehen. Denn das von allen Ansiedlern am häufigsten angegebene Motiv zur Ausreise war der Wunsch, als »Deutscher unter Deutschen« leben zu können.18 Konkret in unseren Tagen treibt viele auch die »Furcht vor dem politischen Chaos im zerbröselten Sowjetinherium, vor blutigen ethnischen Konflikten und dem in Mittelasien aufschäumenden islamischen Fundamentalismus«19 wie Sturmwogen davon. Aber auch in der BRD stoßen die Aussiedler in den letzten Jahren immer mehr auf Ablehnung, Vorurteile und sogar offene Aggression. Auch ihnen gegenüber herrscht teilweise Ignoranz. Das wird schon an den Fragen deutlich, die bezüglich der Aussiedler in vieler Munde sind:

»Warum kommen sie, und warum gerade jetzt?«

»Sind Aussiedler überhaupt Deutsche, und warum sprechen so viele von ihnen nicht deutsch?«

»Warum erhalten sie Sonderkonditionen bei ihrer Integration in die Bundesrepublik?«

»Sind sie letztlich nicht doch nur Wirtschaftsflüchtlinge?«

20

Die sich in den Fragen verbergenden Ängste vor immer mehr Einwanderern nach Deutschland werden umfassend verständlich, wenn man sich die heutigen Einwanderungsstudien, beschrieben nach Personengruppen und ausgewiesen in Zahlen, bezogen auf die Anzahl der deutschen Wohnbevölkerung in den alten Bundesländern, einmal deutlich macht.

So haben wir zunächst fünf Gruppen21 zu unterscheiden:

Die aus der ehemaligen »Gastarbeiter-bevölkerung« stammenden einheimischen Ausländer.

Die früher als DDR-Flüchtlinge und später als Übersiedler aus den neuen Bundesländern Zugewanderten.

Die Aussiedler aus Ost, Mittel und Südosteuropa gekommenen »fremden Deutschen«.

Die ausländischen Flüchtlinge.

Menschen aus Ostdeutschland, die nach der Wende Fremde im eigenen Land geworden sind.

Klaus J. Bade schreibt in seinem profunden wissenschaftlichen Werk mit dem Titel »Deutsche im Ausland, Fremde in Deutschland«:

»Der Querschnitt durch die neue Einwanderungssituation zeigt nur den jüngsten Stand einer durch gewaltige Wanderungen bestimmte Bevölkerungsentwicklung: Alles in allem kamen vom Ende des Zweiten Weltkrieges bis zur deutschen Vereinigung im Herbst 1990 rd. 15 Mio. Vertriebene, Flüchtlinge, Übersiedler und Aussiedler nach Westdeutschland. Das entsprach rd. einem Viertel der deutschen Wohnbevölkerung in den ›alten‹ Bundesländern. Nimmt man die zu dieser Zeit ca. 4,8 Mio. Menschen zählende ausländische Minderheit hinzu, dann machte diese Zuwanderung seit 1945 ein Drittel der Gesamtbevölkerung Westdeutschlands aus. Das sind in der Geschichte der entwickelten Industriestaaten in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einzigartige Dimensionen. Die Deutschen hatten mithin seit dem Zweiten Weltkrieg in ungewöhnlichem Umgang mit der Eingliederung von Fremden zu tun. (…) Die Dynamik des Wanderungsgeschehens wirkt fort: Wenn unvorhersehbare Ereignisse nicht alles anders kommen lassen, müssen sich die Deutschen – von Ost-West-Binnenwanderungen ganz abgesehen – gefasst machen auf ein Anhalten des Aussiedlerzustroms und auf steigende Mobilität im Europäischen Binnenmarkt. Vor allem aber haben sie zu rechnen mit wachsendem Zuwanderungsdruck in Ost-West- und Süd-Nord-Richtung: als Ergebnis des wirtschaftlichen Entwicklungsgefälles und der politischen Strukturkrise im zerfallenden ›Ostblock‹, sowie vor dem Hintergrund der sich dramatisch zuspitzenden ökonomischen, ökologischen und politischen Krisenentwicklung in der Dritten Welt.«22

Nun kann Ignoranz sicher auch eine Form verdrängter Ängste sein, oder eine Art Resignation über aggressive Gewalttaten. Begegnen und die Bereitschaft, sich den Problemfeldern menschlichen Zusammenlebens zu stellen, nimmt zunächst einmal die Schwierigkeit der Aufnahme von Zuwanderern sehr ernst. Wie wir sehen steht die hohe Zahl von zugewanderten und nach wie vor zuwandernden Aussiedlern auch im Kontext der gesamten Herausforderung, die die Dynamik des heutigen Wanderungsgeschehens mit sich bringt. Dasselbe gilt natürlich für jede der fünf Gruppen sowie insbesondere für das Asylanten und Multi-Kulti-Problem, auf das ich noch gesondert eingehen werde.

Jedenfalls sind Unwissenheit, Gleichgültigkeit und Begegnungslosigkeit, eben ignorante Haltungen, Gründe für die Tatsache, dass in Deutschlands Straßen – wie seit 1945 nicht mehr – die Menschenwürde in Flammen steht.

»Die Russlanddeutschen sind jene Volksgruppe, die im Gefolge des Zweiten Weltkrieges zum Treibsand der Geschichte herabgesunken ist und darunter bis zur Stunde zu leiden hat«, schreibt Reinhard Olt in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 19. Dezember 1992. Wenn dieser Volksgruppe auch im Zusammenhang mit dem Asylrechtskompromiss in gewisser Weise geholfen wird, so dass jährlich 240.000 Antragstellern der Weg in die Bundesrepublik geöffnet wird, so wollen wir dennoch fragen, unter welchen Bedingungen diese Menschengruppe seit vielen Jahren in der ehemaligen Sowjetunion bzw. in den heutigen GUS-Staaten lebte. Hierzu hilft auch die Frage, wieso sie überhaupt nach Russland gingen.

1. Gelockt von Katharina

Schon im Anfang des 18. Jahrhunderts kamen mit der Öffnung Russlands nach Westen unter Zar Peter dem Großen Offiziere, Wissenschaftler, Ärzte, Architekten und Handwerker nach St. Petersburg und Moskau. So gab es bereits 1728 in der vom Zaren gegründeten Metropole St. Petersburg eine deutsche Zeitung. Doch der große Zuwandererstrom Deutscher setzte ein, als nach den Manifesten Katharinas der II. und Alexanders des I., von 1763 bzw. 1804 die Wolgasteppen und die Schwarzmeergebiete kolonisiert wurden. Die Herrschenden erhofften sich hierdurch den wirtschaftlichen Aufschwung des Landes durch die Vermehrung der Arbeitskräfte.

Ihr erstes Manifest von 1762 blieb erfolglos, so dass im zweiten Manifest von 1763 reizvolle Angebote gemacht wurden. Detlef Brandes schreibt in seiner Arbeit »Die Deutschen in Russland und der Sowjetunion«:

»›Wenn wir die Ausdehnung der Länder unseres Kaisertums in Betracht ziehen‹, schrieb sie (Katherina II., K. B.) in ihrem zweiten Manifest vom 22. Juli 1763, ›so finden wir unter deren die vorteilhaftesten, nützlichsten Gegenden zur Besiedelung und Bewohnung durch das menschliche Geschlecht, welche bis jetzt noch brach geliehen, darunter keine geringe Zahl, die in ihrem Inneren einen unerschöpflichen Reichtum verschiedener Metalle bergen; und weil der Wälder, Flüsse, Seen und zum Handel geeigneter Meere genug vorhanden sind, so ist auch genügend Gelegenheit geboten zur Vermehrung vieler Manufakturen, Fabriken und anderer Gewerbeanstalten.‹«23

Um die Kolonisten zu locken wurden konkrete Versprechungen gemacht:

»Freie Religionsausübungen nach den Gebräuchen der Zuwanderer, mit dem Recht, die erforderliche Zahl von Pfarrern und Kirchendienern einzustellen; Steuerfreiheit für 30 Jahre; Bereitstellung der erforderlichen Kredite, um Baumaterial, Vieh, Ackergeräte und sonstiges Material anzuschaffen; Rückzahlung dieser Kredite nach zehn Jahren zinsfrei in Raten; unentgeltliche Landzuweisung von 30 Hektar; Befreiung vom Militärdienst auf ewige Zeiten; Selbstverwaltung in den Kolonien; abgabenfreie Markttage und Jahrmärkte; freie Fahrt nach Russland sowie Tagegelder für die Dauer der Reise und das erste Halbjahr des Aufenthalts im Land.«24

Von diesem Angebot machten insbesondere die Hessen Gebrauch, da sie am stärksten unter den Folgen des Siebenjährigen Krieges zu leiden hatten, »Zwischen 1764 und 1767 wanderten rund 30.000 Kolonisten aus Hessen, Pfalz, Nordbayern und Nordbaden«25 nach Russland ein. Bezogen auf das 18. und 19. Jahrhundert verließen etwa 700.000 Menschen als Auswanderer den Westen und Südwesten Deutschlands. »Von diesen sind ca. 300.000-500.000 nach Südosteuropa und ca. 100.000 nach Russland ausgewandert, während die Auswanderung nach Amerika bei 200.000 lag.«26 Liest man die überaus profunde Arbeit von Detlef Brandes, so muss man mit Schrecken zur Kenntnis nehmen, mit wie viel Hemmnissen und Schwierigkeiten die Auswanderung verbunden war. Den Abzug eigener Untertanen ließ man nicht zu. Gesetzliche und polizeiliche Maßnahmen gegen Auswanderungswillige wurden verschärft. »Das Strafmaß für Werber, ertappte Auswanderwillige und ihre Helfer reichte bis zur Todesstrafe; Denunzianten wurden hohe Belohnungen versprochen.«27 Aber nicht nur Widerwärtigkeiten bei der Absicht zur Auswanderung traf die Menschen. Etwa 100 Jahre nach dem Manifest von Katharina wurde 1861 die Leibeigenschaft aufgehoben, womit der rechtliche Status der Kolonialisten im Zuge der Justizreform nach und nach sich veränderte. Jetzt mussten die Akten und Korrespondenzen in russischer Sprache abgefasst werden und entgegen der von Katharina verbürgten Freistellung die »Siedler-Eigentümer« schließlich doch Militärdienst leisten. Das versprochene, verlockende Kolonisationsangebot wurde dadurch immer mehr aufgeweicht, womit die kommende Unterdrückung ihre Schatten warf.

2. Verfolgt und unterdrückt durch den Marxismus- Leninismus

1991 zerbrach nach 74-jähriger Geschichte die Utopie vom Paradies auf Erden in der Sowjetunion. »Dserschinski kaputt, Kommunismus kaputt, hurra, hurra«, riefen Moskauer nach ihrem Sieg ungestraft auf offener Straße – früher wären sie dafür erschossen worden.«28

Der Kommunismus brachte in Russland an die 50 Millionen Menschen den Tod, die vermeintlich paradiesische Idee verwirklichte sich im Dämonischen für die Menschen. Statt Hilfe für die Massen der Bevölkerung bescherte ihnen der Kommunismus Elend, Hunger und vielfach nur ein Leben auf der Grundlage des Existenzminimums, das sie überleben ließ.

»Der reale Sozialismus vermochte in den Jahrzehnten seiner Existenz zum Teil kaum die einfachsten Lebensbedürfnisse seiner Untertanen zu befriedigen. Seine Fabriken waren häufig unproduktiv, seine Wohnungen verslumt, seine Schulen rückständig, seine zehntausende Kirchen und Kulturstätten zerstört und seine Krankenhäuser vernachlässigt. Als Ergebnis dieser langen Misswirtschaft ist die Umwelt heute grauenvoll verseucht, das Sozialsystem und der Lebensstandard entspricht weithin den westeuropäischen Verhältnissen am Anfang des vorigen Jahrhunderts …«29

Dabei begann alles mit einer »doppelten Lebenslüge von einer Revolution, die sich als sozialistisch bezeichnete.«30

1917 hatte der aus dem Schweizer Exil heimgekehrte Jurist Wladimir Uljanow, der sich Lenin nannte, die Macht an sich gerissen. Dabei wurde die »sozialistische Wahl von 1917« zugunsten eines kleinen Klubs träumender Intellektueller, die zu jedem Gewaltakt bereit waren, entschieden. Sie nutzten mit ihren Parolen die Sehnsucht des Volkes nach Frieden und den Wunsch nach eigenem Grund und Boden aus. »Sie eroberten die Hauptstädte, doch die überwiegende Mehrheit der Russen versagte ihnen in den anschließenden ersten freien Wahlen ihre Stimmen. Lenins Bolschewiki jagten die gewählte Volksvertretung auseinander, nahmen einen mörderischen Bürgerkrieg in Kauf und errichteten ein Terrorregime von dem sich Lenin erst kurz vor seinem Tod zu distanzieren begann«.31

Doch nach Lenin ging es für die Menschen der einstigen Sowjetunion mit dem gnadenlosen, blutigen Diktator Stalin weiter. Er industrialisierte Russland samt seinen Anrainern, auf Kosten ihres Lebensstandards und deren Grund und Lebensrechte. »Der Georgier lenkte fast alle Kräfte und Ressourcen in die Grundstoff und Schwerindustrie, für die Rüstung, weil der erste bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges einzige sozialistische Staat die Revanche aller kapitalistischen Länder zu befürchten hatte.«32 In den Zeiten besonders der Diktatoren Lenin und Stalin wurden die Russlanddeutschen unterdrückt, verfolgt und liquidiert. Auf diese Weise ist ihre Geschichte im großen Reich des Kommunismus eine bisher nur wenig bekannte und zum Teil sehr grausame Leidensgeschichte. Sie lässt sich in groben Zügen, beginnend mit dem Sieg der Truppen Hindenburgs im August 1914, als er die Russen bei Tannenberg geschlagen hatte, skizzieren.

2.1 Selbständige sozialistische Republik der Wolgadeutschen

Nach der Schlacht von Tannenberg gerieten die Russlanddeutschen unter heftigen Druck.

»Alle deutschen Schulen wurden geschlossen, und deutsche Zeitungen durften nicht mehr erscheinen. Die Liquidationsgesetze vom 13. Dezember 1915 bestimmten, dass bei allen Deutschen in einem Streifen von 100-150 km Breite östlich der Westgrenze das unbewegliche Vermögen zu enteignen und sie aus dieser Zone auszusiedeln seien. Durchgeführt wurde das Enteignungsgesetz nur in Wolhynien. Von dort wurden 50.000 Deutsche nach Sibirien deportiert, von denen die Mehrzahl während des Transportes umkam. Wegen des Ausbruchs der Revolution kam es in den anderen Siedlungsgebieten nicht mehr zur Durchführung der geplanten Reputationen. (…) Im Sinne der Proklamation des Selbstbestimmungsrechts aller Völker in Russland wurde 1918 eine autonome Arbeiterkommune an der Wolga gebildet. (…) Aus der Arbeiterkommune entstand 1924 die Autonome sozialistische Republik der Wolgadeutschen mit Engels als Hauptstadt. In anderen Gebieten wurden insgesamt 16 deutsche nationale Bezirke gegründet, unter anderem in der Kaien, in Georgien und in Aserbaidschan. (…)

Mit der Gründung der nationalen Verwaltungseinheiten wurde die jeweilige Nationalsprache auch zur Amts- und Unterrichtssprache erhoben. Da viele Russlanddeutsche in ihren geschlossenen Siedlungsgebieten kein Russisch oder Ukrainisch gelernt hatten, bedeutete dies nach den Spracherlassen des Ersten Weltkrieges einen ungeheueren Fortschritt. (…) Gleichzeitig entfaltete sich auch das kulturelle Leben. Bis Ende der 30er-Jahre konnten fünf Hochschulen und elf Fachschulen eröffnet werden. (…) Diese kurze Beute der Wolgarepublik endete mit der auf Stalins Geheiß 1928 begonnenen Zwangskollektivierung der Bauern. Besonders die Deutschen waren davon hart betroffen, da sie es zu einem gewissen Wohlstand gebracht hatten, der sie für die Partei als Kulaken-Großbauern auswies. Zehntausende wurden nach Sibirien verbannt oder getötet.«33

2.2 Hitler-Stalin-Pakt und Internierung der Russlanddeutschen

Die Welt war fassungslos, als die Nachricht vom Nichtangriffspakt zwischen Deutschland und Russland am 23. August 1939 um die Erde lief.

»Die Deutschen, die durch den Hitler-Stalin-Pakt in den sowjetischen Einflussbereich gefallen waren, wollte die Reichsregierung nicht ihrem Schicksal überlassen und schloss deshalb Umsiedlungsabkommen mit Estland, Lettland, Litauen und der Sowjetunion ab. So wurden die Baltendeutschen, die Galizien und Wolhyniendeutschen im Winter 1939/40 und im Sommer 1949 nach der Annexion durch die UDSSR die Bessarabien- und Bukowinadeutschen umgesiedelt, insgesamt rund 400.000 Menschen. Sie kamen hauptsächlich in den Reichsgau Wartheland (die ehemalige Provinz Posen) und nach Westpreußen, wo einem Teil die Höfe und Wohnungen zuvor vertriebener Polen und Juden zugewiesen wurden.«34

Der Überfall Hitlers im Juni 1941 auf die Sowjetunion veranlasste Stalin dazu, die Krimdeutschen und wenig später auch die deutsche Bevölkerung der ukrainischen Gebiete östlich des Dnjepr nach Zentralasien zu deportieren.

»Sie sollten, so wurde ihnen erklärt, aus der Gefahrenzone ins Hinterland gebracht werden. Danach wurden die Russlanddeutschen generell der Kollaboration mit dem Feind und der Verbreitung von Anschlägen bezichtigt, was den Grund für die Deportation der Deutschen aus dem Wolgagebiet lieferte, mit anschließender Auflösung ihrer autonomen Republik. Es folgte die Aussiedlung der Deutschen aus Georgien, aus Aser beidschan und 1942 aus Leningrad. Insgesamt wurden rund 800.000 Deutsche deportiert, über 400.000 lebten bereits freiwillig oder unfreiwillig im asiatischen Teil der UdSSR. Die Deportierten durften ihren Verbannungsort nicht verlassen und standen unter der Aufsicht einer Kommandantur. Die Arbeitsfähigen unter ihnen, Männer wie Frauen, wurden zur Arbeitsarmee, der ›Trudarmija‹, eingezogen. Die Verhältnisse, unter denen sie leben mussten, glichen denen eines Strafgefangenenlagers.«35

2.3 Lebenssituation nach Krieg und Deportation

Das Leben hatte sich für die Deutschen in der Sowjetunion nach Krieg und Deportation sehr geändert. Ihnen wurde noch lange nach dem Krieg Kollaboration mit den Nazis vorgeworfen, was nicht ohne schwere Diskriminierung blieb. Wurden sie aus den Zwangsarbeitslagern entlassen, so durften sie nicht in ihre Heimatorte zurückkehren. Dadurch wurden Familien auseinandergerissen und Menschen entwurzelt, deren kulturelle und soziale Identität auf das Schwerste bedroht war.

»Nach dem Besuch Konrad Adenauers in der UdSSR 1955 und langen Verhandlungen in den Jahren 195758 hatte die Sowjetunion der Aussiedlung aller Deutschen aus Ostpreußen und den Memelländem zugestimmt, die vor dem 22. Juni 1941 die deutsche Staatsangehörigkeit besessen hatten.«36

Die Handhabung von Ausreisegenehmigungen wurde sehr restriktiv vorgenommen, so dass Ausreisewillige vielen Schikanen ausgesetzt waren. Lohnkürzungen, Entlassungen vom Arbeitsplatz, Geldstrafen oder sogar zum Teil Gefängnis und Lager waren die sich zunächst abzeichnenden Folgen der Beantragung einer Ausreise. Diese Repression änderte sich allmählich mit dem Beginn der Entspannungspolitik in den 60er-Jahren, insbesondere aber durch den Besuch von Willy Brand 1970 in Moskau, wodurch die Zahl der genehmigten Ausreisen von Deutschen aus der UDSSR sprunghaft anstieg.

3. Befreit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion

»Im Sommer 1987 begannen die Zahlen deutscher Aussiedler, die aus den Staaten Ost- und Südosteuropas zu uns in die Bundesrepublik kommen, unerwartet schnell zu steigen. 1988 kamen über 200.000 Aussiedler, das ist etwa das Drei- bis Vierfache des Jahresdurchschnittes seit 1976. 1989 stieg die Zahl auf 377.000, 1990 auf knapp 400.000 Aussiedler.«37

Zum Jahresende 1992 wurde in den Massenmedien die bundesdeutsche Entscheidung über die Einwanderungspolitik von Aussiedlern verbreitet, dass die BRD bereit ist, jährlich bis zu 240.000 Aussiedler aufzunehmen. Diese Festlegung der Einwanderungszahl stieß auf sehr unterschiedliche Reaktionen. Sie reichen von Ablehnung, Verständnis bis hin zu Ignoranz. Das Problem ist zum einen die in den letzten Jahren rapide gewachsene Anzahl von Aussiedlern, deren Unterbringung, Versorgung und Integration eine soziale und finanzielle Belastung für die Gesellschaft in der BRD darstellt und zum anderen die Unkenntnis der Bevölkerung in unserem Land über das Lebensschicksal der Deutschen im Osten, insbesondere in der ehemaligen UdSSR. Hiervon habe ich bereits einiges angedeutet und mich auch auf die Russlanddeutschen beispielhaft beschränkt, wohl wissend, dass Deutsche auch in anderen Ländern Osteuropas unter ähnlich leidvollen Bedingungen lebten und zum Teil noch leben. Damit dies nicht gänzlich vernachlässigt wird, möchte ich eine Übersicht über die Anzahl der Deutschen in diesen Gebieten vor 1939 geben. Nach dieser Zeit nahm die Zahl der Deutschstämmigen allmählich ab, so dass hier eine in etwa »maximale« Zahlengröße vorliegt,die einen Eindruck von der Vielzahl der Deutschen in diesen Gebieten zu geben vermag.

»Vor 1939 lebten in den deutschen Ostprovinzen Schlesien, Ostbrandenburg, Pommern und Ostpreußen rund 9, 5 Millionen Menschen, davon waren äußerstenfalls eine halbe Million nicht als Deutsche anzusehen. Außerhalb der Reichsgrenzen lebten in Osteuropa weitere 8, 6 Millionen Deutsche, nämlich rund

16.000 in Estland,

62.000 in Lettland,

45.000 in Litauen,

80.000 im Memelgebiet,

400.000 in der Freien Stadt Danzig,

1.150.000 in Polen,

3.480.000 in der Tschechoslowakei,

600.000 in Ungarn,

750.000 in Rumänien,

550.000 in Jugoslawien,

1.500.000 in der Sowjetunion,

also 8.633.000 insgesamt.«38

Ist der Ausreiseantrag dann genehmigt, beginnt der Weg ins ersehnte, und für viele dann doch so fremde Deutschland Kommen sie an der Grenze der Bundesrepublik an, so nehmen sie folgenden Weg:

Meldung und Registrierung in einem Durchgangslager

(Nürnberg, Friedland, Osnabrück, Unna-Massen, Gießen oder Berlin). Da die Kapazitäten der Lager bis an die Grenzen und darüber hinaus ausgelastet sind, ist das Leben mit bis zu 16 Personen in einem Raum in der Regel sehr belastend. Neben der Registrierung werden ein Röntgentest, ein Sprachtest, die Meldung beim Arbeitsamt und Kleiderausgaben durchgeführt. Ist all dies abgeschlossen, dann geht es weiter.

Einweisung in ein Bundesland

der BRD. Waren hier früher Wünsche der Aussiedler, etwa in ein Bundesland zu kommen, in dem Verwandte lebten, berücksichtigt worden, so ist dies jetzt nicht mehr ohne weiteres möglich. Jetzt werden häufig einzelne Länder zugeteilt. Wer damit nicht einverstanden ist, verliert alle Unterstützung.

Leben in Übergangswohnheimen

in den jeweiligen Bundesländern. Aus dem eigentlich beabsichtigten Übergang werden für etliche einige Jahre ihres Lebens in den Wohnheimen. Bedingt durch die allgemeine Wohnungsnot trifft es sie hier hart. Die persönlichen Einschränkungen sind groß, so dass sich der Traum von der neuen Heimat zu einem bösen entfaltet.

In diese Zeit fallen jetzt viele Behördengänge und die Teilnahme an Sprachkursen. Bedingt durch die beengende Wohnsituation ist das Lernen erschwert. Hinzu kommen Probleme in dem konkreten Umgang mit den Strukturen der neuen Gesellschaft.

»Zu verschieden sind die Entwicklungen in Ost und West verlaufen, als dass sie sich ohne weiteres an ganz veränderte Strukturen, Denk- und Verhaltensmuster anpassen könnten. Das beginnt schon in den Sprachkursen, die die Frauen nur besuchen dürfen, wenn sie eine Aufsicht für ihre Kinder nachweisen können.

Da Babytagesstätten bei uns noch kaum vorhanden und Plätze in Kindergärten äußerst knapp sind, haben sie oft keine Möglichkeit an einem Sprachkurs teilzunehmen oder arbeiten wie in den Herkunftsländern. Von ihrem Heimatstaat sind sie gewohnt, dass er ihnen die Sorge um die Unterbringung ihrer Kinder abnimmt. Selbstständigkeit und Eigeninitiative, die in unserer Leistungs- und Ellenbogengesellschaft gefragt sind, haben sie nicht gelernt. Sie waren gewöhnt, dass Entscheidungen von oben getroffen werden, dass das private wie berufliche Leben stark reglementiert war und dass eigenständiges Handeln zu Problemen führte.«39 Schwierigkeiten haben Aussiedler ferner mit dem in unserer Gesellschaft herrschenden Meinungspluralismus. Die eigene Meinung offen zu sagen fällt ihnen schwer, da sie hierfür in ihren Herkunftsländern bestraft wurden.

Hinzu kommt das Problem, dass sie von den etablierten Bundesbürgern nicht genug beachtet werden.

»73 Prozent der Bundesdeutschen haben überhaupt keinen Kontakt mit Aussiedlern, und nur 17 Prozent meinen, dass ihre Ankunft in der Bundesrepublik eine gute Sache wäre.«40

Ferner ist das Wohnsystem der Aussiedler für viele Bundesbürger antiquiert und überholt. Sie haben ein positives Deutschlandbild und schätzen Heimat, Vaterland und Gemeinschaft. Vielen Bundesbürgern sind diese Werte nicht mehr zugänglich.

»Auch im hiesigen Kirchenleben vermissen Aussiedler die mangelnde Wärme und Gemeinschaft. Ihre Frömmigkeitsformen in den Herkunftsländern waren weit intensiver und persönlicher. Besonders in Russland war die Gemeinde sich oft Trost und Stütze in schwierigen äußeren Umständen, oft pflegte man gemeinsam für ein Problem einzelner Gemeindeglieder zu beten. Hier dagegen bleibt auch die Betreuung durch die karitativen Organisationen nur auf den beruflichen Kontakt beschränkt.

So führen Aussiedler in der Bundesrepublik weitgehend wieder nur ein Ghettodasein, wie sie es zum Teil schon in ihren Herkunftsländern führten. Hinzu kommt, dass durch die bedrängende Situation in den Wohnheimen auch die Abkapselung der einzelnen Gruppen begünstigt wird. Rumänen sehen auf die Russlanddeutschen und Polen herab, die sich beklagen, obwohl bei ihnen doch weitaus erträglichere Lebensumstände herrschen als in Rumänien. Russlanddeutsche erkennen Aussiedler aus Polen nicht als richtige Deutsche an. Alle gemeinsam verbindet die Abneigung gegen die Übersiedler aus der DDR, die sie als arrogant und anspruchsvoll empfinden, und deren Beweggründe zur Übersiedlung sie bei dem vergleichsweise hohen Lebensstandard in der DDR nicht verstehen.«41

Bedenkt man all diese Probleme, die sich im Einzelnen noch vermehren, etwa durch die vielen Fallen der Wohlstandsgesellschaft, so wird einem mehr denn je bewusst, wie Begegnung nottut und Information über die Situation des anderen zum Abbau gegenseitiger Vorurteile wichtig ist.

In dem Buch von Barbara Malchow, Keyumars Tayebi und Ulrike Brand mit dem Titel »Die fremden Deutschen –Aussiedler in der Bundesrepublik«, aus dem ich schon wichtige Passagen zitiert habe, ist nachzulesen, wie Bundesbürger auf Aussiedler reagieren und wie Aussiedler von ihrem Leben berichten. Dabei wird von ihren Lebensberichten eines ganz deutlich:

»Jede Nation muss in ihr Land« und »Hier bin ich irgendwie fremd«. In diesem Spannungsbogen liegen Hoffnungen und Frustrationen, berechtigte Lebensansprüche und Erlebnisse der Ablehnung dicht beieinander. Ich empfehle sehr diese Berichte nachzulesen.

Um eine erste Brücke zur Begegnung zu bauen ist es hilfreich der Frage nachzugehen, warum die Bundesrepublik Eingliederungshilfen für Aussiedler gewährt. Häufig sind arbeitslose Bundesbürger, Kleinrentner und Menschen, die sich in schweren sozialen Situationen befinden sprachlos darüber, dass ihr Staat für die »Fremden Deutschen« so viel materielle Hilfe zur Verfügung stellt und an ihnen vorbei geht.

Zwei Fakten helfen, die Argumentation zu versachlichen und aufbrausende Gefühle abebben zu lassen.

In der Bundesrepublik Deutschland kann nur der als Aussiedler anerkannt werden, »wer nachweislich entweder deutscher Staatsangehöriger oder Volkszugehöriger ist, wobei die Mitaufnahme fremdländischer Ehegatten aufgrund des vom Gesetz gebotenen Schutzes von Ehe und Familie erfolgt.«

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»Die Aussiedler sind jedoch nicht nur Deutsche wie wir, sondern sie haben aufgrund dieser Tatsache unter den Folgen des Zweiten Weltkrieges weit mehr zu leiden und für Hitlers Verbrechen ungleich härter büßen müssen als die meisten Westdeutschen. (…) In allen Ostblockländern haben die nichtgeflohenen bzw. vertriebenen Deutschen bis zum heutigen Tag keine oder unzureichende Volksgruppenrechte, werden sie noch in ihren Kinder und Enkeln oft genug aus dem einzigen Grunde diskriminiert, dass sie Deutsche sind. Insbesondere beinhaltet dies die Unterdrückung der deutschen Sprache und Kultur.«

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Die gesetzliche Grundlage für die Eingliederungshilfe der Deutschen Aussiedler bilden das Bundesvertriebenen und Flüchtlingsgesetz (BVFG), das Lastenausgleichsgesetzt (LAG) und die Eingliederungsprogramme der Bundesregierung von 1976 und 1988.

Neben den Leistungen, die allen Bundesbürgern als Teilnehmer der Gesellschaft in der BRD zustehen, wie:

Rentenversicherung,

Arbeitslosenversicherung,

Krankenversicherung und Sozialhilfe,

stehen folgende Leistungen für Aussiedler zur Verfügung:

Leistungen aus dem Lastenausgleichsgesetz, die Hauptentschädigung von Immobilien, Kapital und Wirtschaftsgütern berücksichtigt. Weiter die Kriegsschadensrente, die Kriegsgefangenenentschädigung, die Häftlingsentschädigung (letztlich auch diskutiert für Bürger der ehemaligen DDR) und die Hausratsentschädigung.

Sonstige Leistungen, diese reichen von der Unterbringung über die Förderung des Wohnbaus über ein Einrichtungsdarlehen bis hin zu Sprachkursen, Akademiker-Programmen etc.

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Berücksichtigen wir alle diese Leistungen, so wird bei zunehmenden sozialen Problemen in der BRD schnell verständlich, warum Neid und Hass immer mehr um sich greifen. Berechtigte Hilfen für Aussiedler sind durch diese Leistungen sicher gestellt. Nun ist es wichtig, auch jene zu beachten, die immer schon in der BRD lebten und ihrerseits auch die Hilfe des Staates benötigen, um Wohnung, Essen und Kleidung und ein die Persönlichkeit forderndes Leben führen zu können. In Zeiten des abnehmenden wirtschaftlichen Mehrwertes ist wieder neu Solidarität der Einzelnen gefragt. So sind Leistungskürzungen im Kontext derzeitiger rezessiver Tendenzen auch für Aussiedler zu erweitern. Nicht der Vergleich der verschiedenen Gruppen, Schichten, Nationalitäten und Organisationen in unserer Gesellschaft ist heute gefragt, sondern die gegenseitige Begegnung und Bereitschaft, sich mit der Lebenssituation des anderen auseinanderzusetzen.

Darüber hinaus sollten wir dem Problem so begegnen, dass wir in unseren Herzen die Bereitschaft aufbringen, es zu lösen. Zum Beispiel durch die Bereitschaft, Deutschen in Deutschland eine Heimat zu gewähren.

4. Auf der Suche nach einer neuen Heimat

Während eines Wochenendseminars, an dem auch ein Russlanddeutscher/Aussiedler teilnahm, fand ich Gelegenheit in ein ausführliches Gespräch mit ihm zu kommen. In seiner Lebensgeschichte kam immer wieder durch, dass er und seine Familie keine Heimat hatten. Ständiger Wohnortwechsel im riesigen Land der ehemaligen Sowjetunion verhinderte das »Wurzelschlagen«, so dass eine Heimat mit all dem, was dazu gehört, für ihn und die Seinen nicht erfahrbar werden konnte. Entsprechend groß ist jetzt bei ihm das Verlangen, in der Bundesrepublik, in Deutschland als Deutscher Heimat zu finden.

In einem Gedicht von Irmgard Holdt wird die ganze Identitätsproblematik der Aussiedler im Kontext ihrer Lebensgeschichte und der ihrer Familien deutlich. Sie schreibt unter dem Titel: Wer bin ich? –

»Auslandsdeutscher, Volksdeutscher, Russlanddeutscher, Sowjetdeutscher, Deutschstämmiger Sowjetbürger, Deutschrusse auch. Was noch? Doch, doch, ja noch: Hier Aussiedler, da Umsiedler, Emigrant und Einwanderer, verschleppter Häftling noch dazu, aus dem Gewahrsam fremden Staates schließlich freigegeben, russischer Bürger deutscher Zunge, ein fremder Deutscher; Vertriebener und Flüchtling – Ausgewiesen, eingewiesen – integriert und angepasst! Was will man denn von mir? Was macht man hier mit mir? Was müssen diese Etiketten denn feststellen und bestimmen? Merkmale sind es, die mein Schicksal zeichnen und festnageln für immer! Entscheidungen der hohen Politik sind das, Maßnahmen von Behörden! Was soll diese Distanz bewirken? Warum nimmt man mich nicht auf? Heimkehrer bin ich doch ein Deutscher, weiter nichts! Ein Deutscher, der den ganzen Hass, die Rache gegen Deutschland Stellvertretend fühlen, tragen und erdulden musste. Als Sklaven hungernd, kaum dem Tod entronnen sind meine Eltern – Beschinhft, zurückgesetzt in Schulen und Beruf Riss ich mich los! Die ganze Jugend, die ihre Ängste überwand, sie drängt zurück zur alten Heimat kost’ es, was es wolle! Nur wenigen gelingt’s ans Ziel zu kommen. Nun bin ich da! Und danke, danke, danke! Wer bin ich jetzt? Kein fremder Gast, der irgendwann zurück will, sondern euer Landsmann, der endlich nun daheim ist, und in den Kirchenbüchern den Namen seiner Ahnen sucht, die einst wegen des Vaterlandes Not gezwungen waren auszuwandern!«45

Setzt die Heimat für uns Menschen nicht die Kraft frei, so dass wir uns finden und uns als Menschen einer bestimmten Nation, mit entsprechender Sprache, Kultur und Sitte definieren können? Daheim zu sein heißt doch auch, zur Ruhe zu kommen, Geborgenheit, Sicherheit, Vertrauen und Gelassenheit entfalten zu können. Das Wesen der Heimat scheint in den letzten Jahren wieder verstärkt auch anthropologisch an Bedeutung zu gewinnen. Heimatvereine, Heimatfilme, wie etwa der mit dem Titel »Heimat«46, Bücher über Lebensverhältnisse in ganz konkret erfahrener Heimat, auch in widriger Zeit, wie etwa der Bestseller der kürzlich verstorbenen, 73-jährigen Anna Wiemschneider, mit dem Titel »Herbstmilch«47 überraschen in der Resonanz bei ihren Rezipienten. Haben wir nicht alle Sehnsucht nach unserer Heimat? »Ist es vielleicht so, dass Heimat erst wirklich versteht, wer sie verlor und aus der Fremde im Heimweh zurückschaut?«48

Heimat, Volk und Vaterland – Themenkomplexe an denen auch ich, 1954 geboren und mit der Identität Deutscher zu sein, mehr problembeladen als froh und stolz zu leben, mich abmühe: intellektuell, emotional und religiös. Heimat, so viel durfte ich seit meinem »Wurzelschlagen« in Lemgo, wo ich seit 17 Jahren lebe, begreifen und verstehen, ist mir ganz wichtig geworden. In meiner Heimat kenne ich mich aus. Umgebung, Klima, Menschen und Verhältnisse, bis hin zu den Besonderheiten, sind mir vertraut. Ich bin hier Zuhause, einheimisch, nicht fremd. Das Bewusstsein von Heimischsein ist fundamental für die Entfaltung einer Persönlichkeit. Wenn wir dies so feststellen, müssen wir dieses Faktum dann nicht allen Menschen zugestehen? Erwächst aus dem Erleben von Heimat nicht die Verpflichtung, auch anderen Menschen Heimat zu gewähren und Heimat zu schaffen? Wie groß die Unsicherheit ist, wenn man sich in einem fremden Land, mit fremder Sprache, Kultur und Sitte nicht angenommen fühlt und wie verunsichert man dann ist, sollte Motiv und Anlass in gleicher Weise sein, Fremden zu helfen im eigenen Land und überhaupt.

Demnach haben wir einheimischen Deutschen die Pflicht, jenen Deutschen, die in Deutschland ihre Heimat sehen, eine Chance zu geben, dies auch für sich zu erfahren. Andererseits sind die Aussiedler aufgefordert, sich in der heute in Deutschland anzutreffenden Kultur und Sitte so zu integrieren, dass von ihnen als Mitglieder der Gesellschaft gesprochen werden kann. Das bedeutet nicht, dass sie ihren Glauben aufgeben müssten, weil Deutschland insgesamt säkularer geworden ist. Das bedeutet nicht, dass sie ihre ethischen und kulturellen Ansichten aufgeben müssen, um jeden Preis, nein! Im Gegenteil: sie sind gefordert ihre Werte, ihre Kultur, ihre Lebensauffassung in den Prozess gesellschaftlicher Diskussionen einzubringen. Auch hier ist Begegnung, Austausch und gegenseitige Achtung gefordert, wenn ein gemeinsames Miteinander gelingen soll. Demnach sind Vorurteile auf beiden Seiten, bei den Aussiedlern und den »Einheimischen« durch offenen Informationsaustausch abzubauen. Der Wille zur Integration ist von den Aussiedlern und der Wille zur Annahme von den »Einheimischen« zu fordern.

Aussiedler müssen, teilweise sicher auch schmerzlich, zur Kenntnis nehmen, dass im Westen und das heißt auch in der Bundesrepublik Deutschland »Das Ende der Gemütlichkeit« eingesetzt hat. Auch der kapitalistische Westen leidet zunehmend an seiner überzogenen Arroganz, seinem allzu selbstsicheren Aufstreben und fühlt sich von den »Geistern« Fortschritt, Macht, Glück und Erfolg verlassen. Er lebt zwar noch, zeigt aber schon deutliche Anzeichen seiner Schwächen, so dass er zur Zeit vieler Hilfen und Stützen bedarf, um selbst zu überleben. In seiner sehr aufschlussreichen Zeitbilanz mit dem Titel: »Das Ende der Gemütlichkeit. Eine Bilanz der Krise unserer Zeit«49 zeigt Heleno Sana sehr faktenkundig, wie es um die Gesellschaft im Westen der Welt bestellt ist. Drei Zitate sollen uns einen kleinen Einblick geben, wie es um uns bestellt ist. Darüber hinaus empfehle ich meinen Lesern sehr, Heleno Sanas Buch zu lesen – besonders den Aussiedlern, damit sie sich keine falschen Hoffnungen vom angeblich »goldenen Westen« machen. Schließlich endet der Tanz ums goldene Kalb immer im Gericht über jene, die selbstgeschaffene Götter statt Gott anbeten. Doch hören wir Heleno Sana zu:

a) »Das ›In-der-Welt-Sein‹ wird für den größten Teil der Menschheit zunehmend zu einer Hölle. Selbst jene privilegierte Minderheit, die vordergründig die Chance besitzt, ein halbwegs erfülltes Dasein zu führen, lebt längst in einem Zustand tiefen Unbehagens, als ahnte sie, dass auch für sie der ›point of no return‹ näher rückt. Ja, selbst die Saturierten und Mächtigen müssen am eigenen Leib die erbarmungslose Härte des von ihnen verwalteten Weltglanzes spüren. Die Zivilisation, nicht die Revolution frisst ihre Kinder. Der Mensch sieht sich zunehmend außerstande, mit der Welt fertig zu werden, die er in den letzten Jahrhunderten mit Hilfe der Technik und der Wissenschaft gebaut hat.«50

Die Auswirkungen der Oktoberrevolution haben die Aussiedler unmittelbar innerhalb ihrer Familien miterlebt. Sie mussten das Gefressenwerden durch die Revolution grauenvoll erleben, ertragen und erdulden. Hat man ihnen gesagt, das im Westen die selbstgerechte, angeblich humane Zivilisation ihre Kinder frisst und ihren Tribut von uns fordert? Die »Hölle« zeigt sich durch die von uns Menschen verursachten Umweltkatastrophen unmittelbar. Während ich diese Zeilen schreibe, ist ein mit 85.000 Tonnen Rohöl beladener Frachter an den Shetland-Inseln aufgelaufen. Die »Hölle« für tausende von Tieren und Pflanzen bricht sich Bahn, schmierig, schwarz, klebrig unheilvoll.

b) »Der Zustand der Welt ist in allen wesentlichen Bereichen hoch prekär geworden. Wohin man schaut, stößt man auf eine immer dramatischer werdende Fülle von ungelösten Problemen, irrationalen Erscheinungen, Auflösungssymptomen und Anomalien aller Art. Und was noch besorgniserregender ist: Mit der Zunahme der Probleme wächst zugleich die Unfähigkeit, sie unter Kontrolle zu bringen oder sie gar aus der Welt zu schaffen. Daher auch die Atmosphäre von Panik und Endzeitstimmung, die sich zunehmend ausbreitet. Um die gegenwärtige Weltkrise überhaupt verstehen zu können, müssen wir uns klar darüber werden, dass es sich keineswegs um eine vorübergehende Krise handelt, um eine, die die Legitimität und Funktionsfähigkeit der in der Welt waltenden Systeme, Ideologien und Institutionen nicht in Frage stellt, wie die Macht und Interessengruppen aus zweckmäßigen Gründen immer wieder beschwichtigend behaupten. Im Gegensatz zu dieser apologetischen Auslegung gehe ich von der Voraussetzung aus, dass die in der Welt herrschenden Verhältnisse den ureigensten Kern unserer Zivilisation treffen. Was auf dem Spiel steht, ist nicht dieser oder jener Teilaspekt des modernen Lebens, sondern das eigentliche Fundament des industriellen und nachindustriellen Zeitalters. Es gibt eine Krise der Gesellschaft und der Zivilisation, weil es eine Krise der Menschen gibt …«.51

Sicher, die von Sano angesprochene Krise ist eine weltweite. Dennoch trifft sie jene ungleich härter, die glaubten, nach dem Zusammenbruch des Kommunismus nun endlich die Befreiung durch die westliche Zivilisation erleben zu können. Auch in ihr ist nicht alles Gold, was glänzt! Auch in ihr leben Menschen, die korrupt, egoistisch, brutal und lebensbedrohlich sind. All dies hängt im Tiefsten damit zusammen, dass der Mensch selbst in eine radikale Krise gekommen ist. Da er ideologischen Welt und Menschenbildern mehr folgte als seinem Schöpfer und dessen Wort, wurde er von den Folgen dieser Irrtümer um sein Lebensglück gebracht.52 Seitdem der Mensch sich anbetet ist er sich gleichzeitig selbst der Fragwürdigste geworden. Dies gilt in Sonderheit durch den Indizienbeweis, wie er in der jüngsten Zeitgeschichte nachzuvollziehen ist.

Demnach nehmen für Aussiedler die Lebensprobleme im Westen, auch in der Bundesrepublik, nicht ab. Sie verlagern sich lediglich auf eine andere Ebene. Auch das muss man wissen, wenn man nach Deutschland kommt. Sicher, hier darf man auf die Einhaltung der Gesetze bauen und hilfreiche, solidarische Unterstützung erfahren (vgl. die Leistungen für Aussiedler). Doch auch hier wird der Lebensentwurf, die Lebensüberzeugung bedroht.

»Die Krise, mit der die Menschheit ringt, ist dualer Natur, hat eine objektive und eine subjektive Dimension. Einerseits gibt es eine Krise der politischen Institutionen, der Produktionsweisen, der technischen Instrumente und des gesellschaftlichen Lebens, andererseits eine Krise des menschlichen Bewusstseins, der kulturellen, geistigen und sittlichen Werte. Obwohl sie auf verschiedene Weise zutage treten, bilden beide eine geschlossene, sich gegenseitig bedingende Einheit. Man kann daher nicht über die wirtschaftlichen Probleme sprechen, ohne die moralischen mit einzubeziehen.«53

Ja, auch die Moral, die Sitte, das Ethos, will sagen der höchste moralische Wert oder das moralische Bewusstsein des Menschen, hat, gemessen an dem, was die Reformation mit ihrem Rückbezug auf die Bibel uns Deutschen schenkte, gewaltig gelitten. Die Unverbindlichkeit und Beliebigkeit findet heute vielfach ihre Anhänger, während hingegen das Verbindende, die Verbindlichkeit und Pflicht unbeachtet bleibt. Wen stört bei seinem Handeln schon noch das Wort Gottes, etwa hier die Zehn Gebote, so dass sie diesem Einhalt oder Umkehr geböten? Da wird es schwer sich zurecht zu finden, wenn man meint die Gesellschaft in der Bundesrepublik wäre in ihren moralischen Fundamenten Gottes Geboten verpflichtet. Im gesellschaftlichen Bewusstsein einer radikalen Pluralität ist dieses Fundament aufgelöst worden. Heinz Zähmt schreibt hierzu:

»Mit ihr (der radikalen Pluralität K. B.) hat ein entscheidender Wandel im Verhältnis des Menschen zur Wahrheit stattgefunden. Bis dahin war die Wahrheit wie ein Schicksal, das über den Menschen verhängt wurde, entweder in der Horizontalen von den Vätern überkommen oder in der Vertikalen von Gott beschieden, oft genug beides in einem. (…) Jetzt wird die Wahrheit zur Wahl gestellt die eine Vernunft realisiert sich in unterschiedlichen Rationalitäten. Es bleibt dem Einzelnen überlassen, welche Wahrheit er für sich wählen, für welche Religion er sich entscheiden, in welchen weltanschaulichen Rahmen er denken und handeln, auf welchem Boden er Recht und Moral gründen will. Die Schattenseite der Pluralität ist die Gefahr der Beliebigkeit. Damit droht das individuelle wie gesellschaftliche Leben unverbindlich und beziehungslos zu werden. Wahr ist, was nützt, und moralisch erlaubt, was sich juristisch durchsetzen lässt. (…) An die Stelle der Verbindlichkeit ist die Befindlichkeit getreten; an die Stelle des Strebens nach dem größtmöglichen Glück der größtmöglichen Zahl die Niederjagd nach dem kleinen Glück im privaten Winkel: ›Hast du was, dann bist du was.‹ Darum: ›Lasst uns so viel wie möglich leisten, damit wir uns möglichst viel leisten können!‹«54

Im Strudel der Pluralität, auch der der Werte, ist es ganz wichtig, die eigene Moral nicht für ein »Linsengericht« zu verkaufen.

II. Asylantenproblem

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe.

III. Multi-Kulti-Utopie

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IV. Gefahr der Ignoranz – Gründe und Folgen

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V. Problemlösungsansatz: Begegnung

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Anmerkungen

1Marlies Prigge, Die neuen Nazis greifen an. In: Stern, Nr. 47,1992, S. 89-98, S. 93.

2 Hrsg.: Ökumenischer Vorbereitungsausschuss zur Woche ausländischer Mitbürger, Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Arbeitskreis gegen Fremdenfeindlichkeit für Weltoffenheit und inneren Frieden in den neuen Bundesländern, August 1992, S. 1.

3 Ulrich Beck, Biedermänner und Brandstifter. In: Der Spiegel, Nr. 46, 1992, S. 36.

4 Rolf Seiter, Komm heraus aus deiner Ecke, Traktat, Reutlingen 4, 1992, S. ff.

5 Heinrich Jaenecke, Der Feind steht rechts immer noch. In: Stern, Nr 47, 1992, S. 91.

6 Heinrich Thies, »Bei Hitler hätten sie mich vergast«. Übergriffe von Jugendlichen auf Behinderte häufen sich. In: HAZ, 15.10.1992.

7 Wie Anm. 5, S. 91.

8 Markus 7, 21-23.

9 Vgl zum Thema Europa:

a) Herbert Gruhl, Himmelfahrt ins Nichts. Der geplünderte Planet vor dem Ende, München 1992, S. 234 ff;

b) Gottfried Küenzlen, Europa nach 1989. In: Materialdienst der EZW, 56. Jg, 1. Juli 1993, S. 204207.

c) Walter Laqueur, Europa auf dem Weg zur Weltmacht. 19451992, München 1992;

d) H.P. Medema, Europa. Der Alptraum von einem Supermarkt, Bielefeld 1992;

e) Hans Steinacker (Hrsg.), AkzenteAlmenach 1993 Europa Moers 1992;

f) Universitas. Zeitschrift für interdisziplinäre Wissenschaft. 47 Jg., Oktober 1992, Nummer 556: Woher kommt und wohin geht Europa?, S. 927970;

g) Erich Wiedemann, Die Ängste der Welt, Berlin 1992, S. 4364.

10 Werner Weidenfeld, Josef Janning, Schöpferische Vielfalt oder zerstörerischer Herrschaftswille. In: FAZ, vom 15.04.1992, S. 8.

11 Ebd.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Klaus Berger, Angst verstehen und überwinden, 2/ Wuppertal

1993.

15 Waltraud Anna Mitgutsch, Ausgrenzung, Frankfurt am Main 1989.

16 Vgl. Matthäus 5, 4244.

17 Jesus sagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst …«

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