Auf der Schwelle ins 3. Jahrtausend - Klaus Rudolf Berger - E-Book

Auf der Schwelle ins 3. Jahrtausend E-Book

Klaus Rudolf Berger

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Beschreibung

Wo bist du, Mensch, wenn du auf der Schwelle im dritten Jahrtausend erscheinst? Zehn Markierungen (geschichtlich, ethisch, philosophisch, religiös, bildungspolitisch, wissenschaftlich-technisch, wirtschaftlich-ökonomisch, strukturell, politisch und europäisch) sollen zum Nach- und Umdenken in der Positionierung des Menschen führen. Die erlebten Enttäuschungen (ideologisch gefärbt: Individualismus, Pluralismus, Liberalismus, Kapitalismus und Psychologismus etc.) können helfen, von Täuschungen befreit, neue Wege für das Miteinander zwischen Menschen und zwischen Mensch und Gott zu führen. Doch überwinden wir die Bequemlichkeit und Verführbarkeit ohne Läuterungsprozesse (Krisen, Verluste etc.)? Wie finden wir wieder zu einem menschenwürdigen und gottwohlgefälligen Leben? Diesen Fragen versucht die Positionierung des Menschen mit Nachdenklichkeit und dem Appell zur Umkehr nach zu kommen.

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Auf der Schwelle ins 3. Jahrtausend

Mensch, wo bist du?

Klaus R. Berger

Impressum

© 2017 Folgen Verlag, Langerwehe

Cover: Caspar Kaufmann

Autor: Klaus R. Berger

ISBN: 978-3-95893-044-5

Verlags-Seite: www.folgenverlag.de

Kontakt: [email protected]

Dieses eBook darf ausschließlich auf einem Endgerät (Computer, eReader, etc.) des jeweiligen Kunden verwendet werden, der das eBook selbst, im von uns autorisierten eBook-Shop, gekauft hat. Jede Weitergabe an andere Personen entspricht nicht mehr der von uns erlaubten Nutzung, ist strafbar und schadet dem Autor und dem Verlagswesen.

Das eBook Auf der Schwelle ins 3. Jahrtausend ist als Buch erstmals 2000 erschienen. Statistiken und zeitabhängige Angaben beziehen sich daher auf diese Zeit.

Mensch, wo bist du»Was geschieht, das ist schon längst gewesen, und was sein wird,ist auch schon längst gewesen; und Gott holt wieder hervor, wasvergangen ist.«PREDIGER 3, 15

»Wohl den Menschen, die dich für ihre Stärke haltenund von Herzen dir nachwandeln!« PSALM 84, 6

Inhalt

Titelblatt

Impressum

Widmung

VORWORT

1. ZEHN MARKIERUNGEN

Erste Markierung: (1900-1999) – Last oder Chance?

Zweite Markierung: Ethik quo vadis?

Dritte Markierung: Individuelle Lebensphilosophie und gemeinsam leben?

Vierte Markierung: Religiosität/Spiritualität und Gott im Abseits

Fünfte Markierung: Bildungsnotstand trotz Massenmedien und Informationstechnologie

Sechste Markierung: Hoffnung und Vertrauen in Wissenschaft und Technik

Siebte Markierung: Kapital und Markt total

Achte Markierung: Gesellschaftlicher, ökologischer und multikultureller Strukturwandel

Neunte Markierung: Auf der Suche nach kompetenter Politik

Zehnte Markierung: Europa vor gewaltigen Herausforderungen

2. ENT-TÄUSCHUNGEN

Erste Täuschung: Nie wieder Krieg!

Zweite Täuschung: Ideologien als neue Götter

Dritte Täuschung: Chancengleichheit

Vierte Täuschung: Bagatellisierung des Bösen

Fünfte Täuschung: Gott ist unwichtig

3. LÄUTERUNGEN UND LÄUTERUNGSPROZESSE

Verlusterfahrungen und ihre Folgen

Krisen – Chancen zum Neubeginn

Gottesfinsternis und der Schrei nach Errettung

Unsere Empfehlungen

VORWORT

Wer in Illusionen lebt, befindet sich entweder in einer Einbildung oder in Selbsttäuschung. Am Ende des 20. Jahrhunderts, auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend, muss man als wacher Zeitzeuge den Eindruck gewinnen, das die Menschheit in vielen Selbsttäuschungen lebt. Sie meint aus der Geschichte gelernt zu haben und muss leider radikal feststellen, dass dies nicht zutrifft. Die Hoffnung, ausgedrückt in der Parole: »Nie wieder Krieg!«, wurde am 24. März 1999 jäh zerstört. Und so ist vieles ganz anders geworden oder zur Zeit dabei, sich ganz anders zu entwickeln, als wir uns das nach unseren Wünschen, Philosophien, Konzepten und den damit verbundenen Erwartungen vorgestellt haben.

Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus1 ist zwar der Kalte Krieg beendet worden, doch mit ihm nicht die nackte, rohe und brutale Gewalt.2 Menschen gehen nach wie vor rücksichtslos miteinander um. In Völkern, Ehen, Familien, an Arbeitsplätzen und im Wettstreit um den rechten Glauben, die einzige Wahrheit, kocht und brodelt es unter den Menschen auf der Schwelle des dritten Jahrtausends.

Können wir unsere humanistischen, philosophischen, ethischen, technischen und kulturellen Überzeugungen im 21. Jahrhundert verwirklichen oder wächst in ihm alles heran, was zuvor gesät wurde (»… was der Mensch sät, das wird er ernten«3)? Wenn ja, dann wird uns das 21. Jahrhundert total desillusionieren und uns in Radikalität die Offenbarung menschlicher Selbstanmaßung bewusst werden lassen, wie wir es noch nicht erlebt haben.

Nie zuvor hatten wir weltweit die Möglichkeit der umfassenden Information und Manipulation wie zur Zeit. Nie zuvor ist der Versuch unternommen worden, alles und jedes miteinander zu verknüpfen und den Menschen der Zeit zugänglich zu machen. Das neue Medium Internet ermöglicht uns das. Durch die Informationsflut und die moderne Technik der Mobilität ausgelöste Beschleunigung4 rasen wir durch die Tage, Wochen und Jahre. Dabei wird unsere biologische »Maschine« über alle Maßen belastet, weil sie täglich am Rande ihrer Möglichkeiten »arbeiten« muss.5 Die mit der Informationsgeschwindigkeit und der Mobilität sich einstellende Hektik entwickelt eine permanente Unruhe, so dass wir nicht mehr zur Ruhe finden. Neben Schlafstörungen, steigender Konzentrationsprobleme und zunehmend individualisierter Lebensweise, breitet sich Orientierungslosigkeit aus, die in ihrer Wirkung auf das Gemeinwohl unserer Gesellschaft fatale Folgen hat. Neben dem Verlust der Scham6 entsteht eine Enttabuisierung, in deren Gefolgschaft die Werte des Miteinanders, wie sie etwa durch den Dekalog (Zehn Gebote Gottes an sein Volk, vgl. 2. Mose 20, 1-17) fundiert und in gewissem Maße in den Verfassungen der europäischen Staaten teilweise noch enthalten sind, verloren gehen.

Die vagabundierende Religiosität, die zunehmende Bildungs-müdigkeit und die spontane Bereitschaft vieler Zeitgenossen, sich im Strom der Moden und Trends7 treiben zu lassen, lässt eine Ethik, geschweige denn einen ethischen Diskurs, in unserer Gesellschaft zunehmend verstummen.

Zu all dem gesellt sich der »Tanz ums goldene Kalb« in Gestalt des »Turbo«-Kapitalismus8, bei dem die Tanzenden meinen, im Rausch des Kaufens und Verkaufens den verlorenen Sinn ihres Lebens überspielen zu können.9

Während Wissenschaft und Technik im Selbstbewusstsein grenzenloser Möglichkeiten voranschreiten, bleiben mittlerweile ihre Spuren in der beschädigten Ökologie sichtbar zurück. Wie muss es da bei jenen bestellt sein, die im Auftrag ihres politischen Mandats versuchen, dem Chaos zu wehren und Perspektiven für ein menschenwürdiges 21. Jahrhundert zu finden?

Müssen wir nach dieser groben, rücksichtslosen Diagnose auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend sagen: »Mach's gut, Mensch«!?10 Oder müssen wir in Panik geraten, weil der Mensch und seine Welt sich gravierend verändert haben und damit zu erkennen geben, wie hilfs- und erlösungsbedürftig sie sind?

Schon fragen die Journalisten von der Wochenzeitung »DIE ZEIT«, wer nach dem Menschen, dem Homo sapiens, kommt. Dabei gehen sie von der These aus: »Der Mensch wird ein anderer – vernetzt und gentechnisch verwandelt, umgeben von virtuellen Welten und autonomen Robotern. Allmählich baut er sich selbst um. ,Gestatten', wird irgendwann im kommenden Millennium ein neues Wesen sagen, ,ich bin der Nachfolger des Homo sapiens'.«11

Wer evolutionistisch denkt, könnte den Gedanken der Zeitjournalisten aufnehmen. Wer aber von Gott als dem Schöpfer der Welt und des Menschen ausgeht, erkennt in solchen Gedanken die Hoffnungslosigkeit der Menschen, die ihren Schöpfer verloren haben. Da in solchem Denken der Mensch nur auf sich selbst zurückgeworfen ist, dabei aber sein eigenes Versagen nicht eingestehen kann, schafft er sich ein virtuelles, ein technisch-künstliches Wesen. Er macht sich dadurch überflüssig und gibt gleichzeitig seine Verantwortung ab. Doch dies ist ein Irrtum, da wir als Geschöpfe am Ende des zweiten Jahrtausends und zu Beginn des 21. Jahrhunderts gefragt werden, wo wir stehen.

Wir werden in dieser Weise von unserem Schöpfer, von Gott selbst, gefragt, der uns durch seine Geschöpfe anfragt:

Im Kosovo und in Tschetschenien im Elend und Sterben der Menschen, die durch ihre kriegerischen Handlungen einander unendliches Leid zufügen.

Durch die Verschmutzung der Erde und durch die Folgen der rücksichtslosen Ausbeutung der Natur.

Durch die vielen hungernden und sterbenden Menschen, durch die Rast- und Ruhelosen, die ihrer Heimat und Nation Beraubten.

Durch die zum Tode Verurteilten, bevor sie ins Leben kommen konnten und durch all jene, die seelisch zugrunde gehen, weil sie von ihres gleichen an ihrer Lebensentfaltung gehindert werden.

Gott fragt uns zum wiederholten Mal,12 wo wir sind und was wir mit ihm, seiner Schöpfung und seinem Sohn gemacht haben. Er gab uns seine Schöpfung zum Leben und wir zerstören sie immer mehr und immer schneller. Er gab sich in seinem Sohn für uns Menschen hin. Zu unserer Errettung, damit wir »menschlich« in seinem Sinne13 leben und sterben können, ging er in den Tod (Karfreitag), um uns vom Tode zu befreien. Er ließ Jesus Christus vom Tode auferstehen (Ostern), damit wir, wie er, durch ihn vom Tode befreit würden. Schließlich nahm er seinen Sohn von der Erde (Himmelfahrt), nachdem er in einem zweiten großen »Schöpfungsakt« alles vollbrachte, was zum Leben und Sterben von uns Menschen zu tun war.14 Jesus Christus wird er wieder zurück auf die Erde15 kommen lassen (Wiederkunft Jesu Christi), um zu vollenden, was seit Beginn der Schöpfung über der Welt und ihren Menschen beschlossen ist.

Diese Wiederkunft, von der kaum gepredigt wird, an die wenig geglaubt und noch weniger mit ihr fest gerechnet wird, wird Gottes zweite große Anfrage an seine Geschöpfe sein. Ähnlich seiner ersten gegenüber Adam lautet sie jetzt: Wo seid ihr Menschenkinder, die ihr von mir kommt, hingeraten? Was treibt ihr? Was habt ihr mit meiner Schöpfung und mit meinem Sohn gemacht? Wieder, wie beim ersten Mal, dient diese Frage zum Gericht und zum Heil, je nachdem, wie wir ihm antworten.

Das 21. Jahrhundert wird auch in dieser Hinsicht offenbar werden lassen, was schon seit Jahrtausenden prophezeit und von Gott durch Jesus Christus uns Menschen gesagt wurde. Insofern sind die Religionen mit ihren spirituellen Angeboten auch im 21. Jahrhundert in Konkurrenz und im Widerspruch zur Botschaft Gottes im Zeichen des Kreuzes, der Auferstehung, der Himmelfahrt und der Wiederkunft des Gottessohnes zu sehen. Im 21. Jahrhundert wird der Kampf der Kulturen16 und das Ringen der Religionen, im Kontext der jeweiligen Nationalitäten, einen Schmelztiegel darstellen, der den Fragen nach der Wahrheit in Religion, Kultur und Nation auf den Grund geht. Das multikulturelle und multireligiöse Zusammenleben der Menschen17 stellt schließlich die größte Herausforderung nach meiner Einschätzung im 21. Jahrhundert dar. Wie dies gelingt, zu welchen Lösungen wir im Ringen um ein menschenwürdiges, demokratisches Europa kommen, wird sich messen lassen an der Bereitschaft der Menschen, sich gegenseitig zu achten, einander zuzuhören und der Wahrheit nicht aus dem Wege zu gehen. Die Wahrheit wird uns frei machen, uns menschenwürdig leben und sterben lassen. Doch wo ist eine solche Wahrheit zu finden? In den einzelnen Religionen und Philosophien der Menschheit? In neuen Methoden der Menschenführung und in kontrollierten Verhaltensmaßnahmen im Umgang mit Kapital und Freiheit? Wohl kaum, um gleich zu desillusionieren.

Wie können wir im 21. Jahrhundert leben? Dieser prinzipiellen Frage möchte ich nachgehen, wobei ich gleich zu Beginn meine Antwort vorwegnehmen möchte, so dass meine Markierungen zum Nach- und Umdenken dieselbe verständlich werden lassen. Die Antwort lautet: Nur in der Verbindung zu Gott unserem Schöpfer und zu Jesus Christus unserem Erlöser!

Warum? Weil wir uns alleine nicht von unserer Schuld befreien können, die gegen uns aufsteht und uns anklagt. Weil wir von uns aus keine Perspektive zum Leben haben, die nicht gleichzeitig das Leben wieder zerstört, das wir gestalten. Wer zu Gott durch Jesus Christus findet, erhält ein neues Verhältnis zur Welt und zu den Menschen.18 Jetzt ist er durchdrungen von Gottes Gedanken und orientiert an seinen Ordnungen.19 Dadurch wird sich aber ein Kontrast, ein Widerstand zu dem ergeben, was »gott-los« ist, weshalb sich eine Entscheidung ergibt: Für oder gegen Gott, für das Leben in und durch Jesus Christus oder für ein Leben, wie es sich zunehmend klarer und radikaler zeigt und in unserer Zeit offenbart.

Methodisch möchte ich mit Zehn Markierungen beginnen, die den bisher grob aufgezählten Daten mehr Transparenz und Differenzierung geben. Anschließend werden sich, hierauf Bezug nehmend, Enttäuschungen offenbaren, die aber heilsam sind, weil sie uns Licht in unsere Dunkelheit bringen, so dass wir von Täuschungen befreit werden. Abschließend möchte ich von Läuterungen bzw. Läuterungsprozessen sprechen, die uns unsere Gottesfinsternis nehmen wollen, wenn wir sie an uns geschehen lassen und aktiv auf sie eingehen. Ich denke in diesem Zusammenhang an Verlusterfahrungen, Krisen und tiefe Erfahrungen des Verlassenseins, der Ausweg- und Perspektivlosigkeit.

Auf der Schwelle ins dritte Jahrtausend sind wir Menschen an-gefragt – als Einzelne und in der Gesamtheit, als Männer und Frauen, als Familien, als Singles und als Nationen, wem wir folgen wollen, um unser Leben gelingend und erfüllend zu gestalten. Folgen wir unseren Idealen, werden wir weiterhin scheitern, folgen wir unseren kulturellen Überzeugungen, werden wir schwerlich besser zueinander finden, folgen wir weisen Männern und Frauen, bleiben wir eventuell Verführte. Werden wir jedoch bereit sein, zu unserem Ursprung in Gott durch Jesus Christus zurückzufinden, werden wir menschlich und zur Ehre Gottes leben. Warum, möchte ich verdeutlichen, weshalb ich auch zentral anthropologisch in meiner Untersuchung frage. Anthropologisch zu fragen bedeutet für mich auch kreatürlich, philosophisch und theologisch zu fragen, weil wir Menschen uns nicht selbst gewollt haben, sondern über uns bestimmt wurde, das wir existieren sollen. Wenn das so ist, müssen wir fragen, warum und wozu und schließlich auch, wohin unsere Lebens-»reise« gehen soll.

Ich glaube an die Kraft der Vergebung, hoffe auf die Gnade Gottes und rechne mit der hierdurch unter uns Menschen entstehenden Liebe. Sie befähigt uns menschenwürdiger und gottesfürchtiger zu leben. Möge doch wieder die Sehnsucht nach der Liebe20 entstehen, die letztendlich Gott selber ist. Er alleine gibt und erhält unser Leben und nimmt uns in Jesus Christus liebevoll an.

In seiner Anfrage an uns – »Mensch, wo bist du?« – verbirgt sich seine Sehnsucht und Liebe zu uns. Wohl uns, wenn wir sie hören und beantworten.

»Denn wir sehen jetzt mittels eines Spiegels, undeutlich, dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise, dann aber werde ich erkennen, gleich wie auch ich erkannt worden bin. Nun aber bleibt Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; die größte aber von diesen ist die Liebe.«

1. KORINTHER 13, 12-13

Lemgo, im August 2000

KLAUS RUDOLF BERGER

1 STEPHANE COURTOIS, NICOLAS WERTH, JEAN-LOUIS PANNE, ANDRZEJ PACZKOWSKI, KAREL BARTOSEK, JEAN-LOUIS MARGOLIN: Das Schwarzbuch des Kommunismus. Unterdrückung, Verbrechen und Terror. 5. Auflage, München/Zürich 1998.

2 REIMER GRONEMEYER: Das Blut deines Bruders. Die Zukunft der Gewalt. Düsseldorf 1993.

3 Vgl. Galater 6, 7.

4 FRITZ REHEIS: Kreativität der Langsamkeit. Neuer Wohlstand durch Entschleunigung. 2. Auflage, Darmstadt 1998.

5 Ebd., S. 85 ff.

6 KLAUS RUDOLF BERGER: Pornographie – Verlust der Scham. Lage 1999.

7 MATTHIAS HOXX: Das Zukunfts-Manifest. Aufbruch aus dem Katzenjammer.

München 1999; STEFAN HOLTHAUS: Trends 2000. Der Zeitgeist und die Christen. 4. Auflage, Basel 1999.

8 ROBERT KURZ: Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft. Frankfurt am Main 1999.

9KLAUS RUDOLF BERGER: Deutschland in der Zerreißprobe. In: factum Nr. 9, 1998, S. 27 ff.

10 Titelthema. »DIE ZEIT«, Nr. 1, 30.12. 1998.

11 Ebd

12 Gott fragte den von ihm geschaffenen Menschen nach seiner Schöpfung und nach seinem Ungehorsam ihm gegenüber: »Wo bist du?« (z. Mose 3, 9)

13 »Und Gott sprach: Lasset uns Menschen machen, ein Bild, das uns gleich sei, (…). Und Gott schuf den Menschen zu seinem Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn; und schuf sie als Mann und Frau.« (z. Mose 1, 26+27)

14 Jesus rief am Kreuz von Golgatha: »Es ist vollbracht! Und neigte sein Haupt und verschied.« (Johannes 19, 3o)

15 »… Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht gen Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg gen Himmel aufgenommen wurde, wird so wiederkommen, wie ihr ihn habt gen Himmel fahren sehen« (vgl. Apostelgeschichte 1, 11).

16 SAMUEL P. HUNRINGRON: Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert. Berlin 1998 (Tb).

17 KLAUS BERGER: Begegnen statt ignorieren. Zum Aussiedler-, Asylanten- und Multikultiproblem heute. Wuppertal 1993.

18 In diesem Zusammenhang fehlt leider noch eine genaue Beschreibung des »Zur-Welt-Seins« der Jesus-Nachfolger.

19 Die Konzentration auf Gesetzmäßigkeiten, wie es etwa in den Naturwissenschaften geschieht, verhilft uns in vielerlei Hinsicht zu einem qualitativ guten Leben. Entsprechend sind Gesetze, Ordnungen und Mahnungen Gottes (vgl. Lobpreis hierzu in Psalm 119) anzusehen. Es ist allerdings deutlich zwischen Gesetz und Gesetzlichkeit zu unterscheiden (vgl. den Römer- und Galaterbrief zu diesem Sachverhalt).

20KLAUS BERGER: Ohne Liebe kein Leben. Marburg 1984; ERICH FROMM: Die Kunst des Liebens. Frankfurt am Main/Berlin/Wien 1974. Vgl. auch 1. Korinther 13.

1. ZEHN MARKIERUNGEN

»Wer aber beharrt bis ans Ende, der wird selig werden.« MATTHÄUS 24, 13

Die ausgewiesenen Markierungen bezeichnen Daten, von denen wir annehmen müssen, dass sie unser Leben und Denken, unsere Kultur und Zukunft wesentlich bestimmen werden. Ob zum Besten oder zum Schaden für uns, wird die Zukunft erweisen. Schließlich markiere ich nicht aufs Geratewohl, sondern unter der Sicht biblischen Welt-und Menschenverständnisses und im Zusammenhang der sich seit der Reformation entfaltenden westlichen Kultur.

Meine Einschätzung, als Summe der Markierungen lautet: Wir müssen nachdenklicher werden, zur Umkehr kommen und Prioritätensetzungen vornehmen, die zuerst Gott und danach den Geschöpfen und der Schöpfung dienen.

Wenn wir, wie bisher im zwanzigsten Jahrhundert und besonders intensiv in der heutigen Zeit, uns nur noch um uns selbst drehen1 und meinen, das Auskosten des Lebens auf dieser Erde sei alles, dann sind wir mit rasendem Tempo auf der Fahrt in den Tod. Markieren heißt für mich, wenn ich dies mit dem Textmarker in meinen Büchern tue, die ich lese: Gib acht!, sei aufmerksam!, merke dir das Markierte im Text!,-denn es ist für das eigene Nachdenken, Urteilen, Bewerten, Einschätzen und Schlussfolgern wichtig! Schlage ich später die in solcher Weise markierten Bücher wieder auf, so fällt mir sofort ins Auge, was ich angezeichnet hatte. Dann habe ich dasjenige, aus den vielen Gedanken, Daten, Beispielen und Hinweisen wieder präsent, was mir behaltenswert und wichtig erschien.

Unter der markierenden Nachdenklichkeit am Ausgang des zwanzigsten Jahrhunderts erschallt im Zuge der Wahrnehmung in leuchtender Markierung die Frage:

Mensch, wo bist du?! -

in deiner Geschichte, deiner Ethik, deiner Lebensphilosophie, deiner Religiosität und Spiritualität, deiner Bildung, deiner Wissen-schafts- und Technikgläubigkeit, deiner Einstellung zu Geld und Markt, deiner Übersicht über die von dir geschaffenen Strukturen und deren Folgen für dich, dein Bemühen um ein menschenwürdiges Zusammenleben in der Polis2 und in der Völkergemeinschaft, etwa in dem uns unmittelbar betreffenden Lebensbereich Europa?

1 URSULA NUBER: Die Egoismus-Falle. Warum Selbstverwirklichung uns sooft einsam macht. Zürich 1993.

2 Gemeinschaft mit anderen, die demokratisch gestaltet wird.

Erste Markierung:(1900-1999) – Last oder Chance?

Es ist beachtenswert, in welcher publizistischen Fülle das ausgehende 20. Jahrhundert aufgearbeitet wird. Das ist einerseits erfreulich, weil dadurch ein vertieftes Geschichtsbewusstsein entstehen kann, das zum Verständnis unserer Zeit unabdingbar ist. Ferner, weil nur ein historisch orientiertes Nachdenken zu verantwortlichen Handlungen im Hier und Jetzt kommen kann, zumal immer wieder Entscheidungen getroffen werden müssen, die einen hohen Grad an Nachhaltigkeit1 mit sich bringen. Es ist aber auch andererseits bedrückend, weil hierdurch das Ringen der Menschen um ein Verständnis für das eigene Verhalten deutlich wird, das leider oftmals den Widerspruch von dem aufdeckt, was man eigentlich beabsichtigte (so sind beispielsweise die Entlastungen durch die Technik enorm und gleichzeitig belastend, weil sie Zivilisationskrankheiten entstehen lassen, die wiederum bekämpft werden müssen).

Dieser Zusammenhang wird historisch besonders anschaulich, wenn man, wie dies THEO SOMMER2 tat, einen Rückblick auf das 19. Jahrhundert vornimmt und sich fragt- dies ist gerade auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend ratsam-, wie damals die Zukunft des 20. Jahrhunderts eingeschätzt wurde.

Nachfolgend gebe ich einige seiner interessanten Beobachtungen und klug ausgewählten Geschichtsdaten weiter, um uns nachdenklich zu stimmen. In dem, was von Sommer genannt und uns zum Vergleich mit unserer Einstellung und den in unserer Zeit vielfältig ertönenden Stimmen zum Jahrhundertwechsel angeboten wird, verbirgt sich viel Hilfreiches zur Einschätzung und Beurteilung unserer Situation auf der Schwelle ins dritte Jahrtausend.

Das Jahr 1900 wurde von vielen damaligen Zeitgenossen als ein goldenes Zeitalter empfunden. Nach den vorangegangenen drei Jahrzehnten seit der Gründerzeit erlebten die Menschen einen stetig wachsenden Wohlstand.

»Die Städte waren größer und schöner geworden. (…) Die Grenzen menschlichen Denkens weiteten sich. (…) Dekadenz wurde der Boheme zum Lebensstil. (…) Kultur wurde nun allenthalben zur Massenkultur.«3

Doch wer genau hinsah, musste neben dem Glanz der Zeit auch die Schatten des Fortschritts entdecken.

»Landflucht füllte die in den Großstädten entstehenden Slums; Tagelöhner bemühten sich jeden Morgen um Arbeit; viele Menschen kümmerten in den Rezessionen der Gründerzeit brotlos dahin. Immer wieder kam es zu Demonstrationen, zu Massenstreiks, zu blutigen anarchistischen Anschlägen.«4

Der aufkommende berechtigte Sozialprotest entwickelte, als Ergebnis des Sozialprotestes, Versicherungen (1881 Bismarcks Unfall-, Haftpflicht- und Krankenversicherung und 1889 die Alters- und Invalidenversicherung). Schließlich trat 1900, am 1. Januar, das Bürgerliche Gesetzbuch in Kraft. Zum Beginn des 19. Jahrhunderts hätte niemand vorausgesehen, »dass binnen zwei Jahrzehnten fünf alte Monarchien gestürzt würden: Tsching-Dynastie in Peking, die Romanows in Sankt Petersburg, die Habsburger in Wien und Budapest, die Hohenzollern in Berlin, die Osmanen in Istanbul.«5 Wer hätte sich ferner vorstellen mögen, das sich die Staatsgrenzen innerhalb des europäischen Kontinents so verschieben, dass am Anfang aus den 27 im Jahre 1900 auf der Schwelle ins dritte Jahrtausend 46 stehen würden?! Wer hätte gedacht, das sich die Weltbevölkerung innerhalb des 20. Jahrhunderts von 1,55 auf sechs Milliarden verändern würde?!6 Zu alledem kommen die technischen Entwicklungen, deren Fortschritt die Zeitgenossen begeisterte und das goldene Zeitalter spüren ließ:

Gaslampe – Glühbirne – »Elektrische«

Telegraphen – Telephon

Photoapparat

Anästhetik – Antiseptika

Röntgenstrahlen

Revolution durch die Chemie.7

Die durch die Forscher und Ingenieure ausgelöste Veränderung der Lebensverhältnisse konnte sich damals kaum jemand in der Konsequenz vorstellen.

»Heute sind rund um den Globus ein Drittel der 1,5 Milliarden Haushalte an das Telephonnetz angeschlossen, Millionen von Mobiltelephonen nicht mitgerechnet.«8

Euphorische Journalisten schrieben zu Beginn des 19. Jahrhunderts:

»Das 18. Jahrhundert wies die Richtung, das 19. fand die Wege und Mittel, das 20. baute sie aus. So ging die Noth der Sklaverei zu Ende, und der freie Mensch fand seine Heimath auf freier Erde. Wohlan denn und wohlauf zum Lande unserer Kinder, zum Menschenland! Dahin ruft unsere Sehnsucht und unsere Liebe.«9

Beherrschung der Natur und Herstellung der Gerechtigkeit nennt ein anderer Journalist als bedeutungsvolle Schritte, um dem Ziel der Menschheit näher zu kommen.

Vieles was uns heute noch bewegt, ist zu Beginn des 20. Jahrhunderts angestoßen worden. Die Frauenbewegung, die sozialen Reformen, die durch die Sozialdemokraten erkämpft wurden, die von KARL MARX im Kommunistischen Manifest schon genannte Globalisierung mit dem daraus resultierenden Verlust an Arbeitsplätzen (im 21. Jahrhundert auch aktuell und gleichzeitig problematisch für den sozialen Frieden), all das und die Fortschrittsgläubigkeit, schaffte eine Kritik an der bürgerlichen Kultur, die sich in der 68er-Bewegung des 20. Jahrhunderts fortsetzte.

»Aufbruch, Modernisierung, Emanzipation beseelten die einen, Abschied, Verzweiflung, Untergangsstimmung beschworen die anderen.«10

Wie kommt es, das fast die gleiche Stimmung zum Beginn des 21. Jahrhunderts wie zu dem des 19. Jahrhunderts festgestellt werden kann? Wenn ich sage fast, so deute ich damit an, dass die Qualität und Quantität der Empfindung im Rückblick auf das 20. Jahrhundert und damit dann als Summe dessen, der Ausblick auf das 21. Jahrhundert, anders ausfällt.

Es ist zum Beginn des 21. Jahrhunderts alles noch einmal beschleunigter, gewaltiger und damit auch katastrophaler, wenn der Aufbruch, die Modernisierung und die Emanzipation scheitern. Denken wir etwa an die Katastrophe in Tschernobyl 1986, an die Revolution durch die Informationstechnologie mit ihren Folgen für die Kommunikation unter uns Menschen und die dadurch bedingte Veränderung der Wahrnehmung unserer Welt,11 an die Auflösung der Familie und deren Folge für die Kinder12 und schließlich an die vermeinte Befreiung des Menschen von der Botschaft, Geschöpfe Gottes zu sein. Wie treffend sind in diesem Zusammenhang die Gedanken des großen Arztes und Philosophen KARL JASPERS, der schrieb: »Dem Glauben an den Aufbruch einer großartigen Zukunft steht das Grauen vor dem Abgrund, aus dem keine Rettung mehr ist, entgegen.«13 Heute, auf der Schwelle zum dritten Jahrtausend, wissen wir:

»Auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts geht vom Menschen die größte Gefahr für den Menschen aus. Der Wolf lauert in ihm. Es ist kein Verlass darauf, dass er von Natur aus gut sei – (…)«14

Historisch zeigt sich am Ausgang des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein deutlicher Widerspruch zwischen einer not-wendig pazifistischen und einer gleichzeitig radikalen Antwort auf rücksichtslose Gewaltanwendung. Derzeit reißt dieser Widerspruch uns förmlich auseinander, was sich durch die intensive Diskussion der Intellektuellen in Europa zu der Frage um den Krieg und Frieden im Kosovo belegen lässt.15 Ist es heute anders als vorher?

Von ERIC J. HOBSBAWM sind im letzten Jahr gesammelte Aufsätze erschienen, die unter dem Thema: »Wie viel Geschichte braucht die Zukunft«16 versammelt wurden. Ihm wird man solche Nachdenklichkeit abnehmen, da er in der eigenen Lebensspanne das 20. Jahrhundert fast überblicken kann (geb. 1917 in Alexandria/Ägypten). Hinzu kommt, dass er 1995 das viel beachtete und fast zur Standardlektüre gehörende Buch »Das Zeitalter der Extreme«17 veröffentlichte, in dem er das 20. Jahrhundert beschreibt und historisch bewertet. Wenn wir im Kontext vorhandener Allgemeinbildung diesen Titel auf uns wirken lassen, so haben wir die Extreme bald vor Augen:

zwei Weltkriege,18

zwei Weltideologien (Kommunismus/Kapitalismus) und

gewaltige Aufbrüche in den Technologien (Elektrik, Elektronik etc.).

Bei all diesem das dazugehörige Auf und Ab, die Bestätigungen und Verwerfungen, jeweils mit ihren Protesten (z. B. die 68er-Bewegung, die Reaktionen der Friedensbewegung auf den Vietnamkrieg etc.).

Doch wie kann es im 21. Jahrhundert mit der Menschheitsgeschichte weitergehen? Werden weitere Extreme folgen?

Welche Einstellung zur Geschichte haben wir? In welcher Weise schöpfen wir aus ihr Nachdenklichkeit, Verständnis und die Bereitschaft zur Veränderung? Hierauf antwortet Hobsbawm, indem er zeigt, dass wir immer in einem Spannungsfeld von außerhalb und innerhalb der Geschichte Stehenden leben werden. Als Zeitzeugen schlimmer Verwerfungen und Geschehnisse (z. Zt. für Europa und seine Bürger konkret im Kosovo-Konflikt mit all seinen Fassetten und Fragen) ist ein Außenstehen leichter, doch wir stehen mittendrin, weshalb das in der »Geschichte« selbst zu leben und in ihr vorzukommen von uns erfahren werden kann. Wer außen steht, versucht den Anschluss an jene Länder zu bekommen, die innerhalb der aktuellen Zeitströmungen und -haltungen den Ton angeben. Wie heutzutage die osteuropäischen Länder den Anschluss an die EU suchen, so nahmen sich die Japaner des 19. Jahrhunderts Europa auch schon zum Vorbild für ihre geschichtliche Orientierung. Die Westeuropäer hingegen imitierten nach dem Zweiten Weltkrieg die Wirtschaft der Vereinigten Staaten.19 »Die Geschichte Mittel- und Osteuropas im 20. Jahrhundert handelt grob gesprochen von dem angestrengten Versuch, den Rückstand aufzuholen, indem man sich der Reihe nach immer neue Vorbilder suchte und jedes Mal scheiterte.«20

Die Folgen dieser Vorbildfixierung kennen wir: Vernachlässigung der eigenen Werte und Abhängigkeit von denen, denen man, vielleicht zu schnell, folgte (vgl. Japan nach dem Zusammenbruch der asiatischen Kapitalmärkte, Russland nach 1989, Europa seit der Einführung des Euro die Vereinigten Staaten als alleinige Weltmacht und die Suche einer Neuorientierung der UNO und der NATO nach dem 24. März 1999). Hobsbawms Folgerung ist verblüffend und muss uns nachdenklich stimmen. Er sagt: »Alles in allem werden also die Menschen in Mittel- und Osteuropa weiterhin in Ländern leben, die in ihrer Vergangenheit enttäuscht wurden, wahrscheinlich zum größten Teil von der Gegenwart enttäuscht sind und deren Zukunft für sie im Ungewissen liegt. Das ist eine sehr gefährliche Lage. Die Menschen werden Sündenböcke suchen, denen sie die Schuld an den Fehlschlägen und der Unsicherheit geben können.«21 Ist genau das nicht zur Zeit die politische Taktik des Slobodan Milosevic, mit der er sein Volk blendet und den Hass auf die Albaner lenkte? Entsprechend liefert die Geschichte immer wieder auch den »Rohstoff für nationalistische oder völkische oder fundamentalistische Ideologien, so wie Mohnpflanzen den Rohstoff für die Heroinsucht enthalten.«22 Welche Einstellung haben wir zu unserer nationalen und europäischen Geschichte? Die Antwort hierauf ist entscheidend, da sie sich im 21. Jahrhundert faktisch belegen lassen wird. Die Reflexion auf das Morgen schließt immer auch das Bewusstsein des Gestern ein, wenn sie nicht total utopisch und realitätsfern sein will.

Wie verstehen wir unser ausgehendes 20. Jahrhundert? Wie sehen wir, mit welchen Hoffnungen befrachtet, das auf uns zukommende 21. Jahrhundert? Werden wir es im Muster des 20. Jahrhunderts erwünschen, vielleicht mit kleinen Verbesserungen versehen? »Beim größten Teil der bisherigen Geschichte haben wir es mit Gesellschaften und Gemeinschaften zu tun, in denen die Vergangenheit im Wesentlichen das Muster für die Gegenwart abgibt.«23 Wie kommt das? Liegt es nicht daran, das wir uns nicht unserer Verantwortung für die folgenden Generationen bewusst sind? Wenn wir es wären, so bemühten wir uns intensiver um Änderung, Vergebung und Bekenntnis zum Versagen, zumal diese Form der Vergegenwärtigung der Gegenwart ein niedriges Niveau historischen Wandels zeigt.

Hobsbawm spricht von der historischen Bedeutung der Vergangenheit, auch von den sozialen Gebrauchsweisen derselben. Es ist interessant diesen Gedanken aufzunehmen, weil hierdurch die Missachtung der Vergangenheit deutlich wird. Früher war alles besser, heute ist alles so kompliziert, differenziert und unübersichtlich. Wer hat solche Bemerkungen nicht schon gehört oder gar selbst zum Ausdruck gebracht? Teilweise wird damit etwas ausgesprochen, was wir zu schnell übersehen: Es gibt Traditionen, die ein gelingendes Leben aufnehmen muss, weil sie ihm Standfestigkeit und Widerstandskraft vermitteln. Denken wir etwa an die Formen des gegenseitigen Umgangs miteinander. Wenn diese ständig verändert würden, wären wir in permanenter Unsicherheit. Der Eintausch der nationalen Geld-währungen, die 2002 vom Euro abgelöst werden, mögen für manche Europäer hierzu ein erlebtes Beispiel werden. Vergangenheit hat aber auch den Aspekt von nicht verarbeiteten, schuldhaften Verstrickungen.

So ist die Nazi-Herrschaft für uns Deutsche immer noch nicht bewältigt, was sich an der »Walser-Bubis-Debatte« der letzten Monate verdeutlichen lässt.24

Überwinden lässt sich unsere Geschichte, die nationale wie die individuelle, nur, wenn wir bereit werden sie nicht zu verdrängen, zu vergessen oder gar zu verleugnen, sondern uns ihr stellen. Letzteres tut weh, demütigt und fordert heraus, um Vergebung zu bitten. Vergebung zu erlangen bedeutet Haltungen des Miteinanders zu entwickeln, die Einsicht in Fehlverhalten und bewusste Änderung erkennen lassen (Machtmissbrauch und Egoismus müssen bewusst abgelegt werden, so dass Verständnis für den Anderen und Achtung vor ihm entstehen können). Denn vom Anderen aus werden wir über seine Forderungen an uns in Bewegung gesetzt. Sie stoppen uns, bewegen uns zu Neubesinnung und schreiben so Geschichte.25 Werden wir im 21. Jahrhundert in Europa bereit, in dieser Haltung miteinander zu leben?

Auch für den ehemaligen deutschen Bundespräsidenten RICHARD VON WEIZSÄCKER hat uns das 20. Jahrhundert »in extreme Lagen menschlicher Existenz geführt. Seine Prüfungen machen es schwer und legen es um so eher nahe, über bewusst erlebte Vergangenheit Rechenschaft abzulegen.«26 Sein Buch »Vier Zeiten« kommt diesem Anliegen nach.27 Es liest sich leicht und ist dabei zugleich eine lebendige Geschichte des 20. Jahrhunderts, von der Weimarer Republik bis zur Wiedervereinigung der zuvor getrennten beiden deutschen Staaten (BRD / DDR). Die Last und die Chance der »Vier Zeiten« wird dem Leser sehr anschaulich dargestellt, so dass er seinem Autor und vormaligen Staatsoberhaupt der Bundesrepublik Deutschland gut folgen kann. Wir sollten solche Lebenszeugnisse lesen, nicht, um über die Lebensbilanz zu streiten oder gar unsere Vorurteile gegen die berichtende Person zu bestätigen. Nein, ganz im Gegenteil, ein jeder ist Teil auch der nationalen Geschichte, die uns alle, wenn auch in unterschiedlichen Rollen und Schichten, innerhalb der Gesellschaft, geprägt hat. Nur wird es uns bewusster, wenn diese Geschichte an einem konkreten Lebensbeispiel aufgezeigt wird.

In Ergänzung zu Autobiographien stehen Persönlichkeiten des politischen und öffentlichen Lebens, die durch ihr Engagement das Jahrhundert geprägt haben. Wenn solche Menschen abtreten, entsteht eine Erschütterung bzw. je nach politischer Einschätzung auch eine Erleichterung. Beispielhaft konnten wir das in Deutschland in der jüngsten Geschichte nach dem Wahlsieg der SPD und dem Absturz der CDU/CSU miterleben. Der Abgang von Bundeskanzler Helmut Kohl bewirkte nicht nur in seiner Partei eine Erosion. Wie sie historisch zu bewerten ist, wird man sehen. HANS-PETER SCHWARZ, Professor für Zeitgeschichte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn, ist es zu danken, das ausgehende 20. Jahrhundert in eine Porträtgalerie gestellt zu haben. Damit erscheint das »Gesicht des Jahrhunderts« als eine Abfolge von Gesichtern.28 Sie sind alle dabei: Unholde, Eroberer, Gewaltmenschen, Könige, Generale, Monster wie Lenin, Hitler, Mao, aber auch Staatsmänner Europas und Größen der Dritten Welt, wie Gandhi, Nasser und Tito. Schließlich die Herrscher in der Zeit der Kritik, wie Kennedy, Chruschtschow, Khomeini, Johannes Paul II. und Helmut Schmidt. Abgeschlossen wird der Rundgang im Geschichtsmuseum der Porträts mit den Reformern der letzten Epoche des 20. Jahrhunderts, wie Reagan, Thatcher, Kohl, Gorbatschow und Deng Xiaoping. Schwarz fragt sich, aus welcher Perspektive man das 20. Jahrhundert erfassen soll, womit er auf die denkwürdigen politischen Gestalten kommt:

»Große Ungeheuer, große Retter, große Ruinierer, große Reformer, Staatsgründer und Stabilisierer, doch auch jede Menge großer Mediokritäten und großer Esel.«29

Der eine oder andere von den eben genannten Namen ist bekannt, weil sich mit ihm erlebte Geschichte verbindet. Es ist hilfreich, wenn man, konzentriert auf den eigenen Geburtsjahrgang, die genannten Persönlichkeiten ins Bewusstsein hebt, um sich zu vergewissern, in welcher Weise und ob man sie wahrgenommen hat.30 Bei Adenauers Tod weinte ich, bei Brandts nicht; bei Schmidts Abgang war ich betrübt, bei Schröders Einstieg ebenso Fassetten der Verknüpfung von Individual- und Nationalgeschichte, die mir als politisch denkendem und handelndem Menschen zeigen, wie groß die Last ist, wenn man sich der Zeit, in der man lebt, ganz bewusst stellt.

Wo bleiben da die Chancen? In welcher Weise ist unsere Geschichte prädestiniert31 und in welcher Weise ist uns die Freiheit gegeben, über unser Handeln zur Besserung des Gemeinwesens beizutragen? Die Antworten auf diese Fragen sind berechtigt subjektiv, doch die sich hieraus ergebenden Verhaltensweisen und Konsequenzen kollektiv. Wer dies durchdenkt, wird sich in politische Verantwortung rufen lassen, wenigstens in der Form, sich demokratisch zu verhalten und seine Meinung in angemessener Weise mitzuteilen. Wenn wir in diesem Bewusstsein ins 21. Jahrhundert blicken, so mögen wir verzweifeln oder aber noch engagierter, an dem Platz, an dem wir leben und arbeiten, uns einmischen und so den Prozess der Geschichte aktiv mitgestalten.

Dies geschieht auch in Familien, Ehen, Gemeinden, an Arbeits-plätzen, in Schulen und Universitäten, denn die Gesellschaft sind nicht die Politiker, sondern ein jeder, der in der Gesellschaft lebt.

Wir können unsere Verantwortung füreinander nicht total an die Politiker abgeben. Dies wäre gefährlich und fatal, wie der Rückblick auf das 20. Jahrhundert (vgl. z. B. die Arbeit von Hans-Peter Schwarz) zeigt. Insofern drängt sich die Frage auf: Wie verstehen wir das 20. Jahrhundert und welche Lehren bzw. Folgerungen ziehen wir aus ihm für das Einundzwanzigste?32

Auch auf der Jahrhundertschwelle ist es wichtig, Fragen zu stellen, die dem säuglingshaften 21. Jahrhundert Antworten ab-ringen werden. Es sind Fragen, die berechtigt uns begleiten, wenn wir von der soeben gesprochenen Verantwortung nicht nur rein rhetorisch sprechen, sondern sie in unserem Alltag ernst nehmen. THEO SOMMER nennt solche Fragen und versucht auch zu ihnen eine Antwort zu geben.33 Ich gebe diese Fragen an den interessierten und sich selbst diese Fragen stellenden Leser und wachen Zeitzeugen weiter:

»Wem wird das nächste Jahrhundert gehören? Welches Prinzip wird vorherrschen – das der Hegemonie34 einer einzigen Supermacht oder das der eines neuen Mächtegleichgewichts? Wie steht es um die Zukunft des Kapitalismus im Zeitalter der Globalisierung? Wie um den Krieg der Zukunft, die Zukunft des Krieges? Gibt es Hoffnung für die Dritte Welt? An welche ethischen Grenzen wird der technische Fortschritt die Menschheit führen? Erweitert die künftige Informations-und Kommunikationstechnologie unser Verständnis von Kultur – oder bedroht sie vielmehr das kulturelle Vermächtnis, das uns die früheren Generationen zu treuen Händen hinterlassen haben? Wird der Mensch sich weiterhin gemäß dem biblischen Auftrag die Erde untertan machen und sie dabei zugrunde richten – oder wird er rechtzeitig innehalten in seinem zerstörerischen Treiben? Wird er eine vernünftige Mitte finden zwischen egoistischer Selbstverwirklichung und kollektiver Selbstpreisgabe?«35

Ich werde in meinen nachfolgenden Ausführungen teilweise die »Sommerfragen« aufgreifen, da ich sie thematisch in meinen Markierungen erwähne.

Der schon häufig von mir zitierte Wissenschaftler Eric. J. Hobsbawm gibt in einem Gespräch mit ANTONIO POLITO Auskunft zu Fragen, die »Das Gesicht des 21. Jahrhunderts«36 betreffen. Auch er stellt sich verschiedener Themenkomplexe, die mehr fragend als treffsicher beantwortbar sind, wie

Krieg und Frieden,

Niedergang des westlichen Imperiums,

globales Dorf,

wo ist die Linke?,

Homo globator,

Blick auf Deutschland,

der sechsmilliardste Mensch.37