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Was passiert, wenn elf Frauen für einen Erzählband schreiben? Es entstehen elf einzigartige Geschichten. So begegnen wir Nurcihan, einer jungen Frau, die sich aus einer Anzahl von Schwestern und als "die Türkin" in ihrer Umgebung als Individuum behauptet; werden Zeuge einer kalten Liebe zwischen Generationen und Geographien; lauschen fremden Gesprächen in einem Restaurant; erleben die aufkeimende Selbständigkeit einer jungen Frau im Ausland; bangen um das Leben eines Kindes; verfolgen die Wandlung einer Traumreise in ihr Gegenteil; ziehen mit einem Kleid die Sehnsüchte einer jungen Petersburgerin an; werden Komplize eines eifersüchtigen Katers; verarbeiten den Tod eins geliebten Menschen; entzücken uns mit einer Dame im Altersheim an ihren neuen Freunden; erleben die Anpassungsschwierigkeiten in einem Leben, das vor und hinter dem eisernen Vorhang verlief. Sie alle sind Begegnungen, Abschnitte, Lebensläufe, die aus ihrem Werden erzählen, das in einem anderen Land begann und irgendwie im Deutschen mündete, aus welchen Gründen auch immer.
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Seitenzahl: 159
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort
Tülin Yavuz: Süleymans Töchter
Gisela Wölbert: Neuland
Elizaveta Kuryanovich: Das Kleid
Pupuze Berber: Ein gutes Gespräch
Barbara Höhfeld: Nachruf
Tuula Greß: Annas Fest
Ayla Bonacker: Kater Jacques
Reha Horn: Tanz der Schmetterlinge
Nadja Bauernfeind: Vulkanasche
Venera Tirreno: Albtraum
Radvana Kraslová: Die Sonnenanbeterin
Thomas Beckermann: Nachwort
Die Autorinnen
Es war ein wunderschöner Tag im Mai 1997, als ich das Haus im Gallusviertel betrat, wo sich die Schreibwerkstatt von Shirin Kumm befand. Ich kannte sie nicht, nur ihre Prospekte, die an vielen Stellen ausgelegt waren, um das Interesse schreiblustiger Migrantinnen zu wecken. Ihr Motto war: Habt keine Angst vor Grammatikfehlern, denn eure Ideen, Beobachtungen, eure Einfühlung sind wichtiger – auf sie kommt es an.
Trotzdem hatten zuerst nur drei Frauen den Mut – oder die Frechheit? –, sich mit ihrem lückenhaften Deutsch zum literarischen Schreibkurs anzumelden. Aber egal – mit Shirin waren wir ein Quartett, das sich auf Anhieb gut verstand. Denn auch sie war Ausländerin und hatte Verständnis für unsere Sprachhemmungen. Die legten wir jedoch schnell ab. Begeistert lasen wir literarische Texte deutscher Autoren, die uns dann zu eigenen inspirierten.
Im Herbst kamen weitere Frauen aus aller Herren Länder zu uns. Wir sind ans Mainufer umgezogen, wo es noch schöner und lustiger war. Die bunte Mischung der nahe liegenden Altstadt bot uns viele Eindrücke und neue Themen. So brachten wir 1999 die erste Anthologie „Bunt und bündig“ zur Welt, und später schrieben einige von uns sogar Theaterstücke, die öffentlich aufgeführt wurden. Meine kleinen Töchter spielten damals stolz mit; auch einige Schauspieler halfen uns.
Ein paar Muttersprachlerinnen sind dann in unserem Literaturclub geblieben und andere kamen hinzu, weil sie sich einfach unter mehrsprachigen Leuten wohl fühlten. Denn: Je mehr Zungen du sprichst, desto mehr bist du ein Mensch – wie ein tschechisches Sprichwort sagt.
Manche Frauen haben sich inzwischen verabschiedet – so auch Shirin Kumm, nach sieben Jahren mütterlicher Fürsorge. Seitdem müssen wir uns selbst um uns kümmern (mit Unterstützung von Herrn Dr. Beckermann), und das tun wir gar nicht so schlecht. Dieses Buch ist unsere fünfte Anthologie. Damit feiern wir – zwanzig Jahre nach „Bunt und bündig“ – unser schönes Jubiläum.
Danke, Shirin.
Mit Liebe
Radvana Kraslová
Nurcihan, mein Licht. So nannte mich mein Vater immer. Das ist mein Name, Licht der Welt. Ich bin die fünfte der sechs Töchter meiner Eltern, die alle nach dem Licht, Nur, benannt wurden.
Ich verdanke meine Geburt meinem Vater Süleyman, dem Augapfel seiner Mutter, und Selvi, meiner Mutter, die seit ihrer frühen Jugend verliebt in meinen Vater war und ist. Sie schwört, ihn nur mithilfe der Heiligen Hızır und İlyas bekommen zu haben, weil sie in der Nacht des Hıdrellez sah, wie das fließende Wasser zum Stehen kam.
Aus Liebe war sie ihm auch nach Almanya1 gefolgt, in das „Land ohne Sonne“, wohin mein Vater aufgebrochen war, um nach wenigen Jahren reich zurückzukehren, nachdem er dem Wunschbaum am Dorfrand seine Bitte vorgetragen hatte. Mutter erkannte bald, dass er alleine in der Fremde bei den Kesseln der Gießerei „verdorren wird wie Korn, das man nicht gießt“, packte kurzerhand ihre drei Töchter, einen Koffer mit dem Nötigsten, band sich die große Wolldecke aus ihrer Aussteuer auf den Rücken und bestieg den Zug nach Deutschland. So kam es, dass ich und zwei meiner Schwestern nicht wie geplant in einem luftigen Dorf an der Ägäis, sondern im trüben Licht Nordrhein-Westfalens auf die Welt kamen.
Ich wurde in eine Schar von vier Schwestern hineingeboren, deren Lautstärke nur von der Stimme meiner Mutter übertroffen werden konnte, die sich zur Not mit fliegenden Pantoffeln Gehör verschaffte. Sie war eine gute Schützin, ihre Geschosse schlugen stets in unserer Nähe auf und trafen keine von uns, sie dienten lediglich der Beendigung nicht enden wollender Diskussionen, die sie so für sich entschied. Ich hing an der Brust meiner Mutter, während meine ablas2 aus unserer Welt in die äußere und zu uns zurück spazierten. Auf mich wirkten sie sehr zufrieden, stifteten aber um sich herum viel Verwirrung. Die tägliche Zerreißprobe meisterten sie mit viel Humor, erlernter Einsamkeit, deutscher Disziplin, eisernem orientalischen Optimismus und dem unerschütterlichen Glauben an beschützende Geister. All dies sollte ich mir bald zu Eigen machen, doch das wusste ich damals noch nicht.
Mir blieb nur die Rolle der Stillen, in der ich mich schnell einrichtete. Und weil ich so brav war, wurde ich zur Favoritin meiner Mutter. Mich konnte man überallhin mitnehmen, ich machte keine Probleme und brachte sie nie in Verlegenheit. Im Gegensatz zu Nurperi, die mir fast sieben Jahre später folgen sollte und die den Mund gar nicht aufbekam, war ich kein Sonderling, vor dem sich alle ein wenig fürchteten. Ich antwortete nur, wenn ich gefragt wurde, stellte aber selbst keine Fragen. Ich war die perfekte Begleitung und bei allen Treffen willkommen. Ich saß bei ihr, wenn sie mit ihren Freundinnen über Gefahren und Unglück des dunklen Landes klagte, ich hörte mit, wenn sie mit meiner Großmutter in der Heimat telefonierte, sich ausweinte, Rat holte oder diese regelmäßig zu irgendeinem Hoca3 scheuchte, auf dass sie Unterstützung hole, wahlweise in Form eines Amulettes oder eine besprochene Packung Zucker, welches aufgelöst in Wasser zu sich genommen, das Böse vertreiben sollte; in Form von Almosen-Verteilung, um so den Allmächtigen für kürzlich begangene Sünden und mit Sicherheit bald anstehende milde zu stimmen. Was Ablass und Vergebung für ein ungeheuerliches Vergehen anbetraf, hätte sie es mit jeder Katholikin des Mittelalters aufnehmen können. Ich wusste um die Nöte ihrer Freundinnen, wusste wie Onkel Zahid, Tante Leylas Mann, seine Familie mit seiner Alkoholsucht ruinierte, wusste, dass Onkel Kemal sein gesamtes Gehalt verspielte, dass Tante Aliye dank ihres Fleißes schon das zweite Haus in der Heimat abbezahlt hatte.
Kurzum, ich führte ein zufriedenes Leben im Schatten meiner Mutter Selvi.
Und ich wusste, dass meine Mutter ihre Ehe wider alle Erwartung mit ihrem Traummann den Heiligen Hızır und İlyas verdankte. Dutzende Male hatte sie mir erzählt, wie sich das Wunder zugetragen hatte. Jedes Jahr, in der Nacht vom 5. auf den 6. Mai, treffen sich die Brüder von Land, Hızır, und Wasser, İlyas. Nur einmal im Jahr ist es ihnen vergönnt zusammenzukommen. Die Freude darüber ist so groß, dass über dem Ort, an dem sie sich treffen, zwei Sterne miteinander verschmelzen, um als Lichterregen auf die Erde niederzugehen. In diesem Augenblick steht die Welt still. Kein Wind weht, kein Blatt bewegt sich, selbst das Wasser erstarrt im Fluss. Die, der es vergönnt ist, diesen Augenblick zu erleben, kann sich wünschen, was immer ihr Herz begehrt, und es wird in Erfüllung gehen. Von jeher ziehen die Frauen Jahr um Jahr hinauf in die Berge, auf die Felder, an den Fluss. Jede schickt ihren Wunsch hinauf zum Himmel. Wer sich ein Kind wünscht, baut zarte Schaukeln aus Halmen und Blättern, wer sich verschuldet hat und auf Geld hofft, häuft sich Geldbündel aus Blättern und Münzen aus Kieselsteinen. Wer Genesung von langer Krankheit erhofft, betet in dieser Nacht besonders inbrünstig. So trägt eine jede ihren Wunsch bildlich und mündlich vor, in der Hoffnung, in dieser segensreichen Nacht erhört zu werden. Meine Mutter schwört, dass sie in jener Nacht gesehen habe, wie das Wasser aufhörte zu fließen, einfach stehenblieb. „Es dauerte nur einen winzigen Augenblick, doch es reichte, damit ich Gott meinen Herzenswunsch vortragen konnte. Ich wollte euren Vater! Und noch bevor der Monat um war, steckte der Verlobungsring an meinem Finger. Das ist die unumstößliche Wahrheit.“ Und weil meine ablas die Nacht des Hıdrellez als Aberglauben und die übersinnlichen Erfahrungen als optische Täuschung abtaten, oblag es mir, Mutter Jahr um Jahr mit ihren Freundinnen mangels quellenreicher Berge und Felder in den nahegelegenen Park zum Springbrunnen zu begleiten, wo sie sich an Gräsern, Blumen und Sträuchern vergingen, um Häuser, Autos, Armreifen, bündelweise Geld und Verlobungs- und Eheringe zu basteln.
Ich saß dabei, als sie ihren Freundinnen, die begierig waren zu hören, dass Selvis Töchter ebenso missraten waren wie ihre eigenen, vorweinte, dass meine älteste Schwester ein Opfer der Rheinfels Quellen4 sei. „Es muss am Wasser liegen, hier werden die Menschen dumm und blind für Wahrheiten!“ Ich sei gemein, sagt sie. Sehe ich denn nicht, dass ihre deutschen Freundinnen bis tief in die Nacht bei uns sitzen, während sie nach acht Uhr abends noch nicht einmal bei ihnen anrufen darf? „Nie lasse ich sie mit leeren Händen zu ihnen, immer gebe ich ihr Selbstgebackenes mit oder Geld für einen hübschen Blumenstrauß. Und was bringt mir diese Monika mit? Ein Tütchen bunte Seife! Ist es dann falsch, wenn ich meiner Tochter sage, sie solle ihnen das nächste Mal ein Päckchen Waschpulver mitbringen? Keiner will mir glauben, aber es ist wahr. Dieses abgefüllte faulige Flaschenwasser, das sie ständig trinken, trübt ihnen den Verstand…“, - unweigerlich folgte ihre Lieblingsklage: „Oh, Quellen meiner Heimat, so klar und frisch war das Wasser, es hat Tote zum Leben erweckt, die Sonne hat uns die Glieder gewärmt und unseren Geist wachgehalten…“, während ihre Freundinnen zähnefletschend nickten und versuchten, ihre Grimassen wie mitleidiges Lächeln aussehen zu lassen.
Ich wusste um die Ängste meiner Mutter, ihre Kinder an ein Land zu verlieren, dessen Sinnhaftigkeit sich ihr verschloss, während ihre Töchter in „diesem trüben Tümpel herumschwimmen, als seien sie Fische in klarem Wasser, in diesem Land ohne Sonne“. Sie hat diesem Umstand immer misstraut. Kinder, die in der Dunkelheit aufwuchsen, konnten nicht wohlgeraten. Was in ihrem Dorf unter freiem Himmel gedieh, musste hier eingetopft als Zimmerpflanze überleben, konnte keine Wurzeln schlagen in der warmen Erde, sich nicht der Sonne entgegenstrecken und am Regen satttrinken.
So bewachte sie uns mit Argusaugen, war sie doch überzeugt, dass wir sonst verdorren und verwelken würden. Sie wachte über unser Essen, unseren Schlaf, über unsere Freunde. Sie wachte über unsere Hausaufgaben, von denen sie nicht ein Wort verstand, und unsere Lehrerinnen, die sie regelmäßig heimsuchte, wenn es ihr gerade einfiel, um ihnen in Erinnerung zu bringen, dass wir „gutt Mädchen“ mit dem Ziel „große Schule“ und sehr fleißig waren, weil wir „viele, viele“ lernten. Mutter fürchtete um uns, und sie fürchtete sich vor allem. Seit Onkel Zahid, Vaters Kollege aus der Gießerei, dem Alkohol verfallen war, überprüfte sie jede Pralinenschachtel auf Weinbrandbohnen und warf dann vorsichtshalber die gesamte Packung weg. Mit Beginn der Flut türkischer Filme, die dank der Erfindung des Videogerätes in jedem türkischen Haushalt Einzug hielten, erfuhr Mutter von der Existenz von Drogen.
Gefallene Mädchen, die sich nachts in fragwürdigen Etablissements herumtrieben, wankten an zwielichtigen Gestalten vorbei, denen noch die Nadel im Arm steckte, mit der sie sich Heroin gespritzt hatten. Zuvor fiel die Unbedarfte einem Übelbeleumdeten in die Hände, der sie in der immergleichen Manier erst verführte, dann an Drogen gewöhnte, um sie hernach an dicke, glatzköpfige Männer mit Goldzahn zu verkaufen. Zum Schluss landete sie unweigerlich in der Gosse, nun Schulter an Schulter mit Zahnlosen, die vor sich hindämmerten. Immer fand die treusorgende Familie sie. Immer fühlte sie sich zu besudelt, ihnen noch in die Augen zu sehen, immer starb sie am Ende des Films, nun geläutert und einsichtig, in den Armen der gütigen, doch hilflosen Eltern, blutspuckend an der Schwindsucht oder schlicht an Scham. Der Bösewicht, der die Unschuldige ruiniert hatte, starb unweigerlich einen grausamen Tod. Er wurde entweder von der Polizei auf der Flucht erschossen, oder aber seine Komplizen ermordeten ihn auf bestialische Weise, weil er auch sie betrogen hatte. Wahlweise zerquetschten sie ihn zwischen Autos und Lastwagen, zwischen Autos und Betonwänden, zersiebten ihn mit Kugeln oder stürzten ihn profan von einer Brücke. Zum Schluss war die Tochter tot, aber gesühnt. Und die Moral von der Geschicht´: Lass die Augen von deiner Tochter nicht! Denn ein jeder war überzeugt, mehr eine animierte Dokumentation denn eine Schnulze mit Bluteinlage gesehen zu haben. Nach jedem Film folgte das immergleiche Ritual, tiefbewegte Eltern, zu Tode erschrocken, wandten sich an ihre unmündigen Kinder: „Diese Geschichten schrieb das Leben!“ Nichts hätte sie vom Gegenteil überzeugen können. Und Selvi wäre lieber gestorben, als ihre Töchter einem solchen Ende auszusetzen - „nie und nimmer“ war und blieb ihre Antwort auf unsere nicht enden wollende Bettelei, mit unseren Freundinnen ausgehen zu dürfen. Die Welt barg ungeahnte Gefahren, gegen die ihre „Küken“ nicht gewappnet waren, weil sie sich keines Besseren belehren lassen wollten.
So begann sie heimlich unsere Schultaschen nach Drogen zu durchsuchen. Und weil sie in der Eile vergaß, wo sie was herausgenommen hatte, stopfte sie willkürlich das Herumliegende in den nächsten Ranzen oder Rucksack. Es war nicht ungewöhnlich, dass ich die Hausaufgaben einer meiner ablas mitnahm, sie dafür ihre Tasche leer bis auf einen Turnbeutel, der mir nun fehlte, vorfand, oder das Mathematikbuch von Nursel abla, die dafür mein Englischbuch im Ranzen hatte, während sie im Französischunterricht saß. Einmal hatte İlknur abla, unsere älteste Schwester, eine Gummischlange in ihrem Rucksack versteckt, um sie zu erschrecken. Wir haben aber danach davon abgesehen, weil Mutter am Abend immer noch kreidebleich war. Vater musste sie immer wieder mit Eau de Cologne einreiben, weil sie ständig wegkippte. Sie konnte niemandem sagen, was geschehen war, denn damit hätte sie sich verraten.
Wir hatten alle unser Taschengeld zusammengelegt, um ein möglichst lebensechtes Exemplar kaufen zu können. Es hat aber nichts genutzt, kaum hatte sie sich vom Schock erholt, ging das Spionieren von neuem los. Aber jetzt trug sie Gummihandschuhe. Als İlknur abla irgendwann beiläufig von einem Agatha Christie-Roman erzählte, in dem der Bösewicht seine Beute mit Mausefallen gesichert hatte, verstand Mutter den Wink sofort. Von da an ging sie nur noch bewaffnet mit dem Teigroller an unsere Taschen. Handschuhe übergestreift, Roller gegriffen, husch, ins Zimmer, wusch, Tasche geschnappt, mit dem Teigroller herumgestochert und dann, handschuhbewehrt, folgte die große Durchsuchung. Lange nannten wir sie unter uns nur noch „Detective S.“.
Es hatte aber auch seine Vorteile. Immer wenn ich keine Lust auf die Schule hatte, stopfte ich zerknüllte Taschentücher in meinen Ranzen. Man konnte die Uhr danach stellen. In spätestens zwei Stunden würde Mutter fragen „Kind, du siehst krank aus, fehlt dir was?“. Ich war bereit: „Ach, ich fühle mich irgendwie nicht so gut, mein Kopf tut weh, mein Bauch auch und meine Nase läuft.“ Die übliche Antwort folgte auf dem Fuße: „Besser, du bleibst ein paar Tage zuhause.“ So stand ich lange im Ruf, anfällig zu sein, weshalb ich von Mutter jeden Winter hindurch in mehrere Schichten Wolle gepackt wurde, bevor ich das Haus verlassen durfte. Und weil sie meine schwache Natur vor Mikroben und Bakterien schützen wollte, wurde ich regelmäßig eingerieben, mein Mund ausgespült und jede Hand einzeln und ausgiebig desinfiziert, sodass mich ständig eine Wolke des von Mutter verteufelten und eigentlich mit Bann belegten Alkohols umgab. Dies waren weniger schöne Momente meines Lebens. Aber zu widersprechen wäre mir nicht eingefallen. Nicht, weil ich sie fürchtete, es hatte einfach keinen Sinn. Sie hörte nicht zu. Sie wusste, was gut für mich war, und damit war das Thema für sie beendet. Ich hatte an meinen ablas gesehen, wozu zu viele Widerworte führen konnten. Unweigerlich folgte eine mindestens halbstündige Tirade über die Plagen, die ihr jeden Wochentag aufs neue Krebs in den Leib pflanzten, der sie neun Monate getragen hatte, so dass sie vor der Zeit altern und sterben würde, wenn nicht an Krebs, so doch an gebrochenem Herzen, weil diese undankbaren Ungeheuer sie tagtäglich quälten, unhöflich und böse waren. Sollte das nicht ausreichen, warf sie gezielt einen Hausschuh.
Nur einmal wagte ich zu widersprechen. Ich bettelte schon lange um ein Paar Jeans, die Löcher an den Knien hatten. Sonst war Mutter bemüht, mir meine Wünsche zu erfüllen, aber sie blieb eisern, ganz gleich, was ich ins Feld führte, es blieb beim Nein.
Zu meinem Vater wollte ich nicht gehen, meine Schwestern und ich waren uns einig, dass er seit dem Vorfall mit meiner Nursel abla Schonzeit hatte. Vor zwei Wochen war sie zu ihm gegangen, nachdem Mutter ihr ein Paar hochhackige Pantoletten verweigert hatte. Sie war so verzweifelt nach Mutters Nein, dass Vater nicht anders konnte. Er ging mit ihr einkaufen, und sie suchte sich ein paar wunderschöne aus, solche hätte ich auch gerne gehabt. Das Geschrei war groß, als sie heimkamen. Meine abla zuckte nur die Achseln und sagte: „Vater haben sie gefallen.“, worauf Mutter antwortete: „Dann gefallen sie mir auch.“ Wir alle hörten die wirkliche Antwort hinter diesen Worten, einer von beiden würde büßen müssen. Ich bin mir ganz sicher, dass sie Nursel abla nicht verflucht hat, dazu liebt sie sie zu sehr. Doch, wie mein Vater schon sagte, das Leid der Mutter, das Leid der Ehefrau bleiben nicht ungesühnt. Meine abla ging nicht mehr ohne Pantoletten aus dem Haus und nichts Schlimmes geschah, sodass wir alle die Gefahr bald vergaßen. Doch dann, eine Woche nach dem verbotenen Kauf, kam sie humpelnd, mit einem Schuh in der Hand und verweint nach Hause. Sie war mit ihrem Absatz in einem Gully-Deckel steckengeblieben, mit dem Absatz der Fuß. Tapfer hatte sie versucht, beide mit einem Ruck zu befreien. Sie hatte einen Bänderriss, weshalb der linke Fuß nun in einer Schale steckte. Mutter verlor nicht ein Wort ihr gegenüber, was uns sehr erschreckte. Es hätte mindestens ein Pantoffel fliegen oder aber ein kleiner Hinweis folgen müssen, dass wir sie ins Grab brächten. In ihrem Zorn war sie gerecht und verteilte gleichermaßen auf uns alle. Doch nichts, kein Wort, gefährliche Stille. Erst als Vater am Abend nichtsahnend heimkam, wussten wir weshalb. Zuckersüß ging sie ihm entgegen, begrüßte ihn wie üblich, als kehrte er aus einer heldenhaften Schlacht heim, und rief dann nach meiner Schwester: „Komm Liebes, zeig deinem Vater deinen neuen Schuh, der wird ihm gewiss auch gefallen“. Es folgte kein Vorwurf, keine Klage, doch selbst meine Großmutter in der Heimat wusste schon am nächsten Tag, dass mein Vater seine Zweitgeborene zur Invalidin gemacht hatte.
Ich wollte aber nicht auf dieses wunderschöne Paar Hosen verzichten, dass ich mir schon hatte zurücklegen lassen, und insistierte weiter.
Die Antwort blieb die gleiche: „Was sollen die Leute denken? Sollen alle sagen, dass Süleyman seinen Töchtern keine anständigen Hosen kaufen kann? Sollen die Leute denken, Süleymans Töchter trügen anderer Leute weggeworfene Lumpen?“ „Ich bin eine eigenständige Person. Und ich habe einen Namen!“ kreischte ich. „Tja, den kennt nur keiner und gegeben hat ihn dir auch dein Vater.“ Und damit ließ meine Mutter mich stehen und verschwand in der Küche, aus der sie schrie, dass ich mich beeilen solle, loszugehen, wenn ich den Fruchtjoghurt noch wolle. „Dem Supermarkt ist es nämlich egal, wie du heißt, der schließt pünktlich!“. Ich rannte los, nach Fruchtjoghurt war ich süchtig.
