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Beschreibung

80 Jahre Abendgymnasium Innsbruck: Einblicke in die größte Schule des Zweiten Bildungsweges Westösterreichs. 800 Studierende mit rund 40 Muttersprachen und mehr als 40 Staatsbürgerschaften besuchen das Bundesgymnasium, Bundesrealgymnasium und Wirtschaftskundliche Realgymnasium für Berufstätige in Innsbruck – die größte Schule des Zweiten Bildungsweges in Westösterreich. Die Festschrift zum 80-Jahre-Jubiläum des Abendgymnasiums begibt sich auf eine Zeitreise: von den Anfängen als Arbeitermittelschule zu einer modernen Schule der Diversität. Sie versteht die Vielfalt in der Zusammensetzung der Lernenden als Herausforderung und Bereicherung. Das vorliegende Buch gibt Einblicke in das facettenreiche Bildungsangebot der Schule, das individuelle Lernwege ermöglicht. Das Abendgymnasium sieht sich als Ort der Orientierung und Beziehungsarbeit. Es schafft einen sozialen Begegnungsraum, der die Aneignung von Wissen und Kompetenzen fördert. Bildung entsteht durch den dialogischen Prozess zwischen Lernenden und Lehrenden.

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Seitenzahl: 511

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Horst Schreiber/Irmgard Bibermann (Hg.)

Begegnungsraum Schule80 Jahre Abendgymnasium Innsbruck

 

 

 

 

 

 

 

Erwachsene lernenSchriftenreihe des Abendgymnasiums Innsbruck

herausgegeben vonIrmgard Bibermann und Horst Schreiber

Band 5

Horst Schreiber/Irmgard Bibermann (Hg.)

Begegnungsraum Schule

80 Jahre Abendgymnasium Innsbruck

80 Jahre Abendgymnasium Innsbruck

Es ist mir eine besondere Freude, allen Absolventinnen und Absolventen, allen Lehrpersonen und allen aktuellen Lernenden des Abendgymnasiums Innsbruck meine herzlichen Glückwünsche zum 80-jährigen Bestehen der Schule zu übermitteln.

Das Abendgymnasium Innsbruck hat sich in den vergangenen 80 Jahren immer wieder den gesellschaftlichen Veränderungen und Herausforderungen gestellt und ist heute ein Ort der Vielfalt, der Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen willkommen heißt und Diversität auch als wertvolle Ressource für die Entwicklung der Lernenden versteht. Das außergewöhnliche Bildungsangebot Ihrer Schule ermöglicht insbesondere Berufstätigen den Zugang zu hochwertiger Bildung und hat sich im Laufe der Jahrzehnte als unverzichtbare Säule für den Zweiten Bildungsweg etabliert.

Ein solcher Erfolg wäre ohne die unermüdliche Arbeit der engagierten Lehrpersonen und der Schulleitungen in den vergangenen 80 Jahren nicht denkbar. Die Pädagoginnen und Pädagogen des Abendgymnasiums Innsbruck haben heute wie in den vergangenen Jahrzehnten mit ihrem Wissen, ihrer Begeisterung für die Wissensvermittlung und ihrem Engagement unzähligen Lernenden neue Wege eröffnet. Sie sind zu Begleiterinnen und Begleitern in der persönlichen und beruflichen Entwicklung ihrer Studierenden geworden. Ihre Arbeit ist das Herzstück des Abendgymnasiums und dafür gebührt ihnen mein Dank.

Dass das Abendgymnasium Innsbruck auch pädagogische Innovationen ermöglicht hat, die weit über die Schule hinausgehen, zeigen gerade die Arbeiten im Bereich der Holocaust Education, der Theaterpädagogik sowie die Entwicklung des „Matura-Fernstudiums mit Sozialphasen“.

Ein herzliches Dankeschön an das gesamte Team des Abendgymnasiums Innsbruck für die Arbeit und den Beitrag zur Eröffnung neuer Chancen für alle Lernenden. Möge diese Publikation nicht nur ein Rückblick auf die vergangenen 80 Jahre sein, sondern auch ein Ausblick in eine chancenreiche Zukunft.

Christoph WiederkehrBundesminister für Bildung

Tirols Abendgymnasium wird 80

Geschätzte Lehrkräfte und Studierende, liebe Leserinnen und Leser!

Ganz gleich, wann im Leben man sich entscheidet – es ist niemals zu spät, Neues zu lernen, seinen Interessen nachzugehen und dem eigenen Traum ein Stück näherzukommen. Seit 80 Jahren ist das Abendgymnasium Innsbruck ein Ort solcher Vielfalt, an dem sich ungekannte Perspektiven eröffnen.

Rund 800 Studierende aus Tirol, Vorarlberg, Südtirol und darüber hinaus vereint das Abendgymnasium – und entfaltet damit eine ebenso internationale wie inspirierende Lernatmosphäre. Das breitgefächerte Angebot richtet sich gezielt an Menschen, die sich neben Beruf, Familie oder sonstigen Verpflichtungen ihrer Allgemeinbildung verschrieben haben. Ob auf klassischem oder kompaktem Wege – immer auf die aktuelle Lebensrealität zugeschnitten und am Puls der Zeit. Pionierarbeit leistete das Abendgymnasium mit der Etablierung eines Matura-Fernstudiums, das bereits in den 1990er Jahren die Eigenverantwortung der Studierenden stärker in den Fokus rückte.

Was das Abendgymnasium besonders auszeichnet? Sein Plädoyer für Menschlichkeit und gegenseitige Wertschätzung, für Verantwortung und gleichzeitige Verbindlichkeit. Das Abendgymnasium bringt Bildung an die Menschen – niederschwellig, mit modernen didaktischen Konzepten und einem klaren Bekenntnis zur gesellschaftlichen Teilhabe.

Dass dabei Gemeinschaft und Individualität gleichermaßen Raum finden, ist dem großen Engagement der rund 50 Lehrpersonen sowie der umsichtigen Leitung von Direktorin Annegret Scheuringer zu verdanken. Für diese wertvolle Arbeit und das anregende Miteinander – auch über den Unterricht hinaus, wie der hauseigene Verein für Kultur und Kommunikation beweist – spreche ich meine große Anerkennung und meinen herzlichen Dank aus.

Dem Abendgymnasium wünsche ich eine weiterhin erfolgreiche Zukunft und viele neugierige Studierende voller Bildungsdrang. Herzliche Gratulation zum 80-jährigen Bestehen!

IhreMag.ª Dr.in Cornelia HageleLandesrätin für Gesundheit, Pflege,Bildung, Wissenschaft und Forschung

80 Jahre Abendgymnasium Innsbruck

Das Abendgymnasium Innsbruck wurde als Arbeitermittelschule 1945 gegründet ‒ zu einer Zeit, als allen bewusst war, dass Lebenswege nicht immer geordneten Bahnen folgen, sondern Umwege oft gar nicht zu vermeiden sind. Seine Geschichte zeigt, wie man über Bildung Chancen schafft und Lernwilligen hilft, diese Chancen auch zu ergreifen.

Allen Hindernissen zum Trotz.

Denn wie viele Studierende an der Abendschule musste auch das Gymnasium selbst zunächst Hürden bewältigen und Durchhaltevermögen beweisen. Doch Beharrlichkeit allein führt nicht ans Ziel. Es braucht auch eine gute Portion Lernbereitschaft ‒ den Mut, sich zu verändern und die Fähigkeit, sich an Lebensrealitäten anzupassen. Erst wenn man die besonderen Bedürfnisse in der Erwachsenenbildung kennt, kann man allen ‒ auch benachteiligten Gruppen ‒ den Weg zur weiterführenden Bildung eröffnen.

Für manche war es die zweite Chance zur Matura. Für viele aber auch die einzige Chance.

Heutzutage ist lebenslanges Lernen angesagt. Abendschulen bekommen damit einen neuen Stellenwert. Das über die Jahre immer wieder sehr innovative Abendgymnasium Innsbruck wurde und wird daher in vielen Bereichen zum Vorbild.

Vor allem aber ist es ein Bekenntnis zur Bildung.

Bildung, die allen offensteht.

Offen, unabhängig von sozioökonomischer Herkunft, von Geschlecht, von Alter.

Offen für eine Welt, die sich laufend ‒ und oft auch überraschend ‒ verändert.

Die vorliegende Publikation ruft uns die Geschichte des Abendgymnasiums in Erinnerung – sie erinnert uns aber auch daran, dass Bildung in einer modernen Wissensgesellschaft allen zugänglich sein muss.

Zu lernen und lernen zu wollen, ist zutiefst menschlich.

Bildung ist Menschenrecht.

Johannes AnzengruberBürgermeister der Landeshauptstadt Innsbruck

Das Gymnasium für Berufstätige – Ein Hoffnungsraum

Schule ist seit jeher ein Raum der Hoffnung, in dem Zukunft und Form unseres gesellschaftlichen Zusammenlebens aktiv gestaltet werden. Kurz nach Kriegsende zwischen Trümmern für eine ebenso in Trümmern liegende Gesellschaft als Möglichkeit gegründet, durch die Grausamkeiten des Krieges verunmöglichte Bildungslaufbahnen nachzuholen, trifft das für das Innsbrucker Gymnasium für Berufstätige in besonderer Weise zu. Damals wie heute galt es, Menschen aus dem Gefühl des „Abgehängtseins“ zu befreien und Perspektiven anzubieten, Bildung nicht nur als Schlüssel für einen besseren Zugang zum Arbeitsmarkt, sondern vor allem als wichtigen Beitrag für die Entwicklung von Persönlichkeit und als Grundlage einer demokratischen Gesellschaft zu vermitteln.

Die Voraussetzungen und Umstände, unter denen 1945 die Arbeitermittelschule ins Leben gerufen wurde, sind für uns heute unvorstellbar. Die bittere Not dieser Zeit sollte uns Mahnung sein, der Zerstörungswut diktatorischer und autokratischer Systeme entgegenzutreten und alles daran zu setzen, eine Wiederholung der Geschichte nicht zuzulassen. Im Jahre 2025 geraten Demokratien zunehmend unter Druck. Der rasche gesellschaftliche und technologische Wandel stellt Schulen vor die Herausforderung einer bis dahin nie gekannten Diversität der Lernenden. Bildungsbiografien werden zunehmend vielfältiger, verworrener und lückenhafter. Umso wichtiger wird die Rolle der Bildungsangebote für Erwachsene und damit auch die des Abendgymnasiums Innsbruck. Wie zur Zeit der Gründung gilt es, Menschen die Möglichkeit zu bieten, ihrem Hunger nach Bildung Nahrung zu geben, und somit einen bedeutsamen Beitrag zur Bewahrung und Verteidigung einer demokratischen Gesellschaftsordnung mit einer entsprechenden Wertehaltung zu leisten. Teilhabe an partizipativen Prozessen der Demokratie braucht umfassende Allgemeinbildung, macht es notwendig, Menschen neben einer qualifizierten Berufsausbildung einen umfassenden Blick auf die Zusammenhänge zwischen Natur, Technik, Kultur und sozialem Gefüge zu vermitteln. Und so ist es mehr als erfreulich, dass es das Innsbrucker Abendgymnasium nicht nur gibt, sondern dass es sich ungebrochen regen Zuspruchs der Studierenden erfreut.

Wir sollten im Rückblick jedoch nicht nur die Not und das Leid der Gründerjahre betrachten. Der Erfolg, der sich trotz aller (Anfangs-)Schwierigkeiten eingestellt hat, ist auch ein Zeichen dafür, was Entschlossenheit, Mut und Ausdauer bewirken können. Und er zeigt uns, worauf es bei erfolgreicher Bildung ankommt: Auf Menschen, die sich unermüdlich dafür einsetzen, das Lernen zu gestalten, die sich bewusst sind, dass in jedem Menschen Potenziale schlummern, die es zu erwecken gilt. Deswegen sei an dieser Stelle die Ausdauer und Kreativität der Schulleitungen und Lehrenden gewürdigt, die in all den Jahren immer wieder neue Wege gesucht haben, Schule und Unterricht weiterzuentwickeln und die sich mit den individuellen Bedürfnissen und Möglichkeiten ihrer Studierenden auseinandergesetzt haben. Und auch wenn 80 Jahre nach der Gründung digitale Formen des Lernens mehr und mehr das Angebot bestimmen: Die Beziehungen zwischen den Lernenden und Lehrenden sind und bleiben es, die letztlich den Unterschied zwischen Wissen und Bildung ausmachen.

Ich wünsche dem Abendgymnasium Innsbruck und vor allem den darin agierenden Lehrenden und Lernenden weiterhin viel Innovations- und Schaffenskraft, Zuspruch und Erfolg! Sie gestalten einen ganz besonderen Mosaikstein des Tiroler Schulwesens, dessen Fehlen eine fatale Lücke in unserer Bildungslandschaft hinterlassen würde.

Thomas NeuwirthSchulqualitätsmanager der Bildungsregion Tirol Mitte

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

seit seiner Gründung vor 80 Jahren hat das Abendgymnasiums Innsbruck unzähligen Erwachsenen den Weg zur höheren Bildung eröffnet. Diese Festschrift ist deshalb nicht nur eine Rückschau auf acht Jahrzehnte engagierter Bildungsarbeit, sondern auch eine Würdigung all jener berufstätigen Menschen, die den Mut und das Engagement aufgebracht haben, sich neben Arbeit und Familie weiterzubilden.

In unserer sich stetig wandelnden Arbeitswelt gewinnt lebenslanges Lernen immer mehr an Bedeutung. Die Anforderungen an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verändern sich kontinuierlich, und wer sich weiterentwickelt, schafft neue berufliche Perspektiven und Entfaltungsmöglichkeiten. Das Abendgymnasium Innsbruck bietet seit jeher die Möglichkeit, Bildungswege nachzuholen, und das unabhängig von Alter, Herkunft oder bisherigen Lebensläufen.

Mein Dank gilt allen Lehrkräften, Unterstützern und Wegbegleitern, die dieses besondere Lernumfeld gestalten und es damit ermöglichen, dass Bildung für Erwachsene nicht nur eine Vision, sondern gelebte Realität ist.

Möge diese Festschrift Inspiration sein – für all jene, die bereits ihren Bildungsweg am Abendgymnasium Innsbruck beschritten haben, und für diejenigen, die diesen mutigen Schritt noch vor sich haben.

HerzlichstErwin ZangerlAK-Präsident

Achtzig Jahre Bildung für alle

Acht Jahrzehnte Abendgymnasium Innsbruck – ein stolzes Jubiläum, das nicht nur Zahlen, sondern auch Lebensgeschichten erzählt. 1945 als Arbeitermittelschule vom Österreichischen Gewerkschaftsbund und der Arbeiterkammer gegründet, entstand aus einer Vision von Bildungsgerechtigkeit eine Institution, die bis heute Menschen auf ihrem ganz persönlichen Bildungsweg begleitet. Seit seiner Gründung steht das Abendgymnasium Innsbruck für einen offenen Zweiten Bildungsweg – für Hoffnung, für Wandel, für neue Chancen.

Dieses Buch würdigt die 80-jährige Geschichte einer Schule, die in ihrer Entwicklung stets auf gesellschaftliche Veränderungen reagiert hat. Es dokumentiert die Entstehung und Transformation einer Bildungsstätte, die seit jeher ein Ort des Aufbruchs ist – für Erwachsene jeden Alters, jeder Herkunft, jeder Lebenslage. Hier lernen Menschen, weil sie sich weiterentwickeln wollen. Weil sie sich – mit Mut und Ausdauer – auf einen Weg begeben, der nicht immer einfach ist, aber immer bereichernd.

Das Abendgymnasium Innsbruck ist heute mehr denn je eine Schule der zweiten Chance – aber auch der ersten Wahl für alle, die Bildung nicht als Privileg, sondern als Menschenrecht begreifen. Als einzige Institution ihrer Art in Tirol bietet sie Erwachsenen eine Schule, die Werte wie Menschlichkeit, Verantwortung und Offenheit nicht nur vermittelt, sondern lebt.

Dieses Jubiläumsbuch ist ein Rückblick – aber auch ein Ausblick. Es spiegelt die Vielfalt der Menschen, die das Abendgymnasium geprägt haben: Lernende und Lehrende, Visionär:innen und Begleiter:innen, Persönlichkeiten mit Geschichten. Möge es uns alle daran erinnern, wie viel Kraft in Bildung steckt – und wie bedeutsam Orte sind, die diese Kraft freisetzen.

In diesem Sinne: Alles Gute zum 80-jährigen Bestehen, Abendgymnasium Innsbruck!

Sonja Föger-KalchschmiedGeschäftsführende Landesvorsitzende des ÖGB Tirol

Inhalt

Vorwort der Direktion

Das Abendgymnasium Innsbruck gestern und heute: eine Zeitreise

Horst Schreiber

Der Aufstieg zum zweitgrößten Abendgymnasium Österreichs (1945–2000)

Irmgard Bibermann

Das Abendgymnasium Innsbruck im 21. Jahrhundert

Michael Bürkle

Das Abendgymnasium in Zahlen (2015–2025)

Das Leitungsteam

Horst Schreiber

Annegret Scheuringer – Direktorin des Abendgymnasiums Innsbruck

Irmgard Bibermann

Lukas Bittner – Was zählt, ist Menschlichkeit

Irmgard Bibermann

Nicole Filipiak – Schule als „Lebenschance“

Irmgard Bibermann

Katrin Lengauer-Stockner – „Am Abendgymnasium hat das Lernen wieder Spaß gemacht.“

Horst Schreiber

Sandra Rudic – Managerin im Sekretariat

Horst Schreiber

Ingrid Staud – Chefredakteurin des Jahresberichts

Bildung als Beziehungsarbeit

Monika Liengitz

Bildung und ihr Beitrag zu einem gelingenden Leben

Barbara Hörl

Bildung braucht Beziehung – Biografiearbeit im Unterricht der Erwachsenenbildung

Perspektiven der Studierenden

Horst Schreiber

Didem Abdullah – „In die Schule gehen zu können, war mein größter Wunsch.“

Horst Schreiber

„Kiki“ Kidari Oumayma – Die Sinnsucherin

Horst Schreiber

Elias Gabriel Mioud – „Die Schule hat mir neue Lebensperspektiven eröffnet.“

Horst Schreiber

Debora Furo – „Der Zuwachs an Wissen hat mich weitergebracht.“

Irmgard Bibermann

Eva-Maria Strobl – „Es ist schön, Teil der ‚Community des Abendgymnasiums‘ zu sein.“

Vielfältige Bildungsangebote

Birgit Neuner-Mühlböck

Das „Matura-Fernstudium mit Sozialphasen“ am Abendgymnasium Innsbruck – Rückblick auf die Jahre 2010–2024

Anja Vergeiner

Begabtenförderung am Gymnasium für Berufstätige

Anja Vergeiner

Bildungslaufbahnen und die Rolle der Bildungsberatung

Birgit Neuner-Mühlböck

Erasmus+ am Abendgymnasium Innsbruck – Bildung öffnet neue Türen: Europa, wir kommen!

Ingrid Staud

Der Jahresbericht – eine wichtige Dokumentation unseres Schullebens

Irmgard Bibermann

ERINNERN:AT am Abendgymnasium Innsbruck – Für eine lebendige, reflektierte Erinnerungskultur

Irmgard Bibermann

Darstellendes Spiel: Ein vielfältiges Unterrichtsfach

Melanie Degasperi / Nina Ciaghi / Margit Eidelpes / Gitti Fuchs / Stefania Kerschbaumer / Katrin Lengauer-Stockner / Mirjam Pohler / Gudrun Priester / Annegret Scheuringer / Heide Schwarz / Elisabeth Wille

Verein für Kultur und Kommunikation am Abendgymnasium Innsbruck – Eine Polyphonie in der Schulgemeinschaft

Lina-Marie Müller

Schulpsychologische Sprechstunde am Abendgymnasium Innsbruck

Mario Andrisec

Jugendcoaching am Abendgymnasium Innsbruck

Alexandra Ladner-Zangerl

Bildung ist Bewegung – auch außerhalb der Schule

Gitti Fuchs

Gemeinsam in Rom

Alexandra Ladner-Zangerl

Mit Erasmus+ die Côte d’Azur entdecken – Ein Schüleraustausch voller Erlebnisse

Blickwinkel der Absolventinnen und Maturanten

Irmgard Bibermann

Valentin Bichler – „Schule geht auch anders.“

Horst Schreiber

Monika Manolova – „Ich bin auf jeden Fall sehr, sehr stolz auf mich, dass ich das mit der Matura durchgezogen habe.“

Irmgard Bibermann

Juraj Ivkovac – „Man braucht Mut, die zweite Bildungschance zu ergreifen.“

Irmgard Bibermann

Marco Marthe – „Das Abendgymnasium hat mein Leben verändert.“

Horst Schreiber

Meral Onay – „Die Abendschule ist voller Überraschungen.“

Irmgard Bibermann

Martin Maier – Lehrer – Autor – Freigeist

Stimmen und Bilder

Irmgard Bibermann

Klemens Wolf – Erinnerungen an einen besonderen Kollegen

Lisa Scheurer

Lehren am Abendgymnasium: Einblicke aus dem ersten Jahr

Elisabeth Wille

Vom Lehramt zur Tanztherapie und wieder zurück

Georg Neuhauser

Lehrer, Ritter, Berggeist und Rockstar – eine ironische Kurzbiografie

Schulgemeinschaft am Abendgymnasium Innsbruck: eine Fotostrecke

 

Anmerkungen

Quellen und Literatur

Orts- und Personenverzeichnis

Vorwort der Direktion

Liebe Leserinnen und Leser, liebe Kolleginnen und Kollegen, liebe Studierende,

es ist mir eine besondere Ehre, gemeinsam mit Ihnen und Euch das 80-jährige Bestehen unserer Schule feiern zu dürfen. Das Jahr 1945 markiert nicht nur das Ende des Zweiten Weltkriegs, sondern auch die Gründung unserer Schule – der Arbeitermittelschule – in Zusammenarbeit mit der Arbeiterkammer Tirol, dem Österreichischen Gewerkschaftsbund und der Volkshochschule Innsbruck. Ein solches Projekt unmittelbar nach dem Kriegsende ins Leben zu rufen, war eine bemerkenswerte und zukunftsweisende Entscheidung.

In den vergangenen acht Jahrzehnten hat sich vieles verändert. Der Weg vom ersten Schulbetrieb bis hin zum heutigen Bundesgymnasium war lang und von kontinuierlicher Entwicklung geprägt. Diese Entwicklung ist nie abgeschlossen: Es bedarf stets neuer Schritte, um unsere Schule an die sich wandelnden gesellschaftlichen Anforderungen und insbesondere an die Lebensrealitäten und Bedürfnisse der Studierenden anzupassen.

Seit Februar 2004 darf ich an dieser Schule unterrichten und an ihrer Weiterentwicklung mitwirken, nunmehr seit fast 22 Jahren. Es war und ist mir stets eine Freude, Teil dieses engagierten und wertschätzenden Kollegiums zu sein.

In allen Generationen haben sich Studierende immer wieder konstruktiv eingebracht, sodass Schule aus allen Perspektiven gestaltet werden konnte. Es war und ist uns immer ein Anliegen, dass Unterricht auf Augenhöhe stattfindet. Eine gute Schulgemeinschaft muss gepflegt und gelebt werden, damit sie wachsen und gedeihen kann.

Dieses Buch widmet sich biografischen Beiträgen, um individuelle Lebenswege und zeitgeschichtliche Kontexte sichtbar zu machen. Sie sollen die Bedeutung unserer Schule in der Tiroler Bildungslandschaft eindrucksvoll unterstreichen.

Mein besonderer Dank gilt Irmgard Bibermann und Horst Schreiber, die dieses Buch ehrenamtlich und mit großem Einsatz in ihrer Freizeit für das Jubiläum verfasst haben. Ebenso danke ich der Bildungsdirektion Tirol, dem Land Tirol, der Stadt Innsbruck, der AK Tirol, dem ÖGB Tirol sowie allen weiteren Unterstützenden und Sponsorinnen und Sponsoren für ihre großzügige Hilfe.

Annegret ScheuringerDirektorin

DAS ABENDGYMNASIUM INNSBRUCK GESTERN UND HEUTE: EINE ZEITREISE

Horst Schreiber

Der Aufstieg zum zweitgrößten Abendgymnasium Österreichs (1945–2000)

„Geben Sie für die Tiroler Volks- und Bürgerschulen nur einen Teil dessen, was Sie zum Bau von Schweineställen in Imst und anderswo ausgeben (…), nur einen Teil, mehr verlangen wir nicht,“1 forderte der sozialdemokratische Abgeordnete Josef Prantl 1925 im Tiroler Landtag. Das Schulsystem war völlig unterfinanziert, Dutzende Kinder fristeten ein elendes Bildungsdasein in überfüllten Klassen, die Lehrerarbeitslosigkeit vernichtete Existenzen, Lehrerinnen schieden wegen Schwangerschaft aus dem Schuldienst, Arbeiter- und Bauernkindern war der Zugang zu höherer Bildung versperrt. Was in Linz und Graz 1928/29 gelang und in Wien wenigstens 1923 zu einem Vorbereitungskurs für Lehrlinge bzw. 1925 zu einem „Mittelschulkurs für sozialistische Arbeiter“ führte,2 scheiterte in Innsbruck am Budgetsparkurs der Landesregierung: die Gründung einer Arbeitermittelschule. Prantl hatte 1929 einen Antrag zur Errichtung eines solchen Schultyps „für die westlichen Alpenländer“ gestellt, dem kein Erfolg beschieden war. Bereits die erste Verlautbarung in der Presse habe viele Menschen aus allen möglichen Berufen, auch talentierte Lehrlinge, dazu veranlasst, sich an ihn zu wenden: „Leute, die von einem beinahe faustischen Wissensdurst erfüllt sind, die alle lernen wollen, um ihren Wissensdurst zu befriedigen.“3

ÖGB und AK gründen die Arbeitermittelschule Innsbruck

1945 lag Innsbruck in Trümmern. Die Schulen hatten im Krieg ihren Bildungsauftrag vernachlässigt und die männliche Jugend der Front zugeführt oder als Luftwaffenhelfer gegen die angelsächsischen Bomberverbände eingesetzt. Nicht nur junge Menschen aus dem Proletariat und Bauernstand, auch jene aus bürgerlichen Kreisen waren aus ihrer Berufsausbildung und ihrem schulischen Werdegang herausgerissen worden. Der Bedarf, die Matura nachzuholen oder sie abzuschließen, war offenkundig, ein neuer Schultyp, der diesem Ansinnen Rechnung trug, dringend nötig, so Univ.-Doz. Dr. Michael Koch:

„Im August 1945 trat ich an den kommissarischen Leiter der Arbeiterkammer und die Funktionäre des Gewerkschaftsbundes mit dem Vorschlag heran, eine Volkshochschule und Arbeitermittelschule zu errichten, ein Vorschlag, der sofort mit Zustimmung aufgenommen wurde. Schon im September begannen die Vorarbeiten mit einem Aufruf an die Lehrerschaft, sich zur Mitarbeit zu melden. Zwei Wochen später wurde die Eröffnung einer Arbeitermittelschule angekündigt, zu der sich 150 Teilnehmer meldeten. Mit den eigentlichen Kursen der Volkshochschule wurde schrittweise im Dezember 1945 begonnen.“4

Im Sommer 1945 gründeten Koch, Leo Kaspar und ÖGB-Vorsitzender Karl Knechtelsdorfer (SPÖ) den Verein Volkshochschule. Kaspar wurde Leiter der Volkshochschule und erster Direktor der Arbeitermittelschule, die organisatorisch Teil der Volkshochschule war. „Die Gründung der Arbeitermittelschule in Innsbruck geht auf eine Anregung leitender Tiroler Gewerkschaftler zurück, die dann von der Kammer für Arbeiter und Angestellte in Innsbruck mitentscheidend gefördert wurde,“ betonte Knechtelsdorfer 30 Jahre später.5 An die erste Versammlung erinnerte sich Karl Fink folgendermaßen:

„Es war ein Herbstabend des Jahres 1945, als sich in den Räumen der Arbeiterkammer über 200 Menschen zusammendrängten. Die Gründer der Schule, Univ.-Doz. Dr. Karl Michael Koch und Prof. Dr. Leo Kaspar, standen vor der großen Schwierigkeit, aus dieser Masse von Wißbegierigen, Neugierigen oder wie man sie nennen sollte, Schüler einer ernst zu nehmenden Schule zu machen. Wahrhaftig keine Kleinigkeit. Noch dazu in einer Zeit, da die Klassenräume kaum geheizt waren, Lehrer und Schüler abgemagert und kraftlos nichts anderes besaßen als ihren inneren Glauben an den Wiederaufstieg. Dem Massenansturm dieser ersten Tage folgte bald Ernüchterung. Viele sahen ein, daß der Schulbesuch keine Unterhaltung war und blieben aus. Bloß diejenigen, die dem Schillerworte ‚Nur Beharrung führt zum Ziel‘ folgten, waren in den nächsten Jahren mit dabei“.6

Im November 1945 wurde der Unterricht mit zwei ersten Semestern und einem dritten Lehrgang eröffnet, in dem jene Studierenden saßen, die bereits vor oder während des Krieges eine höhere Schule besucht, aber nicht abgeschlossen hatten.7 Der Unterricht fand in einem Raum der Arbeiterkammer und in Klassenzimmern der Bundesrealschule am Adolf-Pichler-Platz statt. Im September 1946 erfolgte der Wechsel ins BG/BRG Angerzellgasse (Akademisches Gymnasium). Mit 3. Dezember 1945 genehmigte Landesschulinspektor Manfred Mumelter die Lehrgänge an der Arbeitermittelschule „im Hinblick auf das derzeitige große Bedürfnis nach Weiterbildung der auch bereits Berufstätigen“.8

Leo Kaspar (Direktor 1945–1947)

Leo Kaspar (© Volkshochschule Innsbruck)

Leo Kaspar kam am 23. August 1897 in der niederösterreichischen Kleinstadt Laa an der Thaya als Sohn des Landesbezirkstierarztes Wenzel Kaspar und dessen Frau Leopoldine, geborene Hasenfuß, auf die Welt. 1915 maturierte er mit Auszeichnung am Gymnasium in Krems. An der Universität Wien legte er Rigorosen aus indischer Philologie, Altertumskunde und Philosophie ab, 1919 promovierte er mit 21 Jahren als jüngster Doktor der Universität Wien. Kaspar war derart vielseitig begabt, dass er zudem Naturwissenschaften, Sanskrit, Germanistik, Orientalistik, Kunstgeschichte und Geschichte studierte. 1923 schloss er die Lehramtsprüfung in Philosophie, Naturgeschichte und Geografie ab. Er beteiligte sich an historischen Ausgrabungen und publizierte zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in den Bereichen der Zoologie, Botanik, Mineralogie, Geologie, Paläontologie, Anthropologie, Prähistorie und Ethnographie. Da sein Vater bereits 1914 verstarb, bestritt Kaspar seinen Lebensunterhalt ab seinem 17. Lebensjahr mit Übersetzungen wissenschaftlicher Literatur aus dem Englischen, Französischen und Italienischen. Er arbeitete für Museen und wissenschaftliche Institute, zudem erstellte er für die Industrie geologische Fachgutachten.

Ab 1923 arbeitete Kaspar als Mittelschullehrer, in der Lehrbuchkommission des Unterrichtsministeriums und als Schulreformer im Stadtschulrat Wien. Als Erwachsenenbildner hielt er in allen Bezirken Wiens Vorträge an den Volkshochschulen und leitete das Seminar für Volkshochschuldozenten.9

Nach der Machtübernahme der NSDAP im März 1938 wurde Kaspar in den zeitlichen Ruhestand versetzt und auch der Volkshochschule verwiesen, er war seit 1928 mit einer Jüdin verheiratet und ein bekannter Gegner des Nationalsozialismus. Zeitweise war er inhaftiert. Berufungen an das Orientalische Institut in Brüssel und an das Geschichtsinstitut der Universität Gettysburg in den USA scheiterten, weil die NSBehörden Kaspars Frau nicht ausreisen ließen. Am 1. Oktober 1942 wurde er dienstverpflichtet und arbeitete bis 31. März 1945 als kaufmännischer Angestellter in den Heinkel Flugzeugwerken. Im Zuge von Betriebsverlagerungen in das Zweigwerk Jenbach kam Kaspar mit seiner Frau im April 1945 nach Tirol. Im August 1945 suchte er beim Landesschulrat für Tirol um einen Dienstposten an: „Ich würde gerne mit besten Kräften meinen Beitrag zur Erziehung unserer Jugend zu den neuen Idealen der Ordnung, des Rechtes, der Menschlichkeit, zu einer neuen Geistigkeit und Schlichtheit und zu guten, braven Österreichern leisten wollen.“10

Im Sommer 1945 war Kaspar einer der Mitgründer des Vereins Volkshochschule, er wurde schließlich ihr erster Leiter und auch erster Direktor der Arbeitermittelschule Innsbruck, nachdem er zuvor in der Bundeslehrer- und Lehrerinnenbildungsanstalt angestellt worden war. In der Nacht vom 17. auf den 18. Februar 1947 kam er als Fußgänger bei einem Verkehrsunfall in der Hallerstraße in der Nähe des Rumer Hofes unter ungeklärten Umständen ums Leben. Seine Frau Fanny, beidseitig gelähmt, schrieb an Landesschulinspektor Manfred Mumelter:

„Dieses furchtbare Unglück ist für mich immer noch unglaublich und unfassbar! Mein lieber Mann war mit Leib und Seele Lehrer und hat sich hier in Tirol ganz besonders wohl gefühlt. Obwohl er schwere persönliche Sorgen hatte – ich liege schon seit 1 1/2 Jahren hier im Krankenhaus [Schwaz] – hat er seine Pflichten aufs Genaueste erfüllt. Dieses Pflichtbewusstsein hat ihn auch dazu bewogen, in jener unseligen Nacht zu Fuß von Schwaz nach Innsbruck zu gehen. Wie viel hätte er noch leisten können! Es ist einfach absurd, daß ich lebe und er sterben musste!“11

Stadtschulinspektor Josef Leitgeb, Kaspars Kurzzeit-Nachfolger an der Spitze der Volkshochschule und der Arbeitermittelschule, betonte in seinem Nachruf im Radio:

„Eine besondere Herzenssache bildete für Prof. Kaspar die im Rahmen der Volkshochschule gegründete Arbeitermittelschule. Seine letzte Arbeit für sie bestand in der Schaffung der Voraussetzungen für das vom Unterrichtsministerium zu erteilende Öffentlichkeitsrecht. Es besteht begründete Aussicht, daß es auf Grund der von Kaspar geleisteten Vorarbeiten gelingt, die Genehmigung zu erhalten, so daß im Schuljahr 1948/49 die ersten Reifeprüfungen durchgeführt werden könnten. (…) Die große, hagere Erscheinung, vom Kummer der letzten Jahre sichtbar gezeichnet, war von jener angeborenen, nicht erlernbaren Vornehmheit, der man bei österreichischen Gelehrten oft begegnet. Bestes Wienertum tat sich in der konzilianten Art seines Sprechens und Verhandelns kund, Höflichkeit und Humor machten den Verkehr mit ihm angenehm, die Beweglichkeit seines Geists regte den Gesprächspartner an, sein Idealismus riß einen mit, seine feine und tief gütige Menschlichkeit tat einem vom Herzen wohl.“12

Horst Schreiber

Karl Fink: Der Pionier und seine „Bildungshelden“

Am 17. Februar 1947 fiel Direktor Leo Kaspar einem Verkehrsunfall zum Opfer. Der Schriftsteller Josef Leitgeb, Schulinspektor der Stadt Innsbruck, übernahm interimistisch die Leitung von Volkshochschule und Arbeitermittelschule. Am 27. März ernannte der Landesschulrat Karl Fink zum neuen Direktor. Er war bis dahin Lehrer an der Schule und hatte zusätzlich die unbezahlte Arbeit eines Administrators ausgeübt. Im Folgemonat stellte die Volkshochschule den Antrag an das Unterrichtsministerium, der Arbeitermittelschule das Öffentlichkeitsrecht zu erteilen. Fink nahm mit dem Direktor der Arbeitermittelschule Linz Kontakt auf, um den Aufbau der Abendschule in Innsbruck mit dessen Erfahrungswissen voranzutreiben.13 Landesschulinspektor Manfred Mumelter wollte die Arbeitermittelschule wie eine Tagesschule geführt wissen, zudem drang er auf eine Reduktion der Studierendenzahlen. Seine Inspektion erweckte den Eindruck, als ob an der Arbeitermittelschule Chaos herrschen würde und ein großer Teil der Studierenden ungeeignet wäre:

„Der Besuch vieler Schüler war äußerst unregelmäßig. Die Schüler des 3. Lehrganges erschienen in der 1. Stunde nicht zu Beginn, sondern waren erst gegen Ende der Unterrichtsstunde vollzählig, in Unterrichtsstunden, die einzelnen Schülern nicht behagten, entfernten sich diese Schüler ohne jegliche Entschuldigung. (…) Stundenplanänderungen wurden vorgenommen ohne vorherige Mitteilung an den Pädagogischen Leiter. Infolgedessen wurde vom Unterzeichneten verlangt, daß der mehr hochschulmäßige Besuch der AMS [Arbeitermittelschule] sofort eingestellt werden müsse. Es wurden in jeder Klasse Klassenbücher eingeführt, in die die Abwesenheit jedes einzelnen Schülers in jeder Unterrichtsstunde eingetragen werden muß, und verlangt, daß bei öfterer Abwesenheit eines Schülers dieser zur Verantwortung gezogen werden müsse. (…) Da infolge all dieser Umstände, infolge der mangelhaften Vorkenntnisse der Schüler und infolge des Umstandes, dass die Schüler ohne jede Überprüfung ihrer Vorkenntnisse und ohne Aufnahmsprüfung aufgenommen worden waren, eine Erreichung des Lehrzieles in 8 Halbjahren ausgeschlossen erschien, wurde die Einführung eines 9. Halbjahres als unbedingt notwendig empfohlen“.14

Inspektor Mumelter führte umfangreiche Kontrollmaßnahmen ein. Er verschärfte Aufnahmekriterien und Prüfungen am Ende jedes Halbjahres in jedem Fach unter Beisitz des Direktors. Daraufhin ging die Zahl der Studierenden von Herbst 1945 bis Mai 1947 von 239 auf 52 zurück.15

Erste Matura 1949 und Verleihung des Öffentlichkeitsrechts

Das Ministerium weigerte sich aufgrund des negativen Berichts Mumelters, der Innsbrucker Arbeitermittelschule das Öffentlichkeitsrecht zu verleihen. 1947/48 befand sich die Schule in einer Existenzkrise. Der Direktor zweifelte am Weiterbestehen der Anstalt, im Lehrkörper griff angesichts der ungewissen Zukunft Mutlosigkeit um sich. Doch am 23. November 1948 verlieh das Ministerium der Schule für die Jahre 1947 bis 1949 das Öffentlichkeitsrecht. Damit war die Abhaltung der ersten Reifeprüfung im letzten Moment gesichert. Mumelter hatte dem Ministerium einen positiven Inspektionsbericht übermittelt und sich für die Arbeitermittelschule verwendet. Im März 1949 maturierten 2 Frauen und 11 Männer.16 Eine der Maturantinnen, die damals 22-jährige Margarethe Winkler, war die einzige Kupferschmiedin Westösterreichs und absolvierte parallel zur Arbeitermittelschule noch die Fachschule für Installateure. Sie schloss ihr Gesellenzeugnis, die Matura und das Universitätsstudium mit Auszeichnung ab. „Hut ab vor einer solchen Vertreterin des ‚schwachen‘ Geschlechts“, schrieb die Tiroler Tageszeitung.17 Bei der zweiten Matura im März 1950 traten acht Männer an, auch Wilhelm Schleret, ein Kriegsblinder, der zwar beklagte, dass ihm das Studium auf der Arbeitermittelschule viereinhalb Jahre lang „keine Freizeit und kein Vergnügen erlaubte“, doch es „eröffnete mir helle Horizonte. Es schärfte meinen Geist, erweiterte mein Wissen und machte mich zufrieden.“18

Direktor Fink überreicht einer Maturantin das Reifezeugnis. Viele Jahre hatten Frauen an der Arbeitermittelschule Seltenheitswert. (© SAGIK, Ordner 1956)

Karl Fink (Direktor 1947–1979)

20 Jahre Volkshochschule und Arbeitermittelschule 1965: Festredner Karl Fink

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Karl Fink wurde am 3. März 1914 in Wien geboren. Sein Vater, ein städtischer Beamter, starb, als Fink noch studierte. Er besuchte das Bundesrealgymnasium in Wien 17 und maturierte mit „Sehr gut“ in allen Fächern. 1937 promovierte er an der Universität Wien in Geschichte und Geografie. Im Jahr darauf legte er zusätzlich die Lehramtsprüfung ab.19

Im November 1939 wurde der Junglehrer ohne weitere Begründung auf Betreiben seines Direktors, eines fanatischen Nationalsozialisten, nach Innsbruck dienstversetzt. Er hatte sich daran gestoßen, dass Fink kein Mitglied der NSDAP war. Anfang 1944 wurde die Oberschule für Jungen (Akademisches Gymnasium) wegen der Bombenangriffe nach Steinach am Brenner evakuiert. Dort sorgte Fink für eine „Rund-um-die-Uhr-Betreuung“ der Schüler als Lehrer, Erzieher und Elternersatz. Er unterrichtete bis 1957 am Akademischen Gymnasium und studierte nebenbei Latein an der Universität Innsbruck.21 In der Schule in der Angerzellgasse lernte Karl Fink seine spätere Ehefrau Margaretha Kofler kennen, die dort als Sekretärin beschäftigt war.

Am 27. März 1947 betraute der Landesschulrat Karl Fink mit der pädagogischen Leitung der Arbeitermittelschule Innsbruck. Seit ihrer Gründung hatte er dort unterrichtet und die administrativen Geschäfte geführt. Gemeinsam mit seiner Frau, die 20 Jahre lang unentgeltlich das Sekretariat führte, erkämpfte er für die Schule 1949 das Öffentlichkeitsrecht und schließlich 1966 ihre Verstaatlichung. Ab 1954 trug er den offiziellen Titel eines Direktors.

Als der Landesschulrat Karl Fink im Juni 1957 zwei Wochen vor Schulschluss darüber informierte, dass die Unterbringung der Arbeitermittelschule im Akademischen Gymnasium beendet war, dachte er in dieser schier ausweglosen Situation ans Aufgeben: „Und da bin ich daheim mit meiner Gattin zusammengesessen und ich habe gesagt, du ich lege alles nieder, ich schreibe ihnen, sie sollen sich einen anderen suchen, der sich mit ihnen immer streitet. Was soll ich denn machen, ich kann doch keine Schule bauen.“ In Kooperation mit der Volkshochschule gelang es ihm aber schließlich, die Arbeitermittelschule in der damaligen Realschule am Adolf-Pichler-Platz unterzubringen.

Fink bezeichnet sich selbst als einen „begeisterten Unterrichter“, für den das Lehren Beruf, Leidenschaft und Hobby war. Er organisierte zahlreiche Exkursionen. Fanden sie in Innsbruck statt, so endeten sie meist in seiner Wohnung, wo seine Frau die Wissbegierigen mit Kaffee und Kuchen bewirtete. Er selbst unternahm mit ihr in Zeiten, in denen der Tourismus noch in den Kinderschuhen steckte, Fernreisen nach Ägypten, in den Irak, nach Ceylon und Indien, weil er aus eigener Anschauung erfahren wollte, was er zu lehren beabsichtigte.

In seinem „ABC der AMS“ legte Gerhard Brandhofer 1970 als Lehrer an der Abendschule dar, wie er als Studierender Karl Fink wahrgenommen hatte: „Höheres Wesen mit hoher Stirn – die er manchmal hat, sie zu runzeln (besonders wenn Studierende am Abend spät, später oder gar nicht im Hause Stainerstraße erscheinen). Darüber hinaus historisch und geografisch ungemein interessierte Persönlichkeit mit goldenem Herzen und Trostworten für alle, die bittend an seine gepolsterte Tür klopfen. Organisator ersten Ranges, dem ‚seine‘ Schule den heutigen Standard verdankt, und vieles mehr.“22

An seine ehemaligen Studierenden erinnerte sich Karl Fink mit großer Wertschätzung, für ihn waren sie Bildungshelden.23 Die Lehrkräfte bescheinigten ihrem Direktor einhellig größtes Engagement und äußerstes Pflichtbewusstsein. Sie beschrieben ihn als korrekten, extrem arbeitseifrigen Leiter, der seine ganze Energie in die Schule investierte und denselben Einsatz von seinem Lehrkörper erwartete. Als guter „Hausvater“ kam er als erster in die Schule und verließ sie als letzter, nachdem er die Eisenöfen kontrolliert und nötigenfalls die Tafeln gelöscht hatte, um der Leitung der Tagesschule keinen Anlass zur Klage zu geben. Fink forderte Disziplin ein und kontrollierte die Einhaltung der Schulregeln. Um 18 Uhr 30 stand er an der Stiege und wies zu spät kommende Studierende mit dem Blick auf die Uhr zurecht. Die strikte Einhaltung des Ordnungsrahmens war ein Gebot der Zeit, aber auch dem Umstand geschuldet, dass Fink darüber selbst permanent Rechenschaft ablegen musste gegenüber der Dienstaufsichtsbehörde.24 Im Schulalltag pflegte der Direktor einen förmlichen Umgangston, er siezte seine Lehrkräfte.25

1970 wurde Karl Fink mit der „Verdienstmedaille des Landes Tirol“ ausgezeichnet, 1975 mit dem Förderungspreis für Erwachsenenbildung des Unterrichtsministeriums.26 1979 erhielt er das „Große Ehrenzeichen für Verdienste um die Republik Österreich“. Auch die Stadt Innsbruck verlieh ihm das Verdienstkreuz. Am 31. Dezember 1979 ging Direktor Karl Fink in Pension. Ein Staatsbeamter, so Fink, „muß seine Tätigkeit, wenn er die Altersgrenze von 65 Jahren erreicht hat, einstellen und muß, gleichgültig, ob er noch körperlich und geistig zu weiterer Arbeit fähig wäre, in den sogenannten ‚wohlverdienten Ruhestand‘ treten. Er muß das Werk, an dem er viele Jahre seines Lebens gewirkt hat, im Stich lassen, ohne auch nur den geringsten Einfluß auf dessen weitere Entwicklung zu besitzen.“27

Fink engagierte sich auch in seiner Pension für das Abendgymnasium. Am 23. April 1980 wurde er Obmann des „Förderungsvereins“ der Schule und war im „Abiturientenverband“ aktiv.28 Karl Fink war mit seiner Frau 57 Jahre verheiratet. Er starb am 22. November 2005 im Alter von 91 Jahren in Innsbruck.

Irmgard Bibermann

Im Maturajahrgang 1959 schlossen nur Männer das Studium ab. (© SAGIK, Ordner 1959)

Mit 24. Jänner 1950 erhielt die Innsbrucker Arbeitermittelschule endgültig das Öffentlichkeitsrecht und damit das Recht auf Abhaltung der Reifeprüfung auf Dauer verliehen. Sie blieb aber weiterhin eine Privatschule.

Das „Gelenkte Privatistenstudium“

1950 führte Direktor Karl Fink mit finanzieller Unterstützung der Arbeiterkammer Vorarlberg das „Gelenkte Privatistenstudium“ mit „nachhelfendem Unterricht“ als ersten Schulversuch dieser Art in Österreich ein. Der Begriff „Privatist“ wurde deshalb gewählt, weil die Vorarlberger Studierenden ein nicht öffentliches Studium betrieben. Drei Elemente charakterisierten das Privatistenstudium an der Innsbrucker Arbeitermittelschule mit der Außenstelle Feldkirch: Selbststudium, Beratung durch Innsbrucker Fachlehrkräfte und „nachhelfender Unterricht“ in den Hauptfächern durch Vorarlberger Lehrpersonen. Die Studierenden legten ihre Semesterprüfungen sowohl in Feldkirch in den Räumen der Arbeiterkammer als auch an der Stammschule in Innsbruck ab. Das Modell war zwar für Menschen aus Vorarlberg konzipiert, in späteren Jahren konnten aber auch Studierende aus Tirol und anderen Bundesländern aus berücksichtigungswürdigen Gründen ins „Privatistenstudium“ übertreten.29 Versuche seit Mitte der 1960er Jahre, auch in Osttirol ein Privatistenstudium in Kooperation mit Professoren des BRG Lienz ins Leben zu rufen, scheiterten.30

Schulorganisation

Ab Dezember 1950 bildete das „Vorläufige Organisationsstatut der Arbeitermittelschule“ die gesetzliche Grundlage. Die Arbeitermittelschule wandte sich als viereinhalb Jahre dauernde gymnasiale Sonderform mit Latein ab dem 1. Semester, einer modernen Fremdsprache ab dem 3. Semester (Französisch bis 1950, dann Englisch) und Darstellender Geometrie oder „Allgemeiner Kunstpflege“ (Musik und Kunstpflege) an berufstätige Männer und Frauen ab dem vollendeten 17. Lebensjahr, die eine Berufsausbildung abgeschlossen hatten oder ins Berufsleben eingetreten waren.31 Ab dem Schuljahr 1966/67 hatte die Schule zwei Schultypen. Sie waren naturwissenschaftlich und sprachlich ausgerichtet (Englisch als erste Sprache, Latein oder Französisch). Die Wahl musste im zweiten Semester getroffen werden.32

Abschiedsgeschenk der Vorarlberger Privatistinnen und Privatisten für Direktor Karl Fink 1976 (© Monika Fink)

„Was sie dabei an Mühen und Arbeiten auf sich nehmen müssen,“, so Fink, „ist viel. Jeden Abend von Montag bis Freitag heißt es, von 18.40 bis 22.10 Uhr, brav auf der Schulbank zu sitzen und den Vorträgen der Lehrer zu folgen. Die wöchentliche Stundenanzahl beträgt in allen neun Halbjahrslehrgängen 20, bzw. mit den fallweisen Übungsstunden am Samstagnachmittag 21.“33 Im Statut war geregelt, dass alle zwei Wochen am Samstagnachmittag zwei Wiederholungsstunden für Schularbeiten und Prüfungen abzuhalten waren. In der zweiten Hälfte der 1950er Jahre wurde die Unterrichtszeit auf 18 Uhr 30 bis 22 Uhr mit zwei Fünfminuten-Pausen umgestellt.34 Die Schulzeitverordnung von 1965 verkürzte die Unterrichtsstunde auf 45 Minuten.35

Die Aufnahme in die Schule erfolgte durch eine Aufnahmeprüfung. Die Innsbrucker Arbeitermittelschule forderte zusätzlich eine psychologische Begabungsprüfung. Ein bedingter Aufstieg konnte vom Winter- ins Sommersemester ausgesprochen werden, wenn die Betroffenen in höchstens zwei Gegenständen mit „Nicht genügend“ beurteilt worden waren und mindestens zwei Drittel der Lehrkräfte ihre Zustimmung in der „Klassifikationskonferenz“ gegeben hatten. Die Studierenden erhielten ein Ausweisbuch, in dem die erfolgreich abgelegten Semester und Abschlussprüfungen einzutragen waren. Am letzten Schultag im Semester verlasen der Direktor oder die Klassenvorstände die Noten vor der Klasse.36

Studierende an der Arbeitermittelschule 1961. Das Rauchen am Gang war erlaubt. (© Gerhard Brandhofer)

Erfolge trotz Widerstände gegen die Arbeitermittelschule in der Öffentlichkeit

In den Anfangsjahren traf die Arbeitermittelschule auf „offene Feindschaft (…). Wohin man sah, überall blickten Ablehnung oder bestenfalls Gleichgültigkeit entgegen.“ Deswegen reihte Fink die „aufopfernde“ Tätigkeit der Lehrkräfte an der Schule als Beitrag zum Wiederaufbau Österreichs ein:37

„Wie oft hätte ich gewünscht, einen dieser Kritiker gegen 10 Uhr abends durch die Klassen führen zu können, damit er die bleichen, müden Gesichter hätte sehen können! (…) Solange es nämlich solche Menschen gibt, die ihre letzte freie Minute dafür hergeben, um ihren Geist zu stählen und das Wahre u. Schöne der Welt zu erkennen, solange braucht uns um die kulturelle Weiterentwicklung unseres Vaterlandes nicht bange zu sein.“38

Bildung, so Fink, verlange viele Opfer in der Freizeit, bei Freundschaften, finanzieller Art (Schulgeld, Lernmittel) und von der Familie: „Gedenken wir auch einmal all der braven Ehefrauen, die die ganze Last des familiären Lebens von dem Manne fernhalten, nur damit er seinem Ziele näher kommt.“ Viele Dienstgeber hatten dennoch kein Verständnis: „Ist es nicht erschütternd, wenn von 34 Abiturienten 18 mitteilten, dass ihr Dienstgeber ihrem Studium ablehnend gegenüber stand?“39 Noch 1959 klagte Fink über die Beteiligung Studierender, die im Öffentlichen Dienst beschäftigt waren:

„Von den 101 Abiturienten der Anstalt haben 13 ein Hochschulstudium bereits beendet, 38 studieren derzeit noch an verschiedenen österreichischen Hochschulen. Manche von den restlichen 50 Abgängern möchten auch gerne weiter studieren, aber, es ist kaum zu glauben, sie dürfen nicht, weil es ihr Dienstgeber nicht gestattet. (…) Es bleibt (…) zu bedenken, ob nicht dieser Zwang, ein Hochschulstudium nur mit Bewilligung des Dienstgebers führen zu dürfen, überhaupt gegen die Grundrechte unserer Verfassung und gegen den Artikel 26 der Erklärung der Menschenrechte (‚Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung’) verstößt.“40

Da es im Schuljahr 1948/49 nicht gelungen war, eine erste Klasse zu eröffnen, konnten im Schuljahr 1952/53 keine Reifeprüfungen abgehalten werden.41 Doch im Frühjahr 1953 promovierten drei Abgänger und zwei Absolventinnen der Arbeitermittelschule. Die Tiroler Tageszeitung berichtete: „Der ‚erste Doktor‘ der Arbeitermittelschule: ‚Von jetzt an werden auch hier in Tirol die letzten Bedenken fallen müssen, denn von nun an werden unter den jungen Akademikern immer wieder solche aufscheinen, die ihre Mittelschulbildung der genannten Schultype verdanken.‘“42 Bis Juli 1953 legten 33 Studierende an der Arbeitermittelschule die Reifeprüfung ab.43

In den 1960er Jahren stieg der Anteil weiblicher Studierender. (© Gerhard Brandhofer)

Finanzielle Notlage: Schulgeld und geringe Löhne

1953 zeichnete sich eine Krise in der Leitung der Schule ab, Karl Fink wollte das Direktorat nicht länger als Nebenbeschäftigung zu seiner Lehrertätigkeit im BG/BRG Angerzellgasse ausüben. Fink war Idealist, das Finanzielle stand für ihn nie im Vordergrund. Doch in einem ungeheuren Ausmaß Gratisarbeit für die Schule zu leisten, der auch die Arbeitskraft seiner Gattin kostenlos zur Verfügung stand, und dann vom Landesschulrat aufgefordert zu werden, auf einen Teil seiner überaus geringen Direktorenentschädigung zu verzichten, erbitterte ihn:

„Die Arbeitermittelschule Innsbruck, deren finanzielle Sicherstellung durch Subventionen von mir in den letzten Jahren mit allen Mitteln betrieben und erreicht worden ist, ist nicht in der Lage, ein Drittel meines Monatsgehaltes zu refundieren. Meine Pflichtauffassung lässt es nicht zu, das Werk, das ich sechs Jahre lang mit allem Idealismus aufgebaut habe, nun selbst zu zerstören. Ich kann auch niemals dem Schulerhalter zumuten, ausgerechnet für mich 10.000 S im Jahr zu zahlen (…). Persönlich aber empfinde ich es als eine Kränkung, wenn der Bund vom Leiter der Schule eine Refundierung der Bezüge verlangt (…). In dem Augenblick aber, wenn ich nicht mehr imstande sein werde, diese Arbeitslast weiter zu tragen, werde ich mir erlauben, bei der Landesregierung von Tirol und dem Vorstand der Volkshochschule, die mich zum Leiter der Schule vor sechs Jahren bestellt haben, um die Enthebung hievon zu bitten.“44

Bis zu einer Freistellung Finks und der Anerkennung der Leitung der Arbeitermittelschule als hauptberufliche Tätigkeit bedurfte es jedoch noch jahrelanger Verhandlungen mit dem Ministerium. Immerhin wurde er aber mit 21. Oktober 1954 vom pädagogischen Leiter zum Direktor der Arbeitermittelschule befördert.45

Das Hauptproblem blieb aber weiterhin die Frage der Finanzierung des Schulbetriebs und damit verbunden der Kampf um die Verstaatlichung der Anstalt. Schulerhalter war zwar der Verein Volkshochschule, doch die finanzielle Hauptlast trug die Arbeiterkammer – für die Volkshochschule und die Arbeitermittelschule.46 Sehr zurückhaltend zeigte sich das Unterrichtsministerium, das der Arbeitermittelschule Innsbruck erst 1952 unter die Arme griff und das Gehalt von zwei Lehrern übernahm, 1957 auch jenes des Direktors. In der ersten Hälfte der 1960er Jahre bezahlte das Ministerium nach und nach alle Lehrkräfte.47 Der Anteil der Subventionsgeber an den Gesamtkosten variierte in den 20 Jahren bis zur Verstaatlichung der Schule. Das Schulgeld der Studierenden machte zwischen 20% und 40% des Schulbudgets aus, der Beitrag der Arbeiterkammer 20% bis 25%, die Subvention des Ministeriums in Form von Lehrerposten zwischen 13% und 20%. Stadt Innsbruck und sonstige Geldgeber sorgten für Zuschüsse um die 10%.48

Die Studierenden mussten also infolge des geringen Budgets ein hohes Schulgeld entrichten.49 „Die prekäre Lage der Arbeitermittelschule war oft so, daß die Anstalt die Schüler um Vorschüsse auf das Schulgeld betteln mußte, um die Lehrer bezahlen zu können“, berichtete die Tiroler Tageszeitung.50 Erst 1964 konnte auf die Einhebung des Schulgeldes verzichtet werden. Allerdings war weiterhin ein Lehrmittelbeitrag von 100 Schilling pro Semester zu bezahlen, eine Summe, die nahezu dem Doppelten dessen entsprach, was Studierende anderer Arbeitermittelschulen im Semester an Schulgeld berappten.51

Auch bei den Lehrenden sah es nicht rosig aus. Sie mussten mehr Stunden unterrichten und wurden viel schlechter bezahlt als Lehrkräfte an staatlichen Schulen. Die Tätigkeit in der Arbeitermittelschule galt als Nebenberuf, daher wurde nur die Hälfte der Stunden als Lehrpflichtermäßigung an der Stammschule eingerechnet.52 Der Verdienst machte zunächst nur die Hälfte und dann zwei Drittel der Entlohnung eines Bundeslehrers aus, zudem wurden statt der damals üblichen 13 Monatsgehälter nur zehn ausbezahlt. Auch die günstige Umrechnung von drei Unterrichtsstunden am Abend, die fünf Unterrichtsstunden während des Tages entsprachen, galt nur an staatlichen Abendschulen.53 Die ganze Misere spricht ein Bericht der Arbeiterkammer aus dem Jahr 1957 an:

Monika, Margaretha und Karl Fink (© Gerhard Brandhofer)

„Die Arbeitermittelschule Innsbruck, eine Neugründung aus dem Jahre 1945, wird im Vergleich zu den Arbeitermittelschulen in Wien, Linz und Graz vom Bundesministerium für Unterricht besonders stiefmütterlich behandelt. Während in Linz und Graz die Arbeitermittelschulen zur Gänze vom Bund erhalten werden, erhält Innsbruck von insgesamt 29 Lehrkräften lediglich zwei Lehrkräfte vom Bund gezahlt und nicht einmal der Leiter der Schule, Prof. Dr. Fink, ist hierfür freigestellt. Außerdem muß die Schule durch ungenügende Subventionen aufrechterhalten werden, so daß die an der Schule tätigen Lehrkräfte unter dem Wochenstundensatz des Erlasses des Unterrichtsministeriums entschädigt werden. Trotzdem ergeben sich auch weitgehende Belastungen für die Schüler, da in Innsbruck seit 1950 monatlich ein Schulgeld von 50 S, das im Jahre 1957 auf 70 S erhöht wird, zu bezahlen ist, in Linz und Graz jedoch nur 9 S monatlich.“54

Der Umzug vom Akademischen Gymnasium ins BRG Adolf-Pichler-Platz

12 Jahre nach ihrer Gründung stand die Arbeitermittelschule plötzlich ohne Unterrichtsräume da. Die beengten Verhältnisse im Schulgebäude in der Angerzellgasse hatten die Tages- und die Arbeitermittelschule gezwungen, Wechselunterricht einzuführen. Eine Woche begann der Unterricht um 18 Uhr 15, die andere Woche um 19 Uhr 10. Doppelstunden dauerten nur mehr 90 statt 100 Minuten. Der verkürzte Unterricht musste etwa durch Zusatzstunden an Samstagnachmittagen kompensiert werden. Ende Juni 1957 informierte der Landesschulrat Direktor Fink kurzfristig, dass die Arbeitermittelschule im folgenden Schuljahr die Klassenzimmer des Akademischen Gymnasiums nicht mehr nutzen durfte. Die Direktionskanzlei, untergebracht im ehemaligen Dienstbotenzimmer der Wohnung des Direktors der Angerzellgasse, war sofort zu räumen.55 Daraufhin wandte sich Fink an den Trägerverein der Arbeitermittelschule, die Volkshochschule: „Direktion und Lehrkörper der Schule können in dieser Situation keine Verantwortung mehr für das Schicksal der Arbeitermittelschule übernehmen, sie müssen daher an den Schulerhalter die Bitte richten, eine der Schülerzahl entsprechende Unterbringung für die Zukunft zu erwirken, damit die Weiterführung der Anstalt gesichert ist.“56 Aufgrund der politischen Intervention der Volkshochschule gelang es in letzter Minute, Klassenzimmer im ersten und zweiten Stock des Bundesrealgymnasiums Adolf-Pichler-Platz zu beziehen. Allerdings bestand in einigen Räumen die Gefahr, dass Mauerteile herabbrachen. Die Volkshochschule streckte die Renovierungskosten vor, sonst wäre es nicht möglich gewesen, die Weihnachtsgehälter der Lehrkräfte auszubezahlen.57

Geheizt wurde mit alten Holzöfen. (© Gerhard Brandhofer)

Lange Zeit hatte das Abendgymnasium ein winziges Konferenzzimmer, in dem wenig Platz war. (© Gerhard Brandhofer)

Von der Privat- zur Staatsschule: BG und BRG für Berufstätige

1961 übernahm der Bund die Arbeitermittelschule in Wien. Nur der Standort Innsbruck blieb weiterhin Privatschule. Im Zuge der großen Schulgesetzreform 1962 wurde die Arbeitermittelschule als Sonderform der Allgemeinbildenden Höheren Schule in „Gymnasium und Realgymnasium für Berufstätige“ umbenannt. In den Folgejahren drängte der Landtag von Tirol und Vorarlberg auf die Verbundlichung der Schule, Tiroler Politiker und Politikerinnen intervenierten im Ministerium. Am 1. Jänner 1966 war es endlich soweit: Die Arbeitermittelschule Innsbruck wurde verstaatlicht und hieß von nun an „Bundesgymnasium und Bundesrealgymnasium für Berufstätige“. Leonhard Franz, Präsident der Volkshochschule, stellte fest: „Mit dem Stolz und der Freude, die eine Mutter über ihren wohlgeratenen Sprößling hat, entläßt die Volkshochschule das Gymnasium für Berufstätige in die Obhut des Staates.“58

Im selben Jahr vereinheitlichte das Ministerium die Lehrpläne, die zuvor die Lehrkräfte an den einzelnen Arbeitermittelschulen in Eigenregie erstellt hatten. In die Schulbuchaktion miteinbezogen wurden die Gymnasien der Berufstätigen erst 1973.59

Bis zur Verbundlichung hatte Margaretha Fink, die Ehefrau des Direktors, die Funktion einer unbezahlten Sekretärin übernommen. 1966 arbeitete mit Elfriede Striegl erstmals eine Sekretärin auf einer Halbtagsstelle, ab 1995 erhielt das Sekretariat einen Ganztagsarbeitsplatz. Die problematischen Raumverhältnisse konnten erst nach und nach behoben werden. Mit Jahresbeginn 1984 adaptierte das Abendgymnasium ein Klassenzimmer so, dass erstmals ein eigenes Konferenzzimmer zur Verfügung stand. Auch die Direktion und das Sekretariat übersiedelten in ausreichend große Räume.60 Die alten Eisenöfen, die brandgefährlich waren, wurden nach der Installierung einer Zentralheizung 1974 entsorgt.61 Eine Generalsanierung des Schulgebäudes am Adolf-Pichler-Platz fand Anfang der 1990er Jahre statt. Vom Herbst 1990 bis Herbst 1992 übersiedelte das Abendgymnasium ins „Haus der Jugend“ der Diözese in die Gumppstraße nach Pradl.62 In den 2010er Jahren erfolgten zahlreiche Zu- und Umbauten im Schulkomplex.

Abiturientenverband, Förderungsverein, Verein für Kultur und Kommunikation

Der erste Maturajahrgang der Schule von 1949 gründete anlässlich der Zehnjahresfeier der Schule 1955 den „Abiturientenverband“.63 Er förderte den Zusammenhalt der Absolventinnen und Abgänger der Arbeitermittelschule, organisierte Exkursionen, Schulfeiern, Feste und Vorträge, beriet Studierende in Berufsangelegenheiten, vermittelte Arbeitsplätze und gab die Vereinszeitschrift „aktiv“ heraus. Von 1965 bis 1994 unterstützte der „Gemeinnützige Verein zur Förderung des BG und BRG für Berufstätige Innsbruck“ Studierende in sozialen Härtefällen, weiters die sozialen Aktivitäten des „Abiturientenverbandes“ und der Schule, auch die Anschaffung technischer Geräte und Lehrmittel finanzierte er mit. 1994 übernahm der „Abiturientenverband“ Geld und Agenden des „Förderungsvereins“.64 Der Verband hatte Mitte der 1970er Jahre rund 500 Mitglieder, zehn Jahre später 700.65 1970 schuf er ein Schulabzeichen, die Eule, als „äußeres Zeichen“ der Kameradschaft und „Symbol der Zusammengehörigkeit.“66 Am 30. November 1994 wurde der „Verein für Kultur und Kommunikation am Abendgymnasium Innsbruck“ unter dem Vorsitz von Ursula Kronsteiner gegründet, der nach und nach die Aufgabenbereiche des „Abiturientenverbandes“ übernahm.67

Der Abiturientenverband der Arbeitermittelschule (AMS) hatte eigene T-Shirts: Die Professoren Hubert Pitscheider und Peter Hart, Direktor Gerhard Brandhofer in der Bildmitte. Alle drei maturierten am Abendgymnasium Innsbruck. (© Gerhard Brandhofer)

Ursula Kronsteiner, die Vorsitzende des „Vereins für Kultur und Kommunikation am Abendgymnasium Innsbruck“ (© Ursula Kronsteiner)

Zunahme an Studierenden und Lehrerinnen

1947 waren über 7% der Studierenden 17 bis 18 Jahre alt, 1958 fast 18%. Von 1956 auf 1959 stieg der Anteil der 16- bis 20-Jährigen von knapp 30% auf fast 37%.68 Bei der beruflichen Gliederung hatte sich wenig verändert, es gab eine deutliche Zunahme bei Krankenschwestern, Arbeitslehrerinnen und Gendarmen.

Im Wintersemester 1953/54 wurde mit 115 öffentlich Studierenden erstmals die Hundertermarke überschritten. Ab dem Winterhalbjahr 1958/59 bewegten sich die Studierendenzahlen bis 1979 im Wintersemester jeweils zwischen 220 und 300 Studierenden (einschließlich der PrivatistInnen und Außerordentlichen), im Sommersemester jeweils zwischen 170 und 220. Der Frauenanteil lag bis Mitte der 1950er Jahre zwischen fünf und 15%, bis 1970 zwischen 15 und 20%. Dann nahm die Anzahl der Frauen rasant zu, sodass sie Mitte der 1970er Jahre bereits rund 40% der Studierenden stellten. Ab dem Schuljahr 1976/77 gab es fast gleich viele männliche wie weibliche Studierende. Im Wintersemester 1978/79 waren von den 301 Studierenden 151 weiblich, sodass das erste Mal in der Geschichte des Innsbrucker Abendgymnasiums mehr Frauen als Männer die Schule besuchten. Fast die Hälfte der Studierenden war nun zwischen 20 und 24 Jahre alt, drei Viertel zwischen 20 und 30 Jahre. Der Anteil der unter 20-Jährigen lag Mitte der 1970er Jahre bei 14%, während der Bestand der über 40-Jährigen so gering war, dass diese Altersgruppe quantitativ keine Relevanz mehr hatte. In den 1970er Jahren waren nach wie vor die Rechts-, Verwaltungs- und Büroberufe am stärksten repräsentiert. Sie stellten rund die Hälfte der im Abendgymnasium vertretenen Berufe. Darüber hinaus war eine ständige Zunahme der Gesundheits-, Lehr- und Kulturberufe sowie der Dienstleistungsberufe, zu denen die Hausfrauen gezählt wurden, zu verzeichnen. Vor allem die wegen des Lehrkräftemangels ohne abgelegte Matura provisorisch angestellten VolksschullehrerInnen drängten ins Abendgymnasium. Bei der Vorbildung überwog weiterhin der Pflichtschulabschluss (v. a. Hauptschulabschluss), während die SchulabbrecherInnen stärker die boomenden privaten Maturaschulen frequentierten oder nach kurzer Zeit aufgaben, „weil sie, wie aus ihren Äußerungen erkenntlich wurde, den Zwang des geregelten Schulbesuches nicht ertragen können“, so Direktor Fink.69 Die „Fluchtschüler“ wurden nun als „abgebrochene Gymnasiasten“ bezeichnet und in einem milderen Lichte gesehen, denn, so Fink: „Daß im Sinne einer ‚Korrekturstation‘ die Schulform des Zweiten Bildungsweges auch solchen ‚abgebrochenen Gymnasiasten‘ offen steht, ist durchaus sinnvoll, da nicht wenige von diesen Personen ihr Scheitern im Ersten Bildungsweg Pubertätskrisen oder familiären Schwierigkeiten verdanken, für die sie selbst nicht verantwortlich sind.“70

Leopold Wagner als Lehrer am Abendgymnasium (Bildmitte) mit Studierenden auf der Serles 1967 (© Gerhard Brandhofer)

Die älteste und die jüngste Studierende (© li.: Christine Streicher, re.: Gerhard Brandhofer)

Leopold Wagner (Direktor 1980)

Landesschulinspektor Leopold Wagner als Maturavorsitzender am Abendgymnasium Innsbruck und Direktor Gerhard Brandhofer (© Gerhard Brandhofer)

Leopold Wagner kam am 17. November 1934 in Hall in Tirol zur Welt. Er maturierte am Franziskanergymnasium und schloss bereits 1957 mit 22 Jahren sein Lehramtsstudium für Germanistik und Sport ab. 1962 promovierte er in Germanistik und Kunstgeschichte. Wagner war Mitglied der Katholischen Österreichischen Studentenverbindung Nibelungia Hall und der Akademischen Verbindung Vindelicia Innsbruck. Seine erste Dienststelle trat er im Franziskanergymnasium Hall an, 1959 erhielt er eine Teillehrverpflichtung an der Arbeitermittelschule Innsbruck, die 1964 seine Stammanstalt wurde. Bereits 1960 wirkte er als Administrator im Landesschulrat für Tirol. Wagner unterrichtete an der Berufspädagogischen Akademie in Absam und ab 1973/74 an der Handelsakademie Hall, die er gemeinsam mit dem Haller Bürgermeister Josef Posch gegründet hatte. Von 1964 bis 1992 führte Wagner am Institut für Sport an der Universität Innsbruck Lehraufträge für Didaktik der Leichtathletik und Methodik der Spiele durch. Von 1968 bis 1998 war Leopold Wagner für die ÖVP Kultur- und Sportreferent der Stadt Hall, viele Jahre auch Vizebürgermeister. In den 1990er Jahren stand er als Präsident an der Spitze des Fußballvereins SV Hall in der Regionalliga West, zeitweise war er auch dessen Konditionstrainer.71

Am 1. Jänner 1980 übernahm Leopold Wagner den Direktorposten am BG/BRG für Berufstätige in Innsbruck. Bereits ein Jahr später gab er die Leitung ab und trat die Stelle eines Landesschulinspektors für AHS an. Von 1994 bis zu seiner Pensionierung 1999 übte er die Funktion des Amtsführenden Präsidenten des Tiroler Landesschulrats aus. Wagner ist seit 1960 mit Monika Schuhmacher verheiratet und Vater von fünf Kindern.

Als Direktor des Abendgymnasiums führte er die Schule im Geiste seines Vorgängers Karl Fink weiter. Sein Anliegen war es, der Schule die Anerkennung der Schulaufsichtsbehörde und der Universität zu sichern. Nicht das Pauken von Faktenwissen stand im Mittelpunkt seiner pädagogischen Überzeugungen, sondern die Erarbeitung eines Verständnisses für das jeweilige Fach. Wagner war an der Schule bekannt für sein hervorragendes Organisationstalent und die Fähigkeit, die ihm obliegenden Aufgaben effizient zu erledigen.72 Ihm war es zu verdanken, dass 1980 mit Helga Dallinger erstmals die Stelle einer Administratorin besetzt werden konnte. „Wir haben ihn uns alle als Direktor gewünscht und ihn mit Freuden aufgenommen wegen seiner Sachkenntnisse, aber auch wegen seiner Persönlichkeit: Er war witzig, humorvoll, hilfsbereit, korrekt“, so Dallinger.73

Leopold Wagner pflegte den persönlichen Kontakt zu den Studierenden beim Fußballspiel und Schifahren, bei Berg- und Schitouren. Er betrachtete es als eine wichtige Voraussetzung für einen ertragreichen Unterricht, die Studierenden spüren zu lassen, dass man sich für sie persönlich interessiert. Seiner Meinung nach war eine Individualisierung des Unterrichts erst möglich, wenn man als Lehrkraft Einblick in die Schwierigkeiten, Sorgen und Nöte der Studierenden hatte. Wagner bemühte sich um einen abwechslungsreichen, schwungvollen Arbeitsunterricht, weil nicht das Gelernte, sondern das Erarbeitete, Verstandene, Erlebte bleibenden Bildungswert besitzt.74 In den Jahrzehnten seiner Tätigkeit in schulischen Führungspositionen eignete sich Leopold Wagner eine dünne und eine dicke Haut an: eine dünne, um sensibel zu sein für die Menschen und ihre Bedürfnisse; eine dicke, um den Angriffen und der Kritik von oben und unten standzuhalten.75 Am 31. Mai 2025 starb Leopold Wagner im 91. Lebensjahr.

Irmgard Bibermann

Norbert Koller (Direktor 1981–1982)

Norbert Koller (© Anette Bleyle)

Norbert Koller wurde am 28. Juni 1921 in Innsbruck als Sohn eines Berufsoffiziers geboren. Er maturierte 1940 an der Oberschule für Jungen in der Angerzellgasse (Akademisches Gymnasium) und studierte danach Mathematik und Physik. 1950 legte er die Lehramtsprüfung ab, nachdem er sein Studium im Zweiten Weltkrieg unterbrechen hatte müssen. Er hatte den Krieg als Soldat an der Ostfront erlebt und war auf dem Rückzug in Ostfriesland in englische Kriegsgefangenschaft geraten.76

Um seine Chancen auf eine Anstellung zu vergrößern, legte Koller Zusatzprüfungen aus Darstellender Geometrie und Biologie zur Lehrbefähigung an Hauptschulen ab. Im Schuljahr 1950/51 trat er eine Stelle an der Hauptschule Matrei in Osttirol an, ein schwieriges Unterfangen für einen Vater von zwei Kindern mit Wohnsitz in Innsbruck. Danach unterrichtete er an der Hauptschule Leopoldstraße – auch Musik, da er Mitglied des renommierten Innsbrucker Lehrerchors war. 1959/60 übte Koller die Funktion eines Administrators im Landesschulrat aus, 1959 erhielt er an der Arbeitermittelschule eine Teillehrverpflichtung. Daneben war er zeitversetzt in Innsbruck an der Öffentlichen Lehranstalt für Kindergartenpädagogik, am Wirtschaftskundlichen Realgymnasium der Ursulinen, am Reithmanngymnasium und am BRG Landeck beschäftigt.

Am Abendgymnasium engagierte sich Koller als langjähriger Obmann des Dienststellenausschusses und als Gewerkschaftsvertreter. Er war Kassier in der Landessektionsleitung der Gewerkschaft und Mitglied des Katholischen Tiroler Lehrervereines. Als dienstältester Lehrer im Kollegium übernahm er als Nachfolger von Leopold Wagner am 1. Jänner 1981 die provisorische Leitung des Abendgymnasiums bis zu seiner Pensionierung am 31. August 1982. 1983 verlieh ihm Bundespräsident Rudolf Kirch- schläger in Würdigung seiner Verdienste den Amtstitel „Direktor in Ruhe“.77 Norbert Koller war seit 1944 mit Ehrentraud Wallmann verheiratet und Vater von sechs Kindern.

Das Amt des Direktors war kein Teil seiner Lebensplanung. Koller trat das Amt an, weil er es als Dienstältester als seine Pflicht ansah. Die Ausübung der Schulleitung belastete ihn, weil er zusätzlich eine volle Lehrverpflichtung zu erfüllen hatte. Deshalb fühlte er sich ständig unter Druck. Doch mit der Unterstützung des pensionierten Direktors Karl Fink gelang es ihm, die schwierige Aufgabe zu bewältigen. Im Kollegium war Norbert Koller als liebenswürdiger und zuvorkommender, aber auch als introvertierter Kollege geschätzt. Er galt als äußerst kunstsinniger und belesener Mann, der über einen schier unerschöpflichen Zitatenschatz verfügte und in seiner Kanzlei der klassischen Musik frönte.78 Als Mathematik- und Physiklehrer war ihm daran gelegen, den Studierenden die Angst vor der Naturwissenschaft zu nehmen. Obwohl nach innen gekehrt, war Koller wegen seiner menschlichen Güte ein überaus beliebter Lehrer. Supplierstunden nutzte er, um aus literarischen Werken vorzulesen.79 Die Erinnerung an zwei junge Studierende, die kurz nach der erfolgreichen Physikabschlussprüfung bei einer Bergtour auf das Brandjoch tödlich verunglückten, schmerzte ihn sehr. Doch er freute sich über den Gipfelbucheintrag der von der Physik begeisterten Burschen. Sie hatten aus den Bewegungsgesetzen von Isaac Newton zitiert, wie Koller bei der Errichtung der von Klassenkolleg:innen gestifteten Gedenktafel in Erfahrung bringen konnte.

Erwachsenengerecht zu unterrichten, hieß für den Naturwissenschaftler, ein Maximum der Lernarbeit während des Unterrichts zu erledigen. Seiner Ansicht nach konnte man von Berufstätigen nicht verlangen, dass sie den Großteil ihrer kargen Freizeit für das Durcharbeiten des Lehrstoffs aufwendeten. An seine Tätigkeit an der Abendschule dachte Koller mit Freuden zurück. Die Dankbarkeit und die Wertschätzung der Studierenden zu spüren, sei der schönste Lohn für seinen Einsatz gewesen.80

Am 29. November 2004 feierte das Ehepaar Koller seine diamantene Hochzeit. Norbert Koller starb am 8. Oktober 2017 im 97. Lebensjahr.

Irmgard Bibermann

Die Lehrkräfte des Abendgymnasiums Innsbruck 1970, stehend v. l. n. r.: Walter Besler, Hermann Kuprian, Dietrich Tamerl, Gerhard Brandhofer, Hermann Thaler, Josef Salcher, Gerhard Reiter, Leopold Wagner, Ottomar Franz, Ferdinand Reitmaier, Raimund Belcic; sitzend v. l. n. r.: Christine Neier, Karin Kappacher, Erich Linser, Helga Dallinger, Direktor Karl Fink, Marie Louise Pajek, Ludwig Kammerlander, Norbert Koller (© Gerhard Brandhofer)

Die Lehrkräfte des Abendgymnasiums Innsbruck 1979, stehend v. l. n. r.: Erich Moll, Walter Härting, Gerhard Brandhofer, Hugo Helbok, Dietrich Tamerl, Gerhard Reiter, Bruno Schmid, Hubert Außerlechner, Gotlind Hammerer, Reinhard Herbert, Peter Hart, Peter Weichselbaumer, Anton Defrancesco, Hermann Kuprian, Karl Schmutzhard; sitzend v. l. n. r.: Ingrid Gaßner, Kunigunde Craggs, Leopold Wagner, Direktor Karl Fink, Helga Dallinger, Norbert Koller, Marie Louise Pajek (© Gerhard Brandhofer)

Die Lehrkräfte des Abendgymnasiums Innsbruck 1985, sitzend v. l. n. r.: Christina Rauch, Elfi Hofstädter, Hedwig Dejaco, Gotlind Hammerer, Grethe Maier-Lind, Peter Hart; 1. Reihe stehend v. l. n. r.: Margaretha Scheiber, Andreas Hundegger, Karin Eliskases, Elisabeth Schönauer, Lydia Zoller, Manfred Krautgasser, Oskar Krismer, Marianne Glück, Hubert Pitscheider, Gerhard Reiter, Reinhard Herbert, Hubert Außerlechner; 2. Reihe stehend v. l. n. r.: Walter Härting, Ingrid Gaßner, Direktor Gerhard Brandhofer, Kurt Benkovic, Dietrich Tamerl, Rudolf Steiner, Kurt Kriwanek, Edmund Siegl (© Gerhard Brandhofer)

Die Lehrkräfte des Abendgymnasiums Innsbruck 1995, 1. Reihe v. l. n. r.: Michaela Schellhorn, Evelyn Spieß, Helga Frischmann, Grethe Maier-Lind, Direktor Gerhard Brandhofer, Sylvia Krenn, Else Breitenlechner, Dieter Halper, Helga Dallinger, Michael Bürkle, Walter Härting, Burkhard Schlemmer; 2. Reihe v. l. n. r.: Ursula Kronsteiner, Gotlind Hammerer, Marianne Glück, Birgit Neuner-Mühlböck, Edmund Siegl, Hansjörg Manzl, Ulrike Meysami; 3. Reihe v. l. n. r.: Karin Eliskases, Ulrike Fessler, Ingrid Gaßner, Manfred Krautgasser, Kunigunde Craggs, Oskar Krismer; 4. Reihe v. l. n. r.: Hubert Pitscheider, Brigitte Huber, Carl Bader, Doris Daurer, Hubert Außerlechner, Sighard Kofler (© Gerhard Brandhofer)

Zwischen 1949 und 1959 legten 101 Studierende, darunter 13 Frauen, die Reifeprüfung ab. Zwischen 1960 und 1970 maturierten 261 Studierende, darunter 45 Frauen. In der zweiten Hälfte der 1970er Jahre betrug der Frauenanteil an den MaturantInnen bereits knapp 48%. Bis 1969 waren es nur 15,5% gewesen.81 Damit war die Zeit endgültig vorbei, dass Frauen an der Schule in erster Linie als Gattinnen und Lebenspartnerinnen ihrer studierenden Männer vorkamen.

Der Lehrkörper war lange Zeit völlig männlich dominiert. Die erste Lehrerin war ab 1959 Edda Feßler in Englisch. Marie Louise Pajek erinnerte sich an die 1960er und 1970er Jahre so:

„Die Kollegen waren fast alle um die 50 Jahre alt. (…) Hofrat Dr. Fink suchte damals dringend Ersatz für meinen späteren Mann, der hier Englisch unterrichtete, weil er ein Stipendium für Amerika erhalten hatte. Er hatte vorerst Bedenken, eine Frau, und noch dazu eine sehr junge, in den Lehrkörper aufzunehmen; ich war dann sehr glücklich darüber, daß er mich akzeptierte.“82

Auch in den 1970er Jahren blieb der Anteil weiblicher Lehrkräfte niedrig. 1975 waren lediglich vier der 21 Lehrpersonen Frauen, 1979 stieg die Zahl auf sechs von 27.83 Ende der 1970er Jahre war somit ein Fünftel des Lehrkörpers weiblich, 1982 bereits ein Drittel. 1993 unterrichteten erstmals mehr Frauen als Männer an der Abendschule. 1999 machten sie fast zwei Drittel des Lehrkörpers aus – ein Wert, der dem Stand im Wintersemester 2025/26 entspricht. Derzeit unterrichten am Abendgymnasium Innsbruck 29 Lehrerinnen und 14 Lehrer.84

Gerhard Brandhofer: Der Modernisierer

Direktor Karl Fink ging am 31. Dezember 1979 in Pension. Zu seinem Nachfolger ernannte der Landesschulrat mit 1. Jänner 1980 Leopold Wagner. Sein Ziel war es, die Schule im „bewährten Sinn“ weiterzuführen und in „gedeihlicher Zusammenarbeit“ ihre Eigenständigkeit zu erhalten und auszubauen.85 Wagner verließ die Schule nach nur einem Jahr, da er zum Landesschulinspektor avancierte. Am 1. Jänner 1981 übernahm Norbert Koller provisorisch die Direktionsgeschäfte. Am 1. September 1982 wurde die Schulleitung mit Gerhard Brandhofer wieder definitiv besetzt.

Anfang der 1980er Jahre hatte Tirol im österreichweiten Vergleich immer noch eine sehr niedrige Quote bei Maturantinnen und Maturanten. Jugendliche aus gesellschaftlichen Schichten, deren Eltern keinen Abschluss auf einer AHS/BHS oder Universität vorweisen konnten, waren an höheren Schulen stark unterrepräsentiert. Gerhard Brandhofer positionierte daher das Abendgymnasium als Schule der zweiten Chance und öffnete sie für bildungsbenachteiligte Gruppen: Menschen am Land und in Schichtarbeit, prekär Beschäftigte, Arbeitslose, Jugendliche, die ihre Schullaufbahn abgebrochen hatten, ältere und migrantische Menschen, vor allem Frauen.