Begeisterung - Siegfried Eckert - E-Book

Begeisterung E-Book

Siegfried Eckert

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Beschreibung

Inspirierend, interreligiös, kraftvoll!

Je unübersichtlicher das Leben erscheint, umso mehr wächst der Wunsch nach einer Heimat in gesicherten Grenzen. Wer erschöpft ist, kann nicht schöpferisch sein. Wer ausgebrannt ist, kann nicht für andere(s) brennen. In seinem Buch begibt sich Siegfried Eckert auf eine ungewöhnliche Spurensuche nach den schöpferischen Energien Gottes. Er untersucht u.a. göttliche Kairos-Momente, fragt nach den vielfältigen Gaben des Geistes und spirituellen Ressourcen.
Welche Kraft lässt uns aufstehen und kreativ sein? Wo finde ich die frischen Kraftquellen, die mir Kraft schenken in einer Welt, die kaum Anlass zur Hoffnung gibt? Wie kann ich in geistlosen Zeiten geistreicher leben?
In erfrischender Weise macht der Autor auf spirituelle Ressourcen aufmerksam, die ausgebrannten Seelen genauso wie einer erschöpften Kirche neue Kraft schenken könnten. Zwischen biblisch-theologischen Einsichten und neuesten Erkenntnissen der Kreativitätsforschung ist ein Glaubensbuch in unglaublichen Zeiten entstanden.

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Seitenzahl: 305

Veröffentlichungsjahr: 2024

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»Wir können alles danach einteilen,

ob es Energiespender oder Energieräuber sind.

Dieses Buch spendet viel Energie.«

Pater Anselm Grün

Siegfried Eckert zeigt in origineller Weise mit Beispielen aus der Kirchengeschichte, Kreativitätsforschung und theologischen Diskussion, dass es auf den Spirit ankommt. Er legt die Quellen für eine Begeisterung frei, die in schweren Zeiten das Potenzial hat, alles möglich zu machen. Mit einem nachdenklichen Realismus hält Eckert an der utopischen Kraft des Glaubens fest. Er vertraut auf die Gaben eines Geistes, der erstaunliche Brücken baut, neue Verbindungen herstellt, kreativ ist und Mutlosigkeit überwindet.

Das Buch geht vier Fragen nach:

Aus welchen Quellen schöpfe ich Kraft?Wessen Geistes Kind bin ich? Wie brenne ich, ohne auszubrennen? Kann Veränderung noch gelingen?

Ein hoffnungsvolles, kluges Buch über die Kraft christlicher Spiritualität in geistlosen Zeiten.

Siegfried Eckert,geboren1963, ist Autor, Geistlicher Begleiter, Kulturveranstalter und begeisterter Gemeindepfarrer, verheiratet und hat drei erwachsene Kinder.

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Wir haben uns bemüht, alle Rechteinhaber an den aufgeführten Zitaten ausfindig zu machen, verlagsüblich zu nennen und zu honorieren. Sollte uns dies im Einzelfall nicht gelungen sein, bitten wir um Nachricht durch den Rechteinhaber.

Copyright © 2024 Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh,

in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH,

Neumarkter Str. 28, 81673 München

Umsetzung eBook: Greiner & Reichel, Köln

Umschlagmotiv: © Carola Vahldiek – Adobe Stock.com

ISBN 978-3-641-32204-5V001

www.gtvh.de

Meinem geistreichen Lehrer

Fulbert Steffensky

gewidmet

Siegfried Eckert

BEGEISTERUNG

Von der Kraft, die alles möglich macht

Ohne Begeisterung,

ohne Enthusiasmus

ist nichts Großes

je entstanden.

Dorothee Sölle

Inhaltsverzeichnis

Einstimmung

I. Atempause

II. Eine kleine Geistesgeschichte

Angehaucht – Adam und Eva

Begeistert – Die Propheten

Ausgehaucht – Der Menschensohn

Befeuert – Die Pfingstkirche

III. Gottes drittes Programm – Der Heilige Geist

Ich glaube – Geistesblitz

An den Heiligen Geist – Gottes Kraft

Die heilige, christliche Kirche – Geist und Ordnung

Gemeinschaft der Heiligen – Teamgeist

Vergebung der Sünden – Kraft der Versöhnung

Auferstehung der Toten – Unzerstörbare Kräfte

Und das ewige Leben – Unendliche Energien

Amen – Trost und Vertrauen

IV. Begeisterung

Göttliche Momente – Kairos

Gaben des Geistes – Charismen

Geister scheiden – Kulturkampf

Gedämpfter Geist – Burn-out

Brennendes Herz – Burn-on

Spiritualität – Ressourcen

Geistreiches Gottesreich – Zukunft

V. Aufatmen

Verwandlung – Schmetterlingskraft

Sprachprobleme – Geist und Wort

Sinnvoll leben – Mutig sein

Spielräume – Luft nach oben

Einwohnung Gottes – Resonanzräume

Freigeister – Biegen und Brechen

Gnade – Inneres Feuer

Nachklang

Literaturverzeichnis

Einstimmung

2014 veröffentlichte ich im Gütersloher Verlagshaus die Streitschrift: »2017. Reformation statt Reförmchen«. Mein Wunschtitel wäre gewesen: »Kirche vorm Burn-out?« Im Vorhof des Reformationsjubiläums alarmierte mich der Niedergang protestantischer Überzeugungen. Immer noch verwalten wir uns zu Tode, auf Kosten unserer institutionellen und spirituellen Charismen. Ein Werk von Leonardo Boff über den ›Heiligen Geist‹ wurde mir 2015 zur Initialzündung für dieses Buch. Die Corona-Jahre brachten mich beruflich wie persönlich an die Grenzen meiner Kräfte. Rick Rubins Werk »kreativ. Die Kunst zu sein« entfachte mein Feuer neu.

Worum geht es mir? Es geht um die Kraft der Begeisterung, das Wesen der Inspiration, die soziale Energie der Gemeinschaft, Gottes unerschöpfliche Schöpferkraft, die heilsame Kraft des Geistes und der Gefühle. Es geht um eine kleine Geistesgeschichte in der Bibel und ein tieferes Verständnis des dritten Artikels des Glaubensbekenntnisses der Christenheit. Insofern geht es auch um eine erschöpfte Kirche, um ausgebrannte Seelen und apokalyptische Zustände.

Vor allem geht es mir um das Phänomen der Kreativität, der ›Trotzdem- und Schmetterlingskraft‹. Ich glaube an Gottes Geistkraft als wahre Alternative zur Geist- und Orientierungslosigkeit in unserer Zeit. Ihre Lebenskraft macht alles möglich. Unsere Reise führt zurück zu spirituellen Ressourcen und versteht sich als Einladung, sich für die kostenlose Energie des Himmels in unserem Leben zu öffnen. Am Ende ist ein Mut-mach-Buch in mutloser Zeit entstanden, die einen Perspektivwechsel braucht. Ein Dornbusch, der brennt, ohne zu verbrennen; eine Raupe, die zum Schmetterling wird, kann dabei helfen. Mit Dietrich Bonhoeffer glaube ich, dass sich selbst Böses in Gutes verwandeln kann. Sollte beim Lesen der Funke meines brennenden Herzens überspringen, würde mich das sehr freuen. Ich danke meiner Lektorin Renate Hofmann, die von Anfang an dieses Projekt befeuert hat und ordentlich zurechtstutzte.

Leverkusen, im Herbst 2024

Siegfried Eckert

I. Atempause

Vom Anbeginn der Welt ist das Leben ein schöpferischer Akt der Begeisterung durch Gottes Odem. »Da machte Gott der Herr den Menschen aus Staub von der Erde und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.« (1. Mose 2,7) Am Ende aller Lebenswege hauchen wir Gottes Odem aus. »Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!« (Lk 23,46). Dazwischen heißt es, endlich zu leben! Im Rückspiegel unserer Lebensgeschichte werden sich Fragen stellen: Habe ich gut gelebt? Wurde ich geliebt? Habe ich geliebt? Was hat mich getröstet? Wessen Geistes Kind bin ich? War ich offen für Gottes himmlische Zufälle?

»Üben wir uns darin, unsere Sinne für das zu öffnen, was ist, nähern wir uns einem Leben in einem stets offenen Zustand an.« (Rubin, 53 f.) Der amerikanische Musikproduzent Rick Rubin benennt in wenigen Worten den Schlüssel eines geistreichen Lebens: unsere Sinne öffnen, sich einem offenen Zustand annähern. Dazu können wir unser Leben durch Gewohnheiten und Übungen dem Himmel hinhalten, wie einen gepflügten Acker, der auf Saat und Regen wartet. Wer vom Leben erschöpft ist, kann nicht schöpferisch unterwegs sein. Wer ausgebrannt ist, kann andere nicht entzünden. Wie lässt sich in geistlosen Zeiten geistreich leben? Eine Theologie der Lebenskunst und Lebensfülle sucht nach Antworten auf die Frage eines reichen Jünglings an Jesus: »Meister, was soll ich Gutes tun, damit ich das ewige Leben habe?« (Mt 19,16)

In einem Sonntagsgottesdienst meiner Heimatgemeinde geschah etwas Seltsames. Von einem Moment auf den anderen wurde mir mit damals 17 Jahren klar: Ich will Gemeindepfarrer werden. Es war, als hätte der Himmel sich für einen Moment aufgetan. Eine Klarheit trat in mein Leben, die mir bis heute den Weg weist, Umwege inklusive. Gewiss, dieser Moment hatte eine Vorgeschichte und gute Gründe. Trotzdem geschah er einfach so und ließ mich nicht mehr los. Ist es nicht so? Je unübersichtlicher das Leben wird, umso mehr wächst der Wunsch nach solchen Wundern, nach Wegweisern mit Zielangabe, nach Offenheit für das Wirken des Himmels auf Erden. Eine kultur- und sprachübergreifende Verständigung, wie der Pfingstgeist sie einst befeuert hat, droht in der Geistlosigkeit erschöpfter Gemeinden und Gesellschaften zu verglimmen. Wir stecken in der babylonischen Gefangenschaft sich zu Tode verwaltender Organisationen und in den Zwickmühlen eines weltweiten Kulturkampfes fest. Es fehlt die Kraft zur Umkehr, zum notwendigen Widerstand, zur Verwandlung. Eine vitale Gesellschaft lebt von der Leidenschaft, Tatkraft und Begeisterungsfähigkeit ihrer Akteur*innen. Und auch die Kirche braucht Feuerstätten eines überzeugenden Glaubens. Wie lässt sich der glimmende Docht unserer Sehnsucht neu entfachen?

Jesus ging an Hecken und Zäune, begeisterte Menschen so sehr, dass sie ihm die Bude einrannten, ihm an öde Orte folgten. Unserer geschäftsmäßig wohltemperierten, sich in abgezirkelter Betriebsamkeit erschöpfenden Kirche laufen die Menschen weg. »Lass die Toten ihre Toten begraben« (Lk 9,60), sagte Jesus einst zu jenen, die ihm nur zögernd nachfolgen wollten. Zu denen am Rande, den Grenzgängern und Geflüchteten aus kirchengesteuerten Landschaften, haben unsere dahinsiechenden Volkskirchen längst den Draht verloren. Stattdessen kümmern sie sich eifrig um fast schon zu Tode gerittene Pferde.

Stimmt die Annahme, dass die Ursprungsgeschichte jeder Religion feurige Zeiten kannte? Lohnt die Nachfrage, woran sie sich entzündet hat? »An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen« (Mt 7, 16) stellte Jesus fest. Wer würde in saure Früchte beißen wollen? »Gib den Boten Kraft und Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut, und lass reiche Frucht aufgehn, wo sie unter Tränen sä’n. Erbarm dich, Herr.« Christian Gottlob Barth dichtet 1827 diese Textzeile. In romantischer Verwegenheit ließ er seine »Sonne der Gerechtigkeit« aufgehen.

Sieben Bitten für Jesu Botschafter*innen bringen auf den Punkt, was Christenmenschen unter den Nägeln brennen sollte: Kraft, Mut, Glauben, Hoffnung, Liebesglut, reiche Früchte, das Aufgehen der Tränensaat. Manchmal genügt ein Funke, um einen Flächenbrand zu entfachen. Der Volksmund spricht davon, ›mit Haut und Haar zu brennen‹. Du spürst es bis in die letzte Faser, wenn es dich ›erwischt hat‹, wenn du ›von etwas berührt wurdest‹. »Wisst ihr nicht, dass der Geist Gottes in euch wohnt?« (1 Kor 3,16) Weißt du es? Manchmal bedarf es einer Atem- und Denkpause, um tief durchzuatmen, neu nachzudenken, was wirklich wesentlich im Leben ist. Du fragst mich, was ich meine? Hartmut Rosa, mein Lieblingssoziologe, spricht mir aus dem Herzen und erklärt es ganz einfach: »Jeder kennt das. Es ist Freitagabend, und wir sind zu nichts mehr zu gebrauchen. Dösen ein schon auf dem Sofa. Heute mache ich gar nichts mehr. Wir schaffen es kaum noch ins Bett. Da klingelt es, und ein paar Freunde überreden uns, doch noch auszugehen. Vielleicht in einen Club oder ins Konzert, vielleicht gar zum Fußball oder auch nur in die Kneipe. Wider Erwarten wird der Abend anregend, aufregend und erholsam. Als wir zurück sind, sprühen wir vor Energie und Tatendrang, machen Pläne für das Wochenende. Wie kann das sein? Wie ist es möglich, Energie auszugeben, obwohl wir keine haben, und dabei und dadurch neue Energie zu gewinnen?« (Rosa, in: DIEZEIT, Nr. 3/2024, 47)

Das Wort »Sinn« stammt aus dem Indogermanischen. Es bedeutet »einen Weg einschlagen«. Oft sind es Widerstände, Krisen, Reaktionen auf Ängste und Schmerzen, die zu Veränderungen zwingen. Krisen trainieren das Immunsystem. Wer auf der Hochebene des Glücks lagert, hat keinen Anlass, neue Wege einzuschlagen. »Krise« (griech.) bedeutet: trennen, scheiden, unterscheiden. Wir leben in krisenhaften Zeiten. Da trennt sich die Spreu vom Weizen, Sinnvolles von Sinnlosem, Wesentliches von Unwesentlichem.

Krisen, Niederlagen, Scheitern – all das macht uns schließlich auch zu denen, die wir geworden sind. Ohne solche Erfahrungen wäre dieses Buch nicht entstanden. Alles hat eine Geschichte, auch eine Geistesgeschichte in Bibel und Kirche, die letztlich immer auch Energiegeschichte war in großen Glaubens- und Energiekrisen.

II. Eine kleine Geistesgeschichte

»Deine Augen sahen mich, da ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war.« (Ps 139,16) Wir schwammen vor aller Zeit als Gedanken Gottes im Fruchtwasser seines Geistes, bevor wir geboren waren. Sind Gedanken Gottes auch Energien? Gilt dafür auch der Energieerhaltungssatz der Physik? Stand der Mensch vor aller Zeit in einer energiereichen Verbindung mit Gottes Geistkraft? Der Mensch ist von einer Dynamik beseelt und begeistert, die ihn nicht auf seine Vergangenheit und Prägungen festnagelt. Unzählige Möglichkeiten eröffnen sich durch eine spirituelle Sichtweise, die uns aus Quellen der Vergangenheit Kraft für die Gegenwart schöpfen und einen sinnvollen Weg Richtung Zukunft einschlagen lässt.

In unseren flüchtigen Zeiten, die nicht mehr sind als das »und« zwischen Vergangenheit und Zukunft, braucht es eine ›gedehnte Gegenwart‹, d. h. erfüllte Augenblicke, Augenblicksglück, Berührungspunkte mit Gottes Kairos. Steckt doch in den meisten von uns ein mystischer Keimling, ein zartes Empfinden für die Sehnsucht nach erfüllten Augenblicken jenseits von Raum und Zeit. Meister Eckhart, der Mystiker des Mittelalters, hat dies mit »Nu« bezeichnet. Er umschreibt mit ›Nu‹ einen göttlichen Moment, den wir als unbeschreibliches Geschehen ungelenk in Sprache zu fassen versuchen. Wie die Luft, die uns unsichtbar umgibt, lässt Gottes Geist sich nicht sprachlich angemessen fixieren, nicht in Formulierungen pressen wie ein Stück Fleisch, wenn es an der Metzgerstheke eingepackt wird. Unsichtbar Existentes forderte seit jeher Dichter*innen und Denker*innen zur Poesie heraus, zu metaphorischen Vergleichen, zum Erzählen von Geschichten und Gleichnissen, um Unaussprechliches im zarten Sprachmantel poetischen Herantastens zu erahnen. Unsere Herzens-Gewissheiten sind nicht in mentalen, gedanklich-logischen Worten zu Hause, sondern in den Schatzkammern tiefer, kaum sagbarer Erfahrungen.

Martin Luther, Lehrer der Bibelwissenschaften, kritisierte von seinem Verständnis her die Entwicklungen der Kirche. Seine Einsichten waren hart errungen, weil ein skrupulöses Gewissen ihm das Leben schwermachte. Vorhandene Schuldgefühle fanden Trost in einer Mystik, die sein Beichtvater Johann von Staupitz ihn lehrte, ein Verehrer von Johannes Tauler und Meister Eckhart. Aus diesem mystischen Amalgam eines ihn quälenden Gewissens heraus brach Luthers innere Unruhe sich Bahn, implodierte sein Denken u. a. in der Schrift von der »Freiheit eines Christenmenschen« (1520). Daraus erwuchs ein unvermeidbarer, die Kirche spaltender Konflikt mit Kaiser und Papsttum. In der Kraft des Geistes besaß er die Chuzpe zu veröffentlichen, was er dachte, glaubte, sein Gewissen ihm gebot. Zur rechten Zeit, am rechten Ort, mit den richtigen Menschen im Verbund lässt sich sein historisches Wirken als ein Geistesgeschehen deuten, mit Schwachstellen und Schattenseiten. Es hat ja keiner behauptet, dass die Kraft des Geistes eine weiße Weste trägt. Ohne diese enorme Geistkraft wäre dieser sture Mönch nie in der Lage gewesen zu vollbringen, was er vollbrachte. Die Lutherrose mit einem Herz in der Mitte wurde sein Markenzeichen samt weißen Blütenblättern, die den Heiligen Geist symbolisierten. Luther setzte sich nicht in gemachte Nester. Er folgte mit vollem Risiko seinem brennenden Herzen. Das führt bis zu seinem Lebensende zum Ausschluss aus seiner alleinseligmachenden Kirche und gab ihn als vogelfrei im wahrsten Sinne des Wortes zum Abschuss frei.

Folgen wir den Spuren der Früchte der Geistkraft und tauchen nun in die biblische Geistesgeschichte ein. Lassen wir uns umtreiben von einem Geist, der von Anbeginn der Welt unruhig über Wassern schwebte, und unser Herz, unsere Sinne öffnen will für Gottes Geistkraft in Zeit und Ewigkeit. Eine Statistik über ›Hochsensibilität‹ geht davon aus, dass jede/r Zehnte mit besonderen Antennen ausgestattet ist, einer Art ›siebtem Sinn‹. Im Buch von Sylvia Harke mit dem Titel »Hochsensibel. Was tun? Der innere Kompass zu Wohlbefinden und Glück« heißt es: »Die Sensibilität zeigt sich in einer differenzierten und feinen Wahrnehmung über die Sinne – Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten sowie Bewegungssinn. Darüber hinaus haben Hochsensible eine feine Antenne für zwischenmenschliche Signale und teilweise für den außersinnlichenWahrnehmungsbereich (Telepathie, Intuition).« (Harke, 55)

Hochsensible sind Sinnsucher mit einem Riecher für Stimmigkeit und Unstimmigkeit, mit Gespür für das unsichtbare Gewebe des Geistes, welches unser Universum umspannt. »Als Scanner bezeichnet man Hochsensible mit vielfältigen Interessensgebieten und einem Hunger nach Abwechslung. Sie sind häufig mit wechselnden Projekten und Hobbys beschäftigt.« (ebd.) Das mag ihre Stärke und Schwäche zugleich sein: ein feines Gespür für Großwetterlagen, für komplexe Systeme. Ihr heißes Herz reagiert wie ein Seismograph, empfängt unzählige Impulse, die zu Herzrasen, Gefühlen der Überforderung führen können.

Für die Theologie kann das 3. Jahrtausend christlicher Zeitrechnung zu einer Ära des Geistes werden. Wie sonst könnte eine notwendige Reformation an Haupt und Gliedern in reformationsbedürftigen Zeiten gelingen? Alles fing damit an, dass Gottes ruach (Geist) über den Wassern schwebte, die Erde wüst und leer war. Der Mensch besteht zu ca. 70 % aus Wasser. Ohne Wasser und Sauerstoff kein Leben. Der Theologe und Psychotherapeut Wunibald Müller schreibt: »Das deutsche Wort Seele ist etymologisch verwandt mit See und hat die Grundbedeutung die zum See Gehörende. Diese Tiefe unseres Seins, die See in uns, ist das Reich der Seele.« (Müller, 35) Als der Geist über den Wassern schwebte, die Seele die ›zum See Gehörende‹ war, bedurfte es eines Gefäßes, eines Körpers, um ihn mit Wasser zu bilden und durch Sauerstoff zu beleben. Damit geht die Vorstellung einher, dass die Seele als unendlich weites Meer mit der Tiefe allen Seins verbunden ist. Der Tiefenpsychologe C. G. Jung vergleicht unsere ›Anima‹ mit Engeln, die Botschaften vom Himmel an Menschen überbringen. Ihre Aufgabe besteht darin, unser Leben zu bereichern, zu vertiefen und beseelen. »Diese Wirklichkeit kann gleichsam über dich hereinbrechen, wie etwas, das von ›oben‹ auf dich hereinbricht und sich in dir breit macht.« (Müller, 39) Der Geist schwebend über dem Wasser, oberhalb des Sees, brach sich Bahn in Seelen, Geistern und Herzen. Schon damals kam alles Gute von oben.

Begeistert – Die Propheten

Am 8. Juli1916, in den Wirren des 1. Weltkrieges, schreibt der Philosoph Ludwig Wittgenstein: »An einen Gott glauben heißt, die Frage nach dem Sinn des Lebens verstehen. An einen Gott glauben heißt, sehen, dass es mit den Tatsachen der Welt noch nicht abgetan ist … Um glücklich zu leben, muss ich in Übereinstimmung sein mit der Welt.« (zit. n. Geier, 92) Wittgenstein formuliert dies als Soldat. Nachdem seine Welt aus den Fugen geraten war, verspürt er einen inneren Ruf, in Überstimmung mit der Welt sein zu wollen. Stimmig leben heißt auch, in Übereinstimmung mit ›einem Gott zu sein‹, der uns Sinn und Geschmack fürs Wesentliche geschenkt hat. Darum ging es den Heils- wie Unheils-Propheten Israels. Sie warben in Übereinstimmung mit Gottes Weisungen für ein barmherziges, gerechtes, gottgefälliges, stimmiges und gelingendes Leben. Herrschten gravierende Missstimmungen, erhoben sie ihre Stimme. In radikaler Geistesgegenwart inspirierte Gott sie zu Klartext und eindrücklichen Zeichenhandlungen.

In der Prophetie taucht ein Thema auf, das die Theologie bis heute beschäftigt: die Unterscheidung bzw. das Zusammenspiel von Geist und Wort. Interessanterweise gab es so manche Verschiebungen. Da gab es Zeiten, in denen die Propheten mit ihrem Wort ein korrigierendes Gegenüber zum wilden Wirken des Geistes zu bilden hatten, als Schutz vor Willkür. Der freischwebende Geist bedurfte der Anbindung ans Wort, nicht unbedingt zu Zwecken der Domestizierung, sondern zur Klarstellung der Weisungen Gottes. Andererseits war der an sich ›tote Buchstabe‹ angewiesen auf die Belebung durch Gottes geistreiche Inspiration und Interpretation durch die Propheten. Die frühen Propheten waren so etwas wie vom Geist Gottes ergriffene Wanderprediger. Von Samuel heißt es: »Die man jetzt Propheten heißt, die hieß man vorzeiten Seher.« (1. Samuel 9,9)

Im Unterschied zu den schamanischen »Sehern« und islamischen »Derwischen« wird den Propheten eingegeben, was der Wille des Herrn ist und was zu tun ist. In 1. Sam 10,6 hören wir aus dem Munde des Priesters Samuel im Blick auf Saul, dem ersten König Israels, der sich im Umfeld erweckter Prophetenkreise aufhielt: »Und der Geist des Herrn wird über dich kommen, dass du mit ihnen in Verzückung gerätst; da wirst du umgewandelt und ein anderer Mensch werden.« (1. Sam 10,6) Durch die Kraft des Geistes geschah, was die Betroffenen in freier, unvorhergesehener, spontaner Weise geschehen ließen. Solches Ergriffenwerden provozierte bei begeisterten Propheten eine Konversion, die zur Veränderung ihres Lebenswandels führte. Darin erwies sich alttestamentliche Prophetie als Geist-Wort-Geschehen zu dem Zwecke, dass Gott sich im Munde der Propheten ausspricht, um seinem Volk nahe zu sein und Weisung zu geben.

Die Taufe durch Johannes, dem ›Vorläufer Jesu‹, als Antwort auf den Ruf zu Buße und Umkehr war ein Geschehen ausschließlich mit Wasser. Dieses Taufverständnis wurde zum Nadelöhr für die Christenheit. Die Taufe ermöglichte schließlich die volle Zugehörigkeit zur Gemeinde Christi. Der Initiationsritus des Christentums, als Zeichen der Reinwaschung von Schuld und Sünde, wurzelte in der prophetischen Buß- und Umkehrtradition des Judentums, die Johannes kritisch interpretierte. In der Folgezeit haben ›priesterliche‹ wie ›königliche‹ Traditionen des Christentums ihre prophetischen Graswurzeln gekappt, wurde die Taufe nicht selten als Herrschaftsinstrument missbraucht.