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Der dritte und letzte Band der weil Liebe und so Reihe knüpft in saloppen Jargon nahtlos an seine beiden Vorgänger an. Nicht zuletzt an Mias unerbittlichen Kampf mit der Liebe und sich selbst. Doch soll es ausgerechnet Lu sein, die Mia die Augen öffnet?
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Seitenzahl: 261
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Der dritte und letzte Band der weil Liebe und so Reihe knüpft in saloppen Jargon nahtlos an seine beiden Vorgänger an. Nicht zuletzt an Mias unerbittlichen Kampf mit der Liebe und sich selbst. Doch soll es ausgerechnet Lu sein, die Mia die Augen öffnet?
Jana Rommel lebt und liebt seit vielen Jahren in Süddeutschland. Sofern sie ihrer Leidenschaft des Reisens nicht nachgeht, arbeitet die Fünfunddreißigjährige in einer Notariatskanzlei im Breisgau. Zu Beginn der Pandemie beschloss sie, ihre erste Romanreihe zu veröffentlichen; in dieser zu vereinen, was sie selbst liebt und ausmacht.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.
Einzig für meine Leser.
Von Herzen Danke.
Kapitel EINS
Kapitel ZWEI
Kapitel DREI
Kapitel VIER
Kapitel FÜNF
Kapitel SECHS
Kapitel SIEBEN
Kapitel ACHT
Kapitel NEUN
Kapitel ZEHN
Kapitel ELF
Kapitel ZWÖLF
Kapitel DREIZEHN
Kapitel VIERZEHN
Kapitel FÜNFZEHN
Kapitel SECHSZEHN
Kapitel SIEBZEHN
Müsste ich jetzt sofort einen Aufsatz über meine Zukunft schreiben, wäre ich sicherlich maßlos überfordert. Ja, wirklich! Mehr als eine leere Blattsammlung könnte ich nicht vorweisen. In meinem Kopf herrscht gähnende Leere. Denn es sind so viele Fragen, auf die ich keine Antwort kenne.
Werde ich in naher Zukunft heiraten? Wer weiß! Werde ich nach Los Angeles ziehen? Schon möglich! Werde ich um meinen alten Job kämpfen? Gute Frage, nächste Frage!
Wie Ihr seht habe ich nicht den Hauch einer Ahnung. Nicht einmal ansatzweise eine Idee, wie es weitergehen könnte.
Wobei, so ganz stimmt das dann doch nicht. Schließlich bin ich felsenfest überzeugt, wenigstens die nächsten Jahre mit meinen neuen Lieblingsmenschen zu verbringen.
Natürlich zählen weder eine Luzia Delfino, noch ein Ben Kissel und schon zwei Mal nicht die Chefs Stahl und Schilling samt ihrer Gefolgschaft dazu. Aber immerhin.
Wenn ich nun, nur einen kurzen Augenblick, erschreckend ehrlich zu mir selbst bin, zaubert es mir sogar ein Lächeln in das Gesicht. Wie lächerlich einfach sie es mir gemacht haben. Ihnen allen, ohne jegliches schlechte Gewissen, den Rücken kehren zu können.
Ja, doch, ich muss zugeben, es verlangt fast schon Dankeskörbe für sie.
»Was lachst du eigentlich so dämlich vor dich hin?«
Ich drehe meinen Kopf nach links und schiebe mir meine Chanel Sonnenbrille auf das Haar.
Ich schaue Anni an und sage:
»Ach, ich hab nur gerade an etwas denken müssen.«
»Geh lieber mal in den Schatten, bevor du noch einen Sonnenstich bekommst. Einen an der Klatsche hast du ja schon.«
»Lass uns lieber in Pool gehen!«
Ganz ladyunlike springen Anni und ich, kopfüber, in das kühle Nass. Das Wasser prickelt angenehm auf der Haut. Die Frische streift uns über die Körper. Am Beckenrand wieder aufgetaucht öffne ich langsam meine Augen. Die Los Angeles Sonne sticht regelrecht in ihnen. Eine zarte Windböe weht mir in das Gesicht.
Eine Zukunftsfrage könnte ich spontan durchaus beantworten. Denn die Staaten riechen inzwischen nach Zuhause.
»Wow, ist das herrlich!« unterbricht mich Anni in meinen Gedanken.
»Du hattest absolut Recht, Mia! Es wurde höchste Eisenbahn, wieder hierher zu fliegen.«
Während sie sich neben mir auf den Poolrand stützt, schaue ich sie lächelnd an. Gedankenversunken. Schließlich war das Fernweh nicht der einzige Grund, vor einer Woche in den Flieger zu steigen.
Darf ich Euch an das Gespräch mit Jason erinnern? Bald dürfte ich nicht mehr die Einzige sein, die einen Klunker am Finger trägt.
Wobei das nun doch spontan eine Frage in mir aufwirft:
»Sag mal.«
»Was denn?« reagiert Anni sofort.
»Wie heißt Jason eigentlich zum Nachnamen?«
Traurig, dass ich das nicht weiß. Es ist allerdings nicht so, als hätte ich ihn damals nicht gefragt. Eine direkte Antwort bekam ich aber nicht, fällt mir soeben auf.
Anni beginnt zu lachen.
»Jetzt sag bloß, du weißt es auch nicht!?« muss ich direkt nachfragen.
»Doch doch. Hallo? Natürlich weiß ich seinen Nachnamen!«
»Ja und? Wie ist er?«
»Er ist furchtbar.«
»Was? Sein Nachname ist Furchtbar?«
»Sag mal, bist du betrunken?«
Berechtigte Frage von ihr, muss ich zugeben. Schließlich hatten wir schon ein paar eiskalte Weinschorle in der prallen Sonne am Pool.
»Er heißt Rook.«
»Ach du großer Gott. Echt jetzt?«
»Ha ja! Das wäre ein Grund, ihn nicht zu heiraten.«
Was sagt sie da? Ich glaube es ja nicht!
Gekonnt versuche ich sie vom Gegenteil zu überzeugen:
»Na ja, gut. Jason Klein würde auch nicht zu ihm passen. Sein Name ist wirklich brutal maskulin. Passt einfach zu ihm. Und Annika Rook klingt schon richtig genial. Findest du nicht?«
Bevor mir Anni eine Antwort geben kann, werden wir unterbrochen:
»Honey! Why are you still in the pool? We have to go, now!«
Ich drehe mich meinem Mister Right erschrocken zu:
»Oh shit! Wie spät ist es überhaupt?«
»Late! Hurry up, honey!«
Ich steige umgehend aus dem Pool. Steve, der mir schon freundlicherweise ein Handtuch entgegenstreckt, beäugt mich sichtlich erregt in meinem Bikini. Seine Blicke wandern von meinem Scheitel bis zum kleinen Zeh und wieder zurück. Natürlich verweilen sie einen kurzen Moment an meinen Brüsten. Männer!
Miss Marple in spe beobachtet sein Verhalten mit Argusaugen. Sagt aber überraschenderweise kein Wort. Sebastian entgeht dieses Spektakel gänzlich-Glück gehabt!
Bereits eine halbe Stunde später sitze ich geschniegelt und gebügelt im Auto. Auf der Beifahrerseite. Sebastian hinter dem Steuer.
Ja, Mister Cleary fährt heute selbst.
Unser Ziel: der LAX.
Dem auf dem Rücksitz abgelegtem Schild kann man deutlich entnehmen, was wir am Flughafen wollen. Denn darauf steht in Großbuchstaben Familie Sommers, Welcome to America.
Da der Kalender schon zwei Wochen vor Weihnachten schreibt, hat Sebastian meine Eltern spontan an die Westküste der Vereinigten Staaten von Amerika einfliegen lassen. Nicht zuletzt, damit wir Weihnachten zusammen verbringen können.
Natürlich freue ich mich riesig darüber. Schließlich konnten wir das Kriegsbeil verschachern. Hoffentlich wurde es zwischenzeitlich nicht wieder ausgegraben und ich weiß noch nichts davon.
Nichtsdestotrotz werde ich meine Eltern auf das Herzlichste willkommen heißen. Und wenn es dafür ein klein wenig peinlich werden muss, warum nicht?
Mit quietschenden Reifen rauscht Sebastian vor die Ankunftshalle. Warnblinker an, schon bin ich aus dem Auto herausgesprungen. Denn wir sind wirklich verdammt spät dran. Zeittechnisch müssten die Eltern sogar schon durch die Gepäckausgabe und Zollkontrolle sein.
Mit dem Begrüßungsschild vom Rücksitz renne ich wie eine Irre durch den Flughafen.
Obwohl ich mit meinen Einenmeterfünfundsiebzig nicht die kleinste Frau der Welt bin, sehe ich keinen Zentimeter über die Menschenmenge hinweg. Jetzt muss ein Plan B her. Und der heißt, Ellenbogen raus, ich muss da durch!
Nachdem ich mich dreist an die vorderste Front gekämpft habe, sehe ich auch schon meine Eltern. Sie stehen wie bestellt und nicht abgeholt hinter der Zollabsperrung und schauen sich verzweifelt um.
Ich reiße das Schild in die Höhe und schreie mit Leibeskräften Willkommen Mama und Papa!
Nicht nur ihre Augen schnellen schlagartig in meine Richtung, auch unzählige andere. Als sie mich erkennen, geht natürlich nicht die Sonne bei ihnen auf. Warum auch? Meine Mama schaut peinlich berührt zu Boden. Mein Vater gestikuliert unkoordiniert. Ihnen dabei zuzusehen, lässt mich lautstark lachen.
Obwohl ich sie in den letzten Monaten erst richtig kennengelernt habe, checke ich sofort, wie unangenehm es ihnen ist, aufzufallen.
Mein Vater kommt schnellen Schrittes auf mich zu und reißt mir das Schild aus den Händen:
»Musst du es denn immer gleich übertreiben, Kind?«
Ohne auf seine Frage einzugehen:
»Schön, dass ihr endlich da seid. Willkommen in meiner neuen Wahlheimat. Wie war der Flug?«
»Verdammt lang.« ringt sich mein Papa genervt ab, während meine Mama und ich uns in die Arme fallen.
»Wo ist Sebastian?« möchte sie natürlich sofort wissen.
Respekt, sie hat seinen Namen sogar richtig ausgesprochen.
Da aber noch zahllose Augen auf meine Person gerichtet sind, schließlich weiß man in Los Angeles, zu wem ich gehöre:
»Lasst uns erst mal zum Auto gehen.«
Ich nehme meiner Mama den Handgepäckkoffer ab und laufe, beiden voraus, dem Ausgang Richtung Auto entgegen.
Die Schiebetüren haben sich noch nicht hinter uns geschlossen, steigt Sebastian sofort aus dem Auto.
»Toni! Thomas! Schön euch so schnell wiederzusehen.«
Mit ein klein wenig Stolz schaue ich der Begrüßung meiner drei Lieblingsmenschen zu. Unglaublich! Sebastian ist wirklich der Erste, den meine Eltern ins Herz geschlossen haben. Und nein, das ist unmöglich aufgesetzt oder gespielt. Sie mögen ihn wirklich. Freut mich!
Mein Papa setzt sich auf den Beifahrersitz, direkt neben Sebastian. Wir Frauen uns auf den Rücksitz.
»Ich dachte, Schauspieler müssen nicht selbst Auto fahren?« bemerkt mein Papa schnippisch.
Gänzlich ohne Neckerei geht es eben doch nicht. Andererseits macht ihn das auch aus.
»Der Fahrer hat heute frei, Thomas.«
»Hast du nur einen?«
Sebastian schmunzelt:
»Natürlich nicht. Aber ich wollte meine zukünftigen Schwiegereltern persönlich vom Flughafen abholen.«
Die Eltern ziehen ihre Mundwinkel nach unten und zeigen sich, kopfnickend, offensichtlich geehrt.
Logisch! Wer kann schon behaupten von einem preisgekrönten Schauspieler persönlich vom Flughafen abgeholt zu werden?
Bereits fünfundvierzig Minuten später fahren wir auf Sebastians Anwesen. Die großen Stahltore wirken nicht nur auf mich einschüchternd. Meine Eltern starren sie mit großen Augen an. Selbst meinem Vater hat es die Sprache verschlagen und das will was heißen.
Sebastian greift zwischen die Sitze und betätigt den Öffner. Die Stahlflügel schwingen auseinander und geben uns die Einfahrt frei.
Direkt vor der Haustür gehalten:
»Wir sind da. Welcome again.« holt Sebastian mit dezent geschwellter Brust aus.
»Los, Mama! Get out! Wir sind da.«
»Ach ihr immer mit euerm Englisch. Da werde ich mich wohl nie dran gewöhnen.«
»Keine Sorge! Bis auf die Haushälterin sprechen alle gutes Deutsch. Und zur Not kann ja auch Anni übersetzen.«
Mein Papa dreht sich zu uns um:
»Die ist auch hier?«
»Ja klar. Sie ist mit Jason zusammen.«
»Wer ist Jason?« fragt meine Mama verunsichert nach.
»The Driver.« mischt sich Sebastian in das Gespräch ein.
Jasons weitere Funktionen zu erklären, würde wohl jetzt den Zeitrahmen sprengen.
Wie gerufen steht er vor uns und hebt mit Steve das Gepäck aus dem Kofferraum.
Meine Mama, kaum einenmetersiebzig groß, steht eingeschüchtert vor den beiden Büffeln von Männern. Vor allem Steve scheint es ihr sofort optisch angetan zu haben. Mit offenem Mund kann sie schier nicht fassen, welch für ein Adonis vor ihr steht.
Hm, wie die Tochter so die Mutter.
Mich amüsiert ihr Verhalten ungemein.
Ich gebe ihr einen leichten Schups mit dem Ellenbogen, um sie in das Hier und Jetzt zurückzuholen.
Erschrocken fährt sie in sich zusammen und sieht mich an:
»Hier ist ja einer hübscher, als der andere. Das könnte ich nicht, Schatz. Mich den ganzen Tag mit solch attraktiven Männern zu umgeben. Da werde ja selbst ich noch einmal jung.«
»Mama, du bist jung!«
Ohne auf meine Worte einzugehen, stiert sie erneut in Steves Richtung. Dass ihr nicht sofort der Sabber läuft ist erstaunlich.
»Guten Tag, Frau Sommers.« holt Steve freundlich in ihre Richtung aus.
Äußerst belustigt natürlich. Schließlich hat er jedes einzelne Wort verstanden.
Meine Mama erschrickt bis in das innere Mark:
»Sie sprechen Deutsch?«
»Mama, hier sprechen alle Deutsch.«
»Aber dass er auch Deutsch spricht, hättest du mir sagen müssen!«
»Das habe ich aber du hast nicht zugehört.«
Mit hochrotem Kopf und vor Scham glühenden Ohren geht Frau Antonella Sommers, gesenkten Hauptes, an Steve vorbei. Steves Blicke folgen ihr. Der Satan checkt sie doch allen Ernstes ab! Ich fasse es nicht!
Nachdem seine Augen unübersehbar auf dem Hintern meiner Mutter hängenbleiben gehe ich sofort auf ihn zu:
»Ey! Das ist meine Mama! Anständig, klar?« flüstere ich ihm in einem bestimmenden Ton zu.
»Jawohl, Ma´am.«
Steve kann so furchtbar sein. Schlimmer als ein läufiger Hund ist er neuerdings hinter allem her, was einen kurzen Rock trägt oder ein paar Tittis vorweisen kann. Klar, er ist heiß. Nur leider weiß er das auch. Von dem zurückhaltenden Mann aus London ist nichts mehr übrig.
Gott sei Dank habe ich mich nicht auf ihn eingelassen. Ich wäre doch nur eine weitere Figur in seiner Sammlung gewesen.
Aber wie er meine Mama anschaut, gefällt mir gar nicht. Sie ist schließlich seit Siebenundzwanzigjahren mit meinem Vater zusammen. Da fühlt man sich schnell geschmeichelt, wenn man von einem so attraktiven Stück Fleisch abgecheckt wird.
Nun ja, Themenwechsel.
Gal begrüßt uns an der Haustür. Gewohnt mit einer Erfrischung auf dem Tablett.
»Das ist ja wie im Hotel hier! Wenn Mia dich nicht heiraten will, Sebastian. Ich heirate dich!«
»Papa!« ermahne ich ihn, doch die übrigen Anwesenden beginnen schneller zu lachen.
Eine geschlagene Stunde laufen sie durch das Haus und den Garten. Jeder kleine Zentimeter wird auf das Genaueste unter die Lupe genommen und inspiziert. Meine Eltern wollen es wirklich ganz genau wissen. Sie überschütten Sebastian förmlich mit Fragen zu dem Anwesen. Jason und Steve laufen wie zwei Hunde hinter ihnen her. Sobald es mit Sebastians Deutschkenntnissen eng wird, springen Steve und Jason ein. Anni und ich sitzen derweilen auf der Terrasse in der Sonne und schauen dem Schauspiel zu.
»Siehst du, wie Steve meine Mutter angafft?«
»Abnormal! Was stimmt nur nicht mit dem Mann?«
»Ich habe keine Ahnung!« flüstere ich Anni resignierend zu.
»Wenn er die Tochter nicht haben kann, krallt er sich also die Mutter? Nicht schlecht. Der Plan hätte von mir sein können.« Anni weiter.
Offensichtlich bin ich nicht die Einzige, der sein Verhalten gehörig gegen den Strich geht. Viel erschreckender finde ich aber, dass es meine Mutter sichtlich genießt. Sie scheint gar nicht zu wissen, auf wen oder was sie sich gedenkt einzulassen.
Ja, richtig gelesen. Meine Mutter zerfließt regelrecht unter Steves Blicken. Wäre sie ledig, wäre die Sache geritzt und ich wüsste, wer heute Nacht unter ihre Bettdecke krabbelt.
Natürlich ist meine Mama eine überaus attraktive Frau. Ihr Alter sieht man ihr nicht im Geringsten an. Sie wirkt eher wie eine Dreißigjährige.
Optisch ist es nicht abzustreiten, dass wir verwandt sind. Wir sehen uns ungemein ähnlich. Nur ihre südländischen Züge unterscheiden uns. Nicht zuletzt ihr dunkler Teints, ihre langen, schwarzen Haare und ihre tiefbraunen Augen. Das hat sie mir nicht vererbt. Selbst ihre Figur ist zum Niederknien.
Sie ist nicht eine von den Frauen, die sich nach der Hochzeit gehen ließen. Sie hatte auch keine Probleme, nach der Schwangerschaft in ihre alte Kleidergröße zurückzufinden. Ganz im Gegenteil. Nicht selten behauptete man, wir wären nicht Mutter und Tochter, sondern Schwestern.
Dass man so etwas als Tochter, spätestens in der Pubertät, nicht hören will, brauche ich ja nicht zu erwähnen.
Nachdem die Menschenschar das Poolhaus erreicht hat, löst sich die Gruppe auf. Meine Eltern verschwinden darin; schließlich ist es ihr Zuhause, solange sie zu Besuch sind. Sebastian, Jason und Steve kommen hingegen zu uns auf die Terrasse.
»Your parents want sich vor dem Essen noch ausruhen.« klärt mich Sebastian auf, bevor er mir einen flüchtigen Kuss auf den Mund gibt.
»Alles klar. Ich fange gleich mit den Vorbereitungen an.«
»Das musst du nicht, honey. Dafür haben wir Angestellte.«
Was mir aber zugegebener Maßen absolut egal ist. Wenn meine Eltern schon mal den langen Flug über den großen Teich auf sich nehmen, will ich natürlich nichts dem Zufall überlassen. Das Abendessen muss perfekt werden. Und was wäre da besser, als ein richtig großes Barbecue. Zwar habe ich keinen Plan, wie so ein Essen auf typisch amerikanische Art aussehen soll, aber helfen will ich trotzdem.
Ich exe mein Weinglas und stecke mir eine letzte Zigarette an.
»Willst du mir helfen?« frage ich gezielt Sebastian.
»Well, ich kann nicht so gut mit Messern umgehen.«
Anni beginnt lautstark zu lachen:
»Für die Notaufnahme haben wir heute keine Zeit. Am Ende schlitzt du dir noch die Pulsadern auf.«
Wo sie Recht hat, hat sie Recht.
Trotzdem lasse ich keine Ausrede zu:
»Das wird schon schiefgehen. Komm!«
Auf der mittleren Etage meiner neuen Bleibe kommt mir schon Gal entgegen. Na das könnte jetzt ein dezentes Theater geben. Denn ob sie mir wirklich widerstandslos die Küche überlässt, bleibt abzuwarten.
Natürlich lächle ich sie freundlich an und gehe an ihr vorbei. Auf direktem Wege in die Küche. Aus den untersten Schubladen nehme ich zwei große Schneidebretter heraus. Nicht zuletzt Messer aus dem Block.
»Wait Ma ´am. I´ll do it.«
Wusste ich es doch.
»Gal, I´m making dinner today.«
»No!«
»Oh yes!«
»You can´t take my labour away from me. Mr. Cleary doesn´t like that!«
Ja genau. Als ob es mich interessiert, dass Sebastian nicht will, dass ich das Abendessen mache. Soweit kommt´s noch. Es sind schließlich meine Eltern.
»Don´t worry! He knows it. Make a break. Really, Gal. Everything´s okay.«
Sie schaut mich ungläubig an. Es dauert eine gefühlte Ewigkeit, bis sie sich wirklich aus der Küche verabschiedet. Keine Ahnung, ob sie mich überhaupt verstanden hat aber sie geht. Endlich.
Ich drehe die Musik ein wenig lauter und schon kann es losgehen. Die Schürze umgebunden und erst einmal die große Thermobox inspiziert.
Zwar essen die Amerikaner bei einem Barbecue Tiefkühl-Patties, aber der Gedanke an gehäckseltes tiefgefrorenes Fleisch lässt mir den Ekel über den Buckel laufen. Das ist nämlich eindeutig nichts für die verwöhnten Gaumen meiner Eltern.
In der Box ist daher wirklich alles, was das Herz begehrt. Rippchen, frisches Fleisch und nicht zuletzt Unmengen von Gemüse. Lecker!
Einige Zeit später fällt mir sogar langsam einmal auf, dass sich Mister Cleary bisher nicht hat in der Küche blicken lassen. War ja klar! Da lässt er den Promi raushängen. Typisch. Umso erstaunter bin ich, wie ich überraschend einen warmen Atem im Nacken spüre. Ein süßer Geruch steigt mir in die Nase.
»You look hot.« haucht es mir mit trockener Kehle in das Ohr.
Je mehr seine warme Nase über meinen Hals fährt, je weicher werden meine Knie. Und ja, so heißer wird mir.
Ich drehe mich Sebastian zu. Seine Hände greifen gezielt nach meiner Hüfte. Seine Brust drückt sich fest gegen meine. Dem standzuhalten, gelingt mir schlicht nicht. Davon abgesehen möchte ich das auch nicht. Bettelnd nach mehr stehe ich vor ihm. Anstatt mich endlich zu küssen und meinen Qualen ein Ende zu bereiten, liebkost seine Nasespitze meine. Seine weichen Lippen sind nur ein Müh von meinen entfernt. Bei jedem Anlauf, die meine auf seine zu drücken, entwischt er mir.
Ich lehne mich kapitulierend rücklings gegen die Küche und lasse seine Berührungen zu. Seine Lippen wandern von meinem Hals zu meinen Schultern. Wieder zurück verweilen sie einen kurzen Moment an meinem Ohr. Er knabbert an meinem Ohrläppchen. Wie ich es liebe. Ein regelrechtes Feuerwerk bricht in meinem Bauch aus, welches sich bis in meinen Schoss herunterzieht. Ich bin augenblicklich so bereit, wie schon lange nicht mehr. Mit verschleiertem Blick schaue ich ihn tief in die Augen. Den Mund einen Spalt geöffnet. In der Hoffnung, dass mir so das Atmen leichter fallen würde. Vergebens.
Sebastians Hände greifen gezielt nach meinem Po. Seine Finger vergraben sich regelrecht in ihm.
Mit heiserer Stimme fordere ich meinen Willen ein:
»Nimm mich!«
Eine weitere Bitte braucht es Gott sei Dank nicht. Mein Verlobter hebt mich mit seinen starken Armen hoch und trägt mich zu dem Esstisch. Legt mich auf diesen. Mit den Rücken zuerst. Ich liege breitbeinig vor ihn. Mit rasendem Herz. Wie die Jungfrau auf ihrem Ehebett. Seine stechend blauen Augen durchdringen mich regelrecht. Dabei will ich, dass mich augenblicklich er selbst durchdringt.
Mit einer Seelenruhe schiebt mir Sebastian meinen Rock noch weiter hinauf, streift meinen Slip herunter. Lässt ihn auf den Boden fallen. Mein Herz rast von Sekunde zu Sekunde schneller.
Hingebungsvoll beginnt seine Zunge in meinem Schoß ihre Arbeit. Sie kreist, seine Lippen saugen. Alles Blut in meinen Körper schießt mir in den Kopf. Meine Ohren glühen. Einen klaren Gedanken zu fassen ist nicht mehr möglich. Sebastian bringt mich an den Rand der emotionalen Verzweiflung.
Nur noch einen kurzen Moment und es ist soweit. Ich könnte zerspringen.
Er lässt jedoch schlagartig von mir ab, zieht mich sich entgegen und dringt mit einem heftigen Stoß in mich an.
»Oh mein Gott!!!«
Ein frischer Wind streift mir über die warme Gesichtshaut. So sehr ich mich auch dagegen wehre, er zwingt mich wach zu werden. Nicht zuletzt das Vogelgezwitscher.
Würde mich ja mal brennend interessieren, was diese Viecher am frühen Morgen schon in die Welt posaunen müssen.
Doch den tierischen Gesängen mischt sich ein bekanntes Kichern unter. Irritiert und mit gerunzelter Stirn, öffne ich meine Augen. Die Sonne geht allmählich auf. Taghell ist es jedoch noch nicht. Schätzungsweise ist es kaum sechs Uhr morgens. Ich löse mich aus den starken Armen, die schützend auf meinem Oberkörper ruhen und richte mich im Bett auf. Schaue desorientiert um mich. In Richtung Fenster, die in den Garten hinauszeigen. Vorsichtig und leise zugleich krabble ich aus dem Bett. In der Hoffnung, Sebastian nicht zu wecken.
Wobei er quasi einen Instinkt hat, wach zu werden, sobald ich das Bett verlasse.
Ich schlüpfe in sein Shirt vom letzten Abend und gehe zu den geöffneten Fenstern.
Gänzlich nackt in die weite Welt hinauszuschauen, macht ja auch einen komischen Eindruck. Obwohl es keine Nachbarn in Sichtweite gibt, irgendjemand latscht immer über das Grundstück. Und wenn es nur der spanisch sprechende Gärtner ist.
Gähnend lehne ich mich an das Geländer und lasse meine Augen über das Grundstück wandern.
Wer kichert hier nur so? Muss ich unbedingt wissen. Denn meine weibliche Intuition meldet keine guten Nachrichten.
Hektisch suche ich den Garten ab. Nichts! Weiter gemacht beim Poolhaus. Noch alles dunkel! Einen kurzen Moment bin ich wirklich überzeugt, dass ich mir das nur eingebildet habe aber Pustekuchen!
Auf der Terrasse, direkt vor dem Pool, sitzen meine Mutter und Steve!
Ich glaube es ja nicht! Mein Puls schnellt schlagartig in die Höhe. Meine Laune schlägt um. Das darf doch wohl nicht wahr sein! Ich überlege, ein lautes und alles sagendes Guten Morgen in ihre Richtung zu schmettern. Entscheide mich aber dagegen. Denn erst will ich die beiden beobachten. Schließlich wissen sie nicht, dass sie einen Stalker haben. Nämlich mich!
Sie sitzen jeweils auf einer Liege sich gegenseitig zugewandt.
Wenn man mich fragt, viel zu nah beieinander. Ihre Knie berühren sich ja schon fast.
Mit verschränkten Armen lehne ich weiter am Geländer in der obersten Etage des Hauses.
Was um alles in der Welt soll das? Schießt es mir ununterbrochen durch den Sinn. Den ganzen gestrigen Abend beim Barbecue haben sie sich gegenseitig ignoriert. Und jetzt flirten sie? Was zum Teufel stimmt nicht mit meiner Mutter? Und was stimmt nicht mit Steve? Habe ich mich so in ihm getäuscht? Wenn er sich sicher und unbeobachtet fühlt, geht er bei allen Muschis auf Tuchfühlung? Ich bin fassungslos! Noch schlimmer aber ist das Verhalten meiner Mutter. Sie kichert wie ein fischverliebter Teenager. Genießt offensichtlich seine Gesellschaft.
Von Minute zu Minute steigt mir mehr die blanke Galle auf.
Also es ist jetzt natürlich nicht so, als würde ich es Steve nicht gönnen. Ich wäre natürlich auch nie im Leben auf meine Mutter eifersüchtig. Es gefällt mir einfach nicht. Das ist alles!
Ein paar liebe Worte reißen mich aus meinem psychischen Nonsens:
»Honey! What are you doing? Come back to bed. Please!«
Lieb gemeint aber läuft nicht! Als ob ich mich jetzt noch mal ins Bett legen könnte, während es die beiden da unten lustig haben. Nie im Leben.
Da es selbst Sebastian irritiert, von was ich so maßlos fasziniert zu sein scheine, steht er auf und kommt zu mir an die Fenster.
»Was siehst du?« fragt er prompt und kuschelt sich an mich.
»Da! Schau!«
»What do you mean?«
»Meine Mutter mit Steve.«
»And now?«
»Mir gefällt das nicht!«
Sebastian gibt einen tiefen und leicht genervten Schnaufer von sich.
»Er unterhält sich doch nur mit ihr.«
»Trotzdem! Das gefällt mir nicht!«
»Don´t worry! Steve ist with my sister verlobt.«
WHAT? Steht es mir deutlich, in Großbuchstaben, ins Gesicht geschrieben.
»Er würde Lilly nie fremdgehen.«
Ähm, das ist er doch schon, weist mich mein inneres Ich hin. Und zwar mit mir. Und das weiß Sebastian auch. Also zumindest von dem Kuss. Ob tatsächlich mehr lief, weiß wohl nur Steve.
Einen kurzen Moment überlege ich, Sebastian diese Peinlichkeit am frühen Morgen noch einmal auf das Brot zu schmieren. Entscheide mich aber dagegen. Schließlich wollten wir die Vergangenheit ein für alle Male ruhen lassen.
Überraschenderweise lenken mich nicht Sebastians Worte ab, sondern mein Katzenkind Nelly, die mir schon inbrünstig um die Beine schleicht. Ich nehme sie hoch und drücke sie fest an meine Brust. Einige Male richtig durchgeknuddelt, hat sie meine Liebelei schon wieder satt und verschwindet aus dem Schlafzimmer.
Obwohl es noch verdammt früh ist, wird es Zeit in den Tag zu starten. Daher führt mich mein nächster Weg in das Badezimmer. Eine heiße Dusche am frühen Morgen hat schon immer so manche negativen Gedanken aus meinem Kopf gewaschen.
Mit dem Handy und einer Schachtel Zigaretten in der einen Hand, einem großen Pott Kaffee in der anderen, schlendere ich auf die Terrasse hinunter.
Bereits im Wohnbereich kommt mir Steve entgegen:
»Ma´am, good morning.«
Geschissen auf Ma´am, steht mir deutlich ins Gesicht geschrieben. Egal wie freundlich er wirkt.
Erwidern tue ich seinen Morgengruß natürlich nicht. Mehr als eine abartig hochgezogene Augenbraue ist um diese Zeit schlicht nicht drin. Nach dem Turteln mit meiner Mutter zwei Mal nicht.
Zielstrebig gehe ich auf die Terrasse hinaus und suche mir ein Plätzchen auf der nächstgelegenen Liege. Einen Aschenbecher organisiert, die Tasse auf den Boden gestellt, brennt auch schon die erste Kippe. Das Nikotin flutet unangenehm meinen Körper. Einen Schluck Kaffee genommen, checke ich, online, als Erstes den neuesten Klatsch und Tratsch der Welt. Besser als Zeitung lesen. Vor allem da ich regelmäßig auf diversen Homepages abgelichtet bin. Aber heute Morgen, nichts. Auch nicht schlecht.
Um mein Morgenritual zu vollenden, öffne ich als nächstes meine Facebookseite. Mal schauen, was es Neues gibt. Wer der Verzweiflung nahe ist und es mit diversen Psycho-Sprüchen zum Ausdruck bringt. Die Weihnachtsshoppingwütigen, vielleicht können sie mich ja zu Geschenken inspirieren oder whatever.
Anstatt meine Neugier zu befriedigen, ploppt als Erstes ein Post von Lu auf.
Luzia Delfino ist verliebt mit Daniel Rogge.
Darunter ein Ultraschallbild.
Boa da könnte ich sofort brechen. Solche Dinge sind auf nüchternen Magen nur schwer zu verdauen. Dass sie so etwas Daniel wirklich antut. Sie ist so abgebrüht.
Vielleicht meiner dezenten Aggression geschuldet, überlege ich wirklich, den Beitrag dahingehend zu erweitern, dass ich meinen Vater und Ben markiere. Schließlich ist die Vaterschaftsfrage noch lange nicht geklärt. Dass es aber nicht der Tierarzt Daniel ist, steht ja wohl fest wie das Amen in der Kirche.
Bei dieser Gelegenheit wirft sich sofort eine Frage in mir auf:
Hätte ich Daniel sagen sollen, dass es eine Form der Unmöglichkeit ist, dass er das Kind gezeugt hat? Bin ich ihm das schuldig?
Ok, so richtig befreundet waren wir ja nicht. Unsere Gemeinsamkeit beschränkte sich ausschließlich auf den Matratzensport. Trotzdem fühle ich mich verpflichtet, dazwischen zu grätschen.
Lass es einfach, Mia. Höre ich mich selbst ermahnen.
Besser ist es, flüstere ich vor mich hin, als hätte mich in der Tat jemand angesprochen.
Egal wie, ich muss schnell meine Laune in den Griff bekommen. Sonst ist der Tag gelaufen. Sobald mein Vater wach ist, wird er mich so lange dissen, bis ich gänzlich eskaliere.
Er meint nämlich wirklich, dass sich das sogenannte Aufziehen positiv auf meine Laune auswirkt. Dass es aber total kontraproduktiv ist, will er partout nicht verstehen.
Nach der zweiten Tasse Kaffee beschließe ich daher, alles um mich herum auszublenden. Bringt schließlich alles nichts. Außer Falten.
Ich stecke meine Kopfhörer in die Ohren und lasse eine Playlist mit R´n´B laufen. Laut genug, dass ich meine schlechten Gedanken nicht hören kann. Die Sonnenbrille aufgesetzt, chille ich in der Morgensonne und beobachte das allgemeine Geschehen um mich herum.
Gal richtet auf der Terrasse die Frühstückstafel an, der Gärtner säubert den Pool. Es dauert keine zehn Minuten mehr und ich döse wieder ein.
»Honey, wake up!«
Liebevolle Worte klingen auf mich ein. Instinktiv forme ich, völlig schlaftrunken, meinen Mund zu einem zufriedenen Lächeln.
Ich werde wohl nie müde werden, seine Stimme zu hören.
Angestrengt öffne ich meine Augen, schiebe mir die Sonnenbrille von der Nase und erschrecke zutiefst. Vor mir stehen Sebastian und mein Vater.
»Bist du immer so faul? Was sollen denn die Leute von uns denken?«
Genervt setze ich meine Brille sofort wieder auf.
Allmählich dämmert mir, warum ich so schnell wie möglich von Zuhause ausgezogen bin. Das geht schließlich schon so lange so, wie ich denken kann.
Zugegeben, die Anfangszeit in meiner ersten eigenen Wohnung, hatte mir das sogar ein wenig gefehlt. Makaber, oder?
»Mia, Schatz. Wir wollen frühstücken. Kommst du bitte? Die ältere Dame muss ja nicht alles alleine machen. Hilf ihr! Du bist hier nicht Zuhause!« meine Mutter.
Na ja, genau genommen noch nicht aber irgendwie schon.
Damit meine Laune nicht wieder in den Keller sinkt, stehe ich wie ein artiges Kind auf. Sebastian und die Eltern haben bereits an der Frühstückstafel Platz genommen. Sichtlich beeindruckt und noch mehr eingeschüchtert wandern ihre Blicke über den Tisch. Obwohl ich kaum richtig wach bin, breche ich das unangenehme Eis und beginne alle Kaffeetassen zu füllen.
»Habt ihr gut geschlafen?« eröffnet Sebastian munter die Gesprächsrunde.
»Sehr gut, Sebastian. Ich war kein einziges Mal wach.« erklärt meine Mutter zufrieden.
Kaum haben die Worte ihren Mund verlassen, höre ich schlagartig mit Einschenken auf und schiele zu ihr hinüber.
»Echt? Du hast seit gestern Abend bis gerade eben durchgeschlafen?«
»Ja.«
»Du warst heute Morgen nicht schon mal wach? Ich meine, Jetlag und so?«
Das muss ich jetzt genauer wissen. Sie wird es ja nicht wagen, mir direkt ins Gesicht zu lügen.
»Ja, natürlich. Du denn nicht?«
Ich hole tief Luft. Doch Sebastians Fuß erreicht schneller mein Schienbein unter dem Tisch. Autsch! Irritiert schaue ich nun zu ihm rüber.
Trotzdem:
»Na ja, ehrlich gesagt war ich um sechs schon wach. Irgendjemand hatte es sehr lustig auf der Terrasse.«
Meine Mutter schaut mir tief in die Augen. Hält meinem Blick zu eintausend Prozent stand.
Doch anstatt sie, holt mein Vater aus:
»Bei den ganzen Angestellten sind sicher schon viele morgens wach.«
Meine Augen wandern weiter zu meinem Vater. Ich will es schier nicht glauben. Er nimmt sie Vollgas in Schutz. Es würde mich einmal interessieren, ob er die Unterhaltung zwischen ihr und Steve ebenfalls mitbekommen hat.
In einer Sache sind mein Vater und ich durchaus gleich. Wir schnippen schnell aus der Hose, wenn uns etwas nicht passt. Eventuell ist er sich in diesem Moment dessen sogar bewusst. Wer weiß?
Während ich versuche meine Laune im Zaum zu halten streichelt mir Sebastian unter dem Tisch den Oberschenkel.
»Breakfast now!«
Gesagt, getan. Wir fangen an.
Meine Eltern lassen es sich sichtlich schmecken. Keinerlei böse Kommentare von meinem Vater. Ganz im Gegenteil. Wir sitzen wie einst in Berlin, friedlich gemeinsam am Tisch. Betreiben Smalltalk und haben es lustig.
Bei solchen Gesprächen kommt es mir oft so vor, als würde ich mich von außen sehen. Zwar bin ich körperlich anwesend, jedoch nicht tatsächlich. Man hört die Anderen reden, nimmt es jedoch nicht im Geringsten wahr.
Meine Blicke wandern zu den Eltern. Sie zu sehen, nach Allem was die letzten Monate passiert ist, tut gut. Ich würde sogar fast behaupten, dass ich sie so etwas wie liebhabe. Zumindest weiß ich es zu schätzen, dass sie jetzt hier sind.
Mein Blick wandert weiter, an den Eltern vorbei, über den Pool hinüber. Direkt in den Garten.
Mir fällt es ungemein schwer, wirklich alles Gesehene zu realisieren. Mir überhaupt einmal bewusst zu werden, wo ich jetzt bin. Nämlich in Hollywood.
Hätte mir man das vor einem Jahr erzählt, hätte ich alle für nicht ganz dicht gehalten. Und nun? Verrückt.
