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Mia Sommers ist eine junge, emotionslose Steuerberaterin, bei welcher im Leben alles glatt läuft, mit Ausnahme ihres Liebeslebens. Nachdem ihre Beziehung ein weiteres Mal kurz vor dem Aus steht, gibt sie sich im Urlaub einem One-Night-Stand hin. Nicht ahnend, dass sie der schöne Unbekannte schon bald im Alltag einholen wird. So sehr sie sich auch dagegen sträubt - Sex ist planbar aber Liebe passiert.
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Seitenzahl: 354
Veröffentlichungsjahr: 2020
Mia Sommers ist eine junge, emotionslose Steuerberaterin, bei welcher im Leben alles glatt läuft, außer ihr Liebesleben. Nachdem ihre Beziehung ein weiteres Mal kurz vor dem Aus steht, gibt sie sich im Urlaub einem One-Night-Stand hin. Nicht ahnend, dass sie der schöne Unbekannte schon bald im Alltag einholen wird. So sehr sie sich auch dagegen sträubt – Sex ist planbar aber Liebe passiert...
Jana Rommel lebt und liebt seit vielen Jahren in Süddeutschland. Seit frühster Jugend liest sie leidenschaftliche Liebesromane. Zu ihrem 33. Geburtstag hat sie beschlossen, ihren ersten eigenen Roman zu veröffentlichen. Denn schließlich hat sie ihre große Liebe schon längst gefunden.
Dieses Buch ist ein Roman. Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen sind rein zufällig.
Für das kleine blonde Mädchen mit dem großen Traum im Herzen.
Eins
Zwei
Drei
Vier
Fünf
Sechs
Sieben
Acht
Neun
Zehn
Elf
Zwölf
Dreizehn
Vierzehn
Fünfzehn
Sechzehn
Siebzehn
Achtzehn
Neunzehn
Im Grunde genommen kann ich durchaus behaupten, dass ich glücklich bin. Wobei ich mich frage, was benötigt man überhaupt, um sich aus voller Überzeugung glücklich zu nennen? Würde ich nun eine allgemeine Umfrage starten, wären sicherlich die ersten Antworten, dass man ein Dach über dem Kopf braucht. Und jetzt, wie weiter? Die Feministinnen unter uns würden wahrscheinlich spontan behaupten, dass man als Frau mit spätestens dreißig heiraten sollte. Und bitte das Kinderkriegen nicht vergessen! Ein Gedanke, der mich als karriereorientierte Siebenundzwanzigjährige sehr abschreckt. Weshalb ich ihn gekonnt beiseiteschiebe.
Wenn ich mich in meinem Freundes- und Bekanntenkreis umschaue, käme als Nächstes die Familienkarte.
Logisch! Jeder hat auf irgendeine Art Familie! Ob man mit ihr auskommt, oder auch nicht. Man hat sie halt. In der Regel liegen Welten zwischen allen Beteiligten mit demselben Nachnamen. So auch bei mir. Ich wurde als Einzelkind geboren. Schätze ich zumindest. Sicher sein kann man sich ja nie. Meine Eltern waren verdammt jung, kaum sechzehn Jahre alt, blieben aber zusammen. Trotzdem suchten sie einen Schuldigen, dass sie ihre Jugend aufgeben mussten. Na ja, und der war schnell gefunden; nämlich ich, Mia! Das angespannte Verhältnis war somit vorprogrammiert.
Kinder gebären liegt mir daher fast genauso fern, wie zu heiraten. Ich will keinen Schuldigen haben müssen, nur weil ich beim Verhüten nicht aufgepasst habe. Viel lieber will ich die Welt erkunden, Länder bereisen. Oder, ganz einfach ausgedrückt, das Leben in vollen Zügen genießen.
Seit vier Jahren bin ich nun in einer Beziehung. Ob es wirklich Liebe ist, glaube ich nicht. Wir, Ben und ich, sind einfach gute Freunde. Wir haben ähnliche Interessen und streiten uns selten. Er akzeptiert jede Verschrobenheit von mir. Egal, ob es mein gewöhnungsbedürftiger Geschmack der gemeinsamen Wohnungseinrichtung gegenüber ist, oder meine emotionslose und nüchterne Lebenseinstellung. Ben akzeptiert mich, wie ich nun mal bin. Klingt nach dem perfekten Match, oder?
Ganze drei Jahre ging es bisher gut. Aber dann kam das Unvermeidliche! Meine perfekt geglaubte Beziehung geriet in Schieflage.
Auf einer Hochzeit beobachtete ich andere Pärchen. Sie schienen verliebt und glücklich. Nicht, so gefühlskalt, wie Ben und ich es zueinander sind. Von da an war es letztlich nur eine Frage der Zeit, bis ich mich selbst fragen musste, ob ich in meinem Leben tatsächlich schon einmal so richtig verliebt war.
Egal wie sehr ich darüber auch nachdenke, ich muss kapitulieren! Ich war es nicht! Schmetterlinge im Bauch sind bei mir Verdauungsbeschwerden. Händchen halten ist in meinen Augen einfach nur kindisch. Sich stets und ständig küssen zu müssen absolut unnötig.
Monate nach der Hochzeit stehen wir ein weiteres Mal vor einer Trennung. Sie ist letztlich mehr als überfällig. Wir leben aneinander vorbei. Wir schlafen nicht mehr miteinander. Wenn wir uns sehen, streiten wir. Es ist nicht mehr zu leugnen, dass wir unglücklich sind. Es uns eingestehen, wollen wir uns aber nicht.
Stattdessen buchen wir einen vorerst letzten, gemeinsamen Urlaub. Normalerweise fliegen wir jedes Weihnachten zu meinen Eltern in meine Heimat Berlin. Dieses Jahr geht es in die Karibik. Einen All-inclusive-Urlaub, wo wir ausreichend Zeit für unsere Beziehung haben sollen.
Das Fernweh haben Ben und ich schon immer gemeinsam. Mindestens einmal im Jahr packen wir unsere Koffer und machen uns auf in die Ferne. Ben bevorzugt einsame Strände, ich Orte, an denen ich tauchen kann. Einig über ein Ziel werden wir uns daher immer. Nur diesmal wissen wir, dass nach dem gemeinsamen Urlaub die Trennungsfrage beantwortet werden muss. Wenn wir es nicht noch im Urlaub entscheiden würden.
Kaum haben wir im Hotel eingecheckt, gehen wir auch schon eigene Wege. Welche Überraschung! Ben wächst am Strand auf einer Sonnenliege fest. Ich suche krampfhaft nach einer Tauchschule. Auch wenn die Anlage riesig ist, die Schule ist ruckzuck gefunden. Allein der Anblick diverser Tauchlehrer lässt mich spüren, dass ich noch am Leben bin. Es gibt noch Gefühle in meinem Körper, und was für welche! Spontan lasse ich mich zu einem zweitägigen Tauchausflug zur Insel Saona überreden. Ben tangiert das reichlich wenig. Lust, als Begleitperson mitzukommen, hat er natürlich nicht.
Seit frühster Kindheit tauche ich. Bei jeder Gelegenheit, in jedem Urlaub. Ich bin mir sicher, es wird ein phantastischer Ausflug werden. Mit oder auch ohne ihn.
Gegen neun Uhr des nächsten Tages besteige ich mit diverser, ausgeliehener Ausrüstung eine erstklassige Yacht. Sie ist mindestens fünfundzwanzig Meter lang, durchweg schneeweiß und auf Hochglanz poliert. Die Besatzung und die Mitreisenden sind sehr überschaubar. Auf einem Touristen kommt ein Tauchlehrer. Anstatt einer der sexy Männer, wird mir eine junge Spanierin zugeteilt, Marisol. Die Sympathie springt von der ersten Sekunde über. Wir sind auf einer Wellenlänge. Ihr Wesen und vor allem ihr Lächeln nehmen mich sofort ein. Sie ist kaum 23 Jahre alt und des Lebens überdurchschnittlich froh. Bildhübsch mit langen blonden Haaren und braunen Kulleraugen. Einzig ihre Deutsch- und Englischkenntnisse sind unterirdisch. Da Ben und ich aber schon oft spanisch sprechende Länder bereisten, sitzt meine Zunge nach ein paar Cocktails locker.
Es ist soweit. Die Yacht legt ab, typisch karibische Musik erklingt. Die ersten Rumflaschen gehen rum. Wir fahren eine gute Stunde unserem Ziel Saona entgegen.
Fürchterliche Kopfschmerzen zwingen mich aufzuwachen. Allein den Unmengen von Rum und Desperados geschuldet. Ich liege in einem großen Bett in mitten eines furchtbar hässlichen Zimmers. Es ist noch dunkel. Die Sonne noch nicht aufgegangen. Dunkle Wände, mahagonifarben würde ich spontan behaupten. Goldene Zierleisten. Alles extrem altbacken. Meine persönliche Hölle. Bevorzuge ich grundsätzlich alles Gegenteilige. In meinem Kopf schaukelt es schlimmer, als jedes Boot.
Es war gestern eindeutig ein Cocktail zu viel. Mir ist sofort klar, dass der nächste Tauchgang definitiv ohne mich stattfinden wird. Erst einmal muss ich meinen Brechreiz in Griff bekommen. Vorsichtig lege ich mich wieder in die Kissen. Ich hoffe, eine Position zu finden, die meinen Schädel nicht gänzlich zerspringen lässt. Trotz Allem versuche ich mich krampfhaft zu erinnern, wie ich mich so gehen lassen konnte. Noch dazu unter Fremden. Die Antwort ist schnell gefunden. Schließlich kennt mich keiner.
Allmählich kommt die Erinnerung wieder. Zuerst die sensationellen Tauchspots. Schon allein deswegen hat sich der Trip absolut gelohnt. Unter Wasser ist die Welt eben noch in Ordnung. Da gibt es keine Beziehungsprobleme oder anstrengende Chefs. Keine hinterlistigen Kollegen und schon gar keine nervige Familie. Es ist immer ruhig und traumhaft schön.
Ein Lied drängt sich in meine Erinnerungen. Shakira mit einem Mix von hips don´t lie. Nicht die allseits bekannte, europäische Version. Es ist die Karibische. Mein rechter, großer Zeh beginnt im Takt zu wippen. Meine mörderischen Kopfschmerzen werden zum Glück weniger. Ein Lächeln macht sich auf meinem Gesicht breit. Das Bild eines Mannes huscht mir durch den Kopf. Mein Grinsen wird immer breiter. Wenn ich nicht so betrunken gewesen wäre, würde ich doch glatt behaupten, dass es Sebastian Cleary war. Ein britischer Schauspieler, Model und Frauenschwarm schlechthin. Kurz gesagt, einfach nur heiß! Zumindest als Mann.
Aber wahrscheinlich habe ich mir das nur eingebildet. Schließlich betet ihn meine beste Freundin Lu an. Seit eh und je. Seit unzähligen Jahren. Dass sie nicht noch einen Cleary-Schrein in ihrem Schlafzimmer aufgebaut hat, ist alles. So wie ich von Ben erzähle, erzählt sie von Sebastian Cleary. Dann noch eine gehörige Portion Alkohol dazu und die Wahnvorstellungen sind perfekt. Andererseits, er hätte es wirklich sein können.
Der Neugier halber beginne ich mühselig den Abend Revue passieren zu lassen. Nachdem wir vom letzten Spot aufgestiegen sind, ankerten wir unweit einer kleinen unbewohnten Insel. In Reih und Glied, neben unzähligen anderen Yachten. Eine beeindruckter, als die Andere. Die Sonne machte sich dem Horizont entgegen. Nachdem gegessen wurde, ging es zum gemütlichen Teil über. Die Besatzung drehte die Musik auf, und stellte die Kühlboxen mit Bier und Rum bereit. Marisol ließ keine Ausreden zu. Es musste getanzt werden. Im Bikinihöschen mit Oversizepullover tanzte ich an Deck und ließ meine Hüfte zur Musik kreisen. Der typische Way of Live, für den die Karibik nicht nur berühmt, sondern vor allem berüchtigt ist. Alle an Bord hatten verdammt viel Spaß. Ließen die Hüllen fallen. Feierten, als würde es keinen Morgen geben. Wir hatten wirklich das mit Abstand beste Partyboot des Ufers. Umliegende Ankernde ließen sich von unserer guten Laune anstecken, setzten sogar teilweise zu uns über. Und da ist er wieder. Der schöne Unbekannte. Er war nicht zu überreden. Stattdessen schaute er uns aus sicherer Entfernung zu. Keine zwanzig Meter. Lachte, trank, lehnte auf der Reling. Aber zu keiner Zeit seine Augen von uns lassend. Nachdem die Sonne untergegangen war, begannen die Ersten, ins Wasser zu springen. Ich aber suchte ausnahmslos den Blickkontakt mit dem schönen Unbekannten. Ich war wie hypnotisiert von ihm. Seine Augen leuchteten in der Nacht. Tiefblau, wie das Meer. Nicht zuletzt erhellt durch die unzähligen Lichter der Boote. Marisol setzte sich zu mir. Sie schaute mich an, dann den schönen Unbekannten. Dann wieder mich und zurück zu ihm. Da er nicht zu unserem Boot übersetzen wollte, beschloss Marisol, dass wir stattdessen zu seinem sollten. Entsetzt starrte ich sie an. Eine Ausrede ließ sie aber nicht zu. Stattdessen tat sie so, als würde sie mich nicht verstehen. Ok, das Sprechen fiel mir nach den unzähligen Cuba Libre zusehends schwerer. Mal ganz davon abgesehen, dass es gefährlich ist, einfach zu einem fremden überzusiedeln. Sie überzeugte mich aber, dass man im Leben auch einmal etwas riskieren müsste. Wenn dann ginge es gut, oder eben auch nicht. Aber wenn man es nicht probiert, weiß man es nicht. Ein Argument, was für mich nicht logischer klingen konnte. Gesagt, getan. Sie checkte die Gegebenheiten auf dem Nachbarboot ab. Wir setzten über. Von Cuba Libre wurde umgehend auf eiskalte Desperados gewechselt. Die Playlist von unserem Boot übernommen. Innerhalb Sekunden hatten Marisol und ich jeweils einen Mann an unserer Seite. Ich zum Glück den hübschen Unbekannten. Seinen Atem in meinem Nacken, seine warme, klebrige Haut an meinen Schultern. Ich war im Himmel und vergaß alles um mich herum. Noch nie habe ich einen Mann so erotisch tanzen sehen, wie ihn. Noch dazu in Shorts, unterhalb einer perfekten Männerbrust. Leicht behaart und muskulös. Es stimmte alles an ihm. Locker hätte man ihn zu dem „sexiest man alive“ küren können. Mir war es in dem Moment völlig schnuppe, ob er ein Fremder war. Ich wollte mich nur amüsieren, Spaß haben! Mich wieder wie eine attraktive Frau fühlen. Den ganzen Stress der letzten Wochen vergessen.
Die Sonne geht allmählich auf. Ein paar Sonnenstrahlen erhellen das Zimmer. Ich öffne meine Augen. Es lässt mir keine Ruhe, ob er tatsächlich DER Schauspieler war. Ich taste auf dem Nachttisch herum. Auf der Suche nach meinem Telefon. Wenn er es wirklich war, dann habe ich auch Fotos gemacht. Das schaffe ich schließlich immer, egal ob ich doppelt oder dreifach sehe. Ich setze mich auf und schnappe mir mein Handy. Enttäuscht stelle ich fest, dass nicht ein Bild von letzter Nacht im Speicher ist. In diesem Moment könnte ich mich ohrfeigen. Verärgert lehne ich mich an die Rückwand des Bettes und werfe das Telefon an das Fußende. Wieder schaue ich mich im Zimmer um. Diesmal bleibt mein Blick auf einem großen Lakenknäuel neben mir im Bett hängen. Das Herz rutscht mir in mein nicht vorhandenes Höschen. Ich werde schlagartig immer nüchterner. Will ich jetzt wirklich wissen, ob es nur ein, ungünstig drapiertes Bettlakenwirrwarr ist? Oder ob wirklich jemand darin liegt?! Bevor ich die Tatsachen abwägen kann, macht sich meine rechte Hand selbstständig. Vorsichtig hebe ich als erstes ein Kopfkissen beiseite. Shit! Da liegt ja wirklich jemand! Ich bete, dass es Marisol ist. Deswegen, das zweite Kissen muss weg. Zum Vorschein kommen braune Haare. Oh verdammt! Meine Untreue ist bewiesen. Es ist amtlich, ich bin eine Fremdgeherin. Einen Tag ohne Ben und schon liege ich mit jemand wildfremden im Bett. Aber, es besteht ja noch Hoffnung. Auch wenn ich nackt bin, heißt das ja lang noch nicht, dass der nebenan es auch ist.
Sehr vorsichtig kämpfe ich mich zum Anfang eines der unzähligen Laken vor. Behutsam hebe ich das Erste an. Zum Vorschein kommt ein blankes Hinterteil.
Läuft Mia! Rückwärts und bergab, aber läuft!
Mein Magen beginnt Achterbahn zu fahren. Schlimmer, als zuvor mein Kopf. Während ich mich konzentriere, meinen Brechreiz zu unterdrücken, höre ich eine maskuline Stimme:
»Good morning Mia!«
Ich falle vom Glauben ab. Die Suche nach einem Bild letzter Nacht hätte ich mir sparen können. Denn er ist es tatsächlich. Sebastian Cleary! Noch dazu nackt in meinem Bett und kennt sogar meinen Namen. Mir verschlägt es die Sprache. Mit offenem Mund starre ich ihn an.
»In the sunlight you´re even prettier.«
Seine Worte kommen zwar bei mir an, aber verarbeiten kann ich sie nicht. Ich bin mit der Gesamtsituation maßlos überfordert. Meine Gedanken überschlagen sich. Ich hoffe, dass das alles ein makabrer Traum ist, aus dem ich jeden Moment aufwache. Aber nichts.
Was ist bloß nach dem Tanzen passiert? Hatten wir etwa Sex?
Das blanke Entsetzen ist mir ins Gesicht geschrieben. Ihn aber scheint es königlich zu amüsieren. Er stützt sich auf seinen linken Ellenbogen und grinst mich an.
Oh je, da ist es wieder! Dieses sensationelle Lächeln und die tiefblauen Augen.
Meine Skepsis verschwindet. Ich fasse Vertrauen, beginne auch zu lächeln. Ungefragt rutscht er zu mir. Mein Herz beginnt in einem besorgniserregenden Tempo zu rasen. Sein warmer, leicht klebriger Körper presst sich an meinen. Seine Lippen suchen den Weg zu meinen. Ich wehre mich nicht, keine Sekunde. Ich lasse mich von ihm küssen. Von seinen weichen Lippen.
In meinem Bauch bricht ein Feuerwerk aus. Größer als zu jedem Silvester der Welt. Meine Beine und Arme werden weich. Meine Augen schwer. Ich schließe sie und lege mich wieder hin. Seine weichen Lippen wandern meinen Hals entlang. Sein Dreitagebart lässt mir jedes noch so kleine Härchen am Körper aufstellen. Ein zuckersüßes Ziehen im Unterleib überkommt mich und zwingt meinen Treuewillen augenblicklich in die Knie. Jeglicher Respekt vor dem Verbotenen ist verflogen! Das logische Denken unmöglich. Zu sehr sehne ich mich nach körperlicher Nähe. Auch wenn er ein Fremder ist. Ich verspreche mir selbst, Ben nur dieses eine Mal zu betrügen.
Er presst seine gesamte männliche Pracht gegen meine Hüfte. Ein leises Stöhnen entweicht seiner Kehle. Es ist ohne Zweifel Musik in meinen Ohren. Mein Herz pocht mir bis zum Hals und darüber hinaus. Seine Hand wandert von meiner Hüfte zu meinen Brüsten. Seine Finger liebkosen meine Nippel. Praller und härter waren sie noch nie.
Ihn macht es an, wie ich auf ihn reagiere. Trotz Allem scheint er sich ein weiteres Mal von dem Offensichtlichen überzeugen zu wollen. Seine rechte Hand gleitet auf direktem Wege zwischen meine Beine. Ich bin bereit! Er reist mich herum und sieht mir direkt in die Augen. Sein Anblick lässt mich erstarren. Er ist es wirklich!
Geduldig sieht er mich an, als würde er auf eine Erlaubnis warten. Als sie aber nicht kommt, nähert er sich wieder vorsichtig mit seinen Lippen den meinen. Mein Atem wird schwer, meine Wangen heiß. Ohne ein einziges Wort zu verlieren, drückt er meine Beine mit seinen Knien auseinander; dringt vorsichtig in mich ein. Mir stockt der Atem. Ein Gefühl, so intensiv, dass es mich innerlich zerspringen lässt. Meine Beine werden weich, mein Kopf glüht. Er fragt nicht, er tut einfach. Jede einzelne seiner Bewegungen stiehlt mir den Verstand. Mein Herz rast in besorgniserregendem Tempo. Mit jedem weiteren Stoß scheint er mich mehr und mehr auszufüllen. Keine Minute lässt er mich aus den Augen. Er genießt es zu sehen, wie gut er mir tut. Nicht zuletzt, da es ihn erregt.
Ich will es nicht glauben. Passiert es wirklich? Oder wache ich gleich auf?! Einen kurzen Moment halte ich inne, was auch ihm nicht unbemerkt bleibt:
»Everything Ok?«
Sebastian sieht mir an, dass rein gar nichts mit mir in Ordnung ist. Eine Antwort bleibe ich ihm aber schuldig. Stattdessen schaue ich ihn an. Meine Beine werden weicher als je zuvor. In meinem Kopf ist gähnende Leere. Ich kann mir nicht erklären, was gerade mit mir passiert. Habe ich mich denn wirklich zum ersten Mal verliebt?
Geduldig sieht er mich an, weiterhin in mir verharrend. Bei seinem Anblick geht mir buchstäblich das Herz auf. Ich ziehe seinen Kopf dem meinen entgegen. Sebastian wehrt sich keine Sekunde. Unsere Lippen berühren sich ein weiteres Mal. Dieser Kuss lässt mich alles um mich herum vergessen. An welcher Stelle meines Körpers es nicht kribbelt, ist nicht zu sagen. Es ist ein phänomenales Gefühl. Wenn auch unbekannt.
Meine Hüfte beginnt sich unkoordiniert zu bewegen. Ich will es zu Ende bringen, jetzt! Genauso, wie es angefangen hat. Unter ständigen Küssen, seine Hände fest in meinen. Ich schlinge meine Beine um seinen Körper. Nie wieder werde ich ihn freigeben. Sebastian beginnt zu lächeln und nimmt sich meiner Bewegungen an. Es braucht keine großen Anstrengungen mehr und die Ekstase gipfelt innerhalb kürzester Zeit in dem wohl schönsten Gefühl der Welt.
Erschöpft und befriedigt liege ich neben Sebastian und sehe ihn einfach an, während er schläft. Zerzaustes dunkelbraunes Haar, teilweise von der Sonne gesträhnt. Markantes Kinn, breite Schultern, sehnige Unterarme. Karamellartige Urlaubsbräune. Auf den ersten Anblick scheint alles perfekt. Schnell stellt sich das Gefühl ein, mein persönlicher Mister Right liegt neben mir. Noch schneller realisiere ich, was für ein Mann er ist. Nämlich so einer, der auf jede Frau wie eine Droge wirkt. Nicht nur, da einem so ein Mann nicht jeden Tag über den Weg läuft. Es braucht schon enormes Glück, was leider auch schnell in großem Unglück endet. Vor allem wenn man sich verliebt. Man kann und wird so einen Mann niemals besitzen. Schon gar nicht kontrollieren.
Die schlimmste und verheerendste Droge einer jeden Frau, süchtig nach etwas zu werden, was man nie haben wird. Sich nach einem Kuss auch noch Tage später über die Lippen zu lecken. Weil man wirklich der Meinung ist, es schmeckt noch nach ihm. Oder man dreht sich um und riecht ihn. Man ist wirklich davon überzeugt! Man denkt gar nicht daran, dass das unmöglich ist. Man bekommt seinen Geruch partout nicht aus der Nase. Von seinem Gesicht vor dem inneren Auge einmal ganz abgesehen.
Gedanklich spielt man jedes mögliche Gesprächsszenario durch, um für den Fall der Fälle vorbereitet zu sein. Man will es gar nicht. Man macht es einfach. Selbst ein einfacher Pancake am Frühstücksbuffet erinnert an die braun gebrannte Haut seiner Brust. Nichts ist mehr alltäglich. Und erst recht nicht mehr, wie es einmal war. Alles erinnert an ihn und den unverbindlichen, intensiven Sex. Es wird ein endloses Kopfkino werden, das immer in einem bittersüßen Gefühl zwischen den Beinen endet. Ganz zweifelsohne, Männer wie er machen süchtig. Denn sie fragen nicht, sie tun einfach. Alles, was du sonst aus reinem Prinzip nie mit dir anstellen lassen würdest. Selbst wenn er in der Realität der schlechteste Fick ever ist, ist er es in deiner Vorstellung auch nicht nur ansatzweise.
Und ich habe mich ausgerechnet in so einen Mann verliebt? Toll!
Je mehr ich mir dessen bewusst werde, desto mehr wird mir klar, Mia geh! Renn oder lauf, aber geh einfach und das am besten so schnell wie möglich! Panik bricht aus. Leise krabble ich aus dem Bett und suche meine Sachen zusammen. Bikinihöschen, Pullover, Flipflops. Das muss es gewesen sein. Ich schleiche die Treppe hinauf zur Tür hinaus. Die Sonne blendet abartig. Wie spät ist es überhaupt? Mein Blick fällt auf meine nicht vorhandene Uhr. Shit, wo ist meine Uhr? Ein Weihnachtsgeschenk von Ben. Ich muss sie finden! In meiner Panik suche ich das Yachtdeck ab. Dabei kommt mir Marisol mit dem wohl breitesten Grinsen überhaupt entgegen. Offensichtlich hatte sie auch eine sehr aufregende Nacht, mit ihrem gestrigen Tanzpartner.
»Mia! Endlich, da bist du ja! Wir müssen los!«
»Ja schon klar aber meine Uhr, ich finde sie nicht.«
»Die Uhr ist jetzt egal, wir legen gleich ab! Wir müssen auf unser Boot zurück! Hast du mal auf die Uhr geschaut?«
Ein sarkastischer Blick samt hochgezogener Augenbraue meinerseits signalisiert ihr, dass das ja schlecht ohne Uhr geht.
»Wir sind schon viel zu spät. Wir waren nicht mal bei dem letzten Tauchspot. Die werden uns schon suchen! Außerdem sollten wir längst auf dem Rückweg sein. Ist die Uhr denn wirklich so wichtig?«
Marisol gestikuliert so gestresst, wie es wohl nur eine Spanierin kann.
Ich drehe mich um und schaue die Treppe zu Sebastians Zimmer hinunter.
»Das, was wichtig war, wird es wahrscheinlich nie wieder sein. Los! Lass uns endlich verschwinden!«
Gesagt getan, wir setzen zu unserer Tauchyacht über.
Am Bug unserer Yacht nehme ich ganz vorne Platz. Meine Beine hängen diese hinunter. Meine Arme stützen auf der untersten Reling meinen Kopf. Das Wasser spritzt meine Beine durch die an dem Bug brechenden Wellen hinauf. Es kitzelt, vergleichbar mit Sebastians Bart an meinen Schultern.
Gedankenversunken schaue ich auf das Meer. Ich bilde mir ein, weit am Horizont schon unser Hotel zu sehen.
Ich will nicht wieder an Land, Ben in die Augen schauen müssen. Zu sehr schäme ich mich für das, was am Morgen passiert ist. Und dabei kann ich mich nicht einmal an die Nacht davor erinnern. Obwohl ich mich noch nie besser gefühlt habe, wie mit dem, was Sebastian in mir hervorruft.
Eine freundschaftliche Umarmung reist mich aus meinen Gedanken. Es ist Marisol. Sie lächelt mich an. Ohne auch nur ein einziges vorwurfsvolles Wort zu verlieren sagt sie mit spanischem Akzent:
»ich weiß« und drückt mich an sich.
Die Tränen steigen mir in die Augen. Das Atmen fällt schwer.
Marisol schaut mich an und sagt:
»Ach Mia, vergiss es einfach! Er ist nicht perfekt, du aber schon! Und was auf einer Yacht passiert, bleibt auf einer Yacht. Es war doch nur Sex! Kein Grund, jetzt depressiv zu werden! Lebe dein Leben weiter. Und wenn es für ihn wirklich mehr war, dann findet er dich! Ganz sicher!«
Marisol hat Recht. Sicherlich ist es nur der Reiz. Es wäre ja auch makaber, wenn ich mich einfach so in einen wildfremden Mann verliebt hätte. Außerdem war ich betrunken. Da weiß man sowieso nicht, was man tut. Es stimmt schon! Genau genommen ist es ein einfacher Urlaubsflirt. Warum soll das mein ganzes Leben buchstäblich durcheinander würfeln? Wer hat schon etwas davon? Ich sicher nicht! Ben und unsere Beziehung schon zwei Mal nicht. Sofern das Fremdgehen das endgültige Aus bedeuten würde.
Ich beschließe mich zusammen zu reißen. Zumindest kann ich jetzt auch einmal behaupten, verliebt gewesen zu sein. Ob es wirklich so ist, weiß ich aber nicht.
Marisol motiviert mich:
»Nun lass uns noch ein bisschen Party machen und die letzten Stunden genießen!«
Sie zieht mich an meinen Armen vom Bug hoch. Ein Schiffsjunge steht schon mit einer Flasche des besten Rums bereit. Er schaut uns an und fragt Marisol für mich unverständliche Dinge. Marisol macht ihn darauf aufmerksam, dass es jetzt mehr als einen Plastikbecher braucht.
Der junge Kerl rennt in die Kabine und scheint sich das größte Gefäß zu schnappen, das er auf Anhieb finden kann. Das Resultat, zwei Cuba Libre in je einem Messbecher. Genau mein Geschmack! Trinkgläser sollten Henkel haben. Vor allem wenn man auf dem Meer unterwegs ist. Marisol sucht den On-Schalter der Musikanlage und eh ein Ton aus dieser erklingt schreit sie:
»M I A, Aplausos en nosotros« (Prost, auf uns Mia). Die Musik ertönt, Over the Rainbow…
Einen weiteren Cuba Libre später, denke ich noch einmal über Marisols Worte nach. Auch wenn ich hin und her gerissen bin, sie hat wirklich Recht! Was um alles in der Welt will ein Hollywoodstar wie Sebastian Cleary mit einer normalen, zwangsneurotischen Deutschen wie mir? Noch dazu eine Steuerberaterin! Langweiliger geht es kaum. Eben, lediglich ein wenig Spaß.
Die Erkenntnis tut trotzdem brutal weh. Ich signalisiere dem Schiffsjungen spontan, einer geht noch! Gesagt getan. Der richtige Pegel ist erreicht.
Ich nehme mich der Musikanlage an. Over the Rainbow ist doch ein bisschen zu viel des guten. Wir brauchen keinen Depri, wir brauchen Flow! Spontan entscheide ich mich für ein Lied aus dem gefühlt letzten Jahrhundert. Die Wahl fällt auf Sean Paul. Er singt meiner Meinung nach genau das Richtige für mein momentanes Seelenheil.
Obwohl ich mir bewusst bin, für mein Fremdgehen irgendwann in Flammen aufzugehen. Sean Paul wird ruckzuck von Rihanna mit live your life abgelöst.
»Wie passend Mia!« schreit Marisol und dreht den Lautstärkepegel bis zum Anschlag, bevor sie mit ihrem Drink zu mir kommt.
Synchron schreit die gesamte Besatzung „so live your life!“…
Zum Abschluss eines perfekten Ausfluges lassen wir noch einmal alle Hüllen fallen. Hüfte schwingend tanzen wir auf dem Yachtdeck in der Abendsonne dem Land entgegen.
Die Yacht legt am hoteleigenen Strand an. Marisol und ich verabschieden uns. Wir drücken uns, als hätten wir eine Freundin fürs Leben gefunden. Und versprechen, definitiv Kontakt zu halten.
Wehleidig gehe ich von Bord. Und kehre meiner für zwei Tage perfekten und vollkommenen anderen Welt, den Rücken.
Ich laufe am Strand Ben entgegen. Er wartet schon auf mich. Offensichtlich hat er mich sogar ein bisschen vermisst, wenn er sich sogar von seiner Sonnenliege losreißen kann.
Ungewohnt liebevoll nimmt er mich in Empfang und fragt sofort, wie der Trip war. Bevor ich mir eine angemessene Antwort ausdenken kann, fällt er mir ins Wort. Er erzählt ohne Punkt und Komma von seinen zwei Tagen. Wie es ihm ergangen ist. Was er unternommen hat. Die neusten Skandale am Strand. Sogar, dass er schnorcheln war und einen exotischen Fisch gesehen hat. Mehr als ein Lächeln darüber kann ich mir nicht abringen. Schließlich konnte ich ihn noch nie zu Wassersport bewegen.
Es ist also fast alles, wie vor zwei Tagen. Ich brauche mir in diesem Moment keine adäquaten Antworten auf diverse Fragen einfallen zu lassen. Mal ganz davon abgesehen, dass sie sowieso gelogen gewesen wären. Ich weiß, er würde mich nie wieder danach fragen.
Darum sage ich ihm lediglich, dass es bei mir mit Abstand natürlich nicht so aufregend war! Eher langweilig dem gegenüber, was er erlebt hat.
Ich war augenblicklich zurück in meinem Leben und irgendwie auch froh darüber.
Es bleibt dabei! Was auf einer Yacht passiert, bleibt auf einer Yacht!!!
Sebastians Gesicht ist allgegenwärtig. Auch wenn ich mir noch so viel Mühe gebe, er ist vor meinem inneren Auge nicht mehr wegzudenken. Sein Lächeln, wie er auf mir liegt. Es macht mich schier wahnsinnig. Vor allem keinen anderen Gedanken mehr fassen zu können. Ununterbrochen geht er mir in der Endlosschleife durch den Kopf. Ich kann mich auf nichts mehr konzentrieren. Es ist mir schlicht nicht möglich, diesen Mann zu vergessen. Von den Augen und dem Gefühl, als er mit mir schlief, wollen wir erst gar nicht reden.
So vernünftig ich auch sein will, die Enttäuschung ist riesig. Vor allem, dass er meine Flucht einfach hingenommen hat.
Einige Tage sind seither vergangen. Unser Urlaubende ist nun zum Greifen nah. Zeit, um mich zu finden, hat Sebastian reichlich gehabt. Na ja, allerdings hat das auch vorausgesetzt, dass er mich auch finden will! Und da sind wir wieder beim Thema. Die Endlosschleife einer Süchtigen.
Die letzten Urlaubstage werden zu einer nicht mehr enden wollenden Qual. Von Stunde zu Stunde fiebere ich unserer Heimreise mehr entgegen. Jedes einzelne Boot, das unseren Strand kreuzt, lässt mich aufschrecken. Zugegeben, im ersten Moment nur, weil ich auffliegen könnte. Ben so von meinem Fehltritt erfährt. Im nächsten Moment ist es meine unsagbare Sehnsucht nach Sebastian. Seinem Lächeln, seinen Augen und vor allem seinem Geschmack. Es scheint mich innerlich förmlich zu zerreißen. Noch dazu gehen mir ständig Marisols Worte durch den Kopf:
»Es war nur Sex. Wenn es für ihn auch mehr war, wird er dich finden.«
Bla, bla, bla! Sicherlich hat sie Recht. Es ist ein Urlaubsflirt. Es erschreckt mich aber, dass es mir einfach nicht in meinen Kopf geht. Noch dazu ist es ein reiner Drahtseilakt, mir Ben gegenüber nichts anmerken zu lassen. Zum Glück muss ich keinen partnerschaftlichen Verpflichtungen nachkommen.
Es wird jetzt höchste Zeit, dass es wieder nach Hause geht.
Kaum, dass wir in Zürich gelandet sind, sehe ich von weitem Lu. Sie holt uns vom Flughafen ab.
Lu ist, ganz klar, meine deutsche Marisol. Meine beste Freundin seit unzähligen Jahren; eine Seelenverwandte, eine Schwester. Aber nur eben Lu, einzigartig und völlig anders als ich.
Ich renne ihr in die Arme und sehne mich nach einer freundschaftlichen Umarmung. Erklären muss ich nichts. Sie merkt sofort, dass mit mir etwas nicht stimmt:
»Es wird alles wieder gut, versprochen!«
Entsetzt dreht sie sich Ben zu:
»Hast du sie so fertiggemacht, dass sie grad noch mal Urlaub braucht?«
Ben sagt nichts dazu. Sieht sie nur abwertend an. Es ist schließlich kein Geheimnis, dass sie in diesem Leben sicherlich keine Freunde mehr werden. Im nächsten Leben schon zwei Mal nicht.
Trotz Allem schafft sie es, dass immer alles wieder gut wird. Und wenn sie das Problem nur tot analysiert. Aber dieses Mal ist es anders. Um mir helfen zu können, hätte ich ihr erst einmal sagen müssen, was das Problem ist.
»Lass uns später reden, Mia. Wenn wir alleine sind. Aber jetzt reiß dich mal zusammen! Es wird langsam auffällig, dass etwas nicht stimmt.«
Gesagt getan. Ich drehe mich zu Ben um und beginne künstlich zu lächeln. Lu fällt selbstverständlich sofort auf, dass das Lächeln auch nicht nur im Ansatz ehrlich ist. Ausreichend ist es für den Moment aber allemal.
Sicherlich ist Lu davon überzeugt, dass der Urlaub überhaupt nicht produktiv verlief. Und nun, die sich lang angekündigte Trennung, unmittelbar bevorsteht.
Zuhause angekommen, beginnt wieder der mir so verhasste Alltag. Ben benimmt sich wie eine Sau. Nichts interessiert ihn. Sein Koffer strandet natürlich direkt im Wohnungseingang. Allein mit akrobatischen Künsten kommt man an dem Koffer vorbei, ohne sich schwerwiegende Verletzungen zuzuziehen. Einen Streit deswegen anzufangen, will ich aber auch nicht. Ich bin zu müde, von den Ereignissen der letzten drei Wochen.
Ohne ein weiteres Wort zu verlieren verziehe ich mich ins Schlafzimmer. Da das die letzten Monate absolute Gewohnheit war, fragt Ben erst gar nicht nach. Spricht mich nicht an, lässt mich machen.
Da liege ich nun, im Bett. Nicht einmal die Tatsache, dass es in ein paar Stunden wieder heißt: „und täglich grüßt das Murmeltier-Aufstehen-Arbeiten-Geld verdienen“, lenkt mich ab. Der berufliche Alltag juckt mich null! So ist es nun mal, fasse ich die Gesamtsituation schulterzuckend und kapitulierend zusammen.
Sicherlich nicht allein dem Jetlag geschuldet schlafe ich kaum eine Minute der Nacht. Bei jedem einzelnen, verdammten Schließen auch nur eines Auges erscheinen mir stechend blaue Augen, die nicht Ben gehören. Ich verstehe es partout nicht, warum ich nicht zum Alltag zurückkehren kann.
Verwirrt und erschöpft döse ich vor mich hin. Eine gefühlte Sekunde später klingelt schon der Wecker. Es ist wieder Zeit für das Sklavenrudern.
Selten ist mir das Aufstehen so enorm schwergefallen, wie an diesem Morgen.
Ich quäle mich aus dem Bett und schaue in den Spiegel. An keinen fünf Tagen meines bisherigen Lebens habe ich so dermaßen kacke ausgesehen, wie heute Morgen! Die Urlaubsbräune weicht einer blassen Haut. Bislang war mir nicht einmal bewusst, dass ich Augenringe habe. Mein Spiegelbild belehrt mich aber eines Besseren.
»Tja Mia, da brauch es heute wohl ein bisschen mehr Make-up!« spreche ich beiläufig vor mich hin.
Das mollig warme Wasser in der Dusche prasselt auf mich hinab. Welch wohltuendes Gefühl. Gewohnheitsmäßig schließe ich die Augen. Nur blöd, dass es mir wieder Sebastians Gesicht zum Vorschein bringt. Aggressiv beschließe ich, dass es damit nun endgültig vorbei ist. Das bringt schließlich alles nichts. Ich richte mich vor dem Spiegel auf und drohe mir selbst:
»Fertig jetzt, verstanden? Er will dich nicht oder siehst du ihn hier irgendwo? Nein? Also, merkst du was? Es ist vorbei! Hake ihn ab! Raff es endlich! Es war nur ein One-Night-Stand. Interpretiere nicht mehr hinein, als es letztlich war!«
Respektvoll applaudiere ich mir selbst.
Ich föhne meine Haare und krame eine Bluse und eine Jeans aus meinem Schrank. Nach einem großen Kaffee widme ich mich meinem Make-up. Was für eine Herausforderung. Aber ich sehe zum Schluss umwerfend aus. Gekonnt ist eben gekonnt.
Gut gelaunt springe ich in mein Auto. Auf dem kürzesten Weg geht es ins Büro. Die Fahrt kommt mir an dem Morgen schier endlos und unvertraut vor. Es ist noch dunkel, nass und einfach nur ungemütlich. Dabei bin ich die Strecke das letzte Mal kaum drei Wochen zuvor gefahren.
Bei einer letzten Zigarette vor Bürobeginn leere ich meinen Kaffeebecher. Tief atme ich durch und ermahne mich entschlossen:
»So Mia, neues Jahr, neues Glück! Auf geht’s!«
In der oberen Etage des Bürokomplexes kommen mir schon die üblichen Verdächtigen entgegen:
»Gesundes Neues Mia, wie war der Urlaub?«
Immer schön lächeln, denke ich, und kämpfe mich zu meinem Büro durch. Hingesetzt, Handtasche ins Eck geschmissen und das erste Mal schon wieder urlaubsreif gewesen. Es kann also nur besser werden.
Der allseits bekannte, dumme Irrglaube. Natürlich wird es alles andere als besser. Es ist ein typischer Tag, an dem sämtliche Aushilfskräfte im Büro schlagartig ihr Wissen über Nacht verloren haben. Ein Tag, an dem ich meinen Namen verfluche. Ununterbrochen tönt er. Obwohl mich die Fragerei auch ungemein von Sebastian ablenkt. Trotzdem fällt meine Laune in den Keller. Nicht mal die Raucherpausen können mich aufmuntern. Noch dazu muss ich sie alleine verbringen. Meine Lieblingsarbeitskollegin Anni ist immer noch im Urlaub.
Es ist noch nicht Mittag und ich bin schon wieder fertig mit dem Tag.
Die Uhr schlägt endlich 17 Uhr. Es ist eindeutig genug für den ersten Tag nach dem Urlaub. Wir wollen es ja nicht gleich übertreiben.
Es ist schon erstaunlich, was sich alles in drei Wochen Urlaub in einer Steuer- und Wirtschaftsprüferkanzlei ansammeln kann. Vor allem lagen ja einige Feiertage dazwischen.
Keine Frage, die nächste Gehaltserhöhung muss saftig werden. Denn für so einen Mist werde ich eindeutig zu schlecht bezahlt.
Im Grunde genommen liebe ich meinen Job. Wobei ich auch zugeben muss, dass das Wörtchen Liebe die letzten drei Wochen eine ganz neue Bedeutung für mich bekommen hat. Aber ja, mein Job ist toll. Nur eben am ersten Tag nach dem Urlaub nicht. Was in aller Welt soll es mich interessieren, ob ein Klient an seiner Weihnachtsfeier zu viel Geld hinausgeschmissen hat? Natürlich kann er es nicht belegen! Aber ich bin es leid, ihm daraus einen Strick drehen zu müssen. Vielleicht sollte ich alle meine Klienten erst einmal fragen, was ihre außergewöhnlichen Ausgaben sind?! Eventuell haben sie ihren weiblichen Angestellten ein ganz besonderes Weihnachtsgeschenk überreicht. Meine Chefs würden ja nie auf so eine Idee kommen. Dabei wäre ein Stripper als Weihnachtsmann verkleidet wirklich eine willkommene Abwechslung. Solang es nicht einer meiner Chefs selbst ist.
Der Gedanke lässt mich schmunzeln. Na ja, wenigstens habe ich einmal an diesem Tag lächeln müssen.
Erstaunlicherweise hat mir meine miese Laune nicht mal jemand krummgenommen. Ok gut, wer hat auch schon gute Laune an seinem ersten Arbeitstag nach dem Jahresurlaub? Wahrscheinlich denken alle, ich hätte es ordentlich mit Ben krachen lassen. Krachen lassen schon, nur nicht mit Ben. Der Gedanke schreit schlagartig nach einem großen Themenwechsel.
Bevor ich das Büro an diesem Abend endlich verlassen kann, schaue ich noch ein letztes Mal in meinen Terminkalender. Zum Glück ist er für die restliche Woche leer. Spontan beschließe ich, in die Innenstadt zu fahren. Mein Ziel ist ein Uhrengeschäft. Ich brauche dringend eine neue Uhr. Am besten genau die Gleiche, wie mir im Urlaub verloren gegangen ist. Allmählich gehen mir nämlich die Ausreden aus, warum ich sie nicht mehr trage. Ben wird misstrauisch. Spätestens beim Koffer auspacken hätte er bemerkt, dass ich sie wirklich verloren habe.
Ein wenig bin ich über mich selbst entsetzt. Vor allem wie gut mir das Lügen seit neustem über die Lippen geht. Der Plan steht also fest. Auf in die Stadt und hoffen, dieselbe Uhr zu bekommen.
Das Telefon klingelt. Genervt schaue ich auf das Display meines Autos, das mir den Namen des Anrufers verrät: »Ben!«
Widerwillig nehme ich das Gespräch an.
»Hey Babe, bei mir wird es heute später. Muss noch einiges aufarbeiten.«
Obwohl ich innerlich fast vor Freude zerspringe, versuche ich leicht traurig zu wirken:
»Wirklich? Schade! Dann sehen wir uns später.«
»Warte nicht auf mich!«
Ben verabschiedet sich und legt auf.
Mitten in der Rushhour stehe ich also in der Stadt. Es ist klar, dass das Karma mich für meine Sünden bestrafen muss.
Kurz vor dem Passieren des Parkhauses klingelt wieder das Telefon über die Autolautsprecher. Lu ruft an.
Es steht völlig außer Frage, dass ich mit ihr noch reden muss. Sicherlich will sie alles haargenau wissen, was im Urlaub passiert ist.
Im Nachhinein könnte ich mich selbst ohrfeigen, dass ich mich am Flughafen nicht zusammengerissen habe. Denn jetzt muss ich es ihr zwangsläufig erzählen.
Genervt drücke ich den grünen Hörer am Lenkrad:
»Hey Lu! Sorry, hab ganz schlechtes Netz. Bin unterwegs. Muss noch schnell etwas einkaufen und dann will ich nur noch ins Bett. Der Jetlag hat mich voll erwischt!«
Ohne ihr einen Zeitraum für eine rebellierende Antwort zu geben, erwidert sie in dem Moment, als ich bereits das Gespräch abbrechen will:
»Ähm Ok, melde dich aber die Tage, gell?«
Mit einem kurzen bejahenden Versprechen würge ich sie erfolgreich ab.
Zwei Stunden später, und eine neue Uhr reicher, bin ich endlich zu Hause angekommen. Die Zeiger stehen schon auf halb acht. Appetit habe ich keinen, wie auch? Darum stelle ich noch schnell eine Waschmaschine an. Zuvor schleppe ich fluchend Bens Koffer ins Badezimmer. Ununterbrochen frage ich mich, was der Mann überhaupt kann? Ohne gefundene Antwort falle ich total erschöpft ins Bett und schlafe und schlafe und schlafe.
Die kommenden Wochen verlaufen im alt bekannten Trott. Mein Lächeln findet sich allmählich in meinem Gesicht wieder. Das chronische Genervt-Sein wandelt sich in den von meinen meisten Kollegen so sehr verhassten Sarkasmus zurück. Wie soll ich sagen? Ich bin endlich wieder die alte Mia Sommers!
Ben und ich sehen uns nur sporadisch. Er ist auf seiner Arbeit eingespannt. Zwar nicht typisch für die Jahreszeit in seinem Job als Restaurantleiter. Aber es tut unserer Beziehung ungemein gut. Hockten wir ja zuvor drei Wochen fast ununterbrochen aufeinander.
Mit starker Verdrängung gerät der Urlaub immer mehr in Vergessenheit. Ich beschließe, das ein oder andere Ereignis doch für mich zu behalten. Es soll meine kleine Traumwelt bleiben. Eine Welt, die mir selbst Wochen danach, Genugtuung verschafft. Vor allem in Stresssituationen. Sonst will ich alles hinschmeißen, jetzt lassen mich die Erinnerungen süffisant grinsen.
Denn ich weiß jetzt: ich bin und kann mehr, als mir manch einer glauben machen will!
In dem einen oder anderen Teammeeting wäre ich früher eskaliert. Erst recht wenn es hieß, dass man weder etwas kann, noch jemand ist! Nun hätte ich am liebsten laut hinausgeschrien, dass ich einen Hollywoodstar abgeschleppt habe. Das soll man mir erst einmal nachmachen! Aber nein, so was behalte ich natürlich für mich. Außerdem, so richtig fest steht es ja nun wirklich nicht, wer da wen abgeschleppt hat. Aber ja, geschenkt! Allein der Gedanke, wie die Reaktion meiner selbstgerechten Chefs darauf wäre, würde mich innerlich um fünf Meter wachsen lassen, à la 1:0 für mich, ihr Bitches!
Ich schaffte es sogar, Lu zu überzeugen, dass ich nur von der anstrengenden Reise gestresst war. Nicht zuletzt übermüdet und traurig, dass der Urlaub so schnell vorbeiging. Das kann durchaus Depressionen hervorrufen. Auch bei mir!
Ob sie es mir tatsächlich geglaubt hat, kann ich nicht einschätzen. Sie gibt sich aber mit meinen Erklärungen zufrieden.
Sebastian wurde immer mehr zu einer reinen Fiktion. Schon im Mai des Jahres bin ich mir gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich passiert ist. Ich habe meine kleine perfekte Welt zerdacht. Mit ihr abgeschlossen. Schmetterlinge im Bauch wurden wieder zu Verdauungsstörungen.
Und nun? Der Sommer steht unmittelbar vor der Tür! Das heißt, die Sonne und eine gute Flasche Wein an langen Abenden genießen. Endlose Gespräche mit Ben, sofern er zu Hause ist. Oder einfach nur die Ruhe genießen. Keine nervigen Kunden, keine lästigen Anrufe. Einfach nur ich mit meinen Gedanken ganz allein; höchstens Musik im Hintergrund laufen lassend.
Es ist nun endlich wieder das Leben, für das ich so hart die letzten Jahre gearbeitet habe.
Je mehr ich über Sebastian nachdenke, umso größer erscheint es mir als reine Idiotie. Ich wollte wirklich alles wegen einem Urlaubsflirt hinschmeißen. Die Tatsache, wer er ist, blende ich natürlich aus. Stattdessen versuche ich meine Beziehung mit Ben zu retten.
Im Job geht es steil bergauf. Meine Arbeit läuft mir sauber von der Hand. Die Klienten sind zufrieden, die Resonanz hinsichtlich meiner Arbeit überragend. Es läuft, wie es laufen soll. Die Gehaltserhöhung klopft laut an meine Bürotür. Ich bin zufrieden. Mein vermeidlicher Tellerrand wächst wieder zu einer Staumauer an. Ein trügerisches Zeichen, dass ich doch in den letzten Monaten nicht alles richtiggemacht habe. Aber es geht wieder bergauf. Das ist für mich das Wichtigste.
Ben und ich finden wieder zueinander. Die warmen Sommertage bringen neue Leidenschaft. Alles gibt uns als Paar neuen Auftrieb; wir beginnen wieder miteinander zu schlafen. Weitaus leidenschaftlicher, als die vier Jahre zuvor. Die Trennungsabsichten sind erst einmal verflogen.
Die Einzige, der das alles gar nicht gefällt, ist Lu. Seit Ben und meinem neuerlichen Verliebt sein, steht sie zugegebener Maßen hinten an.
Ich kann ihr unmöglich erzählen, wie es zu dem Flashback zwischen uns kam. Denn es hätte ihr Verständnis um Welten überstiegen. Denn Ben ist ihr von Anfang an ein Dorn im Auge. Ein blödes Insekt, das wie eine Mücke nicht geduldet werden sollte. Aber jetzt, ich hätte nicht gewusst, wie sie reagiert.
