Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Revolution heißt: Nichts mehr ist danach wie früher. Das kann man schon jetzt von den Verhältnissen in Belarus sagen – wie auch immer der Aufstand ausgehen mag, Belarus hat ein neues Gesicht präsentiert. Und das Land im Osten Europas hat gezeigt: Die Revolution trägt ein weibliches Gesicht. Die Frauen bestimmen das Bild, die Frauen stehen in der ersten Reihe, die Frauen prägen die Formen des Aufstands. Die "Flugschrift" der edition.fotoTAPETA – geschrieben ausschließlich von Frauen – zeichnet nach, was in dem Land vor sich geht. Ein Reader mit zahlreichen Originalbeiträgen, mit Gedichten von fünf Dichterinnen, einer Chronik, 40 Seiten mit Stimmen aus dem Land und 20 Seiten mit Dokumenten - unter den Autorinnen sind Yaraslava Ananka | Tania Arcimovich | Simone Brunner | Vera Burlak | Julia Cimafiejeva | Maria Davydchik | Olga Dryndova | Volha Hapeyeva | Iryna Herasimovich | Volha Hronskaja | Gun-Britt Kohler | Hanna Komar | Lizaveta Mikhalchuk | Maryna Rakhlei | Marina Scharlaj | Elke Schmitter | Tatiana Shchyttsova | Diana Siebert | Antonina Slobodchikova | Julia Smirnova | Irina Solomatina | Olga Shparaga | Hanna Stähle.
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 352
Veröffentlichungsjahr: 2020
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
DAS WEIBLICHE GESICHTDER REVOLUTION
Herausgegeben vonAndreas Rostek | Nina Weller | Thomas Weiler | Tina Wünschmann
Mit Beiträgen vonYaraslava Ananka | Tania Arcimovich | Simone Brunner | Vera Burlak Julia Cimafiejeva | Maria Davydchyk | Olga Dryndova | Volha Hapeyeva Iryna Herasimovich | Volha Hronskaya | Gun-Britt Kohler | Hanna Komar Marina Naprushkina | Maryna Rakhlei | Iryna Ramanava | Marina Scharlaj Elke Schmitter | Olga Shparaga | Tatiana Shchyttsova | Diana Siebert Julia Smirnova | Irina Solomatina | Hanna Stähle
Julia Cimafiejeva
My European Poem
Vorbemerkung
Ein Aufstand der Frauen
Iryna Herasimovich
Die Kraft des Unwissens
Olga Dryndova
Corona, Politisierung und Selbstorganisation
Marina Scharlaj
Belarus als Frau und die Frauen von Belarus
Irina Solomatina
Die Revolution hat kein feministisches Gesicht
Tatiana Shchyttsova
Der traumatische Weg zum Neubeginn
Simone Brunner
Mit Cyber-Partisanen gegen Lukaschenko
Yaraslava Ananka
Eine belarusische Gesangsstunde
Olga Shparaga
„Wir brauchen eine starke Gesellschaft“
DOKUMENTE
Iryna Ramanava
Die Wurzeln der Gewalt
Tania Arcimovich
Die auf den Straßen tanzen
GEDICHTE
Vera Burlak / Julia Cimafiejeva / Volha Hapeyeva Volha Hronskaya / Hanna Komar
Maryna Rakhlei
Die Nation im Schrank
Diana Siebert
Keine Lust mehr, Gattinnen von Partisanen zu sein
Gun-Britt Kohler
Belarusisch und Russisch
Marina Naprushkina
Wer, wenn nicht wir. Wann, wenn nicht jetzt
STIMMEN AUS BELARUS
Julia Smirnova
Ein Spiegel für Russland
Maria Davydchyk
EU und Belarus – nebenan in Europa
Hanna Stähle
Europa braucht eine Belarus-Strategie
Elke Schmitter
Und Deutschland?
DIE CHRONIK
Julia Cimafiejeva
This poem should be written in English.
This poem should be written in German.
This poem should be written in French,
In Swedish, in Spanish, in my adorable Norwegian,
Maybe in Finnish, Danish and Dutch.
Baltic languages should decide for themselves.
No Belarusian version for the poem,
No Russian version for the poem,
No Ukrainian version for the poem.
The rest are at your choice.
This poem should be written in the languages
Of human rights organizations,
Of those multiple expressed concerns
by European politicians.
So
Shall I get used to the thought
That I could be taken to prison
By the men wearing black,
By the men in plain clothes,
By the men with four fat letters
On their fat black backs?
Otherwise, my country
Won’t gain any freedom.
And it could not work anyways,
As usual.
Shall I take it calmly that I
Could be beaten and ultimately
Found guilty for that because
(They would say)
I cried antistate slogans like “Freedom!”
Or “Release all political prisoners!”
Though I would not need to cry them out at all
(Like my Facebook friends and thousands of
Someone else’s friends)
In order to be arrested or beaten.
I won’t have to cry anything,
I won’t have to do anything,
Just stand silently, just be.
I know I have to get used to that thought
Just in case, because it’s so likely to happen.
(Oh, my! I haven’t saved those telephones yet
Whom to contact in case of detention.)
I can’t say that in Belarusian,
I can’t say that in Russian,
I can’t say that in Ukrainian,
Only in English: I am afraid,
Only in German: Ich habe Angst,
Only in Norwegian: Jeg er redd.
That’s enough, for other variants,
Please, use Google translate.
The translations should be more
Or less accurate. These are not
Those strange East European languages
With their funny Cyrillic letters.
I’m afraid
Like you would be in my place,
If you lived in a country that is not free
Where they’ve had the same president
For 26 (!) years. Oh, my god! more than
Two thirds of my life I’ve spent
Under the power of a crazy person
Whom I’ve never voted for!
Sorry, it’s a long poem,
Because it’s a long story,
I spent more than two thirds of my life
Under the power of the man
I’ve never voted for,
Who harassed and suppressed and killed
(They say).
And when I come to the literary festivals abroad,
And when I speak English
I try to tell the complicated history of my country
(When I am asked)
As if I am another person,
As if I am like all those European poets and writers,
Who do not have to get used to the thought
That they could be arrested and beaten
For the sake of their country’s freedom.
As if my ugly history is just a harsh story
That I can easily put out from the Anthology of
Modern European short stories because
It’s too long,
And too dull.
When I tell it in English,
I want to pretend that I am you,
That I don’t have that painful experience
Of constant protesting and constant failing,
That nasty feeling of frustration and dismay.
I want to pretend that I have a hope,
Because when I tell it in Belarusian
I realize, we all realize, there is none
We can look forward to.
So forgive me my nagging in a half-broken English,
My Eastern European neverending complaints,
As having read the books you’ve read,
I still want to have a hope,
I still believe I have a right for a hope,
That hope could build its nest
On my roof and sing its songs
In Belarusian
(Not in Russian).
Vorbemerkung
Seit den gefälschten Wahlen in Belarus am 9. August 2020 bis zu dem Tag, an dem dieses Buch in den Druck geht, dem 3. November, sind 86 Tage vergangen. In dieser Zeit gab es Proteste und Demonstrationen in Minsk, in Homieĺ, in Brest, in Hrodna, in vielen Städten von Belarus. Zehntausende, Hunderttausende waren und sind auf den Straßen und Plätzen, Tausende wurden von OMON-Schlägern aufgegriffen, in anonymen Transportern verschleppt, in überfüllte Zellen gesteckt. Brutale Schläge, unzählige Verletzte, eine unbekannte Zahl von Verschwundenen, mindestens vier Tote unter den Protestierenden bis zu diesem Datum – das Regime wehrt sich mit seinen Mitteln.
Und es wird der Lage nicht mehr Herr. In Belarus ist eine ganze Gesellschaft erwacht und will keine Ruhe mehr geben.
Die Revolution in Belarus hat viele Gesichter. Die Proteste gegen die offensichtlich gefälschten Präsidentschaftswahlen werden von Menschen aller Schichten getragen – Arbeiter, Rentnerinnen, Kulturschaffende, IT-Fachleute, Studierende – alle gehen sie auf die Straße. Die Bilder in Weiß gekleideter Frauen mit Blumen vor bewaffneten schwarz vermummten „Sicherheitskräften“ gingen um die Welt, und sie sind eindrucksvoll.
Der Eindruck ist nicht falsch: Der Aufstand im Land ist ein Aufstand der Frauen, wenn auch nicht allein der Frauen. Aber was genau ist das „weibliche Gesicht“ der Revolution: eine reale Kraft, ein medialer Effekt? Kitsch mit weiterhin patriarchalem Unterbau oder zukunftsweisende Dynamik des gesellschaftlichen Umbaus?
Mancher tut sich schwer, den Aufstand der Frauen ernst zu nehmen – ist er doch eine durch und durch moderne Umwidmung des Begriffs der Revolution. Und er ist auf noch zu erkundende Weise eine Neufassung des Feminismus – ohne dass wir es mit spezifisch feministischen Aktionen zu tun hätten.
Auch Jeanne d’Arc ist nicht allein in ihrer Rüstung in die Schlacht gezogen, es wird manchen armen Hund gegeben haben, manchen Jean ohne Namen, der geblutet hat. Aber jeder Umbruch findet sein eigenes Bild. In Belarus prägen dieses Bild die Frauen. Wie lässt sich ihre Selbstermächtigung erklären? Und was geschieht mit einer Gesellschaft, die in ihrer Suche nach einem neuen Selbstverständnis aus einer langen Passivität erwacht ist?
Niemand kann sagen, was sein wird, wenn dieses Buch fertig gedruckt ist und gelesen wird, ob die friedfertige Revolution in Belarus sich – wie auch immer – durchsetzt; ob das Regime noch brutaler zuschlägt und ein Blutbad anrichtet; ob der mächtige Nachbar im Kreml eine Entscheidung nach seiner Façon herbeiführt. Was man aber bereits heute sagen kann: Der Aufstand hat das Land verändert in einer Weise, die kaum jemand erwartet hatte – und die sich nicht mehr rückgängig machen lässt.
Wir versammeln hier vielstimmige Texte, die helfen sollen, das Geschehen in Belarus nachzuvollziehen und in einen breiteren Kontext zu stellen. Unsere Autorinnen gehen auf historische Hintergründe ein, auf Symbole, Chiffren und Klänge der Revolution, auf Repressalien und zivile Selbstorganisation, auf Frauenbilder, Partisaninnen und kollektive Traumata, auf wirtschaftliche Aspekte, auf die Rolle Russlands und Europas.
Befragt nach seinen Leseempfehlungen für ein besseres Verständnis des aktuellen Geschehens in Belarus, sagte der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan: „Vielleicht ist es in dieser Situation am besten, nicht die Experten und die Politologen zu lesen, sondern die Leute, die direkt an den Ereignissen teilnehmen. Das sind äußerst subjektive, dafür maximal offenherzige Berichte, und ich denke, dass sie die jetzige Situation in Belarus am genauesten charakterisieren.“
Diesem Rat wird vielleicht die Sammlung chronologisch geordneter Stimmen ganz unterschiedlicher Akteurinnen gerecht, die wir hier präsentieren. Wir entnehmen sie der Facebook-Seite Stimmen aus Belarus, die viele unmittelbare Äußerungen gesammelt und auf Deutsch veröffentlicht hat. Dazu kommen eine Chronik der Ereignisse sowie Dokumente, die uns für das Verständnis des Geschehens wichtig erscheinen und, nicht weniger wichtig, Gedichte. Dieses Buch ist Geschichtsschreibung des Augenblicks.
Die Herausgeber*innen
Iryna Herasimovich
Für Ute Siebert
„… es ist diese Offenheit, oder dieses noch nicht Geschlossene,was das Bild so lebendig macht …“
Karl Ove Knausgård: So viel Sehnsucht auf so kleiner Fläche.Edvard Munch und seine Bilder
Immer wieder lege ich diesen Essay beiseite und schreibe einen anderen Text, ein Tagebuch, in dem ich mir alles erlaube. Da bin ich mal böse, mal erfreut, mal enttäuscht, mal neidisch oder begeistert. Einiges aus dem Tagebuch sickert auch in diesem Text durch, allerdings nicht alles, die Selbstzensur ist in den letzten Monaten enorm. Nicht wegen des staatlichen Systems. Dass man da nie weiß, welche Regeln gelten und wann man sie bricht, daran habe ich mich schon längst gewöhnt. Die Selbstzensur ist vielmehr mit der Vorsicht verbunden, etwas falsch gesehen und interpretiert zu haben, jemandem zu nahe zu treten, etwas unvorsichtigerweise zu zerbrechen, das womöglich noch gar nicht so gefestigt, aber sehr wertvoll ist.
Eigentlich ist es für mich noch zu früh zum Schreiben, ich würde gerne Feldforschungen betreiben, beobachten und fixieren, was ich sehe und fühle. Im Moment ist es gar nicht so selbstverständlich festzuhalten, was man wirklich fühlt. Immer wieder bekommt man tolle Bilder und Videos zu sehen, in denen alles so klar ist: da die Bösen, die Dunklen, die Verkörperung der Gewalt und Dummheit, hier die Reinen und Guten, alles entweder schwarz oder weiß-rot-weiß, „keine Schattierungen dazwischen“, wie es in einem der Protestlieder heißt. Und man atmet erleichtert durch, in den ersten Sekunden zumindest, dann kommen Fragen und Zweifel hoch, gleich von der Scham begleitet, wie kann ich es nur wagen, das Gute und Schöne zu hinterfragen. Es ist doch so klar: da die maskierten Männer, hier die weißen, barfüßigen Frauen mit Blumen, die „für ihre Männer“ auf die Straße gehen. Darf man denn überhaupt hinterfragen, welches Frauenbild dadurch vermittelt wird, ob dieses Bild nicht die bereits bestehenden patriarchalen Strukturen festigt? Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Vielleicht erst später. Vielleicht aber gerade jetzt. Ich weiß es nicht.
Ist es okay, wenn man die weiß-rot-weiße Fahne zwar ästhetisch schön findet und als sichtbaren Ausdruck des Protests sehr anziehend, aber sie nicht gerade überall um sich herum haben will? Fahnen lassen mich nämlich grundsätzlich ziemlich kalt. Ich kann mir nicht vorstellen, irgendeine Fahne um die Schultern zu tragen. Gehöre ich dann immer noch zu den erwachten Belarusen? Gehöre ich dann zu diesem Wir, das siegen soll? Ich wünsche mir im Moment nichts sehnlicher, als dass wir siegen, komme aber nicht umhin, daran zu denken, wer denn genau dieses Wir ist und was „siegen“ bedeutet.
Ich kenne in Bewegung geratene Räume aus meiner Arbeit als Übersetzerin und weiß, wie gefährlich es sein kann, das scheinbar Offensichtliche nicht gründlich nach Bedeutungen und Konnotationen abgeklopft zu haben. Es kann sein, dass das Offensichtliche viel mehr Sinnschichten aufweist, als auf den ersten Blick sichtbar waren. Dann muss man zurück und von neuem im ganzen Text überprüfen, ob man alle Bedeutungen eingefangen hat. Und selbst dann ist man unsicher, ob man alles weiß.
Im Übersetzerberuf gehört das Zulassen des Unwissens, die Bereitschaft zu Wissenslücken zur Professionalität. Es fördert die Hellhörigkeit. Unwissen bedeutet nicht, dass man nicht handelt, das tut man durchaus, aber eben stets mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass jede Lösung überprüft werden muss. Man hält den entstehenden Text die ganze Zeit offen und tastet ihn in viele Richtungen ab. Das wünsche ich mir auch für den Neuanfang der belarusischen Gesellschaft. Derzeit fürchte ich mich vor Menschen, die genau zu wissen scheinen, was in Belarus passiert, wie gehandelt werden soll und was weiter kommt. Solche Menschen verteidigen ihre Ansichten oft ziemlich hart. Das gesicherte Wissen scheint nur in einem von jedem Hinterfragen gereinigten Raum überlebensfähig zu sein. Das vermeintliche Wissen, wer wie ist, führt dazu, dass es inzwischen gar nicht viel braucht, um das Label „Lukaschist“ oder „Lukaschistin“ angehängt zu bekommen. Es reicht schon, irgendwelche Aussagen oder Handlungen der Führerinnen oder Führer der Opposition in Frage zu stellen. Das ist mir auch schon passiert, als ich zum Beispiel kritisierte, dass Swetlana Tichanowskaja von dem „weisen Moskau“ spricht und nicht mit Fragen über die Krim gequält werden möchte. Ja, ich habe ihr meine Stimme als Protestkandidatin gegeben, die nichts als Freilassung der Gefangenen und Neuwahlen forderte. Dies unterstütze ich voll und ganz, aber darf ich mich jetzt etwa von keiner ihrer Äußerungen irritieren lassen?
Wenn man nichts hinterfragt, landet man doch ganz schnell auf dem gefährlichen Feld der einfachen und eindeutigen Antworten, die auch Lukaschenko seinerzeit der Gesellschaft angeboten hatte. Der Gesellschaft, die von der Wende und der auf sie eingestürzten Freiheit geplagt worden war, von der Offenheit eben und dem Unwissen, was richtig ist und was nicht. Da kam der vermeintlich starke Mann, einer aus dem Volk, der genau wusste, wer schuldig ist und bestraft werden sollte. Das scheint er bis heute zu wissen, nur dass die Gesellschaft aus dem Prokrustesbett seiner „väterlichen“ Sorge dermaßen herausgewachsen ist, dass es nicht mal ausreicht, die überstehenden Gliedmaßen abzuhacken, wie das der attische Räuber Prokrustes mit den Reisenden zu tun pflegte, denen er das Bett anbot. Die Gesellschaft ist aufgewacht und versucht jetzt mit aller Kraft, das Bett zu verlassen. Ich hoffe sehr, dass sie sich nicht mehr in ein wie auch immer geartetes neues Prokrustesbett zwingen lässt.
Es ist nicht leicht, bringt aber viel weiter, wenn man das Unwissen, die Koexistenz von mehreren Wahrheiten aushält, statt sich in eindeutige Antworten zu stürzen. Eindeutige und einfache Antworten erweisen sich ja allzu oft im besten Fall als realitätsferne Konstrukte, im schlimmsten als Täuschungen oder gar Lügen. Was aber wiederum nicht heißt, dass Eindeutigkeit ganz zu vermeiden ist. Wenn es zum Beispiel um die Unantastbarkeit der menschlichen Würde und des menschlichen Lebens geht, sind Eindeutigkeit und Stringenz geboten. Und zwar in allen Fällen. Ja, wirklich in allen, auch in Bezug auf den OMON. Neulich habe ich mit einem Freund darüber diskutiert, ob es gut ist, dass es in Belarus immer noch die Todesstrafe gibt, ob sie auf die OMON-Leute angewandt werden müsste. Ich bin dagegen, unter anderem, weil ich nicht mehr in einer Gesellschaft leben will, wo es jemandes Beruf ist, einem anderen Menschen das Leben zu nehmen. Wie soll man mit OMON und Lukaschenko verfahren, was soll die gerechte Strafe sein für all das Leid, das sie den Menschen zufügen? Das weiß ich nicht. Und ich bleibe erst einmal in diesem Unwissen, in alle Richtungen, auch in mein eigenes Inneres, nach Antworten tastend, in die Vergangenheit wie in die Zukunft. In der Vergangenheit finde ich beispielsweise eine Episode, die sich mir eingeprägt hat: Anfang der 2000er Jahre. Potsdam. Jugendbegegnung zum Thema Vergangenheitsbewältigung. Ein rumänischer Jugendlicher, etwa 18 Jahre alt, erzählt von der Hinrichtung Nicolae Ceauşescus. Er spricht mit großer Begeisterung darüber, wie froh und glücklich er über diese Hinrichtung ist. Mir wird unheimlich: Ich sehe einen Menschen, der nicht nur den Tod eines anderen wünscht, sondern darüber glücklich und froh ist. Wie sehr die Hinrichtung auch diesen Jugendlichen entstellt hat! Was bringt ihn in diese Stimmung? Ist das seine eigene Freude oder die des Kollektivs? Wie und wo werden individuelle Gefühle zu kollektiven und umgekehrt? Vielleicht dort, wo die Reproduktion von Symbolen, Gesten und Bildern einsetzt? Vielleicht bin ich deswegen so unsicher, wenn ich zum zigsten Mal das gleiche Lied höre oder den gleichen Satz, ich weiß dann nicht, wessen Aussage das genau ist. Wer die Verantwortung für diese Aussage trägt. Wem soll mein Vertrauen oder Misstrauen gelten? Wo ist die Grenze zwischen Solidarität und Gruppendruck? All das weiß ich auch nicht, zumindest nicht für alle Situationen. Jede Situation erkunde ich diesbezüglich neu. Daran bin ich auch dank meines Berufs als Übersetzerin gewöhnt: jeden Text neu zu erkunden, unabhängig davon, wie viele ich bislang übersetzt habe und was ich schon alles weiß.
Ob in politischen Krisen oder in der Pandemie – die Bereitschaft, die Unbestimmtheit auszuhalten und sich von den gewohnten Ansichten zu lösen, kann lebensrettend sein. Das Unwissen zuzulassen bedeutet nicht, dass man stehen bleibt, es bedeutet nur, dass man sich in kleinen Schritten bewegt, bis das echte Wissen sich einstellt, das zumindest für eine gewisse Zeit der Realität standhalten kann.
Das Unwissen hilft, die Realität, sich selbst und das Gegenüber wirklich kennenzulernen. David Bohm schreibt in seinem Buch Der Dialog. Das offene Gespräch am Ende der Diskussionen wie wichtig es für einen Dialog ist, alle Annahmen erst einmal in der Schwebe zu halten, um sie gründlich zu betrachten und dadurch einander kennenlernen zu können. Die Bereitschaft zum Nicht-Wissen ist außerdem eine wichtige Grundlage für einen unhierarchischen Austausch auf Augenhöhe. Diese Bereitschaft fehlt so häufig den Vertretern der belarusischen Macht. Die Machthabenden versagen auf allen Ebenen, wenn sie mit dem eigenen Un-Wissen konfrontiert werden. Ein Professor weiß, wie es in der Universität laufen soll, wie man Studentinnen und Studenten einschüchtert, aber wenn die Studenten sich nicht mehr einschüchtern lassen, fällt der Professor mit all seinem „Wissen“ in ein tiefes Loch und ist hilflos. Das belarusische System war jahrzehntelang in sich geschlossen, kaum für Veränderungen zugänglich. Die ganze Bewegung brodelte unter der Oberfläche, die nun aufplatzt. Die Gesellschaft ist jetzt geteilt: Ein Teil verschließt sich noch mehr, der andere ist offen, manchmal wie eine klaffende Wunde.
Schauen, beobachten, die Realität neu kennenlernen, ist harte Arbeit. Groß ist die Versuchung, die Realität zu erfinden statt sie kennenzulernen, im letzten Fall wird es oft wieder ambivalent. Wenn man diese Ambivalenzen wahrnimmt, kann man schwer in einem Atemzug hoch erhobenen Hauptes durch die Revolution marschieren, immer wieder ist man gezwungen, stehen zu bleiben, inne zu halten, die eigene Angst zu versorgen, zu überprüfen, was man sieht, und inwieweit es einem entspricht.
Der Prozess des Kennenlernens fängt jetzt in Belarus auf der gesellschaftlichen Ebene erst an. Die faszinierenden Hof-Communities, die zu wichtigen Plattformen der Selbstorganisation geworden sind, sind Aushängeschilder dafür. Da ist das neue Belarus, von dem so oft die Rede ist, zum Greifen nah: Zwischenmenschliche Begegnungen und Interesse an Kultur, Auftritte von Musiker*innen und Dichter*innen – das hält die Gesellschaft in Schwung, wie auch der Anblick von älteren Menschen und Menschen mit Behinderung, von denen manche zum ersten Mal so offen mit ihren Forderungen auf die Straße gehen. Das ist so atemberaubend, dass ich ab und zu gerne übersehe, dass es auch Menschen gibt, die mit der Revolution im Hintergrund nach einem hundertprozentig legitimen Hype für sich suchen. Ich schiebe erst einmal die Erkenntnis beiseite, dass Menschen in Chats von einigen Hof-Communities wegen „pessimistischer Haltung“ blockiert werden. Man weiß schon, dass Optimismus für eine Revolution unentbehrlich ist. Aber weiß man denn auch, wohin mit dem Pessimismus? Wohin sollen die blockierten Chat-Teilnehmenden denn mit ihren Zweifeln? Und wir dürfen nicht vergessen, dass gar nicht alle Mitbürger*innen in diesen Chats sind. Was ist mit den anderen? Gehören sie dann auch zu der neuen belarusischen Gesellschaft, oder bleiben sie außen vor? Was ist mit denen, die die Seiten wechseln und dies so selbstverständlich tun, als wären sie nie Teil des Systems gewesen? Was ist mit denen, die im Moment orientierungslos sind und einsam? Gehören sie zu diesem Wir, das siegen soll? Wie wird die Kommunikation mit ihnen aufgebaut? Das weiß ich auch nicht. Und ich möchte, dass die freudigen Optimisten das auch einmal nicht wissen und sich danach fragen, statt zu der schnellen Lösung der Blockade im Chat oder wozu auch immer zu greifen.
„Belarusen, ihr seid unglaublich!“ – den Satz aus der Wahlkampagne hört man immer noch oft. Man spricht davon, dass er eine psychotherapeutische Wirkung auf die Belarusen habe. Das bringt mich immer wieder aus der Fassung, denn Psychotherapie ist Arbeit, mit Tiefen und Höhen, wo das Fortkommen eher einer Bewegung im Kreis ähnelt: Immer wieder stolpert man über denselben Problemknoten, bis man ihn auflöst, um ein paar Schritte weiter am nächsten stehen zu bleiben. Mir ist deswegen ein Optimismus, der die Blockade braucht, höchst suspekt, auch in Zeiten der Revolution. Wir brauchen unbedingt Räume, in denen auch Zweifel zugelassen sind, Trauer, Wut, Enttäuschung und Angst, in denen Menschen nachholen können, was sie emotional in all den Jahren womöglich versäumt haben: nah an sich selbst und an den eigenen Bedürfnissen zu sein. Das sich-Ducken, Biegen und Bücken hat hierzulande eine lange Tradition. Das schüttelt man nicht in ein paar Monaten ab.
Fürst Myschkin wird bei Dostojewski von den „doppelten Gedanken“ geplagt, wenn einander ausschließende Dinge gleichzeitig zutreffend sind. Dadurch wird er am Handeln gehindert. Handeln dagegen kann Rogoschin, der nur von einem einzigen Gedanken besessen ist: Nastassja Filippowna zu bekommen. Muss man auf „doppelte Gedanken“ verzichten, um handeln zu können? Oder kann man sich sowohl die „doppelten Gedanken“ als auch die Fähigkeit zum Handeln bewahren? Beim Schreiben geht das ganz gut, so ist dieser und sind andere Texte für mich ein Einüben im Handeln ohne Verzicht auf „doppelte Gedanken“. In der Psychotherapie spricht man von der Verengung des Wahrnehmungshorizonts in Krisensituationen. Einer der möglichen Behandlungswege wäre, den Wahrnehmungshorizont zu erweitern, vielleicht auch durch das Zulassen der eigenen „doppelten Gedanken“. Aus diesem Grund scheint mir die Rolle der Kunst und Literatur so wichtig. Nicht nur der direkten Protestkunst, die die Stimmung schafft, sondern auch der Kunst und Literatur als ein Labor, in dem das tiefe Erkunden des Menschlichen legitim ist.
Eine enge Freundin von mir ist gerade schwer krank. Die Medikamente wirken nicht, die Ärzte suchen seit Monaten nach Lösungen, es bleibt aber ungewiss, wie viel Zeit sie noch hat. Neulich telefonierten wir lange, es war ein sehr lebendiges Gespräch mit Weinen und Lachen. Irgendwann sagte sie, dass sie gar nicht weiß, wie sie sich auf den Tod vorbereiten, was sie denken und tun soll. Sie hätte immer gedacht, man könne das Leben abschließen und jetzt sehe sie, dass das gar nicht geht. Ist denn nicht jedes Unwissen mit diesem letzten Unwissen verknüpft? Ist das womöglich der Grund, warum wir das Unwissen so oft mit Annahmen und Interpretationen zupflastern? Die Freundin sagt, wie wohltuend es ist, dass sie mir das sagen kann und ich ihr keine Ratschläge gebe. Im gemeinsamen Aushalten des Unwissens kommen wir uns sehr nahe.
Genau diese Erfahrung mache ich auch mit meinen Mitmenschen in Belarus. Die Gesellschaft in Belarus hat etwas ganz Wichtiges gewagt: eine Bewegung, ohne genau zu wissen, wohin sie führt. Eine Bewegung, die von der so wertvollen Erkenntnis über die Unzulässigkeit von Gewalt und Fälschungen getragen wird. Ich wünsche mir, dass diese Bewegung und somit die Offenheit möglichst lange anhalten, dass sie uns an Ikonen, Anführer*innen und Gruppendruck vorbeiführen, zu uns selbst und zu den in uns selbst gefundenen oder gewachsenen Werten, an denen wir uns orientieren können. Dann werde ich bestimmt zu dem Wir gehören, das gesiegt hat. Dann kann ich womöglich auch den Tagebuchtext veröffentlichen, ohne jemanden in seinem Optimismus zu stören.
Olga Dryndova
Seit dem Wahltag am 9. August 2020 erlebt Belarus eine politische Krise in einem Ausmaß, das das Land seit seiner Unabhängigkeit 1991 nicht gesehen hat. Noch zu Beginn des Jahres bestand kaum ein Zweifel daran, dass Präsident Alexander Lukaschenko für eine sechste Amtszeit „wiedergewählt“ werden würde. Eine breite und rasche Politisierung der Belarus*innen vor den Wahlen, gefolgt von den größten politischen Protesten in der Geschichte des Landes, überraschte Expert*innen, Politiker*innen und Belarus*innen selbst. Die öffentliche Unzufriedenheit kam jedoch nicht aus heiterem Himmel. Zur Revolution hat eine Reihe von langfristigen Gründen und kurzfristigen Auslösern geführt.
Eine schrittweise Politisierung der breiten Gesellschaft in den letzten Jahren wurde durch die anhaltende Pandemie und die unangemessene Reaktion des Staates darauf beschleunigt, was zu einer zunehmenden Selbstorganisation geführt hat. So wurden Solidarität, Selbstorganisation und Politisierung zu den drei Schlüsselwörtern des belarusischen Frühlings und Sommers im Jahr 2020.
Belarus wurde Anfang 2020 für seine „Corona-Dissidenz“ plötzlich weltbekannt: Fußball- und Eishockeymeisterschaften der Profis wurden nicht ausgesetzt, die Staatsgrenzen blieben offen, eine Militärparade sowie ein landesweiter Subbotnik, also breit aufgezogene Arbeitseinsätze, fanden statt wie eh und je. Präsident Lukaschenko nannte das Coronavirus eine „Psychose“; seine Empfehlungen, gegen Covid-19 mit Wodka, Sauna, Eishockey oder Feldarbeit vorzugehen, sorgten weltweit für Schlagzeilen.
Die inkohärente und unzureichende Informationspolitik des Präsidenten, des Gesundheitsministeriums sowie der staatlichen Medien in der Pandemie führten sofort zur Kritik von nichtstaatlichen Medien, Unternehmen, Opposition, Expertenkreisen und überhaupt einem beträchtlichen Teil der Gesellschaft. Es wurde deutlich, die Belarus*innen glaubten nicht an die Fähigkeit des Staates, die Epidemie zu bekämpfen, sie initiierten selbst die sogenannte „Volksquarantäne“. Menschen arbeiteten nach Möglichkeit von zu Hause, beschränkten ihre sozialen Kontakte und machten die anderen auf das Virus aufmerksam. Petitionen für die Einführung einer Quarantäne wurden initiiert, während Fans führender Fußballvereine die Spiele boykottierten. Medizinisches Personal veröffentlichte selbsterstellte Informationsvideos im Internet.
Eine der wohl größten Spendenaktionen in der belarusischen Geschichte – Bycovid19 – versorgte Krankenhäuser mit der notwendigen Ausrüstung, die dank Privat- und Firmenspenden gekauft wurde (250.000 US-Dollar wurden in den ersten eineinhalb Monaten gesammelt). Die Kampagne vereinte Privatpersonen, zivilgesellschaftliche Gruppen, Unternehmen, die Gesundheits- und Außenministerien und sogar die belarusische Diaspora. Diese einzigartige Solidaritätswelle wurde später in die Wahlkampagne „übertragen“. Als ein Notarzt, der die Covid-19-Maßnahmen des Staates kritisierte, entlassen wurde, sammelten Belarus*innen innerhalb von 24 Stunden seinen Jahreslohn (etwa 5.400 US-Dollar) über Crowdfunding. Nach den Wahlen engagierten sich Freiwillige für neue Spendeninitiativen – dieses Mal für Opfer von Polizeigewalt und weiterer Repressionen sowie für Menschen, denen gekündigt wurde, weil sie zur Unterstützung von Protesten in den Streik getreten waren oder aus Protest selbst gekündigt hatten. In nur wenigen Tagen wurden für solche Zwecke online über zwei Millionen US-Dollar gesammelt.
Witz und Ironie wurden zu einem wichtigen Bestandteil der Solidarität und des Widerstands. Als Reaktion auf die Aussagen des Präsidenten über Corona-Opfer („Warum läufst du durch die Straßen, wenn du morgen 80 Jahre alt wirst?“), starteten Belarus*innen einen Flashmob mit dem Titel „Letztes Wort des Präsidenten“ – sie veröffentlichten im Namen des Präsidenten Nachrufe für sich selbst, als wären sie an Covid-19 gestorben.
„Sascha 3%“ wurde zum bekanntesten Slogan gegen Lukaschenko in diesem Frühling und Sommer (Sascha als Kurzform von „Alexander“). So reagierte die Gesellschaft, einschließlich einiger Unternehmen, auf das Verbot von inoffiziellen Online-Umfragen; die hatten ergeben, dass die Unterstützung für den Präsidenten zwischen drei und sechs Prozent lag. Wahrscheinlich spiegelten diese Zahlen die Realität nicht ganz wider – anderen Erhebungen staatlicher Soziologen zufolge lag das Vertrauensniveau gegenüber dem Präsidenten in Minsk im April bei 24 Prozent. Dennoch zerstörte der 3%-Slogan die Idee ungebrochener Legitimität des Präsidenten und zeigte die Respektlosigkeit eines erheblichen Teils der Gesellschaft ihm gegenüber. Ein weiteres Beispiel ist ein Slogan des Bloggers Sergej Tichanowski „Stop Kakerlake!“. Er wurde spontan aus einer emotionalen Rede einer Bürgerin übernommen, die den Präsidenten mit einem Insekt verglich – dieses Video kam schnell auf über eine Million Aufrufe auf Youtube.
Die belarusische Gesellschaft war für ihre paternalistische Einstellung bekannt, also auch für die Erwartung, dass der Staat eine wichtige Rolle in der Wirtschaft und im sozialen Leben übernimmt. Die rasche Zunahme von Formen der Selbstorganisation zeigt ein anderes Bild: Jüngste Umfragen bestätigen, dass bereits über 60 Prozent der Belarus*innen paternalistischen Formen nicht mehr viel abgewinnen können, während eine Mehrheit in Fragen des Welfare, der Bildung, Gesundheitsversorgung und Beschäftigung dazu tendiert, eher auf sich selbst zu vertrauen.
Der Grad der Selbstorganisation war allerdings noch im Jahr 2017 sehr gering: Nur fünf Prozent der Bürger*innen brachten einer Umfrage des Zentrums CET zufolge Erfahrung mit informellen Aktionen und Initiativen mit. Umso mehr überrascht die beispiellose Selbstorganisation der Belarus*innen vor und nach den Wahlen von 2020. Die Solidaritätswelle im Frühjahr schenkte den Menschen offenbar eine Erfahrung von „kleinen Siegen“, die ihr Vertrauen in sich und andere stärkte.
Der Niedergang des Paternalismus im Land geht mit einem geringen Vertrauen in die Behörden einher. Laut einer Umfrage von 2017 – 2018 (durch das Projekt BIPART der School of Young Managers in Public Administration) vertrauten nur etwa 40 Prozent der Menschen der Regierung, nur 34 Prozent den Ministerien und 33 Prozent den lokalen Behörden, während über 64 Prozent Politiker*innen und Beamt*innen generell nicht vertrauten. Aber auch das allgemeine Vertrauensniveau in der Gesellschaft war 2018 noch recht gering – nur leicht über die Hälfte der Befragten zeigten Vertrauen gegenüber den eigenen Mitbürger*innen. Das Jahr 2020 hat das wesentlich verändert.
Auch in anderen postsowjetischen Autokratien haben fehlende wirksame staatliche Maßnahmen gegen die Pandemie zur Aktivierung von Bürgergruppen geführt. In Belarus haben diese Entwicklungen allerdings den Wahlprozess erheblich beeinflusst – diese „ausgeübte“ Solidarität und das neue Vertrauen zu Mitbürger*innen trugen ohne Zweifel zur gegenwärtigen Politisierungswelle in der belarusischen Gesellschaft bei.
Die während der Pandemie wachsende Politisierung breiter Bevölkerungsschichten wurde mit der Wahlkampagne ab Mai intensiviert. Man konnte plötzlich einen Aktivitätsschub bei den Bürger*innen beobachten, und die Wahlkampagne wurde überraschend sowohl für Belarus*innen als auch für internationale Betrachter zu einer Art „Reality-Show“.
Eine Rekordzahl von 55 Initiativgruppen reichte Anträge ein, um Kandidat*innen für die Präsidentschaftswahl zu nominieren. Der frühere Chef der Belgazprombank, Viktor Babariko, konnte in nur einer Woche fast 9.000 Freiwillige für seine Initiativgruppe online rekrutieren. Zum Vergleich: Präsident Lukaschenko konnte mit seinen enormen Ressourcen rund 11.000 Personen registrieren. In einem Monat (21. Mai – 19. Juni) waren landesweit über 127.000 Menschen an der Sammlung von Unterschriften für potenzielle Kandidat*innen beteiligt; ein großer Teil davon, wenn nicht die Mehrheit, war vorher nie politisch aktiv gewesen.
Menschen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und Altersgruppen standen landesweit in endlosen Warteschlangen, um ihre Unterschriften für alternative Kandidat*innen abzugeben. So kam die damals unbekannte Swetlana Tichanowskaja, die an Stelle ihres verhafteten Mannes, des bekannten Youtube-Bloggers Sergej Tichanowski kandidieren wollte, auf über 100.000 Unterschriften. Viele wussten nicht einmal, wie sie hieß oder wo sie arbeitete – Menschen unterzeichneten aus Solidarität und aus Protest gegen Lukaschenko.
Aus diesen Warteschlangen wurden nach der Inhaftierung von Viktor Babariko, dem bis dahin wichtigsten Konkurrenten für Lukaschenko, die spontanen Solidaritätsketten von Menschen im ganzen Land. Als am 15. Juli keiner der populären Alternativkandidaten für die Wahlen registriert wurde, rief das Wahlteam von Babariko Belarus*innen dazu auf, Beschwerden bei der Zentralen Wahlkommission einzureichen – am nächsten Tag bildete sich vor dem Gebäude der Wahlkommission in Minsk eine mehrere Kilometer lange Schlange. Es wurden über 5.000 Beschwerden eingereicht – ein für Belarus einzigartiger Grad politischer Aktivität.
Das spontan und aus Not gebildete, aber sofort populär gewordene „Frauentrio“ Tichanowskaja, Kolesnikowa und Zepkalo besuchte innerhalb von drei Wochen 13 Städte und zog bei ihren Kundgebungen in den Regionen bis zu fünf Prozent der Bevölkerung an – eine unerhörte Zahl für die traditionell passiven belarusischen Wähler*innen. In Minsk fand am 30. Juli die größte Wahlkundgebung in der belarusischen Geschichte statt, die von 60.000 bis 70.000 Menschen besucht wurde. Die drei Frauen wurden wie Rockstars behandelt: Menschen fragten sie nach Autogrammen und Bildern, zeichneten Gemälde mit ihnen, trugen Kleidung mit den Triosymbolen und sangen mit ihnen die Oppositionshymne Mury (Mauern).
Auch zur Wahlbeobachtung wurden Belarus*innen mobilisiert wie nie zuvor: In den ersten fünf Tagen nach der Ankündigung der Wahlbeobachtungsinitiative des Teams Babariko bewarben sich rund 5.000 Menschen, und bis zu den Wahlen stieg diese Zahl auf fast 10.000. Dazu kamen Kampagnen der Menschenrechtsorganisationen. So kam es letztendlich zu den schon zur „Tradition“ gewordenen Warteschlangen auch am Wahltag – sowohl in Belarus als auch im Ausland vor den Botschaften. Eine derart hohe Wahlbeteiligung hatte Belarus noch nie erlebt.
Damit sind Solidaritätsketten und Warteschlangen in gewisser Weise zum Symbol der Präsidentschaftswahlen 2020 geworden. Und diese Tradition fand auch nach den Wahlen eine Art Fortsetzung: Frauen, Studierende, Ärzte, einfache Bürger*innen sammelten sich in Solidaritätsketten gegen staatliche Gewalt, während sich Schlangen von Käufer*innen vor Geschäften bildeten, die in der einen oder anderen Form Solidarität mit der Protestbewegung zeigten – so wollten die Belarus*innen sie zumindest finanziell unterstützen.
Die Legitimität von Lukaschenko beruhte über viele Jahre auf einem sogenannten „Gesellschaftsvertrag“: Der Staat sorgte für relativ stabilen Wohlstand und für Sicherheit (geringe Kriminalität und keine kriegerischen Konflikte), während die meisten Belarus*innen politisch inaktiv bleiben und den Status quo unterstützen sollten. Um diesen ungeschriebenen Vertrag stand es allerdings bereits seit mehreren Jahren schlecht und schlechter.
Bereits 2017 kam es zu landesweiten Protesten gegen eine jährliche „Sozialparasitensteuer“. Die neue Steuer war so hoch wie ein durchschnittlicher Monatslohn und sollte für Bürger*innen gelten, die in den letzten sechs Monaten nicht gearbeitet hatten und daher keine Einkommenssteuer entrichteten. Ein weiteres Beispiel: In Brest, einem der regionalen Zentren des Landes, versammelten sich seit über zweieinhalb Jahren jeden Sonntag Menschen in der Innenstadt, um gegen eine neue, offenkundig gesundheitsschädliche Batteriefabrik in der Nähe der Stadt zu protestieren. Die Dauer dieser Proteste ist für Belarus beispiellos. Umfragen haben gezeigt, dass der Anteil der Anhänger*innen von Lukaschenko unter Rentner*innen, Landbevölkerung und „normalen“ Bürger*innen von 68 Prozent im Jahr 2006 auf 32 Prozent im Jahr 2016 gesunken war, eine Halbierung innerhalb von zehn Jahren. Die Pandemie beschleunigte schließlich die Auflösung des „Gesellschaftsvertrags“.
Die Covid-19-Pandemie hat die Volkswirtschaften weltweit getroffen, Belarus ist hier keine Ausnahme. Im April 2020 prognostizierte der Internationale Währungsfonds für Belarus einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 6 Prozent für das laufende Jahr; im Jahr 2019 lag das Wachstum noch bei 1,2 Prozent. Online-Umfragen bestätigten, dass sich die Wohlstandswahrnehmung der Belarus*innen im Frühjahr erheblich verschlechterte. Nach einer Untersuchung der Institute SATIO / BEROC verzeichneten 45 Prozent der Befragten im März und 52 Prozent im April einen Einkommensrückgang, während fast die Hälfte der Befragten in naher Zukunft einen starken wirtschaftlichen Einbruch erwartete. Innerhalb eines Monats verdoppelte sich der Anteil der Menschen, die Angst vor Arbeitslosigkeit äußerten, von 20 Prozent im März auf 40 Prozent im April. Jeder fünfte Befragte kannte jemanden, der den Job bereits verloren hatte. Insgesamt wuchs der Anteil der Belarus*innen, die ihre Wirtschaftssituation als schlecht einschätzten, von 38 Prozent Ende 2019 auf 61 Prozent im März 2020 – der größte Anstieg in 20 Jahren.
Trotzdem hätten wirtschaftliche Faktoren allein kaum ausgereicht, um diese neue Welle der Politisierung auszulösen. Die Belarus*innen sind es gewohnt, unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen zu leben. Die miserable Kommunikation des Staates während der Pandemie trug wesentlich zur Politisierung der Bevölkerung bei.
Informationen des Gesundheitsministeriums wurden der Öffentlichkeit nicht regelmäßig zugänglich gemacht, stimmten nicht immer mit den Zahlen des Präsidenten überein und wurden oft in eher arrogantem Ton verbreitet. Auf Anfragen nach Informationen über die Anzahl der Pandemieopfer beim medizinischen Personal etwa reagierten zuständige Beamt*innen mit der Frage: „Und wozu brauchen Sie diese Statistiken?“
Die größte Kluft zwischen Staat und Bevölkerung wurde jedoch womöglich vom Präsidenten selbst verursacht, der während der Pandemie einen markanten Mangel an menschlichem Einfühlungsvermögen und eine überraschende Arroganz an den Tag legte. Seine aggressive Sprache ließ nur wenige soziale Gruppen aus. Sie traf Corona-Opfer („Wie kann man mit einem Gewicht von 135 Kg leben?“), medizinisches Personal (das es nicht geschafft hätte, eine Selbstinfektion zu vermeiden), Arbeitslose („Haben Sie einen Job verloren? Finde Sie einen neuen!“), Unternehmer („Niemand wird für Euch Geld aus Hubschraubern abwerfen!“).
Umfragen bestätigten die hohe Unzufriedenheit der Belarus*innen. Laut einer internationalen Erhebung vom März / April bewerteten 86 Prozent der Befragten die Reaktion ihrer Regierung auf Covid-19 als äußerst unzureichend. Das war das zweitschlechteste Ergebnis von 58 beteiligten Staaten nach der Türkei. Auch das Vertrauen der Bevölkerung in offizielle Informationen zu Covid-19 im März / April war im Vergleich zu anderen Staaten sehr gering. Die Lage wurde öffentlich sogar mit der verantwortungslosen Informationspolitik der sowjetischen Behörden nach der Explosion von Tschernobyl 1986 verglichen. Die Zeit hat gezeigt, dass die Sorgen der Belarus*innen nicht unbegründet waren. Obwohl die offiziell von den Behörden genannten Corona-Sterblichkeitsraten in Belarus weltweit zu den niedrigsten gehören, starben nach Daten der Vereinten Nationen allein im Zeitraum April bis Juni im Land etwa 5.600 Menschen mehr als im Vergleichszeitraum des Vorjahres (offiziell sind in Belarus insgesamt nur 937 Menschen wegen Corona verstorben; Stand: 21. Oktober 2020).
Die neuen Gesichter in der belarusischen Politik scheinen zur richtigen Zeit und am richtigen Ort aufgetaucht zu sein. Keine der neuen Figuren stammt aus der traditionellen Parteiopposition, die in Belarus weder bekannt noch beliebt ist. Noch dazu konzentrierten sie sich auf ganz unterschiedliche soziale Gruppen und konnten dadurch eine hohe Zahl unzufriedener Menschen erreichen.
Die beiden nicht zugelassenen Kandidaten, der Ex-Chef der Belgazprombank, Viktor Babariko, und der Ex-Leiter des Belarus Hi-Tech Parks, Valeri Zepkalo, zielten auf eine eher gemäßigte Wählerschaft. Ihre Zielgruppe war vermutlich oft besser ausgebildet, verfügte über internationale Erfahrung und war mit aktuellen Entwicklungen im Land nicht zufrieden, strebte nach liberalen Reformen und hatte Lukaschenko und sein ineffizientes Staatssystem einfach satt.
Youtube-Blogger Sergej Tichanowski adressierte eine radikalere Anhängerschaft. Diese Menschen lebten hauptsächlich in den Regionen außerhalb der Hauptstadt, waren ärmer, konnten keinen guten Job finden, waren es müde, es ständig mit der Unverschämtheit der lokalen Behörden zu tun zu haben, und sie waren wütend auf Lukaschenko persönlich, nicht zuletzt wegen dessen Rhetorik während der Pandemie. Diese unterschiedlichen sozialen Gruppen hatten im Alltag nicht unbedingt viel miteinander zu tun, aber ihr Streben nach Veränderung und ihre Opposition gegen den Präsidenten fand unter dem Motto zusammen: „Jede*r außer einem“.
Dieses Motto erwies sich als ausgesprochen gelungen, als Swetlana Tichanowskaja mit dem spontanen „Frauentrio“ nur drei Wochen vor den Wahlen plötzlich zur nationalen Heldin wurde. Die drei Frauen standen nun für drei populäre männliche Figuren, nachdem diese nicht zur Wahl zugelassen wurden: Swetlana Tichanowskaja anstelle von Sergej Tichanowski, Veronika Zepkalo anstelle von Valeri Zepkalo und Maria Kolesnikowa anstelle von Viktor Babariko. Durch die Vereinigung der drei Teams holten die Frauen ein Maximum aus ihrer Wahlkampagne heraus, indem sie die Zielgruppen aller drei Kandidaten erreichten.
Online-Medien wie Youtube und andere soziale Medien (insbesondere der Instant Messenger Telegram) spielten eine wichtige Rolle bei der jüngsten Politisierung der belarusischen Gesellschaft. Der Anteil der Menschen, die Informationen aus alternativen Online-Quellen erhielten, stieg von 24 Prozent im Jahr 2010 auf 60 Prozent im Jahr 2018. Gleichzeitig sank das Vertrauen in die staatlichen Medien (vor allem das Fernsehen) bereits seit Jahren. Soziale Netzwerke waren 2019 für fast 28 Prozent der Befragten eine regelmäßige Quelle für Nachrichten. Diese Zahl wuchs wahrscheinlich direkt vor den Präsidentschaftswahlen noch, da schnell entstehende nationale, lokale und Nachbarschafts-Telegramkanäle zu wichtigen Plattformen für Informationsaustausch und politische Selbstorganisation wurden. Überhaupt steigt die Zahl der Online-Medien-Nutzer*innen weiter an und belief sich 2019 auf mehr als 79 Prozent der Bevölkerung – damit lag Belarus weit über dem weltweiten Durchschnitt von 53 Prozent.
Auf diese Tendenzen ging der Blogger Tichanowski ein. Er nutzte Youtube, um die Interessen der „einfachen“ Menschen aus der belarusischen Provinz bekannt zu machen. Er reiste durch das Land, traf die Menschen persönlich, filmte ihre Beschwerden und veröffentlichte das auf seinem Youtube-Kanal. Seit der Gründung im März 2019 gewann sein staatskritischer Kanal „Ein Land zum Leben“ innerhalb von einem Jahr über 200.000 Abonnent*innen, und das populärste Video (das mit der Kakerlake) wurde von über einer Million Menschen gesehen.
Eine Pact-Umfrage aus dem Jahr 2018 zeigt, dass 80 Prozent der Belarus*innen nicht glaubten, Einfluss auf die Entscheidungen der nationalen und lokalen Behörden zu haben. Mit einem Blogger bekamen die Leute plötzlich das Gefühl, eine Stimme zu haben. Eine weitere Umfrage vom 2019 ergab, dass ein Mangel an Informationen einer der Hauptgründe für die politische Passivität der Belarus*innen war. Auch diesen Mangel hat der Blogger erfolgreich adressiert.
Letztendlich scheinen die stundenlangen Live-Streams während der Unterschriftensammlungen und Solidaritätsketten vor den Wahlen, die von nichtstaatlichen Medien übertragen wurden, sowie Interviews mit Menschen, die in Warteschlangen warteten, um „gegen Lukaschenko“ zu unterschreiben, eine wichtige Rolle bei der Stärkung des Mehrheitsgefühls gespielt zu haben. Dank der Online-Medien hatten viele Belarus*innen womöglich zum ersten Mal das Gefühl, einer breiteren Bewegung bzw. einer Mehrheit anzugehören. Die Angst vor politischen Aktivitäten ist damit maßgeblich zurückgegangen.
Dem Wahlkampf-Team von Babariko war es gelungen, das populäre Narrativ „Staatsmacht ist schlecht“ zu drehen auf „Menschen sind gut“. Das war eine attraktive Botschaft für die Belarus*innen, insbesondere angesichts der demütigenden Rhetorik von Lukaschenko während der Pandemie. Das Symbol von Babarikos Kampagne war ein Herz – ein starkes Zeichen von Empathie und Unterstützung.
Babariko versuchte, ein besseres Belarus in den Blick zu nehmen, einschließlich des politischen Systems: „Wir leben in einem eher (wenn auch anscheinend undemokratischen) guten (…) Land“ und: „Der Wille des Volkes kann nicht gefälscht werden“. Indem er die Bedeutung der Rechtsstaatlichkeit sowie das Selbstbewusstsein und die Verantwortung der Bürger*innen in einem autokratischen Staat betonte, versuchte er die „Spielregeln“ zu ändern: Nicht „Behörden fälschen die Wahlen“, sondern „die Belarus*innen sind klug genug, das zu verhindern“.
Das „Frauentrio“ hat diese Message konsequent in ihre gemeinsame Kampagne übernommen. Die Frauen waren authentisch, erzählten persönliche Geschichten, sprachen über Liebe und Empathie, baten die Menschen, an sich selbst zu glauben, und waren selbst ein lebendiges Beispiel dafür. Menschen skandierten bei ihren Kundgebungen: „Ich – kann – alles – ändern!” Der traditionelle Slogan der Opposition „Wir glauben, wir können, wir werden gewinnen“ klang nun manchmal so: „Wir lieben, wir können, wir werden gewinnen“. So wurde eine kritische Masse von Belarus*innen zur Wahlbeobachtung und Wahlbeteiligung mobilisiert. Sogar ihre „Bewusstseinsaufrufe“ an die Mitglieder der Wahlkommissionen funktionierte: Bei etwa hundert Wahllokalen wurden die Stimmen tatsächlich richtig gezählt.
Was von vielen als „weibliche Revolution“ bezeichnet wird, war ursprünglich nicht als solche geplant. Es wäre auch falsch zu sagen, dass das weibliche Element das wichtigste war, das Menschen drei Wochen vor den Wahlen so stark mobilisierte. Die Belarus*innen waren bereits vor den Wahlen politisiert und weitgehend einig gegen Lukaschenko. In diesem Sinne war es eine Protestwählerschaft, die bereit war, für jede starke Persönlichkeit zu stimmen, die sich gegen den amtierenden Präsidenten stellte.
Durch die Verhinderung von drei populären Kandidaten wurde Swetlana Tichanowskaja zur „letzten Hoffnung auf Veränderung“. Veränderung bedeutete dabei vor allem ein Ende der Repressionen und neue faire Wahlen. Und genau das versprach Tichanowskaja: Sollte sie gewinnen, würde sie innerhalb von sechs Monaten neue Wahlen initiieren. Sie sah sich also als Übergangskandidatin.
