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Der Traum von ewiger Schönheit. Eine junge Liebe in Gefahr. Der zweite Teil der großen Italien-Trilogie!
Florenz, 1534: Gerade erst haben sie sich ewige Liebe geschworen, doch nun muss die junge Kaufmannstochter Calla del Giocondo mit ihrem Geliebten aus der Stadt fliehen. Denn Samuele, der Erbe des Kosmetikimperiums Bellani, wird beschuldigt, eine Frau vergiftet zu haben. Nur durch einen glücklichen Zufall findet das junge Paar Unterschlupf am Hof von Mantua. Durch sein Wissen um die geheimen Rezepturen der Schönheitsmittel kann Samuele die Gunst der stolzen und kunstsinnigen Herzogin von Mantua gewinnen. Doch Calla verfolgt währenddessen ihren eigenen Traum: Unterstützt vom Sohn der Regentin, der sie unermüdlich umwirbt, lernt sie das Lesen – und macht dabei eine Entdeckung, die dem jungen Paar das Leben kosten kann …
Der zweite Teil der historischen Töchter-Italiens-Trilogie über drei starke junge Frauen zwischen Intrigen und dem Kampf um die wahre Liebe.
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Seitenzahl: 486
Veröffentlichungsjahr: 2022
Der Traum von ewiger Schönheit. Eine junge Liebe in Gefahr. Der zweite Teil der großen Italien-Trilogie!
Florenz, 1534: Gerade erst haben sie sich ewige Liebe geschworen, doch nun muss die junge Kaufmannstochter Calla del Giocondo mit ihrem Geliebten aus der Stadt fliehen. Denn Samuele, der Erbe des Kosmetikimperiums Bellani, wird beschuldigt, eine Frau vergiftet zu haben. Nur durch einen glücklichen Zufall findet das junge Paar Unterschlupf am Hof von Mantua. Durch sein Wissen um die geheimen Rezepturen der Schönheitsmittel kann Samuele die Gunst der stolzen und kunstsinnigen Herzogin von Mantua gewinnen. Doch Calla verfolgt währenddessen ihren eigenen Traum: Unterstützt vom Sohn der Regentin, der sie unermüdlich umwirbt, lernt sie das Lesen – und macht dabei eine Entdeckung, die dem jungen Paar das Leben kosten kann …
Der zweite Teil der historischen Töchter-Italiens-Trilogie über drei starke junge Frauen zwischen Intrigen und dem Kampf um die wahre Liebe.
Catherine Aurel liebt das Schreiben, die Beschäftigung mit der Vergangenheit und das Reisen – vor allem wenn es nach Italien geht. Schon seit ihrer Kindheit haben es ihr die malerischen Städte Florenz, Mantua und Rom angetan, wo die beeindruckende Geschichte und die prächtige Kunst immer noch lebendig sind. Auf mehreren Recherchereisen hat sie sich von der einzigartigen Schönheit dieser Orte zu ihrer Töchter-Italiens-Reihe inspirieren lassen.
Catherine Aurel in der Presse:
»Spannender Plot im mittelalterlichen Italien.« Frau von Heute über Bella Donna. Die Schöne von Florenz
Außerdem von Catherine Aurel lieferbar:
Aus der Töchter-Italiens-Reihe: Bella Donna. Die Schöne von Florenz
Weitere historische Romane:Grimaldi. Der Fluch des FelsensDer Turm der Liebenden
Catherine Aurel
Die Herrin von Mantua
Roman
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Copyright © 2022 by Penguin Verlag
in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München
Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover
Redaktion: Lisa Wolf
Umschlaggestaltung: www.buerosued.de
Umschlagabbildungen: www.arcangel.com/Lauren Rautenbach/akg-images/www.rjenkins.co.uk/www.buerosued.de
Satz: Uhl + Massopust, Aalen
ISBN 978-3-641-25072-0V002
www.penguin-verlag.de
Historische Persönlichkeiten sind mit einem * versehen.
Die Familie Bellani
Simone, Ziehsohn von Cosima und Amiri, Inhaber der Casa Bellani
Giacomo und Samuele, seine Söhne
Viola, ihre Ziehmutter
Marcella, Giacomos Frau
Adamo, Giacomos Sohn
Die Familie del Giocondo
Francesco (*), florentinischer Tuchhändler und Kaufmann
Lisa Gherardini (*), seine Frau
Bartolomeo (*), Piero (*) und Marietta (Suor Ludovica) (*), Francescos und Lisas Kinder
Cassandra und Guasparri (*), Bartolomeos Kinder
Maddalena Ridolfi (*), Pieros Frau
Camilla, genannt Calla (*), Pieros Tochter
Caterina (*), Francescos Dienerin
Am Hof von Mantua
Isabella d’Este (*), Markgräfin von Mantua
Federico II. Gonzaga (*), ihr Sohn, Herzog von Mantua
Margherita Paleologa (*), Federicos Frau
Francesco (*), Federicos kleiner Sohn
Isabella Boschetti (*), Federicos Geliebte
Morgantino (*) und Delia (*), genannt Nanino und Nanina, Isabellas Zwerge
Gaia, Margheritas Zofe
Prospero, Scalco (Haushofmeister)
Sonstige
Tiziano Vercellio, genannt Tizian (*), venezianischer Maler
Ippolito Bianchi, ein Kaufmann
Battista, ein Apotheker
Ein Bote
Wie viel Schönheit empfängt das Herz durch die Augen.
Leonardo da Vinci
In der Casa Bellani tummelten sich die Kundinnen. Eine junge Frau verlangte soeben etwas, mit dem sie ihre Zähne pflegen konnte, und erhielt vom Verkäufer eine Paste, die aus den fein zerriebenen Rückenschalen des Tintenfisches, Salbei- sowie Minzblättern zubereitet worden war.
Calla versuchte unauffällig an der Schlange, die sich hinter der Verkaufstheke gebildet hatte, vorbeizuhuschen, doch schon hielt eine der Kundinnen sie mit strenger Stimme auf.
»Stell dich hinten an wie alle anderen! Wer schön sein will, muss warten.«
Calla, die für ihre allseits gerühmte Schönheit noch nie etwas hatte tun müssen, verkniff sich eine schnippische Entgegnung. Als sie jedoch in Ruhe zu erklären versuchte, dass sie nicht hier war, um eines der Produkte der Casa Bellani zu kaufen, fuhr ihr prompt eine andere Dame über den Mund.
»Von dem Mittel gegen die Sommersprossen ist nur mehr ganz wenig übrig, und das brauche ich«, erklärte sie und schob ihre massige Gestalt vor Callas.
Calla wusste, woraus das Mittel gegen Sommersprossen bestand – aus Runkelrübensaft, Eiweiß, Getreideschleim und der getrockneten Wurzel der Eselsgurke –, allerdings hatte sie es nicht nötig. Ihre Haut wies zwar nicht jenen alabasternen Ton auf, der als besonders vornehm galt, sondern war um etliche Nuancen dunkler, zeigte dafür aber keinen einzigen Makel.
»Ich bin nicht hier, um etwas zu kaufen, ich bin …«, setzte sie an.
Nun zog sie auch den Blick des Mannes hinter dem Verkaufstresen auf sich, der ärgerlich den Kopf schüttelte. Er wollte wohl nicht gestört werden, während er einer Kundin ein Mittel gegen die störenden Pusteln in deren Gesicht aufschwatzte, das aus Myrrhe, Weihrauch und ein wenig Schwefel bestand und so roch, als käme es zur Hälfte aus dem Himmel, zur anderen Hälfte aus der Hölle.
Geduld war zwar nicht Callas größte Stärke, aber sie beschloss seufzend, abzuwarten. Im Grunde freute sie sich für die Bellani, dass deren Geschäft so gut lief. Hinter der Theke befanden sich etliche Regale, und in diesen gab es kein Plätzchen, wo keine Gefäße aus Keramik oder Glas standen, kleine Schatullen oder Holzboxen – letztere für Seifen vorgesehen –, Elfenbeintiegelchen, die mit Salben, oder Phiolen, die mit Duftwässerchen befüllt waren.
Schon mit dem Schauen kam man in der Casa Bellani, die oft als »Haus der Schönheit« bezeichnet wurde, kaum hinterher und erst recht nicht mit dem Riechen. Es zogen so viele Düfte durch die Luft, viele davon recht exotisch. Das Geschäft befand sich zwar – nahe von Santa Croce gelegen – in einem der belebtesten Viertel der Stadt, doch blieb es frei von jenem Gestank, der zu Florenz ebenso gehörte wie der Reichtum seiner Kaufleute und Bankiers. Auch das übliche Geschrei – von Händlern, die sich zu übertönen versuchten, von jungen Männern, die sich stritten, von Fuhrleuten, die sich gegenseitig verfluchten – war hier nur gedämpft zu vernehmen. Deutlich hob sich die Stimme des Verkäufers davon ab, der gerade eine Schminkpalette aus Schieferholz anpries, in der sich fein pulverisierte Pigmente befanden, so kostbar, dass man sie nicht üppig mit einem Schwämmchen auftrug, sondern mit einem aus Elfenbein geschnitzten Griffel.
Schon wanderte die Palette für etliche Münzen über die Theke, gefolgt von einem Wangenrot, einem Lippenbalsam und einem Mittel, um den Haarwuchs anzuregen. Und obwohl sie anfangs befürchtet hatte, es würde ewig dauern, war nun schon Calla an der Reihe.
Der Blick des jungen Mannes glitt über sie, und in ihm las Calla nicht das übliche Wohlgefallen, das Menschen beim Anblick einer jungen, hübschen Frau zeigten – eher wirkte er irritiert, weil ihm kein Makel auffiel, den eines seiner Produkte beheben könnte.
»Wie kann ich Euch helfen?«, fragte er gedehnt.
Calla öffnete den Mund, um endlich ihr Anliegen hervorzubringen, doch erneut kam sie nicht dazu, es auszusprechen.
»Du Tölpel!«, ertönte eine schrille Stimme. »Denkst du etwa, Calla del Giocondo ist hier, weil sie die Kunst des farsi bella, des Schönmachens, nötig hat?«
Calla konnte gar nicht so schnell schauen, da hatte eine Frau durch jene Tür, die hinter den Regalen versteckt war, den Verkaufsraum betreten, die Hände nach ihr ausgestreckt und ein paar Strähnen ihrer dunkelbraunen Haare ergriffen.
»Sag selbst, was man mit diesen schönen Locken machen sollte, damit sie noch mehr glänzen?«, blaffte sie den Verkäufer an. »Nichts! Sind diese dichten Wimpern und Augenbrauen nicht perfekt? Der rosige Schimmer auf den Wangen? Die wohlgeformte Nase?«
Bei jeder anderen wären ihr die Berührungen unangenehm gewesen, doch Calla kannte diese üppige Frau und wusste, dass vermeintliche Dreistigkeit mit Herzensgüte verbunden war.
»Du musst mir nicht schmeicheln, Viola!«, rief sie und versuchte halbherzig, sich aus dem festen Griff zu befreien.
»Kein Kompliment könnte deiner Schönheit gerecht werden«, sagte sie, um sich dann mit deutlich strengerer Stimme an den jungen Mann zu wenden. »Calla del Giocondo ist nicht hier, um etwas zu kaufen, sondern aus einem ganz anderen Grund. Und den könntest du durchaus erahnen, wenn du nur etwas aufmerksamer wärst. Wie lange bist du nun schon unser Lehrling? Und hast es immer noch nicht gelernt, Augen und Ohren offen zu halten? Als Strafe wirst du eine Stunde lang Pigmente mahlen, und ich übernehme so lange den Verkauf.«
Calla tat der junge Lehrling, der verlegen von einem Fuß auf den anderen trat, herzlich leid. Sie fand auch, dass Violas Urteil höchst ungerecht war. Er selbst fügte sich diesem zwar und verließ seufzend den Verkaufsraum, doch als Viola wohlwollend ihre Wange tätschelte, machte sie sich von ihr los und rügte sie sanft.
»Warst du nicht ein bisschen zu streng? Er ist ein hervorragender Verkäufer. Heute hat er schon so viele Kundinnen glücklich gemacht, weil er ihnen genau das geben konnte, wonach sie verlangten.«
»Nun gut«, gab Viola zu, und ihre Lippen zuckten, obwohl die Stirn noch argwöhnisch gekräuselt war. »Es mag ja sein, dass er der beste Lehrling ist, den wir jemals hatten, aber das ändert nichts daran, dass er nicht zur Familie Bellani gehört. Besser er weiß, wo sein Platz ist, und das ist nicht hinter der Theke.«
»Ihr habt Hilfe im Verkauf doch dringend nötig, da Marcella ein Kind erwartet und deswegen nicht länger …«
»Herrgott!« Viola stampfte temperamentvoll auf, ließ sie es an Geduld doch noch mehr vermissen als Calla. »Bist du hier, um über Lehrlinge zu schwatzen oder um Samuele zu sehen?«
In der Tat hatte Calla gehofft, Samuele Bellani selbst hinter der Theke vorzufinden. Allerdings wusste sie nur allzu gut, dass das Verkaufen der Schönheitsmittel nicht zu seinen liebsten Pflichten gehörte.
»Wo ist er denn?«
»Das fragst du noch?« Augenzwinkernd beugte sich Viola vor und raunte ihr ins Ohr: »Immer dem Fluchen nach.«
Also trat Calla durch jene Tür, durch die Viola vorhin gekommen war. Die Casa Bellani war ein gewöhnliches mehrstöckiges Haus, und doch fühlte man sich aufgrund der Gerüche, die hier noch durchdringender in der Luft hingen als im Verkaufsraum, wie in eine andere Welt versetzt – eine, die man sonst nur erreichte, wenn man eine wochenlange abenteuerliche Schifffahrt über gefährliche Gewässer hinter sich brachte. Mehr als einmal war ihr durch den Kopf gegangen, dass die Bellani nicht nur Schönheit verkauften, sondern Träume … Träume von einer Welt, in der das Kranke, Mickrige, Stinkende, Gebrechliche keinen Platz hatte, in der alles farbenprächtig war, wunderschön anzuschauen und zart duftend.
Die Flüche, die sie vernahm, hatten allerdings so gar nichts mit dieser lieblichen Welt zu tun. Jeder neue wurde noch wütender ausgestoßen als der vorherige. »Porca miseria, Porca vacca, Porco dio!«
Calla lächelte, als sie zielstrebig den Gang entlangging. Sie kam an jenem Raum vorbei, wo Samueles Vater Simone Bellani über den Verkaufsbüchern hockte, der Besitzer der Casa Bellani, dessen Augenlicht mittlerweile so schwach war, dass er mehr und mehr Verantwortung an Giacomo, seinen ältesten Sohn, abgab. Jener saß gerade neben ihm am Schreibtisch und diskutierte mit ihm über den Preis von Alaun und Indigo. Calla wusste, dass Giacomo sein Leben für das Geschäft der Familie gegeben hätte, aber sie wurde den Verdacht nicht los, dass er die Farben und Düfte ihrer Waren gar nicht wahrnahm, weil für ihn nur Wert hatte, was man mit Zahlen bemessen konnte. Seine Frau Marcella machte das wett, sie selbst hatte bis vor Kurzem die Kundinnen beraten und ihnen vorzugsweise aufgeschwatzt, was sie selbst gründlich an sich erprobt hatte. Doch weil ihr Bauch mittlerweile so dick war, konnte sie sich kaum noch auf den Beinen halten, wahrscheinlich hatte sie sich auch heute in einem der Gemächer im ersten Stock zurückgezogen. Calla ließ die Geschäftsräume hinter sich und hatte beinahe das Ende des Gangs erreicht, als ein neuer Fluch ertönte.
»Maledetto stronzo!«
Der Wohlgeruch wich hier grässlichem Gestank, drangen aus der Tür der Werkstatt doch dunkle Rauchschwaden. Calla musste grinsen. Menschen, die die Bellani nicht kannten, hätten wohl daran gezweifelt, aber diese Werkstatt war – weit mehr als der Verkaufsraum – das Herz des Schönheitsunternehmens.
Calla schloss leise die Tür hinter sich. Doch selbst wenn sie sie laut zugeschlagen hätte, Samuele Bellani hätte sie wohl nicht gehört. Wenn er sich in seiner Werkstatt aufhielt, wo ganz anders als im Laden das reinste Chaos herrschte, war er stets so in seine Arbeit vertieft, dass er blind und taub für die übrige Welt wurde. Calla störte sich nicht daran, sondern sah ihm gerne zu, wenn er mit Brennkolben, Mörser und Pistill hantierte, wenn er in Schüsseln aus Ton, Blei oder Marmor verschiedene Zutaten zusammenschüttete, wenn er später in einem Kessel umrührte, schließlich ein Gebräu in Ampullen umfüllte. Es mochte schönere Männer in Florenz geben, die mit geschwellter Brust, rotem Samtmantel und funkelndem Dolch am Gürtel durch die Straßen stolzierten, als gehörte die Stadt ihnen. Doch keinen von ihnen, die sie insgeheim mit Gockeln verglich, hatte Calla je gewollt.
Ihr Herz schlug für Samuele, seit sie ihn vor einigen Monaten zum ersten Mal gesehen hatte. Einem vor Kraft strotzenden Hünen würde er zwar nur bis zur Schulter reichen, und seiner Kleidung – meist ein Leinenhemd, das an der Brust offen stand, und enge Lederhosen, die einen ziemlich verschlissenen Eindruck machten – sah man an, wie unwichtig ihm war, in was er morgens schlüpfte. Die braunen Haare wiederum, zu lang für einen Mann und wirr, weil er Kämmen als Zeitverschwendung betrachtete, band er nur in seinem Nacken zusammen, damit sie nicht störten, nicht weil ihm an einer gepflegten Frisur lag. Doch etwas an ihm fesselte sie vom ersten Moment an: seine Augen. Selten stand sein Blick still, stets betrachtete er neugierig, regelrecht hungrig die Welt, wirkte dadurch auf eine Weise wach, dass sie bei ihrer ersten Begegnung vermeint hatte, ihr bisheriges Leben verschlafen zu haben. Er war stets auf der Suche nach Zutaten für seine Schönheitsmittel, verriet mit jeder Geste, dass er genau wusste, warum er lebte. Und wie ansteckend seine Energie war! Jedes Mal, wenn sie ihn sah, fühlte sie sich lebendig wie nie, schien jede Faser von ihm von einer prickelnden Kraft durchdrungen zu werden, die keiner noch so geheimen Leidenschaft erlaubte brachzuliegen. Einem Mann wie ihm, der so ganz und gar in seinem Tun aufging, konnte man nur ganz und gar zugeneigt sein, denn in seinem Bannkreis waren Halbheiten verboten. Das bedeutete allerdings nicht nur, dass er sich von ganzem Herzen freute, wenn ihm etwas gelang, sondern auch, dass er sich aus ganzem Herzen ärgerte, wenn – wie heute – etwas schiefging.
»Porca miseria!«, fluchte er wieder.
Calla entfuhr ein Kichern, und dieses hörte er nun doch.
Anstatt sie zu begrüßen oder zumindest ihren Namen auszusprechen, machte er einen Satz auf sie zu, und ehe sie es sich versah, hatte er sie an den Schultern gepackt und drückte sie nach unten, sodass sie beide unter einem Tisch zu hocken kamen. Er ließ sie weiterhin nicht los, und sein fester Griff hätte wohl geschmerzt, wenn er nicht zugleich jenes Kribbeln in ihrem Magen heraufbeschworen hätte. Was war bloß mit ihm los?
»Andere entbieten ihrer Liebsten einen freundlichen Gruß und küssen ihr die Hand, und du …«
»Still!«, fiel er ihr ins Wort. Er duckte sich noch tiefer, lauschte angestrengt, löste zugleich nicht den Blick von einem Kessel, der gegenüber vom Tisch über dem Feuer hing. Ein eigentümliches Brodeln ertönte von dort, wurde aber immer leiser.
»Porco dio!«, rief er enttäuscht. »Es hat schon wieder nicht geklappt.«
Er kroch unter dem Tisch hervor und reichte ihr die Hand, um auch ihr aufzuhelfen. Wie er beugte sie sich über den Kessel und erblickte darin eine undefinierbare Masse.
»Es hätte einen lauten Knall und danach sprühende Funken geben müssen«, sagte Samuele, »aber mir gelingt die richtige Mischung dafür nicht.«
Auf einen weiteren Fluch folgte ein Seufzen. Calla betrachtete Samuele genauer, stellte fest, wie grau sein Gesicht war. Auch wenn ihn sein Ehrgeiz nie ruhen ließ – es war ihm anzusehen, wie dringend er Schlaf brauchte.
»Wie lange arbeitest du schon?«, fragte sie. »Willst du keine Pause einlegen?«
Erneut stieß er ein Seufzen aus. »Ja, sollen die Frauen noch länger darauf warten, schön zu sein, was gleichsam bedeutet, einen hellen Teint mit rosigem Schimmer zu haben?«
Er stürzte auf das Becken zu, um neue Zutaten zusammenzumischen. Auf den ersten Blick wirkte sein Tun blindwütig, aber sie wusste, dass er ein gutes Gefühl für die exakten Mengen hatte, die er brauchte. Sie wusste ebenso, welchem großen Ziel er sich seit Monaten verschrieben hatte, denn Frauen kauften nahezu jedes Mittel, um besagten Teint im Ton des Elfenbeins zu erreichen.
»Das Wohl und Wehe der Welt im Allgemeinen und von Florenz im Besonderen hängt nicht davon ab, ob Frauen ein makelloses Gesicht haben oder ein dunkles und fleckiges«, sagte Calla, während sie zu ihm trat.
»Ob Frauen schön oder hässlich sind, mag nicht so wichtig sein – aber es ist ein großer Unterschied, ob sie gesund oder krank sind«, sagte er und hörte nicht mit seinem Tun auf.
Calla konnte immer noch nicht erkennen, was er da genau zusammenrührte. Sie wusste aber, dass er eine Alternative für das Bleiweiß suchte, mit dem sich viele Frauen ihr Gesicht und ihr Dekolleté einrieben, weil es blass machte und alle Unebenheiten verbarg. Leider mussten sie dafür einen hohen Preis zahlen, denn wenn man Bleiweiß zu lange verwendete, zerstörte es die Haut. Unter der Paste wurde sie immer grauer, manchmal sogar gelblich. Man konnte noch von Glück reden, wenn man nach langer Anwendung lediglich einer vertrockneten, schrumpeligen Olive glich. Weitaus schlimmer war man geschlagen, wenn man über und über mit eitrigen Pusteln übersät war. Und nicht nur die Haut schädigte das Bleiweiß – manchen fielen die Zähne wie Haare aus, andere litten an Atemnot und üblem Mundgeruch. Samuele behauptete, dass man am Gebrauch des Bleiweiß sogar sterben könne, wenn es ins Blut gelange und dieses vergifte. Calla war nicht sicher, ob das stimmte. Sie hatte jedoch schon oft gehört, wie Mönche und Kirchenmänner die Frauen heftig dafür rügten, um jeden Preis schön sein zu wollen, und das Bleiweiß als gerechte Strafe bezeichneten, weil sie Gott ins Handwerk pfuschten. Besagte Kirchenmänner nannten im Übrigen die Casa Bellani nicht »Haus der Schönheit«, sondern »Haus der Sünde«.
»Ich weiß«, sagte sie, »es ist dir wichtig, den Feinden der Bellani keinen Vorwand zu geben, um übel über euch zu lästern, aber …«
Samuele hielt kurz inne, sein Blick blieb erstmals länger auf ihr ruhen. »Unsere Feinde können schwatzen, was sie wollen, die Geschäfte der Casa Bellani laufen seit Jahren sehr gut. Darum geht es mir nicht. Aber meine Großmutter Cosima Bellani, die einst unser Geschäft gegründet hat, behauptete immer, dass eine Frau nur dann wahrhaft schön sein kann, wenn sie sich wohl in ihrer Haut fühlt. Und das tut sie nicht, wenn diese Haut immer rissiger wird, sich Knötchen auf ihr bilden. Überdies ist Bleiweiß nicht nur schädlich, es ist auch schrecklich teuer. Hat aber nicht jede Frau ein Recht darauf, schön zu sein, auch die ärmeren? Ich möchte gerne ein Mittel anbieten, das sich schon ein Arbeiter, der nur eine Lira pro Tag verdient, leisten kann.«
»Und welche Rezeptur erprobst du heute?«
Obwohl er ihr schon so viele seiner Rezepturen anvertraut hatte, waren Calla viele Zutaten fremd. Sie wusste weder, was venezianischer Kalk war, von dem er nun sprach, noch Borax, das es mit Weinsteinsalz zu mischen galt. Ein Zeichen dafür, dass das gelungen wäre, wäre die Explosion, doch auf die wartete er bislang vergeblich.
»Warum muss es explodieren?«, fragte sie, »warum kann man es nicht einfach bloß schmelzen?«
»Hm«, machte Samuele. »So genau weiß ich das auch nicht. Die Wissenschaft der Alchemie, in der ich mich seit geraumer Zeit erprobe, sieht vor, dass man Zutaten nicht einfach nur vermischt, sondern etwas gänzlich Neues aus ihnen macht.«
»Ich habe gehört, dass alle Versuche, Gold herzustellen, gescheitert sind.«
»Gold? Pah!«, stieß Samuele aus. Und wenn noch so viele Florentiner für nichts anderes lebten, als sich die Taschen zu füllen – Reichtum bedeutete ihm nichts. »Es ließen sich auch leichter Schießpulver, Keramik, Glas, neue Farben und Düfte herstellen, wenn der Mensch alle Geheimnisse der Alchemie ergründen könnte.«
»Und eben auch Ersatz für Bleiweiß. Wenn du diesen entdecken würdest, würde die Casa Bellani in Gold schwimmen.«
Das neuerliche »Pah!« war ihr ein Beweis, dass die Einkünfte ihres Geschäfts etwas waren, mit dem sich Vater und Bruder befassen sollten, jedoch nichts, das sein Herz schneller schlagen ließ.
»Weißt du«, sagte er, und seine Hände standen kurz still, »seit sich herumgesprochen hat, dass Bleiweiß schädlich ist, erproben die Damen manch anderes Mittel, um vornehme Blässe zu erreichen – doch die sind nicht gerade gesünder. Sie verspeisen Kies, Asche oder Kohlenstaub, um damit Übelkeit und Erbrechen hervorzurufen – beides macht schließlich blass –, oder sie setzen sich einen Blutegel hinters Ohr. Manche trinken sogar zerstoßenes Elfenbein, doch das macht erst recht krank!«
Sie hörte die Betroffenheit nicht nur aus seiner Stimme, sie stand auch in seiner Miene, und sie rührte sie zutiefst. Alle Männer, die sie kannte, gingen ihrem Tagwerk nach, weil es einen Zweck erfüllte, der hauptsächlich ihnen selbst zugutekam. Sie strebten Reichtum oder Ruhm und Ehre an, und wenn sie jemandem einen Freundschaftsdienst gewährten, so nur, weil sie sich irgendwann eine Gegenleistung erhofften. Doch Samuele, das fühlte sie, ging es wirklich ausschließlich darum, Frauen zu helfen.
Obwohl sie ihn keineswegs bei der Arbeit stören wollte, konnte sie nun nicht anders, als unwillkürlich die Hand auf seine Schulter zu legen, sich auf die Zehenspitzen zu stellen, ihn schließlich auf die Lippen zu küssen. Und er, der kaum je ruhig stand, entspannte sich erst merklich, ehe er sie ganz fest an sich zog und den Kuss leidenschaftlich erwiderte. Es war nicht das erste Mal, dass sie sich küssten, doch nie hatten sie es so lange getan, so atemlos, so hungrig. Das Kribbeln in ihrem Magen verstärkte sich, und in der Brust breitete sich etwas Warmes aus, als wäre Glück auch eine Substanz, die man abwiegen, mischen, horten könnte.
Als er sie wieder losließ, war sie kurz enttäuscht. Doch als er durch die Werkstatt eilte, mit seiner Arbeit fortfuhr, wusste sie: Dass er ihr offen seine Gedanken, mehr noch seine Rezepturen anvertraute, war genauso ein Beweis für seine tiefe Zuneigung wie der Kuss.
»Ich habe viele Alternativen erprobt, aber die Wirkung von keiner stellte mich zufrieden«, erklärte er hastig. »Nutzt man als Grundlage Eiweiß, wird das Gesicht rasch zur Maske, die vom Sprechen wie vom Lächeln abhält. Lilienwurzel und Veilchenöl entfalten wiederum, selbst wenn man sie mit Perlenpulver vermischt, zu wenig Wirkung. Ich habe gehört, dass Quecksilber, vermischt mit etwas Moschus, Sommersprossen und Pigmentflecken bleicht, aber es ist wohl nicht weniger giftig als Blei. Und eine Salbe aus Kichererbsen, Milch und Meerrettichsamen pflegt die Haut, aber sie macht sie nicht weiß.«
Während er durch die Werkstatt stob, warf er ein paar Dinge um, von denen keines an seinem vorgesehenen Platz stand.
Calla bückte sich, um eine Phiole aufzuheben. »Ich würde dir so gerne helfen.«
Sie erwartete, dass er den Worten kaum Beachtung schenkte, doch plötzlich stürzte er wieder zu ihr, und während es bis jetzt sie gewesen war, die Küsse einforderte, lagen seine Hände jäh um ihren Nacken, und er presste erneut stürmisch die Lippen auf ihre.
»Du hilfst mir doch schon genug, indem du mir zuhörst«, sagte er, als sie sich wieder voneinander gelöst hatten. »Mein Vater und Bruder lachen mich aus, weil ich kaum mehr etwas anderes tue, als einen Ersatz für Bleiweiß zu suchen. Aber du … du glaubst an meinen Traum.«
Sie nickte. Gerne hätte sie ihre Zustimmung noch mit Worten bekräftigt, aber da hatte er sich bereits wieder abgewandt. Und somit war auch der rechte Zeitpunkt verstrichen, ihm anzuvertrauen, dass sie nicht nur an seinen Traum glaubte – sondern überdies einen eigenen hatte.
Als sie ihm zum ersten Mal begegnet war, war sie nicht nur zutiefst fasziniert von diesem Menschen gewesen, der seiner Leidenschaft so kompromisslos folgte. Das Zusammentreffen war für sie auch ein Anstoß gewesen, darüber nachzudenken, wofür ihr Herz schlug. Und das tat es seitdem zwar auch für ihn, aber eben nicht nur. Sie strebte etwas an, das von seinem Ziel gar nicht so weit entfernt war, doch bislang hatte sie sich nicht überwinden können, es ihm anzuvertrauen. Zu groß war die Angst, er könne sie nicht erst nehmen, würde zwischen ihrem Trachten und seinem einen so großen Unterschied sehen wie die reichen Florentiner zwischen sich und einem verlausten Bettler.
Und als sie sah, wie er sich eben wieder am Brennkolben zu schaffen machte, eine Stichflamme emporstieg und auf einen Fluch ein begeisterter Ausruf folgte, entschied sie einmal mehr, dass heute nicht die rechte Zeit war, um mit ihm zu reden.
»Ich muss nach Hause«, erklärte sie, »ich konnte mich von dort wegstehlen, indem ich behauptete, Feigen und Granatäpfel am Markt kaufen zu wollen, aber das dauert nicht ewig.«
Kurz sehnte sie sich inständig, sie würden sich ein drittes Mal küssen, doch er wollte seinen Brennkolben nicht loslassen. Und als sich eine neuerliche Flamme in seinen Augen spiegelte, er ein triumphierendes Lachen ausstieß, genügte ihr das, damit sich erneut jene Wärme in Brust und Magen ausbreitete.
Ich liebe dich, Samuele Bellani, dachte sie. Oh, ich liebe dich so sehr.
Sie sprach die Worte zwar nicht aus, aber sie waren von dem Lächeln abzulesen, das sie ihm schenkte, ehe sie den Raum verließ.
Samuele war nicht sicher, wie viel Zeit vergangen war, nachdem Calla ihn allein gelassen hatte. Wenn er experimentierte, wusste er das nie so genau. Über Stunden war er dann so in seine Arbeit vertieft, dass er hinterher oft die Morgendämmerung mit dem Abendlicht verwechselte. Wahrscheinlich hätte er noch ewig weitergemacht, wenn sich zu all den Gerüchen in der Werkstatt nicht plötzlich ein Duft gesellt hätte, der so gar nicht hierher passte – der nach kross gebratenem Fleisch und frisch gebackenem Brot. Er schaffte es, den Geruch zu ignorieren, nicht aber die Stimme, die kurz darauf ertönte.
»Du isst jetzt etwas. Ich werde nicht zuschauen, wie du langsam zum Skelett verkommst.«
Viola schob ihren wuchtigen Leib in die Werkstatt. Während sein Vater und Bruder akzeptierten, dass er am liebsten ungestört blieb, war sie neben Calla die Einzige, die ihn regelmäßig in der Werkstatt besuchte – und der er es nachsah. Viola war schließlich die gute Seele der Casa Bellani und für ihn sogar noch mehr als das, hatte sie doch nach dem frühen Tod seiner Mutter deren Rolle eingenommen. Und wie eine Mutter konnte sie nicht verzichten, ihn dann und wann zu schelten, obgleich ihm die meisten Vergehen, deren sie ihn bezichtigte, lächerlich gering erschienen.
»Ich habe keinen Hunger«, murmelte er.
»Unsinn!«, fuhr Viola ihm über den Mund, doch der warme Glanz in ihren Augen, den er noch mehr als sein Bruder hervorzuzaubern vermochte, strafte ihre strenge Stimme Lüge. »Du hast dir nur abgewöhnt, Hunger zu haben. Und dafür wird dich dein Körper irgendwann bestrafen, indem er unvermittelt zusammenklappt.«
Samuele ahnte, dass er sie schneller loswerden würde, wenn er sich fügte. Er wischte sich die Hände an einem Stück Leinen ab – was wenig nützte, denn das Leinen war bereits schwarz, und die Hände blieben es erst recht. Trotzdem nahm er Viola das mit Hühnchen gefüllte Fladenbrot ab und machte ein paar große Bissen, um die lästige Pflicht möglichst schnell hinter sich zu bringen.
Viola seufzte lang und übertrieben, wie es ihre Art war. »Ich kann schon nicht verstehen, wie einem das Essen als Zumutung erscheint. Noch schlimmer aber ist es, dass du dir viel zu wenig Zeit für die Liebe nimmst.«
Samuele fühlte, wie seine Wangen zu glühen begannen. Sowohl seinem Vater als auch seinem Bruder, die beide stets so vertieft in ihre Geschäftsbücher waren, war es entgangen, dass das Band zwischen ihm und Calla del Giocondo immer fester wurde. Marcella wiederum hätte es durchaus bemerkt, aber da sie hochschwanger war, verbrachte sie die meiste Zeit in der Wohnung über dem Laden. Vor Viola ließ sich allerdings nichts geheim halten, erst recht nicht, dass sein Herz seit ein paar Monaten nicht nur schneller schlug, wenn er Aussicht auf eine ungewöhnliche Zutat für sein Rezepturen hatte.
»Calla versteht mich«, erklärte er hastig. »Sie weiß, wie wichtig es mir ist …«
Die Pause, die er machte, um noch einen Bissen zu nehmen, zu kauen und hinunterzuwürgen, wusste Viola zu nutzen. »Ja, sie versteht dich. Ich glaube sogar, dass du für deine Arbeit brennst, ist etwas, was sie anzieht. Aber du darfst ihre Zuneigung nie als selbstverständlich hinnehmen. Und du darfst nicht vergessen, welcher Familie sie entstammt. Francesco del Giocondo ist ein reicher Kaufmann, und er und seinesgleichen schauen auf die Bellani mindestens so verächtlich hinab wie auf die Bauersfrauen auf dem Markt, die ihre glänzenden Äpfel anpreisen. Unsere Waren haben für sie keinen Wert.«
»Ein Francesco del Giocondo lässt sich durchaus davon beeindrucken, wenn jemand viel Geld verdient. Und genau das werde ich, wenn ich einen Ersatz für Bleiweiß gefunden habe und …«
Wieder machte er paar Bissen, doch auch danach war noch fast die Hälfte des gefüllten Brots über. Unauffällig ließ er es zwischen Bunsenbrenner und einem Mörser verschwinden.
»Und deswegen wirst du weiterarbeiten«, stellte Viola mit einem resignierten Seufzen fest.
»Nein, deswegen werde ich mich jetzt auf die Suche nach weißem Hundekot machen.«
Viola schlug die Hände über dem Kopf zusammen. »Ja, sollen sich Frauen demnächst Fäkalien ins Gesicht schmieren, um schön zu sein?«
»Natürlich nicht in ihrem Rohzustand. Aber weißer Hundekot ist ein vorzüglicher Fettlieferant. Mit ihm kann man gallertartige Seife in festen Zustand überführen und außerdem …«
»So genau will ich das gar nicht wissen. Aber warum muss der Kot unbedingt weiß sein?«
»Weil das ein Zeichen ist, dass der Hund eine kranke Galle hat. Wenn seine Ausscheidungen trocknen, werden sie in diesem Fall weiß, und nur dann …«
Wieder fiel Viola ihm ins Wort. »Selbst wenn Calla dich noch so gut versteht – eins kann ich dir sagen: Keine Frau dieser Welt verzeiht einem Mann auf lange Sicht, dass er lieber Zeit mit der Suche nach Hundekot verbringt als mit ihr. Ich verzeihe dir übrigens auch nicht, dass du mein Essen verschmähst.«
Trotz der rüden Worte zuckten ihre Mundwinkel, und als Samuele zu ihr trat und ihr nicht nur ein Lächeln schenkte, sondern sich sogar vorbeugte, um sie auf die Wange zu küssen, klang das Seufzen nicht mehr ungehalten, sondern verriet ihre tiefe Liebe.
»Jetzt muss ich aber los«, erklärte er.
Noch ließ sie ihn nicht an sich vorbeitreten. »Haben dein Bruder und dein Vater eigentlich eine Ahnung davon, was du treibst?«
»Du weißt doch, dass sie mir freie Hand lassen, wenn es um die Erprobung neuer Rezepturen geht. Ich wiederum vertraue darauf, dass sie die Geschäfte der Casa Bellani gut und vorausschauend führen.«
»Und dass Giacomo als der Ältere von euch beiden der Erbe der Casa Bellani ist und du für ihn arbeiten wirst – nicht als gleichrangiger Partner, sondern als Untergebener –, ist kein Problem für dich?«
Samuele runzelte die Stirn. Viola hatte ihn schon öfters darauf angesprochen, und ihr lauernder Unterton war ihm nicht entgangen. Verstehen konnte er ihn nicht.
»Ich will die Casa Bellani nicht besitzen, ich will ihr dienen. Genauso wie ich mich nicht an Frauen bereichern will, sondern auch ihnen dienen will. Und deswegen …«
»Und deswegen wirst du jetzt Hundekot suchen.« Viola schnaubte. »Verstehe dich, wer will, ich tue es nicht. Ich wünsche dir aber trotzdem viel Erfolg, denn je früher du fündig wirst, desto früher kommst du nach Hause, und vielleicht wirst du dann einmal länger schlafen als nur wenige Stunden.«
Sie fügte noch etwas hinzu, was zugleich ihre Zuneigung wie Sorge um ihn ausdrückte, aber das hörte er schon nicht mehr richtig, denn er hatte sich bereits an ihr vorbeigedrängt, lief über den Flur und verließ das Haus über den Hintereingang, wo der übliche Lärm von Florenz’ belebten Straßen in seine Ohren drang.
Die Stadt spiegelte in gewisser Weise Samueles Wesen, stand das Leben doch niemals still und gab sich keiner ihrer Bewohner mit dem Erreichten zufrieden, sondern wollte immer mehr. Und es war eine Stadt, wo er nicht lange nach dem Gesuchten Ausschau halten musste, denn bei all ihrer Schönheit, dem Glanz, dem Reichtum gab es so viele hässliche, arme Gässchen. Um solche zu erreichen, musste er natürlich das Viertel zwischen San Giovanni und Santa Croce hinter sich lassen, wo sich die Casa Bellani befand. Rasch schritt er auch über die Piazza della Signoria und den Domplatz, das Geschäftsviertel mit den beiden großen Märkten und den Straßen voller exquisiter Läden. Mit verlausten Kötern konnte man eher dort rechnen, wo die Handwerker ihre Werkstätten hatten – ob Weber, Fassmacher oder Schuhmacher, Schmiede, Steinmetze oder Färber –, und noch mehr trieben sich wohl in Oltrarno herum, auf der anderen Seite des Arnos, wo es keine prächtigen Palazzi gab, jedoch Gestank in Hülle und Fülle.
»He, du!«, rief ein Mann ihm zu, kaum dass er die Ponte Vecchio überschritten hatte.
Samuele brauchte eine Weile, um ihn wiederzuerkennen, der Mann noch länger, um auf ihn zuzuwanken. Als er ihn erreicht hatte, wurde Samuele von einer Woge säuerlichen Geruchs umhüllt, die geradewegs aus dem Mund des anderen kam.
»Brauchst du heute wieder mal meine Pisse?«, fragte der Mann.
Richtig, er hatte dem Trunkenbold kürzlich seine Pisse abgekauft, weil der Uringeist, den man aus Pottasche und dem eingedickten Urin von Weintrinkern bereiten konnte, hervorragendes Material war, um aus Brasilholz Rot zu gewinnen – und das auch noch günstig, hatte dem Mann doch billiger Fusel als Bezahlung gereicht.
»Heute nicht«, sagte Samuele schnell und trat rasch einen Schritt zur Seite – gerade noch rechtzeitig, ehe der Betrunkene seine Beinkleider geöffnet und auf die Straße gemacht hatte.
Er war nicht viel weiter gekommen, als ihn wieder eine Stimme aufhielt.
»Wie wär’s mit warmem Pferdemist?«, rief einer ihm zu, der gerade zwei alte Gäule antrieb.
In der Tat hatte Samuele schon des Öfteren einen Topf mit in Essig eingeweichten Bleiblechstücken in warmem Pferdemist eingegraben, damit sie sich schneller auflösten, doch heute hatte er keinen Bedarf und schüttelte wieder den Kopf.
Er schritt weitere Gässchen entlang, drang immer tiefer in Florenz’ ärmstes Viertel vor. Der Arno war nicht länger zu sehen, das Stimmengewirr deutlich leiser. Keine Kaufleute priesen ihre Waren an, keine Edelmänner maßen ihre Kräfte, da war nur das Stöhnen von Bettlern, die zu schwach waren, um es an belebtere Orte zu schaffen. Und täuschte er sich, oder hatte er tatsächlich gerade das Jaulen eines Hundes vernommen?
Samuele beschleunigte seinen Schritt, erblickte zwar weit und breit keinen Köter, jedoch neben einer Pfütze einen großen Hundehaufen. Die vielen schwarzen Fliegen, die darum surrten, ließen leider nicht erkennen, ob er weiß war.
Er wedelte heftig mit den Händen, brummend stoben die Fliegen hoch, es könnte wirklich weißer …
Der Schlag traf ihn so unvermittelt im Nacken, dass er fast in den Dreck fiel. Er konnte sich gerade noch aufrecht halten, doch kaum hatte er sein Gleichgewicht gefunden, erhielt er einen neuerlichen Schlag, diesmal schmerzhaft auf den Hinterkopf. Er sackte auf die Knie, immerhin weit genug entfernt vom Hundehaufen. In seinem Kopf dröhnte es so laut, dass das Surren der wütenden Fliegen fast übertönt wurde. Er fuhr sich an die schmerzende Stelle, spürte kaum seine Hand. Als er sich umdrehte, tanzten schwarze Punkte vor seinen Augen, von denen er nicht wusste, ob es noch mehr Fliegen waren oder ein Zeichen, dass er gleich in Ohnmacht fallen würde.
Doch er blieb bei Bewusstsein, konnte sogar erkennen, wer da breitbeinig vor ihm stand, die Fäuste drohend erhoben.
Samuele entfuhr ein Keuchen. »Bist du verrückt geworden?«, stieß er aus. »Warum schlägst du mich?«
»Das fragst du noch?«, entgegnete der andere wutschnaubend. »Ihr Bellani ruiniert mich!«
Samuele duckte sich gerade noch rechtzeitig, um dem dritten Schlag zu entgehen. Er fand sogar die Kraft, sich wieder aufzurichten. Nur zur Wehr setzen konnte er sich nicht. Der Hass, der in den Augen des anderen loderte, war ihm unbegreiflich, machte ihm Angst.
»Battista!«, rief Samuele, doch dass er seinen Namen nannte, stachelte nur Battistas Wut an.
»Euretwegen muss ich bald meinen Laden schließen!«, heulte er auf, hob einmal mehr die Faust.
Wieder entging Samuele dem Schlag, weil er sich rechtzeitig duckte, aber er stieß mit dem Hinterkopf schmerzhaft gegen die Mauer eines Hauses. Ein glühender Schmerz durchzuckte ihn, die Panik wuchs. Verdammt! Nun hatte er keinen Platz mehr auszuweichen.
»Warum … warum …«, setzte er an. Seine Kehle war zu eng, um die Frage hervorzupressen. Doch er musste diese nicht stellen, um eine Antwort zu bekommen, konnte sich schließlich selber denken, dass Battista ihn den ganz Weg über verfolgt haben musste.
Seine Apotheke befand sich in derselben Straße wie die Casa Bellani, und was er dort verkaufte, waren nicht nur Arzneien – auch Pigmente für Maler, Gewürze zum Kochen, Süßigkeiten für Kinder und Kerzen für Prozessionen. Und Parfüms und Schönheitsmittel – auf deren Erlös er anscheinend mehr angewiesen war, als Samuele vermutet hatte.
»Battista«, rief er wieder. »Was tust du denn? Dass die Konkurrenz für Apotheker so groß ist, ist nicht allein die Schuld der Bellani. Wir können nichts dafür, dass Klöster und Hospitäler ihre eigenen Apotheken haben und …«
»Ich könnte mit Cerusa reich werden, würdest du nicht deinen Kundinnen einreden, dass es giftig wäre.«
Cerusa war ein anderer Name für Bleiweiß. Diesmal hob Battista nicht die Faust, sondern ein Knie, wollte es Samuele zwischen die Beine rammen. Der krümmte sich unwillkürlich, sodass das Knie die robustere Schulter traf. Weh tat es trotzdem, nur mit Mühe verkniff er sich einen Schmerzensschrei.
»Dass es giftig ist, stimmt ja auch«, rief er keuchend, »deswegen suche ich fieberhaft nach einem Ersatz. Wenn … wenn ich einen gefunden habe, vertraue ich dir gerne die Zutaten an. Mir geht es nicht darum, dass sich die Bellani bereichern, mir ist nur wichtig, dass die Frauen … ach, du lieber Himmel.«
Der Faust und dem Knie des anderen zu entgehen, war schwer genug gewesen. Doch nun hielt Battista plötzlich ein Messer in der Hand.
»Quacksalber!«, plärrte Battista. »Ihr Bellani seid nichts als Quacksalber! Jeder weiß, dass ihr von einer Kurtisane abstammt, keinem ehrenwerten Händler!«
Den Vorwurf hörte Samuele nicht zum ersten Mal – und er erschien ihm noch ungerechter als alles, was Battista ihm bisher an den Kopf geworfen hatte. Zugegeben, seine Großmutter Cosima war tatsächlich eine Kurtisane gewesen, aber zugleich eine freundliche, liebenswerte Frau. Er hatte nicht viele Erinnerungen an sie – eine jedoch ganz genau vor Augen: wie er auf ihrem Schoß gesessen hatte, um zu lauschen, wenn sie ihm wieder einmal komplizierte Rezepturen erklärt hatte.
»Wag es nicht, Cosima Bellani zu beleidigen!«, rief Samuele, und die Wut gab ihm Kraft, machte ihn zugleich blind für das bedrohliche Messer. Ehe er sich inne wurde, was er da tat, hob er sein Bein und rammte Battista den Fuß in den Bauch.
Dass der andere aufschrie, erfüllte ihn mit Befriedigung. Dass ihm das Messer entglitt, noch mehr. Aber er begriff nicht, warum sich der andere nicht bloß krümmte, nein, zu Boden ging. So fest hatte er doch gar nicht zugetreten!
Beinahe regte sich Mitleid in Samuele, auch schlechtes Gewissen, doch als er sich schon über ihn beugen wollte, ihm wieder aufhelfen, erkannte er, dass nicht er dem anderen so zugesetzt hatte, vielmehr die Fäuste der Männer, die plötzlich hinter ihm aufgetaucht waren. Sie sausten unaufhörlich auf seinen Feind nieder, trafen ihn auf dem Kopf, dem Nacken, dem Rücken.
»He! Ihr könnt doch nicht …«
Ihnen in den Arm fallen, wagte er dann doch nicht. Und während Battista sich zunächst nur mit seinen Armen schützte, schaffte er es schließlich, sich aufzurappeln und davonzustolpern. Immerhin setzten ihm die Männer nicht nach, stießen nur ein grimmiges Lachen aus.
Samuele starrte in die Gesichter der Hünen, befürchtete, dass sie Diebe waren. Schon wollte er beteuern, dass es bei ihm nichts zu holen gäbe, er nichts als Hundekot anzubieten hätte, aber da trat einer der Hünen zur Seite, und der Mann, der hinter ihm sichtbar wurde, war Samuele wohlbekannt.
»Samuele Bellani«, rief dieser mit breitem Grinsen. »Deine Werkstatt, wo du so oft mit giftigen Stoffen hantierst, mag der gefährlichste Ort von Florenz sein, aber dieses Viertel hier ist der zweitgefährlichste. Besser, man betritt es nicht ohne Waffen.«
Das Schnalzen seiner Zunge bewog die Hünen, sich zurückzuziehen, und der Mann trat auf Samuele zu und reichte ihm die Hand zum Gruß.
Wenig später kehrte Samuele an der Seite von Ippolito Bianchi zur Ponte Vecchio zurück. Eigentlich hatte er die Suche nach weißem Hundekot noch nicht aufgeben wollen, doch er wusste, dass er von Ippolito Zutaten erhalten würde, die er nicht minder dringend brauchte. Ippolito war ein Kaufmann, der trotz seines Alters – Samuele schätzte ihn ob seines wehenden weißen Haars fast so alt wie seinen Vater ein – regelmäßig exotische Länder bereiste, um von dort Waren nach Florenz zu bringen. Er pflegte sogar weiterhin Kontakte nach Konstantinopel, obwohl der Handel der italienischen Stadtstaaten dort nahezu zum Erliegen gekommen war, seit die Türken es erobert hatten. Viele Florentiner stürmten begeistert in seine Läden, weil sie dort nicht nur Ingwer, Muskat und Pfeffer erhielten, auch den kostbaren Safran oder Zucker, der von der Insel Madeira stammte. Und nicht nur all das konnte auch Samuele gebrauchen, Ippolito verschaffte ihm überdies regelmäßig Nachschub an Vitriol oder Quecksilber. Heute wiederum hatte sich der Kaufmann gar als Lebensretter erwiesen.
»Gut möglich, dass Battista mich umgebracht hätte!«, stieß er aus.
»Zumindest hätte er dich gründlich verprügelt.«
»Ein Wunder, dass du zufällig zur Stelle warst.«
Er betrachtete Ippolito von der Seite. Der Kaufmann war stets edel gekleidet, wohl, um auf diese Weise über seine mangelnde Körpergröße hinwegzutäuschen, die umso frappierender auffiel, weil er sich stets mit Hünen umgab.
»Jenseits des Arnos befindet sich ein Kloster, dessen Apotheke ich beliefere«, erklärte er. »Nur darum konnte ich dich vor Battista beschützen. Wobei ich mich frage, warum du dich heute überhaupt auf die Straßen traust.«
»Warum denn nicht?«, fragte Samuele erstaunt. »Ich konnte doch nicht ahnen, dass Battista mir auflauern würde. Ich wusste zwar, dass er meine Familie hasst, nicht aber, dass er …«
»Das meine ich nicht«, fiel Ippolito ihm ins Wort. »Aber ist dir nicht aufgefallen, dass die Straßen und Gassen von Florenz heute voller Soldaten sind? Und dass diese Soldaten jeden jungen Mann mitnehmen, der ihnen in die Hände fällt?«
Samuele konnte sich nicht erinnern, auch nur einem Soldaten begegnet zu sein, aber das hatte nichts zu bedeuten. Wenn er auf der Suche nach Zutaten für seine Rezepturen war, blieb er für alles andere blind.
»Warum das denn?«, fragte er verwundert.
»Oh, oh«, Ippolito lachte, »du könntest noch im Schlaf an die hundert Rezepturen aufsagen, aber wer Florenz regiert und immer neue Wege sucht, seine Macht zur Schau zu stellen, ist dir wohl entgangen.«
»Ich weiß durchaus, dass Alessandro, der Urenkel des großen Lorenzo de Medici, den man il Magnifico, den Prächtigen, nannte, der Herzog von Florenz ist.«
»Aber weißt du auch, dass er unweit von Santa Maria Novella eine riesige Festung erbauen will – eine fünfeckige Bastion mit einem Turm, für die ein Dutzend Häuser, gar ein Kloster weichen mussten? Dass seine Astrologen ihm diese Woche signalisiert haben, der rechte Zeitpunkt wäre gekommen, um den Bau zu beginnen? Und dass er dafür Tausende Arbeiter braucht und diese nicht nur mit guter Entlohnung lockt, sondern gewaltsam rekrutieren lässt? Gnade dir Gott, wenn du in die Hände seiner Männer gerätst. Dann wirst du über Monate, vielleicht gar Jahre Steine schleppen, anstatt Mixturen anzurühren.«
Samuele blickte sich unbehaglich um, sah aber gottlob niemanden in der Nähe, den man für einen Soldaten des Herzogs hätte halten können. Besser, er kehrte so schnell wie möglich zurück in die Werkstatt, um sich dort in den nächsten Tagen und Wochen zu verkriechen. Doch Ippolito verlangsamte nicht nur seinen Schritt, plötzlich blieb er sogar stehen.
»O dieser verfluchte Alessandro de Medici!«, presste er hervor.
Der verächtliche Tonfall überraschte Samuele nicht. Es traf zwar zu, was Ippolito ihm vorhielt – er interessierte sich tatsächlich kaum für Politik –, aber selbst ihm war nicht entgangen, wie unbeliebt der Herzog von Florenz war. Das lag nicht nur daran, dass sein Äußeres viele Florentiner befremdete: Seine Mutter war eine muslimische Sklavin gewesen, die man aus dem Osmanischen Reich hierher verschleppt hatte und die dem Sohn die dunkle Haut und das schwarze krause Haar vererbt hatte. Es kamen auch jeden Tag neue Gerüchte in Umlauf, wonach Alessandro nicht nur ungemein eitel wäre, sich stets in Satin und Seide kleidete und gerne Flöte spielend über den Markt zog, sondern dass er gerne Frauen nachstellte und sogar Nonnen in Klöstern verführte. Und was ihm die Florentiner am meisten übel nahmen, waren die immer neuen Steuern, die er ihnen auferlegte, um sich seinen riesigen Hofstaat leisten zu können. Allein was seine zahlreichen Hunde und Falken an einem Tag brauchten, konnte eine arme Familie in einem ganzen Jahr nicht erwirtschaften.
Eigentlich hatte Samuele keine Lust, über Alessandro de Medici und dessen Vergehen zu sprechen, aber da er Ippolito die Rettung vor Battista verdankte, fühlte er sich verpflichtet, auf dessen Sorgen und Nöte einzugehen.
»Die Steuerlast macht dir sehr zu schaffen, nicht wahr?«, fragte er.
»Das allein ist es nicht. Es ist einfach nicht rechtens, dass Alessandro über diese Stadt herrscht. Florenz ist … war eine Republik. Und Alessandro war derjenige, der diese Republik zerstört hat.«
»Waren es nicht vielmehr der deutsche Kaiser und der Papst, die sich ausnahmsweise nicht bekriegten, sondern gemeinsame Sache machten und Alessandro den Herzogstitel verliehen, um Florenz ihrem Willen zu unterwerfen?«
Ippolito schien kurz überrascht, hatte er ihm dieses Wissen wohl nicht zugetraut, aber als er nickte, wirkte er vor allem traurig. Er senkte unwillkürlich die Stimme, als er Samuele zuraunte: »Es gibt nicht wenige Florentiner, mich eingeschlossen, die hoffen, Alessandro möglichst bald wieder loszuwerden und Florenz erneut zur Republik zu machen. Und diese Hoffnung hat jüngst Nahrung erhalten. Schließlich scheint der Papst, selber ein Medici und Alessandros treuster Verbündeter, seit geraumer Zeit zu kränkeln. Ich denke, dass Alessandro nicht zuletzt darum die Festung erbauen lassen will. Ihre Größe soll darüber hinwegtäuschen, wie fragil seine Macht ist.«
Samuele war der schlechte Gesundheitszustand von Papst Clemens – ein Abkömmling von Giuliano de Medici und dessen Geliebten Fioretta Gorini – neu. Wenn er ehrlich war, war ihm das genauso egal wie die Tatsache, dass Florenz keine Republik mehr war. Ob nun ein Herzog die Geschicke der Stadt bestimmte oder die reichsten Familien – Hauptsache, er konnte ungestört seiner Arbeit nachgehen, was wiederum nur möglich war, wenn kein Krieg herrschte. Mit Schaudern erinnerte er sich daran, wie Florenz vor fünf Jahren vom kaiserlichen Heer belagert worden war, um die Republikaner in die Knie zu zwingen. Dass diese nach einem Jahr aufgaben, hatten viele als Niederlage empfunden – für die Bellani aber war es eine große Erleichterung gewesen, florierte seit damals doch wieder ihr Geschäft. Hoffentlich blieb es dabei, hoffentlich würde er nicht für den Arbeitsdienst eingezogen werden, hoffentlich fand er einen Ersatz für Cerusa, womöglich mit den Zutaten, die er von Ippolito kaufen könnte, und …
Der Kaufmann schlug ihm auf die Schultern, und ihm entfuhr ein Schmerzenslaut.
»Ich sehe schon«, spottete Ippolito gutmütig. »Deine Aufmerksamkeit bekomme ich nur mit dem, was sich in meinem Beutel befindet, nicht mit der Last, die auf meinem Herzen liegt. Aber es ist nun mal ein Vorrecht der Jugend, die Sorgen und Nöte der Älteren für nichtig zu erklären.«
Samuele hätte sich gerne gerechtfertigt, aber Ippolito beschleunigte den Schritt. Sie hatten die Ponte Vecchio längst hinter sich gelassen, näherten sich einem von Ippolitos Läden, der sich nicht weit von der Casa Bellani entfernt befand. Samuele war ganz froh, dass er sein Zuhause unter dem Schutz der Hünen, die Ippolito stets begleiteten, erreichen würde. Nachdem sie die Piazza della Signoria überquert hatten, war er so guten Mutes, dass er erneut begann, sich nach Hundekot umzuschauen. Doch als sie sich wenig später der Casa Bellani näherten, stockte ihm der Atem.
Er hatte gerade den Mund öffnen wollen, um Ippolito ein letztes Mal zu danken, auch um zu fragen, was er ihm denn nun verkaufen würde, doch nun kam nur ein Schreckenslaut heraus. Ippolito folgte seinem Blick, stieß seinerseits ein Seufzen aus.
Vor der Casa Bellani, wo man an guten Tagen eine lange Schlange an Kundinnen antraf, standen etliche Männer der Stadtwache. Einer hämmerte gegen die Tür, schien bereit, sie notfalls einzutreten. Er brüllte Samueles Namen – und nicht nur das.
»Liefert ihn uns sofort aus!«
Nachdem sie die Casa Bellani verlassen hatte, wollte Calla eigentlich noch zum Markt, um Obst zu kaufen. Sie kam jedoch kaum durch das Gedränge, so viele Soldaten waren unterwegs, um junge Männer für das Bauvorhaben des Herzogs zu rekrutieren, sodass sie letztlich durch eine Seitengasse floh. Bald erreichte sie die Via della Stufa, an deren Ende ihre Familie, die del Giocondo, einen Palazzo besaß, so groß dieser, dass nicht nur das Familienoberhaupt – ihr Großvater Francesco – mit seiner Frau dort lebte, auch seine erwachsenen Söhne mit ihren Familien. So schräg, wie die Julisonne mittlerweile stand – ihr Licht war von einem warmen Rot –, war mehr Zeit vergangen, als sie gedacht hatte, und so entschied sie, nicht das Hauptportal zu nehmen, sondern den Hintereingang zu nutzen, um möglichst unauffällig ins Haus zu huschen.
Der erste Raum, in den sie gelangte, war die Küche, doch die Hoffnung, dass dort alle mit der Zubereitung des Abendessens beschäftigt wären und sie nicht bemerken würden, erfüllte sich nicht. Sie kam kaum fünf Schritte, als sie geradewegs in Caterina hineinlief, die treue Dienerin ihres Großvaters, die sie seit ihrer Kindheit heiß und innig liebte. Caterina steckte ihr ständig Süßigkeiten zu und konnte ihr nie lange böse sein.
Auch heute musterte sie Calla nicht streng, jedoch sehr kummervoll.
»Ich … ich war bei Samuele«, platzte sie heraus, weil sie Caterina unmöglich anlügen konnte, »ich weiß, meine Familie heißt es nicht gut, dass ich mich mit einem Bellani abgebe, aber du hast immer gesagt, ich solle auf mein Herz hören und außerdem …« Sie leckte sich über die Lippen. »Könntest du mir vielleicht ein paar Feigen geben, damit ich so tun kann, als wäre ich zum Markt gegangen?«
Caterina riss entsetzt die Augen auf, was Calla nicht verstand. Erst recht schien es keinen Sinn zu machen, dass Caterinas Hand zum Mund fuhr, sie eine Geste machte, als wolle sie ihre Lippen versiegeln.
Sie hatte Caterina doch immer alles anvertrauen können, warum hörte sie ihr ausgerechnet jetzt nicht zu?
»Caterina, glaub mir, es ist nicht einfach nur eine Schwärmerei. Samuele ist der Mann, der …«
Noch einmal tat sie die merkwürdige Geste, und als Calla im Blick der anderen regelrecht Verzweiflung las, ging ihr auf, dass der sich nicht auf sie richtete, sondern auf jemanden, der hinter ihr stand.
Und tatsächlich, als sie sich umdrehte, stand dort ihre Mutter Maddalena. Sie musste sie kommen gesehen haben und war wohl in die Küche geeilt, um sie abzupassen.
Calla wusste sofort, dass es keinen Sinn machte, sich zu rechtfertigen, aber darauf verzichten konnte sie auch nicht.
»Ich wollte wirklich zum Markt gehen«, sagte sie schnell, »aber es herrscht Aufruhr in den Straßen und …«
»Komm mit, Camilla«, fiel Maddalena ihr hart ins Wort.
Es war immer ein schlechtes Zeichen, wenn ihre Mutter sie mit ihrem vollständigen Namen ansprach, wusste doch jeder, dass sie nur ungern so genannt wurde. Caterina rang hilflos die Hände, konnte aber nichts weiter für sie tun. Widerstrebend folgte Calla der Mutter durch die Küche und stieg vom Eingangsbereich die Treppe hoch in den ersten Stock, wo sich der große Saal befand, in dem die Familie für gewöhnlich Gäste empfing.
Ehe Calla den Raum betrat, hatte sie sich lediglich gegen eine Strafpredigt ihrer Mutter gewappnet – nun sah sie, dass ihr weitaus Schlimmeres bevorstand. Nicht nur Maddalena musterte sie mit strenger Miene – die ganze Familie hatte sich in diesem Raum versammelt: ihr Großvater Francesco, ihr Vater Piero, außerdem ihr Onkel Bartolomeo. Ihr Schweigen, aus dem so deutlich der Vorwurf klang – wie kannst du dich so ungehörig verhalten! –, war schwer genug zu ertragen. Dass sie sich obendrein den Blicken ihrer Cousine Cassandra und ihres Vetters Guasparri aussetzen musste, war die wahre Prüfung. Obwohl sie etwa im gleichen Alter waren, hatten sie schon als Kinder mehr gestritten, als miteinander gespielt. Und seit sie erwachsen geworden waren – Calla war mittlerweile siebzehn, Cassandra sechzehn Jahre alt –, verachtete Cassandra ihre Cousine dafür, dass sie sich nicht für schöne Kleider und kunstvolle Frisuren interessierte. Heute begnügte sie sich nicht mit dem üblichen Naserümpfen, sie fixierte Calla eher mit einem Ausdruck des Triumphs.
»Ich habe beobachtet, dass du ohne Begleitung das Haus verlassen hast«, sagte sie mit einer Stimme, die Calla an das unangenehme Quietschen einer Tür erinnerte. »Und zwar alleine!«, fügte sie hinzu. »Welches anständige Mädchen tut das schon? Selbst am Balkon zu stehen und sich solcherart der Welt zu zeigen, ist ein Zeichen, dass man sich mit dem gewöhnlichen Volk gemein macht. Ich habe den ganzen Tag gestickt und gebetet, wie es einer jungen Frau geboten ist. Das Haus verlasse ich nur, wenn ich zur Kirche gehe.«
Calla musste sich beherrschen, dass ihr die Miene nicht entglitt und sie der Cousine nicht ein paar Strähnen aus dem strengen Knoten riss. Sie sollte bloß nicht so tun, als wäre sie ohne Fehl und Tadel. War es nicht ein Zeichen von Eitelkeit, sie schlecht zu machen, nur um selbst im besten Licht dazustehen?
Cassandra wollte noch etwas hinzufügen, wahrscheinlich dass Calla nur darum auf dumme Gedanken kam, weil sie zu oft dem Müßiggang frönte, doch da brachte Maddalena sie mit entschiedener Geste zum Schweigen.
»Stimmt es, dass du bei Samuele Bellani warst?«, fragte die Mutter streng.
Calla antwortete nicht gleich, studierte erst die Mienen von Großvater, Vater und Onkel in der Hoffnung, dass die aufmüpfige junge Frau sie nicht nur empörte, sondern auch amüsierte. Zumindest ihr Großvater hatte einst immer über die Streiche gelacht, die sie Cassandra gespielt hatte. Allerdings litt er mittlerweile oft an Rückenschmerzen, weswegen seine Stirn fast immer gefurcht war, und sein Hader mit dem eigenen Alter führte dazu, dass er weit öfter über die Welt klagte, als dass er über sie lachte.
»Es stimmt«, sagte Calla entschlossen, »und ich verstehe nicht, was dagegenspricht.«
Sie ahnte, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Hätte sie sich wort- und tränenreich entschuldigt, vielleicht hätte sie ihre Familie milder gestimmt. Aber es war schlimm genug, sich dafür rechtfertigen zu müssen, dann und wann das Haus zu verlassen. Samuele zu lieben, wollte sie nicht zum Verbrechen abgestempelt sehen.
Die Mutter sog scharf den Atem ein, was Cassandra die Gelegenheit gab, einmal mehr auf sie einzuhacken. Diesmal ließ ihre Stimme Calla nicht an quietschende Türen denken, sondern an ein gackerndes Huhn.
»Wie kannst du nur!«, rief sie. »Die Bellani sind keine ehrenwerte Familie. Sie führen ein Geschäft, das einst von einer Kurtisane gegründet wurde. Überdies weiß jeder, dass sie im Dienste des Teufels stehen. Wer sonst verführt die Frauen zu denken, es liege in ihrer Hand, schön oder hässlich zu sein? In Wahrheit ist es doch eine Entscheidung, die alleine Gott trifft.«
»Das ist doch nicht wahr!«, entfuhr es Calla, obwohl es einmal mehr klüger gewesen wäre zu schweigen. »Es liegt sehr wohl in unserer Hand! Du könntest schön sein, wenn du nur freundlich lächeln würdest, anstatt mit dieser hochnäsigen Miene auf mich herabzublicken und …«
»Ja, soll ich dich dafür bewundern, dass du dich mit einem Mann herumtreibst, der die Sünde im Blut trägt? Ist es möglich, dass nicht nur die Familie Bellani keine Ehre hat, sondern auch du deine längst verloren hast?«
Kurz verschlug es Calla die Sprache. Gewiss, allein Samuele zu küssen, ihn zu umarmen, wie sie es so oft getan hatte, war in Cassandras Augen eine Ungeheuerlichkeit. Doch wenn Samuele eines nicht war, so ein Schwerenöter, der unschuldige Mädchen verführte! Im Gegenteil! In jeder seiner Berührung lag das Versprechen, es ernst mit ihr zu meinen, nicht nur ein schnelles Vergnügen zu suchen, sondern eine gemeinsame Zukunft anzustreben!
»Dass du auf so eine Idee kommst, zeigt doch nur, wie schmutzig deine eigenen Gedanken sind«, rief Calla erbost. »Kann es sein, dass du dich insgeheim nach den Zärtlichkeiten eines Mannes verzehrst und nur neidisch bist, weil …«
»Genug!«, fiel Maddalena ihr ins Wort. Selten hatte ein so lautes Wort den Mund der Mutter verlassen. Empört rang sie nach Atem, während der Vater vortrat.
Zuerst wandte er sich an Cassandra. »Wag es nicht, den Ruf deiner Cousine mit Verleumdungen zu beschmutzen«, sagte er scharf, woraufhin Cassandra die Lippen zusammenpresste. Doch ehe Calla auch nur die geringste Genugtuung über die Zurechtweisung der anderen empfinden konnte, wandte sich Piero nicht minder streng an sie. »Du wiederum wirst das Haus nie wieder ohne Erlaubnis verlassen«, erklärte er. »Und du wirst Samuele Bellani nicht wiedersehen. Denn in einem hat Cassandra recht: Er ist kein Mann, mit dem du Umgang pflegen solltest. Eine Familie wie die seine wird nie mit den del Giocondo auf einer Stufe stehen.«
Calla schnürte es die Kehle zu, dennoch hatte sie genügend Kraft in der Stimme, um entgegenzusetzen: »Warum nicht? Die Bellani verdienen ihr Geld mit harter Arbeit. Ihre Kundinnen rühmen ihre Ware. Was soll falsch daran sein?«
Piero del Giocondo warf seiner Frau einen Hilfe suchenden Blick zu, war er doch einer, der gerne Verbote aussprach, sich jedoch schwerer tat, sie zu begründen.
Calla wandte sich ihrerseits hastig an den Großvater. »Zumindest du musst doch gutheißen, was sich die Bellani aufgebaut haben. Du hast mir oft erzählt, dass du dir deinen Reichtum selbst mühsam erwerben musstest, er dir nicht in den Schoß gefallen ist. Deine Vorfahren waren Handwerker, die Weinfässer gezimmert haben. Es war viel Mut vonnöten, um in den Seidenhandel einzusteigen und ein blühendes Unternehmen aufzubauen. Und selbst damit hast du dich nicht begnügt. Du bist am Ende auch Geldwechsler geworden und hast als solcher so viel verdient, dass du dir neben diesem Palazzo in Florenz auch Ländereien außerhalb leisten konntest. Sich nicht mit dem zufriedenzugeben, was man hat, sondern mehr vom Leben zu verlangen und hart dafür zu arbeiten, ist für dich doch eine Tugend! Und den Bellani kannst du diese unmöglich absprechen!«
Sie hätte schwören können, dass ihr Großvater für sie Partei ergriffen hätte, doch seine noch stärker gefurchte Stirn verriet, dass er gerade wieder mit seinen Schmerzen zu kämpfen hatte. Er musste die Lippen zusammenpressen, auf dass ihm kein Schmerzenslaut entkam – und das bedeutete, dass er nicht für sie eintreten konnte. Ihr Vetter Guasparri nutzte prompt die Gelegenheit, sich wichtigzumachen.
»Ein Bellani ist trotzdem kein Umgang für eine del Giocondo.«
Etwas zerplatzte in Calla, und sie verlor endgültig jedes Maß. Sie fuhr herum, funkelte Guasparri wütend an. »Aber du pflegst den richtigen Umgang, ja?«, rief sie empört. »Etwa, wenn du dich mit deinen Kumpanen triffst und Unsummen beim Glücksspiel verlierst? Irgendwann wirst du unsere Familie in den Ruin führen und …«
