Bella Donna. Die Malerin von Rom - Catherine Aurel - E-Book
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Bella Donna. Die Malerin von Rom E-Book

Catherine Aurel

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Beschreibung

Die Verlockung der Kunst und die Macht der Liebe: das süffige Finale der mitreißenden Reihe im historischen Italien

Rom, das Zentrum der Macht und der Künste: Nur widerwillig folgt Tina ihrem Mann Adamo Bellani in die Ewige Stadt, wo der Erbe des Florentiner Schönheitsimperiums ins Bankiersgeschäft einsteigen will. Auf dem Weg nach Rom begegnen sie der aufstrebenden Malerin Sofonisba, die nach dem Willen ihres Vaters den großen Michelangelo mit ihrem Werk beeindrucken soll. Zu dritt setzen sie ihre Reise fort – sehr zum Missfallen von Tina, die eifersüchtig auf die selbstbewusste Künstlerin ist. Kaum in Rom angekommen werden Adamo, Tina und Sofonisba in eine Intrige verwickelt, die sich bis ins Zentrum der Macht erstreckt. Die beiden ungleichen Frauen müssen zusammenhalten, um nicht nur eine junge Liebe, sondern auch den Bau des großen Petersdoms zu retten …

Lesen Sie unabhängig auch die anderen Bände der mitreißenden Trilogie über den Aufstieg eines italienischen Kosmetikunternehmens und drei starke junge Frauen zwischen von Macht, Intrigen und Liebe:

1. Bella Donna. Die Schöne von Florenz
2. Bella Donna. Die Herrin von Mantua
3. Bella Donna. Die Malerin von Rom

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Seitenzahl: 491

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Catherine Aurel liebt das Schreiben, die Beschäftigung mit der Vergangenheit und das Reisen – vor allem, wenn es nach Italien geht. Schon seit ihrer Kindheit haben es ihr die malerischen Städte Florenz, Mantua und Rom angetan, wo die beeindruckende Geschichte und die prächtige Kunst immer noch lebendig sind. Auf mehreren Recherchereisen hat sie sich von der einzigartigen Schönheit dieser Orte zu ihrer Töchter-Italiens-Reihe inspirieren lassen.

Die Macht der Kunst und die Verlockungen der Liebe: das mitreißende Finale der Reihe im historischen Italien

Rom, das Zentrum der Macht und der Künste: Nur widerwillig folgt Tina ihrem Mann Adamo Bellani in die Ewige Stadt, wo der Erbe des Florentiner Schönheitsimperiums ins Bankiersgeschäft einsteigen will. Auf dem Weg nach Rom begegnen sie der aufstrebenden Malerin Sofonisba, die nach dem Willen ihres Vaters den großen Michelangelo mit ihrem Werk beeindrucken soll. Zu dritt setzen sie ihre Reise fort – sehr zum Missfallen von Tina, die eifersüchtig auf die selbstbewusste Künstlerin ist. Kaum in Rom angekommen werden Adamo, Tina und Sofonisba in eine Intrige verwickelt, die sich bis höchste Kreise erstreckt. Die beiden ungleichen Frauen müssen zusammenhalten, um nicht nur eine junge Liebe, sondern auch den Bau des großen Petersdoms zu retten …

Lesen Sie unabhängig auch die anderen Bände der mitreißenden Trilogie über den Aufstieg eines italienischen Kosmetikunternehmens und drei starke junge Frauen zwischen von Macht, Intrigen und Liebe:

1. Bella Donna. Die schöne von Florenz

2. Bella Donna. Die Herrin von Mantua

3. Bella Donna. Die Malerin von Rom

Catherine Aurel

Die Malerin von Rom

Roman

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Copyright © 2023 by Penguin Verlag in der Penguin Random House Verlagsgruppe GmbH, Neumarkter Straße 28, 81673 München

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover

Redaktion: Lisa Wolf

Umschlaggestaltung: www.buerosued.de

Umschlagabbildungen: akg-images / Pirozzi, Susan Fox / Trevillion Images

Satz: Uhl + Massopust, Aalen

ISBN 978-3-641-25073-7V001

www.penguin-verlag.de

Personenverzeichnis

Historische Persönlichkeiten sind mit einem * versehen.

Die Familie Bellani

Adamo, Sohn von Giacomo und Marcella Bellani, Neffe von Samuele Bellani

Sistina, genannt Tina, seine Ehefrau

Die Familie Ponzi

Gualtieri Ponzo, Tinas Vater

Veronica, Tinas Schwester

Die Familie Anguissola

Sofonisba (*), junge Malerin aus Cremona

Amilcare und Bianca (*), ihre Eltern

Elena, Minerva, Europa, Anna Maria, Hasdrubal (*), ihre Geschwister

Künstler

Michelangelo Buonarroti (*), Maler, Bildhauer, Bauherr des Petersdoms

Daniele da Volterra (*), sein Schüler und Freund

Nanni di Baccio Bigio (*), ein Architekt und erklärter Erzfeind Michelangelos

Sebastiano Malenotti (*), Bauleiter

Sonstige

Donna Lisetta, Kundin der Casa Bellani

Orazio Lomellino (*), Sohn eines Genueser Kaufmanns

Bindo Altoviti und Luigi Gaddi (*), berühmte Bankiers

Paul IV. (*), Papst

Lavinia, Gaspara und Luna, römische Kurtisanen

Don Rodrigo, ein spanischer Soldat im Dienst des Herzogs von Alba

Alessandro, ein Papagei

»Ich nähr’ mich nur von dem, was glüht und brennt und leb’ von dem, von dem die andern sterben.«

Michelangelo

I.

Florenz, August 1557

Die Glocken von Santa Croce hatten schon zum Abend geläutet, und die Sonne, die die Kuppel des Doms eben noch in ein glühendes Rot getaucht hatte, spann nur noch violette Fäden, als eine Frau in die Casa Bellani gestürmt kam. Tina hatte hinter dem Verkaufstresen aufgeräumt und gerade zur Tür treten wollen, um den Laden abzuschließen. »Ihr … Ihr kommt zu spät.«

Die Frau trug einen weiten Mantel und hatte den Kopf unter einer tief sitzenden Kapuze verborgen, sodass man ihr Gesicht kaum sehen konnte. Flehentlich hob sie die Hände. »Bitte! Bitte, Ihr müsst mir unbedingt helfen.«

Dem verzweifelten Klang der Stimme nach schien es um Leben und Tod zu gehen, was Tina verwunderte. In ihrem Laden konnte man lediglich Schönheitsmittel kaufen, und die Tatsache, ob man schön oder hässlich war, entschied zwar über vieles, manchmal sogar über das Glück, aber nicht, ob man noch seinen nächsten Atemzug tun konnte. Seit den frühen Morgenstunden stand sie im Laden, und nun begann ein sachter Schmerz ihren Rücken emporzuwandern, drohte sich im Kopf festzusetzen. »Seid Ihr sicher, dass Ihr hier richtig …« Tina brach ab. Nicht nur, dass die andere erneut flehentlich die Hände gehoben hatte, sie zog nun auch die Kapuze vom Kopf, und als Tina sah, was sich darunter verbarg, verstand sie die Dringlichkeit.

»Also gut«, ergab sie sich ihrem Schicksal, »tretet näher.«

Sie winkte die Frau zu der Theke, hinter der sie für gewöhnlich die Produkte der Casa Bellani verkaufte. Heute hatte sie die vielen Phiolen und Tiegelchen, Schälchen und Holzboxen, Gefäße aus Majolika und Glas, Marmor und Elfenbein, schon in den langen Regalen dahinter verstaut, aber es kostete sie keine große Mühe, all das, was sie benötigte, wieder hervorzuholen. Obwohl sie erst seit einigen Monaten hier ein und aus ging, war ihr das Reich der Schönheit bereits überaus vertraut, sie fand sich nahezu blind zurecht und konnte mittlerweile im Schlaf sagen, wo Waage und Sieb standen, wo Mörser und Pistill, wo Brennkolben und wo Rezeptbücher.

Und wenn sie tief einatmete, gelang es ihr mühelos, die wohlriechenden Ingredienzen, deren Düfte so durchdringend in der Luft hingen, voneinander zu unterscheiden – ob Moschus oder Zimt, Myrrhe oder Sandelholz oder die vielen Kräuter, die an Schnüren zum Trocknen aufgehängt waren.

Die Frau rümpfte jedoch die Nase und deutete etwas misstrauisch auf ein größeres Glasgefäß, in dem eine zähe grüne Masse aufbewahrt wurde: »Ist das etwa die Leber einer Eidechse?«

»Und wenn dem so wäre? Mit Olivenöl vermischt und mit unverdünntem Wein aufgetragen, wirkt sie wahre Wunder und macht das Gesicht so glatt wie das eines jungen Mädchens.«

Die Frau, die selbst noch nicht viel älter zu sein schien als ein solches, wirkte skeptisch.

»Das ist allerdings keine Eidechsenleber«, fügte Tina rasch hinzu, »sondern Froschlaich und etwas Rindergalle. Beides kann als Grundlagen für eine Salbe dienen, die die Haut nicht nur glättet, sondern ihr auch einen rosigen Schimmer verleiht.« Sie witterte Ekel im Gesicht der jungen Frau.

»Soll ich Euch nun helfen oder nicht?«

Die andere seufzte. »Nun, wenn nötig, würde ich sogar den Urin eines Hundewelpen trinken, um wieder wie ein Mensch auszusehen. Darauf schwört übrigens meine Base.«

Tina musste lachen. »Ich denke, das wird nicht nötig sein. Kommt mit mir.«

Sie winkte die Dame in jenen kleinen Nebenraum, wo ein mit rotem Samt bezogener Stuhl stand. Nicht alle Frauen begnügten sich damit, in der Casa Bellani Schönheitsmittel zu erwerben, manche kamen auch hierher, um sich die Haare waschen, pflegen und kunstvoll aufstecken zu lassen. Damit hatte Tina zwar noch nicht sehr viel Erfahrung – aber sie kannte sich gut mit dem Haarefärben aus.

Diese Frau hingegen hatte bei dieser Prozedur alles falsch gemacht, was man falsch machen konnte: Ihre Strähnen, eigentlich dick und schön gelockt, hatten einen grässlichen grünlichen Ton angenommen, der Ähnlichkeit mit dem eines Krokodils hatte. Ein solches Untier hatte Tina zwar noch nie mit eigenen Augen gesehen, aber sie stellte es sich genau so vor.

»Welches Mittel habt Ihr bloß auf Euer Haar aufgetragen, Donna …?«

»Donna Lisetta. Ach, ich bin so dumm! Ich habe mir von einem Quacksalber eine geheime Rezeptur aufschwatzen lassen, mit deren Hilfe man noch die dunkelsten Strähnen in blonde verwandelt, ihnen obendrein einen goldenen Schimmer verleiht. Ich weiß nicht, was sich alles in diesem Mittel befand, er schwor mir, es wäre Auripigment.«

Tina konnte sich das nicht recht vorstellen. Auripigment, das von Künstlern gerne in den Ölfirnis gemischt wurde, um Glanzpunkte auf ihre Gemälde zu setzen, war nicht nur teuer, sondern auch hochgiftig. Wenn man es mit der Pfeffermühle rieb, musste man stets ein Stück Leder vor dem Mund tragen. Ein Betrüger, der schnelles Geld verdienen wollte, würde sich diese Arbeit bestimmt nicht machen. Wahrscheinlich hatte der Quacksalber für sein Mittel Birkenlaub und die Asche von geschältem Gras genutzt, beides allerdings mit zu viel Alaun vermischt. Und er hatte auf Mandelöl und Weißwein, etwas Schweineschmalz oder Fett aus der Mähne eines Pferdes verzichtet, was dafür gesorgt hätte, dass sich die Farbe zumindest gleichmäßig verteilte. So sah es ein wenig aus, als wäre das Krokodil scheckig geworden.

»Ich habe stundenlang mit dem Mittel auf dem Kopf in der Sonne gesessen«, klagte Donna Lisetta, »und das ist dabei herausgekommen. Aber Ihr … Ihr könnt mir doch goldene Haare zaubern, oder? Ich habe gehört, das wäre auch möglich, wenn man Schwalbendreck und gebrannte Bärenknochen mit Schwefel vermischt.«

Gott bewahre, dachte Tina, dann würdet Ihr riechen, als kämt Ihr geradewegs aus der Gosse. »Lasst mich nur machen«, sagte sie und beschied der Frau mit knapper Geste, sich auf den roten Samtstuhl zu setzen.

Nicht länger dachte sie über den schmerzhaften Druck auf ihren Schläfen nach und dass sie eigentlich längst zu Hause sein sollte, sondern konzentrierte sich voll und ganz auf die Behandlung. Zunächst wuscht sie die Haare in einer tiefen Schüssel, in der sich neben gewöhnlichem Wasser auch Rosenwasser sowie ein spezielles Destillat aus der Asche von entrindetem Buchenholz befand. Danach trug sie eine Pomade auf, die nach Äpfeln roch und in die auch Feigenschalen und Lilienknollen vermischt worden waren. Kurz überlegte sie, darüber hinaus mit Goldstaub oder Irispuder zu arbeiten, aber sie wollte nicht riskieren, die Frau erneut zu enttäuschen. Stattdessen griff sie zu einer Phiole mit einer dunklen Flüssigkeit.

»Was … was ist das?«, fragte Donna Lisetta, als sie begann, sie Strähne für Strähne aufzutragen.

Tina beschloss, ihr lieber nicht anzuvertrauen, dass das Mittel hauptsächlich aus toten Blutegeln bestand, die sechzig Tage lang in dem dunkelsten Wein, den sie hatte auftreiben können, eingelegt worden waren. »Euer Haar wird glänzen, wie es das noch nie getan hat.«

»Aber … aber dieses Mittel ist doch so dunkel. Ich will blonde Haare!«

Tana unterdrückte ein Seufzen. »Donna Lisetta«, sagte sie eindringlich. »Ich kann verhindern, dass man bei Eurem Anblick an eine Echse denkt, folglich den Schaden, den das Mittel des Quacksalbers angerichtet hat, wiedergutmachen. Ich kann auch dafür sorgen, dass Euer Haar in der Sonne glänzt, als wären einzelne Strähnen kupferrot. Aber Wunder kann ich keine bewirken. Ihr habt nun mal schwarzes Haar, und schwarzes Haar kann man nicht blond färben. Die Casa Bellani besteht seit fast hundert Jahren, weil man hier wahre Schönheit erlangen kann und nicht mit Lug und Trug gearbeitet wird. Dieses Mittel müsste Ihr über Nacht einwirken lassen, und morgen oder noch besser übermorgen, wascht Ihr es mit Pinienwasser aus.«

Es folgte kein Widerspruch mehr, aber als sich Donna Lisetta wenig später vom Samtstuhl erhob und einen Blick in den ovalen Spiegel mit prächtigem silbernem Rahmen warf, entkam ihr ein klagender Ton. »Ach, was für ein Unglück es ist, mit schwarzen Haaren geboren zu sein, wenn doch Blond in Mode ist.«

Sie warf einen Seitenblick auf Tina, die zwar selbst auch nie blond gewesen, aber deren dicker Zopf von jenem Braun war, das in der Sonne rötlich glänzte.

»Ich habe doch erst vor Kurzem geheiratet«, jammerte Donna Lisetta. »Ich will meinen Mann so gerne gefallen. Er blickt sich stets nach blonden Damen um, und ach … Ihr müsst das doch verstehen. Soweit ich weiß, seid Ihr auch erst seit Kurzem verheiratet.«

Tinas Kehle zog sich zusammen. Seit ihrer Hochzeit mit Adamo Bellani waren in der Tat erst wenige Monate vergangen, doch was sie seitdem belastete, lag nicht darin begründet, dass auch er blonden Damen nachstarrte.

Allerdings wollte sie mit dieser fremden Frau nicht über ihre Ehe sprechen, stattdessen trat sie zu einer Truhe und begann, darin zu kramen.

»Was ist das?«, fragte Donna Lisetta. »Habt Ihr doch ein Mittel, um die Haare blond zu färben?«

Tina verbarg das, was sie aus der Truhe gefischt hatte, hinter ihrem Rücken, trat zurück zu Donna Lisetta und bedeutete ihr, wieder in den Spiegel zu schauen.

»Ich finde es jammerschade, dass Frauen oft nur vor Augen haben, was ihnen fehlt«, sagte sie, »anstatt aus dem, was Gott ihnen geschenkt hat, das Beste zu machen. Ihr habt zwar kein rotblondes Haar, dafür aber glänzende dunkle Augen, schön geschwungene Augenbrauen, einen hellen Teint und rosige Wangen.«

Donna Lisetta betrachtete argwöhnisch ihr Spiegelbild, der Zweifel schwand nicht aus ihrem Blick.

»Hier in der Casa Bellani«, fuhr Tina fort, »geht es nicht darum, dass Ihre eine ganz andere werdet, sondern dass Ihr die, die Ihr seid, zum Strahlen bringt. Und das gelingt nicht allein mit Schminke. Ihr müsst stets im Sinn haben, welche Farben zu Euch passen. Seht nur.« Sie zog das Seidentuch hervor, das sie hinter dem Rücken versteckt hatte, und drapierte es um die Schultern der andere. »Dieser fahle Grünton würde Euch blasser machen. Dieses dunkle Blau wiederum«, sie nahm das nächste Tuch, »lässt zwar an das Meer denken, aber bildet keinerlei Kontrast zu Eurem Haar. Purpurrot dagegen«, sie nahm das dritte Tuch, »ist eine warme Farbe, die Eure Vorzüge betont. Ich würde Euch überhaupt zu warmen Farben raten. Sie lassen Eure Augen leuchten, die Haut nicht bleich, sondern alabastern wirken und unterstreichen den rosigen Schimmer auf Euren Wangen.«

»Ich wusste nicht, dass Farben warm oder kalt sein können.«

»Oh, die Farbenlehre ist eine Wissenschaft für sich. Es ist auch wichtig zu wissen, wie sie sich ergänzen. Ein Kleid in diesem Purpurton ließe sich gut mit einem Pelz in dunklem Braun verbrämen, der in der Sonne bronzen schimmert, wohingegen ich an Silber sparen würde. Gerne können wir an einem anderen Tag ausprobieren, welche Farbkombinationen Euch am besten stehen, nur für heute ist es zu spät. Ich muss nach Hause zu meinem Mann, aber kommt so bald wie möglich wieder.«

»Mir ist neu, dass man in der Casa Bellani nicht nur Mittel zum farsi bella – zum Schönmachen – erhält, sondern hier auch alles über Farben lernen kann«, sagte Donna Lisetta verwundert.

Tina kaute verlegen auf ihren Lippen, wollte sie doch nicht zugeben, dass das bislang nur ein vager Plan war und sie noch keine Gelegenheit gefunden hatte, mit Adamo darüber zu sprechen. Sie begnügte sich zu murmeln: »Ich kenne mich gut mit Farben aus. Vielleicht habt Ihr davon gehört, dass ich der Familie eines Tuchhändlers entstamme.«

Die andere nickte, zog noch weitere Seidentücher aus der Kiste, um sie über die Schultern zu drapieren, und drehte sich wieder und wieder vor dem Spiegel. Sie schien sich zu gefallen, und obwohl Tina sie eben noch zur Eile gemahnt hatte, ließ sie sie gewähren, war sie doch glücklich, dass die Selbstzweifel aus Donna Lisettas Miene verschwunden waren. Während sich die andere an ihrem Spiegelbild nicht sattsehen konnte, hing Tina ihren Erinnerungen nach.

Im Geschäft ihres Vaters Gualtieri Ponzo – stadtauswärts am Ufer des Arno gelegen – war die Luft nicht gesättigt von Wohlgerüchen wie hier in der Casa Bellani. Im Gegenteil, es stank stets grässlich, denn um aus der groben flämischen und englischen Wolle die feinsten Tücher Europas zu fertigen, musste man die Fasern mithilfe eines Uringemisches vom Wollfett befreien. Und doch war seine Werkstatt für sie stets ein Zauberreich gewesen, denn hier wurden aus den glanzlosen grauen Stoffen farbenprächtige.

Tina wusste zwar von klein auf, welche langwierige, mühselige Prozedur damit verbunden war: In mehreren Durchgängen wurde das Tuch in Farbmischungen eingeweicht, gekocht, mit Paddeln geschlagen, getrocknet, ehe das Ganze wieder von vorne begann. Doch wenn das Werk vollbracht war, war nicht nur ihr Vater glücklich, weil er im Kopf überschlug, wie viel Geld ihm seine Ware einbringen würde, auch sie, weil sie den Beweis darin erbracht sah, dass die Welt kein grauer, ärmlicher Ort war, sondern ein bunter und wunderschöner.

Ihr Vater hatte manchmal über ihr ausgeprägtes Interesse an seinem Geschäft gespottet. Aber insgeheim hatte es ihm gefallen, dass sie die Namen sämtlicher Wollkämmer, Wollwäscher und Wollweber kannte, die für ihn arbeiteten, und sie bei den Farbverkäufern, die er regelmäßig empfing, einen bleibenden Eindruck hinterließ. Früher hatten ausschließlich Apotheker mit Farben gehandelt, mittlerweile war daraus ein eigener Berufszweig hervorgegangen, in dem umso erfolgreicher war, wer so viele Rezepte wie möglich kannte.

Oh, wie begierig Tina nach diesen Rezepten fragte! Anfangs gaben sich die Farbverkäufer oft verschwiegen, aber weil sie keine gefährliche Konkurrenz in ihr witterten, verrieten sie ihr am Ende noch die ungewohntesten Techniken der Farbherstellung, wie sie in dem berühmten Buch des Venezianers Giovanni Rosetti vorgestellt wurden.

Bald wusste sie nicht nur, dass man mit Waid, jener mit Senf verwandten Pflanzen, die in der Lombardei so üppig wuchs, unzählige Blautöne erzeugen konnte, sofern man es mit anderen Farbtönen mischte – von Himmelblau über Türkis bis hin zum Ton des Nachthimmels –, auch, dass man das beste Weinrot mithilfe der Gardenie erzielte und das durchdringendste Rot mithilfe von Krappwurzel oder Zinnober.

Stundenlang durchstreifte sie das Umland von Florenz, wo auf den Wiesen jene Blumen wuchsen, die der Stadt – der schönsten Blume der Toskana – ihren Namen gegeben hatte: bella flora. Sie pflückte Blütenblätter und grub sogar manche Wurzel aus, um zu erproben, womit sich ein Braun, ein Violett, ein goldiges Gelb erreichen ließ. Nicht immer glückte es. Um einer Pflanze die Farbe zu entziehen, war auch die rechte Mischung von Alaun und Zahnstein, Arsen und Quecksilber nötig, und selbst dann konnte man nie sicher sein, ob der Stoff, der im fertigen Farbsud eingeweicht wurde, auch wirklich den gleichen Ton annehmen würde. Aber sie hantierte immer sicherer mit den Zutaten und lernte mit der Zeit, wie man Farben schuf und welche Wirkung sie entfachten.

Donna Lisetta drapierte eben begeistert das purpurrote Seidentuch um ihre Schultern. »Ich glaube, Ihr habt recht«, murmelte sie, »egal, mit welcher Haarfarbe – jede Frau kann schön sein.«

Tina wandte sich ihr wieder zu ihr und nickte entschlossen. »Das Geheimnis liegt darin, dass es nicht darum geht, schön zu sein, sondern sich schön zu fühlen. Dieses Gefühl ist vermeintlich billiger als das teure Auripigment, und doch erscheint es mir schwerer zu beschaffen als noch die exotischsten Zutaten aus fernen Ländern, an die zu gelangen man mindestens einen Ozean oder eine Wüste durchqueren muss.«

Donna Lisetta betrachtete sich nicht länger im Spiegel, sondern wandte sich nun Tina zu, um sie zu mustern. Sie schien sich zu fragen, ob die Selbstsicherheit, mit der sie über Farben gesprochen hatte, auch in ihrer Miene zu finden war und Tina sich selbst schön fühlte. Die hatte sich allerdings nie viele Gedanken über das eigene Aussehen gemacht. Sie liebte es, wenn sich die Welt in die prächtigsten Farben hüllte, aber selbst bevorzugte sie schlichte graue Kleider. Und auch die Schminke, die sie anderen Frauen empfahl, trug sie nie in ihrem eigenen Gesicht auf. Dennoch hatte sie feine Züge, einen herzförmigen roten Mund und große Augen, die den gleichen haselnussbraunen Ton hatten wie ihr kräftiges, weich gelocktes Haar.

»Euer Mann … Adamo Bellani … Er muss sehr stolz auf Euch sein.«

Tina war nicht sicher, ob Donna Lisetta auf ihre Geschäftstüchtigkeit anspielte oder ihr Aussehen. Jedenfalls wandte sie sich rasch ab, damit die andere nicht mitbekam, wie sich ihr Gesicht schmerzlich verzog.

»Wie schon gesagt: Morgen spült Ihr die Haare aus. Und dann kommt Ihr wieder, und ich mache Euch eine Frisur, die zu der Form Eures Gesichts passt. Es ist eher länglich statt rund, deswegen rate ich, die seitlichen Haarsträhnen auf Bänder aufzurollen und sie mit zwei Schmuckstücken zu befestigen. Zumindest diese können golden sein.«

Donna Lisetta kramte in ihrem Beutel und drückte ihr gleich mehrere Münzen in der Hand.

»Das ist doch viel zu viel!«, rief Tina.

»Da ist zu wenig für das, was Ihr heute für mich getan habt«, erwiderte Donna Lisetta. Schon ließ sie sie stehen, eilte durch den Verkaufsraum zur Ladentür und rief ihr von dort noch einmal zu: »Euer Mann kann wirklich sehr stolz auf Euch sein.«

Gedankenverloren starrte Tina auf die Münzen. Dass sie eine Frau glücklich gemacht hatte, weil sich diese nun schön fühlte, würde Adamo gleich sein. Aber der Anblick des Geldes würde ihn zweifellos erfreuen.

Sie beeilte sich, die Münzen einzustecken, die Seidentücher wieder in der Truhe zu verstauen und den Laden endgültig abzuschließen.

Tina huschte durch die Straßen von Florenz. Früher hatten die Bellani in den Räumen über der Werkstatt gewohnt, die über eine Außentreppe zu erreichen waren. Doch Adamos Vater Giacomo hatte irgendwann beschlossen, dass diese kleine Wohnung nicht mehr ausreichte. Damals hatten er und Marcella noch auf reichen Kindersegen gehofft und nicht ahnen können, dass ihr Sohn Adamo das einzige Kind bleiben würde, das die Geburt und die ersten Monate überlebte. Die Mietwohnung in San Giovanni, dem Zentrum der Stadt, war zugleich ein Zeichen für das Ansehen und den Reichtum, zu dem es die Bellani gebracht hatten. Jene Kaufleute, die mit Waffen, Pferden und Schmuck handelten, sahen zwar ein wenig verächtlich auf solche hinab, die Schönheitsmittel verkauften und zu deren Kundinnen auch wenig ehrenwerte Kurtisanen zählten – doch am Ende war in einer Stadt wie Florenz nur wichtig, wie schwer der Beutel mit Münzen war, den man am Gürtel trug.

Tina freute sich für gewöhnlich, beim Heimweg am Dom vorbeizukommen – das Zusammenspiel der grünen, rosafarbenen und weißen Töne an der Fassade streichelten regelrecht die Seele. Doch heute waren keine Farben mehr zu erkennen, und die kleinen Gassen abseits der großen Plätze, wo der Gestank von Pferdedreck und den Abwässern, die durch schmale Rinnen gespült wurden, festhing, lagen schon in kompletter Finsternis.

Sie war erleichtert, endlich anzukommen und nicht nur vom Licht, auch der Wärme eines prasselnden Kaminfeuers begrüßt zu werden. Trotzdem hatte sie auch noch nach all den Monaten, seit sie in die Familie Bellani eingeheiratet hatte, nicht das Gefühl, wirklich zu Hause angekommen zu sein.

Während sie ihren Umgang ablegte und sich umsah, musste sie zwar zugeben, dass sie nicht stolzer sein könnte, in einer so elegant eingerichteten Wohnung zu leben. Die Wände waren mit golddurchwirkten Seidentapeten bespannt, wie sie sich nur wenige Florentiner leisten konnten. Auf dem Fußboden lagen kostbare Teppiche, und auf einem geschnitzten Gesims standen Vasen aus Porphyr und Alabaster. Hinzu kamen mit Elfenbeinintarsien versehene Truhen, Kommoden und Schränke aus edlen Hölzern, mit grünem Samt überzogene Stühle und eine Uhr aus Gold und Ultramarin. Doch während es an Kostbarkeiten wahrlich nicht fehlte, vermisste sie schmerzlich die Gesellschaft von Menschen.

Ihre Schwiegereltern Marcella und Giacomo hatten schon gekränkelt, als sie Adamo geheiratet hatte. Das hatte sie zwar nicht abgehalten, weiterhin ihrem Tagewerk nachzugehen – Giacomo führte die Geschäftsbücher, Marcella weihte sie in etliche Rezepte ein und lehrte sie den rechten Umgang mit der Kundschaft. Doch Anfang Sommer, als es schwül und drückend wie nie wurde, waren sie kurz hintereinander jenem Fieber erlegen, das die lästigen Mücken aus dem sumpfigen Umland des Arno brachten.

Und nicht nur, dass Adamo das einzige Kind seiner Eltern geblieben war – es gab auch sonst keine Verwandtschaft in Florenz. Giacomos Bruder Samuele lebte mit Frau und Kindern in Venedig, und Tina hatte ihn bislang nur ein einziges Mal, nämlich an ihrem Hochzeitstag, gesehen.

»Sei doch froh«, hatte Veronica, Tinas Schwester, einmal gemeint. »Welche junge Ehefrau braucht schon eine intrigante Sippschaft? Und welche steht gern unter der Fuchtel einer Schwiegermutter? Diese gilt als die Herrin des Hauses, die junge Gattin hat nichts zu melden. Ohne sie kannst du dagegen schalten und walten, wie es dir beliebt.«

Tina hatte Veronica nicht begreiflich machen können, dass sie Marcella schmerzlich vermisste, sich ohne sie verloren fühlte. Als Tina jetzt die Glocke nahm und nach der Köchin läutete, kam diese mit rasselnder Stimme der Frage zuvor, die Tina stets als Erste stellte: »Der Herr ist noch nicht zurück.«

Nun gut, es war nicht so, dass Tina sich heimischer fühlte, wenn Adamo zugegen war. Meist saß er starr hinter dem Schreibtisch und hatte viel mit dem Mobiliar gemein, das zwar wunderschön anzuschauen und überaus elegant war, aber zugleich leblos.

»Was macht er denn so lange?«, rutschte es Tina heraus.

»Meine Aufgabe ist es, den Braten so hinzubekommen, dass er innen saftig und außen kross ist, nicht, über den Herrn zu wachen«, gab die Köchin gewohnt spitzzüngig zurück, ehe sie berichtete, dass die Wäscherin und das Spülmädchen bereits nach Hause gegangen waren. Sie würde nun ebenfalls aufbrechen, das Abendessen wollte Tina schließlich stets selbst servieren.

Tina nickte geistesabwesend. Wenn sie Adamo fragte, was er in jenen Stunden trieb, da er nicht über den Geschäftsbüchern saß, murmelte er stets etwas von wichtigen Angelegenheiten, um die er sich kümmern musste. Sie konnte sich nicht vorstellen, welche das waren – die Zutaten für die Schönheitsmittel wurden regelmäßig direkt in die Casa Bellani geliefert.

»Sei froh«, hatte Veronica gesagt, als sie sich einmal darüber beklagte, dass er ihr so wenig anvertraute. »Schweigsame Männer sind die angenehmsten. Wäre dir denn einer lieber, der den ganzen Tag brüllend durchs Haus tobt?«

Brüllen und Adamo waren nichts, was zusammenpasste. Aber Tina hätte es gerne gesehen, dass er seine Sorgen mit ihr teilte. Und es waren doch Sorgen, die manchmal dazu führten, dass er seine Stirn runzelte?

Nachdem die Köchin die Wohnung verlassen hatte und sie durch die Räume ging – neben einem großen Wohnraum gab es auch ein Esszimmer, eine Schreibstube und ein Schlafzimmer –, runzelte sie selbst die Stirn und durchforstete ihr Gedächtnis nach irgendeiner Bemerkung Adamos, die verraten könnte, was ihn beschäftigte. Allerdings waren gedankenlose Worte seine Sache nicht, und er war auch kein Mann, der häufig klagte. Andere Florentiner taten das in diesen Tagen oft, selbst ihren Vater hörte sie häufig darüber jammern, dass Florenz keine blühende Blume mehr sei wie einst, sondern eine verwelkte. Und erst recht sei die Stadt nicht mehr die »Königin der Toskana«, als die man sie früher bezeichnet habe, auch keine der Großmächte Italiens. Auch ihm fuhr Veronica häufig über den Mund. »Unser Herzog Cosimo de’ Medici ist einer der wenigen seiner Familie, der als unangefochtener Herrscher die Geschicke der Stadt bestimmt, der keine Aufstände, keine Bürgerkriege zu befürchten hat. Er lässt so viel bauen wie schon lange nicht, sodass das Antlitz der Stadt noch prächtiger wird.«

Das stimmte zweifellos: Die Uffizien – ein lang gezogener Arkadenbau im Zentrum von Florenz, der gerade im Entstehen war – waren schön anzusehen. Aber auch Veronica konnte nicht leugnen, dass es gerade die Bautätigkeit von Cosimo, der zudem als menschenfeindlich und gierig galt, an den ständig erhöhten Steuern schuld war. Man könne kaum ein Pferd kaufen oder einen Mietvertrag abschließen ohne erdrückende Abgabenlast. Die Florentiner spotteten, dass selbst das Atmen irgendwann nicht mehr umsonst sein würde.

Ob es die Gedanken an die Steuern waren, die Adamo umtrieben? Ach, wenn sie doch nur ein klein wenig davon verstünde. Und wenn sie bloß wüsste, ob sie es wagen sollte nachzufragen oder sich lieber an Veronica Worte hielt, wonach sich nicht nur eine Frau mit schweigsamem Mann glücklich schätzen konnte, sondern erst recht ein Mann mit schweigsamer Frau.

Als sich wenig später die Tür öffnete und Adamo die Wohnung betrat, brachte sie wie so oft keinen Ton hervor.

Der Anblick ihres Mannes entzückte sie zweifellos. Wie sollte es anders sein bei seiner groß gewachsenen, muskulösen Statur, jenen weich fallenden braunen Locken, dem gepflegten Bart, der am Kinn spitz zulief, der eleganten und dabei nie übertriebenen Kleidung? Über enge Lederhosen trug er ein blütenweißes Hemd und ein Wams aus dunkelblauem Brokat, das perfekt zu seinen graublauen Augen passte, ohne dass sie ihn je über warme und kalte Farben hatte belehren müssen. Und zugleich weckte er stets ihre Scheu. So fein geschwungen sie auch waren – die Lippen verzogen sich fast nie zu einem Lächeln, und wann immer die Mundwinkel zuckten, schien es eher an Ärger oder Missmut zu liegen, nicht an Belustigung. Sein Blick blieb nie lange an ihr hängen, und selbst wenn, drückte er kein Wohlgefallen aus. Sein knappes »Guten Abend!« hätte er in diesem distanzierten Tonfall auch zu einem Fremden sagen können, und auch sein Dank, als sie ihm aus dem Wams half, fiel nüchtern aus. Er behandelte sie durchaus respektvoll, sparte an Tadel, gab ihr nie das Gefühl, dass sie etwas tat, das ihm missfiel. Aber auch auf das Gegenteil – Anerkennung, Lob, Komplimente, ja, ein winziges Zeichen, das seine Zuneigung verriet – wartete sie bislang vergebens.

Sie überlegte, ihm die Münzen zu zeigen, die Donna Lisetta ihr überreicht hatte, wusste sie doch, dass der Anblick von Geld seine Augen durchaus zum Leuchten bringen konnte. Aber dann erklärte sie nur, dass sie das Essen servieren werde.

Er nickte knapp, setzte sich an den Tisch und aß wie er immer aß – mit jenem Hunger, der Menschen zwingt, sich dann und wann zu stärken, aber ohne jegliche Gier und erkennbare Lust an Köstlichkeiten.

Bekam er überhaupt mit, wie weich die Gänsekeule war – in Wein gekocht und mit einer Sauce aus Granatapfelkernen, Mandeln und Kirschen serviert? Hatte er einen Sinn für die Aufgeschlossenheit der Köchin, die sich nicht wie die übrigen Florentinerinnen darauf beschränkt, lasagna zuzubereiten – Teigblätter, die mit Käse geschichtet wurden –, sondern stattdessen pasta auftischte, hauchdünne Teigschnüre, die man durch die Löcher eines bronzenen Siebs drückte? Schmeckte er, dass der Reis, in Suppenbrühe gekocht und bissfest genug, mit Safran gewürzt war?

Nun, würde stattdessen ein Sack Hafer wie für die Pferde vor ihm stehen, es hätte wohl keinen Unterschied gemacht. Kein wohliges Schmatzen verriet, dass es ihm mundete oder dass er es zumindest genoss, mit seinem Weib zu Abend zu essen. Je länger sie ihm zusah, desto weniger brachte sie selbst hinunter. Ihre Kehle war wie zugeschnürt, ihr Mund schien voller Asche zu sein.

Sie erhob sich, um Rosenwein einzuschenken, den sie selbst mit zerstoßenen Rosenblättern zubereitet hatte, doch er nahm nur einen winzigen Schluck davon. Schnell trat sie zum Kamin, legte ein Scheit nach, warf eine Handvoll einer Mischung aus Sandelholz und Zucker in die Flammen, weil das einen besonderen Wohlgeruch versprach. Sie sog tief ein, doch anstatt den Duft zu genießen, fühlte sie nur ein Kratzen in der Kehle.

Er isst, weil er essen muss, um nicht zu verhungern.

Er hat mich geheiratet, weil jeder Mann nun mal heiratet und eine stattliche Mitgift ihm gelegen kam.

Immerhin – solange sie in die zuckenden Flammen starrte und nicht in sein zwar schönes, aber starres, maskenhaftes Gesicht, fasste sie ein wenig Mut. Sie könnte mit ihm endlich über ihre Idee sprechen, in der Casa Bellani nicht bloß Schönheitsmittel zu verkaufen, sondern die Frauen gründlicher als bisher zu beraten, enger mit dem Tuchhandel ihrer Familie zusammenzuarbeiten, vielleicht auch mit Kleidermachern. So wie die Schminke der Persönlichkeit entsprechen und die Vorzüge einer Frau unterstreichen sollte, war schließlich auch Kleidung mehr als ein Vorhang, der Nacktheit verhüllte, eine zweite Haut vielmehr, die das Wesen spiegelte. Erst kürzlich hatte sie darüber mit einem Knopfmacher geredet, dessen Ware aus Gold, Silber und Kristall der letzte Schrei war und …

»Ich muss mit dir reden.«

Gerade weil sie selbst um diese Worte gerungen hatte, war sie umso überraschter, sie aus seinem Mund zu hören.

Sie wandte sich vom Kamin ab, sah, dass er den Teller von sich geschoben hatte. Täuschte sie sich, oder wich er ihrem Blick aus? Er nahm noch mehrere hastige Schlucke Wein, schien ihn aber gar nicht zu schmecken. Stattdessen verzog er sein Gesicht, als nähme er Spülwasser zu sich. Seine Miene verdüsterte sich, und die Worte, die folgten, sagte er nicht einfach, er spuckte sie aus.

»Es … es ist vorbei.«

Obwohl sie dicht beim Feuer stand, überlief etwas Kaltes ihren Rücken. Nur mühsam konnte sie ein Frösteln unterdrücken, auch Panik in der Stimme, die verraten hätte, dass sie die Worte auf sich bezog. »Was ist vorbei?«

Sie wappnete sich so sehr gegen die Worte »unsere Ehe«, dass ihr ein keuchendes Lachen entwich, als er stattdessen verkündete: »Mit der Casa Bellani ist es vorbei.«

Ihre Erleichterung währte nicht lange.

»Wovon redest du nur?«, entfuhr es ihr.

»Warum sollte ich noch groß darüber reden, wenn es die Spatzen bereits von den Dächern pfeifen? Das Unternehmen steckt in einer schweren Krise!«

In Florenz sah man Spatzen selten auf Dächern sitzen, sie pickten am Boden Krumen auf. Ein wenig fühlte sich Tina so, als sie die Bruchstücke von Sätzen, die er in den letzten Wochen hatte fallen lassen, auflas und zusammenzusetzen versuchte. Sie ergaben aber keinen Sinn. Die Einnahmen waren doch gut, jeden Tag stürmten zahlreiche Kundinnen in den Laden!

Doch ehe sie etwas entgegnen konnte, fuhr er finster fort: »Seit eine Florentinerin, nämlich Caterina de’ Medici, Königin von Frankreich wurde, ist es auch am dortigen Hof üblich, üppige Schminke zu verwenden. Sogar im fernen England hat sich diese Mode mittlerweile durchgesetzt.«

»Aber das ist doch ein Zeichen, dass das Geschäft mit der Schönheit floriert wie nie!«

»Im Gegenteil! Einst war die Casa Bellani das einzige und erste Haus in Florenz, wo man Schönheitsprodukte erwerben konnte. Mittlerweile nimmt uns die Konkurrenz die Luft zum Atmen.«

Was für ein Unsinn!, ging es ihr durch den Kopf. Der Einzige, der ihr die Luft zum Atmen nahm, war er!

Er stand auf, begann unruhige Kreise zu ziehen. »Jeden Tag werden weitere Läden eröffnet, viele ihrer Inhaber stammen aus dem Ausland. Unser Herzog Cosimo hat eine große Vorliebe für Düfte, er beschäftig ein Dutzend Parfümeure, erprobt sich selbst in der Destillation von Essenzen, lässt damit nicht nur sich selbst, auch seine Pferde einstäuben, selbst sein Geld.«

»Das ändert nichts daran, dass wir gut von den Einkünften der Casa Bellani leben können.«

Er war dicht vor ihr stehen geblieben, starrte an ihr vorbei. »Noch … aber nicht mehr lange. Und von der Schönheit mag man zwar halbwegs passabel leben, aber reich … so richtig reich wird man davon nicht.«

Tina konnte sich erinnern, wie einmal ein Priester geklagt hatte, dass vor hundert Jahren der Hochmut die größte Sünde der Florentiner gewesen war, es nun aber die Gier wäre.

Eigentlich hatte sie diese Gier nie an Adamo gewittert. Zumindest nicht auf Essen, nicht auf schöne Kleidung, nicht auf sie. Wenn Geld ins Spiel kam, sah das etwas anders aus, aber er hatte nie den Eindruck gemacht, als wollte er möglichst viel davon an sich raffen.

»Was … was hast du vor?«

Kurz verharrte er, ehe er nach dem Weinkelch griff und ihn leerte. Mit einem lauten Knall stellte er ihn zurück auf den Tisch. »Ich werde die Casa Bellani verkaufen und mit dem Erlös sowie dem, was ich erspart habe, ins Bankgeschäft einsteigen. Und jetzt bin ich müde, lass uns zu Bett gehen.«

Er wirkte nicht müde, eher angespannt, und sie war erst recht nicht müde, sie fühlte sich wie erschlagen. Bis sie sich aus der Starre lösen konnte, bis sie auch nur dazu kam, eine der vielen Fragen zu stellen, die ihr auf den Lippen lagen – Wieso denn ins Bankgeschäft? Wie will dir das gelingen? Meinst du mit dem ersparten Geld auch meine Mitgift? Und hast du mich nur dieser Pläne wegen geheiratet? –, hatte er den Raum schon verlassen. Laut knackend brach eines der schweren Holzscheite auseinander, Funken stoben hoch, in ihre Nase stieg nicht der wohlige Duft von Sandelholz, nur bitterer, schwarzer Rauch.

Tina lauschte Adamos regelmäßigen Atemzügen. Zunächst lag sie auf dem Rücken und starrte hoch zu den Fransen des Alkovens. Später drehte sie sich zur Seite und betrachtete ihren schlafenden Mann. Im silbrigen Mondlicht wirkte seine ohnehin blasse Haut fast weiß, dennoch waren seine Züge viel weicher als sonst, die Lippen kein schmaler Strich, sondern leicht geöffnet. Wie es sich wohl anfühlte, ihn zu küssen – richtig zu küssen?

Damals, in ihrer Hochzeitsnacht, die einer langen prächtigen Feier gefolgt war – zahlreiche Freunde und Nachbarn waren eingeladen, Blumen auf den Boden gestreut und Tische unter einem Baldachin auf der Straße gedeckt worden –, da hatte er seine Lippen erstmals flüchtig auf ihre gepresst. Aber das war kein Kuss gewesen … keine Zärtlichkeit … das war Pflichterfüllung.

Ihre Schwester Veronica – zwar jünger als sie, aber trotzdem schon länger verheiratet – hatte sie davor gewarnt, dass viele Männer grob wären. Ihrer würde manchmal in ihre Brüste kneifen, gar beißen und rote Spuren hinterlassen, weil ihm ihr Quieken gefiele. Aber Adamo war nicht grob. Er hatte ihre Brüste nicht einmal angefasst, auch kein Quieken erwartet, nur dass sie stumm und teilnahmslos unter ihm lag. Genauso wie er ebenfalls nahezu teilnahmslos auf sie wirkte, den Blick nicht auf ihr Gesicht gerichtet, sondern auf das Kopfende des Bettes. Ein leises Stöhnen verriet, dass ihm das, was er da auf ihr trieb, nicht vollkommen unangenehm war. Aber es hatte trotzdem nichts mit Liebemachen zu tun, erinnerte eher an die erste Reitstunde eines Jungen, der sich noch etwas unwohl auf dem Pferderücken fühlt und Angst hat zu fallen und dennoch fest entschlossen ist, die Zügel straff zu halten und dem Tier seine Dominanz zu beweisen. Auch in den nächsten Monaten wartete sie vergeblich auf einen Ausdruck von Ekstase in seinem Gesicht. Er gestand den ehelichen Pflichten die gleiche Bedeutung zu wie der Notwendigkeit zu essen, sich zu baden, sich neu einzukleiden: Es waren Dinge, die man tun musste, die er aber nicht unbedingt zu tun liebte und für die er einen nur knapp bemessenen Zeitrahmen vorsah.

»Ein rechter Mann darf in seine Frau nicht zu vernarrt sein«, hatte Veronica sie getröstet. »Und dass er sich damit begnügt, dich einmal in der Woche zu nehmen, heißt nicht, dass er dich nicht begehrt, nur, dass er seine Gier in Zaum zu halten vermag. Das ist keine schlechte Eigenschaft, erst recht nicht für einen Mann. Wusstest du, dass mäßiger Geschlechtsverkehr das beste Mittel zur Vermeidung des Todes ist? Der männliche Spatz lebt kürzer als der weibliche.«

Tina hatte nicht über Spatzen nachdenken wollen. Sie hatte sich an Adamos lieblose Berührungen gewöhnt und ließ sie über sich ergehen. Weitaus mehr machte ihr zu schaffen, dass sie nicht die Folgen hatten, die sie haben sollten: Sie hatte immer noch kein Kind empfangen.

Tagsüber verbot sie sich jeglichen Gedanken daran. Nur als sie ihn jetzt betrachtete, wie er friedlich neben ihr schlief, fragte sie sich, ob sich neues Leben eher einnistete, würden seine Lippen zärtlich die ihren küssen … würde er sich nicht auf seinen Händen aufstützen, wenn er da auf ihr seine mechanischen Bewegungen verrichtete, sondern sie liebkosen und streicheln … würde er ihr mit brennendem Blick seine Zuneigung beweisen. Und selbst wenn nicht – es würde ja schon genügen, wenn er viel früher über seine Pläne mit ihr gesprochen hätte.

Nun, von diesen würde sie nicht mehr erfahren, wenn sie einfach nur neben ihm lag und ihn anstarrte. Es musste einen anderen Weg geben, etwas herauszufinden.

Kurz zögerte sie noch, dann erhob sie sich, schlang sich eine Stola um die Schultern, tastete sich vorsichtig durch den Raum. Es gelang ihr, nahezu lautlos das schlichte Zimmer nebenan zu erreichen, in dem sich kaum mehr befand als das Schreibpult mit diversen Unterlagen.

Sie war dankbar wie nie, dass ihr Vater zu jener Minderheit gehörte, die auch von ihren Töchtern forderte, lesen und schreiben zu können. Beides war unumgänglich gewesen, um Rezepturen zu studieren – und half ihr jetzt dabei, die Schriftstücke zu entziffern.

Als Erstes zog eine Zahl ihre Aufmerksamkeit auf sich. Fünfhundert Florin. Das war genau die Summe ihrer Mitgift. Als sie vor ihrer Hochzeit auf den Kirchenstufen öffentlich verkündet worden war und der Notar den Ehevertrag vorgelesen hatte, war sie als Braut zwar nicht dabei gewesen, aber natürlich war ihr das respektvolle Raunen, das durch die Versammelten gegangen war, zugetragen worden. Gewiss reichten fünfhundert Florin nicht an die Mitgift reicher Patriziertöchter, gar Adeliger heran – für diese galten eher tausendfünfhundert Florin als Richtwert –, aber für die Tochter eines Tuchhändlers war es ein üppiger Betrag.

Als sie weitere Unterlagen durchging, nicht nur Schriftrollen, auch Geschäftsbücher, stieß sie auf noch mehr Summen, offenbar diverse Vermögenswerte, die sich aus dem Besitz der Bellani ergaben. Auf einem Stück Papier hatte Adamo alles zusammengerechnet. Auf einem weiteren waren wiederum keine Zahlen abgebildet, sondern ein Plan – der Plan einer fremden Stadt. Im Mondlicht konnte sie nicht genug erkennen, um herauszufinden, welche Stadt dargestellt war. Sie entschied, eine Kerze an der letzten Glut des Feuers zu entzünden, doch als sie sich umdrehte, sah sie eine schattenhafte Gestalt im Türrahmen lehnen.

»Was machst du da?«, fragte Adamo.

Sie zuckte zusammen, erwartete, dass er sie zur Rede stellte, weil sie hier herumschnüffelte. Bevor er sich damals in der Hochzeitsnacht auf sie legte, hatte er ihr schließlich mit knappen Worten beschieden, dass er sich von ihr Gehorsam erwarte und dass er – wenn sie diesen Gehorsam bewies – keiner wäre, der sie je quälen oder schikanieren würde.

Als er jetzt auf sie zutrat, war seine Miene leicht verzerrt vor Ärger, doch die Ermahnung blieb aus, und sie fand den Mut zu fragen: »Diese Stadt … ist das Venedig?«

Er war zu verblüfft, um sie anzuherrschen. »Was soll ich denn in Venedig?«, fragte er bloß.

»Nun, dort lebt doch dein Onkel Samuele Bellani mit seiner Familie. Er hat eine Filiale eures Unternehmens gegründet und …«

»Samuele hat immer gehofft, einen billigen, vor allem einen weniger schädlichen Ersatz für das giftige Bleiweiß zu finden«, sagte Adamo und klang mürrisch. »Er dachte, das wäre eine großartige Geschäftsidee, die das Haus Bellani unsterblich und über die Grenzen Italiens hinaus bekannt machen würde. Aber er ist gescheitert.«

Als Tina bei ihrer Hochzeit Samuele, auch seine Frau Calla und die drei gemeinsamen Kinder kennengelernt hatte, hatte sie ihn nicht für einen gescheiterten Mann gehalten, sondern für einen glücklichen Familienvater.

»Calla hat doch einen eigenen Buchverlag gegründet und …«

»Wenn man den Launen seiner Frau nachgibt«, unterbrach Adamo sie wieder schroff, »schwatzt schon bald die ganze Stadt über einen und fragt sich, ob man nicht selbst dazu in der Lage ist, sie zu ernähren.«

Tina verkniff es sich, darauf hinzuweisen, dass Samuele sehr stolz gewirkt hatte, als er ihnen ein Buch gezeigt hatte, das seine Frau verlegt hatte und in dem Schönheitsrezepte aufgelistet waren. Auch darauf, dass es in Florenz jede Menge Frauen gab – zum Beispiel Spinnerinnen oder Weberinnen –, die ihr eigenes Geld verdienten.

Sie sehnte sich nicht danach, eigenes Geld zu verdienen … ihn stolz, ihn glücklich machen, das wollte sie.

Er trat näher, und anstatt den Plan wegzuziehen, strich er selbst darüber.

»Das ist der Plan von … Rom.«

Rom, echote es in Tina.

Sie konnte weiterhin keine Details auf dem Plan ausmachen, zumal Adamo sie nun wegschob. Doch etliche Erinnerungen stiegen in ihr hoch: an ihre Eltern, die einst nach Rom gepilgert waren, weil ihnen so lange kein Kind geschenkt und deren innigliches Flehen erhört worden war, nachdem sie in der Sixtinischen Kapelle für Nachwuchs gebetet hatten – der Grund, warum ihr vollständiger Name Sistina lautete. An Florentiner, die sagten, die Stadt des Papstes sei die einzige Stadt, die einen Schatten auf die blühende Blume Florenz werfen dürfe. An andere, die lästerten, mit der Macht des Papstes verhalte es sich auch wie mit einer Blume, allerdings keiner blühenden, eher einer verwelkenden, geriet sie doch wahlweise unter die Stiefel spanischer, französischer oder deutscher Söldner.

»Rom …«, sagte sie nun laut.

Sie erwartete keine weiteren Erklärungen, doch Adamos Verlangen, über seine Zukunft zu sprechen und sich diese als glänzend auszumalen, war offenbar groß. Sie konnte nicht jedem seiner hastig gesprochenen Worte folgen, aber sie verstand, dass es in Rom viele Bankhäuser gab und eines der größten von einem gewissen Bindo Altoviti geführt wurde, dem Bankier des Papstes höchstselbst. Als Altoviti kürzlich eine befreundete Familie in Florenz besuchte, habe Adamo ihn kennengelernt. Schon lange vor dieser Bekanntschaft habe er gewusst, dass es im Grunde nur zwei Arten gab, um als Italiener reich zu werden – indem man in den See- und Fernhandel einstieg oder ins Bankwesen. War man darüber hinaus Florentiner und lebte in einer Stadt fern vom Meer, blieb nur Zweiteres. Was für ein Segen, dass er Altoviti kennengelernt hatte. Das brachte ihm seinen Lebenstraum nah wie nie.

Alle Träume, die Tina gehegt hatten, zerschlugen sich.

»Die Casa Bellani … sie ist doch ein Familienunternehmen«, stammelte sie. »Deine Urgroßmutter Cosima Bellani hat es gegründet. Was würde sie denken, wenn …«

»Cosima Bellani ist lange tot, alle sind sie tot, ich habe keine Familie mehr, zumindest nicht hier in Florenz.« Seine Stimme klang nicht einfach nur hart, kalt, sie glaubte gar, das Echo eines tiefen Schmerzes zu hören. Aber als sie zu ihm trat, zögerlich ihre Hand auf seine Schulter legte, versteifte er sich.

»Du hast mich!«, stieß sie heraus.

Dass sie auf Schweigen stieß, nicht auf sofortige Zustimmung, tat weh. Allerdings bot genau dieses Schweigen auch eine Chance. Denn so blieb ihr genug Zeit, um etwas hinzuzufügen, eine spontane Idee weiterzuspinnen: »Ich würde dich gerne nach Rom begleiten. Die Reise in die Ewige Stadt ist lang, die Straßen, die dorthin führen, voll mit Pilgern, Boten, Kaufleuten. Mit deren Frauen ließen sich Geschäfte machen. Nach einem langen, anstrengenden Tag haben gewiss viele das Bedürfnis, die Spuren der Reise zu beseitigen, den Staub aus dem struppigen Haar gekämmt zu bekommen, sich mit einer feinen Salbe die rissigen Hände zu glätten, eine wohltuende Maske aufs Gesicht aufzutragen.« Adamo starrte reglos auf den Plan. »Damit könnte ich ein wenig Geld dazuverdienen«, Tina klang immer verzweifelter, »die Reise würde dich nichts kosten … und dann in Rom … Ich habe gehört, dass in kaum einer anderen Stadt so viele Kurtisanen leben, und bei diesen ist Schminke sehr beliebt. Ich könnte eine Auswahl unserer Waren mitnehmen, es wäre ja schade, wenn wir nichts damit anfangen würden, und so könnte ich noch mehr Geld verdienen … bis … bis du deine Bank aufgebaut hast.«

Die Kehle wurde ihr immer enger. Sie sollte nicht so um eine Zukunft betteln müssen … um den Platz an seiner Seite … Sie sollte nicht wieder und wieder von Geld sprechen müssen, vielmehr von ihren Rechten als Ehefrau.

Doch als sie geendet hatte, er sich umdrehte und sie mit einem rätselhaften Blick bedachte – ein wenig so, als müsste er sich erst innewerden, wer sie war, was sie konnte und worin ihr Nutzen lag –, da nahm sie nicht die übliche Härte in seiner Miene wahr.

»Bitte«, sagte sie nun entschlossen, »bitte, nimm mich mit nach Rom!«

Er dachte nach. Sie war nicht sicher, ob er im Kopf Zahlen überschlug oder überlegte, inwiefern ein Leben mit ihr an seiner Seite angenehmer war oder nicht. Am Ende nickte er immerhin knapp. »Wenn du meinst. Aber nun lass uns wieder zu Bett gehen.«

Er verließ den Raum, ohne sich nach ihr umzudrehen. Sie selbst verharrte, blickte auf den Plan. Sie konnte immer noch keine Umrisse der einzelnen Rioni erkennen, wie die Stadtteile in der Ewigen Stadt genannt wurden. Und doch lag in diesem Geflecht von Hunderten von feinen Linien eine gewisse Verheißung.

Sie hatte andere Pläne gehegt, aber die Reise nach Rom hatte bereits ihren Eltern seinerzeit Glück gebracht – vielleicht würde diese Stadt auch ihr Glück bringen. Wenn Adamo endlich bekam, was er anstrebte, würde aus dem steifen, angespannten Mann, der stets seine Gefühle verbarg, vielleicht einer werden, der sich ein wenig großzügiger, gelassener oder auch zärtlicher zeigte.

»Rom«, sagte sie wieder. Da war keine Angst mehr vor dem Ungewissen, nur der feste Wille, das Beste aus dieser Herausforderung zu machen.

II.

Cremona, September 1557

Sofonisba hatte es sich viel einfacher vorgestellt, ein Gemälde anzufertigen, auf dem alle ihre jüngeren Geschwister abgebildet waren. Nun drohte sie allerdings zu scheitern. Nicht dass es der Malerin an Können fehlte – vielmehr den besagten Geschwistern an Disziplin.

»Könnt ihr jetzt endlich stillhalten?«, rief Sofonisba ungeduldig.

Sie hatte die Bitte schon mehrmals ausgesprochen, klang immer zorniger, stieß aber trotzdem auf taube Ohren.

Der vierzehnjährige Hasdrubal, ihr einziger Bruder, der eigentlich am Tischende hätte Platz nehmen sollen, grinste sie spöttisch an, um dann um den Tisch herumzutoben.

Die zwölfjährige Minerva, die ihre Liebe zum Schreiben auszeichnete, hätte mit einer Feder in der Hand dasitzen sollen, fand es aber aus irgendeinem Grund lustiger, die Feder wie ein Vögelchen durch die Luft fliegen zu lassen.

Die zehnjährige Europa stürmte zwar nicht durch den Raum, doch dass sie gleiches Talent zum Malen wie Sofonisba hatte, wollte sie auch nicht bekunden. Anstatt etwas auf ihren Skizzenblock zu zeichnen, starrte sie mit verträumtem Blick ins Leere. Und die Jüngste, Anna Maria, die noch zu klein war, um ein Talent zur Schau zu stellen, und neben dem Obstkorb Platz nehmen sollte, verwechselte Apfel und Weintraube mit einem Spielzeug und begann beides über den Tisch rollen zu lassen. Hasdrubal war zwar geistesgegenwärtig genug, den Apfel aufzufangen, als er der Kante gefährlich nahe kam, doch danach bediente er sich selbst am Obst, um mit zwei Pflaumen jonglieren zu üben.

»Schluss!«, rief Sofonisba und ihre Stimme überschlug sich.

Dem Bruder entglitt eine der Pflaumen, sie fiel auf den Boden und zerplatzte dort. Fruchtfleisch und Saft quollen zwar nur auf die terracottafarbenen Fliesen, auf keinen der Seidenteppiche, mit denen andere Räume des Hauses ausgestattet waren, aber Sofonisba stampfte trotzdem wütend auf.

»Elena konnte immer ruhig sitzen.«

Hasdrubal griff nach einer Birne und biss gierig hinein. Der Saft perlte über sein Kinn. »Kein Wunder!«, sagte er. »Elena kleidete sich schon als Nonne, noch bevor sie ins Kloster eintrat. Wie hätte sie sich mit ihrem steifen Kragen bloß bewegen sollen.«

Dass er es vorzüglich konnte, bewies er, indem er wieder um den Tisch zu laufen begann, und die jüngeren Schwestern nahmen sich prompt ein Vorbild an ihm.

Sofonisba liebte ihre jüngeren Geschwister von ganzem Herzen, aber nun lagen ihr etliche Schimpfwörter auf den Lippen. Und noch schlimmer als die fehlende Beherrschung setzte ihr das Fehlen von Elena zu. Wie sie die um ein Jahr jüngere Schwester, die ihr nicht nur altersmäßig immer am nächsten gestanden hatte, vermisste! Elena hatte die Leidenschaft fürs Malen mit ihr geteilt, gemeinsam mit ihr die Malerlehre bei einem berühmten Meister abgeschlossen. Doch obwohl dieser – Bernardino Campi – begeistert von ihrem Können gewesen war, hatte Elena nie mit gleicher Bestimmtheit wie Sofonisba erklärt, dass sie sich als Künstlerin verstand. Nein, sie fühlte sich von Gott berufen, die Arbeit hinter der Staffelei aufzugeben und ein zurückgezogenes Leben im Kloster zu führen. Sofonisba hatte insgeheim den Verdacht, dass nicht Gottes Stimme sie ins Kloster San Vincenzo in Mantua gelockt, sondern eher der Lärm der lauten Welt sie dorthin vertrieben hatte. Dass Elena die Hände lieber zum Gebet faltete, anstatt einen Pinsel zu halten, hatte Sofonisba immer ein wenig befremdet. Nur in diesem Augenblick, da Hasdrubal keuchend und lachend an ihr vorbeistürmte und beinahe die Leinwand umstieß, auf der das Porträt ihrer Geschwister entstehen sollte, beneidete sie sie für die Stille des Klosters.

»Hiergeblieben!«, rief sie, bekam zwar nicht Hasdrubal zu fassen, dafür aber die kleine Anna Maria. Sie schüttelte sie nur sanft, trotzdem brach diese in Tränen aus, und zu allem Überfluss war sie auch noch in die Pflaume getreten und hatte den Saft im halben Raum verteilt.

»Du kannst ja ein Porträt von dir selbst malen«, spöttelte Hasdrubal.

Sofonisba ließ Anna Maria wieder los, und die verkroch sich prompt unter einem Stuhl.

Es war nicht so, dass sie nicht bereits etliche Selbstporträts angefertigt hatte, am liebsten stellte sie sich mit schlichtem schwarzem Kleid bei der Arbeit dar. Auf diesen Bildern hatte ihr Antlitz – ernst, sittsam, zugleich volle Hingabe an die Malerei – dem einer Madonna geglichen. Wenn sie sich in diesem Augenblick gemalt hätte, hätte sie dagegen die tiefen Zornesfalten auf der Stirn und die Röte auf den Wangen abbilden müssen.

»Herrgott noch mal!«, stieß sie aus und stampfte wieder auf. »Es ist doch nicht zu viel verlangt, mir ein, zwei Stunden Modell zu sitzen!«

Obwohl sie ahnte, dass sie sich damit lächerlich machte – mit ihren zweiundzwanzig Jahren war sie schließlich die einzige Erwachsene im Raum und sollte sich auch so benehmen –, nahm sie die Verfolgung auf. Die Schwestern kreischten, und Hasdrubal stieß so heftig gegen den Tisch, dass noch mehr Obst aus dem Korb kullerte, diesmal Granatäpfel, die Flecken wie Blut hinterließen. Als Anna Maria wiederum unter dem Stuhl hervorgekrochen kam, geriet der ins Kippen und krachte laut zu Boden.

Sofonisba schrie wütend auf. Der Stuhl war ihr gleich, aber beinahe hätte er ihre Staffelei zu Boden gerissen, wäre die Leinwand, auf die sie bereits die Grundierung aufgetragen hatte, zerstört worden.

»Seid ihr denn wahnsinnig geworden ihr … ihr …«

Ehe Sofonisba die passenden Schimpfwörter einfielen, schaltete sich eine mäßigende Stimme ein.

»Still! Seid alle kurz still!«

Sofonisba hatte keine Ahnung, wie ihr Vater Amilcare Anguissola es schaffte, so gut wie nie laut zu werden und trotzdem so viel Autorität auszustrahlen, dass seine Kinder ihm stets gehorchten.

Die älteren Mädchen nahmen prompt eine kerzengerade Haltung ein. Auch Hasdrubal tat es ihnen gleich, wenngleich er etwas verlegen von einem Fuß auf den anderen stieg. Nur Anna Maria stieß ein glucksendes Lachen aus, lief auf den Vater zu und streckte die Ärmchen aus, damit er sie hochnahm. Er begnügte sich damit, über ihr Köpfchen zu streichen, schickte sie dann jedoch zu ihrer Amme und wandte sich seinen älteren Kindern zu.

»Das Talent, das ihr von Gott bekommen habt, müsst ihr pflegen, und wenn hierfür die Hilfe von euren Geschwistern nottut, ist diese großmütig zu gewähren. Sofonisba wollte ein einzigartiges Bild schaffen, auch ein ungewöhnliches, sind Geschwister- und Familienbilder doch eine Seltenheit. Das Gemälde, das sie vor zwei Jahren malte und das drei von euch beim Schachspiel zeigte, sorgte für großes Aufsehen. Nicht nur, dass erstmals Damen beim Schachspiel gezeigt wurden. Sie widmen sich ihm in einer Atmosphäre der Sympathie, Gleichrangigkeit, Kompetenz. Später werdet ihr euch genauso positionieren, wie Sofonisba es sich wünscht. Aber vorerst tobt ein wenig im Garten herum, ich habe etwas mit eurer Schwester zu bereden.«

Während er sprach, hatte er es geschafft, sich zugleich nach dem Stuhl zu bücken und ihn aufzustellen und sie alle trotzdem mahnend anzuschauen, sodass die Geschwister nun nickten und ohne Widerrede das Esszimmer verließen.

Sofonisba begann unruhig, ihre Hände zu kneten, spürte immer noch die heiße Röte in ihren Wangen. Zudem hatte sich der Knoten, zu dem sie ihr Haar – so schwarz wie die Augen – hochzustecken pflegte, aufgelöst. So ein Erscheinungsbild durfte sie nicht abgeben, erst recht nicht vor ihrem Vater, der doch stolz auf sie sein sollte!

»Es tut mir leid«, sagte sie schnell. »Ich hätte nicht die Beherrschung verlieren dürfen. Ich habe viele Talente, aber Geduld gehört leider nicht zu meinen Stärken. Ich hätte … ich hätte …«

Als der Vater auf sie zutrat, lächelte er. Obwohl er zu ihr, seiner Erstgeborenen, oft am strengsten war und von ihr am meisten forderte, konnte er nur selten verbergen, dass sie ihm am nächsten stand und sein Lieblingskind war. Auch heute ersparte er ihr sein Urteil nicht, doch er sprach es mit nachsichtiger Miene aus. »Es stimmt, du bist die Einzige von ihnen, die bereits erwachsen ist, und deswegen darf es gerade bei dir nicht an Vernunft fehlen. Aber ich gebe zu, dass es manchmal schwerfällt, in unseren Mitmenschen vernunftbegabte Wesen zu sehen.«

Dir nicht, dachte Sofonisba.

Sie hatte nie erlebt, wie Amilcare die Fassung verlor, richtig böse wurde. Sowohl die Geschwister als auch seine Gäste, ja ebenso die Dienstboten behandelte er mit großem Respekt. Über Äußerlichkeiten pflegte er hinwegzusehen, er hatte die Gabe, Menschen ins Herz zu blicken – und nahm als überzeugter Humanist an, dass die meisten dieser Herzen gut waren.

Die Gabe, Menschen zu durchschauen, hatte auch Sofonisba, sie schaffte es sogar, die Essenz ihres Wesens auf die Leinwand zu bannen. Doch den unbeirrten Glauben an das Gute teilte sie nicht ohne Weiteres, ihr entgingen auch Regungen wie Heimtücke, Hinterlist, Oberflächlichkeit, Bösartigkeit nicht.

An ihrem Vater war all das natürlich nicht zu wittern. Sie bewunderte ihn zutiefst dafür, dass er zwar einer ehrwürdigen alten Adelsfamilie entstammte, es ihm jedoch – anders als seinen Vorfahren, zu denen Diplomaten wie Heerführer gehört hatten – nie um Macht und Reichtum gegangen war. Es stimmte, er war als Kaufmann tätig, war erst vor Kurzem zum Ratsmitglied von Cremona ernannt worden und konnte Landbesitz sein Eigen nennen, aber sein kostbarster Besitz waren für ihn seine vielen Bücher, und seine dringlichste Pflicht sah er darin, seine Kinder umfangreich zu bilden und zu fördern. Dass er dabei keinen Unterschied zwischen seinen Töchtern und dem einzigen Sohn machte, weil sie, wie er oft betonte, ja alle Menschen seien, empfanden selbst ähnlich gesinnte Freunde wie der Humanist Marco Girolamo Vida als außergewöhnlich.

Sofonisba war sich durchaus bewusst, wie glücklich sie sich schätzen konnte, einen solchen Vater zu haben, und nichts setzte ihr mehr zu als die Angst, ihn zu enttäuschen.

»Ich müsste mich besser im Griff haben«, sagte sie mit fester Stimme. »Für das eigene Handeln ist man stets selbst verantwortlich, man kann es keinem anderen anlasten – das hast du mir oft genug gesagt.«

»Das stimmt«, sagte er, »und es stimmt ebenfalls, dass du, wenn du eine große Malerin werden willst, nicht nur an deiner Kunstfertigkeit zu arbeiten hast, sondern auch an deinen Tugenden. Von einer Meisterin dieser Kunst erwartet man ein feines Auftreten, edle Sitten, Freundlichkeit und Bildung. Sie muss nicht nur hervorragende Gemälde liefern, auch eine gute Gastgeberin sein, die in anregender Atmosphäre ihre Auftraggeber empfängt und zu einem künstlerischen und geistigen Austausch einlädt. Und das gilt dieser Tage noch mehr als je zuvor.«

Sofonisba horchte auf. Richtig, Amilcare hatte vorhin erklärt, dass er über etwas Wichtiges mit ihr sprechen musste. Kurz machte er Anstalten, hierfür auf dem Stuhl Platz zu nehmen, den er zuvor aufgestellt hatte, doch stattdessen winkte er sie ans Fenster.

»Ist … ist etwas passiert?«, fragte sie, nachdem sie zu ihm getreten war.

Amilcare hatte ihr die Ausbildung bei Meister Bernardino Campi ermöglicht und wichtige Weichen für ihre Karriere gestellt. Dennoch wusste sie, dass diese jederzeit ihr Ende finden konnte. In ihrer Familie wurde es als nichts Ungewöhnliches betrachtet, dass eine Frau Künstlerin war – doch in der Welt da draußen hatten es nur wenige Frauen als Malerinnen zu Ruhm gebracht. Und diese waren meist Töchter von Malern gewesen und entstammten nicht dem Adel wie sie.

Er ging nicht auf ihre Frage ein, gab stattdessen zurück: »Was siehst du?«

Das Haus der Anguissola lag nicht weit vom Zentrum entfernt. »Ich sehe eine beschauliche Straße, die Kuppel unseres prächtigen Doms, auch den Torrazzo, den Kirchturm, den höchsten von ganz Italien mit seinen vierbögigen Fenstern und …«

»Nein«, fiel er ihr plötzlich ins Wort, obwohl er sein Gegenüber ansonsten immer aussprechen ließ. »Du siehst eine Stadt, die für eine große Künstlerin wie dich zu klein ist.«

Sofonisba war überrascht. Dass Bernardino Campi, der bedeutendste Künstler von Cremona, in dessen Werkstatt sie fünf Jahre lang eine Malerlehre gemacht hatte, sie nach deren Abschluss als »die schöne Malerin von Cremona« bezeichnet hatte, hatte doch auch Amilcare ungemein stolz gemacht.

»Ich soll keine Malerin von Cremona mehr sein? In welcher Stadt siehst du denn dann meine Zukunft? Werden … werden wir wieder an einen Fürstenhof reisen, wo ich mich als Porträtmalerin beweisen kann?«

Es war schließlich nicht so, dass sie nicht auch andere Städte kannte. Das Ziel einer Malerin, so hatte es der Vater oft erklärt, sei nicht, Reichtum zu erwerben, sondern Ruhm. Und diesen erlangte man, wenn man von möglichst namhaften Mäzenen gefördert wurde und für einflussreiche Auftraggeber malte, ob nun Herzöge, Fürsten oder Kardinäle. In den letzten Jahren hatte Amilcare Anguissola seine Kontakte zu den Adelskreisen genutzt, um mit ihr an die wichtigsten norditalienischen Höfe zu reisen und dort ihren Ruf als Porträtistin zu festigen. Sowohl in Mantua als auch in Ferrara, Parma und Piacenza waren sie freundlich aufgenommen worden, wenngleich sie einen Großteil ihrer Bilder dort verschenkt, nicht verkauft hatte – zum Beispiel an den kunstsinnigen Kardinal d’Este. Diese Reisen hatten ihr wertvolle Bekanntschaften ermöglicht und eine Fülle an Eindrücken geschenkt, dennoch stimmte der Gedanke an einen neuerlichen Aufbruch sie etwas beklommen. Gerade noch hatte sie ihre Geschwister zum Teufel gewünscht, aber sie trennte sich stets nur ungern von ihnen.