Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Sachliteratur, Reportagen, Biografien Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Beobachtungen aus der letzten Reihe E-Book

Neil Gaiman

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E-Book-Beschreibung Beobachtungen aus der letzten Reihe - Neil Gaiman

Neil Gaiman gehört zu den großen Erzählern unserer Zeit. Seit seiner Kindheit sind Geschichten für ihn Zufluchtsorte und lebensnotwendig. In dieser Sammlung von Essays und anderen Schriften beschäftigt Gaiman sich mit Literatur, Schreiben, Kunst und Fantasie. Er spricht über Autoren und Werke, die für ihn prägend waren und geblieben sind. Mal eindringlich und weise, mal spielerisch und humorvoll, erkundet Gaiman Dinge, die ihn bewegen, und schenkt dem Leser einen Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken.

Meinungen über das E-Book Beobachtungen aus der letzten Reihe - Neil Gaiman

E-Book-Leseprobe Beobachtungen aus der letzten Reihe - Neil Gaiman

Inhalt

CoverÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungEinleitungI: EINIGE DINGE,AN DIE ICH GLAUBECredoWarum unsere Zukunft von Büchereien, Lesen und Tagträumen abhängt: ein Vortrag in der Reading Agency, 2013Lügen für den Lebensunterhalt … und warum wir das tun. Rede zur Verleihung der Newbery Medal, 2009Vier BuchhandlungenDrei Autoren. Über Lewis, Tolkien und Chesterton: Rede als Ehrengast auf der MythCon 35Die Pornografie des Genres oder das Genre der PornografieGeister in den Maschinen: ein paar Gedanken zu HalloweenEin paar Überlegungen zu Mythen (mit mehreren Ausflügen in die Gärtnerei, zu Comics und zu Märchen)Wie können Sie es wagen: über Amerika und wenn man darüber schreibtAlle Bücher haben ein GeschlechtDie PEN Awards und Charlie Hebdo(Schimpfwort), was ist überhaupt ein Kinderbuch? Die Zena-Sutherland-VorlesungII: EIN PAAR LEUTE, DIE ICH GEKANNT HABEDas sind nicht unsere GesichterBetrachtungen: über Diana Wynne JonesTerry Pratchett: eine WertschätzungÜber Dave McKeanWie man Gene Wolfe lesen sollteErinnerungen an Douglas AdamsHarlan Ellison: Die Bestie, die im Herzen der Welt ihre Liebe hinausschrieTrommeln für Harlan EllisonÜber Stephen King, für die Sunday TimesGeoff Notkin: Meteorite ManÜber Kim Newman, mit Notizen zur Entstehung und späteren Auflösung der Peace and Love CorporationGumshoe: eine RezensionSimCityVon sechs bis sechsIII: EINFÜHRUNGEN UND GEDANKEN: SCIENCE-FICTIONFritz Leiber: die KurzgeschichtenDer lange Nachmittag der ErdeRay Bradbury, Fahrenheit 451 und was Science-Fiction ist und tutÜber die Zeit und Gully Foyle: Alfred Bester und Der Brennende MannSamuel R. Delany und Einstein, Orpheus und andereZum 40. Geburtstag der Nebula Awards: eine Rede von 2005IV: FILME, KINO UND ICHFrankensteins BrautMirrorMask: eine EinleitungMirrorMask: ein Sundance-TagebuchDas Wesen der Infektion: einige Gedanken zu Doctor WhoÜber Comics und Filme, 2006V: ÜBER COMICS UND EINIGE MENSCHEN, DIE SIE ERSCHAFFENGute Comics und Tulpen: eine RedeEine Rede vor Profis, die über Berufsalternativen nachdenken, gehalten auf der PROCON im April 1997»Aber was hat das mit Bacchus zu tun?« Eddie Campbell und DeadfaceConfession: über Astro City und Kurt BusiekBatman: Cover to CoverBone: eine Einführung und weiterführende GedankenJack Kirby: König der ComicsThe Simon and Kirby SuperheroesDer Spirit von ’75The Best of the SpiritWill Eisner: New-York-StorysMeine Grundsatzrede bei den Eisner Awards 2003Die Harvey-Awards-Rede, 2004The Best American Comics, 2010VI: VORWORTE UND WIDERSPRÜCHEEtwas seltsam in ihren Zügen: die auserlesenen Schönheiten des Edgar Allan PoeÜber The New Annotated DraculaRudyard Kiplings Tales of Horror and FantasyVon den vergangenen Tagen der Zukunft: The Country of the Blind and Other Stories von H. G. WellsInmitten des Wandels geht alles seinen gewohnten Gang: Information Doesn’t Want To Be Free von Cory DoctorowDas Geheimnis von G. K. Chestertons Pater BrownVon Träumen und Albträumen: die Traumgeschichten von H. P. LovecraftÜber Die 13 Uhren von James ThurberVotan and Other Novels von John JamesÜber Viriconium: eine Hinführung zum VorwortMacht’s gut, und danke für den Fisch: eine EinführungDogsbody von Diana Wynne JonesVoice of the Fire von Alan MooreArt and Artifice von Jim SteinmeyerThe Moth: eine EinführungVII: MUSIK UND DIE LEUTE, DIE SIE MACHENHi, by the way: Tori AmosEin sonderbarer Wein: Tori Amos IIFlood: Twenty-Fifth Anniversary Edition, They Might Be GiantsIn Gedenken an Lou Reed: der Soundtrack meines LebensWaiting for the Man: Lou ReedNachwort Nachwort: Evelyn EvelynWho Killed Amanda PalmerVIII: VON STERNWANDERER UND MÄRCHENEs war einmal …Einige Dinge über Charles VessDie Königstochter aus Elfenland von Lord DunsanyFlucht ins FeenlandEine Sache über: Jonathan Strange & Mr NorrellÜber Richard Dadds The Fairy Feller’s Master-StrokeIX: MACHT GUTE KUNSTMacht gute KunstX: DIE AUSSICHT VON DEN BILLIGEN PLÄTZEN: WIRKLICHE DINGEDie Aussicht von den billigen PlätzenEin wilder Wald von SpiegelnThe Dresden Dolls, Halloween 2010Acht Ansichten des Bergs Fuji: Beloved Demons und Anthony MartignettiMan kann derzeit auf so viele Weisen in Syrien sterben, Mai 2014A Slip of the Keyboard: Terry PratchettQuellennachweiseAus folgenden deutschen Ausgaben wurde zitiert (aufgeführt nach Vorkommen im Text):

Über das Buch

Neil Gaiman gehört zu den großen Erzählern unserer Zeit. Seit seiner Kindheit sind Geschichten für ihn Zufluchtsorte und lebensnotwendig. In dieser Sammlung von Essays und anderen Schriften beschäftigt Gaiman sich mit Literatur, Schreiben, Kunst und Fantasie. Er spricht  über Autoren und Werke, die für ihn prägend waren und geblieben sind. Mal eindringlich und weise, mal spielerisch und humorvoll, erkundet Gaiman Dinge, die ihn bewegen, und schenkt dem Leser einen Einblick in seine ganz persönlichen Gedanken.  

Über den Autor

Neil Gaiman hat über 20 Bücher geschrieben und ist mit jedem namhaften Preis ausgezeichnet worden, der in der englischen und amerikanischen Literatur- und Comicszene existiert. Geboren und aufgewachsen ist er in England. Inzwischen lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt von einer unendlichen Bibliothek.

NEIL GAIMAN

Beobachtungen aus der letztenReihe

Über die Kunst des Erzählens und warum wir Geschichten brauchen

Aus dem Englischen vonRainer Schumacher und Ruggero Leò

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Neil Gaiman

Titel der amerikanischen Originalausgabe: »The View from the Cheap Seats«

Published by Arrangement with Neil Gaiman

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Übersetzung der Kapitel 1 – 5: Rainer Schumacher

Übersetzung der Kapitel 6 – 10: Ruggero Leò

Textredaktion: Hanka Jobke, Berlin

Umschlaggestaltung: Massimo Peter-Bille

Umschlagmotiv: © Jacket photographs by Allan Amato

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-4925-2

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Ash. Er ist neu. Für die Zeit, da er erwachsen ist.

Das sind ein paar der Dinge,

die dein Vater gesagt und geliebt hat,

die er wichtig fand und an die er geglaubt hat,

vor langer Zeit.

Einleitung

Ich bin dem Journalismus entflohen – oder habe mich ungeschickt von ihm gelöst –, weil ich die Freiheit haben wollte, mir selbst Sachen auszudenken. Ich wollte nicht auf die Wahrheit festgenagelt werden, oder um genauer zu sein: Ich wollte die Wahrheit sagen können, ohne mich um die Fakten kümmern zu müssen.

Und jetzt, während ich das schreibe, bin ich mir des riesigen Papierstapels auf meinem Schreibtisch durchaus bewusst. Meine Worte stehen auf jedem Blatt Papier, alle geschrieben nach meinem Abschied vom Journalismus, und ich versuche, die Fakten zu prüfen, so gut ich kann.

Manchmal gelingt mir das nicht. Ein Beispiel: Das Internet versichert mir, es stimme nicht, dass die Lese- und Schreibfähigkeit von Zehn- und Elfjährigen als Messlatte dafür dient, wie viele Gefängniszellen man in Zukunft baut. Aber es stimmt definitiv, dass der damalige Erziehungsbeauftragte der Stadt New York uns genau das auf einer Veranstaltung erzählt hat. Und als ich heute Morgen die Nachrichten der BBC gehört habe, hieß es, dass die Hälfte aller Strafgefangenen im Vereinigten Königreich die Lesefähigkeit eines Elfjährigen oder darunter hat.

Dieses Buch enthält Reden, Essays und Einführungen. Einige der Einführungen haben es in diesen Band geschafft, weil ich den zugehörigen Autor oder das Buch liebe und ich hoffe, dass meine Liebe ansteckend ist. Andere Texte finden sich hier drin wieder, weil ich in ihnen nach besten Kräften versucht habe, etwas zu erklären, von dem ich glaube, dass es wahr ist, vielleicht sogar wichtig.

Die Autoren, von denen ich mein Handwerk im Laufe der Jahre gelernt habe, waren häufig wahre Prediger. Peter S. Beagle hat einen Essay mit dem Titel Tolkien’s Magic Ring geschrieben. Den habe ich als kleines Kind gelesen und als Folge davon Tolkien und den Herrn der Ringe. Ein paar Jahre später haben mir H. P. Lovecraft in einem langen Essay und nach ihm Stephen King in einem kleinen Buch von den Autoren und Geschichten erzählt, die das Horrorgenre geprägt haben. Ohne sie wäre mein Leben unvollständig. Ursula K. Le Guin hat ebenfalls Essays verfasst, nach deren Lektüre ich mich sofort auf die Jagd nach den Büchern gemacht habe, auf die sie sich bezog, um ihre Aussagen zu illustrieren. Harlan Ellison war ein Vielschreiber, und mit seinen Essays und Textsammlungen hat er mich auf viele Autoren aufmerksam gemacht. Die Vorstellung, dass auch Schriftsteller Bücher genießen, manchmal von ihnen beeinflusst werden und andere Menschen auf diese Werke hinweisen, war für mich schon immer naheliegend. Literatur existiert nicht in einem Vakuum. Sie kann kein Monolog sein, sondern ein Gespräch, und man muss neue Menschen, neue Leser in diese Konversation mit einbinden.

Ich hoffe, dass ich irgendwo in diesem Band über einen Künstler oder sein Werk reden werde, über ein Buch vielleicht, einen Film oder einen Song, der euch fasziniert.

Ich schreibe all das in ein Notizbuch, während ich ein Baby auf meinem Schoß habe, meinen Sohn. Er grunzt und quiekt im Schlaf. Er macht mich glücklich, aber durch ihn fühle ich mich auch verletzlich. Alte, längst vergessene Ängste kriechen wieder aus den Schatten.

Vor einigen Jahren hat mir ein Autor, der damals nicht viel älter war, als ich es jetzt bin, gesagt (nicht verbittert, aber sachlich), es sei gut, dass ich mich als junger Autor nicht der Dunkelheit stellen müsse, der er sich jeden Tag gegenübersehe: dem Wissen, dass seine beste Arbeit bereits hinter ihm liege. Und ein anderer Autor, ein Mann Mitte achtzig, hat mir erklärt, was ihn antreibe, sei das Wissen, dass er sein bestes Werk noch vor sich habe, das Werk, von dem er wisse, dass er es eines Tages erschaffen werde.

Ich strebe danach, den Zustand des zweiten meiner Freunde zu erreichen. Mir gefällt die Vorstellung, eines Tages etwas zu erschaffen, was schlicht funktioniert, auch wenn ich fürchte, dass ich das schon seit dreißig Jahren sage. Je älter wir werden, desto mehr erinnern uns die Dinge, die wir tun, die Dinge, die wir schreiben, an etwas, was wir schon einmal getan haben. Ereignisse reimen sich. Nichts geschieht wirklich noch zum ersten Mal.

Ich habe schon viele Einleitungen zu meinen eigenen Büchern geschrieben. Sie sind lang, und ich beschreibe darin, unter welchen Umständen die einzelnen Teile des jeweiligen Buches geschrieben worden sind. Im Gegensatz dazu ist das hier eine kurze Einleitung. Die meisten Texte hier stehen für sich.

Dieses Buch enthält nicht die gesamten nichtfiktionalen Werke von Neil Gaiman. Stattdessen handelt es sich um einen zusammengewürfelten Haufen von Vorträgen und Artikeln, Einleitungen und Essays. Einige davon sind ernst, andere frivol, und wieder andere habe ich in dem Versuch geschrieben, die Menschen zum Zuhören zu bewegen. Ihr seid nicht verpflichtet, alle zu lesen oder auch nur in einer bestimmten Reihenfolge. Ich habe den Texten eine Ordnung gegeben, die Sinn für mich ergab. So stehen am Anfang größtenteils Vorträge und dergleichen und weiter hinten die persönlicheren Texte. Viele unterschiedliche Texte, Artikel und Erklärungen zu Literatur, Film, Comics, Musik, Städten und Lebensart finden sich hingegen in der Mitte.

In diesem Kompendium stehen Texte über Dinge und Menschen, die mir sehr am Herzen liegen. Auch ein Teil meines Lebens ist hier zu finden. Ich neige dazu, die Dinge von meinem Standpunkt aus zu beschreiben, womit ich möglicherweise zu viel von mir in einem Text preisgebe.

Und jetzt, bevor wir hier zum Ende kommen und ich euch den Worten überlasse, noch ein paar Dankeschöns.

Danke, all den Herausgebern, die diese Texte in Auftrag gegeben haben. Ein einfaches Danke genügt jedoch nicht, um meinen Gefühlen für Kat Howard Ausdruck zu verleihen. Sie ist so viele meiner Texte durchgegangen und hat entschieden, welche in dieses Buch kommen und welche lieber in der Versenkung verschwinden sollten. Sie hat sie mehr als ein Dutzend Mal geordnet, und das nur, um mich sagen zu hören: »Ich habe da eine andere Idee …« (Und wann immer Kat sicher war, alles beisammen zu haben, verkomplizierte ich die Sache, indem ich sagte: »Nun, darüber habe ich schon in meinem Essay über … geschrieben.« Und dann mussten wir Festplatten und verstaubte Regale durchsuchen, bis wir den betreffenden Text endlich gefunden hatten.) Kat ist eine Heilige (vermutlich die wiedergeborene Jungfrau von Orléans). Danke auch an Shield Bonnichsen für das Finden eines Essays, von dem wir keine Kopie mehr hatten. Danke, Christine Di Crocco und Cat Mihos. Ihr habt Dinge gefunden, abgetippt und wart generell sehr hilfreich und einfach wunderbar.

Auch meiner Agentin Merrilee Heifetz schulde ich großen Dank sowie Jennifer Brehl, meiner amerikanischen Herausgeberin, Jane Morpeth, meiner britischen Herausgeberin, und wie immer Amanda Palmer, meiner bemerkenswerten Frau.

Neil Gaiman

I

EINIGE DINGE,AN DIE ICH GLAUBE

»Ich glaube, den Kampf der Gewehre gegen die Ideen werden die Ideen schlussendlich gewinnen.«

Credo

Ich glaube, dass es schwer ist, eine Idee zu töten, denn Ideen sind unsichtbar und ansteckend, und sie verbreiten sich schnell.

Ich glaube, dass man mit seinen Ideen gegen andere Ideen antreten kann, die einem missfallen. Dass man frei ist zu argumentieren, erklären, klarzustellen, zu debattieren, beleidigen, toben, spotten, singen, dramatisieren und leugnen.

Ich glaube nicht, dass das Verbrennen, Töten, Sprengen von Menschen und das Einschlagen ihrer Köpfe mit Steinen (um die schlechten Ideen rauszulassen), das Ertränken oder sogar der Sieg über sie irgendetwas bringt. So vernichtet man keine Ideen, die einem nicht gefallen. Ideen entstehen, wo man es am wenigsten erwartet, wie Unkraut, und wie Unkraut sind sie auch so gut wie nicht zu kontrollieren.

Ich glaube, dass das Unterdrücken von Ideen selbige verbreitet.

Ich glaube, dass Menschen, Bücher und Zeitungen Ideen beinhalten und dass das Verbrennen von Menschen, die Ideen in sich tragen, genauso wirkungslos ist wie ein Napalmangriff auf ein Zeitungsarchiv. Es ist schlicht zu spät. Es ist immer zu spät. Die Ideen sind bereits da draußen. Sie verstecken sich hinter den Augen der Menschen und warten in ihren Gedanken. Sie können geflüstert werden. Sie können mitten in der Nacht an Mauern geschrieben werden. Sie können gezeichnet werden.

Ich glaube, dass Ideen nicht korrekt sein müssen, um zu existieren.

Ich glaube, ihr habt jedes Recht der Welt, fest davon überzeugt zu sein, dass Bilder von Gott, Prophet oder Mensch, die ihr anbetet, heilig sind und vor Schmähungen geschützt werden müssen, genau wie ich das Recht habe, an die Heiligkeit der Sprache zu glauben und an die Unantastbarkeit des Rechts auf Spott, Kommentar, Diskussion und freie Meinungsäußerung.

Ich glaube, ich habe das Recht, falsche Dinge zu denken und zu sagen. Ich glaube, ein Gegenmittel ist, mit mir zu diskutieren oder mich zu ignorieren. Und ich glaube, dass auch ich dieses Mittel gegen falsche Dinge anwenden darf, von denen ich denke, dass ihr sie glaubt.

Ich glaube, dass ihr das absolute Recht habt, Dinge zu glauben, die ich als abstoßend, dumm, lächerlich oder gar als gefährlich betrachte. Und ihr habt das Recht, all diese Dinge zu sagen, zu schreiben und weiterzuverbreiten. Und ich habe nicht das Recht, euch dafür zu töten, zu verstümmeln, zu verletzen oder euch die Freiheit oder euer Eigentum zu nehmen, nur weil ich eure Ideen als bedrohlich, beleidigend oder einfach als widerlich empfinde. Vermutlich haltet ihr auch einige meiner Ideen für ziemlich übel.

Ich glaube, im Kampf der Gewehre gegen die Ideen werden die Ideen schlussendlich gewinnen. Denn Ideen sind unsichtbar, und sie bestehen fort, und manchmal sind sie sogar wahr.

Eppur si muove. Und sie bewegt sich doch.

Am 19. Januar 2015 wurden Teile dieses Textes mit Illustrationen von Chris Riddell in einer Ausgabe des Guardian veröffentlicht. Vollständig erschien der Beitrag erstmals am 27. Mai 2015 im New Statesman mit Illustrationen von Dave McKean.

Warum unsere Zukunft von Büchereien, Lesen und Tagträumen abhängt: ein Vortrag in der Reading Agency, 2013

Es ist wichtig, zu erklären, auf welcher Seite man steht und warum, ob man voreingenommen ist, und dass man über seine Interessen und Zugehörigkeit Auskunft gibt.

Ich werde jetzt über das Lesen reden. Ich werde Ihnen sagen, dass Büchereien wichtig sind. Ich werde Ihnen erklären, dass das Lesen von fiktionalen Texten, das Lesen zum Vergnügen, eines der wichtigsten Dinge ist, die man tun kann. Ich werde einen leidenschaftlichen Appell an Sie und alle Menschen richten, damit Sie verstehen, was Büchereien und Bibliothekare sind und dass beide erhalten werden müssen.

Und ich bin voreingenommen, offensichtlich und sehr stark. Schließlich bin ich Schriftsteller, und die meisten meiner Texte sind fiktionaler Natur. Ich schreibe für Kinder und für Erwachsene. Seit ungefähr dreißig Jahren verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit Worten; indem ich Dinge erfinde und niederschreibe. Natürlich ist es in meinem Interesse, dass die Menschen lesen, und zwar erfundene Geschichten, und dass Büchereien und Bibliothekare existieren. Sie helfen, die Liebe zum Lesen zu fördern und zu den Orten, an denen man lesen kann.

Als Schriftsteller bin ich also voreingenommen.

Aber als Leser bin ich das noch mehr, zumal ich auch noch Brite bin.

Ich halte diesen Vortrag heute Abend unter der Schirmherrschaft der Reading Agency: einer Wohltätigkeitsorganisation, deren Mission es ist, allen die gleiche Chance im Leben zu geben, indem sie den Menschen hilft, zu selbstbewussten und leidenschaftlichen Lesern heranzuwachsen. Einer Wohltätigkeitsorganisation, die Alphabetisierungskampagnen unterstützt, Bibliotheken und Individuen, und offen und schamlos den Akt des Lesens fördert. Denn, so sagen sie, wenn wir lesen, dann verändert sich die Welt.

Und es ist diese Veränderung, dieser Akt des Lesens, über den ich heute Abend reden will. Ich will darüber reden, was Lesen tut. Wofür es gut ist.

In New York habe ich mir einmal einen Vortrag über den Bau von Gefängnissen in privater Trägerschaft angehört – das ist eine Wachstumsindustrie in Amerika. Die Gefängnisindustrie muss dieses Wachstum planen. Wie viele Zellen braucht man? Wie viele Gefangene wird es in fünfzehn Jahren geben? Und sie haben eine einfache Möglichkeit entdeckt, das herauszufinden. Sie verwenden einen simplen Algorithmus, der auf der Frage basiert, wie viel Prozent der Zehn- und Elfjährigen nicht richtig lesen können und somit definitiv nicht zum Vergnügen schmökern.

Natürlich geht diese Rechnung nicht eins zu eins auf. Man kann nicht behaupten, dass es in einer Gesellschaft mit hoher Lesefähigkeit keine Kriminalität gebe. Aber es bestehen durchaus Parallelen.

Und ich glaube, dass einige dieser Parallelen, die simpelsten, ihren Ursprung in etwas unglaublich Einfachem haben. Schriftkundige Menschen lesen fiktionale Texte, und fiktionale Texte haben zwei Funktionen.

Erstens sind sie die Einstiegsdroge ins Lesen. Das Verlangen, zu erfahren, was als Nächstes passiert, das Bedürfnis, umzublättern, der Zwang, weiterzulesen, auch wenn es anstrengend ist, weil gerade jemand in Schwierigkeiten steckt und man einfach wissen muss, wie es weitergeht … Das ist ein sehr reales Verlangen. Es zwingt einen, neue Wörter zu lernen, neue Gedanken zu denken und immer weiterzumachen. Man bemerkt, dass Lesen an sich ein Vergnügen ist, und wenn man das begriffen hat, ist man auf dem Weg, alles lesen zu wollen. Und Lesen ist der Schlüssel.

Vor ein paar Jahren machten Andeutungen die Runde, wir würden in einer postliterarischen Welt leben, in der die Fähigkeit, dem geschriebenen Wort einen Sinn zu entnehmen, redundant sei; doch heute ist davon nichts mehr zu hören. Worte sind wichtiger denn je. Mit Worten navigieren wir durch die Welt, und wenn die Welt ins Netz entflieht, dann müssen wir ihr folgen, um miteinander zu kommunizieren und um zu verstehen, was wir lesen.

Menschen, die einander nicht verstehen, können keine Ideen austauschen. Sie können nicht kommunizieren, und Übersetzungsprogramme bringen einen nicht wirklich weit.

Der einfachste Weg, gebildete Kinder heranzuziehen, ist, ihnen das Lesen beizubringen und ihnen zu zeigen, dass Lesen Spaß macht. Und das heißt schlicht, Bücher zu finden, die ihnen gefallen, ihnen Zugang zu diesen Büchern zu verschaffen und sie dann einfach lesen zu lassen.

Ich glaube nicht, dass es so etwas wie ein schlechtes Buch für Kinder gibt. Dann und wann ist es bei den Erwachsenen Mode, mit dem Finger auf eine Gruppe von Kinderbüchern zu zeigen, auf ein Genre vielleicht oder auf einen bestimmten Autor, und sie zu schlechten Büchern zu erklären, die nicht in Kinderhände gehören. Das habe ich immer wieder und wieder erlebt. Enid Blyton wurde eine Zeitlang für schlecht erklärt und auch R. L. Stine sowie Dutzende andere. Comics hat man sogar vorgeworfen, die Lesefähigkeit zu mindern.

Das ist Quatsch. Das ist Dünkel und Dummheit.

Es gibt keine schlechten Autoren für Kinder, die den Kindern gefallen und die sie lesen wollen, denn jedes Kind ist anders. Sie finden die Geschichten, die sie brauchen, schon von selbst. Eine abgedroschene, ausgelutschte Idee ist nicht abgedroschen und ausgelutscht, wenn man ihr zum ersten Mal begegnet. Man darf Kinder nicht entmutigen, weil man der Auffassung ist, sie würden das Falsche lesen. Auch Texte, die Ihnen nicht gefallen, sind eine Einstiegsdroge, und sie führen zu Büchern, die Sie vielleicht lieber in den Händen Ihrer Kinder sehen. Außerdem hat nicht jeder denselben Geschmack wie Sie.

Wohlmeinende Erwachsene können die Liebe eines Kindes zum Lesen leicht zerstören, indem sie ihnen verbieten zu lesen, was ihnen gefällt, und ihnen stattdessen wertvolle, aber langweilige Literatur geben, das moderne Gegenstück zur viktorianischen Bildungsliteratur. Wenn Sie das machen, dann bekommen Sie eine Generation, die Lesen für uncool hält und schlimmer noch: für etwas Unangenehmes.

Wir müssen unseren Kindern auf die Leseleiter helfen: Alles, was ihnen Spaß macht, führt sie Sprosse für Sprosse hinauf zu Bildung.

(Und machen Sie auch nicht, was dieser Autor gemacht hat, als seine Tochter elf Jahre alt war und R. L. Stine geliebt habt. Er hat ihr nämlich Stephen Kings Carrie gekauft und gesagt: »Wenn dir Stine gefällt, dann wirst du das hier lieben!« Holly hat für den Rest ihres Teenagerlebens nur noch harmlose Geschichten über Siedler in der Prärie gelesen, und auch heute noch funkelt sie mich böse an, wann immer ich den Namen Stephen King erwähne.)

Zweitens helfen fiktionale Texte bei der Entwicklung von Empathie. Wenn man fernsieht oder einen Film schaut, dann sieht man Dinge, die anderen passieren. Prosa wird jedoch aus sechsundzwanzig Buchstaben und einer Handvoll Satzzeichen erschaffen, und Sie, Sie allein kreieren daraus mithilfe Ihrer Fantasie eine Welt voller Menschen, und durch deren Augen schauen Sie. Sie fühlen Dinge und besuchen Orte und Welten, von denen Sie ansonsten nie etwas erfahren hätten. Sie werden zu jemand anderem, und wenn Sie wieder in Ihre eigene Welt zurückkehren, dann haben Sie sich ein wenig verändert.

Empathie ist ein Werkzeug, um aus Menschen Gruppen zu formen. Empathie erlaubt uns, mehr zu sein als ichbesessene Einzelgänger.

Und Sie entdecken noch etwas anderes beim Lesen, etwas Lebenswichtiges, das Ihnen dabei hilft, Ihren Weg in der Welt zu finden:

DIEWELTMUSSNICHTSOSEIN, WIESIEIST. MANKANNETWASVERÄNDERN.

Belletristik kann Ihnen eine neue Welt zeigen. Sie kann Sie an Orte führen, wo Sie noch nie gewesen sind. Und wenn Sie andere Welten erst einmal besucht haben, dann ist es, als hätten Sie vom Baum der Erkenntnis genascht, und Sie werden mit der Welt, in der Sie aufgewachsen sind, nicht mehr einverstanden sein. Unzufriedenheit ist etwas Gutes: Wenn die Menschen unzufrieden sind, dann können sie ihre Welten verändern und verbessern.

Und wo wir gerade dabei sind, würde ich gern ein paar Worte zum Thema Eskapismus sagen. Wenn ich diesen Begriff höre, dann ist er immer negativ besetzt. Als wäre eskapistische Literatur nur billiges Opium für die Verwirrten, Dummen und Verblendeten, und als sei die einzig wertvolle Literatur für Kinder und Erwachsene mimetische Literatur, die das Schlimmste der Welt widerspiegelt, in der der Leser sich befindet.

Aber wenn Sie in einer unmöglichen Situation gefangen sind, an einem unangenehmen Ort und mit Menschen, die Ihnen Böses wollen, und jemand bietet Ihnen eine zeitweilige Fluchtmöglichkeit – weshalb sollten Sie sie nicht ergreifen? Eskapistische Literatur ist genau das: Sie öffnet eine Tür, zeigt Ihnen das Sonnenlicht da draußen, gibt Ihnen einen Ort, wo Sie das Sagen haben, und bringt Sie mit Leuten zusammen, mit denen Sie auch zusammen sein wollen. (Bücher sind echte Orte. Vergessen Sie das nicht.) Und wichtiger noch: Auf Ihrer Flucht können Bücher Ihnen neues Wissen über die Welt und Ihre Situation vermitteln, so schwierig sie auch sein mag. Sie können Ihnen Waffen und Rüstung geben – alles sehr reale Dinge, die Sie in Ihr Gefängnis mitnehmen können –, Fähigkeiten, Wissen und Werkzeuge, die Ihnen auch in der wahren Welt die Flucht ermöglichen.

Wie C. S. Lewis es einmal formuliert hat: Die Einzigen, die sich gegen eine Flucht ereifern, sind die Wärter.

Eine andere Möglichkeit, einem Kind die Liebe zum Lesen zu nehmen, ist natürlich, ihm gar keine Bücher zu geben oder keinen Ort, wo es sie lesen kann.

Ich hatte Glück. Dort, wo ich aufgewachsen bin, gab es eine hervorragende Bücherei. Und ich hatte jene Art von Eltern, die sich leicht überzeugen ließen, mich in den Sommerferien auf dem Weg zur Arbeit in der Bücherei abzusetzen. Dort waren dann Bibliothekare, die kein Problem mit einem kleinen, unbegleiteten Jungen hatten, der jeden Morgen in die Kinderbücherei lief, sich durch den Katalog wühlte und nach Büchern mit Geistern, Magie, Raketen, Vampiren oder Hexen suchte. Und als ich die Bücher in der Kinderbücherei durchhatte, begann ich mit den Erwachsenenbüchern.

Das waren gute Bibliothekare. Sie liebten Bücher, und sie liebten es, wenn sie gelesen wurden. Sie zeigten mir, wie man per Fernleihe Bücher aus anderen Bibliotheken bekommen konnte, und sie hatten keinerlei Vorbehalte gegen die Sachen, die ich las. Es schien ihnen einfach zu gefallen, dass da ein kleiner Junge mit großen Augen war, der das Lesen liebte. Sie sprachen mit mir über die Bücher, die ich las, und wenn mir eins gefiel, dann suchten sie mir weitere der Serie heraus. Sie behandelten mich wie jeden anderen Leser auch – nicht besser, aber auch nicht schlechter –, und das hieß, dass sie mir mit Respekt begegneten. Als Achtjähriger war ich das nicht gewöhnt.

Büchereien stehen für Freiheit: für die Freiheit zu lesen, die Freiheit der Ideen und die Freiheit der Kommunikation. Sie stehen für Bildung (die nicht in dem Augenblick endet, da wir die Schule oder die Universität verlassen), und sie stehen für Unterhaltung, für einen sicheren Ort und für den freien Zugang zu Informationen.

Ich mache mir Sorgen, dass die Menschen im 21. Jahrhundert nicht mehr verstehen, was Büchereien sind und welchen Zweck sie erfüllen. Wenn man eine Bücherei nur als Bücherregal betrachtet, dann wirkt sie antiquiert in einer Welt, in der die meisten Bücher – aber nicht alle – auch in digitaler Form vorliegen. Aber wenn man so denkt, begreift man das Wesentliche nicht.

Ich denke, das Wesentliche hat mit der Natur von Informationen zu tun.

Informationen haben einen Wert, und die richtige Information hat einen sehr hohen Wert. Die gesamte Menschheitsgeschichte hindurch haben wir mit Informationsknappheit gelebt. Wir hatten immer das Bedürfnis nach Informationen und das Bewusstsein, dass sie etwas wert sind. Wann soll man die Saat ausbringen? Wo findet man etwas? Karten, Chroniken und Geschichten … Informationen sorgten stets für eine Mahlzeit auf dem Tisch und für Gesellschaft. Informationen waren also etwas Wertvolles, und wer sie hatte oder besorgen konnte, der konnte dafür Geld verlangen.

In den letzten Jahren haben wir uns jedoch in Sachen Informationen von einer Mangelwirtschaft zu einer Überflussgesellschaft entwickelt. Laut Eric Schmidt von Google produziert die Menschheit heutzutage in zwei Tagen genauso viele Informationen wie vom Anbeginn der Zivilisation bis 2003. Das entspricht ungefähr fünf Exabyte Daten pro Tag, falls Sie mitzählen möchten. Die Herausforderung besteht nun nicht länger darin, die eine Pflanze in der Wüste zu finden, sondern eine ganz bestimmte Pflanze im Dschungel. Wir brauchen Hilfe, um durch all diese Informationen zu navigieren und um das zu finden, was wir wirklich brauchen.

Büchereien sind Orte, in denen Menschen nach Informationen suchen. Bücher sind dabei nur die Spitze des Informationseisbergs. Sie sind schlicht da, und die Büchereien können Sie damit versorgen. Heutzutage leihen viel mehr Kinder Bücher aus als früher – Bücher aller Art: gedruckt, digital und als Hörbuch. Doch in Büchereien können ebenso Menschen online gehen, die sonst über keine Internetverbindung verfügen, und das kostenlos. Das ist überaus wichtig, wenn Sie einen Job suchen und sich bewerben wollen oder Beihilfen beantragen müssen, und dies ausschließlich digital erwünscht ist. Bibliothekare können diesen Menschen helfen, sich in der Welt zurechtzufinden.

Ich glaube nicht, dass alle Bücher auf den Bildschirm wandern sollten oder wandern werden. Wie Douglas Adams mir zwanzig Jahre vor dem ersten Kindle erklärt hat: Ein gedrucktes Buch ist wie ein Hai, und Haie sind alt. Sie schwammen schon lange vor den Dinosauriern durch die Ozeane, und der Grund, warum es noch immer Haie gibt, ist: Sie sind einfach besser darin, Haie zu sein, als alle anderen es wären. Gedruckte Bücher sind zäh, schwer zu zerstören, badewasserresistent, sonnengeschützt, und sie liegen gut in der Hand. Sie sind einfach gut darin, Bücher zu sein, und deshalb wird es immer einen Platz für sie geben. Bücher gehören in Büchereien, obgleich wir in Büchereien längst auch auf E-Books, Audiobücher, DVDs und Webinhalte zugreifen können.

Eine Bücherei ist ein Aufbewahrungsort, und sie gewährt jedem Bürger Zugang zu Informationen. Das schließt Informationen zur körperlichen und geistigen Gesundheit mit ein. Eine Bücherei ist ein Ort für die Gemeinschaft, ein Ort der Sicherheit, eine Zuflucht vor der Welt. Sie ist ein Ort mit Bibliothekaren. Und wie die Büchereien der Zukunft aussehen werden, das sollten wir uns schon jetzt ausmalen.

In unserer Welt der Texte und E-Mails ist die Fähigkeit zu lesen wichtiger denn je. Wir müssen lesen und schreiben. Wir müssen Weltbürger sein, die keine Probleme mit dem geschriebenen Wort haben, die verstehen, was sie lesen, die Nuancen erkennen und sich selbst verständlich machen können.

Büchereien sind das Tor zur Zukunft. Deshalb ist es beklagenswert, dass Behörden auf der ganzen Welt die Schließung von Büchereien als leichten Schritt betrachten, um Geld zu sparen. Dabei ist ihnen nicht klar, dass sie im wahrsten Sinne des Wortes etwas von der Zukunft stehlen, um für das Heute zu bezahlen. Sie schließen Türen, die offen stehen sollten.

Laut einer neuen Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung ist England das »einzige Land, in dem die älteste Altersgruppe über bessere Lese- und Rechenfähigkeiten verfügt als die jüngste, wobei andere Faktoren wie Geschlecht, sozioökonomischer Hintergrund und Art der Beschäftigung berücksichtigt worden sind«.

Oder um es anders auszudrücken: Unsere Kinder und Enkel können schlechter lesen, schreiben und rechnen als wir. Sie sind weniger gut in der Lage, sich in der Welt zurechtzufinden, und darin, sie zu verstehen, um Probleme zu lösen. Man kann sie wesentlich leichter belügen und in die Irre führen, und auf diese Weise werden sie nicht mehr so leicht die Welt verändern können, in der sie leben, und nicht so leicht Arbeit finden und all diese Dinge. Als Land wird England hinter andere Industrienationen zurückfallen, denn es wird uns an Fachkräften mangeln. Und während die Politiker der jeweils anderen Partei die Schuld dafür geben, müssten wir eigentlich nur unseren Kindern das Lesen beibringen und die Lust daran vermitteln.

Wir brauchen Büchereien. Wir brauchen Bücher. Wir brauchen gebildete Bürger.

Es ist mir egal – und ich glaube nicht, dass das überhaupt von Bedeutung ist –, ob Bücher auf Papier gedruckt oder in digitaler Form veröffentlicht werden. Es ist mir egal, ob Sie eine Schriftrolle lesen oder über den Bildschirm scrollen. Der Inhalt zählt.

Und ein Buch ist der Inhalt.

Durch Bücher kommunizieren die Toten mit uns. Durch Bücher lernen wir von jenen, die von uns gegangen sind. Wir lernen, dass die Menschheit sich entwickelt hat, dass Wissen aufeinander aufbaut. Dank Büchern muss man nicht alles immer wieder neu lernen. Es gibt Geschichten, die sind älter als die meisten Länder, Geschichten, die ganze Zivilisationen und die Gebäude überlebt haben, in denen sie zuerst erzählt wurden.

Ich glaube daran, dass wir eine Verantwortung für die Zukunft haben. Wir haben eine Verantwortung und eine Verpflichtung den Kindern und Erwachsenen gegenüber, zu denen sie heranwachsen. Wir haben eine Verantwortung für die Welt, in der sie leben werden. Wir alle – als Leser, Schreibender, Bürger –, wir alle haben Verpflichtungen. Ich dachte mir, ich versuche einmal, diese Verpflichtungen darzulegen.

Ich glaube daran, dass wir die Pflicht haben, zum Vergnügen zu lesen, sowohl daheim als auch in der Öffentlichkeit. Wenn wir zum Vergnügen lesen, dann lernen wir und trainieren unsere Fantasie. Wenn andere uns dabei zusehen, zeigen wir, dass Lesen etwas Gutes ist.

Wir haben die Pflicht, Büchereien zu unterstützen. Wir müssen Büchereien nutzen und andere ermutigen, das ebenfalls zu tun. Wir müssen gegen die Schließung von Büchereien protestieren. Wenn man Büchereien nicht zu würdigen weiß, dann weiß man auch Informationen, Kultur und Weisheit nicht zu würdigen. Man bringt die Stimmen der Vergangenheit zum Schweigen und die Zukunft in Gefahr.

Wir haben die Pflicht, unseren Kindern vorzulesen und zwar Dinge, die sie mögen. Auch, wenn wir diese Geschichten längst leid sind. Wir müssen Stimmen nachahmen, um sie interessant zu gestalten, und wir dürfen nicht aufhören, ihnen vorzulesen, nur weil sie irgendwann selbst gelernt haben zu lesen. Wir haben die Pflicht, das Vorlesen zu einer Zeit der Verbundenheit zu machen, in der niemand auf sein Handy schaut und wir keine Ablenkungen zulassen.

Wir haben die Pflicht, Sprache zu benutzen. Wir müssen uns selbst antreiben und herausfinden, was Worte bedeuten und wie wir sie anwenden; wir müssen klar kommunizieren und sagen, was wir meinen. Wir dürfen Sprache nicht einfrieren oder sie wie ein heiliges totes Ding verehren, sondern wir sollten sie als etwas Lebendiges betrachten, das fließt, sich Worte borgt, das Bedeutungen und Aussprachen erlaubt, sich mit der Zeit zu verändern.

Wir Schriftsteller – besonders die Kinderbuchautoren – haben unseren Lesern gegenüber eine Pflicht: Wir müssen die Wahrheit schreiben, vor allem wenn wir Geschichten von Menschen erzählen, die nie existiert haben, an Orten, die es nie gab. Wir müssen unseren Lesern verständlich machen, dass die Wahrheit nicht in dem Erzählten liegt, sondern darin, was das Erzählte uns über uns selbst verrät. Literatur ist immerhin die Lüge, die die Wahrheit sagt.

Und wir haben die Pflicht, unsere Leser nicht zu langweilen, sondern sie zum Umblättern anzuregen. Eines der besten Heilmittel für einen widerwilligen Leser ist eine Geschichte, mit der er einfach nicht aufhören kann. Und während wir unseren Lesern Wahres erzählen und Waffen reichen und Rüstzeug und das bisschen Weisheit weitergeben, das wir in unserer kurzen Zeit auf dieser grünen Erde gesammelt haben, haben wir noch eine weitere Pflicht: Wir dürfen nicht predigen. Wir dürfen unseren Lesern keine Vorträge halten, ihnen keine vorgekaute Moral aufzwingen oder ihnen unsere eigenen Botschaften in den Hals stopfen wie Vögel, die ihre Jungen mit Maden füttern. Und wir haben die Pflicht, nie, niemals, unter gar keinen Umständen etwas für Kinder zu schreiben, was wir nicht auch selbst lesen würden.

Wir haben die Pflicht zu verstehen und anzuerkennen, dass wir als Kinderbuchautoren eine wichtige Arbeit machen, denn wenn wir Mist bauen und langweilige Bücher schreiben, die Kinder abschrecken, dann gefährden wir sowohl ihre als auch unsere Zukunft.

Wir alle – Erwachsene, Kinder, Autoren und Leser – haben die Pflicht zu tagträumen. Wir haben die Pflicht, uns Dinge auszudenken. Es ist leicht, so zu tun, als könne man ohnehin nichts ändern, als würden wir in einer Welt leben, in der die Gesellschaft riesig und der Einzelne so gut wie nichts ist: ein Atom in einer Wand, ein Reiskorn auf einem Feld. Doch die Wahrheit ist, dass Einzelne immer schon die Welt verändert haben. Sie gestalten die Zukunft und zwar, indem sie sich vorstellen, dass Dinge anders sein könnten.

Schauen Sie sich einmal um. Ernsthaft. Halten Sie kurz inne. Schauen Sie sich in diesem Raum um, in dem wir uns befinden. Ich will auf etwas hinweisen, das so offensichtlich ist, dass man dazu neigt, es zu vergessen: Alles, was Sie sehen, die Wände eingeschlossen, hat sich irgendwann einmal jemand ausgedacht. Irgendjemand ist irgendwann einmal zu dem Schluss gekommen, dass es leichter ist, auf einem Stuhl zu sitzen als auf dem Boden, und so hat er sich einen Stuhl ausgedacht. Irgendjemand muss sich einmal vorgestellt haben, wie ich in London zu Ihnen sprechen könnte, ohne dass uns der Regen auf die Köpfe prasselt. Dieser Raum, die Dinge hier drin, ja alles in diesem Gebäude und dieser Stadt … All das existiert nur dank der immerwährenden Vorstellungskraft der Menschen. Die Leute haben sich Tagträumen hingegeben, sie haben nachgedacht, sie haben Dinge gebaut, die nicht so richtig funktionierten, und anderen Leuten Dinge beschrieben, die noch nicht existierten. Oft hat man sie dafür ausgelacht.

Und dann, mit der Zeit, hatten sie Erfolg. Politische Bewegungen, persönliche Bewegungen, sie alle beginnen mit Menschen, die sich etwas anderes vorstellen als das, was es schon gibt.

Wir haben die Pflicht, die Dinge schöner zu machen. Wir dürfen die Welt nicht hässlicher hinterlassen, als sie war. Wir haben die Pflicht, die Ozeane nicht zu leeren, und wir dürfen unsere Probleme nicht auf die nächste Generation abwälzen. Wir haben die Pflicht, hinter uns aufzuräumen, und unseren Kindern eine Welt zu vererben, die wir nicht in unserer Kurzsichtigkeit ruiniert, ausgebeutet und verkrüppelt haben.

Wir haben die Pflicht, unseren Politikern zu sagen, was wir wollen, und gegen Politiker zu stimmen, egal welcher Partei, die den Wert des Lesens bei der Erschaffung wertvoller Bürger nicht verstehen, die Wissen nicht bewahren und beschützen und Bildung nicht fördern wollen. Das ist keine Sache irgendeiner Partei. Das ist eine Sache gemeinsamer Menschlichkeit.

Albert Einstein ist einmal gefragt worden, wie wir unsere Kinder intelligent machen könnten. Seine Antwort darauf war simpel und weise zugleich. »Wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder intelligent werden«, sagte er, »dann lesen Sie ihnen Märchen vor. Und wenn Sie wollen, dass Ihre Kinder noch intelligenter werden, dann lesen Sie ihnen noch mehr Märchen vor.«

Einstein hat den Wert des Lesens erkannt, den Wert der Vorstellungskraft. Ich hoffe, wir können unseren Kindern eine Welt bieten, in der sie lesen werden und sich vorlesen lassen und sich Dinge vorstellen können, die sie verstehen.

Danke, dass Sie mir zugehört haben.

Diesen Vortrag habe ich 2013 für die Reading Agency gehalten, eine Wohltätigkeitsorganisation im Vereinigten Königreich, deren Aufgabe es ist, den Menschen dabei zu helfen, sich zu selbstbewussten Lesern zu entwickeln.

Lügen für den Lebensunterhalt … und warum wir das tun. Rede zur Verleihung der Newbery Medal, 2009

I

Für den Fall, dass Sie sich fragen, was ich hier oben mache – und ich frage mich das, also sind wir schon zu zweit –, ich bin hier, weil ich ein Buch mit dem Titel Das Graveyard-Buch geschrieben habe, und das hat im Jahr 2009 die Newbery Medal bekommen.

Dass man mir die Newbery Medal verliehen hat, hat meine Töchter beeindruckt. Meinen Sohn hat es noch mehr beeindruckt, dass ich die Tatsache, die Newbery Medal gewonnen zu haben, gegen die irrwitzigen Attacken von Stephen Colbert in The Colbert Report verteidigt habe. So hat mich die Newbery Medal in den Augen meiner Kinder cool erscheinen lassen. Besser geht’s nicht.

Schließlich ist man für seine Kinder so gut wie niemals cool.

II

Als ich ein Junge war, so zwischen acht und vierzehn, da habe ich in den Schulferien viel Zeit in der Stadtbücherei verbracht. Sie war anderthalb Meilen von meinem Zuhause entfernt; deshalb haben meine Eltern mich immer auf dem Weg zur Arbeit dort abgesetzt, und wenn sie schloss, bin ich zu Fuß nach Hause gegangen. Ich war ein seltsames Kind. Ich habe nirgends wirklich hineingepasst, war unsicher und habe meine Bücherei leidenschaftlich geliebt. Ich habe die Kartei geliebt, besonders die der Kinderbücherei. Die war nämlich nicht nur nach Titeln und Autoren sortiert, sondern auch nach Themen. Das machte es mir deutlich leichter, nach Büchern zu suchen, von denen ich glaubte, dass sie mir gefallen könnten – Themen wie Magie, Geister, Hexen oder der Weltraum –, und wenn ich die Bücher gefunden hatte, dann las ich sie.

Aber was ich las, war willkürlich. Voller Freude und Hunger verschlang ich einfach alles. Und das mit dem Hunger ist durchaus wörtlich zu nehmen, obwohl mein Vater manchmal daran dachte, mir ein paar Sandwiches einzupacken, die ich dann widerwillig mitnahm. (Schließlich ist man für seine Kinder niemals cool, und ich betrachtete sein Beharren darauf, ich solle etwas zu essen mitnehmen, als heimtückischen Plan, mich in Verlegenheit zu bringen.) Und wenn ich Hunger hatte, lief ich auf den Parkplatz und verschlang die Sandwiches so schnell es ging, um mich anschließend sofort wieder in die Welt der Bücher zwischen die Regale zu stürzen.

Ich las dort schöne Bücher, von brillanten und klugen Schriftstellern – viele davon sind inzwischen vergessen oder aus der Mode geraten wie J. P. Martin, Margaret Storey und Nicholas Stuart Gray. Ich las viktorianische und edwardianische Autoren. Ich entdeckte Bücher, die ich voller Freude jetzt noch mal lesen würde, und ich verschlang Bücher, die ich heute vermutlich als unlesbar betrachten würde, sollten sie mir noch einmal in die Hände fallen – Die drei ??? und dergleichen. Ich wollte einfach lesen, und ich unterschied nicht zwischen guten und schlechten Büchern, sondern nur zwischen solchen, die ich liebte, die meine Seele berührten, und solchen, die mir einfach nur gefielen. Wie eine Geschichte geschrieben war, war mir vollkommen egal. Es gab keine schlechten Bücher, jede Geschichte war neu und aufregend. Ich saß nur da, in meinen Schulferien, und las in der Kinderbücherei. Und als ich dort alles gelesen hatte, wagte ich mich in die gefährlichen Weiten der Erwachsenenabteilung vor.

Die Bibliothekare reagierten auf meine Leidenschaft. Sie fanden Bücher für mich. Sie brachten mir bei, wie die Fernleihe funktioniert, und sie bestellten Bücher aus ganz Südengland für mich. Doch wenn die Schule wieder begann und meine Bücher längst überfällig waren, dann seufzten sie und trieben erbarmungslos die Überziehungsgebühren ein.

An dieser Stelle sollte ich wohl erwähnen, dass Bibliothekare mir immer sagen, ich solle diese Geschichte lieber nicht erzählen, vor allem solle ich mich nicht als eine Art Wolfskind darstellen, das von geduldigen Bibliothekaren in Büchereien großgezogen worden ist. Sie sagen, die Leute könnten meine Geschichte falsch verstehen und denken, Büchereien seien kostenlose Kindertagesstätten.

III

So … Ich begann mit dem Graveyard-Buch im Dezember 2005, und die Arbeit dauerte das ganze Jahr 2006 und 2007 und bis zum Februar 2008.

Und dann hatten wir Januar 2009, und ich war in einem Hotel in Santa Monica abgestiegen. Ich war in L.A., um die Verfilmung meines Buchs Coraline zu promoten. Zwei Tage lang stellte ich mich den Journalisten, und ich war froh, als es vorbei war. Um Mitternacht habe ich mir dann ein Schaumbad gegönnt und den New Yorker gelesen. Zwischendurch habe ich mit einem Freund in einer anderen Zeitzone telefoniert, und um drei Uhr nachts hatte ich den New Yorker dann endlich durch. Ich stellte mir den Wecker auf elf und hängte ein Bitte-nicht-stören-Schild an die Tür. Die nächsten zwei Tage, sagte ich zu mir selbst, als mir die Augen zufielen, werde ich einfach nur Schlaf nachholen und schreiben.

Zwei Stunden später bemerkte ich, dass das Telefon klingelte. Tatsächlich klingelte es schon eine Weile und das nicht zum ersten Mal, wie ich nach und nach erkannte. Irgendjemand hatte mehrmals versucht, mich anzurufen, um mir etwas Dringendes mitzuteilen. Entweder brannte das Hotel gerade ab oder jemand war gestorben. Ich griff nach dem Hörer. Es war meine Assistentin, Lorraine, die in meiner Abwesenheit in meinem Haus übernachtete, um sich um meinen genesenden Hund zu kümmern.

»Deine Agentin Merrilee hat angerufen. Sie glaubt, jemand versucht, dich zu erreichen«, sagte sie mir, und ich sagte ihr, wie spät es in Santa Monica sei. (Und zwar zehn vor sechs, verdammt noch mal! Bist du verrückt, jetzt anzurufen? Ein paar von uns wollen schlafen!) Lorraine erwiderte, sie wisse ganz genau, wie spät es in L.A. sei, und dass Merrilee, Agentin und weiseste Frau, die ich kenne, ihr klar und deutlich zu verstehen gegeben habe, dass es äußerst wichtig sei.

Ich legte auf, wuchtete mich aus dem Bett und hörte meine Voicemail ab. Nein, niemand hatte versucht, mich zu erreichen. Ich rief wieder zuhause an, um Lorraine zu sagen, dass das alles Quatsch sei. »Das ist schon okay so«, entgegnete sie. »Sie haben hier angerufen. Sie sind gerade auf der anderen Leitung. Ich werde ihnen deine Handynummer geben.«

Ich wusste nicht so recht, was vor sich ging und wer da was von mir wollte. Es war kurz vor sechs Uhr morgens und niemand war gestorben; dessen war ich mir ziemlich sicher. Mein Handy klingelte.

»Hallo? Rose Trevino hier. Ich bin die Vorsitzende des ALA Newbery Komitees …« Oh, dachte ich verschlafen. Newbery. Okay. Cool. Vielleicht bekomme ich ja eine Ehrenauszeichnung oder so was. Das wäre nett. »Und hier bei mir sind die stimmberechtigten Mitglieder des Newbery-Komitees, und wir möchten Ihnen sagen, dass Ihr Buch …«

»DASGRAVEYARD-BUCH«, riefen vierzehn laute Stimmen, und ich dachte: Ich mag ja vielleicht noch schlafen, aber vermutlich rufen sie nicht so aufgeregt bei Leuten an, um ihnen eine simple Ehrenauszeichnung …

»… gerade gewonnen hat und zwar …«

»DIENEWBERYMEDAL«, rief der Chor. Die Leute klangen richtig glücklich. Ich schaute mich in meinem Hotelzimmer um. Sicher schlief ich noch, und das war alles nur ein Traum. Doch alles wirkte beruhigend echt.

Du bist auf Lautsprecher mit mindestens fünfzehn Lehrern, Bibliothekaren und anderen großen, weisen und guten Leuten, dachte ich. Fang jetzt bloß nicht an zu fluchen, wie du es getan hast, als man dir den Hugo-Award verliehen hat. Und zum Glück habe ich daran gedacht, denn große, mächtige Flüche mit vielen bösen Worten drängten bereits meine Kehle hoch. Ich meine, dafür sind sie ja auch da. Ich glaube, ich habe gesagt: »Ist denn schon Montag?« Und ich stammelte und murmelte irgend so was wie »Dankedankedankedankejadaswareswertgewecktzuwerden«.

Was dann folgte, war das reinste Chaos. Lange bevor mein Wecker klingeln sollte, saß ich im Auto, war auf dem Weg zum Flughafen und wurde von einer Reihe Journalisten interviewt. »Wie fühlt es sich an, die Newbery Medal zu gewinnen?«, fragten sich mich.

»Gut«, antwortete ich. »Es fühlt sich gut an.«

Als Kind habe ich Die Zeitfalte geliebt, auch wenn sie den ersten Satz in der Puffin-Ausgabe vergeigt haben. Es war ein Newbery-Gewinner, und obwohl ich Engländer bin, war die Auszeichnung wichtig für mich.

Und dann haben sie mich gefragt, ob ich mir der Kontroverse um Trivialliteratur und Newbery-Gewinner bewusst sei, und wie ich da hineinpassen würde. Ich gab zu, dass ich von der Diskussion wusste.

Sollten Sie nicht davon gehört haben, es hat online einen gewissen Aufruhr über die Art von Büchern gegeben, die die Newbery Medal in letzter Zeit gewonnen haben. Dabei ging es auch um die Fragen, welche Art von Büchern die Auszeichnung in Zukunft gewinnen sollte und welche Bedeutung ein Preis wie die Newbery Medal überhaupt für Kinder und Erwachsene hat. Einem Journalisten gegenüber gab ich zu, dass der Sieg des Graveyard-Buchs eine große Überraschung für mich war. Ich war davon ausgegangen, dass Preise wie die Newbery Medal dazu dienten, Bücher ins Rampenlicht zu rücken, die Hilfe brauchen, und Hilfe brauchte Das Graveyard-Buch sicher nicht.

Unwissentlich hatte ich mich damit auf die Seite des Populismus gestellt, doch das erkannte ich erst hinterher. Ich habe das definitiv nicht so gemeint.

Es war, als würden manche Menschen glauben, es gäbe einen Unterschied zwischen Büchern, die man mag, und Büchern, die gut für einen sind, und von mir erwartete man nun, mich auf eine Seite zu schlagen. Das erwartete man von uns allen. Doch ich hatte nie an diesen Unterschied geglaubt, und das tue ich auch heute nicht.

Ich war und werde immer auf der Seite der Bücher sein, die von den Menschen geliebt werden.

IV

Ich schreibe diese Rede zwei Monate, bevor ich sie halten werde. Mein Vater ist vor einem Monat gestorben. Das war eine Überraschung. Mein Vater war kerngesund, glücklich und deutlich fitter als ich. Aus heiterem Himmel hat er einen Herzinfarkt bekommen. Also bin ich wie betäubt und zutiefst betrübt über den Atlantik gereist und habe eine Grabrede gehalten. Meine Verwandten, die ich schon seit mehr als einem Jahrzehnt nicht mehr gesehen hatte, haben alle gesagt, wie ähnlich ich ihm sei. Ich habe getan, was ich tun musste. Und ich habe nicht ein einziges Mal geweint.

Es war nicht so, dass ich nicht weinen wollte. Es war eher so, dass ich im Strudel der Ereignisse schlicht keine Zeit dafür fand. Ich konnte nicht einfach mal innehalten, mich der Trauer hingeben und alles herauslassen, was sich in mir aufgestaut hatte. Das ging nicht.

Gestern Morgen hat mir ein Freund ein Manuskript geschickt und mich gebeten, es zu lesen. Es ist eine Lebensgeschichte von einer erfundenen Person. Nach drei Vierteln des Manuskripts starb die erfundene Frau des erfundenen Protagonisten, und ich saß auf dem Sofa und weinte wie ein Erwachsener. Die Tränen rannen in Strömen über mein Gesicht. All die ungeweinten Tränen für meinen Vater kamen mit einem Schlag heraus und schließlich war ich vollkommen erschöpft. Es war wie ein reinigendes Gewitter. Die Luft war wieder klar, und ich konnte neu anfangen.

Ich erzähle Ihnen das, weil das etwas ist, was ich leicht vergesse und woran ich erinnert werden muss … Und dies war eine harte, heilsame Erinnerung.

Ich schreibe nun schon seit einem Vierteljahrhundert.

Wenn Menschen mir erzählen, dass meine Bücher ihnen über den Tod eines geliebten Menschen hinweggeholfen haben – eines Kindes vielleicht oder eines Elternteils –, durch Krankheit oder eine persönliche Tragödie … Wenn sie mir erzählen, dass sie durch meine Bücher zum Lesen gefunden haben oder einen bestimmten Beruf ergriffen … Wenn sie mir Bilder oder Worte aus meinen Büchern zeigen, die sie sich in die Haut haben tätowieren lassen, Denkmäler für Augenblicke in ihrem Leben, die so wichtig waren, dass sie sie überallhin mitnehmen müssen … Wenn so etwas geschieht – wie es immer und immer wieder passiert –, dann bin ich stets freundlich und dankbar dafür, aber schlussendlich tue ich es als unbedeutend ab.

Ich habe keine Geschichten geschrieben, um Menschen durch Krisen und schwere Zeiten zu helfen. Ich habe sie nicht geschrieben, um Nichtleser zu Lesern zu machen. Ich habe sie geschrieben, weil ich selbst an diesen Geschichten interessiert war. Sie waren wie Maden in meinem Kopf, kleine, sich windende Ideen, die ich auf Papier bannen und untersuchen musste. Ich musste herausfinden, wie ich darüber dachte und was ich dabei empfand. Ich habe sie geschrieben, weil ich wissen wollte, was mit den Personen passiert, die ich erfunden habe. Ich habe sie geschrieben, um meine Familie zu ernähren.

Deshalb kam ich mir fast schäbig vor, den Dank der Menschen überhaupt zu akzeptieren. Ich hatte vergessen, was Geschichten mir als Junge bedeutet hatten. Ich hatte vergessen, wie es war, in einer Bücherei zu sein. Einst waren Geschichten eine Flucht vor dem Unerträglichen, ein Tor in schier unglaublich gastfreundliche Welten, in denen es Regeln gab, sodass man sie verstehen konnte. Geschichten waren meine Art, mehr über das Leben zu lernen, ohne es selbst zu erleben … oder vielleicht zu erleben wie ein Giftmischer im 18. Jahrhundert, der winzige Dosen Gift anrührt, um sie selbst zu nehmen, bis er sich an das Gift gewöhnt hat. Dann kann er es selbst nehmen, während andere daran sterben. Manchmal sind Geschichten eine Möglichkeit, mit dem Gift der Welt zu leben. Sie helfen uns zu überleben.

Und ich erinnerte mich. Ohne die Autoren, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin, wäre ich ein anderer – ohne die Besonderen, die Weisen und manchmal auch die, die einfach zuerst da waren.

Deshalb sind sie nicht unbedeutend, diese Augenblicke, da Geschichten uns das Leben retten. Tatsächlich sind sie das Wichtigste, was es gibt.

V

Ich habe also ein Buch über die Bewohner eines Friedhofs geschrieben. Ich war die Art Junge, die Friedhöfe genauso sehr geliebt wie gefürchtet hat. Das Beste, das Allerbeste und Wunderbarste an dem Friedhof der kleinen Stadt in Sussex, in der ich aufgewachsen bin, war, dass dort eine Hexe begraben lag, die man einst auf der High Street verbrannt hatte. Meine Enttäuschung, als ich als Teenager die Inschrift noch einmal genauer las und herausfand, dass in diesem Grab keine Hexe lag, sondern drei auf dem Scheiterhaufen verbrannte, protestantische Märtyrer, die eine katholische Königin zum Tode verurteilt hatte, begleitet mich bis heute. Diese Episode wurde zusammen mit einer Geschichte von Rudyard Kipling über einen mit Juwelen besetzten Elefantentreibstock zum Ausgangspunkt für meine Geschichte Der Grabstein der Hexe. Obgleich es das vierte Kapitel im Graveyard-Buch ist, war es das erste, das ich dafür schrieb – ein Buch, das ich seit über zwanzig Jahren hatte schreiben wollen.

Die Idee war simpel: Ich wollte die Geschichte eines Jungen erzählen, der auf einem Friedhof aufgewachsen ist. Die Inspiration verdanke ich meinem kleinen Sohn, der zu der Zeit zwei Jahre alt war. Jetzt ist er fünfundzwanzig, also so alt wie ich damals, und größer als ich. Er flitzte auf seinem Dreirad über den Friedhof auf der anderen Straßenseite, vorbei an dem Grab, von dem ich so lange geglaubt habe, dass es einer Hexe gehören würde.

Wie gesagt, war ich damals fünfundzwanzig Jahre alt, und ich hatte die Idee für ein Buch, und ich wusste, dass sie gut war.

Dann versuchte ich, eine Geschichte daraus zu machen, doch ich musste erkennen, dass die Idee viel besser war als ich als Autor. Ich schrieb zwar weiter, aber andere Dinge, und lernte mein Handwerk. Ich schrieb zwanzig Jahre lang, bis ich endlich glaubte, Das Graveyard-Buch schreiben zu können … oder zumindest, dass ich nicht mehr besser werden würde.

Ich wollte, dass das Buch aus Kurzgeschichten besteht, denn Das Dschungelbuch besteht ja auch aus Kurzgeschichten. Und ich wollte, dass diese Geschichten zusammen einen Roman bildeten, denn in meinem Kopf war es ein Roman. Das Spannungsverhältnis zwischen diesen beiden Ansätzen war für mich als Autor sowohl eine Freude als auch eine Qual.

Ich schrieb es, so gut ich konnte. Tatsächlich ist das die einzige Art zu schreiben, die ich kenne. Das heißt noch lange nicht, dass es auch gut wird; es heißt nur, dass ich mich bemühe. Vor allem aber habe ich die Geschichte geschrieben, die ich selbst lesen wollte.

Es hatte lange gedauert, bis ich mit dem Graveyard-Buch angefangen hatte, und es dauerte auch lange, bis ich damit fertig war. Und dann, eines Nachts im Februar, schrieb ich die letzten beiden Seiten.

Im ersten Kapitel hatte ich ein holpriges Lied verfasst und die letzten beiden Zeilen unvollendet gelassen. Jetzt war es an der Zeit, es fertigzustellen. Das habe ich getan, und das Lied endet mit den Worten:

Stell dich dem Leben, seinen Sittenund lass keinen Weg je unbeschritten.1

Und kurz brannten mir die Augen. In diesem Augenblick und nur in diesem Augenblick erkannte ich zum ersten Mal in aller Klarheit, was ich da eigentlich schrieb. Ich hatte mit der Idee begonnen, ein Buch über Kindheit zu schreiben – Bods Kindheit, die er zwar auf einem Friedhof verbrachte, aber die ansonsten eine Kindheit wie alle anderen auch war –, doch jetzt schrieb ich darüber, wie es ist, Vater zu sein, über die fundamentale Tragikomödie der Elternschaft. Denn wenn Sie Ihren Job gut machen, wenn Sie als Eltern Ihre Kinder anständig erziehen, dann werden Ihre Kinder Sie irgendwann nicht mehr brauchen. Wenn Sie alles richtig gemacht haben, dann gehen sie weg. Und sie werden ein eigenes Leben, eine eigene Familie und eine Zukunft haben.

Ich saß im Garten auf dem Boden, schrieb die letzte Seite meines Buchs und wusste, dass ich ein besseres Buch geschrieben hatte, als ich mir einst vorgenommen hatte. Vermutlich ein Buch, das besser war als ich.

So etwas kann man nicht planen. Manchmal arbeitet man so hart man kann, doch der Kuchen will einfach nicht aufgehen. Und manchmal ist der Kuchen besser, als man sich je erträumt hat.

Und dann, unabhängig davon, ob das Werk gut oder schlecht ist, ob es Ihre Hoffnungen erfüllt oder nicht, zucken Sie als Schriftsteller mit den Schultern und wenden sich der nächsten Sache zu … was auch immer das sein mag.

Das ist unser Beruf.

VI

Bei einer Rede sollte man ankündigen, was man sagen wird, dann sagen, was man zu sagen hat, und anschließend das Gesagte noch einmal zusammenfassen.

Ich weiß jedoch nicht, was ich heute Abend gesagt habe. Ich weiß nur, was ich sagen wollte, und das ist:

Lesen ist wichtig.

Bücher sind wichtig.

Bibliothekare sind wichtig. (Und Büchereien sind keine Kindertagesstätten, doch manchmal erziehen Wolfskinder sich selbst zwischen den Regalen.)

Es ist einfach wunderbar und äußerst unwahrscheinlich, dass die eigenen Kinder Sie für cool halten.

Kinderliteratur ist die wichtigste Literatur von allen.

So!

Wir, die wir Geschichten schreiben, wissen, dass wir unseren Lebensunterhalt mit Lügen verdienen. Aber es sind gute Lügen, die wahre Dinge erzählen, und wir schulden es unseren Lesern, sie so gut zu konstruieren, wie wir können. Denn irgendwo dort draußen gibt es jemanden, der diese Geschichte braucht. Irgendjemanden, der in einer anderen Umgebung aufwächst und der ohne diese Geschichte ein anderer Mensch wäre. Irgendjemand, der durch diese Geschichte womöglich Hoffnung schöpft, Weisheit in ihr findet, Güte oder Trost.

Deshalb schreiben wir.

Das war meine Dankesrede für die Newbery Medal im Jahre 2009, die ich für Das Graveyard-Buch bekommen habe.

Vier Buchhandlungen

I

Das sind die Buchhandlungen, die mich zu dem gemacht haben, der ich bin. Es gibt sie alle nicht mehr.

Die erste, beste, wunderbarste und magischste, weil sie so schwer zu greifen war, war eine fahrende Buchhandlung.

Von meinem neunten bis zu meinem dreizehnten Lebensjahr habe ich als Tagesschüler ein Internat besucht. Wie alle Schulen dieser Art war sie eine in sich geschlossene Welt mit eigenem Imbiss und eigenem Friseur einmal die Woche, und einmal im Halbjahr hatte sie auch eine eigene Buchhandlung. Bis dahin war mein Schicksal als Buchkäufer davon abhängig, was der WHSmith vor Ort im Angebot hatte: auf Puffin Books und Armada Paperbacks, für die ich gespart hatte, und nur aus der Kinderabteilung. Ich hatte noch nicht einmal daran gedacht, den Laden weiter zu erkunden, und selbst wenn, hätte mir das Geld dafür gefehlt. Die Schul- und die Stadtbücherei waren meine Freunde. In diesem Alter war ich auf meine Möglichkeiten beschränkt und auf das, was ich in den Regalen fand.

Und dann – ich war neun – kam die fahrende Buchhandlung. Sie baute ihre Regale in einem leeren Raum der alten Musikschule auf, und das Beste war, dass man kein Geld brauchte. Alles, was man kaufte, wurde auf das Schulgeld draufgerechnet. Das war wie Magie. In dem Wissen, dass sie nur unter Verschiedenes auf der Schulrechnung erschienen, neben Friseurbesuchen und Kontrabassunterricht, konnte ich mir pro Halbjahr vier, fünf Bücher leisten, ohne entdeckt zu werden.

So kaufte ich mir Ray Bradburys The Silver Locusts (eine Geschichtensammlung ähnlich der Mars-Chroniken). Ich liebte es, besonders die Geschichte Usher II, Rays Hommage an Poe. Dabei wusste ich gar nicht, wer Poe war. Ich kaufte Dienstanweisung für einen Unterteufel, denn von dem Typ, der Narnia geschrieben hatte, musste einfach alles gut sein. Ich kaufte Diamantenfieber von Ian Fleming – denn auf dem Cover stand, dass man daraus schon bald einen Kinofilm machen würde –, und ich kaufte Die Triffids und Ich, der Robot. (In dem Laden gab es viel von Wyndham, Bradbury und Asimov.)

Kinderbücher gab es kaum, und das war gut und klug so. Die Bücher, die sie verkauften, wenn sie in die Stadt kamen, waren verdammt gut. Es war jene Art von Büchern, die gelesen wurde, aber nichts Kontroverses oder gar etwas, das konfisziert wurde. (Mein erstes Buch, das konfisziert wurde, war ein Exemplar von Und meinem Neffen Albert vermache ich die Insel, die ich Fatty Hagan beim Pokern abnahm, und das nur, weil recht kunstvoll eine nackte Frau auf dem Cover abgebildet war. Ich habe es mir vom Direktor wiedergeholt, indem ich behauptet habe, das Buch gehöre meinem Vater – was ziemlich sicher nicht stimmte.) Horror war jedoch okay. Fast ein ganzes Jahr lang war ich ein zehnjähriger Dennis-Wheatley-Süchtling, und ich liebte die Pan Books of Horror Stories, auch wenn ich mir nur selten eines kaufte. Und dann gab es mehr Bradbury – viel mehr, mit den fantastischen Pan-Covern –, mehr Asimov und mehr Arthur C. Clarke.

Die Bibliothek kam nur für etwa ein Jahr oder so wieder. Vielleicht hatten einfach zu viele Eltern ihre Schulrechnungen durchgesehen und sich beschwert. Aber mir war das egal. Ich hatte mich schon weiterentwickelt.

II