Doctor Who: 13 Doktoren, 13 Geschichten - Neil Gaiman - E-Book

Doctor Who: 13 Doktoren, 13 Geschichten E-Book

Neil Gaiman

5,0

Beschreibung

Die Neuauflage der Jubiläumskollektion - mit zwei neuen Geschichten! Ein spannendes Abenteuer von jeder Inkarnation des Doktors - von einigen der berühmtesten Autoren unserer Galaxie: Eoin Colfer, Neil Gaiman, Richelle Mead, Charlie Higson uvm.

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Seitenzahl: 694

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Die deutsche Ausgabe von DOCTOR WHO: 13 DOKTOREN 13 GESCHICHTEN wird herausgegeben von Amigo Grafik, Teinacher Straße 72, 71634 Ludwigsburg. Herausgeber: Andreas Mergenthaler und Hardy Hellstern, Übersetzung: Susanne Döpke, Christian Humberg, Claudia Kern, Anika Klüver, Stephanie Pannen, Wibke Sawatzki und Sabine Elbers; verantwortlicher Redakteur und Lektorat: Markus Rohde; Lektorat: Christian Humberg, Katrin Aust, Jana Karsch und Wibke Sawatzki; Satz: Rowan Rüster/Amigo Grafik; Printausgabe gedruckt von CPI Moravia Books s.r.o., CZ-69123 Pohorelice. Printed in the Czech Republic.

Titel der Originalausgabe: DOCTOR WHO – THIRTEEN DOCTORS 13 STORIES

German translation copyright © 2014, 2019 by Amigo Grafik GbR.

Original English language edition copyright:

Text copyright © the individual authors and BBC, 2013, 2014, 2019

BBC, DOCTOR WHO (word marks, logos and devices), TARDIS, DALEKS, CYBERMAN and K-9 (word marks and devices) are trademarks of the British Broadcast Corporation and are used under license. BBC logo © BBC 1996. Doctor Who logo and insignia © BBC 2018. Dalek image © BBC/Terry Nation 1963. Cyberman image © BBC/Kit Pedler/Gerry Davis 1966. K-9 image © BBC/Bob Baker/ Dave martin 1977. Thirteenth Doctor images © BBC Worldwide 2018.

Licensed by BBC Studios.

Printausgabe: ISBN 978-3-95981-664-9 · Digitale Ausgabe: ISBN 978-3-95981-665-6

Mai 2019

WWW.CROSS-CULT.DE

INHALTSVERZEICHNIS

Der erste Doktor: Der Doktor schafft’s mit links

von Eoin Colfer

Der zweite Doktor: Die namenlose Stadt

von Michael Scott

Der dritte Doktor: Der Speer des Schicksals

von Marcus Sedgwick

Der vierte Doktor: Die Wurzeln des Bösen

von Philip Reeve

Der fünfte Doktor: Böse Zungen

von Patrick Ness

Der sechste Doktor: Etwas Geliehenes

von Richelle Mead

Der siebte Doktor: Wellen am Strand

von Malorie Blackman

Der achte Doktor: Die Spore

von Alex Scarrow

Der neunte Doktor: Die Bestie von Babylon

von Charlie Higson

Der zehnte Doktor: Das Geheimnis des Spukhauses

von Derek Landy

Der elfte Doktor: Kein Uhr

von Neil Gaiman

Der zwölfte Doktor: Licht aus!

von Holly Black

Der dreizehnte Doktor: Zeitfluss

von Naomi Alderman

Über die Autoren

DER ERSTE DOKTOR:

Der Doktor schafft’s mit links

EOIN COLFER

Ins Deutsche übertragen von Stephanie Pannen

1THE STRAND, LONDON, 1900

Der Doktor war nicht besonders glücklich mit seiner neuen Biohybridhand.

»Lächerlich. Das ist ja nicht einmal eine richtige Hand«, beschwerte er sich bei Aldridge. »Sie hat nur zwei Finger, traditionell gesehen also viel weniger als der humanoide Durchschnitt.«

Doch Aldridge ließ sich nichts gefallen, nicht einmal von einem Time Lord.

»Dann geben Sie sie zurück. Niemand zwingt Sie dazu, sie zu benutzen.«

Der Doktor warf ihm einen bösen Blick zu. Er kannte Aldridges Geschäftsgebaren, und an diesem Punkt versuchte der Xing-Chirurg für gewöhnlich, seinen Kunden auf eine falsche Fährte zu locken, um ihn abzulenken.

»Wollen Sie wissen, warum ich meine Praxis auf Gallifrey zugemacht habe?«, fragte Aldridge.

Da war sie, die falsche Fährte. Wann immer sich der Doktor hilfesuchend an Aldridge wandte, wurde diese alte Geschichte bemüht.

»Lag es vielleicht an unserem Titel?«, erkundigte sich der Doktor unschuldig.

»Ganz genau«, antwortete Aldridge. »Sich selbst Time Lords zu nennen? Wie aufgeblasen ist das denn bitte? Den Titel Temporale Imperatoren hatte sich schon jemand gesichert, oder? Wie schade, Sie hätten ihn zu Temperatoren abkürzen können.«

Temperatoren, dachte der Doktor. Das ist schon fast wieder amüsant.

Amüsant, weil ein Time Lord namens Raumgestalter genau diesen Namen mal bei einer Konferenz vorgeschlagen hatte und daraufhin für den Rest seiner Quantentage Wetterwitze über sich hatte ergehen lassen müssen.

Aber der Doktor konnte nicht zulassen, dass sich auch nur der Hauch eines nostalgischen Lächelns auf seinen Lippen zeigte – denn erstens wirkte ein Lächeln in seinem Gesicht meist wie eine schmerzverzerrte Grimasse, und zweitens würde Aldridge es ausnutzen, um den Preis zu erhöhen.

»Fünf Finger, Aldridge«, sagte er nachdrücklich. »Ich brauche eine vollständige Hand, um morgens mein Hemd zuzuknöpfen. Diese Menschen platzieren Knöpfe an die albernsten Stellen, obwohl sie ganz genau wissen, dass es Klettverschlüsse gibt.« Er warf einen Blick auf seine Taschenuhr. »Oder zumindest werden sie es in etwa einem halben Jahrhundert wissen.«

Aldridge bearbeitete einen der gekrümmten Keramikfinger mit einem Skalpell. »Zugegeben, Doktor, das Exoskelett hat zwei Finger, aber der Handschuh hat fünf, einschließlich des Daumens, alle gesteuert von Signalen des Exoskeletts. Ein verdammtes Biohybridwunder, wenn Sie mich fragen.«

Der Doktor war beeindruckt, ließ sich das aber nicht anmerken. »Ich würde dann doch ein Biobiowunder bevorzugen, wenn es Ihnen nichts ausmacht. Und ich habe es furchtbar eilig.«

»Kommen Sie in fünf Tagen wieder«, sagte Aldridge. »Ihre Hand aus Fleisch und Blut wird dann fertig sein. Aber ich brauche noch eine Probe.« Er hielt dem Doktor einen Behälter unter die Nase. »Wären Sie bitte so nett und spucken hier hinein?«

Der Doktor kam der Anweisung nach und war insgeheim froh, dass Aldridge nur ein wenig Spucke von ihm wollte. Vor einiger Zeit war er gezwungen gewesen, zwei Liter seines Bluts mit der äußerst seltenen Gruppe TL-Positiv herzugeben, um Plasma herzustellen.

»Fünf Tage? Sie könnten das nicht zufällig mit ein wenig mehr Dringlichkeit behandeln, oder?«

Aldridge zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid. Ich habe hinten eine Gruppe Amphibienmenschen, die alle nach ihrer Schwanzverlängerung zischen. Ich musste ein Vermögen ausgeben, um den Feuerwehrwagen zu mieten, der sie feucht hält.«

Der Doktor starrte Aldridge an, bis der stämmige Xing-Chirurg nachgab.

»Also gut. Zwei Tage. Aber das wird Sie etwas kosten.«

Ah ja, dachte der Doktor und bereitete sich auf schlechte Neuigkeiten vor. »Wie viel genau wird es mich denn eigentlich kosten?«

Wenn auch der Ausdruck »wie viel« nicht ganz zutraf, da sich Aldridge für gewöhnlich eher mit Naturalien als Währungen bezahlen ließ.

Der Chirurg kratzte über die Borsten, die sein Kinn bedeckten und an ein Stachelschwein erinnerten. Falls sich jemals einer der Gauner und Halunken des viktorianischen Londons in Aldridges Uhrenwerkstatt verirren sollte, um fette Beute zu machen, stand ihm eine böse Überraschung bevor. Denn Aldridge konnte seine Wange aufblasen und eine dieser giftigen Borsten mit einer Geschwindigkeit und Präzision abschießen, die denen der Regenwaldnomaden von Borneo mit ihren Blasrohren in nichts nachstand. Der Schurke würde sechs Stunden später aufwachen, angekettet an den Zaun des Newgate-Gefängnisses, und sich an die vergangenen Tage nur noch ungenau erinnern. Die Gefängniswärter hatten bereits begonnen, diese gelegentlichen Lieferungen »Storchenbabys« zu nennen.

Der Doktor deutete bedeutungsvoll auf Aldridges Kinn. »Versuchen Sie mich einzuschüchtern, Aldridge? Ist das eine Drohung?«

Aldridge lachte, dass seine Borsten raschelten. »Ach, kommen Sie schon, Doktor. Das gehört doch zum Spaß, das Verhandeln und so weiter. Unser kleines Spielchen.«

Die Miene des Doktors war undeutbar. »Selbst wenn ich meine Hand nicht verloren hätte, würde ich nicht wie ein Idiot herumgrinsen. Ich lache nicht. Ich spiele keine Spielchen. Ich habe eine ernsthafte Mission.«

»Früher haben Sie gelacht«, erwiderte Aldridge. »Erinnern Sie sich an die Sache mit den mörderischen Regenwürmern? Das war doch zum Schießen, oder nicht?«

»Diese Regenwürmer haben Distickstoffoxid ausgeschieden«, sagte der Doktor, »auf der Erde bekannt als Lachgas, also lachte ich gegen meinen Willen. Normalerweise habe ich mit Heiterkeit nichts zu tun. Das Universum ist ein ernster Ort. Außerdem habe ich meine Enkelin gebeten, auf ein Haus aufzupassen.«

Aldridge spreizte seine Finger auf der Theke. »Also gut, dieses Angebot mache ich Ihnen nur wegen der wundervollen Susan. Mein Preis für die Miete der Biohybridhand und die Herstellung einer neuen in meinem magischen Bottich beträgt ...« Er machte eine Pause, denn selbst Aldridge wusste, dass das, was er verlangte, von einem Time Lord ohne Sinn für Humor schwer zu schlucken sein würde. »Eine Woche Ihrer Zeit.«

Der Doktor verstand zunächst nicht.

»Eine Woche meiner Zeit?« Dann fiel der Groschen. »Sie wollen, dass ich Ihnen assistiere.«

»Nur für eine Woche.«

»Sieben Tage? Sie wollen, dass ich sieben ganze Tage Ihren Assistenten spiele?«

»Sie händigen mir eine Woche aus und ich Ihnen ... eine Hand. Einer meiner wichtigsten Stammkunden bedarf dringend meiner Aufmerksamkeit. Es würde mir ungemein helfen, dabei einen klugen Burschen wie Sie an meiner Seite zu wissen.«

Der Doktor massierte mit seiner verbliebenen Hand seinen Nasenrücken. »Das ist unmöglich. Meine Zeit ist kostbar.«

»Sie können sich doch jederzeit regenerieren«, schlug Aldridge unschuldig vor. »Vielleicht hat der Nächste ja einen besseren Sinn für Humor, von einem besseren Modeverständnis ganz zu schweigen.«

Der Doktor blies empört die Wangen auf, allerdings nicht so dramatisch wie Aldridge es gelegentlich tat.

»Diese Kleidung wurde von einem Computer ausgewählt, um unter den Einheimischen nicht aufzufallen. Das hat nichts mit Mode zu tun. Tatsächlich ist diese Besessenheit von Mode genau die Art von frivoler Ablenkung, die Leute ...«

Der Doktor vollendete seinen Satz nicht, und der Chirurg zog es vor, es ebenfalls nicht zu tun; sie wussten beide, dass das fehlende Wort umbringt lautete. Der Doktor wollte es nicht sagen, damit der Stimme keine Fakten folgten, denn es hatte in seinem Leben schon genug Tod gegeben. Aldridge wusste das und hatte Mitleid mit ihm.

»Also gut, Doktor. Für vier Tage Ihrer Zeit werde ich Ihnen eine Hand wachsen lassen. Darunter geht es nicht.«

Widerwillig ließ sich der Doktor besänftigen. »Vier Tage, sagen Sie? Und darauf geben Sie mir Ihr Wort? Von einem Gast auf diesem Planeten zum anderen?«

»Sie haben mein Wort als Xing-Chirurg. Ich kann die Hand zu Ihrer TARDIS liefern, wenn Sie möchten. Wo haben Sie sie denn abgestellt?«

»Drüben im Hyde Park.«

»Sie halten Ihre Nase aus dem Smog? Übrigens habe ich hier ein paar Nasen, falls Sie etwas weniger ... Ausgeprägtes wünschen.«

Nun waren sie bei Plauderei angelangt, und dafür hatte der Doktor noch nie etwas übrig gehabt. Er verabscheute sowohl Klatsch als auch Geschwätz.

»Vier Tage«, wiederholte er. Dann hob er den Stumpf seines linken Handgelenks und presste ohne ein weiteres Wort die klauenähnlichen Biohybridfinger gegen die Brust des Xing-Chirurgen.

Aldridge bestaunte sie schweigend und hob seine buschigen Augenbrauen, bis der Doktor schließlich fragte: »Könnten Sie die vorläufige Biohybridhand bitte anbringen?«

Prompt zog Aldridge ein Schallskalpell aus seinem Gürtel.

»Vorsicht damit«, sagte der Doktor. »Übertreiben Sie es nicht.«

Aldridge drehte das Skalpell wie einen Tambourstab. »Aber natürlich, Sir. Vorsicht ist mein zweiter Vorname. Eigentlich lautet mein zweiter Vorname Tollpatsch, aber das hören die Kunden nicht gern, zumal es mich wie einen dieser Zwerge klingen lässt, die ganz berühmt sein werden, wenn sich hier erst mal die bewegten Bilder durchsetzen.«

Der Doktor erwiderte nichts und bewegte sich auch nicht, da Aldridge bereits an seinem Arm arbeitete, die vorläufige Hybridhand an seinem Handgelenk befestigte, das verbrannte Fleisch wegschnitt und nach Nervenenden suchte.

Unglaublich, dachte der Doktor. Er scheint kaum hinzusehen, aber ich spüre nicht das Geringste.

Aber das war natürlich das Markenzeichen der im Xing-Kloster ausgebildeten Chirurgen – das und ihre unglaubliche Schnelligkeit und Genauigkeit. Der Doktor hatte mal eine Geschichte darüber gehört, wie einige Anwärter mitten in der Nacht aufwachten, weil ihnen ihr Professor den großen Zeh amputiert hatte. Dann wurde gestoppt, wie lange sie brauchten, um den Zeh wieder anzubringen – mit nichts als einer Packung Zahnseide, drei Büroklammern und einem Glas voller Glühwürmchen als Hilfsmittel.

Nicht gerade Hogwarts, dachte der Doktor. Dann fiel ihm ein, dass es noch fast ein Jahrhundert dauern würde, bis jemand diese Anspielung verstand.

Nach wenigen Minuten zupfte der Chirurg an dem gedankengesteuerten Handschuh aus Plastihaut und trat einen Schritt zurück, um seine Arbeit zu bewundern.

»Na, dann wackeln Sie mal mit den Fingern.«

Als der Doktor das tat, musste er zu seiner Verlegenheit feststellen, dass die Fingernägel lackiert waren.

»Handelt es sich dabei zufällig um die Hand einer Dame?«

»Japp«, gestand Aldridge. »Aber einer sehr großen Dame. Sehr männlich, wie Sie selbst. Sie hasste es zu lachen und so weiter, also sollten Sie beide hervorragend miteinander auskommen.«

»Zwei Tage«, sagte der Doktor und deutete mit einem rubinrot lackierten Finger auf den Chirurgen.

Aldridge bemühte sich so sehr, nicht loszulachen, dass eine seiner Borsten gegen die Wand schoss. »Es tut mir wirklich leid, Mister Time Lord, Sir. Aber es ist wirklich schwierig, Sie ernst zu nehmen, wenn Sie Nagellack tragen.«

Der Doktor ballte seine künstlichen Finger zu einer Faust, richtete seine Astrachanmütze und entschloss sich, so schnell wie möglich ein Paar Handschuhe zu erwerben.

Aldridge reichte ihm seinen Gehstock.

»Sie haben mir niemals erzählt, wie Sie die Hand überhaupt verloren haben.«

»Nein«, erwiderte der Doktor. »Das habe ich nicht. Wenn Sie es unbedingt wissen wollen: Ich wurde beim Duell mit einem Seelenpirat von einer glühenden Klinge verwundet. Hätte das Schwert die Wunde nicht ausgebrannt, sprächen Sie jetzt wohl mit einem anderen Doktor. Natürlich ist es mir gelungen, den Schmerz durch bloße Konzentration zu isolieren.«

»Seelenpiraten«, schnaubte Aldridge. »Diese Wilden werden hier nicht bedient. Die haben schon aus Prinzip Hausverbot.«

»Hmmmpf«, sagte der Doktor und zog seinen Überzieher bis unters Kinn. Er hätte auch Bah, Humbug sagen können, aber diese Redewendung gehörte bereits jemand anderem.

2

Die bekannte Londoner Straße The Strand war voller fliegender Händler und Straßenkinder, die täglich aus ihren Nestern ausschwärmten und den reichen Damen und Herren folgten wie Eisenspäne einem Magneten. Dazu wimmelte es vor rotwangigen Nachtschwärmern, die aus der berüchtigten Spelunke »Dog and Duck« auf die Straße strömten. Hätte jemand auf den ältlichen Griesgram geachtet, der Richtung Charing Cross marschierte, wäre ihm nichts Seltsames an dem Herrn aufgefallen, abgesehen davon, dass er so verwundert auf seine linke Hand starrte, als spräche sie zu ihm.

Ein ehemaliger Soldat, hätten die Leute vielleicht vermutet, angesichts seines Mantels und zackigen Gangs.

Vielleicht ein Weltreisender, schien seine russische Mütze nahezulegen.

Oder ein exzentrischer Wissenschaftler. Das konnte man zumindest aus dem langen weißen Schopf, der unter besagter Mütze hervorlugte, und der aus seiner Tasche ragenden Lupe folgern.

Natürlich wussten die Leute nicht, dass sich an diesem Abend ein Time Lord in ihrer Mitte aufhielt. Nur seine Enkelin Susan wusste es, die wahrscheinlich einzige Person im Universum, die dem Doktor beim bloßen Gedanken an sie ein Lächeln aufs Gesicht zauberte.

Es gab viele Dinge, die den Doktor nicht zum Lächeln brachten: Geplauder, Fragen unter Zeitnot zu beantworten, Fragen bei vollkommener Ruhe zu beantworten, die Gemälde der gallifreyischen Subjunktivisten (alles Schwindler), die irdische Brotaufstrichsorte Marmite und die irdische Fernsehsendung Blake’s 7, die vollkommen lächerlich war, sowie der klamme stechende Gestank des viktorianischen Londons. Letzteres war leider das typische Aroma der Stadt und bestand aus zwei Teilen Abwasser, einem Teil Rauch und einem Teil ungewaschener Körper. Diesem Gestank war einfach nicht beizukommen, und von der Königin bis zur Waschfrau nahm ihn jeder wahr. Die Sommerhitze und der Wind konnten ihn noch verschlimmern, und der Doktor war davon überzeugt, dass es keinen Geruch im gesamten Universum gab, den er mehr verabscheute.

Als er Charing Cross erreichte, konnte der Doktor den Gestank nicht mehr aushalten und hielt eine Droschke an. Er lehnte das Angebot des Kutschers – die Hälfte seines Pausenbrots – dankend ab, presste sich seine hinter einem Taschentuch verborgene Luftfiltermaske auf Mund und Nase und krümmte sich auf der Sitzbank tief zusammen, um den Fahrer davon abzuhalten, weitere Fragen zu stellen. Der Doktor ignorierte die Fahrt, einschließlich des Umwegs um Picadilly, wo eine Milchdroschke umgestürzt war und ihre Ladung über die Straße verschüttet hatte. Stattdessen widmete er sich dem Problem, das ihn schon viele Nächte den Schlaf und vor Kurzem auch seine linke Hand gekostet hatte.

Die Seelenpiraten waren abscheuliche Kreaturen: mieses Gesindel aus diversen humanoiden Spezies, das nur zwei Dinge einte. Eines war, wie bereits erwähnt, die mehr oder minder menschliche Erscheinung; und zweitens scherten sie sich keinen Deut um das Leben anderer. Die Seelenpiraten hatten eine äußerst spezifische Vorgehensweise: Sie wählten einen Planeten aus, dessen Bewohner noch keine Hyperraumreisen kannten, dann versteckten sie sich in der Wolkendecke und schickten einen Späher auf einem Antigrav-Traktorstrahl mit einschläfernder Wirkung in die Zimmer schlafender Kinder. Der Antigravitationsstrahl war schon raffiniert, doch die einschläfernde Wirkung war genial. Denn selbst wenn eines der Opfer aufwachte, würde das Schlafmittel dafür sorgen, dass sich sein Gehirn irgendeine fantastische Geschichte ausdachte und sich das Kind bereitwillig entführen ließ. Die Opfer glaubten zu fliegen oder sahen den Späher als zauberhaften Abenteurer, der ihre Hilfe brauchte. Auf jeden Fall gab es keine Gegenwehr oder sonst ein Tamtam, und – noch viel wichtiger – die Ware wurde nicht beschädigt. Waren die entführten Kinder erst im Piratenschiff, wurden sie entweder in den Maschinenraum geschickt und an Gedankenklauhelme angeschlossen, oder um ihrer Organe oder Körperteile willen ausgeschlachtet, die die Piraten an oder in sich selbst transplantierten. Nichts wurde verschwendet, kein Zehennagel, kein Elektron. Daher der Spitzname der Banditen: Seelenpiraten.

Der Doktor hatte die Piraten schon quer durch Raum und Zeit gejagt. Es war zu seiner Mission geworden, oder vielmehr seiner Obsession. Laut seines galaktischen Netzwerks trieb nur noch die Mannschaft, die ihm seine Hand genommen hatte, auf der Erde ihr Unwesen. Das letzte Mal hatte er genau in dieser Stadt mit ihnen zu tun gehabt, und nun hatte die TARDIS ihre Antigrav-Signatur wieder aufgespürt. Für die Piraten waren zwanzig Jahre vergangen, seit ihr Captain dem Doktor die linke Hand abschlug, aber für den Time Lord, der mit seiner TARDIS viele Jahre zu überspringen vermochte, war die Wunde noch sehr frisch.

Seelenpiratenschiffe konnten sich den Autoritäten oftmals Jahrhunderte lang entziehen, machten ihre undurchdringlichen Schilde es doch sehr schwer, sie aufzuspüren. Doch genau das war dem Doktor gelungen. Er hatte Dusel gehabt, wie Susan es ausdrücken würde.

Sie müssen eine ihrer Schutzplatten verloren haben, dachte er. Und das hat die Piraten für ein paar Minuten sichtbar gemacht, bevor sie den Schaden reparieren konnten. Genug Zeit für die TARDIS, sie zu finden. Gut gemacht, altes Mädchen.

Leider war das Loch, durch das die Signatur der Piraten gesickert war, inzwischen gestopft. Der Doktor wusste nicht, ob die Piraten immer noch versteckt in den Wolken über dem Hyde Park schwebten oder sich einen neuen Ankerplatz gesucht hatten. Eine typische Piratenmannschaft kannte über hundert Gefilde, die sie in zufälliger Reihenfolge immer wieder aufsuchte. Aber die Piraten neigten dazu, besonders ergiebige Stellen zu bevorzugen. Wenn es jemand also ernsthaft darauf abgesehen hatte, diese Bande aufzuspüren, musste er nur Entschlossenheit und viel Zeit mitbringen.

Ich habe beides, dachte der Doktor. Und dazu eine einfallsreiche Enkelin.

Mitunter zu einfallsreich. Vielleicht war doch besser, mal nach Susan zu sehen. Manchmal kam es ihm so vor, als ignoriere sie seine Anordnungen absichtlich, weil es ihr, wie sie es ausdrückte, angemessen erschien.

Und auch wenn dies oftmals zutraf, sofern man die Dinge moralisch betrachtete, war es taktisch gesehen selten korrekt.

Just als der Doktor Susan kontaktieren wollte, schien sie ebenfalls an ihn zu denken. Denn sein Armbandkommunikator begann zu vibrieren. Eine Nachricht war eingegangen. Überraschenderweise summte das Gerät sogar ein zweites Mal, dann ein drittes. Es hörte gar nicht mehr auf.

Der Doktor blickte auf den kleinen Bildschirm und sah, dass ein Dutzend Nachrichten fast gleichzeitig angekommen waren. Wie konnte das sein? Er hatte diese Kommunikatoren selbst entworfen und gebaut. Wenn es hart auf hart kam, konnten sie sogar durch die Zeit senden.

Dann begriff er.

Wie dumm. Wie dumm.

Warum hatte er das nicht vorhergesehen?

Aldridge hielt sich in dieser Stadt verborgen. Also hatte er natürlich eine Reihe von Störsendern installiert. Falls jemand den Planeten scannte, würde er so keine Spur des Chirurgen oder seiner Werkzeuge finden.

Und Susan hatte schon den ganzen Abend vergebens versucht, den Doktor in eben dieser Störzone zu erreichen ...

Der Doktor wählte direkt die letzte Nachricht aus, die erst ein paar Sekunden alt war, und drückte auf Abspielen.

»Großvater«, sagte Susans Stimme. Sie klang heiser, und er konnte ihre Schritte hören. Offenbar rannte sie. »Ich kann nicht mehr warten. Der Strahl hat Hausnummer vierzehn getroffen, wie du vermutet hast. Ich wiederhole, Nummer vierzehn. Ich muss diesen Kindern helfen, Großvater. Es gibt sonst niemanden. Bitte komm schnell. Beeile dich, Großvater, beeile dich.«

Der Doktor verfluchte seine Dummheit, warf ein paar Münzen in die ungefähre Richtung des Kutschers und rief dem Mann zu, schnell in Richtung Kensington Gardens zu fahren.

Sie sollte doch warten. Ich habe ihr gesagt, dass sie warten soll. Warum musste sie so töricht sein?

Während sie sich den Reihenhäusern am Ende des Parks näherten, spielte der Doktor den Rest von Susans Nachrichten ab. Er hoffte auf Informationen, die ihm dabei helfen könnten, sie und die Kinder zu retten.

Soweit er es richtig verstand, hatte sich Susan im Park mit drei Kindern angefreundet. Deren Eltern waren in die Schweiz gereist, um das Nervenleiden des Vaters in einem revolutionär neuen Kurbad behandeln zu lassen. Aus Angst vor dem Fluch hatten sie einen gewissen Captain Douglas, einen Soldaten der königlichen Leibwache, mit dem Schutz der Kinder beauftragt.

Der Fluch. Diese Familie glaubte wie viele andere daran, dass die Kinder wegen eines Fluchs verschwanden.

Der Doktor konnte sehen, wie der schmutzig gelbe Strahl der Piraten in das Haus eindrang. Er sprang aus der Droschke, rannte einen von Gaslaternen erhellten Gehweg entlang und die Stufen zu Nummer vierzehn hinauf. Die Tür war typisch viktorianisch: solide und jeder Rammbock-Schulter gewachsen.

Was ist mit meiner Biohybridhand?, dachte der Doktor und entschied, Aldridges Technologie auf die Probe zu stellen.

Ohne groß nachzudenken, schlug er mit seiner linken Hand gegen die Tür, und trotz der Umstände verspürte er eine gewisse Befriedigung, als das Metallschloss nachgab und das umliegende Holz zersplitterte. Einer seiner falschen Finger platzte auf wie ein zu heiß gewordenes Würstchen, aber der Doktor wusste, dass Aldridge das verstehen würde. Schließlich stand Susans Leben auf dem Spiel.

Er stürmte in den Hausflur und die Treppe hinauf, ohne nach rechts und links zu schauen. Die Piraten drangen immer direkt in die Schlafzimmer ein. Der Doktor wusste, wo die Kinder lagen, da unter der Tür ein helles Licht auf den Flur drang und er ein tiefes Summen hörte, das ihn an einen aufgeregten Bienenschwarm denken ließ.

Der Antigravitationsstrahl.

Ich komme zu spät. Meine arme Susan.

Mit fast schon animalischem Gebrüll warf der Doktor die Tür auf. Was er dann sah, brachte beinahe seine zwei Herzen zum Stillstand.

Das Schlafzimmer entsprach der Norm eines gehobenen Stadthauses in Kensington: gemusterte Samttapete, gerahmte Drucke an der Wand – und ein orangefarbener Strahl, der sich wie eine verschreckte Schlange aus dem Erkerfenster zurückzog. Vielleicht war der Strahl in der Welt außerhalb der des Doktors doch nicht ganz so typisch.

Susan wurde in die Luft gehoben und schwebte aus dem Fenster, ein verträumtes Lächeln auf ihrem zauberhaften jungen Gesicht.

»Großvater«, rief sie ihm zu. Ihre Bewegungen waren langsam, als wäre sie unter Wasser. »Ich habe Mami gefunden. Ich werde sie jetzt treffen, komm mit mir. Nimm meine Hand, Großvater.«

Fast hätte der Doktor die angebotene Hand ergriffen, aber dafür hätte er den Strahl betreten müssen, wie die besorgte Susan vor ihm. Und sobald er auch nur einen Atemzug innerhalb des Strahls machte, würde das Schlafmittel ihn ebenfalls beeinträchtigen. Selbst Time Lords konnten nicht ewig die Luft anhalten.

Hinter Susan sah der Doktor eine Gruppe weiterer im Strahl gefangener Gestalten.

Die Kinder und ihr Aufpasser. Ich muss sie alle retten. Ich muss das hier beenden, heute Abend noch.

Also wich der Doktor dem Strahl aus und ignorierte Susans Flehen, auch wenn es ihm das Herz brach. Er kletterte durch ein Seitenfenster auf das Dach, wo ein Seelenpirat bewaffnet mit einem großen Schwert stand und darauf wartete, mit dem Ende des Antigravitationsstrahls zu seinem Schiff zurückzukehren. Der Pirat war riesig, nackt bis zur Hüfte, und seine Haut bestand aus Transplantationen und Narben. Sein übergroßer Kopf war kahl bis auf eine geflochtene Strähne, die von seinem Schädel abstand wie ein Ausrufezeichen.

Mano-a-mano, dachte der Doktor grimmig. Aber dieser Pirat ist ein viel größerer Mano als ich.

3

Der Doktor und der Seelenpirat starrten einander über das feuchte Grau des Schieferdachs hinweg an. Der Wind schuf Wirbel aus dem Nebel, und über ihnen gähnte die Weite des Alls. Dem Doktor blies es die Mütze vom Kopf. Sie tanzte über die nächstgelegenen Dächer, bevor sie zehn Meter unter ihnen in einen Kohlenkeller fiel.

Wohin ich ihr wahrscheinlich schon bald folgen werde, erkannte der Doktor, aber er hatte keine andere Wahl, als diesen Piraten anzugreifen. Schließlich stand diese groteske Kreatur zwischen ihm und seiner Enkelin.

»Igby tötet Weißhaar«, stieß das Geschöpf zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor. Er schien sich selbst in der dritten Person und den Doktor anhand seiner Haarfarbe zu beschreiben, anstatt ihn etwa über die Existenz eines Mannes namens Igby und dessen Abneigung gegen weißes Haar in Kenntnis zu setzen.

»Lassen Sie Ihre Gefangenen frei«, rief der Doktor in den Wind. »Sie müssen so nicht leben. Sie könnten Frieden finden.«

Obwohl der Doktor Waffen immer verabscheut hatte, wünschte er sich in diesem Moment, den Piraten mit mehr als seinem Gehstock abwehren zu können.

»Ich mag Weißhaar. Er lustig«, rief Igby zurück, und seine dröhnende Stimme durchdrang den Sturm. »Komm sterben, alter Mann.«

Es ist ziemlich wahrscheinlich, dass ich genau das tun werde, dachte der Doktor unwillkürlich. Aber obwohl die Chancen schlecht für mich stehen, darf ich nicht verlieren. Manchmal geht es im Leben um mehr als die Wahrscheinlichkeit.

Der orangefarbene Antigravitationsstrahl pulsierte und brannte einen Zylinder durch den Londoner Nebel. In seinen Tiefen schwebten die Silhouetten träumender Entführter, die sich sicher waren, in ihren eigenen maßgeschneiderten Himmel zu fliegen.

Wackere Abenteurer, Baumkletterer. Helden, allesamt.

Wie lange würde ihr Traum anhalten? Wann erwachten sie in die Realität des Seelenpiratenschiffs?

Vorsichtig bewegte sich der Doktor vorwärts, entlang des rutschigen Dachfirsts. Dabei hielt er seinen Gehstock die ganze Zeit ausgestreckt vor sich. Sobald er hinter dem Schornstein hervorkam, drang die volle Kraft der Elemente mit Windböen und eisigem Regen auf ihn ein. Er bemühte sich, auf dem tückischen Dach sein Gleichgewicht zu behalten, und jedes Mal, wenn eine lose Dachpfanne herausrutschte und auf dem Kopfsteinpflaster unter ihnen zerschellte, wurde ihm die Gefahr wieder deutlich, in der er sich befand.

Als könnte man die vergessen.

Igby wartete auf ihn. In seinen Piratenaugen flackerte Mordlust, und er fuchtelte so gekonnt mit seinem Schwert herum, dass jede neue Bewegung den Optimismus des Doktors weiter dämpfte.

Dieses Wesen ist ein erfahrener Mörder. Ein Söldner. Wie soll ich, ein Pazifist mit einem Gehstock, auch nur darauf hoffen, ihn zu besiegen?

Die Antwort war offensichtlich.

Igby war ein Strahlenreiter, so viel verriet der schwache Orangeton seiner Haut. Die Färbung erinnerte (so man sich denn an die Zukunft erinnern konnte) den Doktor an die beißend giftige Schmiere, die sich die Damen des einundzwanzigsten Jahrhunderts im Namen der Bräune auf die Haut klatschten. Strahlenreiter waren immun gegen das Betäubungsmittel im Inneren des Antigrav-Strahls, aber die Dauerbelastung schadete ihrem IQ.

Also schien Igby nicht nur stark und schnell zu sein, sondern auch ein wenig dumm.

Also setze ich auf Taktik, dachte der Doktor.

Er musste das Unerwartete tun.

Sie näherten sich einander. Auf den ersten Blick war der Doktor vollkommen unterlegen. Igby war im besten Piratenalter und muskelbepackt. Er hatte vergoldete Zähne, und auf der breiten nackten Brust prangte eine Tätowierung mit dem Motto der Seelenpiraten: Wir geh’n nimmer an Land.

Der Doktor bemerkte, wie Igbys Schatten hin und her zuckte, und ihm wurde klar, dass sich der Antigravstrahl zum Schiff zurückzog. Wenn das geschah, wäre alle Hoffnung verloren. Selbst wenn Susan überlebte und er sie wiederfand, wäre sie eine andere – und ihr wunderbarer Geist gebrochen.

»Nein!«, rief er. »Das werde ich nicht zulassen.«

Igby lachte. Er schüttelte den Kopf, als wolle er einem unsichtbaren Freund bedeuten, dass der alte Mann vor ihm verrückt war. Doch dann bemerkte auch er, dass sich der Strahl zurückzog und er sich besser beeilte, wollte er nicht auf der Erde stranden.

»Tut leid, alter Mann. Kein Spiel jetzt, nur totmachen mit Schwert.«

Igby stürmte auf den Doktor zu, legte die Entfernung zwischen ihnen mit zwei großen Schritten zurück. Der Doktor hielt schützend seinen Gehstock vor sich, doch Igby schlug ihn mit seinem silbernen Armreif beiseite.

»Narr«, zischte Igby. Speichel tropfte zwischen den traurigen Überresten seiner Zähne hervor.

Er hob sein Schwert hoch in die Luft und ließ es mit erschreckender Wucht zum Kopf des Doktors niedersausen. Die Zeit der Subtilitäten war definitiv vorbei. Der Pirat hatte offenbar vor, einen der genialsten Frontallappen des gesamten Universums zu spalten. Obwohl der Doktor es nicht wissen konnte, war dieses Manöver Igbys Markenzeichen, und die auf seinen Armen eintätowierten Striche repräsentierten nicht die Anzahl der Tage, die er im Gefängnis verbracht hatte, sondern die der Köpfe, die er – von mindestens zwei Schiffskameraden bezeugt – bereits auf diese Weise gespalten hatte.

Erst während er ausholte, fiel Igby ein, dass er aktuell gar keine Kameraden als Zeugen dabeihatte. Also drehte er seinen Kopf zum Schiff, um zu überprüfen, ob vielleicht eine der Kameras auf ihn gerichtet war. Die Kamera sollte sein Gesicht ja gut einfangen, damit es später keine Diskussionen gab!

»Seht«, rief er in Richtung der Objektive. »Ich töte Weißhaar. Kein Problem.«

Igby spürte, wie die Klinge aufkam, aber irgendwie fühlte es sich dieses Mal anders an. So gar nicht nach Frontallappen-Spalten.

Er blickte wieder zum Doktor und musste überrascht feststellen, dass der alte Mann das Schwert mit der linken Hand aufgehalten hatte.

»Igby«, ächzte Igby. Es war das einzige Wort, das ihm in den Sinn kam.

Er riss an seinem Schwert, aber es befand sich fest im Griff der Biohybridhand des Doktors. Abermals zerrte Igby daran, diesmal mit all seiner beträchtlichen Kraft. Der Doktor wurde einen Augenblick lang vom Boden gehoben, dann gab das Polymer nach, das den Biohybridhandschuh mit seinem Armstumpf verbunden hatte und niemals für eine Rauferei auf Schiefer gedacht gewesen war. Es klang, als zerreiße ein Gummiband. Vom eigenen Schwung überrumpelt, stürzte Igby über den Rand des Dachs.

Der Doktor streckte seine nun nackten Keramikfinger nach dem Piraten aus, aber Igby befand sich schon außerhalb seiner Reichweite. Dem Pirat blieb nichts weiter, als auf das ihm entgegengestreckte Gliedmaß zu starren und die letzten Worte seines verabscheuungswürdigen Lebens zu äußern.

»Haken«, ächzte er, rutschte auf allen vieren vom Dach und purzelte in die Dunkelheit unter ihnen.

Der Doktor bedauerte jedweden Verlust von Leben, wie niederträchtig die Person auch gewesen sein mochte, aber er hatte jetzt keine Zeit, Igbys Tod zu betrauern. Der orangefarbene Traktorstrahl zog sich in die Wolke zurück und würde binnen weniger Sekunden außerhalb seiner Reichweite sein. Vielleicht war er das bereits.

Oh, ich wünschte, ich hätte mich bereits zu dem großen Kerl mit der schief sitzenden Fliege regeneriert, dachte der Doktor, der gelegentlich Visionen seiner zukünftigen Ichs hatte.Der ist immer so fit und gelenkig. Und sein ständiges Gerenne durch Korridore ... zukünftige Korridore ... mögliche Korridore meiner möglichen Zukunft ... scheint ja doch etwas zu nützen.

»Vermaledeite Ereignisabfolge«, rief er dem herzlosen Sturm zu. »Sollte man nicht zumindest eine vernünftige Option haben?«

Wenn der Sturm eine Antwort darauf hatte, behielt er sie für sich.

»Wohl nicht«, murmelte der Doktor. »Dann muss ich wohl die unvernünftige Option wählen.«

Bevor ihm sein Unterbewusstsein auf die Schliche kommen konnte und ihn aufzuhalten versuchte, trat er schnell an den Rand des nächstgelegenen Schornsteins und kletterte hinauf. Dabei trat er aus Versehen zwei Steine und ein Vogelnest los. Oben angelangt, sprang er direkt in das schwächer werdende Leuchten des Traktorstrahls.

4

Der Antigravitationsstrahl verschlang den Doktor. So musste es sich anfühlen, wenn man gefressen wurde. Tatsächlich fühlte es sich so an. Der Doktor war während eines Urlaubs am Rhondasee gleich zwei Mal von Blarphwalen verschluckt worden, die es unglaublich witzig fanden, Badegäste erst in ihrem Maul verschwinden zu lassen, um sie dann wieder aus ihren Blaslöchern zu pusten. Danach klatschten die Wale vor Begeisterung auf die Wasseroberfläche und lachten ihr armes Opfer aus. Die meisten Badegäste nahmen das aber relativ gelassen – wer wollte schon mit einem zwanzig Tonnen schweren Blarphwal Streit anfangen?

Der Doktor verschob diese Erinnerungen auf einen anderen Moment, in dem er nicht im Antigrav-Strahl einer Seelenpiratenfregatte gefangen war.

Ihm blieben nur noch wenige Momente klaren Bewusstseins, bevor ihn das Betäubungsmittel in einen friedlichen Schlaf lullen würde und es ihm vorkam, als stünden alle seine Träume kurz vor der Erfüllung. Er schüttelte sich, um wach zu bleiben, während er gleichzeitig den Atem anhielt.

Plötzlich war er wieder zurück auf Gallifrey, bei seiner Familie, endlich in Sicherheit.

»Das ist richtig«, sagte seine Mutter und lächelte ihn an. Ihr langes Haar strich über seine Stirn. »Bleib hier, mein kleiner Doktor. Bleib hier bei mir und erzähle mir Geschichten über die Welten, die du besucht hast. Ich möchte so gerne deine Geschichten hören.«

Sie ist so hübsch, dachte er. Genau wie in meiner Erinnerung.

»D’Arvit!«, fluchte der Doktor laut. »Ich werde betäubt.« Um wach zu bleiben, beschrieb er sich selbst, was um ihn herum geschah.

»Im Strahl sind sechs Seelen gefangen. Drei Kinder und drei Erwachsene, wobei Susan als Erwachsene zählt. Da bin ich mir allerdings gar nicht mehr so sicher, schließlich hat sie meine Anweisungen ignoriert. Alle sind körperlich gesund. Die Piraten brauchen Jugend und Stärke, um ihr Schiff anzutreiben. Ich kann Susans Gesicht nicht sehen, doch ich fühle ihre Freude. Ich frage mich, was sie in ihren Träumen sieht.«

Der Strahl bestand aus mehr als Licht. Er bot Widerstand, wenn man ihn berührte, und er war stark aufgeladen, damit er dichte Materie durchdringen konnte.

»Ich weiß, dass wir uns bewegen«, fuhr der Doktor fort, seine Reise zu schildern. »Und doch ist keine Bewegung zu erspüren. Nicht die geringste Reibung. Ich kann aufrichtig sagen, dass ich es trotz der bedrohlichen Umstände nie zuvor so bequem gehabt habe.«

Eine schmale Gestalt huschte vorbei, und der Doktor wusste selbst von diesem kurzen Blick, dass es sich um Susan handelte. Er erkannte sie so sicher wie ein Säugling die Stimme seiner Mutter.

»Susan, meine Liebe!«, rief er, wodurch er noch mehr kostbare Atemluft verschwendete. Doch Susan lächelte unbeeindruckt weiter und antwortete nicht.

Der Doktor erkannte an ihrem Gesichtsausdruck, wie optimistisch Susan das Universum sah, und ihm wurde klar, wie vollkommen sie in den Händen der Piraten zusammenbrechen würde. Das durfte er nicht zulassen.

Sie durchdrangen die verschiedenen Schichten einer Kumuluswolke, und als sie auf der anderen Seite wieder auftauchten, blickten sie auf die Sterne. Der zweite Stern links flackerte plötzlich, als der Tarnschild deaktiviert wurde. Wo gerade eben noch der Himmel zu sehen gewesen war, schwebte nun das klobige Mutterschiff der Piraten.

Es war eine mittelgroße Fregatte interplanetarer Klasse, und der Strahl führte zu einer speziell zu diesem Zweck modifizierten Landebucht. Die Unterseite des Schiffes war von vielen knappen Begegnungen mit Asteroiden und Gefechtsfeuer ganz verbeult. Der Doktor sah genau, an welcher Stelle erst vor Kurzem eine neue Hüllenplatte angebracht worden sein musste.

Eine Raumschleuse glitt auf. Der Antigrav-Strahl war so modifiziert worden, dass er direkt aus dem Raumschiff abgefeuert wurde. Dies erschwerte seine Kalibrierung immens, ermöglichte es den Seelenpiraten aber, ihre Opfer direkt in den Frachttraum zu befördern.

»Die Antigrav-Kanone feuert aus dem Frachtraum heraus«, sagte der Doktor. Er spürte, wie er den Kampf um sein Bewusstsein nach und nach verlor. »Die Gefangenen werden dort abgesetzt und stimmen häufig spontan und in perfektem Einklang die monzorianische Oper Grunt der Schwarzseher an.«

Lass das! Er versuchte, sich zusammenzureißen.Halte deine Sinne beieinander. Sag weiter, was du siehst.

»Das Schiff der Seelenpiraten funktioniert nach dem gleichen Prinzip wie diese verabscheuungswürdigen orthonischen Walfänger«, begann er und spürte seine Arme einschlafen. »Sobald sich die Gefangenen im Inneren befinden, werden sie vom Computer gescannt, und das Schiff entscheidet, wie man sie am besten verwertet. Die meisten werden an die Akku-Takelage angeschlossen, die ihnen ihre Elektrizität aussaugt, aber einige werden auch direkt zur Sektion geschickt, auseinandergenommen. Seelenpiraten sind Humanoide und stammen meist, aber nicht immer, vom Planeten Ryger. Ihre Körper sind äußerst robust und können alle Arten von Transplantaten akzeptieren, selbst von einer anderen Spezies wie den Erdlingen. Mit rechtzeitigen Transplantationen kann ein Pirat etwa drei- bis vierhundert Erdjahre alt werden.«

Die gigantischen Tore öffneten sich und saugten die Gefangenen in ein riesiges Schlachthaus. Von der Metalldecke hingen Reihen von Fleischerhaken, und zwei Piraten mit Plastikschürzen standen bereit, um die frische Ware mit Wasserwerfern abzuspritzen. Sie trugen gebogene Hitzeschwerter und die dazugehörigen Akkus an ihren Gürteln – für den Fall, dass der Computer eine sofortige Amputation empfahl.

Der Strahl wurde ausgeschaltet, und seine Fracht fiel in eine Grube auf dem Deck. Der Doktor vergewisserte sich, dass neben Susan und ihm selbst auch die vier anderen Gestalten dabei waren.

Sechs Personen, dachte er. Und diese Piraten sind in der Überzahl.

Sobald der letzte klebrige Rest des Antigrav-Strahls verschwunden war, drehten die Seelenpiraten ihre Schläuche auf und richteten sie auf ihre Opfer. Susan, der Doktor und die vier anderen in der Ecke der Grube verwandelten sich in ein Durcheinander aus Armen, Beinen und Torsos.

Die Piraten lachten. »Die so blöd!«, sagte einer. »Schau, ich spritze sie noch mal ab.«

Getroffen von gleich zwei harten Wasserstrahlen, konnte der Doktor kaum noch atmen. Er war praktisch blind und hätte sich nicht mal wehren können, wenn er es gewollt hätte. Aber er hatte das gar nicht vor. Hält dich dein Feind für bewusstlos, lass ihn in dem Glauben, bis du einen taktischen Vorteil siehst.

Oder einfacher gesagt: Spiele tot, bis sie näher kommen.

Der zweite Pirat ließ seinen Schlauch fallen und sah auf eine Computerkonsole mit großen bunten Knöpfen.

»Schiff sagt Piep, Gomb«, sagte er verwirrt. »Was bedeutet Piep?«

Was bedeutet Piep? Offenbar ließen die Piraten auf den unteren Decks die begriffsstutzigeren Kameraden arbeiten. Igby wahrscheinlich sogar unter dem untersten Deck.

Gomb befestigte die Schlauchdüse an einem speziellen Haken an seinem Gürtel und eilte zum Bildschirm.

»Besonderes Piep!«, rief er aus. »Wir haben Time Lords. Computer sagt Time Lords. Gehirne viele Geldstücke wert. Große wabblige Gehirne.«

Selbst vergraben unter einem Haufen Körper in einem Schlachthof, fühlte sich der Doktor beleidigt.

Von wegen wabbliges Gehirn.

Gomb starrte auf die betäubten Gefangenen. »Welche?«

»Mach sie auseinander«, ordnete sein Kamerad an. »Ich sage Käpt’n und bekomme vielleicht Flasche Grog für uns zwei. Du findest Time Lords.«

Der Doktor versuchte, seine Arme und Beine aus dem Gewirr von Körpern zu befreien, um gegebenenfalls kämpfen zu können, aber er steckte hoffnungslos fest. Er war nur einen Meter von Susans Gesicht entfernt. Ihre Augen waren wieder offen, und er konnte sehen, wie ihr Bewusstsein zurückkehrte.

Sie hat Angst, dachte er. Ich darf nicht zulassen, dass sie hier stirbt.

Aber noch war Susan nicht tot, genauso wenig wie er.

»Großvater«, flüsterte sie. »Was sollen wir nur tun?«

»Pssst«, flüsterte der Doktor sanft zurück. Er wünschte, er könnte sie irgendwie ermutigen, aber die Situation wurde höchstens noch schlimmer, bevor – falls! – sie sich besserte. »Träum noch eine Weile.«

Der Pirat Gomb sprang in die Grube hinunter. Er schlenderte über die geschlossene Raumschleuse dorthin, wo die wertvollen Time Lords mit ihren wabbligen Gehirnen warteten. Dann begann er in einem überraschend klaren Tenor zu singen, was ungefähr so unerwartet kam wie ein Lemming, der plötzlich über Quantenphysik referierte.

»Grog, Grog,

vergiss ihn bloß nicht,

er kuriert die Verstopfung

und macht ein Lächeln auf dein Gesicht.«

Dem Doktor kam der Gedanke, dass Gomb dieses Meisterwerk möglicherweise selbst verfasst hatte.

Macht ein Lächeln auf dein Gesicht?

Gomb griff nach dem Haufen aus Körpern und zog zwei schlafende Kinder heraus. Er legte sie nebeneinander und richtete ihre Kleidung.

»Ihr trefft jetzt Käpt’n«, sagte er. »Zeigt beste Seite, dann saugt er vielleicht nur eure Seele raus und zerhackt euch nicht.«

Der Pirat kehrte zum Haufen zurück und beugte sich über Susan.

Weiter kam er nicht, denn der Doktor griff nach oben und öffnete den Schlauch an Gombs Gürtel. Der Doktor hätte zwar einen präziseren Plan vorgezogen, aber wenn er den Wasserdruck des Schlauchs richtig eingeschätzt hatte, und vorausgesetzt, der Gürtel des Piraten riss nicht, sollte das Ergebnis für die Gefangenen günstig sein.

Man konnte es durchaus günstig nennen: Gomb hatte kaum Gelegenheit, zu begreifen, was geschah, als ihn der Druck des Wasserstrahls schon in die Höhe schleuderte, sich der Schlauch um ihn wickelte und ihn außer Sicht bewegte.

Der Doktor wusste, dass er nur Sekunden hatte, bevor jemand Alarm schlug. Wahrscheinlich standen sie bereits in diesem Moment unter Videobeobachtung.

Er kroch unter den schlafenden Menschen hervor und wandte sich an Susan.

»Meine Liebe«, sagte er und strich ihr sanft über das Gesicht, »bist du verletzt?«

»Nein«, erwiderte sie, aber sie hatte Angst. Der Doktor sah panische Erkenntnis in ihren Zügen, als sie auf die Fleischerhaken an der Decke starrte.

»Susan, hör mir zu«, sagte er und nahm ihr Gesicht in seine Hände – nun ja, eine Hand und eine Klaue. »Ich werde uns hier herausholen, aber ich brauche deine Hilfe. Verstehst du?«

Susan nickte. »Natürlich, Großvater. Ich helfe dir.«

»Gutes Mädchen. Zieh die anderen in die Mitte der Raumschleuse. Ins Innere des Kreises.«

»Ins Innere des Kreises.«

»So schnell, wie du kannst, Susan. Wir haben nur noch Sekunden, bevor die Verstärkung kommt.«

Susan begann damit, die anderen Gefangenen ins Innere des Kreises zu ziehen. Sie rutschten leicht über das glitschige Deck, sogar der Erwachsene in seiner Soldatenuniform.

Der durchnässte Mantel des Doktors war sehr schwer geworden, darum zog er ihn aus und eilte die Stufen zur Konsole hinauf. Die Steuerung war auf Rygerianisch. Der Doktor verstand das zwar einigermaßen, aber er änderte die Spracheinstellung doch lieber auf Erdenglisch. Vielleicht verschaffte ihnen das noch ein, zwei Sekunden Vorsprung.

Der Doktor hatte immer im Zwei-Finger-Suchsystem getippt, daher behinderte ihn seine Klaue nicht besonders. Er scannte das Schiff auf Gefangene, fand aber außer ihrer eigenen Gruppe niemanden. Die Opfer des Vortages waren wohl schon beseitigt worden, und diese Tatsache machte es dem Doktor viel leichter, die Maßnahme, die er zu ergreifen entschieden hatte, auch tatsächlich durchzuführen.

Er umging die primitiven Sicherheitscodes des Piratenschiffs und stellte die Parameter des Antigrav-Strahls und der Türsteuerung neu ein. Sobald der Computer seine neuen Kommandos akzeptiert hatte, dachte sich der Doktor ein so kompliziertes Passwort aus, dass es entweder zehn Jahre dauerte oder eines Wunders bedurfte, bis der Computer wieder zu komplexeren Aktivitäten als einer Runde Solitär fähig sein würde.

Die Piraten hatten keine zehn Jahre, und das Universum schuldete ihnen gewiss kein Wunder.

Susan war es gelungen, die Gefangenen auf den Kreis in der Mitte der Frachtschleusen zu zerren. Der Soldat versuchte aufzustehen, und das jüngste Kind, ein Junge, übergab sich auf seine eigenen Schuhe. Der Doktor nahm den Knaben in seine Arme, der protestierend aufschrie.

»Schnell«, sagte der Doktor. »Ihr alle müsst jetzt eure Hände auf mich legen.«

Er hätte genauso gut mit Affen reden können. Für diese Menschen verwandelte sich der Himmel soeben in eine Hölle. Wenn sie Glück hatten, erholte sich ihr Bewusstsein wieder davon, aber in diesem Moment konnte er schon froh sein, dass sie überhaupt noch atmeten.

Nur Susan war bei klarem Verstand. Sie schlang einen Arm um den Doktor, den anderen um den Soldaten und nahm einen Jungen und ein Mädchen, bei denen es sich möglicherweise um Zwillinge handelte, zwischen ihre Knie.

»Gutes Mädchen«, sagte der Doktor und hob den Jungen, der sich übergeben hatte, auf seine Schultern. »Das ist mein Mädchen.« Nun waren sie alle miteinander verbunden.

»Was auch immer passiert, unterbrecht auf keinen Fall den Kreis!«

Susan nickte und umarmte ihren Großvater fest. »Ich werde nicht loslassen.«

»Das weiß ich«, erwiderte der Doktor.

Sekunden vergingen. Hatte er den Countdown etwa zu lang eingestellt? Jeden Augenblick mochten die Piraten eintreffen. Tatsächlich kündigten Schritte im Korridor bereits an, dass dieser Augenblick nah war.

Ein Dutzend oder mehr Piraten stürmten in den Frachtraum und richteten ihre Waffen auf den Doktor und seine Begleiter. Aber sie schossen nicht. Warum sollten sie auch? Diese Gefangenen stellten die Arbeit einer ganzen Nacht dar. Anscheinend war es ihnen gelungen, Gomb zu überraschen, aber selbst ein Kastenteufel konnte diesen dämlichen Gomb überraschen. Und was sollten die Gefangenen jetzt schon tun? Sie waren in der Unterzahl, umstellt und unbewaffnet. Sie hatten keine andere Wahl, als ihr Schicksal zu akzeptieren.

Der Käpt’n drängte sich durch die Meute nach vorne. Er war ein besonders furchterregendes Exemplar. Drei Meter hoch, tief liegende funkelnde Augen und eine lange Narbe, die senkrecht über sein flaches graues Gesicht verlief.

»Der Time Lord«, brüllte er, und es klang, als habe jemand einem Rhinozeros das Sprechen beigebracht. »Wo ist der Time Lord?«

»Ich bin hier«, sagte der Doktor. Hektisch tastete er nach den Erdlingen, doch sie waren immer noch mit ihm verbunden.

Das Lachen des Käpt’ns klang ungewöhnlich schrill für eine solch große Person.

»Sie sind es, Doktor«, sagte er und berührte die Narbe in seinem Gesicht. »Sie hätten nicht wiederkommen sollen.«

Da bemerkte der Doktor, dass der Kapitän eine verschrumpelte Hand an einer Schnur um seinen Hals trug.

Das ist meine Hand, du Schuft!

Er begann, im Geiste von fünf herunterzuzählen. »Ich hatte noch eine Rechnung offen.«

»Das haben wir beide«, sagte der Käpt’n.

Normalerweise lag dem Doktor nicht viel an bissigen Erwiderungen, aber da dieser Käpt’n so eine widerwärtige Kreatur war, gönnte er es sich, das letzte Wort zu haben.

»Jetzt ist die Rechnung beglichen«, sagte er. Unter ihnen öffnete sich die Schleuse, und er und seine Begleiter fielen in die dunkle Nacht, dreitausend Meter über den flackernden Gaslaternen Londons.

Der Käpt’n war enttäuscht, dass er nicht die Gelegenheit bekam, die Organe des Doktors persönlich zu ernten. Doch der Time Lord war in ein paar Sekunden gewiss tot. Das heiterte ihn ein wenig auf. Nur eine kleine Sache machte ihm noch zu schaffen: Der Doktor hatte die Schleuse geöffnet. Hatte er vielleicht auch weitere Computereinstellungen verändert?

Der Käpt’n stürmte zur nächsten Konsole und wurde von einem komplizierten Text in einer fremden Sprache begrüßt, die in immer kürzer werdenden Wiederholungsschleifen über den Monitor lief.

»Doktor!«, brüllte er. »Was haben Sie getan?«

Wie um seine Frage zu beantworten, feuerte die Antigrav-Kanone einen kurzen Strahl durch die sich wieder schließende Raumschleuse. Es war nur ein Schuss, doch er streifte auf dem Weg ins All die Tore, bevor sie sich lautstark schlossen.

Da habe ich Glück gehabt, dachte der Käpt’n. Er dachte nicht Da haben wir Glück gehabt, denn er war ein selbstsüchtiger und tyrannischer Käpt’n, der seine gesamte Mannschaft an eine Körperfarm verkaufen würde, um sich ein paar zusätzliche Lebensminuten zu kaufen.

Denn wenn der Antigrav-Strahl jemals mit geschlossener Schleuse abgefeuert werden sollte, wäre dies das Ende des Schiffes.

Wieder schien es, als könne der Computer seine Gedanken lesen, denn er leitete jeden verbliebenen Energiefunken in die Kanone um – und feuerte direkt auf die versiegelten Tore.

Der Doktor und seine Begleiter stürzten gen Erde, auch wenn es sich eher so anfühlte, als würde London ihnen entgegeneilen. Niemand von ihnen hatte mehr Zeit zum Nachdenken. Ihre gesamte Existenz war auf den primitivsten aller Instinkte reduziert worden: zu überleben. Und wenn ihnen das gelang, wäre ihr Leben danach nie mehr das gleiche. Sie waren an den Abgrund getrieben worden, hatten hineingeblickt und es überlebt. Nur der Doktor blieb einigermaßen bei Sinnen, denn Nahtoderfahrungen waren mehr oder weniger seine Spezialität.

Sie stürzten als wilder Haufen, zusammengehalten von eisernen Handgriffen und ineinander verhakten Gliedmaßen. Irgendwo inmitten des Chaos kamen sich der Doktor und Susan Auge in Auge gegenüber. Der Doktor versuchte zu lächeln, aber sofort strömte Luft durch seine Lippen und blies seine Wangen auf.

Ich kann für meine wunderbare Enkelin nicht mal lächeln.

Aus dem Augenwinkel sah er eine orangefarbene Blüte im Himmel über ihnen.

Physik, lass mich jetzt nicht im Stich, dachte er. Dann: Die Physik kann mich nicht im Stich lassen, aber vielleicht habe ich mich verrechnet.

Die Blüte weitete sich aus und wurde zu einem Blitz, der mit zielsicherer Genauigkeit auf sie zuschoss, und hinter sich einen Vorhang aus Feenstaub herzog.

Der Doktor presste alle an sich, umarmte sie fest.

Leben oder Sterben. Jetzt entscheidet es sich.

Der Antigrav-Strahl hüllte die kleine Gruppe ein und verlangsamte ihren Fall. Der Doktor fand sich auf dem Rücken schwebend wieder. So konnte er gut beobachten, wie das Piratenschiff neben einer großen Wolkenbank starke Schlagseite bekam. Acht Decks verwundetes Metall.

Sie haben es nicht besser verdient, sagte er sich selbst. Ich rette damit das Leben von Kindern und räche noch viel mehr.

Dennoch wandte er sich ab, als der Antigrav-Strahl, den er darauf programmiert hatte, das Schiff von innen aufzufressen, die atomare Struktur der Fregatte veränderte, bis sich ihre Moleküle in Luft auflösten.

Susan umarmte ihn fest und weinte an seiner Schulter.

Sie würden überleben.

Sie würden es schaffen.

5

Aldridge war ein wenig überrascht.

»Der Doktor hat eine ganze Mannschaft von Seelenpiraten besiegt? Eigenhändig, wenn Sie mir die Anspielung gestatten?«

Susan schnippte gegen etwas auf Aldridges Werkbank, das wie eine Mini-TARDIS aussah.

»Ja, mein Großvater hat sich um sie gekümmert. Er hat den Antigrav-Strahl des Schiffes auf seine eigene DNA programmiert, damit er ihn und damit auch uns erfasst. Geradezu genial.«

Aldridge schob die winzige TARDIS aus Susans Reichweite. »Da drin befindet sich ein riesiger Oktohai, und ich glaube, ihm gefällt dieses Schnipsen nicht besonders.«

»Ein Oktohai, im Ernst?«

»Soweit ich weiß. Bitte fassen Sie hier nichts mehr an.«

Susan erzählte Aldridge von ihrem Abenteuer, während sie darauf wartete, dass der Doktor von seiner Operation erwachte.

»Also haben wir die Kinder wieder in ihr Haus zurückgebracht und den Soldaten draußen vor der Tür Wache halten lassen. Mit ein wenig Glück werden sie die ganze Episode als Albtraum ansehen.«

»Der Fluch ist gebrochen«, sagte Aldridge. »Ich habe keine Ahnung, warum diese Familie nicht einfach umgezogen ist. Es herrscht doch in London nicht gerade ein Immobilienmangel, besonders nicht für Reiche.«

Susan begann, Ringe von einem Tablett auf ihre Finger zu stecken. Irgendwann hatte sie dreißig Stück an einer einzigen Hand. »Sagen Sie mir, Mr Aldridge, wie funktioniert der Trick mit Ihren Bartborsten?«

Aldridge sträubte sich, wie immer, wenn das Gespräch auf dieses Thema kam.

»Der Trick ist Disziplin. Man muss nur üben und jeden Abend ein Glas stark verdünntes Gift trinken. Würden Sie jetzt bitte diese Ringe wieder auf das Tablett legen? Ich führe hier ein Geschäft, keinen Spielzeugladen.«

Aus dem Hinterzimmer ertönte ein Stöhnen, gefolgt von einem Hustenanfall.

»Wo ist sie?«, erklang die Stimme des Doktors. »Susan?«

Schnell zog Susan die Ringe ab und warf sie auf das Tablett.

»Es ist Großvater. Er ist wach.«

Sie eilte nach hinten. Der Doktor hatte sich auf seinem Feldbett bereits aufgerichtet. Er war umgeben von einer Sammlung hochentwickelter Instrumente, die als viktorianische Alltagsgegenstände getarnt waren.

Jemand hat mal versucht, eine von den Kommoden zu öffnen, hatte Aldridge Susan erzählt, um sie davon abzuhalten, seine Dinge zu berühren. Und sofort wurden ihm die Pobacken zusammengenäht.

»Ich bin hier, Großvater«, sagte Susan. »Alles in Ordnung.«

Die Panik des Doktors verschwand, als hätte ein Windstoß sie vertrieben.

»Gut, mein Kind. Gut. Ich hatte furchtbare Albträume von dem Narkosemittel. Jetzt wache ich auf, du bist da, und ich kann mich kaum noch daran erinnern, was das für Albträume waren.«

Aldridge erschien im Eingang. »Wie poetisch. Da muss ein alter Chirurg wie ich doch tatsächlich eine Träne verdrücken.«

Der Doktor warf ihm einen bösen Blick zu. »Ich nehme an, die Transplantation war ein Erfolg, Aldridge?«

»Diese Hand wird länger leben als Sie. Immer vorausgesetzt, Sie lassen sie sich nicht von einem Piraten abschneiden.«

Der Doktor hob seine linke Hand und untersuchte sie. Die einzige Spur der Operation war ein dicker rosafarbener Strich um das Handgelenk.

»Die Sache war ziemlich knapp«, sagte Aldridge. »Sie wären zwei Mal fast regeneriert.«

»Hmmm«, erwiderte der Doktor, und dann: »Hmmmmmm.«

Aldridge stieß Susan mit dem Ellbogen an. »Das macht er immer, wenn er nach Fehlern sucht, aber keine findet, oder?«

Der Doktor setzte sich auf, kam auf die Beine und streckte Susan seine Hand für eine Inspektion entgegen.

»Sag mir, Enkelin, was denkst du?«

Susan zwickte seinen Handteller und zog der Reihe nach an den Fingern.

»Ganz ehrlich, Großvater«, sagte sie. »Sie wirkt auf mich ein wenig groß.«

EPILOG

In jener bitteren Nacht, während der Doktor auf einem Dach nahe dem Hyde Park gegen Igby kämpfte, saß ein Mann allein auf einer Bank in Kensington Gardens. Er hatte ein trauriges Gesicht, eine hohe Stirn und große freundliche Augen.

Von Beruf war er Autor. Er hatte ein wenig Erfolg am Theater gehabt, aber ihm fehlte die eine magische Idee, die ihn in den Status seines Freundes Arthur Conan Doyle erheben mochte.

Der junge Autor zupfte an seinem Schnurrbart, eine nervöse Angewohnheit, und suchte im sternbedeckten Himmel nach Inspiration. Was er dort sah, dauerte nur einen Augenblick, und er würde sich später oft fragen, ob es tatsächlich geschehen war oder ihm seine Fantasie einen Streich gespielt hatte, um ihm den Weg literarischer Unsterblichkeit zu weisen.

Denn was er zu sehen glaubte, war dies:

Kinder, die von Sternstaub umgeben in die Nacht flogen.

Zwei Personen, die auf einem Dach miteinander kämpften.

Einer von ihnen war vielleicht ein Pirat, und der andere schien einen Haken als Hand zu haben.

Etwa eine halbe Stunde lang saß der Autor staunend da, bis die Kälte durch den Stoff seiner Hose drang. Dann zog er ein paar Fetzen Papier aus seiner Tasche, kaute auf seinem Bleistift herum und begann zu schreiben.

DER ZWEITE DOKTOR:

Die namenlose Stadt

MICHAEL SCOTT

Ins Deutsche übertragen von Christian Humberg

PROLOG

Inzwischen sind wir alt.

Unser Alter misst sich nicht in Jahrhunderten, Jahrtausenden oder gar Äonen.

Wir sahen den Aufstieg und den Fall ganzer Sonnensysteme. Wir beobachteten die Regungen von Galaxien. Einmal wohnten wir sogar dem Tod des gesamten Universums bei, kurz bevor es wiedergeboren wurde, voller Musik und Licht.

Vor dem Doktor, vor dem Master, vor Gallifrey und den Time Lords beherrschte unsere Spezies das Universum. Doch das war vor langer Zeit. Inzwischen sind wir nur noch wenige.

Der Rest unseres Volkes verblasste, seine Atome verteilten sich zwischen den Sternen. Wir aber klammerten uns an eine Art von Dasein, tanzten zur Musik der Sphären. Unser Zorn hielt uns am Leben, und unser Hass nährte uns. Die Rache wird unser sein. Wir werden erneut herrschen.

Wir sind die Weltenverschlinger, die Letzten der Alten.

Wir sind die Archons.

Entschlüsseltes Datenfragment, geborgen aus den Aufzeichnungen der TARDIS.

1LONDON, 1968

Ein Schrei, schrill und voller Angst.

Das Geräusch ging fast unter im Lärm des Samstagnachmittagsverkehrs und der Menge, die über die Charing Cross Road drängte. Nur wenige Personen hoben den Blick, suchten und zogen, da sie nichts entdeckten, gleich weiter.

Ein zweiter Schrei erklang, fast vollends verschluckt vom Gehupe der Autos.

Einzig ein großer, dunkelhaariger junger Mann versuchte weiterhin, die Quelle des Geräuschs auszumachen. Er stand vor einem heruntergekommen wirkenden Antiquariat, hatte den Kopf seitlich geneigt und die Augen halb geschlossen. Er lauschte aufmerksam. Kein Passant achtete auf ihn, und da dies London war, wo sich die Mode ständig veränderte, störte sich auch niemand an seinem übergroßen schwarzen Rollkragenpullover oder dem rot gemusterten schottischen Kilt mit Felltasche.

Der junge Mann bediente sich eines Tricks, den sein Vater ihm beigebracht hatte, als sie in den Highlands Moorhühner gejagt hatten. Er konzentrierte sich auf die Geräusche – zunächst auf die Pkw und Busse, dann auf die Schritte auf dem Bürgersteig, die Rufe und das Gelächter – und blendete sie eines nach dem anderen aus. Er suchte nach etwas, das nicht der Norm entsprach, etwas Seltsames, Fremdes. Etwas wie …

Das Klatschen von Leder gegen Stein.

Es war hinter ihm erklungen.

Mit schnellen Bewegungen folgte er dem Geräusch. Es führte ihn an eine abgelegene, mit Kopfstein gepflasterte Gasse. Sie schien leer, doch er wusste genau, dass ein so schmaler Durchgang jedweden Laut verstärken musste. Also huschte er hinein und blinzelte, bis sich seine Augen an das Dämmerlicht gewöhnt hatten. Erst dann zog er weiter. Die Gasse bog sich leicht nach links, und er war kaum um die Biegung, als er die Quelle des Geräuschs ausmachte.

Ein graubärtiger Mann lag auf den schmutzigen Steinen, umgeben von alten, in Leder gebundenen Büchern. Ein Hüne mit schmierigem Haar stand über ihn gebeugt und durchwühlte einen abgewetzten Beutel, zog Bücher heraus und warf sie achtlos beiseite.

»Bitte …«, stöhnte der Alte, wann immer ein neuer Band auf dem Boden aufschlug. »Bitte geben Sie acht.«

»Wo ist das Geld?«, knurrte der Hüne. »Die Einnahmen aus dem Laden?«

»Es gibt keine«, antwortete der Alte schnell. »Wir verkaufen antiquarische Bücher. Und an manchen Tagen verkaufen wir kein einziges …«

»Ich glaub dir kein Wort. Leer deine Taschen aus.«

»Nein«, sagte der alte Mann trotzig.

Der Dieb lächelte, und hinter seinen dünnen Lippen kamen gelbe Zähne zum Vorschein. »Oh doch.«

In dem jungen Schotten stieg der Zorn auf. Er wusste, dass er sich nicht einmischen sollte; man hatte ihn mit einer wichtigen Mission betraut, und er hatte Pünktlichkeit versprochen. Doch er war auch mit einem strengen Ehrenkodex aufgewachsen. Er glaubte fest daran, dass die Schwachen Schutz und die Alten Respekt verdienten. Also schlich er vor, dicht an die Wand gepresst und mit Schuhen aus weichem Leder, die auf dem Pflaster lautlos blieben.

»Die Taschen leeren, hab ich gesagt.« Der Dieb warf den Beutel zur Seite und sah zu dem am Boden liegenden Mann hinab.

Plötzlich hallte ein Laut durch die Stille, ein gutturales Knurren, das den Dieb reglos erstarren ließ. Aus dem Augenwinkel wurde er sich eines Schattens bewusst, just als ihn ein Schlag gegen die Rippen an die Wand taumeln ließ. Sein Kopf stieß gegen kaltes Mauerwerk, und rotblaue Sterne tanzten vor seinen Augen, als er in die Knie ging. Der Dieb blinzelte und sah eine Gestalt in rotem Rock – nein, im Kilt – vor sich Kontur annehmen. Sofort stemmte er sich hoch, holte ungeschickt aus, doch irgendetwas traf ihn mitten auf der Brust und warf ihn erneut zurück. Er prellte sich den Steiß, als sein Gesäß aufs Pflaster plumpste.

»Wenn Sie wissen, was gut für Sie ist, suchen Sie jetzt das Weite. Und drehen sich nicht mehr um.«

Der Schotte hatte nur geflüstert, doch die Drohung in seinen Worten war eindeutig. Der Dieb schlang beide Arme um die schmerzende Brust und floh, erst langsam, dann aber immer schneller.

Der Schotte kniete sich hin, reichte dem alten Mann die Hand und half ihm sanft in eine sitzende Position. »Sind Sie verletzt?«

»Nur mein Stolz … und meine Hose.« Der Grauhaarige kam mühsam auf die Beine und wischte sich über die Stirn. »Und meine armen Bücher.« Er bückte sich nach ihnen, doch der Schotte sammelte die verstreut liegenden Folianten bereits ein. »Sie sind sehr tapfer«, sagte der Alte, und sein tiefer Bass hallte von den Gassenwänden.

»Na, ich konnte doch nicht einfach weiterziehen, oder?«

»Doch, das hätten Sie gekonnt. Andere haben es getan.« Der alte Mann streckte eine mit Leder behandschuhte Hand aus. »Danke. Ich danke Ihnen vielmals.« Er lächelte in seinen akurat gestutzten, aschgrauen Bart. Dunkle, neugierige Augen unter buschigen Brauen. »Ich bin Professor Thascalos.«

»Jamie. Jamie McCrimmon.«

»Ein Schotte. Mir war doch gleich, als hätte ich einen gälischen Kampfruf gehört. Creag an tuire? Was bedeutet das? Der Eberfelsen?«

Jamie reichte ihm die Bücher. »Soll das heißen, mein Kilt war nicht schon Hinweis genug?«, fragte er grinsend zurück.

Der Alte lächelte. »Ach, die Moden heutzutage …« Er zuckte mit den Schultern. »Wer weiß schon, was die jungen Leute gerade so tragen.«

Jamie hielt den Beutel auf, während der Mann jedes Buch einzeln abwischte und sie sorgfältig hineinlegte. Einige der ledernen Einbände hatten Schaden genommen, als sie aufs Pflaster geschlagen waren, und ein Umschlag hatte sich gänzlich gelöst.

»Waren Sie beim Militär?«, fragte der Professor.

Jamie schüttelte den Kopf. »Das nicht.«

»Sie haben gehandelt wie ein Soldat«, fand Professor Thascalos. »Ein Schrei in letzter Sekunde, der den Gegner verwirrt, dann ein überwältigender Angriff. So etwas bedarf einiger Erfahrung. Sie waren in Schlachten verwickelt.«

Der junge Schotte nickte knapp. »Aye, aber das ist lange her.« Mit einem Mal kam sein Akzent stärker durch. »Und es endete nicht gut.« Er verschwieg, dass seine letzte Schlacht über zweihundertzwanzig Jahre zurücklag. Stattdessen reichte er dem Professor einfach das letzte Buch. »Sind die Schäden schlimm?«

»Das Gröbste lässt sich neu binden. Ich hätte diese Gasse gar nicht erst betreten sollen, aber sie ist eine Abkürzung zu meinem Laden. Ich bin Buchhändler auf der Charing Cross Road.« Hier hob er seinen Beutel an. »Nun, das dachten Sie sich bestimmt schon.«

»In der Tat.« Jamie grinste. »Erstatten Sie Anzeige bei der Polizei?«

»Selbstverständlich.«

»Dann ziehe ich mal weiter, sofern Sie jetzt zurechtkommen.«

Der Professor griff in eine Innentasche und zog eine Börse hervor. »Moment, ich will Ihnen etwas …« Er hielt inne, als er Jamies Blick bemerkte. »Gut, dann also kein Geld. Aber trotzdem …« Nun wühlte er in seinem Beutel und fand ein dünnes, in schwarze Seide gewickeltes Bändchen.

»Ich will keinen Lohn.«