Coraline - Neil Gaiman - E-Book

Coraline E-Book

Neil Gaiman

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4,99 €

Beschreibung

Coraline ist mit ihren Eltern in ein düsteres altes Haus gezogen. Die Nachbarn sind reichlich merkwürdig: Der verrückte Herr mit Schnurrbart erzählt von seinem Mäusezirkus, die schrulligen Schauspielerinnen warnen sie vor dem tiefen Brunnen im Garten. Eines Tages stößt sie im Haus auf eine zugemauerte Tür. Und sieht dort dunkle Schatten verschwinden. Was verbirgt sich dahinter?

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Neil Gaiman

Coraline

Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold

 

 

Neil Gaiman, 1960 in Portchester (England) geboren, wurde durch seine Comic-Serie »Der Sandman« bekannt. Er gilt als einer der wichtigsten Autoren der Postmoderne. Seine Romane und Comics sind mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet worden, unter anderem 2009 mit der hoch angesehenen Newbery Medal für

Für Holly habe ich damit angefangen und es für Maddy beendet.

Veröffentlicht als E-Book 2010 © 2002 Neil Gaiman Published by arrangement with Neil Gaiman Deutschsprachige Ausgabe © 2003 Arena Verlag GmbH, Würzburg Alle Rechte vorbehalten Dieses Werk wurde vermittelt durch die literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30827 Garbsen Aus dem amerikanischen Englisch von Cornelia Krutz-Arnold

Märchen sind mehr als nur wahr – nicht deshalb, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen, dass man Drachen besiegen kann.

 

G.

1.

Kurz nach dem Umzug entdeckte Coraline in dem Haus, in das sie gezogen waren, die Tür.

Das Haus war schon sehr alt. Unter dem Dach hatte es eine Mansarde und tief unten im Boden einen Keller und es gehörte ein überwucherter Garten mit riesigen alten Bäumen dazu.

Coralines Familie besaß nicht das ganze Haus – dafür war es zu groß. Ihnen gehörte nur ein Teil davon.

Es gab noch andere Leute, die in dem alten Haus wohnten.

In der Wohnung unter Coraline, im Erdgeschoss, wohnten Miss Spink und Miss Forcible. Beide waren alt und rund und sie lebten in ihrer Wohnung mit einer ganzen Reihe von alternden weißen Terriern, die Namen wie Hamish und Andrew und Jock hatten. Früher einmal waren Miss Spink und Miss Forcible Schauspielerinnen gewesen, wie Miss Spink Coraline gleich bei ihrer ersten Begegnung erzählt hatte.

»Du musst nämlich wissen, Caroline«, sagte Miss Spink und brachte Coralines Namen durcheinander, »sowohl ich als auch Miss Forcible waren zu unserer Zeit berühmte Schauspielerinnen. Wir standen auf den Brettern, die die Welt bedeuten, Herzchen. Ach, gib Hamish nichts von dem englischen Kuchen, sonst kriegt er wieder Bauchschmerzen und kann die ganze Nacht lang nicht schlafen.«

»Ich heiße Coraline. Nicht Caroline. Coraline«, sagte Coraline.

In der Wohnung über der von Coraline, unterm Dach, wohnte ein verrückter alter Herr mit einem großen Schnurrbart. Er erzählte Coraline, dass er einen Mäusezirkus trainierte. Den durfte aber niemand sehen.

»Eines Tages, kleine Caroline, wenn sie alle so weit sind, wird jeder auf der Welt die Wunder meines Mäusezirkus sehen. Du willst wissen, warum du ihn jetzt noch nicht sehen kannst. Darum hattest du mich doch gebeten?«

»Nein«, sagte Coraline leise. »Ich hatte Sie gebeten, mich nicht Caroline zu nennen. Ich heiße Coraline.«

»Es gibt einen Grund dafür, dass du den Mäusezirkus jetzt noch nicht sehen kannst«, sagte der Herr von oben. »Die Mäuse sind noch nicht so weit, haben ihre Kunststücke noch nicht eingeübt. Außerdem weigern sie sich, die Lieder zu spielen, die ich für sie geschrieben habe. Die Lieder, die ich den Mäusen geschrieben habe, gehen alle humba-wumba. Aber die weißen Mäuse spielen immer nur didel-düdel, so was in der Art. Ich hab mir schon überlegt, ob ich es mal mit anderen Käsesorten probieren soll.«

Coraline glaubte nicht daran, dass es wirklich einen Mäusezirkus gab. Bestimmt hatte sich der alte Mann das alles nur ausgedacht.

Als sie eingezogen waren, ging Coraline gleich am nächsten Tag auf Entdeckungsreise.

Sie machte einen Erkundungsgang durch den Garten. Der Garten war groß – ganz hinten war ein alter Tennisplatz, aber niemand im Haus spielte Tennis, der Zaun um ihn herum hatte Löcher und das Netz war so verrottet, dass der größte Teil davon fehlte. Es gab einen alten Rosengarten mit kümmerlichen, verlausten Rosensträuchern; einen Steingarten, der nur aus Steinen bestand, und einen Feenring aus matschigen braunen Pilzen, die einen entsetzlichen Gestank verbreiteten, wenn man versehentlich drauftrat.

Außerdem gab es noch einen Brunnen. Miss Spink und Miss Forcible war es sehr wichtig gewesen, Coraline bei ihrem Einzug gleich am ersten Tag darauf hinzuweisen, wie gefährlich der Brunnen war, und sie ermahnten sie eindringlich, sich von ihm fernzuhalten. Also zog Coraline los, um ihn zu erkunden, damit sie wusste, wo er war, und sich auch ordentlich von ihm fernhalten konnte.

Am dritten Tag entdeckte sie ihn hinter einer Baumgruppe auf einer wild wuchernden Wiese neben dem Tennisplatz – ein niedriger Kreis aus Backsteinen, der vom hohen Gras fast verborgen wurde. Der Brunnen war mit Brettern abgedeckt, damit niemand hineinfiel. Eins der Bretter hatte ein kleines Astloch und Coraline verbrachte einen ganzen Nachmittag damit, Kieselsteine und Eicheln durch das Loch zu werfen und zu warten und zu zählen, bis sie das Plopp hörte, mit dem die Sachen tief unten auf dem Wasser aufschlugen.

Außerdem ging Coraline auf Entdeckungsreise nach Tieren. Sie fand einen Igel und eine Schlangenhaut (aber keine Schlange) und einen Stein, der genau wie ein Frosch aussah, und eine Kröte, die genau wie ein Stein aussah.

Dann gab es noch einen hochmütigen schwarzen Kater, der auf Mauern und Baumstümpfen saß und sie nicht aus den Augen ließ, aber gleich davonhuschte, wenn sie zu ihm ging und mit ihm spielen wollte.

So brachte sie die ersten beiden Wochen im neuen Haus zu – mit der Erkundung von Garten und Gelände.

Ihre Mutter verlangte, dass sie zum Abendessen und auch zum Mittagessen ins Haus kam. Und Coraline musste sich warm einpacken, bevor sie hinausging. Der Sommer war in diesem Jahr nämlich sehr kalt. Aber sie ging hinaus und machte jeden Tag ihre Erkundungsgänge, bis es eines Tages regnete und sie im Haus bleiben musste.

»Was soll ich nur machen?«, fragte Coraline.

»Lies doch ein Buch«, sagte ihre Mutter. »Schau dir ein Video an. Spiel mit deinen Spielsachen. Geh zu Miss Spink oder Miss Forcible und fall ihnen auf die Nerven. Oder dem verrückten alten Herrn von oben.«

»Nein«, sagte Coraline. »Dazu hab ich keine Lust. Ich will auf Entdeckungsreise gehen.«

»Mir ist es eigentlich ganz egal, was du machst«, sagte Coralines Mutter, »solange du kein Durcheinander anrichtest.«

Coraline trat ans Fenster und sah zu, wie der Regen herunterprasselte. Das war nicht so ein Regen, bei dem man ins Freie gehen konnte – es war die andere Art Regen, so ein Regen, der sich vom Himmel herabstürzte und mit lautem Platschen aufspritzte, wenn er auf dem Boden landete. Es war ein Regen, der seine Aufgabe ernst nahm, und zur Zeit bestand seine Aufgabe darin, den Garten in eine nasse, matschige Suppe zu verwandeln.

Inzwischen hatte Coraline sämtliche Videos angeguckt. Ihre Spielsachen waren langweilig und ihre Bücher hatte sie alle schon ausgelesen.

Sie machte den Fernseher an und schaltete von einem Programm zum anderen, aber auf allen Sendern kamen nur Talkshows oder Männer in Anzügen, die über die Börsenkurse redeten. Schließlich fand sie dann doch etwas Sehenswertes: die letzte Hälfte einer Natursendung über etwas, das Tarnfarbe hieß. Coraline sah alle möglichen Tiere, Vögel und Insekten, die sich als Blätter, Zweige oder andere Tiere tarnten, um denen zu entkommen, die ihnen Schaden zufügen konnten. Das gefiel ihr, aber die Sendung war nur allzu bald vorbei und danach kam etwas über eine Kuchenfabrik.

Es wurde Zeit, dass sie mit ihrem Vater sprach.

Coralines Vater war zu Hause. Ihre Eltern waren beide berufstätig. Sie machten irgendwas am Computer, was bedeutete, dass sie viel zu Hause waren. Beide hatten ein eigenes Arbeitszimmer.

Ohne sich umzudrehen, sagte er: »Hallo, Coraline«, als sie hereinkam.

»Hmpf«, sagte Coraline. »Es regnet.«

»Ja«, sagte ihr Vater. »Es gießt in Strömen.«

»Nein«, sagte Coraline. »Es regnet einfach nur. Kann ich nach draußen?«

»Was sagt deine Mutter dazu?«

»Sie sagt: Bei so einem Wetter gehst du mir nicht vor die Tür, Coraline Jones.«

»Dann nicht.«

»Aber ich möchte mit meinen Erkundungsgängen weitermachen.«

»Dann erkunde doch die Wohnung«, schlug ihr Vater vor. »Schau her – hier sind ein Blatt Papier und ein Stift. Zähl sämtliche Türen und Fenster. Leg eine Liste von allem an, was blau ist. Unternimm eine Expedition, um den Heißwassertank zu entdecken. Und lass mich in Ruhe arbeiten.«

»Darf ich in die gute Stube?«

Die gute Stube war das Zimmer, in dem die Familie Jones die teuren (und unbequemen) Möbel verwahrte, die ihnen Coralines Großmutter vermacht hatte, als sie starb. Coraline durfte dort nicht hinein. Niemand betrat die gute Stube. Sie war nur für besondere Anlässe da.

»Wenn du kein Durcheinander machst. Und nichts anfasst.«

Coraline dachte gründlich darüber nach, dann nahm sie Papier und Stift und machte sich daran, die Wohnung zu erkunden.

Sie entdeckte den Heißwassertank (er war in einem Schrank in der Küche).

Sie zählte alles, was blau war (153).

Sie zählte die Fenster (21).

Sie zählte die Türen (14).

Von den Türen, die sie fand, gingen dreizehn auf und zu. Die andere – eine große, mit Schnitzereien verzierte braune Holztür in der hintersten Ecke der guten Stube – war abgeschlossen.

Sie fragte ihre Mutter: »Wohin führt diese Tür?«

»Nirgendwohin, mein Schatz.«

»Sie muss doch irgendwohin führen.«

Ihre Mutter schüttelte den Kopf. »Schau her«, sagte sie zu Coraline.

Sie langte hoch und holte oben vom Rahmen der Küchentür einen Schlüsselbund. Sorgfältig ging sie die Schlüssel durch und wählte den ältesten, größten, schwärzesten und rostigsten aus. Sie gingen in die gute Stube. Dort schloss sie mit dem Schlüssel die Tür auf.

Jetzt ließ sich die Tür öffnen.

Ihre Mutter hatte recht. Die Tür führte nirgends hin. Dahinter war eine Wand aus Backsteinen.

»Als das Haus noch von einer einzigen Familie bewohnt wurde«, sagte Coralines Mutter, »führte die Tür irgendwohin. Dann wurde das Haus in Wohnungen unterteilt und da hat man sie einfach zugemauert. Dahinter liegt die leere Wohnung auf der anderen Hausseite. Die Wohnung, die noch zu verkaufen ist.«

Sie machte die Tür wieder zu und legte den Schlüsselbund oben auf den Rahmen der Küchentür zurück.

»Du hast nicht abgeschlossen«, sagte Coraline.

Ihre Mutter zuckte mit den Schultern. »Wozu auch?«, fragte sie. »Sie führt ja nirgends hin.«

Coraline sagte nichts dazu.

Draußen war es jetzt schon fast dunkel und es regnete immer noch. Der Regen prasselte an die Fensterscheiben und ließ das Scheinwerferlicht der Autos draußen auf der Straße verschwimmen.

Coralines Vater hörte auf zu arbeiten und bereitete für sie alle das Abendessen zu.

»Daddy«, sagte Coraline voller Abscheu, »du hast ja schon wieder ein Rezept gemacht.«

»Es ist ein Lauch-und-Kartoffel-Auflauf, garniert mit Estragon und geschmolzenem Gruyèrekäse«, gab er zu.

Coraline seufzte. Dann ging sie zur Tiefkühltruhe und holte Pommes frites für die Mikrowelle und eine Mikrowellen-Minipizza heraus.

»Du weißt doch, dass ich keine Rezepte mag«, sagte sie zu ihrem Vater, während ihr Abendessen sich immer rundum drehte und die kleinen roten Zahlen an der Mikrowelle ihren Countdown bis zur Null machten.

»Vielleicht würde es dir schmecken, wenn du’s mal probieren würdest«, sagte Coralines Vater, aber sie schüttelte den Kopf.

Später am Abend lag Coraline wach im Bett. Es hatte aufgehört zu regnen und sie war schon fast eingeschlafen, als etwas t-t-t-t-t-t machte. Sie setzte sich im Bett auf.

Etwas machte krieeeeee. . .

. . .kraaaax.

Coraline stieg aus dem Bett und schaute den Flur hinunter, konnte aber nichts Ungewöhnliches entdecken. Sie ging den Flur entlang. Aus dem Elternschlafzimmer drang leises Schnarchen – das war ihr Vater – und gelegentlich ein Gebrummel im Schlaf – das war ihre Mutter.

Coraline fragte sich schon, ob sie das alles nur geträumt hatte, was immer es auch gewesen sein mochte.

Etwas bewegte sich.

Es war kaum mehr als ein Schatten und es huschte schnell durch den abgedunkelten Flur, wie ein kleines Fleckchen Nacht.

Sie konnte nur hoffen, dass es keine Spinne war. Spinnen lösten bei Coraline äußerstes Unbehagen aus.

Das schwarze Ding verschwand in der guten Stube. Etwas nervös ging Coraline ihm nach.

Der Raum lag im Dunkeln. Das einzige Licht kam vom Flur und als Coraline in der Tür stand, warf sie einen gewaltigen, verzerrten Schatten auf den Teppich in der guten Stube – sie sah aus wie eine dürre Riesenfrau.

Während Coraline noch überlegte, ob sie Licht machen sollte oder nicht, sah sie das schwarze Ding langsam unter dem Sofa hervorkriechen. Es hielt inne und sauste dann lautlos über den Teppich in die hinterste Zimmerecke.

In dieser Ecke standen keine Möbel.

Coraline machte das Licht an.

In der Ecke war nichts. Nur die alte Tür, die zu der Backsteinmauer führte.

Coraline war sich ganz sicher, dass ihre Mutter die Tür zugemacht hatte, aber jetzt stand sie ein klein wenig offen. Nur einen Spalt. Sie ging hin und schaute hindurch. Es war nichts da – nur die Mauer aus roten Backsteinen.

Sie machte die alte Holztür zu, knipste das Licht aus und ging wieder ins Bett.

Coraline träumte von schwarzen Gestalten, die das Licht scheuten und hierhin und dorthin huschten, bis sie alle zusammen unter dem Mond versammelt waren. Kleine schwarze Gestalten mit kleinen roten Augen und spitzen gelben Zähnen.

Sie fingen an zu singen.

»Wir sind klein, doch sind wir viele. Wir sind viele, wir sind klein. Wir waren schon da, bevor du dich erhobst, Und werden nach deinem Sturz noch hier sein.«

Ihre Stimmen waren hoch und raunend und ein leichtes Jaulen lag in ihnen. Sie lösten ein unbehagliches Gefühl in Coraline aus.

Dann träumte Coraline ein paar Werbespots und danach träumte sie überhaupt nichts mehr.

2.

Am nächsten Tag regnete es nicht mehr, aber ein dicker, weißer Nebel hatte sich über das Haus herabgesenkt.

»Ich mach einen Spaziergang«, sagte Coraline.

»Geh nicht zu weit«, sagte ihre Mutter. »Und pack dich warm ein.«

Coraline zog ihren blauen Mantel mit Kapuze an und ihre gelben Gummistiefel und sie band sich ihren roten Schal um.

Sie ging hinaus.

Miss Spink führte ihre Hunde aus. »Hallo, Caroline«, sagte Miss Spink. »So ein Mistwetter.«

»Ja«, sagte Coraline.

»Einmal habe ich die Portia gespielt«, sagte Miss Spink. »Miss Forcible redet dauernd von ihrer Ophelia, aber die Leute kamen herbeigeströmt, um meine Portia zu sehen. Als wir noch beim Theater waren.«

Miss Spink war so dick in Pullover und Jacken eingemummelt, dass sie noch kleiner und runder wirkte als sonst. Sie sah wie ein großes, flauschiges Ei aus. Die dicken Gläser der Brille, die sie trug, ließen ihre Augen riesengroß erscheinen.

»Sie haben mir Blumen in die Garderobe geschickt. Das haben sie wirklich gemacht«, sagte sie.

»Wer hat das gemacht?«, fragte Coraline.

Miss Spink sah sich vorsichtig um, schaute erst über die eine und dann über die andere Schulter und lugte in den Nebel, als könnte sie womöglich jemand belauschen.

»Männer«, flüsterte sie. Dann zog sie an der Leine, damit die Hunde bei Fuß liefen, und watschelte Richtung Haus davon.

Coraline setzte ihren Spaziergang fort.

Als sie das Haus zu drei Vierteln umrundet hatte, sah sie Miss Forcible an der Tür der Wohnung stehen, die sie zusammen mit Miss Spink bewohnte.

»Hast du Miss Spink gesehn, Caroline?«

Coraline sagte ihr, dass sie Miss Spink gesehen hatte und dass sie die Hunde ausführte.

»Hoffentlich verirrt sie sich nicht – wenn doch, kriegt sie wieder ihre Gürtelrose, du wirst schon sehen«, sagte Miss Forcible. »Man muss schon ein Entdecker sein, um sich in diesem Nebel zurechtzufinden.«

»Ich bin Entdeckerin auf Forschungsreise«, sagte Coraline.

»Aber natürlich, Herzchen«, sagte Miss Forcible. »Verirr dich nur nicht.«

Im grauen Nebel setzte Coraline ihren Weg durch die Gärten fort. Nach ungefähr zehn Minuten landete sie wieder dort, wo sie aufgebrochen war.

Die Haare hingen ihr schlaff und nass in die Stirn und ihr Gesicht fühlte sich feucht an.

»Ahoi! Caroline!«, rief der verrückte alte Herr von oben.

»Ach, hallo«, sagte Coraline.

Durch den Nebel konnte sie den alten Mann kaum erkennen.

Er stieg die Treppe draußen am Haus hinunter, die an Coralines Eingangstür vorbei zu seiner Wohnungstür führte. Er stieg sie sehr langsam hinunter. Coraline wartete unten an der Treppe.

»Die Mäuse können den Nebel nicht leiden«, sagte er. »Davon kriegen sie ganz schlaffe Schnurrhaare.«

»Ich kann den Nebel auch nicht so besonders leiden«, gestand Coraline.

Der alte Herr beugte sich so tief zu ihr herunter, dass sein Schnurrbart sie am Ohr kitzelte. »Die Mäuse haben eine Nachricht für dich«, flüsterte er.

Darauf wusste Coraline nichts zu sagen.

»Die Nachricht lautet: Geh nicht durch die Tür.« Er legte eine Pause ein. »Sagt dir das was?«

»Nein«, sagte Coraline.

Der alte Mann zuckte mit den Schultern. »Sie sind komisch, diese Mäuse. Sie bringen alles Mögliche durcheinander. Stell dir vor, sie haben auch deinen Namen durcheinandergebracht. Sie haben dauernd Coraline gesagt. Nicht Caroline. Überhaupt nicht Caroline.«

Er hob eine Milchflasche auf, die unten an der Treppe stand, und machte sich wieder auf den Weg in seine Mansardenwohnung.

Coraline ging ins Haus. Ihre Mutter war in ihrem Arbeitszimmer zugange. Das Arbeitszimmer ihrer Mutter duftete nach Blumen.

»Was soll ich nur machen?«, fragte Coraline.

»Wann fängt die Schule wieder an?«, fragte ihre Mutter.

»Nächste Woche«, sagte Coraline.

»Hmpf«, machte ihre Mutter. »Da muss ich dir wohl für die Schule was Neues zum Anziehen kaufen. Erinnere mich doch bitte daran, Schätzchen, sonst vergesse ich’s wieder.« Und sie fuhr fort, irgendwas auf den Computer-Bildschirm zu tippen.

»Was soll ich nur machen?«, wiederholte Coraline.

»Mal doch was.« Ihre Mutter reichte ihr ein Blatt Papier und einen Kugelschreiber.

Coraline versuchte, den Nebel zu malen. Nach zehn Minuten Malen hatte sie immer noch ein weißes Blatt, auf dem in einer Ecke

in leicht geschlängelten Buchstaben stand. Sie gab ein Ächzen von sich und reichte das Blatt ihrer Mutter.

»Hm. Sehr modern, Schätzchen«, sagte Coralines Mutter.

Coraline schlich sich in die gute Stube und versuchte, die alte Tür in der Ecke zu öffnen. Sie war verschlossen. Offenbar hatte ihre Mutter sie wieder abgesperrt. Coraline zuckte mit den Schultern.

Sie ging ihren Vater besuchen.

Er saß mit dem Rücken zur Tür und tippte. »Verschwinde«, sagte er fröhlich, als sie hereinkam.

»Mir ist langweilig«, sagte sie.

»Dann lern doch Stepptanz«, schlug er vor, ohne sich dabei umzudrehen.

Coraline schüttelte den Kopf. »Warum spielst du nicht mit mir?«, fragte sie.

»Zu viel zu tun«, sagte er. »Arbeit«, fügte er noch hinzu. Er hatte sich immer noch nicht umgedreht, um sie anzusehen. »Willst du nicht zu Miss Spink und Miss Forcible gehen und ihnen auf die Nerven fallen?«

Coraline zog ihren Mantel an, setzte die Kapuze auf und verließ das Haus. Sie ging die Treppe hinunter und klingelte an der Wohnungstür von Miss Spink und Miss Forcible. Wildes Gekläffe war zu hören, als die Terrier in den Flur hinausliefen. Nach einiger Zeit machte Miss Spink die Tür auf.

»Ach, du bist’s, Caroline«, sagte sie. »Angus, Hamish, Bruce – aus jetzt, ihr Süßen. Das ist doch nur Caroline. Komm herein, Liebes. Möchtest du einen Tee?«

Die Wohnung roch nach Möbelpolitur und Hunden.

»Ja, bitte«, sagte Coraline.

Miss Spink führte sie in ein staubiges kleines Zimmer, das sie Salon nannte. An den Wänden hingen SchwarzWeiß-Fotos von hübschen Frauen und gerahmte Theaterprogramme. Miss Forcible saß in einem Sessel und strickte eifrig.

Sie schenkten Coraline Tee in eine kleine rosa Porzellantasse mit Untertasse ein. Dazu gaben sie ihr einen trockenen Keks mit Rosinen.

Miss Forcible sah zu Miss Spink hinüber, nahm ihr Strickzeug auf und holte tief Atem. »Jedenfalls, wie gesagt, April: Du kannst nicht leugnen, dass ich noch lange nicht zum alten Eisen gehöre.«

»Miriam, meine Liebe, wir sind beide nicht mehr so taufrisch, wie wir mal waren.«

»Madame Arcati«, gab Miss Forcible zurück. »Die Amme in Romeo und Julia. Lady Bracknell. Charakterrollen. Von der Bühne kann man nicht in den Ruhestand geschickt werden.«

»Also, Miriam, wir waren uns doch einig«,