Verlag: Bastei Entertainment Kategorie: Fantasy und Science-Fiction Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2017

Nordische Mythen und Sagen E-Book

Neil Gaiman

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E-Book-Beschreibung Nordische Mythen und Sagen - Neil Gaiman

Warum bebt die Erde? Wie entstanden Ebbe und Flut? Wie kam die Poesie in unsere Welt? Neil Gaiman erzählt die nordischen Sagen und Mythen neu, mit Witz und Sinnlichkeit, voller Zuneigung und Neugierde. Wir machen Bekanntschaft mit dem mächtigen Odin, reisen mit Thor und seinem Hammer durch die neun nordischen Welten, sind bezaubert von den Göttern und entsetzt von mancher Skrupellosigkeit. Machen Sie sich die Sagen zu eigen, erzählen Sie sie weiter, an den langen kalten Winterabenden, in den lauen Sommernächten. Nach der Lektüre werden Sie selbst die Wolken mit anderen Augen betrachten.

Meinungen über das E-Book Nordische Mythen und Sagen - Neil Gaiman

E-Book-Leseprobe Nordische Mythen und Sagen - Neil Gaiman

Inhalt

CoverInhaltÜber dieses BuchÜber den AutorTitelImpressumWidmungEINLEITUNGDIE SPIELERVOR DEM ANFANG UND DANACHKapitel IKapitel IIIIIYGGDRASILL UND DIE NEUN WELTENMIMIRS KOPF UND ODINS AUGEDIE SCHÄTZE DER GÖTTERKapitel IKapitel IIDER BAUMEISTERLOKIS KINDERFREYJAS UNGEWÖHNLICHE HOCHZEITDER MET DER DICHTERTHORS REISE INS LAND DER RIESENKapitel IKapitel IIKapitel IIIDIE ÄPFEL DER UNSTERBLICHKEITKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VDIE GESCHICHTE VON GERD UND FREYKapitel IKapitel IIDER FISCHZUG VON HYMIR UND THORBALDERS TODKapitel IKapitel IIKapitel IIIKapitel IVKapitel VKapitel VILOKIS LETZTE TAGEKapitel IKapitel IIKapitel IIIRAGNARÖK: DAS SCHICKSAL DER GÖTTERKapitel IKapitel IIGLOSSAR

Über das Buch

Warum bebt die Erde? Wie entstanden Ebbe und Flut? Wie kam die Poesie in unsere Welt? Neil Gaiman erzählt die nordischen Sagen und Mythen neu, mit Witz und Sinnlichkeit, voller Zuneigung und Neugierde. Wir machen Bekanntschaft mit dem mächtigen Odin, reisen mit Thor und seinem Hammer durch die neun nordischen Welten, sind bezaubert von den Göttern und entsetzt von mancher Skrupellosigkeit. Machen Sie sich die Sagen zu eigen, erzählen Sie sie weiter, an den langen kalten Winterabenden, in den lauen Sommernächten. Nach der Lektüre werden Sie selbst die Wolken mit anderen Augen betrachten.

Über den Autor

Neil Gaiman hat über 20 Bücher geschrieben und ist mit jedem namhaften Preis ausgezeichnet worden, der in der englischen und amerikanischen Literatur- und Comicszene existiert. Geboren und aufgewachsen ist er in England. Inzwischen lebt er in Cambridge, Massachusetts, und träumt von einer unendlichen Bibliothek.

Neil Gaiman

NordischeMythenund Sagen

BASTEI ENTERTAINMENT

Vollständige E-Book-Ausgabe

des in der Bastei Lübbe AG erschienenen Werkes

Bastei Entertainment in der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2016 by Neil Gaiman

Published by arrangement with Neil Gaiman

Dieses Werk wurde vermittelt durch Mohrbooks AG, Literary Agency

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2017 by Bastei Lübbe AG, Köln

Textredaktion: Hanke Jobke, Berlin

Umschlaggestaltung: Guter Punkt, München | www.guter-punkt.de

Umschlagmotiv: © Markus Weber | Guter Punkt, München

Datenkonvertierung E-Book:

hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-3996-3

www.bastei-entertainment.de

www.lesejury.de

Für Everett. Alte Geschichtenfür einen neuen Jungen.

EINLEITUNG

Sich zwischen den vielen Mythen aus aller Welt zu entscheiden ist nicht weniger schwer, als zwischen den verschiedenen Küchen der Welt zu wählen. (An manchen Abenden bevorzugt man vielleicht thailändisches Essen, an anderen Sushi, und an wieder anderen Abenden hat man Heißhunger auf die Hausmannskost, mit der man aufgewachsen ist.) Doch wenn ich mich entscheiden müsste, wären es wohl die nordischen Mythen und Sagen.

Meine erste Begegnung mit Asgard und seinen Bewohnern hatte ich als kleiner Junge. Mit gerade mal sieben Jahren las ich die Abenteuer des Mighty Thor, wie sie vom amerikanischen Comickünstler Jack Kirby dargestellt wurden, in Geschichten, die Kirby und Stan Lee entwickelt hatten und deren Dialoge von Stan Lees Bruder, Larry Lieber, geschrieben worden waren. Kirbys Thor war mächtig und gut aussehend, sein Asgard eine hoch aufragende Science-Fiction-Stadt voller beeindruckender Gebäude und bedrohlicher Bauwerke. Sein Odin war weise und edel, sein Loki ein sardonisches Geschöpf samt Helm mit Hörnern und die Bösartigkeit in Person. Ich liebte Kirbys blonden, hammerschwingenden Thor und ich wollte mehr über ihn erfahren.

Ich lieh mir eine Ausgabe der Myths of the Norsemen von Roger Lancelyn Green und las sie wieder und wieder, begeistert und zugleich verblüfft: In seiner Darstellung war Asgard keine kirbyesque Zukunftsstadt, sondern eine Wikingerstätte, eine Ansammlung von Bauwerken weit draußen in den Eiswüsten. Odin, der Allvater, war nicht edel, weise und aufbrausend, sondern überaus klug, undurchschaubar und gefährlich; Thor war ebenso stark wie der Mighty Thor aus den Comics, sein Hammer ebenso mächtig, aber er war … nun, um ehrlich zu sein, nicht gerade der Hellste unter den Göttern. Und Loki war keineswegs böse, auch wenn er gewiss nicht für das Gute kämpfte. Loki war … kompliziert.

Zudem erfuhr ich, dass zu den Sagen um die nordischen Götter ihr eigener Weltuntergang gehörte: Ragnarök, die Götterdämmerung, das Ende von allem. Die Götter würden gegen die Reifriesen kämpfen, und sie würden alle sterben.

Hatten sich die Ragnarök, die letzten Tage, bereits ereignet? Würden sie noch kommen? Ich wusste es nicht. Und ich bin mir auch heute nicht sicher.

Die Tatsache, dass diese Welt und ihre Geschichten enden würden, und die Art, wie sie eines Tages enden und neu entstehen sollten, machte die Götter und die Riesen und alle anderen Figuren zu tragischen Helden und zu tragischen Schurken. Die Ragnarök sorgten dafür, dass die Welt der nordischen Mythen in meinem Kopf blieb, dass sie mir seltsam gegenwärtig und aktuell vorkam, während sich andere, besser dokumentierte Göttersagen anfühlten, als gehörten sie gänzlich der Vergangenheit an.

Die nordischen Mythen sind Geschichten aus einer kalten Welt mit langen, langen Winternächten und endlosen Sommertagen. Es sind Sagen, die von Menschen stammen, die ihren Göttern nicht über den Weg trauten, sie nicht einmal wirklich mochten, auch wenn sie sie respektierten und fürchteten. Soweit wir wissen, entstanden die Götter Asgards ursprünglich bei den Germanen, verbreiteten sich nach Skandinavien und schwappten auf den Teil der Welt über, der von den Wikingern beherrscht wurde – nach Orkney und Schottland, Irland und den Norden Englands –, wo die Eroberer Orte hinterließen, die nach Thor und Odin benannt sind. Im Englischen prägten Götternamen die Wochentage Tuesday, Wednesday, Thursday und Friday. Hier findet man Tyr, den Einhändigen (Odins Sohn), Odin, Thor und Frigg, die Königin der Götter.

Die Spuren älterer Mythen und älterer Religionen entdecken wir in den sagenhaften Schilderungen des Krieges zwischen den Vanen und Asen. Die Vanen scheinen Naturgötter gewesen zu sein, Brüder und Schwestern, weniger kriegerisch, aber womöglich nicht weniger gefährlich als die Asen.

Es ist sehr wahrscheinlich, oder zumindest eine plausible Annahme, dass es einzelne Stämme gab, die die Vanen angebetet haben, und andere, die die Asen verehrten, und dass die Asen-Anbeter das Land der Vanen-Anbeter eroberten, woraufhin sie sie sich annäherten und einander Platz einräumten. Götter der Vanen, wie die Geschwister Freyja und Frey, lebten in Asgard bei den Asen. Geschichte, Religion und Mythos verbinden sich, und wir können nur mutmaßen und kombinieren wie Detektive, die die Einzelheiten eines lange vergessenen Verbrechens rekonstruieren.

Es gibt so viele Geschichten, die uns fehlen, so vieles, was wir nicht wissen. Geblieben sind nur einige Mythen, die sich in Form von Volkssagen in unsere Welt hinübergerettet haben, als Nacherzählungen in Versen und in Prosa. Sie wurden aufgeschrieben, nachdem das Christentum die Anbetung der nordischen Götter abgelöst hatte, und manche der Geschichten sind nur deshalb überliefert worden, weil man fürchtete, dass einige der Kenningar – bildliche Beschreibungen, die sich auf Ereignisse in bestimmten Mythen beziehen – bedeutungslos würden, wenn sie der Nachwelt nicht erhalten blieben. Sprach man zum Beispiel von Freyjas Tränen, war dies eine poetische Umschreibung für Gold. In einigen Versionen wurden die nordischen Götter als Männer oder als Könige oder als alte Helden bezeichnet, sodass man sie auch in einer christlichen Welt erzählen konnte. Manche Geschichten, manche Gedichte spielen jedoch auf Geschichten an, die uns schlicht nicht bekannt sind.

Das ist ein wenig so, als wären uns von den griechischen und römischen Göttern und Halbgöttern lediglich die Taten von Theseus und Herkules erhalten geblieben.

Wir haben so viel verloren.

So gibt es viele nordische Göttinnen. Wir kennen ihre Namen und einige ihrer Attribute und besonderen Kräfte, aber ihre Geschichten, Sagen und Rituale sind uns nicht überliefert worden. Ich wünschte, ich könnte die Geschichte von Eir nacherzählen, denn sie war die Ärztin der Götter, oder die von Lofn der Milden, die eine nordische Göttin der Ehe war, oder die von Sjöfn, einer Göttin der Liebe. Von Var ganz zu schweigen, der Göttin der Weisheit. Ich kann mir ihre Geschichten vorstellen, aber erzählen kann ich sie nicht. Sie sind verloren gegangen, verbrannt oder vergessen.

Ich habe mein Bestes getan, um diese Mythen und Geschichten so getreu wie möglich nachzuerzählen – und so interessant wie möglich.

Manchmal widersprechen sich einzelne Details der Geschichten, trotzdem hoffe ich, dass sie das Bild einer Welt und einer Zeit entwerfen. Beim Nacherzählen habe ich versucht, mich selbst in eine längst vergangene Zeit zurückzuversetzen, in Länder, in denen diese Geschichten zum ersten Mal erzählt wurden. Ich stellte mir lange Winternächte vor, vielleicht unter dem Schein der Nordlichter, und wie man während der frühen Morgenstunden beieinandersaß, wach im unendlichen Licht des Mittsommers, mit einem Publikum, das wissen wollte, was Thor noch alles getan habe und was es mit dem Regenbogen auf sich habe, wie man sein Leben leben solle und wo schlechte Poesie herkomme.

Als ich die Geschichten beendet hatte und sie nacheinander las, stellte ich überrascht fest, dass sie sich anfühlten wie eine Reise – vom Feuer und Eis, mit dem die Schöpfung ihren Anfang nimmt, bis zu dem Feuer und Eis, in dem die Welt endet. Auf dem Weg begegnen uns Gestalten, die wir bereits kennen, wie Loki und Thor und Odin, und andere, von denen wir gerne viel mehr erfahren würden. (Meine Lieblingsfigur etwa ist Angrboda, Lokis Frau unter den Riesen, die seine monströsen Kinder zur Welt bringt und die in Geistergestalt auftritt, nachdem Balder getötet wurde.)

Ich wagte es nicht, noch einmal die Bücher derjenigen zu lesen, die die nordischen Mythen vor mir nacherzählt haben und deren Werk ich so geliebt habe; Bücher von Roger Lancelyn Green und Kevin Crossley-Holland. Stattdessen verbrachte ich meine Zeit mit vielen verschiedenen Übersetzungen von Snorri Sturlusons Prosa-Edda und den Versen der Lieder-Edda; mit mehr als neunhundert Jahre alten Worten. Aus ihnen wählte ich die Sagen, die ich nacherzählen wollte, und die Art, wie ich sie nacherzählen wollte, wobei ich verschiedene Versionen der Mythen aus beiden Fassungen miteinander verband. (Thors Besuch bei Hymir zum Beispiel ist, so wie ich ihn hier erzähle, ein Hybrid; die Geschichte beginnt wie in der Lieder-Edda, fügt dann aber Einzelheiten von Thors abenteuerlichem Fischzug aus der Snorri-Fassung hinzu.)

Meine inzwischen stark in Mitleidenschaft gezogene Ausgabe des Lexikons der germanischen Mythologie von Rudolf Simek, in der Übersetzung von Angela Hall, wurde unentwegt benutzt und erwies sich als unschätzbar wertvoll, augenöffnend und informativ.

Großer Dank gilt meiner alten Freundin Alisa Kwitney für ihre Assistenz. Sie war ein großartiger Resonanzboden, hatte stets eine klare Meinung, war geradeheraus, hilfreich, vernünftig und clever. Sie hat dafür gesorgt, dass dieses Buch geschrieben wurde, vor allem weil sie immer noch eine Geschichte lesen wollte, und sie half mir dabei, die Zeit dafür zu finden, immer noch eine weitere zu schreiben. Ich bin ihr unglaublich dankbar. Dank auch an Stephanie Monteith, deren Kenntnisse über die nordischen Mythen enorm sind, und deren Adleraugen vieles aufgefallen ist. Ebenfalls gilt mein Dank Amy Cherry von meinem Verlag, die bei einem Mittagessen an meinem Geburtstag vor acht Jahren meinte, ich würde doch vielleicht gern Sagen nacherzählen, und die, alles in allem, die geduldigste Lektorin der Welt gewesen ist.

Alle Fehler, voreiligen Schlüsse und merkwürdigen Interpretationen in diesem Buch gehen auf mich und nur auf mich zurück, und ich möchte nicht, dass irgendjemand anderem dafür die Schuld gegeben wird. Ich hoffe, dass ich diese Geschichten redlich wiedergegeben habe, obwohl ich sie mit viel Freude und Kreativität nacherzähle.

Denn genau das ist das Großartige an den Mythen: Die eigentliche Freude entsteht, wenn man sie selbst nacherzählt – etwas, was ich euch, die ihr dies lest, wärmstens ans Herz lege. Lest die Geschichten in diesem Buch und macht sie euch zu eigen. Und an irgendeinem dunklen und eisigen Winterabend oder in einer Sommernacht, wenn die Sonne einfach nicht untergehen mag, erzählt euren Freunden, was passierte, als Thors Hammer gestohlen wurde, oder wie Odin den Göttern den Met der Dichtkunst verschaffte …

Neil Gaiman

Lisson Grove, London

Mai 2016

DIESPIELER

Viele Götter und Göttinnen werden in den nordischen Mythen erwähnt, und nicht wenige von ihnen begegnen euch auf den folgenden Seiten. In den meisten unserer Geschichten jedoch geht es um zwei Götter, um Odin und seinen Sohn Thor, sowie um Odins Blutsbruder, einen Riesensohn namens Loki, der bei den Asen in Asgard lebt.

Odin

Der höchste und der älteste aller Götter ist Odin.

Odin kennt viele Geheimnisse. Für die Weisheit hat er ein Auge hergegeben. Mehr noch, für das Wissen um die Runen und für größere Macht hat er sich selbst an Odin geopfert.

Er hing vom Weltenbaum Yggdrasill, und das neun Nächte lang. In seiner Seite steckte die Spitze eines Speeres, der ihn schwer verwundet hatte. Der Wind riss an ihm und schlug auf seinen herabhängenden Körper ein. Nichts aß er, neun Tage und neun Nächte lang, und nichts trank er. Er war allein in seinen Schmerzen, und das Licht seines Lebens verlosch langsam.

Ihn fror, und er litt schrecklich, doch als der Augenblick des Todes gekommen war, trug sein Opfer finstere Frucht: Im Rausch seiner Agonie blickte er herab, und die Geheimnisse der Runen wurden ihm offenbart. Nun also kannte er sie, verstand sie und ihre Macht. Daraufhin riss das Seil, und er stürzte schreiend vom Baum herab.

Nun beherrschte er Magie, und es war an ihm, über die Welt zu herrschen.

Odin trägt viele Namen. Er ist der Allvater, der Herr der Gefallenen, der Galgengott. Er ist der Gott der Fracht und der Gefangenen. Er wird Grimnir genannt und der Dritte. Er hat unterschiedliche Namen in allen Ländern (denn er wird in vielen Sprachen und in unterschiedlicher Gestalt verehrt, doch immer ist es Odin, dem die Gebete gelten).

Er reist unerkannt von Ort zu Ort, um die Welt so zu sehen, wie die Menschen sie sehen. Wenn er unter uns umhergeht, dann als ein großer Mann mit Mantel und Schlapphut.

Er hat zwei Raben, die er Huginn und Muninn nennt, was Gedanke und Erinnerung bedeutet. Diese Vögel fliegen hin und her durch die Welt, halten Ausschau nach Neuigkeiten und tragen Odin das Wissen über alle Dinge zu. Sie lassen sich auf seinen Schultern nieder und flüstern ihm ins Ohr.

Wenn er auf seinem hohen Thron Hlidskjalf sitzt, beobachtet er alles, wo auch immer es geschieht. Nichts bleibt ihm verborgen.

Er brachte den Krieg in die Welt. Schlachten beginnen, indem man dem feindlichen Heer einen Speer entgegenschleudert und das Gefecht und seine Toten Odin widmet. Überlebt ihr die Schlacht, so geschieht es durch Odins Gnade, fallt ihr jedoch, so wurdet ihr von Odin verraten.

Sterbt ihr tapfer im Kampf, holen euch die Walküren, wunderschöne Kriegerinnen, die die Seelen der ehrenhaft Gefallenen abholen, und sie werden euch in die Halle führen, die als Walhall bekannt ist. Dort wird er auf euch warten, und dort werdet ihr trinken und kämpfen und zechen, und Odin wird euer Anführer sein.

Thor

Thor, Odins Sohn, ist der Donnergott. Er ist aufrichtig, wo sein Vater listig ist, und gutmütig, wo sein Vater verschlagen ist.

Groß ist er und rotbärtig und stark, bei Weitem der stärkste aller Götter. Seine Macht wird gesteigert durch seinen Kraftgürtel Megingjörd: Wenn er ihn trägt, ist er doppelt so stark.

Thors Waffe ist Mjöllnir, ein außergewöhnlicher Hammer, den Zwerge ihm geschmiedet haben. Seine Geschichte werdet ihr erfahren. Trolle und Reifriesen und Bergriesen – sie alle zittern, wenn sie Mjöllnir erblicken, denn viele ihrer Brüder und Schwestern sind ihm zum Opfer gefallen. Thor trägt eiserne Handschuhe, die es ihm ermöglichen, den Schaft des Hammers zu umfassen.

Thors Mutter war Jörd, die Erdgöttin. Thors Söhne sind Modi der Wütende und Magni der Starke. Thors Tochter ist Thrud die Mächtige.

Seine Gattin ist Sif mit den goldenen Haaren. Sie bekam bereits ihren Sohn Ull, bevor sie Thor heiratete; Thor ist also Ulls Stiefvater. Ull ist ein Gott, der mit Pfeil und Bogen jagt, und er trägt Skier.

Thors Aufgabe ist es, Asgard und Midgard zu verteidigen.

Es gibt viele Geschichten von Thor und seinen Abenteuern. Einige davon sollt ihr hören.

Loki

Loki sieht sehr gut aus. Er spricht gewandt, ist überzeugend und liebenswert und mit großem Abstand der gerissenste, heimtückischste und klügste aller Bewohner von Asgard. Es ist zu schade, dass so viel Böses in ihm gärt: so viel Wut, so viel Neid und so viel Wollust.

Loki ist der Sohn von Laufey, die man auch unter dem Namen Nal kannte oder Nadel, denn sie war dünn und wunderschön und scharfsinnig. Sein Vater soll Farbauti gewesen sein, ein Riese. Sein Name bedeutet der gefährlich Schlagende, und Farbauti war so gefährlich, wie sein Name versprach.

Loki bewegt sich durch die Lüfte mit fliegenden Schuhen, und er kann seine Gestalt verändern, sodass er aussieht wie andere Leute oder ein Tier; doch seine eigentliche Waffe ist sein Verstand. Er ist gewitzter und listiger als jeder andere Gott oder Riese. Nicht einmal Odin ist so listig wie er.

Loki ist Odins Blutsbruder. Die anderen Götter wissen nicht, wann Loki nach Asgard kam oder wie. Er ist Thors Freund und Thors Verräter. Er wird von den Göttern geduldet, vielleicht weil seine List und seine Pläne sie so oft aus Schwierigkeiten herausholen, wie sie sie hineinbringen.

Loki macht die Welt zu einem interessanteren, aber auch zu einem unsichereren Ort. Er ist der Vater der Ungeheuer, der Schöpfer des Kummers, der hinterlistige Gott.

Loki trinkt zu viel, und wenn er trinkt, kann er seine Worte und seine Gedanken und seine Taten nicht im Zaum halten. Loki und seine Kinder werden bereit sein an den Ragnarök, den letzten Tagen, dem Ende von allem, und wenn sie in den Kampf ziehen, werden sie nicht auf Seiten der Götter stehen.

VORDEMANFANGUNDDANACH

I

Vor dem Anfang war nichts – keine Erde, keine Winde, keine Sterne, kein Himmel; nur die Nebelwelt, ohne Form und ohne Gestalt, und die Feuerwelt, die in Ewigkeit brannte.

Im Norden lag Niflheim, die dunkle Welt. Hier durchschnitten elf giftige Flüsse den Nebel, die alle derselben Quelle entsprangen, einem brüllenden Mahlstrom namens Hvergelmir. In Niflheim war es kälter als kalt, und der dichte Nebel hüllte alles ein. Der gesamte Himmel war verdeckt von Dunst, und auch der Boden ließ sich unter den eiskalten Schwaden nicht erkennen.

Im Süden lag Muspell. In Muspell herrschte das Feuer, und alles dort glühte und brannte. Wo in Niflheim kaltes Grau vorherrschte, strahlte Muspell im Licht, und wo die Nebelwelt in tiefem Frost lag, brach hier geschmolzene Lava aus der Tiefe hervor. Die brüllende Hitze eines Schmiedefeuers setzte dieses Land in Flammen, und es gab keinen festen Grund und keinen Äther. Nichts außer Funken und aufspritzender Hitze, geschmolzenem Gestein und glühender Asche.

An der Grenze des Flammenmeeres in Muspell, wo der Nebel auf die gleißende Helligkeit stößt und das Land endet, stand Surt, der schon vor den Göttern da war. Auch jetzt noch steht er dort. Er trägt ein flammendes Schwert, und die kochende Lava und der eiskalte Nebel sind für ihn ein und dasselbe.

Es heißt, dass Surt an den Ragnarök, dem Ende der Welt, und erst dann, seine Position aufgeben wird. Mit seinem flammenden Schwert wird er Muspell verlassen und die Welt in Brand setzen, und ein Gott nach dem anderen wird vor ihm fallen.

II

Zwischen Muspell und Niflheim tat sich eine Leere auf, ein Ort des Nichts, ohne jede Form. Die Flüsse der Nebelwelt glitten in diese Leere hinein, die man Ginnungagap nannte, den gähnenden Schlund. Unermesslich langsam verhärteten sich jene giftigen Flüsse dort zwischen Feuer und Nebel zu riesigen Gletschern. Das Eis nördlich der Leere war von gefrorenem Nebel und Hagel bedeckt, im Süden aber, wo die Gletscher an das Land des Feuers grenzten und die glühende Asche und die Funken Muspells das Eis berührten, machten warme Winde aus den Flammenlanden die Luft über den Eisschichten mild und angenehm wie einen Frühlingstag.

Wo sich Eis und Feuer trafen, schmolz das Eis, und in den schmelzenden Wassern tauchte Leben auf: Eine Gestalt, größer als Welten, riesiger als jeder Riese, den es je gegeben hat und den es jemals geben wird. Sie war weder männlichen noch war sie weiblichen Geschlechts, sondern beides zugleich.

Diese Gestalt war der Vorfahre aller Riesen, und sie nannte sich selbst Ymir.

Ymir war nicht das einzige Lebewesen, das sich im Schmelzwasser bildete: Ebenso war da eine Kuh ohne Hörner, größer als man sie sich vorstellen kann. Sie leckte die salzigen Eisblöcke ab, und die Milch strömte aus ihren vier Eutern wie Flüsse. Es war jene Milch, die Ymir nährte.

Der Riese trank die Milch und wuchs.

Ymir nannte die Kuh Audumla.

Die rosafarbene Zunge der Kuh formte eine Gestalt aus dem Eis. Am ersten Tag nur die Haare, am nächsten ihren Kopf, am dritten Tag kam die gesamte Gestalt von Kopf bis Fuß zum Vorschein.

Dies war Buri, der Vorfahre der Götter.

Ymir schlief, und während er schlief, gebar er. Ein männlicher und ein weiblicher Riese wurden aus Ymirs linkem Arm geboren, ein sechsköpfiger Riese aus seinen Beinen. Von diesen Kindern Ymirs stammen alle Riesen ab.

Von diesen Riesen wählte Buri ein Weib, und sie bekamen einen Sohn, den sie Bor nannten. Bor heiratete Bestla, Tochter der Riesen, und zusammen hatten sie drei Söhne: Odin, Vili und Ve.

Odin und Vili und Ve, die drei Söhne Bors, wuchsen zu Männern heran. Und da sie heranwuchsen, sahen sie weit in der Ferne die Flammen von Muspell und die Dunkelheit von Niflheim. Sie wussten, dass beide Orte ihren Tod bedeuten würden. Die Brüder waren für immer in Ginnungagap gefangen, in dem weiten Schlund zwischen dem Feuer und dem Nebel. Genauso gut hätten sie im Nirgendwo sein können.

Es gab kein Meer und keinen Sand, kein Gras und keine Felsen, keine Erde, keine Bäume, keinen Himmel, keine Sterne. Es gab keine Welt in jener Zeit. Der Schlund klaffte im Nichts; ein leerer Ort, der darauf wartete, mit Leben und Geschöpfen gefüllt zu werden.

Die Zeit für die Schöpfung war gekommen. Ve und Vili und Odin schauten einander an und berieten darüber, was zu tun sei, dort in der Leere von Ginnungagap. Vom All sprachen sie und vom Leben und von der Zukunft.

Odin und Vili und Ve töteten den Riesen Ymir. Es musste geschehen, denn es gab keine andere Möglichkeit, die Welten zu erschaffen. Dies war der Anfang von allem, der Tod, der alles Leben möglich machte.

Sie erstachen ihn. Blut strömte in unvorstellbaren Mengen aus Ymirs totem Körper; Kaskaden von Blut, salzig wie die See und grau wie die Ozeane, strömten hervor und formten eine Flut, die so plötzlich und so machtvoll und so tief war, dass sie alle Riesen mit sich riss und ertränkte. (Nur ein Riese namens Bergelmir, Ymirs Enkel, und seine Frau überlebten, indem sie sich an einen ausgehöhlten Baumstamm klammerten, der sie trug wie ein Boot. Alle Riesen, die wir heute sehen und fürchten, stammen von ihnen ab.)

Odin und seine Brüder formten den Erdboden aus Ymirs Fleisch. Seine Knochen stapelten sie auf zu Bergen und Klippen.

Unsere Steine und Kiesel, der Sand und der Kies, auf dem wir gehen, waren Ymirs Zähne und die Bruchstücke seiner Knochen, die von Odin und Vili und Ve in ihrem Kampf mit Ymir zertrümmert wurden.

Die Meere, die die Welten umschließen, waren Ymirs Blut und sein Schweiß.

Nun schaut auf zum Himmel: Was ihr seht, ist das Innere von Ymirs Schädel. Die Sterne, die ihr in der Nacht erblickt, die Planeten und all die Kometen und Sternschnuppen sind die Funken, die von den Feuern Muspells aufstiegen. Und die Wolken, die bei Tag über den Himmel ziehen? Es sind die Überreste von Ymirs Verstand, und wer weiß, welche Gedanken auch jetzt noch in ihnen treiben.

III

Die Welt ist eine flache Scheibe, umflossen vom Ozean. Riesen leben an den Rändern der Welt, dort wo die Ozeane am tiefsten sind.

Um sich die Riesen vom Leibe zu halten, bauten Odin und Vili und Ve eine Mauer aus Ymirs Wimpern rund um die Mitte der Welt. Den Ort, den die Mauer umgab, nannten sie Midgard.

Midgard war leer. Das Land war wunderschön, aber niemand ging über die Wiesen oder fischte in den klaren Gewässern, niemand erkundete die zerklüfteten Gebirge oder blickte zu den Wolken hinauf.

Odin und Vili und Ve wussten, dass eine Welt keine Welt ist, solange sie nicht bewohnt wird. Sie zogen landauf, landab, suchten nach jemandem, fanden aber niemanden. Schließlich entdeckten sie am Rand des Strandes, zwischen den Felsen und auf dem Kies, zwei große Scheite Holz, die vom Meer herbeigetrieben und an Land gespült worden waren.

Das erste war ein Scheit aus Eschenholz. Die Esche ist ein widerstandsfähiger und schöner Baum, und seine Wurzeln reichen tief in den Grund. Sein Holz lässt sich gut schnitzen, es splittert kaum und bricht auch nicht. Aus Eschenholz lässt sich ein guter Werkzeuggriff herstellen oder der Schaft eines Speeres.

Der zweite Scheit, den sie neben dem ersten am Strand fanden, so nah, dass die beiden sich beinahe berührten, war ein großes Stück Ulmenholz. Die Ulme ist anmutig, aber ihr Holz ist hart genug, um daraus feste Planken und Balken zu fertigen; aus Ulmenholz lassen sich ein gutes Haus oder eine Halle bauen.

Die Götter nahmen die beiden Scheite und stellten sie aufrecht auf den Sand. Sie waren so groß wie Menschen. Odin hielt sie fest, und nacheinander hauchte er ihnen Leben ein. Nicht länger waren es tote Holzscheite an einem Strand, nun waren sie lebendig.

Vili gab ihnen einen eigenen Willen, er gab ihnen Verstand und Antrieb. Nun konnten sie sich bewegen und nach etwas verlangen.

Ve schnitzte die Scheite. Er gab ihnen eine menschliche Gestalt; schnitzte ihnen Ohren, sodass sie hören konnten, und Augen, sodass sie sehen konnten, und Lippen, sodass sie sprechen konnten.

Aufrecht standen die zwei Scheite am Strand und waren zwei nackte Gestalten. Ve hatte dem einen männliche Genitalien geschnitzt, dem anderen weibliche.

Die drei Brüder fertigten Kleidung für die Frau und den Mann, mit der sie sich bedecken und warm halten konnten in der kühlen Gischt an jenem Strand am Ende der Welt.

Zuletzt gaben sie den beiden Menschen, die sie erschaffen hatten, Namen. Den Mann nannten sie Ask oder Esche, die Frau nannten sie Embla oder Ulme.

Ask und Embla waren Vater und Mutter von uns allen; jedes menschliche Wesen verdankt sein Leben seinen Eltern und deren Eltern und deren Eltern vor ihnen. Geht man weit genug zurück, sind unser aller Vorfahren Ask und Embla.

Embla und Ask blieben in Midgard, sicher hinter der Mauer, die die Götter aus Ymirs Wimpern errichtet hatten. Hier bauten sie ihr Heim, geschützt vor Riesen und Ungeheuern und all den Gefahren, die in der Einöde lauerten. In Midgard konnten sie ihre Kinder in Frieden aufziehen.

Deshalb nennt man Odin den Allvater. Denn er war der Vater der Götter, und er war es, der den Großeltern unserer Urururgroßeltern das Leben eingehaucht hat. Ob wir Götter sind oder Sterbliche, Odin ist unser aller Vater.

YGGDRASILLUNDDIENEUNWELTEN

Der Baum Yggdrasill ist eine gewaltige Esche, der vollkommenste und schönste aller Bäume, außerdem der höchste. Er wächst in der Mitte der neun Welten und verbindet sie miteinander. Es ist der größte und schönste aller Bäume, und die Spitzen seiner Äste reichen bis über den Himmel hinaus.

So groß ist er, dass seine Wurzeln in drei Welten liegen und er von drei Quellen gespeist wird.

Die erste und tiefste Wurzel erstreckt sich in die Unterwelt, nach Niflheim, an jenen Ort, den es vor anderen Orten schon gab. Dem Mittelpunkt der dunklen Welt entspringt die nie versiegende Quelle Hvergelmir, und sie rauscht so laut wie ein dröhnender Kessel. Der Drache Nidhögg lebt in diesen Gewässern, und ohne Unterlass nagt er von unten an der Wurzel.

Die zweite Wurzel reicht ins Reich der Reifriesen, zu der Quelle, die Mimir gehört.

Auf den höchsten Ästen des Weltenbaumes wartet ein Adler, der viele Dinge weiß, und ein Falke, der zwischen den Augen des Adlers hockt.

Auch ein Eichhörnchen, Ratatosk, lebt im Geäst des Weltenbaums. Es trägt den neuesten Tratsch von Nidhögg, dem gefürchteten Leichenfresser, zum Adler hinauf und wieder zurück. Das Eichhörnchen lügt sie beide an, und es macht ihm Freude, sie wütend zu machen.

Vier Hirsche grasen an den riesigen Ästen des Weltenbaumes, verschlingen das Laub und die Rinde. Und am Stamm des Baumes finden sich unzählige Schlangen, die ihre Zähne in die Wurzeln schlagen.

Den Weltenbaum kann man erklimmen. Dieser Baum war es, an dem Odin sich selbst geopfert hat, womit er den Weltenbaum zum Galgen machte und sich selbst zum Galgengott.

Die Götter klettern nicht auf den Weltenbaum. Von einer Welt zur anderen reisen sie auf Bifröst, der Regenbogenbrücke. Nur die Götter können auf dem Regenbogen reisen, jedem Reifriesen oder Troll, der versuchen würde, über ihn nach Asgard zu gelangen, würde er die Füße verbrennen.

Dies sind die neun Welten:

Asgard, Heimat der Asen. Hier lässt Odin sich nieder.

Alfheim, wo die Lichtalben leben. Die Lichtalben sind so schön wie die Sonne oder die Sterne.

Nidavellir, das man manchmal auch Svartalfheim nennt, wo unter den Bergen die Zwerge leben (die ebenso als Dunkelalben bekannt sind) und ihre außergewöhnlichen Werke erschaffen.

Midgard, die Welt der Frauen und Männer. Die Welt, in der wir uns niederlassen.

Jötunheim, wo die Reifriesen und die Bergriesen umhergehen und ihre Hallen errichtet haben.

Vanaheim, wo die Vanen leben. Die Asen und die Vanen sind Götter, durch Friedensabkommen geeint, und viele Vanengötter leben in Asgard bei den Asen.

Niflheim, die dunkle Nebelwelt.

Muspell, die Welt der Flammen, wo Surt wartet.

Und dann jener Ort, der nach ihrer Herrscherin benannt wurde: Hel, wohin die Toten gehen, die nicht ehrenhaft in der Schlacht fielen.

Die letzte Wurzel des Weltenbaums führt zu einer Quelle in der Wohnstatt der Götter, nach Asgard, wo die Asen leben. Jeden Tag halten die Götter hier Rat, und hier werden sie sich auch an den letzten Tagen der Welt versammeln, bevor sie sich zur letzten Schlacht der Ragnarök aufmachen. Man nennt diese Quelle den Urdsbrunnen.

Drei Schwestern trifft man dort: die Nornen. Sie sind wunderschöne Jungfrauen, und sie kümmern sich um den Brunnen und achten darauf, dass die Wurzeln von Yggdrasill stets mit Erde bedeckt sind. Der Brunnen gehört Urd. Sie ist das Schicksal. Sie ist eure Vergangenheit. Bei ihr sind Verdandi – ihr Name bedeutet werdend –, der die Gegenwart gehört, und Skuld, deren Name Zukunft bedeutet, und ebendies ist ihr Herrschaftsbereich.

Die Nornen entscheiden, was in eurem Leben geschieht. Es gibt noch weitere Nornen, nicht bloß diese drei. Riesennornen und Albennornen, Zwergennornen und Vanennornen, gute und böse – und wie euer Schicksal aussieht, liegt in ihren Händen. Manche Nornen geben ein gutes, andere geben ein schweres Leben, ein kurzes oder ein beschwerliches.

Aber immer werden sie es sein, die euer Geschick formen, dort an Urds Brunnen.

MIMIRSKOPFUNDODINSAUGE

In Jötunheim, der Heimstatt der Riesen, befindet sich Mimirs Brunnen. Er sprudelt weit aus der Tiefe herauf und nährt Yggdrasill, den Weltenbaum. Mimir, der Weise, Hüter der Erinnerung, weiß viele Dinge. Sein Brunnen ist Weisheit, und als die Welt jung war, trank er jeden Morgen von dem Wasser, indem er das Horn, das man Gjallarhorn nennt, hineintauchte und leerte.

Vor langer, langer Zeit, als die Welten noch jung waren, legte Odin seinen langen Mantel an und setzte seinen Hut auf und reiste als einfacher Wanderer durch das Land der Riesen. Er riskierte sein Leben, um zu Mimir zu gelangen und Weisheit zu erbitten.

»Einen Schluck vom dem Wasser aus deinem Brunnen, Onkel Mimir«, sagte Odin. »Um mehr bitte ich nicht.«

Mimir schüttelte den Kopf. Niemand trank aus dem Brunnen, nur Mimir selbst. Er sagte nichts. Wer stumm bleibt, macht schließlich selten einen Fehler.

»Ich bin dein Neffe«, sagte Odin. »Meine Mutter, Bestla, war deine Schwester.«

»Das genügt nicht«, sagte Mimir.

»Einen Schluck. Mit einem Schluck aus deinem Brunnen, Mimir, werde ich ein weiser Mann. Nenn deinen Preis.«

»Dein Auge ist mein Preis«, sagte Mimir. »Dein Auge im Wasser.«

Odin fragte nicht, ob es ein Scherz sei. Die Reise durch das Riesenland bis zu Mimirs Brunnen war lang und gefährlich gewesen. Odin war bereit gewesen, sein Leben aufs Spiel zu setzen, um hierherzukommen. Für die Weisheit, nach der es ihn verlangte, war er bereit, noch mehr zu tun.

Odins Miene war entschlossen.

»Gib mir ein Messer.« Mehr sagte er nicht.

Nachdem er das Nötige getan hatte, legte er sein Auge sorgsam in die Quelle. Durch das Wasser starrte es zu ihm herauf. Nun füllte Odin das Gjallarhorn an Mimirs Brunnen und hob es an seine Lippen. Das Wasser war kalt. Er leerte das Horn, und die Weisheit strömte in ihn. Mit seinem einen Auge sah er nun weiter und klarer, als er es je mit zweien vermocht hatte.

Später wurden Odin immer wieder andere Namen gegeben, Blindi nannte man ihn, den blinden Gott, und Hoarr, den Einäugigen, und Baleyg – den mit dem Flammenauge.

Odins Auge blieb in Mimirs Brunnen. Erhalten vom Wasser, das die Weltesche nährte, sah es nichts und sah doch alles.

Zeit verging. Und als der Krieg zwischen den Asen und den Vanen zu Ende ging und sie Krieger und Häuptlinge austauschten, schickte Odin Mimir zu den Vanen als Berater des Asengottes Hönir, welcher der neue Anführer der Vanen werden sollte.

Hönir war groß und sah gut aus und hielt sich wie ein König. Wenn Mimir an seiner Seite war und ihn beriet, sprach er auch wie ein König und traf weise Entscheidungen. Doch wenn Mimir nicht bei ihm war, erschien Hönir unfähig, überhaupt eine Entscheidung zu treffen, und die Vanen waren es bald leid. Sie nahmen Rache – jedoch nicht an Hönir, sondern an Mimir: Sie schlugen ihm den Kopf ab und schickten ihn Odin.