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Berend Roosen (1835-1887) entstammt einer alten Hamburger Reeder- und Kaufmannsfamilie mennonitischen Glaubens. Er erbt eine Segelschiffreederei, die nach kurzem Wachstum beim Aufkommen der Dampfschiffahrt zu Grunde geht. Seine Tochter Agnes Roosen und sein Neffe Arthur Roosen erinnern sich an sein an Unglücksfällen reiches Leben. Mit einem Frachtdampfer der Kosmos-Reederei, die er mitbegründet hat, unternimmt er im Alter von 52 Jahren eine Reise nach Chile, von der er nicht zurückkommt. In seinem Reisetagebuch schilderter in knappen Worten die nicht ungefährliche Passage durch die Magellanstraße, die verschiedenen Häfen, bei denen Fracht genommen wird, und die Symptome seiner Krankheit, an der er vor Montevideo stirbt.
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Seitenzahl: 117
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Vorwort des Herausgebers
Teil I: Agnes Roosen – Mein Vater Berend Roosen
Die Großeltern
Die Tanten
Der Vater
Weltreise (um 1857)
Generationswechsel (1860 –1862)
Die Segelschiffreederei und ihr Untergang (1862–1882)
Die erste Ehe (1863): Therese Zimmer, Tochter Laura
Zweite Ehe (1870): Johanna Linnich, Kinder, Häuser
Einschränkungen, Dampfschiffe (1881)
Familienausflüge und Papa-Geschichten
Laura erkrankt, Berend wird Kadett
Papas letzte Reise (1886 –1887)
Tante Mine springt ein (1887–1899)
Teil II: Berend Roosen – Tagebuch Chile-Reise (1886 –1887)
Über den Atlantik: Von Hamburg zur Magellanstraße
Von Punta Arenas nach Valparaiso
Bei Verwandten in Valparaiso
Nach Norden: Iquique, Arica und Tacna
Produktion von Salpeter, Borax und Silber
Ausflug von Valparaiso nach Santiago
Heimreise: Krank zu den Falklandinseln
Teil III: Arthur Roosen – Die Familie Roosen (Auszug)
Berend VII. Roosen
Die Nachkommen
Anhang I: Die Reedereien
Schiffe der Reederei Berend Roosen (1860 –1882)
Schiffe der
Kosmos-Linie
(um 1886)
Anhang II: Stammbaum der Familien Roosen und Linnich
Literaturhinweise
Dank
Von meinem Urgroßvater Berend VII. Roosen (1835 –1887) wusste ich wenig, bis mir aus dem Nachlass von Onkel und Vater drei Dokumente und eine Gedächtnismappe in die Hände fielen, die dem Vorfahren deutlichere Konturen gaben:
Ein kleines handschriftliches Tagebuch von einer Seereise nach Südamerika aus den Jahren 1886/87 entpuppte sich als (einziger) Autograph des Urgroßvaters – der auf dieser Reise im Alter von 52 Jahren verstarb. Es ist ein in knapper Sprache geschriebener Bericht von der Fahrt eines Frachtdampfers, der zusätzlich noch mit Segeln ausgerüstet war, längs der chilenischen Küste zu zahlreichen Häfen.
Eine lebendige und geschichtenreiche Biographie von Berend Roosen hat seine Tochter Agnes aus ihrer Erinnerung um 1917 verfasst und mit Bildern versehen.
Schließlich existiert noch eine Familiengeschichte, von Arthur Roosen (1875 –1960), einem Neffen des Urgroßvaters, 1952 herausgegeben. Neben persönlichen Eindrücken liegt der Schwerpunkt dieser Schrift auf der Darstellung der (Reederei-)Geschäfte der Familie.
Diese Niederschriften sind im Folgenden zusammen mit einigen Ergänzungen wiedergegeben – die Familiengeschichte nur in Auszügen, die Berend VII. Roosen und seine Nachkommen betreffen.
Es ergibt sich das Bild eines Hamburger Kaufmanns aus mennonitischer Familie, der am Ende der Segelschiffzeit den Niedergang der eigenen Reederei erlebt und sie schließlich aufgeben muss. Obgleich er sich an einer Dampfschifffahrtsgesellschaft beteiligt, reichen die finanziellen Mittel nicht mehr für eine aufwändige Haushaltsführung.
Berends Kontakte sind vor allem verwandtschaftlicher Art. Besonders eng ist die Verbindung mit der Familie Linnich. Nach dem frühen Tod seiner ersten Frau heiratet Berend in zweiter Ehe seine Schwägerin, Johanna Linnich – die andere Schwägerin lebt mit seiner Schwester zusammen. Die Bedeutung der Frauen für den Roosen’schen Haushalt wird aus dem Bericht von Berends Tochter Agnes deutlich, den sie ihrer Schwester Käthe Sieveking, geb. Roosen, und deren Söhnen gewidmet hat, denen sie auch eine gute Tante sein wollte.
Einige Aufzeichnungen für Käthe Sieveking, geb. Roosen, und ihre Kinder nach meinem Gedächtnis und Erzählungen anderer.
Mir liegt hauptsächlich daran, die halb vergessenen Erinnerungen an meinen Vater aufzufrischen – so viel, wie ich davon weiß, damit seine Enkel erfahren, was dieser arme, unglückliche Mann erlitten hat, und ihn lieben lernen so wie ich meinen Großvater, den ich auch nur nach dem Bild liebe und verehre, ohne ihn je gekannt zu haben.
Nun ich eben von dem Großvater gesprochen habe, ist es wohl am besten, ich sage auch einige Worte von ihm; wenig ist es nur, aber ich berichte nach Erzählungen, die doch immerhin besser sind als trockene Chroniken.
Ein großer, kräftiger Mann war der Großvater [Abb. 1], ein Despot vielleicht, aber ich glaube, er war ein kluger Mann, ein Patrizier nach der alten Zeit, edle und vornehme Gesinnungen traue ich ihm zu. Allerdings war er hart, und die Frau [Abb. 2], eine kleine, etwas starke Dame, soll es nicht ganz leicht gehabt haben. Derartige Ehen gab es früher wohl viele. Was der Großvater wollte, geschah; die Großmutter hat auch nie viel eigenen Willen gehabt; sie hatte wohl die innere Überzeugung, dass sie sich ihrem Eheherrn fügen müsse. Wenn er ausging und seiner Frau etwas mitteilen wollte, klopfte er mit seinem Stock auf den Fußboden, dass es durch das ganze Haus dröhnte, und dann kam die kleine Frau vom Boden, Keller oder Gott weiß woher an, um nach seinen Wünschen zu fragen. Diese waren oft unwesentlicher Art, aber kommen musste sie.
Unser Großvater war ein sehr tüchtiger Kaufmann, er hatte natürlichen Verstand, aber keine ernsten wissenschaftlichen Interessen.
Das Haus, in dem die Großeltern wohnten, war auf dem Neuenwall 82. In Nr. 84 wohnte der Bruder Salomon, dann kam das Stadthaus. Es war ein großes Haus mit vielen Fenstern und einem Eingang im Torweg. Nach hinten hinaus war ein Garten, der bis ans Fleet ging. Vom Haus seitlich in den Garten hineingebaut waren Wirtschaftsräume, ein Aufwaschgelass, wo das Mädchen bei bitterster Kälte beim Schein eines kleinen Talglichts aufwaschen musste.
Abb. 1 Berend V. Roosen (1795 –1860)
Im Sommer wohnten die Großeltern draußen in Nienstedten, wo die vielberühmte Tante Hannchen (1790 –1871), Schwester des Großvaters, im Sommer den Haushalt führte. Das Haus ist jetzt in Vorwercks Besitz, der es nach Johannes Roosens [1790 –1869] Tod gekauft hat.
Abb. 2 Catharina Roosen, geb. Goos (1808 –1862)
Beide Haushaltungen waren einfach und solide, wie es damals Sitte war, besonders auch in mennonitischen Kreisen. Die drei Kinder der Großeltern waren [s. Stammbaum im Anhang II]:
Marie, verheiratet an Hermann Linnich, unserer Mutter Bruder,
Catharina Wilhelmine [Mine],
Berend [VII.], unser Vater.
Tante Marie war still, sehr ruhig veranlagt, saß viel mit ihrer Mutter zusammen im Haus und machte Handarbeit. Sie hatte die kleine, untersetzte Figur der Mutter, aber ein hübsch geschnittenes Gesicht, regelmäßige Züge.
Wilhelmine, die wir immer „Tante Mine“ nannten, war ebenfalls klein und sehr stark [Abb. 3]. Sie hatte den Charakter des Vaters, energisch, angeborene Klugheit, gepaart mit Humor. Sie war, ebenso wie der Vater, despotisch. Je älter sie wurde, desto mehr ähnelte sie auch im Gesicht dem Vater, soviel ich nach dem Bild urteilen konnte. Diese Ähnlichkeit war aber für sie keine glückliche. Was bei dem Vater hübsch war, war bei ihr hässlich; alle Züge waren für einen Frauenkopf zu grob. Nur hatte sie ein Paar sehr gütige, kluge Augen und kleine, starke, aber schön geformte Hände.
Der Vater verlangte nicht allein von seiner Frau, sondern auch von den Töchtern unbedingten Gehorsam. Ausgehen in Gesellschaften etc. durften sie, aber Ausschlafen am anderen Morgen war ihnen nicht erlaubt. Vor 8 Uhr abends durften sie nicht ausruhen oder die Hände in den Schoß legen, d.h. viele Beschäftigungen im Haushalt waren ihnen kaum auferlegt, aber sie mussten bald dieses, bald jenes tun; besonders viel Handarbeit machen, namentlich Stricken. Wenn sie im Sommer in den Garten gehen wollten und herumbummeln wie andere junge Damen, so durften sie es tun, aber mit dem Strickstrumpf in der Hand, wenn das aufgegebene Pensum noch nicht erledigt war. Dies war Tante Mine so in Fleisch und Blut übergegangen, dass sie sich in späteren Jahren, als die Eltern nicht mehr lebten, jeden Tag eine Zahl [Maschen] aufgab, die sie dann auch gewissenhaft abarbeitete.
Abb. 3 Wilhelmine („Mine“) Roosen (1833 –1899)
Der Verkehr war meist in der Familie. Tante Marie ging nicht gerne aus, Tante Mine sehr gerne. Trotz ihres starken Körpers tanzte sie viel und gut. Sie hielt viel von ihren Vettern. Recht beliebt war sie bei den verschiedenen Onkeln und Tanten. Sie war immer schlagfertig, ging auf jeden Witz der ersteren ein, und gegen die letzteren war sie eine aufmerksame Nichte. So brachte sie Leben in die etwas öden Familien.
Dieser Verkehr außer dem Hause musste sie für manches im Hause entschädigen. Obgleich Tante Mine ihre Eltern, besonders den Vater, abgöttisch liebte, hat sie es doch schmerzlich empfunden, dass die Eltern ihr nicht dieselbe Liebe entgegenbrachten wie den Geschwistern. Dass der Bruder verwöhnt wurde, fand sie gewiss natürlich, da sie ihn selbst sehr liebte, außerdem war er der Jüngste und Sohn, das will besonders in Hamburg sehr viel besagen; dass aber Marie ihr vorgezogen wurde, hat sie bitter geschmerzt. Man nannte ihre Schwester hübsch, und von sich hörte sie einmal im Nebenzimmer ihren Vater sagen, es sei doch eigentlich recht schade, dass sie so hässlich sei, sie würde deshalb auch wohl nicht heiraten.
Überhaupt ist man ihr gegenüber nie rücksichtsvoll gewesen. Sie hatte, ohne besonders musikalisch zu sein, eine brennende Liebe zur Musik, aber an der Ausübung zum Klavierspiel hinderten sie ihre kurzen, starken Finger. Trotzdem bekam sie Unterricht, der ihr sehr schwer wurde. Sie muss wohl selbst gezweifelt haben, etwas darin zu leisten, denn sie befragte ihren Lehrer, ob er glaube, dass sie jemals etwas erreichen würde. „Eher geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als dass du Klavierspielen lernst“, war die Antwort.
Da hieß es nun: entweder – oder: Sie wählte das „oder“, und da es überhaupt in ihrer Natur lag, eine Aufgabe zu lösen, sei sie noch so schwer, machte sie sich daran, das gerade zu erreichen, was anderen kaum möglich dünkte. Sie übte und übte ihre kurzen, dicken Finger, so dass sie erlangte, was ein nur wenig musikalischer Mensch in Musik erreichen kann: eine großartige Fingerfertigkeit. Sie hat es so weit gebracht, dass sie in Gesellschaften vorspielte, allerdings mehr als Begleitende – sei es vierhändig oder zur Violine etc. Sie war klug genug, nie oder nur selten Solostücke vorzutragen, da ihr hierzu das musikalische Empfinden fehlte. Was sie dann selbst nicht erlernen konnte, hat sie später anderen ermöglicht. So hat unsere Mutter, als sie sieben Jahre bei ihr wohnte, Klavierunterricht gehabt; später Tante Bertha [Linnich]; und die Sorge für unseren musikalischen Unterricht hat sie auch übernommen. Besondere Freude machte ihr dann die große musikalische Begabung unserer Schwester Laura.
Ähnlich waren Tante Mines gesangliche Leistungen: taktfest, bombensicher im Einsatz, aber klanglich unschön. Da war sie nun eine geschätzte Stütze im Chor der Singakademie, zuerst unter Grund, später unter von Bernuth; sie verfehlte nie einen Einsatz und gab oft den Ton wie ein Souffleur kurz vorher an, um ihre Nachbarn mitzureißen.
Ebenfalls hat sie sich mit Malerei befasst und nahm diese Beschäftigung nach langer Pause wieder auf, als sie durch ihr Leiden am Ausgehen gehindert wurde. Von ihren hübschen Leistungen im Kopieren haben wir noch einige Proben. Tante Mines Haupttätigkeit, besonders nach dem Tod ihrer Mutter, bestand in der Armen- und Krankenpflege. Dem Sieveking’schen Verein gehörte sie viele Jahre als tätiges Mitglied an; sie fand dort ein reiches Feld für ihre immer zum Helfen bereite Hand. So floss ihr Leben trotz aller Eintönigkeit nicht einseitig dahin, nur vielfach durch körperliche Leiden gehemmt, trotzdem sie einen kräftigen, gesunden Eindruck machte. Aber ihr schwerer Körper war ihr eine Last; sie hat sich oft auf den Straßen auf den Beischlägen ausgeruht, weil ihre Hüftgelenke geschmerzt haben; sie hat zu wenig Gelenkwasser gehabt, aber nie geklagt. Denn wenn sie mit derartigen Sachen gekommen wäre, hätte es geheißen: Du kannst ja zu Hause bleiben, wir schicken dich nicht fort, Marie ist ja auch im Hause. Aber das trockene Leben sagte ihr nicht zu.
Ich erzähle mehr von unserer Tante, als meine Absicht war, aber ihr Leben ist so eng mit dem unsrigen verknüpft, dass ich ihr schuldig bin, mich über sie zu verbreiten, denn sie ist uns, ich möchte sagen, ein zweiter Vater geworden.
Und nun unser Vater [Abb. 4]. Er ist in gewisser Weise auch streng erzogen, aber als einziger Sohn auch verwöhnt worden, verwöhnt in dem Sinn, dass er vor keine großen Aufgaben gestellt wurde. Die Eltern hielten es nicht für nötig, dass er viel lernte, obgleich unser Vater ganz sicher die Fähigkeiten dazu hatte.
Es lag überhaupt kein großer geistiger Trieb in der ganzen Roosen’schen Familie. Allerdings hatte unser Großvater viel Freude an der Poesie seiner Zeit; er lernte gern Gedichte auswendig, die er dann im Familienkreise rezitierte; er bevorzugte Gedichte religiösen Inhalts. In späteren Jahren hat unser Vater eingesehen, dass seine Erziehung nicht richtig gewesen ist, weshalb im Verein mit unserer Mutter seine größte Sorge gewesen ist, seinen einzigen Sohn etwas Ordentliches lernen zu lassen. Übrigens, besonders extravagante Wünsche wird unser Vater als Knabe nie gehabt haben, aber was ihm Freude machte, wurde ihm gewährt. Ich erinnere, von einem Ziegenwagen gehört zu haben, mit dem er viel in Nienstedten herumfuhr. Er fuhr auch bisweilen seine Schwestern darin aus, die aber gewiss mehr zu seinem Vergnügen mit ihm gespielt und sich dabei nach seinen Wünschen gerichtet, als umgekehrt. Immerhin war Papa keine herrische Natur. Sehr still und verschlossen; Freude und Leid hat er nur selten andern mitgeteilt, beides in sich verarbeitet, empfänglich für beides, weit mehr als seine Vettern, die nur trocken veranlagte Kaufleute waren. Einen einzigen Freund hatte Papa nur in seiner Jugend, da er sich sehr schwer anschloss. Das war te Kloot aus Krefeld, Bruder von Frau Dr. [Johannes] Amsinck. Dieser junge Mann sollte von seinem Onkel Wilhelm te Kloot und Frau [Gertrud], geb. Roosen, angenommen werden, da sie kinderlos waren. Die Freunde wollten sich zusammen etablieren, aber te Kloot starb in jungen Jahren.
Als unser Vater zwanzig Jahre alt war, hatte er eine Lehrzeit hinter sich und, vom Militär als Mennonit losgekauft, wünschte er nun, eine Reise um die Welt zu machen. Sein Vater erlaubte es ihm, da ja die Mittel vorhanden waren.
Mama hat später gesagt, unser Großvater hätte richtiger getan, die große Reise in so jungen Jahren nicht zu gestatten. Dass unser Vater später wohl nicht mehr zu einer Vergnügungsreise gekommen wäre, konnte man ja nicht wissen. Papa hätte wohl ins Ausland gehen können, aber nicht als freier Mann mit einem gefüllten Geldbeutel. Die Vettern waren in England gewesen, hatten dort gelernt, und das wäre für unseren Vater auch besser gewesen. Von dort hätte er in ein überseeisches Haus gehen können und hätte sich mehr praktische Kenntnisse aneignen können.
Abb. 4 Berend VII. Roosen (um 1860)
