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Beschreibung

Berlin im »Dritten Reich« - Eine Bilanz

Wie haben die Nationalsozialisten die Macht im »roten Berlin« erobert und durchgesetzt? Wie reagierten die »Volksgenossen« auf die Ausgrenzung großer Teile der Stadtbevölkerung? Und wie wirkten sich Krieg, Bombardement und Zwangsarbeit schließlich auf das Leben in der Stadt aus? Das erste umfassende Buch zur Geschichte Berlins im Nationalsozialismus.

Zwischen 1933 und 1945 war Berlin als Reichshauptstadt zentraler Schauplatz politischer, sozialer, kultureller Auseinandersetzungen. Während die Nationalsozialisten das weltstädtische Flair dieser Kulturmetropole bekämpften, nutzten sie die Stadt jedoch auch als Aushängeschild, insbesondere während der Olympischen Spiele 1936. Berlin war einerseits potenzieller Rüstungsstandort ersten Ranges, andererseits aber auch eine »Arbeiterhochburg«.

Als Metropole jüdischen Lebens war die Stadt nicht nur in besonderer Weise von den Maßnahmen der Judenverfolgung betroffen, sondern bot auch Möglichkeiten jüdischer Selbstbehauptung, die andernorts undenkbar waren.

Trotz ihrer überragenden politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bedeutung fehlte bislang eine Geschichte der Reichshauptstadt im Nationalsozialismus. Parallel zur großen Berliner Landesausstellung anlässlich des 80. Jahrestags der sogenannten »Machtergreifung« liegt nun endlich das erste umfassende Buch zu Berlin in den Jahren 1933–45 vor – und damit eine moderne Gesellschaftsgeschichte des »Dritten Reichs«.

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Seitenzahl: 755

Veröffentlichungsjahr: 2013

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Inhaltsverzeichnis

BERLIN 1933–1945 - Stadt und Gesellschaft im NationalsozialismusMACHTÜBERNAHME
AUFSTIEG DER NSDAP IN BERLIN
Völkische Szene in BerlinPolitik als MarkentechnikStettiner Bahnhof IÖffentliche ErfolgeStettiner Bahnhof II
Resümee
PRÜGELPROPAGANDA - Die SA und der nationalsozialistische Mythos vom »Kampf um Berlin«
Politik der Straße: Die Berliner SA in den politischen Auseinandersetzungen der späten Weimarer RepublikNarrative des Krieges: Politische Soldaten im »Kampf um Berlin«1933: Das Jahr der exzessiven SA-GewaltZwischen Überdruss und Übermut: Die SA in der nationalsozialistischen Reichshauptstadt nach dem »Röhm-Putsch« im Sommer 1934
Resümee
HERRSCHAFT UND VERWALTUNG
VERFASSUNG UND VERWALTUNG DER HAUPTSTADT
Eine verspätete HauptstadtNeue MachtstrukturenLipperts prekäre StellungStädtische Gesellschaften, Stadtverordnetenversammlung und BezirkePolitisches und rassistisches Revirement im öffentlichen Dienst
Resümee
DIE NSDAP IM GAU BERLIN NACH 1933
Die Mitgliedschaft der Berliner NSDAP nach 1933Die Institutionalisierung des ParteiapparatesDer »Kriegseinsatz« der Politischen LeiterMobilisierung und »Abwehrkampf«
Resümee
WIRTSCHAFT
DIE WIRTSCHAFT BERLINS
Die AusgangslageStrukturveränderungen ab 1933VorkriegDie Vernichtung der jüdischen GewerbetätigkeitKrieg
Resümee
TRANSPORT UND ÖFFENTLICHER VERKEHR
Nationalsozialistische VerkehrsbilderVerkehrsinfrastruktur vor 1933Machtdurchsetzung und »Verkehrsflickerei«Planungen und »Sachzwänge«Die Deportation der Juden als kommunale VerkehrsaufgabeIm Krieg
Resümee und Ausblick
ARBEITER UND ARBEITERORGANISATIONEN IN BERLIN (1930–1945)
Weltwirtschaftskrise und politische DemoralisierungVon den NS-Betriebszellen zur ArbeitsfrontVom 30. Januar zum 2. Mai 1933Gründung und Grundprinzipien der ArbeitsfrontBerliner Arbeiter und Angestellte in der nationalsozialistischen Kriegswirtschaft zu Friedenszeiten: soziale Lage und politische MentalitätenArbeiterschaft im Krieg
Resümee
ZWANGSARBEIT
Entwicklungen und GrößenverhältnisseRassistische AbstufungenEinsatz in Fabriken, Kommunen und HaushaltenDurchgangslager, Saallager und BarackenlagerApartheid nebenanFreizeit und ÜberlebenRepression und WiderstehenArbeitserziehungslagerKrankheiten, Bombenangriffe und Tod
Resümee
GESELLSCHAFT
ERFAHRUNGSHORIZONTE BERLINER JUGENDLICHER IM NATIONALSOZIALISMUS
Berlin als Beispiel für das Reich: Familie, Schule, Jugendorganisationen im KonfliktDie bedrohte Autorität der ElternDie Schule und die Varianz möglicher ErfahrungenIn Konkurrenz zu den etablierten Sozialisationsinstanzen: die JugendorganisationenBerlin als Sonderfall: extreme Gewalterfahrung und Spielräume für abweichendes VerhaltenDie alltägliche GewalterfahrungBerlin als Spielwiese für abweichendes VerhaltenJugendcliquen in Berlin
Resümee
EIN SELBSTZERSTÖRERISCHER BRUDERKAMPF - Das protestantische Berlin (1930–1945)
Protestantisches Leiden an der »Gottlosenrepublik«Wunderjahr 1933: Emphatische protestantische SelbstumwandlungenSpaltung und KirchenkampfZersplitterungen, Erschöpfungen, finale Abbrüche
Resümee
WOHNUNGSPOLITIK UND BAUWIRTSCHAFT IN BERLIN (1930–1950)
Vor 1933: Wohnungspolitik in der ZerreißprobeDer nationalsozialistische Angriff 1933Konturen der Machtabsicherung 1933 bis 1937Der Umbau der Wohnungswirtschaft 1937Wohnungsbau im Schatten des GBI 1937 bis 1939Die Vertreibung der jüdischen Mieter 1933 bis 1939Krieg, Wohnungsnot, DeportationKontinuitäten und Brüche nach 1945
Resümee
WIDERSTAND GEGEN DEN NATIONALSOZIALISMUS IN BERLIN
Berlin – Hauptstadt des Widerstandes?Herrschaftskritische GrundstimmungPolitische OppositionWiderstand von ChristenWiderstand aus den ElitenWiderstand aus dem MilitärKrieg und Deportationen
Resümee
BERLINER IM EXIL – EINE TOUR D’HORIZON
ÜberlieferungsgeschichtePragParisDas Nadelöhr Marseille und das »Centre Américain de Secours«Überleben in der IllegalitätGroßbritannienTürkeiPalästinaUSAMexikoSowjetunionFlucht in den Tod
Resümee
KULTUR
STÄDTEBAU UND ARCHITEKTUR
StadtplanungDer GeneralbauinspekteurVerwaltungsbauten und militärische DienststellenWohnungsbauHJ-Heime und KirchenVerkehrs- und IndustriebautenBauen im KriegBaustile und Inszenierungsmittel
Resümee
INSZENIEREN UND ZERSTÖREN - Kultur und Medien am Standort Berlin
Der Standort vor 1933Zugriff ab 1933Konsolidierung vor dem KriegRezipienten und PublikaUnter Beobachtung des AuslandsInszenierte VielfaltZerstörung im Krieg
BERLIN – DIE WISSENSCHAFTSMETROPOLE DES »DRITTEN REICHES«
RahmenbedingungenPreußische Akademie der WissenschaftenPhysikalisch-Technische ReichsanstaltChemisch-Technische Reichsanstalt und Preußische Geologische LandesanstaltDie Kaiser-Wilhelm-GesellschaftDeutsche Forschungsgemeinschaft und ReichsforschungsratDie Friedrich-Wilhelms-UniversitätDie Technische Hochschule CharlottenburgDie Industrieforschung
Resümee
GELENKTE BILDER - Propagandistische Sichtweisen und fotografische Inszenierungen der Reichshauptstadt
»Schöne« Bilder der ReichshauptstadtAusgrenzung und Verfolgung in der fotografischen Überlieferung
Resümee
TERROR UND VERFOLGUNG
ENTGRENZUNG UND EINGRENZUNG DER GEWALT - Berliner SA, SS und Polizei (1933–1939)
Im Gewaltrausch: Terror von SA und SS 1933Kanalisierung der Gewalt 1934Machtkonsolidierung und Eingrenzung der Gewalt 1934 bis 1936Systematisierung des Verfolgungsapparates 1936 bis 1939
Resümee
DIE VERFOLGUNG DER JUDEN UND DIE REAKTIONEN DER BERLINER
1933 bis 1934Frühjahr und Sommer 1935Herbst 1935 bis Ende 1937Frühjahr und Sommer 1938Herbst 1938 bis Sommer 1939Herbst 1939 bis Sommer 1941Herbst 1941 bis Sommer 19431943 bis 1945
Resümee
»BERLIN, DIE STADT OHNE BETTLER« - Die Verfolgung »Asozialer«
Grundlagen und VorbilderDie Verbannung sichtbarer Armut durch die PolizeiIm Vorfeld der Olympischen Spiele 1936Die Verfolgung »Asozialer« durch die WohlfahrtsämterDas Arbeits- und Bewahrungshaus RummelsburgVorsorge statt Fürsorge – die Erweiterung des Berliner MaßnahmenkatalogsRadikalisierung der Verfolgung – Vorbeugungshaft gegen »Asoziale«
Resümee
KRIEG
DIE MOBILISIERUNG DER BERLINER BEVÖLKERUNG IM KRIEG
Die erste Kriegsphase 1939 bis 1941Nach dem Überfall auf die Sowjetunion»Wollt ihr den totalen Krieg?«Die Berliner »Heimatfront« im Luftkrieg 1943/44Die Endphase des Krieges
Resümee
BERLIN IM BOMBENKRIEG
Der Ablauf der Luftangriffe
Die erste PhaseDie Luftschlacht um BerlinZerstörung
Die Vorbereitungen auf den Luftkrieg und die ersten Schritte nach KriegsbeginnMaßnahmen des passiven Schutzes
Aktionen in der Zeit der KriegsvorbereitungenDer Einsatz der NSDAPDer passive bauliche LuftschutzLuftverteidigungEvakuierung der Bevölkerung und die KinderlandverschickungDie Versorgung der Berliner Bevölkerung nach den LuftangriffenResümee
ANHANG
ABKÜRZUNGEN
ANMERKUNGEN
Berlin 1933–1945Aufstieg der NSDAP in BerlinPrügelpropagandaVerfassung und Verwaltung der HauptstadtDie NSDAP im Gau Berlin nach 1933Die Wirtschaft BerlinsTransport und öffentlicher VerkehrArbeiter und Arbeiterorganisationen in BerlinZwangsarbeitErfahrungshorizonte Berliner Jugendlicher im NationalsozialismusEin selbstzerstörerischer BruderkampfWohnungspolitik und Bauwirtschaft in Berlin 1930–1950Widerstand gegen den Nationalsozialismus in BerlinBerliner im Exil – eine tour d’horizonStädtebau und ArchitekturInszenieren und zerstörenBerlin – die Wissenschaftsmetropole des »Dritten Reiches«Gelenkte BilderEntgrenzung und Eingrenzung der GewaltDie Verfolgung der Juden und die Reaktionen der Berliner»Berlin, die Stadt ohne Bettler«Die Mobilisierung der Berliner Bevölkerung im KriegBerlin im Bombenkrieg
LITERATUR
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BERLIN 1933–1945

Stadt und Gesellschaft im Nationalsozialismus

»Berlin wird von 4 ½ 000 000 Menschen bewohnt und nur, laut Statistik, von 32 600 Schweinen. Wie meinen?«, schrieb der Wahlberliner Erich Kästner 1930 in seinem Gedicht »Berlin in Zahlen« und stellte damit augenzwinkernd den Nutzen von Betrachtungen in Frage, die mehr an Vollständigkeit als an Analyse orientiert sind.1 Wenn auch der Nationalsozialismus in statistischen Kompendien und historischen Überblickswerken längst nicht mehr ausgeblendet wird, ist es doch erstaunlich, wie wenig die Geschichte der Stadt und ihrer Gesellschaft gerade für diese Zeit aufgearbeitet ist.2 Tilgt »immerwährender Wechsel die Erinnerung«, wie Siegfried Kracauer im Dezember 1932 mit Blick auf den Kurfürstendamm mutmaßte?3 Hiergegen spricht, dass »Berlin« in den Ortsregistern von Studien über das nationalsozialistische Regime zweifelsohne häufiger genannt wird als jede andere Stadt Deutschlands. Trotzdem sind unsere Kenntnisse über das Innenleben der Stadt und ihre spezifische Eigenlogik erstaunlich gering.4 Dies ist einerseits darauf zurückzuführen, dass Berlin pars pro toto für den deutschen Regierungssitz steht und zur Chiffre reduziert wird. Andererseits ist zu beobachten, dass allzu lange immer dieselben Fragen – nach dem Verhältnis Hitlers zu der Stadt, den Bauplänen für »Germania« oder aber zur »Eroberung der Arbeiterhochburg« – gestellt wurden.

Obwohl Joseph Goebbels auflagenstark den »Kampf um Berlin« beschwor, konnte mit dem Machtantritt 1933 nicht die Eroberung der Stadt, sondern musste vielmehr die Durchdringung der verschiedenen Lebensräume das politische Ziel der Nationalsozialisten sein.5 Mithin ist zu fragen, wo und wie die Macht errungen und wie sie verteidigt wurde. Wer konnte welche Positionen erobern oder behaupten? Um welche Symbole wurde besonders heftig gestritten? In welchen Teilbereichen gesellschaftlichen Lebens sind rasche Anpassungsprozesse zu beobachten, und wo tauchten offenkundig Hindernisse, Widerstände, Eigensinnigkeiten auf? Wo verblieben Nischen? Wer stellte sich in den Dienst, und wer wurde außer Dienst gestellt? Welche Anreize gab es, »dem Führer entgegenzuarbeiten« (Ian Kershaw), und wie wurde abweichendes Verhalten bestraft? Wer reagierte wie auf die Ausgrenzung von Nachbarn und Arbeitskollegen? Wie wirkten sich Krieg, Bombardement und Zwangsarbeit auf die Gesellschaft aus? Sind die großen Unterschiede in Berlin darauf zurückzuführen, dass die Stadt so spät geeint wurde und anders als zum Beispiel Paris mehr polyzentrisch angelegt war und ist?

Berlin war als Reichs- und Landeshauptstadt zentraler und symbolischer Schauplatz der Geschichte Deutschlands im 20. Jahrhundert. »Als Reichshauptstadt ist Berlin der Mittelpunkt des politischen, kulturellen, sozialen usw. Lebens in Deutschland; es ist Sitz der Ministerien und zahlreicher sonstiger Zentralstellen und wichtiger Einrichtungen«, hieß es in einem verfassungspolitischen Handbuch 1938. »Was in Berlin auf den verschiedensten Gebieten geschieht, hat nicht nur unmittelbar für die Reichshauptstadt selbst Bedeutung, sondern wird in ganz Deutschland, oft sogar im Ausland beachtet und wird vielfach als Vorbild genommen.«6 Auch wenn München mit dem »Braunen Haus«, der NSDAP-Parteizentrale, die »Hauptstadt der Bewegung« blieb, verband sich das nationalsozialistische Herrschaftssystem doch mit den Berliner Institutionen und veränderte diese nachhaltig.7 So entstand auf der einen Seite ein dichtes Netz nationalsozialistischer Organisationen in der Stadt, wie Armin Nolzen darlegt. Auf der anderen Seite drangen die NSDAP-Parteigenossen von 1933 an, wie Christoph Kreutzmüller schildert, vehement und pfründewuchernd in die städtische Verwaltung ein. Dabei war unklar, welches die Stellung der Hauptstadt im Verfassungsgefüge des Reiches sein und wer in der Stadtverwaltung das Sagen haben sollte. So wurden viele Verwaltungsstrukturen ad hoc um die zur Verfügung stehenden oder sich andienenden Amtsträger herum aufgebaut.

Eng mit der Funktion als Reichshauptstadt war Berlins Bedeutung als Wissenschafts- und Kulturmetropole verknüpft. Die Friedrich-Wilhelms-Universität Unter den Linden besaß einen international ausgezeichneten Ruf und konnte etliche Nobelpreisträger vorweisen. Auch die Deutsche Forschungsgemeinschaft, die Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft und zahlreiche Reichsanstalten und Industrieinstitute trugen zu diesem Ruf bei. Der wesentliche Standortvorteil Berlins als Wissenschaftsmetropole war jedoch, wie Rüdiger Hachtmann ausführt, das ebenso feinmaschige wie belastbare Netzwerk zwischen Forschung und Politik, welches die Einrichtungen nicht nur für den wissenschaftlichen Diskurs, sondern erfolgreich auch zur Einwerbung von Forschungsmitteln nutzten. Obwohl die Nationalsozialisten das weltstädtische Flair der Metropole und ihre Repräsentanten verachteten und – auch medienwirksam – bekämpften, blieb Berlin auch im »Dritten Reich« ein kulturelles Aushängeschild. Im Gegensatz zum Wissenschaftsbetrieb, der an internationalem Ansehen kaum einbüßte, stellte das Kulturleben nach der Vertreibung der missliebigen, aufsässigen und/oder jüdischen Künstler aber nur noch einen Abglanz vergangener Tage dar. Das war, so Bjoern Weigel, auf die faktische Vorzensur der Reichskulturkammer in Oper, Theater und Film, vor allem aber auf die Zuteilung von staatlichen Subventionen zurückzuführen, die für die Neuausrichtung von Partituren, Programmen und Posen im Sinne des Nationalsozialismus sorgten.

Schon 1927 hatte Walther Ruttmann die Schnelligkeit der Metropole, die Allgegenwärtigkeit von Bussen und Bahnen in »Berlin – Die Sinfonie der Großstadt« in Szene gesetzt. Das Angebot im öffentlichen Nah- und Fernverkehr, das die Berliner Verkehrs-Aktiengesellschaft (BVG) (U-Bahn, Straßenbahnen, Busse) und die Reichsbahn (S-Bahn) offerierten, gehörte zu den attraktivsten der Welt. Christian Dirks und Bjoern Weigel schildern, wie die Nationalsozialisten hierauf aufbauten, als einzige genuine nationalsozialistische Verkehrsanlagen aber wohl nur die Deportationsbahnhöfe in Grunewald und in Moabit zu betrachten sind, die 1941/42 angelegt wurden. Mit seinen Fernbahnhöfen, Botschaften und Reisebüros war Berlin bis 1941 der Ausgangspunkt für die Flucht nicht nur Tausender international renommierter Künstler und Wissenschaftler wie aus politischen oder rassistischen Motiven Verfolgter vor dem nationalsozialistischen Terror. Nur wenige von ihnen kehrten später aus dem Exil zurück. Hier zeichnet Christine Fischer-Defoy das in der Forschung oft vernachlässigte »Exil der kleinen Leute« in einigen Lebenswegen nach.

Die größte Gruppe der Flüchtlinge stellten die Juden dar. Bis 1933 war Berlin mit mehr als 160 500 jüdischen Bürgerinnen und Bürgern (das entsprach 3,8 Prozent der Gesamtbevölkerung) vor Breslau und Frankfurt am Main das unbestrittene Zentrum jüdischen Lebens im Deutschen Reich. Der Central-Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte hier seinen Sitz und nach 1933 auch die Reichsvertretung der deutschen Juden. Die 1866 feierlich im Beisein des preußischen Ministerpräsidenten Otto von Bismarck und weiterer hoher politischer Honoratioren eröffnete Neue Synagoge in der Oranienburger Straße zeugte vom Bürgerstolz der jüdischen Gemeinde in der Stadt. Es gab aber auch das von den bettelarmen jüdischen Migranten aus Osteuropa bewohnte Scheunenviertel östlich des Alexanderplatzes, ein auch für viele alteingesessene Berliner Juden ein fremder Ort, ein Ghetto, von dem sie sich abgrenzten.8 Wolf Gruner schildert, wie stark die Juden gerade in Berlin von der nationalsozialistischen Verfolgung betroffen waren, dass die Stadt ihnen aber zugleich mehr Möglichkeiten zur Selbstbehauptung oder sogar Opposition bot, als man bisher angenommen hat.

Am Alexanderplatz mochten russisch-orthodoxe Christen und liberale Juden, Kleingartenkolonisten und Villenbewohner, Künstler und Arbeiter zusammen auf die S-Bahn warten, doch sonst gab es zwischen ihnen wenig Berührungspunkte. Berlin war keine monolithische Stadt, sondern eine vielgestaltige Metropole, die in parallele Welten und Lebensräume – die sprichwörtlichen Kieze – zerfiel. Durch die Bildung von Groß-Berlin waren im Jahr 1920 acht Städte, 59 Landgemeinden und 27 Gutsbezirke zu einer Gemeinde mit 20 Bezirken zusammengefasst worden; mit knapp vier Millionen Einwohnern rangierte Berlin unter den bevölkerungsreichsten Städten der Welt an dritter Stelle. Doch der Wedding, Weißensee und Friedrichshain hatten wenig gemein mit den bürgerlichen Stadtteilen Wilmersdorf, Charlottenburg und Steglitz im Südwesten. Spandau führte ebenso ein Eigenleben wie Köpenick. In diesem Sinne mochte der mondäne Kurfürstendamm einigen Berlinern ebenso fern scheinen wie die Avenue des Champs-Élysées oder der Picadilly Circus. Selbst die Bewohner eines typischen Mietshauses teilten oft nur eine Postadresse. Die Residenten der Beletage im Vorderhaus wollten die Mieter des Hinterhauses genauso wenig kennen wie die Bewohner jener »Belvedere« genannten, ärmlichen Behausungen direkt neben ihnen, die entstanden waren, als Zwischendecken in die hohen Hauseingänge eingezogen wurden. Nachbarschaftliche Nähe bedeutete nicht zwangsläufig eine größere Verbundenheit. Die schiere Größe der Stadt verbreiterte gleichwohl den Stimmenkanon. Berlin war immer voller unterschiedlicher Stimmen zur gleichen Zeit. Eben diese Bandbreite von parallelen Geschehnissen und nebeneinander agierenden Personen, die »Simultanität«, nahm Jean-Paul Sartre, wie er rückblickend schrieb, 1936 in einem Varieté in der Berliner Hasenheide mit »Entsetzen« wahr.9

An Berlin schieden sich die Geister. Die einen sahen hier das Herz der Moderne schlagen, den Ort der kulturellen Avantgarde, die Lichterstadt, deren Leben sich in der Nacht, in den Cafés und Varietés entfaltete, eine Metropole, die sich mit Paris, London, New York messen lassen konnte. Intellektuelle, Schriftsteller, Künstler waren von Berlin fasziniert und versuchten, dem Rhythmus der Stadt, der Geschwindigkeit und dem Glanz der Metropole Ausdruck zu geben. Für die Anderen verkörperte Berlin geradezu idealtypisch die verabscheute Moderne, den urbanen Moloch, der die wahre Kultur frisst und zerstört, ein modernes Babel, in dem christliche Werte versinken und insbesondere junge Menschen Verführungen erliegen. Nicht künstlerische Erhebung, sondern Verflachung einer Massengesellschaft glaubten Konservative und Völkische in Berlin zu erkennen. Die extrem unterschiedlichen Wahrnehmungen und Bilder der Stadt hatten sich in den 1920er Jahren auch in einer besonders radikal ausgeprägten Divergenz von Darstellungen in der Literatur niedergeschlagen, die nach dem Zweiten Weltkrieg zur Meistererzählung der »Goldenen Zwanziger« verklärt wurde.

So divergierend Sichtweisen, Wahrnehmungen und Zuschreibungen waren, so unterschiedlich waren auch die Erwartungen der verschiedenen Bewohner an »ihre« Stadt. Für Tausende Flüchtlinge, die aus wirtschaftlicher Not oder als Verfolgte aus Osteuropa nach Berlin kamen, war die Stadt Anfang der 1930er Jahre vor allem ein erträglicher Wartesaal der Emigration, eine Durchgangsstation, in der nicht wenige für Jahrzehnte blieben und letztlich heimisch wurden. Landflüchtige aus allen Teilen Deutschlands erhofften sich hier bessere Verdienst- und Karrierechancen. Für Christopher Isherwood verband sich mit der Stadt vor allem die Hoffnung auf Sex. Für Klawdija Malewannaj, die sich Ende 1942 als Dienstmädchen nach Berlin verpflichtete, bedeutete sie dagegen Qual.10 Im Tagebuch von Joseph Goebbels ist – wohl in Anspielung auf den seinerzeit erfolgreichen, in Berlin produzierten Film von Joe May – immer wieder von der »Asphaltwüste« zu lesen. »Lange noch mit den Freunden im Café Wilhelma«, schrieb er im September 1926, wenige Wochen bevor er als Gauleiter die Führung der NSDAP in der Stadt übernahm. »Dann schlendern wir durch die Straßen. Berlin bei Nacht. Ein Sündenpfuhl! Und dahinein soll ich mich stürzen?«11

Von außen betrachtet mochte die Reichshauptstadt nicht nur ein Sündenpfuhl, sondern auch eine »rote Hochburg« sein, ein Topos, den die Nationalsozialisten fleißig bedienten. Tatsächlich konnten die Arbeiterparteien 1919 in den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung zwei Drittel der Stimmen auf sich vereinigen mit klarem Vorsprung der linkssozialistischen USPD. Und selbst im Jahr 1932, als die Nationalsozialisten ihre großen Wahlerfolge errangen, blieb die »Linke« in Berlin führend. Bei den Reichstagswahlen im November 1932 zogen die Kommunisten in der Reichshauptstadt sogar die meisten Stimmen auf sich. Doch der Blick auf die statistisch aggregierten Daten täuscht, wie Oliver Reschke und Michael Wildt herausarbeiten. Erstens hatten Wahlberechtigte in Schöneberg, Steglitz, Wilmersdorf und Zehlendorf schon zwischen 1918 und 1932 mehrheitlich deutschnational gewählt, während sich die sozialdemokratischen und kommunistischen Stimmen in den bevölkerungsreichen innerstädtischen Bezirken konzentrierten. Zweitens war selbst in jenen Bezirken, die gern als Arbeiterbezirke bezeichnet werden, das scheinbar homogene Bild in der Wirklichkeit zerklüftet. In bestimmten Ortslagen und Kiezen hatten die Nationalsozialisten auch dort schon vor 1933 Fuß gefasst. Die Durchsetzungskraft der Partei resultierte dabei, wie Daniel Siemens für die SA feststellt, die eben jene linke Dominanz in bestimmten Kiezen der Stadt durchbrechen wollte, aus einkalkulierter Gewalt, aus einer Politik der »Prügelpropaganda«.

Bekanntlich bildete aber auch die Massenarbeitslosigkeit, von der Berlin als Industrie- und Handelsmetropole besonders stark betroffen war, den Nährboden des Nationalsozialismus. Zwar hatte die Weltkonjunktur schon 1932 die Talsohle durchschritten, was auch unter jeder anderen deutschen Regierung einen wirtschaftlichen Aufschwung und die Schaffung neuer Arbeitsplätze zur Folge gehabt hätte. Aber Hitler wusste sehr genau, dass an der Fähigkeit, die katastrophal hohe Zahl von sechs Millionen Arbeitslosen zu verringern, der Erfolg seiner Regierung gemessen werden würde. Insbesondere durch die vom Staat mit etlichen Milliarden massiv geförderten Rüstungsinvestitionen konnten dann die dringend benötigten neuen Arbeitsplätze geschaffen werden. Auch die Berliner Großunternehmen profitierten von der Aufrüstung, sodass die Stadt Anfang des Zweiten Weltkriegs zur bedeutendsten Waffenschmiede des Reichs und zum Standort der wichtigsten Tochterfirmen von SS und Deutscher Arbeitsfront wurde. Gleichzeitig verarmten und erlahmten Groß- und Einzelhandel sowie das Bank- und Börsenwesen, wurden Zehntausende Gewerbebetriebe im Prozess der Vernichtung der jüdischen Gewerbetätigkeit unter Wert verkauft oder in die Liquidation gezwungen. Während die Arbeiterschaft, so Rüdiger Hachtmann und Christoph Kreutzmüller, in Folge ihrer Prägung durch Wirtschaftskrise, Terror und umfassende Überwachung geradezu atomisiert wurde und sich – vielleicht leise murrend – dem steigenden Leistungsdruck fügte, zeigten sich die Angestellten, die sich in der Berliner City tummelten, von vornherein den Nationalsozialisten und ihren Betriebszellen gegenüber relativ aufgeschlossen. In den Berichten, die sozialdemokratische Vertrauensleute heimlich an den Exilvorstand der SPD in Prag schickten, hieß es 1936 resigniert, dass »große Teile der Arbeiterschaft« mittlerweile »Freiheit« gegen »Sicherheit« am Arbeitsplatz eingetauscht hätten. Nachdem schon 1936 mit der abteilungsweisen Kennzeichnung von Fabrikarbeitern experimentiert worden war, führte der von 1942 an verstärkte Einsatz der Zwangsarbeiter einerseits zu einer immer weitergehenden rassistischen Stratifizierung der Werkbänke, andererseits wurde die Stadt durch Zwangsrekrutierte aus den verschiedenen Ländern und Regionen, wie Marc Buggeln und Cord Pagenstecher hervorheben, so »international« wie nie zuvor. Die Baracken, in denen Hunderttausende von Zwangsarbeitern untergebracht waren, prägten schließlich in den letzten Kriegsjahren das Stadtbild.

In der heutigen Wahrnehmung steht im Vordergrund, dass es der nationalsozialistischen Führung vor allem darum gegangen sei, die Heterogenität der Reichshauptstadt, ihre Vielfalt zu zerstören. Lange Zeit symbolisierten vor allem die monströsen Pläne Hitlers und seines Architekten Albert Speer den Willen, den städtebaulichen Charakter Berlins nach ihren ideologischen Vorgaben gründlich zu verändern. Dabei gerät die Vielgestaltigkeit nationalsozialistischer Baupolitik aus dem Blick, die neben Prestigeprojekten wie dem Ausbau des Flughafens Tempelhof oder der Neuen Reichskanzlei Dienststellen von Partei-und Staatsverwaltungen errichtete, deren Ästhetik sich, so Matthias Donath, beileibe nicht auf einen »faschistischen Stil« reduzieren lässt. Da die Bauressourcen aber anderweitig eingesetzt wurden, griff der nationalsozialistische Stadtbaurat Adalbert Pfeil, den Christoph Bernhardt dem Vergessen entreißt, in die propagandistische Trickkiste, indem er neuen Wohnraum durch Teilung bestehender Wohnungen schuf. Die öffentliche Inszenierung eines weltstädtischen Berlins – in besonderer Weise zu den Olympischen Spielen 1936 –, die propagandistische Repräsentation in Messen und Pressebildern, erfolgte mit Hilfe »gelenkter Bilder«, wie Klaus Hesse zeigt. Aber diese Bilder waren längst nicht so eindeutig, wie die Protagonisten und Distributoren wünschten. Die Homogenität und Einheitlichkeit, wie sie in den Flaggenmeeren und Aufmärschen zum Ausdruck kommen sollten, wurden immer wieder gestört durch den Eigensinn von Akteuren, die aus dem Bild ausbrachen oder der inszenierten Ordnung nicht entsprachen.

Das Verhältnis der Kirchen, insbesondere der Protestanten, zum nationalsozialistischen Regime blieb ebenfalls weit ambivalenter, als die Machthaber es erhofft hatten. Die versuchte »Machtübernahme« in der Evangelischen Kirche, der in Berlin, zumindest nominell, über 70 Prozent der Bevölkerung angehörten, durch die nationalsozialistisch orientierten Deutschen Christen misslang, wie Manfred Gailus beschreibt. Obwohl die Deutschen Christen bei den internen Kirchenwahlen 1933 die Mehrheit erringen konnten, stieß ihr Ansinnen, die Bibel zu »entjudaisieren«, auf den Widerstand der Bekennenden Kirche. Die Spaltung zwischen den beiden Richtungen bestimmte das Leben in den protestantischen Gemeinden in Berlin, auch wenn in den Kriegsjahren die Intensität der Auseinandersetzung nachließ und beide Seiten zu einem Nebeneinander kamen.

Geradezu renitent zeigte sich ein Teil der Jugend. Eva Balz schildert, wie die Anstrengungen des NS-Regimes, die Jugendlichen in »Jungvolk«, »Hitlerjugend« oder »Bund Deutscher Mädel« zu organisieren, um sie dem Einfluss von Elternhaus und Kirchen zu ent- und als künftige Träger des »Dritten Reiches« zu erziehen, unterlaufen wurden, wie der Wunsch nach Selbstentwurf und Selbstständigkeit zum Widerstand gegen den von oben verordneten Zwang zur Formierung führte. Gerade großstädtische Jugendliche konnten eine Fülle von medialen und kulturellen Angeboten nutzen. Extreme Gewalterfahrungen sowie die sich im Laufe des Krieges in immer größerer Zahl bietenden Schlupflöcher begünstigten eine ausgeprägt nihilistische Grundhaltung und die Bildung von Jugendcliquen, die sich bewusst von der Staatsjugend abkehrten. Sozial unangepasstes Verhalten kann leicht ins Visier von Polizei und Justiz geraten, doch in Berlin suchte das städtische Wohlfahrtsamt seit 1934 darüber hinaus eine Vorreiterrolle bei der Verfolgung und Disziplinierung sogenannter Asozialer zu spielen und diese Menschen mit Unterstützung von Polizei und Justiz wegzusperren. Zugleich verschärfte es die Kategorien dessen, was als »asozial« begriffen wurde, stetig. Bis das Reich 1938 schließlich die Hoheit über die Verfolgung dieser oft vergessenen Opfergruppe beanspruchte, stieg so die Zahl der im städtischen Arbeitshaus in Rummelsburg Inhaftierten dramatisch an.

Gegen die politischen Gegner, insbesondere gegen Kommunisten und Sozialdemokraten, gingen Gestapo und Polizei unerbittlich vor. In »wilden« Konzentrationslagern, die von SA und SS im Frühjahr 1933 überall in der Stadt zumeist in irgendwelchen Kellern eingerichtet wurden, misshandelten, folterten und töteten sie Hunderte von Menschen. Nachdem die SS sowohl die Leitung der Konzentrationslager als auch der Polizei übernommen hatte, konzentrierte sich der Terror dieser Organisation, deren Spitze in der Prinz-Albrecht- und der Wilhelmstraße residierte, auf dem Gelände, wo sich heute die »Topographie des Terrors« befindet. Die – auch personengebundene – Vernetzung und Verquickung von SA-, SS- und Polizeiterror analysiert Stefan Hördler. Gegen diesen Terror erhob sich, wie Johannes Tuchel schildert, auf vielen Ebenen der Gesellschaft auf ganz unterschiedliche Weise Widerstand. Wie keine andere Stadt ist Berlin bis heute verbunden mit dem vergeblichen Staatsstreichversuch der Offiziere um Claus Graf Schenk von Stauffenberg am 20. Juli 1944, der bezeichnenderweise auf Plänen zur Niederschlagung eines befürchteten Volksaufstandes in Berlin basierte. Der Widerstandskreis um Harro Schulze-Boysen und Arvid Harnack, von der Gestapo »Rote Kapelle« genannt, war hier ebenso aktiv wie die Gruppe jüdischer Jugendlicher um Herbert Baum, die im Mai 1942 einen Brandanschlag auf die antikommunistische Ausstellung »Das Sowjet-Paradies« im Lustgarten verübte. Auch die Zahl jener »stillen Helden«, die jüdische Verfolgte versteckten, war beachtlich. Doch im Verhältnis zur großen Masse der Schweigenden und der Mitläufer blieben jene, die Widerstand leisteten, nur eine verschwindende Minderheit. Viele haben diesen Widerstand mit dem Leben bezahlt, wurden verhaftet und hingerichtet.

Die Deutschen in der Heimat erfuhren den Krieg erst spät am eigenen Leib. Nachdem die deutsche Luftwaffe schon in verheerender Weise zunächst Warschau und andere polnische Städte, dann Belgrad und schließlich im Luftkrieg über England etliche Städte, darunter Coventry, schwer zerstört und den Tod der Zivilbevölkerung bewusst in Kauf genommen hatte, kehrte der Krieg gleichsam an seinen Ursprungsort zurück. Seit August 1940 wurde die Reichshauptstadt ein besonderes – symbolisches wie strategisches – Ziel der alliierten Luftangriffe. Zwar sind andere deutsche Städte umfassender zerstört worden, aber über keiner wurden, wie Laurenz Demps schildert, so viele Bomben abgeworfen wie über Berlin. Zwischen November 1943 und März 1944 erfolgten 17 Großangriffe, die annähernd 10 000 Menschen das Leben kosteten. Die beiden schlimmsten erlebten die Berliner am 3. Februar und am 28. März 1945. An diesen Tagen versanken große Teile des alten Stadtzentrums in Schutt und Asche. Trotz der ständigen alliierten Luftangriffe sollte die Infrastruktur wie die Rüstungsproduktion aber intakt bleiben, weshalb man Jugendliche und Frauen zum Arbeitseinsatz heranzog. Bis zum Schluss versuchte das Regime, so Thomas Schaarschmidt, Kriegsbegeisterung zu schüren und die Berliner für den »totalen Krieg«, den Goebbels im Sportpalast erklärte, zu mobilisieren. Nach Goebbels’ Ernennung zum Reichsbevollmächtigten für den totalen Kriegseinsatz in der Folge des Attentats vom 20. Juli 1944 wurden die Mobilisierungsmaßnahmen in Berlin noch einmal verstärkt. Doch die Ressourcen gingen zur Neige, und die Bereitschaft der Bevölkerung, sich angesichts des absehbaren Endes des Krieges für dessen Fortsetzung einzusetzen, schwand zusehends.

Die letzten Wochen, jener viel beschriebene »Endkampf« um Berlin, waren eine blutige Schlacht, die noch einmal Tausende das Leben kostete. Auf der einen Seite traf es die Sowjetsoldaten, die der NS-Diktatur ein Ende setzen wollten, auf der anderen die Soldaten der Wehrmacht, den Volkssturm und sogenannte fremdvölkische SS-Einheiten, die bei dem aussichtslosen Unterfangen, Berlin zu verteidigen, ins tödliche gegnerische Feuer gejagt wurden. Jenes Bild, auf dem ein greiser Hitler vor dem Eingang seines Bunkers 15-jährigen HJ-Jungen die Wangen tätschelt, um sie dann in den »Endkampf« zu schicken, ist zur Ikone dieses Wahnsinns in den letzten Tagen des Regimes geworden. Am 30. April nahm sich der Diktator im Bunker unter den Trümmern der zerschossenen Reichskanzlei das Leben. Goebbels folgte seinem Beispiel, nachdem er zuvor mit seiner Frau Magda noch seine eigenen Kinder vergiftet hatte. Das Schreckensregime war zu Ende und hinterließ eine verwüstete Stadt.12 Wer im frühlingshaft-sonnigen Mai des Jahres 1945 durch Berlin ging, konnte sich wohl kaum vorstellen, dass der »Schutthaufen bei Potsdam« – so Bertolt Brecht – jemals wieder aufgebaut werden würde.

Die simultane Vielfalt Berlins und seine inneren Widersprüche machen die Faszination und das Forschungsinteresse aus, aus denen sich dieses Buch speist. Auch wenn ihm kein Forschungsprojekt zugrunde lag, beruhen alle Beiträge auf eigenen Forschungen und Quellenrecherchen. Die Autorinnen und Autoren fassen hier das verfügbare Wissen konzise zusammen und versuchen einen ebenso fundierten wie lesbaren Überblick über die Geschichte Berlins zwischen 1933 und 1945 zu geben. An vielen Stellen räumen sie mit alten Vorstellungen auf, fördern differenzierende und überraschende Erkenntnisse zutage und verdeutlichen damit, dass die Vielfältigkeit Berlins – über die reine Stadtgeschichte hinaus – Beachtliches zu aktuellen Forschungsdebatten beizutragen hat. Aus diesem Grund hoffen wir, dass dieser Band als Ausgangspunkt für weitere Untersuchungen dienen wird. Letztlich kann hier vieles nur angerissen werden, was genauer erforscht und ausformuliert werden müsste. Obwohl die hier versammelten Autorinnen und Autoren ein breites alltags- wie sozial- und kulturgeschichtliches Panorama vorführen, wissen wir immer noch viel zu wenig etwa über den Alltag im Berlin während des Nationalsozialismus, über das gesellige Leben in Vereinen, Clubs und Schrebergärten sowie über die Lebenswelten der Ministerialbürokraten und Ministerialbeamten in der Wilhelmstraße oder die der Angestellten am Hausvogtei- und Fehrbelliner Platz. Auch fehlt bis heute eine Studie zur Verfolgung und Deportation von Sinti und Roma in Berlin.13

Der vorliegende Band ist auch ein wissenschaftlicher Beitrag zum Themenjahr »Zerstörte Vielfalt. Berlin im Nationalsozialismus«, mit dem das Land Berlin 2013 den 75. Jahrestag des Novemberpogroms begeht.

Den Autorinnen und Autoren, die in ebenso angenehmen wie produktiven Runden die Beiträge diskutiert und pointiert haben, gilt unser besonderer Dank. Zu danken haben wir auch Tobias Winstel für die Aufnahme des Buches in das Programm des Siedler Verlags, Katharina Böcker, Eva-Lotte Reimer und Anne Scheel, die an der Endredaktion mitgewirkt haben, Ditta Ahmadi, die den Band kompetent und verständnisvoll lektoriert hat, und nicht zuletzt dem Deutschen Historischen Institut Moskau, das unsere Recherchen durch ein Archivstipendium unterstützt hat.

Christoph Kreutzmüller und Michael WildtBerlin, im Januar 2013

MACHTÜBERNAHME

Bild 1

Am Abend der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler im »Kabinett der nationalen Einheit« marschierte Berliner SA mit Pauken und Trompeten durch das Brandenburger Tor, das seit dem 19. Jahrhundert so etwas wie ein preußisch-deutscher Triumphbogen war. Wenn auch die Medien großes Interesse zeigten, was die Filmkamera am linken Bildrand erkennen lässt, waren die Umstände widrig. So marschierten die siegestrunkenen SA-Männer nicht »ordentlich« ausgerichtet, und der Rauch der Fackeln behinderte die Sicht. Auch war die Haltung des Publikums keineswegs so, wie sie sich das wünschten. Während Max Liebermann in seinem Haus am Brandenburger Tor fluchte, zeigten sich die Passanten weniger begeistert als neugierig. Man entschloss sich deshalb, den Fackelmarsch der SA im Sommer 1933 noch einmal nachzustellen – und nun Bilder mit einer klaren Aussage und einem der Situation angemessen feierlichen Eindruck zu erzeugen. Diese Fotos werden bis zum heutigen Tag viel häufiger als die wenigen überlieferten Fotos gezeigt, die tatsächlich am 30. Januar 1933 aufgenommen wurden. Foto von Georg Pahl (Aktuelle Bilder Centrale ABC).

AUFSTIEG DER NSDAP IN BERLIN

Vier Tage, nachdem die Marinebrigade Ehrhardt am 13. März 1920 in Berlin einmarschiert war, um zusammen mit dem Chef des Reichswehrkommandos Berlin, General Walther Freiherr von Lüttwitz, den deutschnationalen Politiker Wolfgang Kapp gegen die demokratisch gewählte Regierung an die Macht zu putschen, landete ein Sportflugzeug auf dem Flugplatz Jüterbog, siebzig Kilometer südlich von Berlin – an Bord Adolf Hitler und Dietrich Eckardt, ein in völkischen Kreisen bekannter Publizist. Beide sollten im Auftrag der gleichfalls umsturzbereiten Organisationen Münchens den Kontakt zu den Putschisten aufnehmen. Der Flugplatz war noch von streikenden Arbeitern besetzt, sodass Hitler und Eckardt nur mit gefälschten Ausweisen in die Stadt gelangten.1

Der Staatsstreich war zu diesem Zeitpunkt bereits gescheitert, somit trafen die beiden Münchner Emissäre, wie Hauptmann Karl Mayr später Kapp berichtete, in Berlin »auf vollendete Tatsachen«,2 aber Hitler konnte dort noch wichtige Kontakte knüpfen, unter anderem zu dem völkischen Grafen Ernst zu Reventlow, später für einige Jahre NSDAP-Reichstagsabgeordneter, dem Schutzpolizeihauptmann Walther Stennes, später eine Zeitlang Führer der Berlin-Brandenburger SA, und dem Freikorpsführer Waldemar Pabst, einem der Mörder von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. In den folgenden Monaten reiste Hitler immer wieder nach Berlin, um Kontakte zu pflegen und finanzielle Unterstützung einzuwerben.3

Völkische Szene in Berlin

In Berlin hatten die Arbeiterparteien zu dieser Zeit eine deutliche politische ehrheit. Aus den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung am 20. Juni 1920 war die linke Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) mit 48 Mandaten noch vor den Sozialdemokraten mit 17 Mandaten als klare Siegerin hervorgegangen; zusammen besaßen beide Parteien in der Stadtverordnetenversammlung eine Zweidrittelmehrheit.4

Daneben existierte aber eine vielfältige rechtsextreme Szene, deren Anhänger durch Doppel- und Mehrfachmitgliedschaften stark miteinander verflochten waren.5 Die blutigen Straßenkämpfe 1918/19 lagen nur wenige Jahre zurück, und die antibolschewistisch orientierten Gewaltmilizen glaubten sich durchaus noch im permanenten Ausnahmezustand eines Bürgerkriegs. Zu den einflussreichen Gestalten aus diesem Milieu gehörte Gerhard Roßbach, dessen Freikorps im März 1920 den republikfeindlichen Kapp-Lüttwitz-Putsch unterstützt hatte.6 Auch der damals 22-jährige ehemalige Unteroffizier Heinz Oskar Hauenstein hatte sich in den oberschlesischen Kämpfen mit einer eigenen Truppe hervorgetan und anschließend in Berlin ein neues politisches Tätigkeitsfeld gesucht.7

Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP), zu dieser Zeit noch das wichtigste Sammelbecken von Konservativen und Völkischen, konnte bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung am 16. Juni 1921 gegenüber dem Vorjahr auf mehr als das Dreifache anwachsen und stellte mit annähernd 320 000 Stimmen die drittstärkste Kraft in Berlin dar. Ihre Hochburgen bildeten die südwestlichen bürgerlichen Stadtteile, aber auch in Mitte und Tiergarten erzielte sie überdurchschnittliche Ergebnisse.8

Roßbach und Hauenstein sprachen 1921/22 in kleinen Versammlungen im Kriegervereinshaus in Mitte oder in der Schlossbrauerei in Steglitz, wo sie für den Nationalsozialismus warben.9 Im August 1922 fuhren sie nach München, um mit Hitler zu beraten, wie neue Stützpunkte der NSDAP in Norddeutschland geschaffen werden könnten.10

Die erste offizielle »Ortsgruppe Berlin der NSDAP« sollte am 19. November 1922 im Restaurant Reichskanzler in der Yorckstraße 90 in Kreuzberg gegründet werden.11 Doch dem kam das Verbot der NSDAP durch den preußischen Innenminister Carl Severing am 15. November zuvor. Auch die von der DNVP abgespaltene Deutschvölkische Freiheitspartei (DVFP), zu deren Führung der spätere brandenburgische NSDAP-Gauleiter Wilhelm Kube, Ernst Graf zu Reventlow und die Reichstagsabgeordneten Reinhard Wulle und Albrecht von Graefe gehörten,12 verbot Severing im März 1923 in Preußen mit der Begründung, dass sie ein versteckter Ableger der NSDAP sei. Roßbach und andere wurden verhaftet und der Bildung militärischer Banden sowie des Hochverrats beschuldigt.13

Das Verbot der NSDAP nach dem gescheiterten Putsch in München im November 1923 hemmte die organisatorische Entwicklung auch in Berlin. In dieser Zeit sammelte einerseits der »Frontbann«, im Mai 1924 von Ernst Röhm gegründet und wichtigster Vorläufer der SA, die nationalsozialistische Rechte.14 Andererseits vereinigten sich die Anhänger Ludendorffs, Deutschvölkische und Nationalsozialisten zu einem Bündnis, der Nationalsozialistischen Freiheitsbewegung (NSFB), die zu den Reichstagswahlen am 4. Mai 1924 antrat und reichsweit 6,5 Prozent der Stimmen erringen konnte. Zwar lag Berlin mit 4,8 Prozent unter dem Durchschnitt, aber wieder fällt auf, dass das völkischnationalsozialistische Bündnis in den bürgerlichen Stadtbezirken deutlich höhere Stimmenanteile erzielen konnte.15 42 Ortsgruppen mit etwa 3200 Parteimitgliedern umfasste die NSFB, deren Geschäftsführer der umtriebige Reichstagsabgeordnete Wilhelm Kube war.16 Entgegen der von Goebbels fabrizierten Legende, dass erst mit seinem Eintreffen Ende 1926 der Aufstieg der NSDAP begann, existierte in Berlin also bereits 1924 ein ansehnliches rechtsextremes Reservoir, auf das die Nationalsozialisten aufbauen konnten.

Nach Aufhebung des Parteiverbots in Preußen Anfang Januar 1925 gründete sich am 17. Februar die Berliner Ortsgruppe neu; erst zehn Tage später fand in München die Neugründungsversammlung der NSDAP statt.17 In der Berliner Parteiorganisation gaben die Brüder Gregor und Otto Strasser den Ton an, die einen von der Parteiführung in München abweichenden »sozialistischen« Kurs verfolgten und die Berliner Arbeiterzeitung herausgaben, deren Auflage zwischen 3000 und 5000 Exemplaren schwankte.18 Leiter des NSDAP-Gaus Groß-Berlin wurde der Regierungsrat Dr. jur. Ernst Schlange, den Hitler im Amt bestätigte, wozu er erstmals seit 1922 wieder in die Reichshauptstadt kam.19 Schlange, 1888 geboren, kriegsversehrt, war 1922 der NSDAP beigetreten und hatte die Ortsgruppen Wilmersdorf, Steglitz und Zehlendorf gegründet. 20

Doch die Berliner Parteiorganisation bot 1925 ein eher klägliches Bild. Zu den Kommunalwahlen im Oktober 1925 stellte die NSDAP nur in Spandau Kandidaten auf, während die konkurrierende Deutschvölkische Freiheitspartei in Charlottenburg immerhin noch über drei Prozent der Wählerstimmen erringen konnte.21 In einem Bericht des Reichskommissars für die Überwachung der öffentlichen Ordnung vom 20. November 1925 hieß es dennoch, dass dem gesamten Eindruck nach »die nationalsozialistische Bewegung überall im Rückgang« sei und in Berlin die größte Versammlung in den vergangenen Wochen nicht mehr als 2000 Besucher hatte aufweisen können.22

Vor allem zwischen der Partei und dem ungleich mächtigeren Frontbann gab es in dieser Zeit ständig Auseinandersetzungen. Während Schlange auf die Unterordnung der SA unter die Partei drängte, entwickelte diese ein aktivistisches Eigenleben. Zermürbt zog Schlange sich schließlich zurück und übergab die Geschäfte seinem Stellvertreter Erich Schmiedecke.23 Im August 1926 traf sich die Berliner Führerschaft von Partei und SA, um einen Ausweg aus der verfahrenen Situation zu finden. Daluege forderte Schmiedecke bei dieser Gelegenheit zum Rücktritt auf und präsentierte Heinz Oskar Hauenstein als neuen Parteiführer, was zu heftigen Tumulten führte.24

Zu dieser Zeit machte sich Goebbels schon im Hintergrund bereit. »Vorgestern nach Berlin«, notierte er am 10. Juni 1926. »Schlange ist verzweifelt. Der gute Mann wird nicht mehr mit den renitenten Leuten fertig. Alle wollen mich nach Berlin als Retter. Ich danke für die Steinwüste.«25 Im August sollte Goebbels zunächst als kommissarischer Gauleiter nach Berlin gehen, am 26. Oktober ordnete Hitler dann an, dass zum 1. November die bisherigen Gaue »Groß-Berlin« und »Ostmark« mit Sitz in Potsdam aufgelöst seien und ein neuer NSDAP-Gau »Berlin-Brandenburg« geschaffen werde unter der Leitung von Goebbels, der mit außerordentlichen Vollmachten ausgestattet wurde: »Die S.S. und S.A. des neuen Gaues wird der politischen Leitung des Gauführers ausdrücklich unterstellt. Ihre Führer werden endgültig erst nach dessen Vorschlag von der S.A.-Leitung München bestimmt.«26

Politik als Markentechnik

Am 9. November 1926 traf Goebbels in Berlin ein und setzte im ersten Rundschreiben an die Parteigenossen klare Markierungen: Die verschiedenen Ortsgruppen wurden in lokale Sektionen einer einzigen Ortsgruppe Berlin überführt. Zum neuen Stellvertretenden Gauleiter ernannte er SA-Führer Kurt Daluege, um so die mächtige SA an die Partei zu binden. Außerdem richtete Goebbels eine Rednerschule ein, um die Parteigenossen programmatisch wie rednerisch zu schulen.27 Auf einer Mitgliederversammlung am 11. November in Spandau setzte er seinen Führungsanspruch durch. Zu Beginn des Jahres 1927 zog die Gaugeschäftsstelle aus der Potsdamer Straße 109, »Opiumhöhle« genannt, in neue Räume in der Lützowstraße.

Goebbels begriff früher und konsequenter als andere, dass sich die Vermittlung von Politik in einer expandierenden Mediengesellschaft nachhaltig verändern würde. Es kam darauf an, dass die Nationalsozialisten mit spektakulären, gewalttätigen Aktionen öffentlich auffielen und in den Medien, damals in erster Linie die zahlreichen und mehrmals am Tag erscheinenden Tageszeitungen, präsent waren. Goebbels, so Otto Strasser rückblickend, bewies »den Einfallsreichtum eines amerikanischen Reklamegenies. Er ›verkaufte‹ – anders kann man’s nicht bezeichnen – die politische Idee des Nationalsozialismus in der dem Tag angepassten modernsten Fassung.«28

Schon am 14. November 1926 marschierte die SA durch das rote Neukölln, und prompt kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen mit den Kommunisten.29 Für den 11. Februar 1927 setzte Goebbels eine Kundgebung in den Pharus-Sälen in Berlin-Wedding an, in denen die Kommunisten traditionell ihre Veranstaltungen abhielten. Noch bevor er mit seiner Rede begonnen hatte, brach eine Saalschlacht aus. Die Berliner Tageszeitungen berichteten daraufhin in großer Aufmachung über die Nationalsozialisten und ihren Gauleiter.30 Als Hitler am 1. Mai 1927 nach langer Zeit wieder einmal in Berlin auftrat, war das Konzerthaus Clou mit seinen 3000 Sitzplätzen prall gefüllt.31

Nach einer weiteren wilden Schlägerei während einer NSDAP-Versammlung Anfang Mai erließ der Berliner Polizeipräsident Karl Friedrich Zörgiebel schließlich am 5. Mai 1927 in Berlin-Brandenburg ein Verbot der NSDAP mit sämtlichen Unterorganisationen, einschließlich der SA32 – für Goebbels, der erst sieben Monate zuvor als Hoffnungsträger nach Berlin gekommen war, ein schwerer politischer Rückschlag, aber auch für die NSDAP, die in Berlin gerade angesetzt hatte, Mitglieder zu gewinnen.

Doch der Gauleiter ließ sich nicht beirren. Er gab den Slogan »Trotz Verbot nicht tot« heraus und machte sich an die Verwirklichung eines schon lange gehegten Plans: die Herausgabe einer neuen Wochenzeitung mit dem benzeichnenden Titel: Der Angriff.33 Im Angriff wurden hasserfüllt alle antisemitischen Register gezogen, Juden verächtlich gemacht und unverhohlen zu Gewalttätigkeiten gegen sie aufgerufen. Im Zentrum stand die denunzierende Propaganda, dass Juden und »Weimarer System« zusammengehörten, wobei der Angriff bemüht war, mit Karikaturen von Hans Schweitzer, der altgermanisch mit »Mjoelnir« signierte, sogenanntem Berliner Witz, rhetorischen Pointen etc. den blutig-ernsten antisemitischen Ton unterhaltsam-eingängig zu präsentieren. Mit einer perfiden Kampagne erzielte Goebbels trotz Verbot und rechtsstaatlicher Interventionen über den Angriff die ersehnte öffentliche Aufmerksamkeit: Von März 1927 bis Ende 1928 gab es nur eine Ausgabe, in der Bernhard Weiß – Demokrat, Jude undstellvertretender Polizeipräsident von Berlin – in dem Blatt nicht von Goebbels angegriffen und als »Isidor« verhöhnt wurde.34

Nachdem im Oktober 1927 bereits das Redeverbot für Goebbels aufgehoben worden war, kassierte das Polizeipräsidium am 31. März 1928 nach knapp einem Jahr auch das Verbot der NSDAP und ihrer Untergliederungen, um der Partei, so die Begründung, die »ungehinderte Möglichkeit zur Wahlvorbereitung« auf die Reichstagswahl im Mai 1928 zu geben.35 Das Ergebnis der Wahl war für die NSDAP dennoch enttäuschend. Auf Reichsebene kam sie lediglich auf 2,6 Prozent, in Berlin mit 39 052 Stimmen sogar nur auf 1,6 Prozent. Allerdings schnitten die bürgerlichen Stadtbezirke im Südwesten besser ab.36

Umso wichtiger wurden die verschiedenen nationalsozialistischen Organisationen im Umfeld der NSDAP. Der gerade erst im Mai 1928 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund zum Beispiel konnte bei den AStA-Wahlen an der Berliner Universität im Juni 1928 fünfzehn von hundert Sitzen erringen.37 Die deutschvölkische Politikerin Elsbeth Zander, die 1923 den Deutschen Frauenorden (DFO) gegründet hatte, trat 1926 zur NSDAP über und sorgte dafür, dass der DFO mit der NSDAP verbunden wurde. Im August 1930 hatte der DFO 4000 Mitglieder, davon 500 in Berlin. Goebbels, der Zander misstraute, hatte 1929 eine eigene Frauenarbeitsgemeinschaft (FAG) gegründet, aber die organisatorische Auseinandersetzung war entschieden, als Elsbeth Zander in der 1931 auf Reichsebene ins Leben gerufenen Nationalsozialistischen Frauenschaft (NSF) zu einer führenden Funktionärin avancierte. Zu diesem Zeitpunkt besaß die NSF reichsweit 19 000 Mitglieder, deren Zahl sich bis Ende 1932 auf rund 110 000 erhöhte.38

Die Hitlerjugend (HJ), offiziell auf dem Weimarer Parteitag im Juli 1926 gegründet, blieb in Berlin zahlenmäßig bis 1933 schwach; ihre wichtigsten Gruppen hatte sie in Charlottenburg und Wilmersdorf.39 Als der 15-jährige Herbert Norkus aus Berlin-Moabit im Januar 1932 bei Kämpfen mit den Kommunisten ums Leben kam, nutzte Goebbels die Gelegenheit und stilisierte ihn – ähnlich wie Horst Wessel – zum »Märtyrer«. Norkus lieferte die Vorlage für den Bestseller Hitlerjunge Quex, der noch im Dezember desselben Jahres erschien und von dem in weniger als zwei Jahren 190 000 Exemplare verkauft wurden.40

Mit besonderer Intensität bemühte sich die Berliner NSDAP darum, in den Betrieben Fuß zu fassen. Die erste Betriebszelle entstand im Werk der Knorr-Bremse; 1929 existierten bereits in etlichen Unternehmen nationalsozialistische Betriebszellen, darunter bei allen großen Banken mit Betriebsräten bei der Commerzbank, der Deutschen Bank, bei den Berliner Bahnbetrieben und Postämtern, in mehreren AEG-Standorten, bei Siemens, Borsig, in den Kaufhäusern Tietz und Karstadt.41 Nach einem Bericht von Reinhard Muchow, der im Mai 1929 die Leitung der Berliner Nationalsozialistischen Betriebszellenorganisation (NSBO) übernahm, umfasste die NSBO in Berlin 40 Betriebszellen mit annähernd 2000 Parteigenossen und Sympathisierenden, wobei der Zuspruch unter den Angestellten besonders hoch war.42

Stettiner Bahnhof I

Ohne Zweifel lag der regionale Schwerpunkt der NSDAP in Berlin in den bürgerlichen Stadtteilen, doch die Partei unternahm große Anstrengungen, auch in den »roten« Innenstadtbezirken Anhänger zu gewinnen. Auf der Mikroebene eines Quartiers wie der Sektion Stettiner Bahnhof im Bezirk Mitte lässt sich gut erkennen, wie heterogen die Berliner Stadtteile waren und wie es den Nationalsozialisten gelang, buchstäblich Haus für Haus zu erobern.

Die Gegend östlich und südöstlich vom Stettiner Bahnhof war geprägt von typischen Berliner Mietskasernen, die ein weitgehend einheitliches und geschlossenes Stadtquartier bildeten. Während in den Vorderhäusern und an den Hauptstraßen auch bürgerliche Schichten wohnten, lebte in den Hinterhöfen und Nebenstraßen das »unterste« Proletariat, das auch das gesamte Gebiet dominierte. Rund um den Stettiner Bahnhof war »Rotlichtmilieu« angesiedelt. Die Bewohner dieses Arme-Leute-Quartiers gaben mehrheitlich den Linksparteien ihre Stimme.43 Im September 1932 verzeichnete die Polizei 13 KPD-Verkehrslokale in dem Gebiet.44 Unter diesen tat sich das Lokal »Kaiser«, Zionskirchplatz 1, wiederholt als Ausgangspunkt von politisch motivierten Gewalttaten besonders hervor, darunter auch Tätlichkeiten gegen Nationalsozialisten, weshalb es von der Polizei als »Politisches Radaulokal« eingestuft wurde.45 Woher der Wind in dieser Gegend wehte, hatten die Nationalsozialisten schon sehr früh zu spüren bekommen: Am 21. November 1926 etwa berichtete die Berliner Arbeiterzeitung von einem Überfall, den Kommunisten aus dem Lokal »Kaiser« an der Ecke Fehrbelliner und Veteranenstraße auf eine Gruppe NSDAP-Mitglieder verübten. Die Überfallenen befanden sich an jenem Abend auf dem Heimweg von einer Totengedenkfeier im »Kriegervereinshaus«.46

Der Bereich westlich der Magistralen Chaussee- und Friedrichstraße war dagegen politisch ganz anders geprägt. Dem Teilbereich nördlich der Invalidenstraße wurde durch die ehemalige »Maikäferkaserne« des Garde-Füsilier-Regiments in der Chausseestraße 95–98 der Stempel aufgedrückt. Die Kaserne wurde seit 1918 von der Schutzpolizei als Unterkunft für die Polizeigruppe Nord genutzt; in unmittelbarer Nähe befanden sich noch weitere Polizeigebäude.47 Und im Invalidenhaus in der Scharnhorststraße 33 waren viele ehemalige Weltkriegsteilnehmer untergebracht. Die Invalidensäule, das »National-Krieger-Denkmal« im Invalidenpark, machte die Gegend zu einem symbolträchtigen Ort und galt als Anlaufstelle für vaterländische und nationale Kreise. Im nördlich an die Polizeikaserne anschließenden »Kriegervereinshaus« in der Chausseestraße 94 gab es eine Versammlungsstätte, die diese Kreise gerne nutzten. Dort hielt Goebbels seine erste öffentliche Rede nach seiner Ankunft in Berlin.48 Auch die Krawalle vom 4. Mai 1927, die zum Berliner NSDAP-Verbot geführt hatten, waren bei einer Versammlung im »Kriegervereinshaus« ausgebrochen.49 Und so war es wohl kein Zufall, dass die große Gründungsfeier der NSDAP nach Aufhebung des Verbots ebenfalls im »Kriegervereinshaus« stattfand.50

Das Areal südlich der Invalidenstraße bis zum Schiffbauerdamm wurde hauptsächlich von den Gebäuden der Charité und der Tierärztlichen Hochschule sowie den Instituten der Friedrich-Wilhelms-Universität eingenommen. In der Karlstraße 34/35 befand sich eine Polizeikaserne und in der Albrecht-straße 22 das 2. Polizeirevier.51 Die Konzentration derartiger Bauten im westlich-bürgerlichen Bereich der Sektion Stettiner Bahnhof hatte einen sehr starken Einfluss auf die Ausbreitung der NSDAP, zum einen weil sich in und um diese Gebäude herum ein ganz spezielles nationalistisch-militaristisch-studentisch geprägtes Milieu angesiedelt hatte, das für den Nationalsozialismus wesentlich anfälliger war als andere Bevölkerungsgruppen, zum anderen weil die Nähe zu Polizeigebäuden für die Nationalsozialisten stets ein entscheidendes Kriterium bei der Wahl der Standorte ihrer Verkehrslokale war, da sie vor allem in der Anfangsphase nicht selten auf den Schutz der Polizei angewiesen waren.

Im Schutz der Polizeikaserne und des »Kriegervereinshauses« waren den Nationalsozialisten Dinge möglich, die ihnen in anderen Gegenden der Stadt noch jahrelang verwehrt blieben. So konnte ein bekanntes langjähriges NSDAP-Mitglied von Januar 1927 an in der Invalidenstraße 95 offensichtlich unbehelligt einen Frisiersalon unterhalten.52 Ein von einem NSDAP-Amtswalter in der Trelleborger Straße 50 im Bezirk Pankow betriebenes Friseurgeschäft wurde hingegen von den Anwohnern der proletarisch geprägten Gegend jahrelang boykottiert und noch am 9. März 1933 von Kommunisten überfallen.53 Überdies gab es in der Schutzpolizeikaserne selbst offensichtlich schon früh Sympathisanten der Nationalsozialisten.54 Im Haus Friedrichstraße 115, direkt am Oranienburger Tor, befand sich ein früher Anlaufpunkt für Nationalsozialisten, die Studentengaststätte »Zum strammen Hund«,55 und an der Tierärztlichen Hochschule, Luisenstraße 56, etablierte sich im Januar 1929 eine Sektion des NSDStB.56

Öffentliche Erfolge

Allmählich gelang es der NSDAP, sich zu behaupten und Mitglieder aus anderen Gruppierungen anzuziehen. Obwohl ihre Wahlerfolge mäßig waren und das Verhältnis zur SA konfliktträchtig blieb, festigten sich ihre Strukturen, wozu der im Juli 1928 zum Leiter der Organisationsabteilung ernannte Reinhold Muchow erheblich beitrug. Muchow adaptierte das kommunistische Straßenzellenprinzip und trennte dessen Leitung strikt von der SA. Anfang 1930 verfügte die NSDAP in Berlin über mehr als 900 Straßenzellen, die in 40 Sektionen organisiert waren. Mittels nahezu monatlich stattfindender »Gautage«, zu denen Goebbels die führenden Parteifunktionäre einberief, bildete sich zudem ein Führerkorps heraus, das der Partei, die Ende 1929 rund 5000 Mitglieder zählte,57 Kontinuität und Struktur verlieh.58

Es war die Zeit der Wirtschaftskrise, und mit dieser gelangte Wasser auf die Mühlen der Nationalsozialisten. Waren im Herbst 1928 etwa 109 000 Menschen in Berlin auf Arbeitslosenunterstützung angewiesen, so lag deren Zahl im Herbst 1929 bei 154 000; nach dem Börsenkrach im Oktober schnellte sie zum Jahreswechsel sogar auf über 292 000 hoch.59 Der Sklarek-Skandal, eine Korruptionsaffäre, in deren Folge der Oberbürgermeister Gustav Böß zurücktreten musste,60 tat ein Übriges, die nationalsozialistische Propaganda zu befördern. Bei den Wahlen zur Berliner Stadtverordnetenversammlung am 17. November 1929 erhielt die NSDAP 132 097 Stimmen (5,8 Prozent) und zog mit 13 Abgeordneten ins Parlament ein. Wieder lagen ihre Stimmenanteile in Zehlendorf, Charlottenburg, Schöneberg und Wilmersdorf über dem Durchschnitt, in dem von Beamten und ehemaligen Militärs geprägten Bezirk Steglitz erzielte sie sogar mit 10,3 Prozent ein zweistelliges Ergebnis.61

Am 2. Mai 1930 sprach Hitler, der im Jahr zuvor nur einmal nach Berlin gekommen war, in einem überfüllten Sportpalast.62 Das war schon so etwas wie ein Wahlkampfauftakt, denn im März war die letzte sozialdemokratisch geführte Reichsregierung gescheitert. Das nachfolgende Kabinett unter dem Zentrumspolitiker Heinrich Brüning arbeitete ohne parlamentarische Mehrheit. Nach einem erfolgreichen Misstrauensantrag löste Hindenburg den Reichstag schließlich auf und beraumte für den 14. September 1930 Neuwahlen an. Dabei verlor die SPD zwar Stimmen, aber blieb immer noch stärkste Reichstagsfraktion. Das bürgerliche Lager erlitt dagegen dramatische Verluste. Die NSDAP aber konnte einen Erfolg verbuchen, der selbst ihre eigenen Erwartungen übertraf. Die Stimmenzahl stieg auf über 6,4 Millionen. Damit wurde sie zweitstärkste Partei und zog mit 107 Abgeordneten in den Reichstag ein.

In Berlin lag der Stimmenanteil für die NSDAP zwar unter dem Reichsdurchschnitt, aber gegenüber den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung ein knappes Jahr zuvor hatte sich das Wahlergebnis mehr als verdoppelt. Vor allem von den Verlusten bei den bürgerlichen Parteien konnten die Nationalsozialisten profitieren. Überdurchschnittliche Ergebnisse erreichten sie wiederum in Charlottenburg, Wilmersdorf, Schöneberg, Zehlendorf und Spandau, aber auch in Tiergarten, Tempelhof und Pankow. Steglitz lag mit 23,3 Prozent weiterhin an der Spitze. Außer dem Wedding gab es keinen Bezirk, in dem die NSDAP nicht ein zweistelliges Ergebnis erreicht hatte.63 Die Eröffnung des neuen Reichstags am 13. Oktober feierten die Nationalsozialisten in Berlin dann auf ihre Weise: SA-Trupps zogen durch die Innenstadt, randalierten und zertrümmerten die Schaufenster von Geschäften, die angeblich jüdische Inhaber hatten.64

Ende 1930 hatte die Partei etwa 12 000 Mitglieder, doch nach den Septemberwahlen 1930 traten bis zum Januar 1933 annähernd 48 000 Berliner in die NSDAP ein.65 Hatte das mittlere Eintrittsalter in den Anfangsjahren bis 1926 noch unter 25 Jahren gelegen, hatte es sich seither stetig erhöht und lag 1933 bei über 35 Jahren.66 Fast die Hälfte der neuen Mitglieder vor 1933 waren Angestellte, elf Prozent Arbeiter, zwölf Prozent Beamte und 18 Prozent Selbstständige. Nach 1933 sollte sich dann der Anteil der Arbeiter, die der NSDAP in der »Arbeiterhochburg« Berlin beitraten, deutlich erhöhen.67

Stettiner Bahnhof II

Im Zuge des 1929/30 einsetzenden Mitgliederzuwachses und der damit einhergehenden Ausbreitung von Stützpunkten teilte sich die Sektion Stettiner Bahnhof im Sommer 1930 in die fünf Straßenzellenbezirke A, B, C, D und E auf. Diese Straßenzellenbezirke wurden Anfang 1932 nach nahegelegenen Straßen und Plätzen benannt: Neben dem »Stettiner Bahnhof« gab es nun »Karlplatz«, »Weidendamm«, »Arkona« nach dem Arkonaplatz und »Scharnhorst« nach der Scharnhorststraße.

Im Zuge der Ausbreitung von nationalsozialistischen Stützpunkten auf dem Gebiet der Sektion Stettiner Bahnhof kristallisierten sich bald mehrere Brennpunkte des Kampfes um den Kiez heraus, so auch am Arkonaplatz. Im Juni 1931 traten Nationalsozialisten an den Wirt des Lokales »Look«, Schwedter Straße 228 Ecke Rheinsberger Straße 36, mit der Absicht heran, sein Lokal für ihre Zusammenkünfte zu nutzen. Dieses Treffen gelangte zur Kenntnis des zuständigen 6. Polizeireviers, welches mit Rücksicht auf das nahe gelegene KPD-Verkehrslokal »Raben«, Swinemünder Straße 14 Ecke Rheinsberger Straße 24, um Überwachung der beiden Lokale durch die Abteilung I bat. Am Tag nach dem Gespräch »wurde das Äußere des Lokals von linksradikalen Elementen mit Farbe beschmiert und Fensterscheiben zertrümmert«. Wie die polizeiliche Untersuchung ergab, waren auch »linksradikaler Kreise«, die das Lokal bisher überwiegend genutzt hatten, informiert worden. Der Wirt nahm daraufhin Abstand von der geplanten Aufnahme der NSDAP-Angehörigen und arrangierte für seine ehemaligen kommunistischen Gäste eine »Versöhnungsfeier«. Fortan galt seine Kneipe sogar als offizielles Partei-Lokal der KPD.68

Das sollte aber nicht lange so bleiben. Unter dem 27. Juli 1932 ist in den Akten der Schutzpolizei vermerkt, dass der Schankwirt des Lokals »Wienecke« in der Swinemünder Straße 112, also in unmittelbarer Nähe zum KPD-Lokal »Raben«, sein Lokal vom 12. Juli 1932 an der NSDAP als Verkehrslokal zur Verfügung stellte.69 Und nach der »Machtübernahme« im Januar 1933 meldete der Schankwirt Raben sein Lokal auf dem 6. Polizeirevier als Verkehrslokal der KPD wieder ab, um es am 1. März 1933 als unpolitisches Lokal wieder eröffnen zu können. Als das 6. Revier Raben mitteilte, dass sein Lokal geschlossen bleiben müsse, wandte dieser sich an die Politische Abteilung I A mit der Bitte, die Wiedereröffnung seines Lokals zu gestatten. Nach Prüfung des Sachverhaltes wurde er jedoch abschlägig beschieden, da erneute politische Zusammenstöße befürchtet wurden.70

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass sich die NSDAP im Bezirk Mitte mit zwei Ortsgruppen/Sektionen (Alexanderplatz und Stettiner Bahnhof) von anderen Bezirken durch einen hohen Organisationsgrad abhob. Mit den drei aus der reichsweiten Neuorganisation der NSDAP im Spätsommer 1932 hervorgegangenen Ortsgruppen Stettiner Bahnhof, Oranienburger Tor und Arkona konnte das Gebiet der »Muttersektion« Stettiner Bahnhof als vollständig erschlossen gelten. Die Mitgliederzahl der NSDAP kann – bei einer durchschnittlichen Mitgliederzahl von 361 pro Ortsgruppe – allein für dieses Gebiet auf etwa 1080 Parteigenossen geschätzt werden. Mit fünf Stürmen (Sturm 17, 40, 63, 65 und 140) zum Jahreswechsel 1932/33 war auch der Organisationsgrad der SA im Gebiet um den Stettiner Bahnhof überdurchschnittlich hoch. Bei einer durchschnittlichen Stärke von 142 Mann pro Sturm hätte die SA in so einem relativ kleinen Gebiet insgesamt ungefähr 710 Mitglieder gehabt. Zum Vergleich: Für den gesamten Bezirk Friedrichshain betrug die Stärke der SA seinerzeit »nur« 900 Mann.71

Die Eroberung der Straße gelang den Nationalsozialisten bis zum 30. Januar 1933 jedoch nicht. Während im Straßenzellenbezirk Karlplatz der NSDStB an der Tierärztlichen Hochschule 1930, also nur ein Jahr nachdem er sich dort etabliert hatte, über die Hälfte der Stimmen bei den AStA-Wahlen bekam, musste die SA ihre Flugblätter noch Anfang 1932 dem Betriebspersonal des Bewag-Betriebs Schiffbauerdamm 22 förmlich mit Gewalt aufdrängen. Zwar änderte sich die Situation auf der Straße nach der Aufhebung des SA-Verbotes am 17. Juni 1932 und dem »Preußenschlag« vom 20. Juli 1932 spürbar zu Gunsten der Nationalsozialisten, doch noch am 27. Oktober 1932 kam ein SA-Mann beim Kampf der Nationalsozialisten um den proletarischen Kiez um den Koppenplatz ums Leben, und die »Eroberung« der »Sophien-Säle«, traditionell eine Versammlungsstätte der revolutionären Linken, in der unter anderen Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg gesprochen hatten, gelang den Nationalsozialisten erst am 3. März 1933. An diesem Tag konnten die Ortsgruppen Arkona und Oranienburger Tor dort erstmals eine Massenversammlung veranstalten. 72

Resümee

1925 war die NSDAP in Berlin noch eine kleine völkische Gruppierung innerhalb des rechtsradikalen Lagers, auf dem die Nationalsozialisten aufbauen konnten. Vor allem in den bürgerlichen Stadtteilen im Südwesten Berlins besaßen nicht nur die Deutschnationalen ihre Hochburg, sondern auch die Rechtsradikalen insgesamt. Von hier aus begann der Siegeszug der NSDAP in Berlin. Zunächst setzten sich die Nationalsozialisten mit ihrer Doppeltaktik – militante Gewalt der SA und »Legalitätskurs« der NSDAP – gegen ihre Konkurrenten durch und zogen bis 1928 vor allem Anhänger aus den übrigen völkischen Gruppen an. Obwohl ihre Wahlergebnisse zunächst recht bescheiden waren, konnte die Partei sich festsetzen und bei manchen sozialen Gruppen wie den Berliner Studenten bereits erste Erfolge erringen. Die Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung im November 1929 stellten unter Beweis, dass sie an Stärke gewann, noch bevor die Wirtschaftskrise mit voller Wucht einsetzte.

Auch in den Bezirken selbst war der Erfolg der Nationalsozialisten keineswegs flächendeckend, wie das Beispiel der Sektion Stettiner Bahnhof zeigt. Und in den Innenstadtbezirken gab es bürgerliche Wohnquartiere, die als erste Stützpunkte dienten und von denen aus die NSDAP wie die SA versuchten, in die proletarischen Nachbarschaften einzudringen.

Die NSDAP verstand wie kaum eine andere Partei, dass moderne Politik durch Massenmedien vermittelt wird und daher auf mediale Strukturen und Erwartungen ausgerichtet sein muss. Durch bewusst herbeigeführte Gewaltaktionen sowie durch sorgsam vorbereitete Massenveranstaltungen im Sportpalast gewann sie das Image einer erfolgreich wachsenden, entschlossenen Bewegung, deren Vertreter nicht nur redeten, sondern auch handelten. Vielen der bürgerlichen deutschnationalen Wähler erschien die NSDAP als tatkräftige Alternative zur erstarrten Honoratiorenherrschaft der DNVP.

Das »Superwahljahr« 1932 brachte den Nationalsozialisten auch in Berlin große Wahlgewinne. Bei den Reichstagswahlen im Juli 1932 wurde die NSDAP dort mit 28,6 Prozent stärkste politische Kraft vor SPD und KPD, die jeweils 27,3 Prozent erhielten.73 Nahezu die Hälfte der NSDAP-Stimmen kam aus Lichtenberg, Spandau, Weißensee sowie aus den Innenstadtbezirken Mitte, Prenzlauer Berg, Neukölln, Kreuzberg, Wedding und Friedrichshain.74

Doch dann zeigte sich gerade in Berlin in dem schlechteren Abschneiden der Partei bei den Reichstagswahlen im November, dass die gemeinsame Aktion von NSDAP und KPD beim Berliner Verkehrsarbeiterstreik im November 1932 die bürgerliche Furcht vor einer womöglich doch revolutionär-sozialistischen NSDAP wieder virulent werden ließ. Die Nationalsozialisten erhielten zwar 720 613 Stimmen (26,0 Prozent) und damit deutlich mehr als die Sozialdemokraten mit 646 644 Stimmen (23,3 Prozent). Gewinner waren jedoch die Kommunisten, die 860 837 Stimmen (31,0 Prozent) erringen konnten 75 – und damit bürgerliche Ängste vor einer drohenden bolschewistischen Machtübernahme schürten.

Erst nach Hitlers Machtantritt am 30. Januar 1933 gelang der NSDAP der Durchbruch in ganz Berlin. Bei den Wahlen am 5. März, die schon von den Repressionen gegen die politische Opposition nach dem Reichstagsbrand am 27. Februar überschattet waren, gaben in der Reichshauptstadt über eine Million Wähler der NSDAP ihre Stimme (34,6 Prozent). Das war immer noch deutlich unter dem reichsweiten Ergebnis von 43,9 Prozent. Aber mittlerweile lagen die Berliner Bezirke nicht mehr so weit auseinander. In Steglitz und Spandau erhielt die NSDAP diesmal mehr als vierzig Prozent der Stimmen, verfehlte jedoch die absolute Mehrheit. In den anderen Bezirken lag sie um die 30-Prozent-Marke, die sie nur noch im Wedding (25,9 Prozent) und in Friedrichshain (28,8 Prozent) verfehlte. Doch auch dort übersprang sie diese Hürde eine Woche später bei den Wahlen zur Stadtverordnetenversammlung am 12. März.76

Obwohl die KPD trotz Terror, Verhaftungen und Repression in Berlin insgesamt noch 729 902 Stimmen erhielt (24,5 Prozent) und im Wedding, in Friedrichshain und in Neukölln stärkste Partei blieb,77 war das »rote Berlin« mittlerweile auf wenige Inseln reduziert, die sich der braunen Mobilisierung in den folgenden Monaten nicht mehr erwehren konnten.

OLIVER RESCHKE

(geb. 1970), Doktorand am Fachbereich Geschichts- und Kulturwissenschaften der Freien Universität Berlin.

PROF. DR. MICHAEL WILDT

(geb. 1954), Professor für Deutsche Geschichte im 20. Jahrhundert mit Schwerpunkt im Nationalsozialismus an der Humboldt-Universität zu Berlin.

PRÜGELPROPAGANDA

Die SA und der nationalsozialistische Mythos vom »Kampf um Berlin«1

»Von den Wänden hat sich der Putz gelöst, es riecht durcheinander nach Staub, Schweiß und kaltem Bier. Es sind zwei Räume, die diese Geschäftsstelle ausmachen. […] Ein alter Schrank steht da, dessen Tür offensteht, man sieht ein abgeschabtes Braunhemd hängen, ein Aktenordner liegt auf dem Boden und ein paar Kommisstiefel stehen daneben.«2 So beschrieb Wilfried Bade in seinem 1933 veröffentlichten Buch Die S.A. erobert Berlin das Berliner Büro der NSDAP Mitte der 1920er Jahre.3 Die Szene zu Beginn des Romans, der das Schicksal eines fiktiven SA-Mannes erzählt, war nicht nur dem vermeintlichen Realismus Bades geschuldet. Sie stand symbolisch für die schwierige Anfangsphase und den in den folgenden Kapiteln ausführlich glorifizierten Bedeutungszuwachs der Berliner Nationalsozialisten in den Jahren 1926 bis 1933.4

Besonders originell war dieser SA-Roman, der sich als »Tatsachenbericht« ausgab, allerdings nicht. Bereits im ersten Jahr der nationalsozialistischen Diktatur war das Narrativ des heldenhaften Kampfes der Nationalsozialisten um die Reichshauptstadt fest etabliert.5 Gauleiter Joseph Goebbels, aber auch junge Aktivisten der »Bewegung« wie Reinhold Muchow und Horst Wessel hatten dieses Bild zugleich erschaffen wie verinnerlicht.6 Es handelte sich keinesfalls nur um eine retrospektiv erfundene Legende, sondern auch um ein handlungsleitendes Selbstbild – und als solches ist es für die historische Forschung, die nach Habitus, Mentalitäten und generationellen Prägungen der SA-Männer fragt, von Interesse.7

Politik der Straße:

Die Berliner SA in den politischen Auseinandersetzungen der späten Weimarer Republik

Die Berliner SA wurde offiziell am 22. März 1926 von Kurt Daluege, dem späteren Chef der Deutschen Ordnungspolizei und Stellvertreter von Heinrich Himmler, sowie Waldemar Geyer, im »Dritten Reich« Polizeipräsident in Hannover, gegründet. Sie residierte zusammen mit der NSDAP zunächst im Parterre eines Hinterhauses in der Potsdamer Straße 109. Die Bezeichnung »Opiumhöhle« – so der selbstironische Spitzname der Parteigenossen für ihre Gaugeschäftsstelle – deutet darauf hin, dass es sich auch bei der SA zunächst um einen der zahlreichen Zusammenschlüsse von rechtsradikalen Parteien und Wehrverbänden handelte, die sich in der Hauptstadt seit Ende des Ersten Weltkriegs gründeten und wieder auflösten, befehdeten und zusammenschlossen, die an Mitgliedermangel litten oder verboten wurden.8 In der Tat war die Berliner SA zunächst kaum mehr als eine weitere »völkische Sekte«, deren Erfolgs- und Zukunftsaussichten zweifelhaft waren.9 Obwohl ihr 1926 nur wenige Hundert Personen angehörten, von denen das zumeist ältere Führungspersonal Weltkriegs- und Freikorpserfahrung mitbrachte,10 während die Jüngeren meist schon dem Frontbann, dem Bund Wiking oder dem Sport- und Wehrverband Olympia angehört hatten,11 wurde die Berliner SA in den einschlägigen Kreisen rasch bekannt. Neue Anhänger gewann sie vor allem unter jungen Männern, Schülern und Studenten.

Wie zuvor schon vom Frontbann, der Mitte der 1920er Jahre – so erinnerte sich ein SA-Mann der ersten Stunde – in Berlin als »Abordnung einer Idiotenanstalt« verspottet wurde,12 nahm aber auch von der SA zunächst kaum jemand Notiz.13 Dies änderte sich erst unter der Führung von Goebbels, den Hitler am 28. Oktober 1926 zum Leiter des neu konstituierten Gaus Berlin-Brandenburg ernannt hatte.14 Goebbels verstand es, die zunächst von der Partei weitgehend unabhängig agierende SA unter Daluege – den er sogleich zu seinem Stellvertreter erhob – für die politische Profilierung der NSDAP in der Hauptstadt zu nutzen.15 »Niemals hat er gebremst, sondern immer alle aufgespeicherte Kraft sich explosiv entladen lassen. Und daß [sic!] war es vor allem, was ihm die S.A. dankte«, urteilte Horst Wessel 1929 über den von ihm verehrten Gauleiter.16

Doch Goebbels war kaum in der Lage, die SA zu domestizieren. Walther Stennes, ein ehemaliger Freikorpsmann, Polizeihauptmann und seit 1927 Stellvertreter Ost des Obersten SA-Führers, der die SA-Einheiten in Berlin, Brandenburg, Ostpreußen und Pommern befehligte,17