Berlin ist das Allerletzte -  - E-Book

Berlin ist das Allerletzte E-Book

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Beschreibung

1991, vor zwanzig Jahren, wurde in Bonn vom Bundestag beschlossen, Berlin zur Bundeshauptstadt zu erheben. In der hitzigen Debatte zeigte sich, dass sowohl die Berlin-Gegner wie die Berlin-Befürworter einem völlig falschen Bild sowohl der Stadt wie ihrer Bewohner aufsaßen. Um dieses Bild zu korrigieren und der Realität anzunähern, fahndeten die beiden Herausgeber in der Literatur der letzten beiden Jahrhunderte nach Berichten, Bemerkungen, Erlebnissen, die von Reisenden (Künstlern, Schriftstellern, Deutschen wie Ausländern) hinterlassen wurden. Sie wurden dabei so reich belohnt, dass daraus eine Anthologie entstand, die an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig ließ und so den einzig möglichen Titel erhielt: Berlin ist das Allerletzte. Die von kapitalen Autorinnen und Autoren wie Stendhal, Balzac, Chopin, Madame de Stael, Dostojewski, Goethe, Fontane, Ossietzky, Polgar, Tschechow, Joseph Roth, Anna Louisa Karsch gespickte Sammlung wurde (nicht nur in Bonn oder Berlin) zu einem Renner.

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EPUB

Seitenzahl: 122

Veröffentlichungsjahr: 2012

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BERLIN IST DAS ALLERLETZTE

Absagen in höchsten Tönen

Herausgegeben von

Detlef Bluhm und Rainer Nitsche

Mit einem Nachwort von

Katja Lange-Müller

: TRANSIT

Erweiterte Neuauflage

© 2011 by : TRANSIT Buchverlag

Postfach 121111 · 10605 Berlin

www.transit-verlag.de

Umschlaggestaltung und Layout:

Gudrun Fröba, Berlin

eISBN 978-3-88747-265-8

INHALT

VORWORT

EINFAHRT

EINE LANDSCHAFT WIE EIN GRABSTEINVictor Tissot · Arthur Schopenhauer · DIE ERSTEN ERFAHRUNGEN DER ANKUNFTErnst Dronke · GLEICH EINEM GEFANGENENCharles Burney · BRIEF AUS EINER SANDBÜCHSEStendhal · Theodor Fontane · DER SCHARFE LÄRM DER PRÜGELEIGustav Freytag · POLIZEIDIREKTOR STIEBER · DER ALLGEMEIN WIDRIGSTE EINDRUCKRosa Luxemburg · STERBEPOSTKARTERainer Maria Rilke · NUR NACH DER KORPULENZ DES BEUTELSGeorg Friedrich Rebmann

DIE STADT

WEIT AB VON DEUTSCHER KULTURKarl Scheffler · SÄULEN, WAS TUT IHR HIER? Per Daniel Amadeus Atterbom · HAARBEUTELMANIERFranz Grillparzer · Fjodor M. Dostojewski · ES FÄLLT SCHON VON SELBST WIEDER UMFriedrich Hebbel · Kurt Tucholsky · FEENSCHLÖSSERGeorg Friedrich Rebmann · ZU GEWALTIGFrédéric Chopin · DIE GROßE NUMMERCarl Sternheim · GEDRILLTE STUPIDITÄTKarl Scheffler · Joseph Roth · PFERDESTÄLLE IM TEMPELSTILVictor Tissot · Anna Louisa Karsch

DIE EINWOHNER

VON NATUR ZUR FAULHEIT GENEIGTAbt Trittenheim zu Spannheim · Robert Walser · WIND, HUNGER UND FRECHHEITGeorg FriedrichRebmann · Heinrich von Kleist · VOR DEN HÜHNERN ZU BETTIwan Turgenjew · KEIN EINLASS OHNE VERHÖRSinclair Lewis · Karl Gutzkow · GEGENFÜßLERJohann Friedel · Per DanielAmadeus Atterbom · WENN DER BERLINER LÄSTIG WIRDHeinrich Laube · GASSENJUGEND, FISCHWEIBER UND WITZBOLDEErnst Dronke · NERGELNDER WITZTheodor Storm · ÜBERGROßE KRITIKLOSIGKEITCarl Einstein · SCHWINDLERErnst Dronke · DIE FIXEN LEUTELudwig Thoma · HONORÉ DE BALZAC · MIT IHRER BESCHÄFTIGUNG BESCHÄFTIGTAlfred Polgar · ZART WIE ZELTERJohann Wolfgang Goethe, Johann Peter Eckermann · FÜR ALLEINSTEHENDE FRAUEN NICHT BEWOHNBARJules Huret · BERLINER WILDFANGWochenblatt zum Besten der Kinder · GROB WIE EIN GEFÄNGNISWÄRTERJules Huret · IM PUNKT DER WEIBERBerlinische Monatsschrift · ES FEHLT DIE EDLE LINIEKarl Scheffler · Carl Sternheim · GEBORENER BERLINERFrank Wedekind · WIE WIR SO SINDSling

KULTUR & SITTEN

WER HOCKT AUF DEN BESTEN PLÄTZEN? Hardy Worm · AUF ALLEN SEITEN KRACHT ESKarl August Varnhagen von Ense · Ernst MoritzArndt · JE SCHRECKLICHER, DESTO MEHR BEIFALLPer Daniel AmadeusAtterbom · NIE ZUFRIEDENFelix Mendelssohn Bartholdy · HEUCHELEIKarl Mendelssohn Bartholdy · ALS DEMPSEY DIE BERLINER SAHSling · UND WÜNSCHE BERLIN ZUM TEUFELGottfried Keller · BERLINISCHE FREIHEITGotthold Ephraim Lessing · Carl Sternheim · FAULES NACHSPRECHENKarl August Varnhagen von Ense · Ernst Moritz Arndt · DIE EMANZIPIERTENErnst Dronke · HÜHNEROLOGENKarl Scheffler · KARIKATURARTIGE AUSSTOPFUNGPer Daniel Amadeus Atterbom · Anton Tschechow · BERLINER PFANNKUCHENJulius Bab · Carl von Ossietzky · DIE KELLNER WERFEN DAS ESSEN AUF DEN TISCHJules Huret · DIE STADT DER KONSERVEN UND DER UNIVERSALTUNKEKarl Scheffler · Kurt Tucholsky · WIE RUPPIGFriedrich Engels · EIN MUSTER VON ORDNUNGAnatole France

FLUCHT

HINAUS AUS DIESER ÖDE! E.T.A. Hoffmann · KOPFWEH, MAGENSCHMERZ UND NERVENÜBELPer Daniel Amadeus Atterbom · AUF WAS ICH NACH HAMBURG GEHEGotthold Ephraim Lessing · Alexander Blok · MIT EINEM BERLINER IN MÜNCHENHeinrich Heine · WAS HÄLT MICH ABArthur Schopenhauer · MÖGLICHST SCHNELL ZUM BAHNHOFIlja Ehrenburg · ANARCHIE UND ZÜGELLOSIGKEITGeorg Friedrich Rebmann · Berthold Auerbach · LANGE GENUGGeorg Hermann · DAS LEBEN DRAUßEN IST BESSERTheodor Fontane · LIEBEN KANN MAN DIESE STADT NICHTKarl Scheffler

NACHWORTKatja Lange-Müller

Autoren- und Quellenverzeichnis

Die Herausgeber

Vorwort

»Kann mir keine große Seligkeit davon versprechen, ein paar Stunden früher in Berlin zu sein.« Das schrieb der preußische König Friedrich Wilhelm III., als ihm der Eisenbahnbau schmackhaft gemacht werden sollte mit dem geschmacklosen Argument, er könne so schneller seine Residenzstadt erreichen.

Dieser Regent stand und steht mit seiner reservierten Haltung Berlin gegenüber nicht allein da. Nicht nur Politiker, nein, auch und gerade Koryphäen des Geistes und der Feder haben sich mutig und verantwortlich, also abschreckend geäußert.

Berlin, »abgebrüht und blasiert« (Klaus Mann), hat es immer verstanden, sich in den Vordergrund zu spielen. Selbst aus Katastrophen konnte es Gewinn ziehen, Subventionen und Notopfer noch und noch, vom Dreißigjährigen Krieg bis heute. So reich beschenkt, zeigte die Stadt jedoch nie auch nur einen Hauch von Demut oder Bescheidenheit. Nein, die aufwendigsten Theater müssen her, die teuersten Ingenieure und Tenöre, die schrägsten Straßen, die schrillsten Leute, immer das Größtebesteprotzigste – eine grandiose Kulisse, vor der Fürst Potemkin sich als erbärmlicher Anfänger schämen müsste. Und die bittere Folge? Nicht einmal die Bonner Politiker waren dieser Stadt gut genug!

Dass sie dennoch so manchen Zuspruch erfährt, liegt vor allem daran, dass diejenigen, die diese Stadt durchschaut haben, ihre Erkenntnisse nicht pointiert genug der Öffentlichkeit preisgeben, es also entweder an Talent im Schimpfen fehlen lassen oder aber jenes Niveau verpassen, mit dem allein man Berlin beikommen kann. Diesem Manko soll mit der hier vorliegenden Kollektion klassischer, also anspruchsvoller Verrisse abgeholfen werden, verfasst von Autoren, die mit prophetischer Begabung mühelos ins Heute treffen und so manchen Nachgeborenen blass aussehen lassen, der sich schon auf der Höhe der Gemeinheit wähnt, wenn er apart zu brummeln wagt: Berlin ist das Letzte. Ein Schatz von Einsichten und mitreißenden Formulierungen tut sich also auf, die selbst dieser Stadt die Schamröte ins Gesicht treiben müssten und die Frage nahelegen, was es denn wohl sei, womit sie die Menschen immer wieder provoziert.

»Berlin liegt weit ab von den Stammgebieten deutscher Kultur«, stellte Karl Scheffler, der bissige Aufklärer, schon 1910 in seinem Stadtporträt fest. Wir Heutigen wollen ganz so weit nicht gehen (wenngleich wir uns vor der Unbestechlichkeit und dem erfrischenden Temperament der hier versammelten Älteren neigen). Milder und hoffnungsvoller setzen wir auf langsame, wenn auch nicht unbedingt freiwillige Besserung (sie bedarf der Begleitung), eine Besserung, deren erstes Leuchten die geschätzte Leserschaft darin erkennen mag, dass dieses Buch in Berlin immerhin erscheinen konnte.

Die Herausgeber

EINFAHRT

EINE LANDSCHAFT WIE EIN GRABSTEIN

Victor Tissot

»Kommen Sie weder zur Abend- noch Nachtzeit hier an. Nichts ist weniger zuverlässig als die Berliner Kutscher; wenn sie merken, dass Sie die Stadt nicht kennen, werden Sie sie nach irgendeiner abgelegenen Vorstadtgasse fahren, wo Ihnen Börse und Gepäck abgenommen werden. Dies wiederholt sich seit der neuen Ära so oft, dass es in den Zeitungen der Hauptstadt stereotyp geworden ist.«

So endet der Brief, den einer meiner Freunde, Korrespondent einer englischen Zeitung, der seit drei Jahren in Berlin ist, an mich nach Leipzig sandte, als ich gerade im Begriff war, zu ihm zu reisen. Der Ruf der Kutscher am Spreestrande war bereits zu mir gedrungen, doch glaubte ich, dass sie ihre Raubgelüste gegenüber dem starken Geschlecht fahren ließen. Der Rat war jedenfalls leicht zu befolgen; mit dem Vorteile, sein Geld sicher in der Tasche zu behalten, verband es den andern, ganz bequem von neun Uhr morgens bis vier Uhr nachmittags diese Mark Brandenburg, ebenso berühmt wie die römische Campagna, betrachten zu können.

Auf die grünen Wiesen folgt bald die sandige Ebene. Ich wüsste nichts Traurigeres, Öderes. Keine Dörfer, kein Landleben, keine Fuhrwerke, umgeben von heitern Landleuten, wohl aber die Stille und Starrheit des Todes, hier und dort nur einige elende Hütten, welche wie alte Bettelweiber um einen Kirchturm gruppiert sind, der selber einer Ruine gleicht; Sanddünen wie am Meeresufer. Ferner Reihen von verkommenen Nadelhölzern, deren knorrige Wurzeln aus dem Boden gleich Schlangen herausragen. In den Niederungen Tümpel voll grünlichen Sumpfwassers, an deren Rande zwei oder drei Kühe, magerer als die, welche Pharao im Traume gesehen, die paar Grashalme abweiden. Nirgends ein menschliches Wesen, nirgends ein Vogel. Eine einzige Blume wächst in dieser Einöde: die Klatschrose – man glaubt Blutflecken zu sehen.

Der Himmel stimmt vollständig mit dieser traurigen Landschaft überein: grau und schwer gleicht er einem Grabstein. (1875)

Diesen Mittag erreichen wir Berlin. – Alles endet hienieden.

ARTHUR SCHOPENHAUER (REISETAGEBUCH, 1804)

DIE ERSTEN ERFAHRUNGEN DER ANKUNFT

Ernst Dronke

Die Lokomotive pfeift. Von Trebbin, der letzten Station der Anhaltischen Eisenbahn, zieht es sich noch beinahe fünf Meilen lang gleichförmig, ununterbrochen fort, aber schon hier zeigt uns die Gegend die nähernde Nähe des großen, traurigen Sandmeeres, in dessen Mitte die große Stadt gleichsam als eine Oase liegt. Hinter uns, so flach und eintönig auch die Landschaften waren, boten sich doch zuweilen lachende Auen und grüne Waldstriche den Blicken dar; hier aber streckt sich unabsehbar eine graue, dürre Heide vor uns aus, nur manchmal von vergilbtem Kartoffelkraut und einsamen, zwergartig verkümmerten Heidesträuchern besetzt. Den Eisenbahnzug begleiten dichte Wolken eines feinen, scharfen Staubes, welche dem Reisenden fast mitleidig den traurigen Anblick dieser Fahrt verhüllen. Keine freundliche Meierei, keine lachenden Felder, nicht einmal Fahrgleise von Wagen oder Fußsteige gewahrt man stundenweit in dieser Gegend, welche fast von allen verlassen wird, um Ersatz in der Stadt selbst zu suchen. Es ist öde und still ringsum, ein trauriges Bild; und doch charakteristisch, passend als Vorhof oder Vorbereitung für die nahe Stadt. Diese flache, unfruchtbare Ebene mit dem ätzenden Staub, in deren Boden der Wanderer beinahe versinkt, mag den Fremden beim ersten Anblick an das Berliner geistige Element erinnern. Es ist ihm das Bild unfruchtbarer Kritik, in deren Boden von alters her die Mistbeet- und Treibhausblümchen der Dichter oder Künstler nicht gedeihen noch sich selbständig entwickeln konnten, wo der Staub der Vergessenheit bis in die neueste Zeit so manche Größe bedeckte. Wer aber aus anderen Gegenden, aus Thüringen oder vom Rhein hierher kommt, wird sicher von einem Gefühl der Trauer oder der Wehmut überfallen.

In einiger Entfernung gewahren wir einzelne Hüttendächer benachbarter Dörfer, und zur Rechten taucht die Spitze eines Monuments auf einer niedrigen Anhöhe auf: der Kreuzberg, auf dem die Berliner im Sommer ihre schöne Natur genießen. Noch ein langer schrillender Pfiff, und die Wagen rollen durch eine lange Reihe von Gebäulichkeiten, an hüttenartigen Tabagien vorbei, und in den Bahnhof hinein. So ist man denn in der Stadt der Intelligenz angekommen. An der Auffahrt stehen dichte Haufen von Leuten jeden Schlages, an der Spitze aber einige Polizeibeamte. Diese Einrichtung ist sehr zweckmäßig; die roten Kragen, auf welche der erste Blick fällt, sind das lebendigste Warnungsschild, zu bedenken, wo man sich befindet. Hinter diesen bemerkt man anständig gebildete Herren von zweifelhaftem Aussehen, und ihr werdet recht tun, beim Vorüberstreifen dieser Leute eure Hände fest in die Taschen zu drücken. Seid ihr an diesen vorüber, so begegnen eure Augen wohl einigen lieblichen, zarten Mädchengesichtern, deren keuscher Blick und ebenso eleganter wie geschmackvoller Anzug den Unerfahrenen in ehrfurchtsvollen Schranken halten; vielleicht auch fällt einer dieser Blicke voll tiefem Ausdruck auf euch und ihr werdet plötzlich mit Lebhaftigkeit angegangen: – Heinrich, Franz, Jonathan, Nepomuck! – Bist du endlich da, ich habe dich erwartet! –

Ihr blickt überrascht auf, da keiner dieser Namen euch gehört, und die schöne Unbekannte schlägt errötend über ihren Irrtum, die Folgen einer täuschenden Ähnlichkeit, die Augen nieder; am Tage darauf aber werden beide mit sehr vergnügtem Ausdruck bei Kroll oder an einem anderen öffentlichen Orte sitzend und trotz Heinrich, Jonathan und Nepomuck miteinander Champagner trinkend zu sehen sein. Das sind mitunter so die ersten Erfahrungen der Ankunft. (1846)

GLEICH EINEM GEFANGENEN

Charles Burney

Berlin. Den 28sten September, morgens um neun Uhr, langte ich, nachdem ich eine sehr kalte und regnigte Nacht unterwegs zugebracht hatte, vor dem Tore dieser Hauptstadt an. Ich hoffte, man würde mich ganz ruhig nach meinem Gasthofe fahren lassen, weil man an dem ersten preußischen Grenzorte, Treuenbrietzen, alle meine Sachen durchsucht und mir einen Passierzettel mitgegeben und weil mich die Lizentbedienten daselbst versichert hatten, dass man mich nunmehr nicht weiter beunruhigen würde, wenn ich nach Berlin käme. Aber das hatte ihnen nur des Trinkgeldes wegen zu sagen beliebt. Mein Passierzettel half mir nichts; ich musste dreiviertel Stunden vor dem Tore am Schlagbaume warten, ehe ich einen Soldaten zum Hüter bekam; dieser setzte sich alsdann mit geschultertem Gewehre und dem Bajonett auf der Flinte zu mir auf den Wagen und führte mich gleich einem Gefangenen durch die Hauptstraßen der Stadt nach dem Packhofe. Hier musste ich über zwo Stunden unter freiem Himmel, in nasser Kleidung, mit fortwährendem Schauder vor Kälte zubringen und meinen Koffer und Schreibkästchen ebenso stückweise und emsig untersuchen lassen, als ob ich geradeswegs von Paris in Dover angelangt wäre. (1772)

BRIEF AUS EINER SANDBÜCHSE

Stendhal

Ich befinde mich gegenüber dem Zeughause, einem stattlichen Bau, unweit des königlichen Schlosses, von dem wir durch einen Arm der Spree getrennt sind. Das Spreewasser sieht wie grünes Öl aus. Berlin liegt an einer Sandwüste, die ein wenig nordöstlich von Leipzig beginnt. Die Plätze sind alle nicht gepflastert, so dass man bis an die Knöchel einsinkt. Der Sand macht die Umgegend der Stadt öde. Nur Bäume gedeihen und hie und da Wiesen. Ich begreife nicht, wie jemand auf den Gedanken geraten ist, mitten in diesen Sand eine Stadt zu gründen. (Brief an Pauline Beyle, Grenoble,

3. November 1806)

Sowie man Berlin betritt, ist es mit Schick und Eleganz vorbei.

THEODOR FONTANE (1898)

DER SCHARFE LÄRM DER PRÜGELEI

Gustav Freytag