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Der komplette Sommer-Dreiteiler im preisgünstigen Sammelband!
Das Versprechen eines Sommers. Rügen, 1956: Drei Mädchen, drei Teile eines Bernsteinamuletts, die sie jeweils dem Mann ihres Lebens geben wollen. Doch das Schicksal entscheidet anders.
Sechzig Jahre später machen sich drei junge Frauen auf den Weg, um die Bernsteine ihrer Bestimmung zuzuführen ...
Eine Sommerliebe auf Rügen
Nicht die berühmten Kreidefelsen haben Hanna nach Rügen geführt, sondern Recherchen nach der Jugendliebe ihrer Großmutter. Deren Bernsteinanhänger soll endlich in die richtigen Hände kommen. Doch auch für Hanna selbst hält die Reise eine Überraschung bereit, und zwar in Form des attraktiven Niels ...
Eine Romanze im Elbtal
Celina möchte ihrer Oma einen besonderen Wunsch erfüllen: Das Bernsteinherz von dem falschen Mann zurückholen und es dem richtigen übergeben. Dazu reißt sie nach Meißen und trifft dort in den Innenstadt auf dem charmanten Marc. Während die beiden sich rasch näherkommen, läuft in Hinblick auf den Gefallen, den sie ihrer Großmutter tun will, alles nach Plan – bis Celina das Unfassbare erfährt ...
Liebeszauber in Friesland
Ihr Bernstein-Projekt führt Emily ins Nordseebad St. Peter-Ording. Kaum ist sie im Küstenort angekommen, stürzt sie sich in ein Abenteuer mit dem attraktiven Alexander. Schon bald scheint ihr Glück perfekt – bis Alexanders Ex auf der Bildfläche erscheint und eine böse Intrige gegen sie anzettelt. Plötzlich ist nichts mehr, wie es war …
ebook Bundle, Urlaubs-Edition. Neuauflage. Erstmals erschienen bei Mira Taschenbuch, Hamburg, unter dem Titel: "Bernsteinzauber und Liebesglück".
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Lilli Wiemers
Sammelband
Bernsteinträume
Inhaltsverzeichnis
Eine Sommerliebe auf Rügen
Eine Romanze im Elbtal
Liebeszauber in Friesland
Impressum
Lilli Wiemers
Bernsteinträume 1
Prolog
Rügen, 1956.
Die drei Mädchen tanzten im Wind.
Die Luft roch nach Salz und Tang, würzig und verheißungsvoll nach fremden Ländern und Abenteuer. So zumindest empfand es Susanne, die mit ihren vierzehn Jahren die Jüngste der Freundinnen war.
Sie seufzte, als sie ein Segelschiff am Horizont verschwinden sah. „Manchmal beneide ich die Seemänner um ihre Freiheit und die Möglichkeit, die ganze Welt zu bereisen.“
„Das ist doch albern“, entgegnete Christiane und hob eine Braue. „Das hier ist die Ostsee. Wenn du die große weite Welt willst, dann musst du schon an den Atlantik oder wenigstens das Mittelmeer gehen.“
Die Jüngere zuckte die Achseln. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die herablassenden Worte ihrer Freundin sie trafen. Immerhin wusste sie, dass Christiane es nicht so meinte. Sie war einfach nur frustriert, weil Margarete, die Dritte im Bunde, in ein paar Tagen wegziehen würde.
St. Peter-Ording mochte nicht das Ende der Welt sein, aber den Mädchen kam es beinahe so vor.
„Hey! Susi, Chrissi, kommt mal her! Das müsst ihr euch ansehen!“
Die blonde Margarete war gerade ein kleines Stück am Strand vorausgelaufen. Jetzt blieb sie plötzlich stehen und winkte ihren beiden Freundinnen zu.
Neugierig gingen Christiane und Susanne auf Margarete zu. Die deutete auf einen goldbraun schimmernden Klumpen im feinen Sand.
„Deshalb rufst du uns her?“ Christiane schnaubte leise. „Wegen einem Stein? Wie alt bist du – fünf?“
„Das ist nicht irgendein Stein“, entgegnete Margarete mit einem wissenden Lächeln. „Das ist Bernstein.“
Christiane wirkte skeptisch, doch Margarete war diejenige von ihnen, die sich mit solchen Dingen am besten auskannte, daher widersprach sie ihr nicht.
„Das ist ja aufregend“, rief die schnell zu begeisternde Susanne. „So ein großer Bernstein ist doch sicher unheimlich wertvoll, oder? Der ist ja mindestens so groß wie meine Faust!“
Margarete nickte. „Aber ehrlich gesagt ist es nicht der materielle Wert, der mich interessiert.“
„Was sonst?“, fragte Susanne.
„Na, wisst ihr … Es sind meine letzten Tage mit euch zusammen. Und deshalb möchte ich, dass wir hieraus etwas machen, das uns immer aneinander erinnern wird.“
„Ja, das ist eine gute Idee!“ Christiane war sofort Feuer und Flamme. „Im Ort habe ich einen Juwelier gesehen, der anbietet, Bernstein zu schneiden und zu schleifen, den man am Strand gefunden hat. Was meint ihr, sollen wir das machen lassen?“
Susanne bückte sich, hob den Stein auf und musterte ihn eingehend. Er schimmerte goldbraun und war von dunklen Adern und Wolken durchzogen. Als sie ihn gegen die Sonne hielt, wirkte er wie zu Stein gewordener Honig. „Sieht ein bisschen aus wie ein Herz, findet ihr nicht?“
Die Freundinnen nickten.
„Dann soll der Juwelier ihn in Herzform schleifen und anschließend in drei Teile schneiden. Wenn er danach noch jeweils ein Loch hineinbohrt, kann jede von uns ihr Stück an einer Kette tragen“, schlug Christiane vor.
„Genau“, stimmte Susanne ihr zu. „Und wir werden die Teile so lange tragen, bis wir unserer einzig wahren großen Liebe begegnen – um sie dann dem Jungen zu geben, dem unser Herz gehört.“
Christiane lachte. „Du bist wirklich eine hoffnungslose Romantikerin, weißt du das eigentlich?“
„Ich finde die Idee sehr hübsch“, widersprach Margarete. „Wir wollen uns gegenseitig schwören, dass wir es so machen. Dann werden wir uns niemals vergessen, richtig?“
Susanne juchzte vergnügt. „Richtig.“ Sie knuffte Christiane spielerisch in die Seite. „Komm schon, sei kein Spielverderber. Du findest die Idee doch eigentlich auch gut. Wer weiß, vielleicht kannst du deinen Teil des Amuletts gleich dem Dieter geben. Dem machst du doch schon ewig schöne Augen.“
„Ach, du …!“
Doch Susanne war, in Erwartung des Zorns ihrer Freundin, längst losgesprintet. Der Wind zupfte an ihrem Haar, und sie spürte den feuchten Sand zwischen den Zehen. In ein paar Tagen würden die Ferien und damit ihre gemeinsame Zeit wieder einmal vorbei sein. Genauso wie in jedem Sommer, seit sie sich als kleine Mädchen zum ersten Mal am Ostseestrand begegnet waren. Doch etwas war anders. Margarete würde fortziehen in den Westen und Christiane und sie zurücklassen. Doch daran mochte Susanne jetzt nicht denken. Wenn dies ihre letzten unbeschwerten Sommertage sein sollten, dann wollte sie sie bis zur Neige auskosten.
Lachend landete sie mit den Knien in der Brandung, als Christiane sie erwischte. Ihre Mutter würde ihr später die Ohren langziehen, weil sie ihr gutes Kleid schmutzig gemacht hatte, aber das war im Moment ohne Bedeutung.
Denn wichtig war nur das Hier und Jetzt.
1.
Sommer 2016.
Entschlossen ging Hanna, ihren knallgrünen Trolley im Schlepptau, auf das kleine Café zu, das sich in einem weiß getünchten, im Bäderstil errichteten Haus befand. Die hoch am wolkenlosen Himmel stehende Sonne blendete sie leicht, sodass sie immer wieder blinzeln musste. Von der Ostsee her wehte eine frische Brise, die einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen hinterließ. Touristen kreuzten ihren Weg; einige von ihnen schlenderten gemächlich und Eis schleckend von Haus zu Haus, um sich die Auslagen der ansässigen Geschäfte anzusehen, andere eilten mit großen Badetaschen die Straße zum Strand entlang.
Einen Augenblick lang gestattete Hanna sich, all diese Leute zu beneiden. Sie waren nach Rügen gekommen, um die schönsten Wochen des Jahres hier zu verbringen. Sie selbst hingegen war nicht hier, um Urlaub zu machen.
Sondern um ihrer Großmutter ihren allergrößten Wunsch zu erfüllen.
Aufregung erfasste Hanna, als sie das Café betrat. Ihre Finger strichen über die glatte Oberfläche des Bernsteinanhängers, den sie in ihrer Hosentasche aufbewahrte. Es mochte reine Einbildung sein, aber sie hatte das Gefühl, dass er sich warm und irgendwie lebendig anfühlte. Ein Glöckchen über der Tür läutete, und sobald sie über die Schwelle trat, empfing sie der Duft frisch gebackenen Brotes. Hinter der Theke packte eine ältere Angestellte gerade Brötchen in einen Stoffbeutel und überreichte sie einer Kundin. Eine andere, weitaus jüngere Bedienung eilte flinken Schrittes mit einem Tablett, auf dem sich dampfende Kaffeetassen befanden, an Hanna vorbei in den hinteren Teil des Raumes, wo sich das eigentliche Café befand. Der aromatische Kaffeeduft stieg Hanna in die Nase. Automatisch blickte sie der Bedienung hinterher, die die Tassen gerade auf einem Tisch abstellte, an dem ein altes Ehepaar saß, das sich verliebt anblickte. Unwillkürlich musste Hanna an ihre Großmutter denken – und an deren erste große Liebe.
Joachim …
Wäre damals alles anders gekommen, könnten die beiden dort zusammen am Tisch sitzen und Kaffee trinken. Sich verliebt ansehen und auf ihr gemeinsames Leben zurückblicken.
Doch dann wären weder meine Mutter noch ich je zur Welt gekommen …
Hanna spürte, wie sich ihr Herz bei dem Gedanken schmerzhaft zusammenzog. Vielleicht hatte sie sich deshalb verpflichtet gefühlt, nach Rügen zu kommen und ihrer Großmutter zu helfen – natürlich ohne ihr zu sagen, was sie vorhatte. Ihre Großmutter dachte, dass sie sich zu einer Fortbildung in Rostock befand. Hanna wollte nicht, dass sie sich zu große Hoffnungen machte, für den Fall, dass …
„Was kann ich für Sie tun?“
Die weibliche Stimme riss Hanna aus ihren Gedanken. Hastig wirbelte sie herum und blickte in das freundliche, fragende Gesicht der Verkäuferin. Vor der Theke wartete kein anderer Kunde mehr auf Bedienung.
„Ich … ähm …“ Hanna räusperte sich. „Ich bräuchte Ihre Hilfe“, brachte sie schließlich hervor. „Ich suche nämlich einen Mann.“
Die ältere Frau lächelte. „Nun, ich weiß zwar nicht, wie ich Ihnen dabei behilflich sein kann, aber hier auf Rügen ist die Auswahl nicht gerade klein. Zumindest zu der Jahreszeit.“
„Oh.“ Hanna lief rot an. „Nein, so … so war das nicht gemeint“, stellte sie rasch klar. Ganz und gar nicht sogar!, fügte sie in Gedanken hinzu. Denn wenn sie eines nicht gebrauchen konnte, dann irgendeinen Kerl, der ihr Leben wieder durcheinanderbrachte. Nein, von Männern hatte sie die Nase gestrichen voll! „Ich meine nur, dass ich auf der Suche nach jemand Bestimmtem bin. Sein Name ist Joachim. Joachim Hansen.“
Die Verkäuferin zog nachdenklich die Brauen zusammen. „Joachim Hansen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, damit kann ich nichts anfangen.“
Enttäuscht senkte Hanna den Blick. Etwas in der Art hatte sie bereits befürchtet. „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht einmal, ob er überhaupt noch lebt“, erklärte sie niedergeschlagen. „Er hat vor der Teilung Deutschlands hier gewohnt. Ich weiß nur, dass er Koch war und sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert hat.“
„Könnte es sein, dass Sie den alten Jo meinen?“ Sie lachte. „Aber ja, Jo ist die Abkürzung für Joachim. Das könnte der Mann sein, den Sie suchen.“
„Sie kennen ihn also?“ Hanna fühlte sich plötzlich wie elektrisiert. Sollte sich die Reise nach Rügen also doch gelohnt haben?
„Sicher doch. Hier wird er seit jeher immer nur Jo genannt, seinen vollen Namen kennt man eigentlich gar nicht mehr, daher konnte ich ihn anfangs nicht zuordnen. Aber ja, ich denke ich weiß, wen Sie meinen. Allerdings …“
„Ja?“
„Ich fürchte, wenn Sie ihn sprechen wollen, werden Sie kein Glück haben. Er empfängt nämlich grundsätzlich keinen Besuch.“
Aus den Augenwinkeln nahm Hanna wahr, wie die andere Bedienung an der Theke zwei Stück Torte abschnitt und auf Tellern arrangierte, die sie anschließend auf ein Tablett stellte und damit wieder zu dem Tisch eilte, an dem das ältere Ehepaar saß.
„Jo lebt völlig zurückgezogen in einem alten Leuchtturm“, erklärte die ältere Dame nun. „Drüben beim Kap Arkona. Einmal in der Woche versorgt ihn der Besitzer eines Ladens mit den nötigsten Lebensmitteln, aber auch mit ihm wechselt er praktisch kein Wort.“
„Aber ich muss unbedingt mit ihm sprechen“, stieß Hanna verzweifelt hervor. „Es … es geht um meine Großmutter. Sie und Joachim … Jo … Also, sie standen sich vor langer Zeit einmal sehr nah, und … Sie wünscht sich, dass ich ihm etwas von ihr gebe. Etwas sehr Persönliches.“
Die Verkäuferin nickte langsam. „Hm, Sie können natürlich versuchen, ihn einfach aufzusuchen, aber ich kann Ihnen wirklich keine großen Hoffnungen machen. Seit er völlig mit seiner Familie zerstritten ist, nimmt er praktisch gar nicht mehr am Leben teil. Er hat sich komplett abgeschottet und eigeigelt. Er würde Sie nicht einmal anhören. Und nach allem, was man so hört, kann er sehr ärgerlich werden, wenn sich Fremde seinem Leuchtturm nähern. Gerüchten zufolge schreckt er nicht einmal davor zurück, zu seiner alten Schrotflinte zu greifen, um Störenfriede in die Flucht zu schlagen. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg, an ihn heranzukommen.“
„Und der wäre?“
„Sein Neffe Niels. Vielleicht könnten Sie über ihn Kontakt zu ihm aufbauen.“
Hanna kniff die Augen zusammen. „Sagten Sie nicht eben, Jo habe sich mit seiner Familie zerstritten?“
„Nicht ganz. Im Grunde ist es umgekehrt. Nach einem … Vorfall hat sich der Rest der Familie von Jo abgewendet.“
Hanna entging nicht, wie sich bei den Worten ein Schatten auf die Züge der Verkäuferin legte.
„Jedenfalls weiß man hier, dass Jo ziemlich daran zu knacken hat, weil der Kontakt zu seinem Neffen abgerissen ist“, fuhr die Frau fort und fügte hinzu: „Wenn es Ihnen also gelänge, in dieser Angelegenheit zu vermitteln …“
„Sie meinen, so könnte ich an Jo herankommen?“
„Das wäre sicherlich besser, als direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.“
Gar keine schlechte Idee, dachte Hanna und schürzte die Lippen. „Und dieser Niels – wo finde ich den?“
„Oh, das ist ganz einfach! Er führt zusammen mit seiner Mutter ein kleines Restaurant ganz hier in der Nähe. Wenn Sie wollen, beschreibe ich Ihnen rasch den Weg.“
„Sehr gerne!“ Hanna atmete erleichtert auf. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob ein Treffen mit diesem Niels sie tatsächlich weiterbringen konnte, aber einen Versuch war es allemal wert.
***
„Ich werde in meinem Restaurant ganz bestimmt keine tiefgefrorenen Lebensmittel aus dem Supermarkt verarbeiten!“, stellte Niels entgeistert klar und stellte die Einkäufe in der Küche ab. „So etwas kommt bei mir nicht auf den Tisch, niemals!“
„Aber es wäre doch viel günstiger, und wir bräuchten auch nicht mehr jeden Tag zum …“
„Nein, Mutter!“, erwiderte er scharf. „Nein, nein und nochmals nein!“ Seufzend schüttelte er den Kopf und bemühte sich, etwas ruhiger weiterzusprechen. Ihm war natürlich klar, dass seine Mutter es nur gut meinte, und er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Aber nachdem sie auf dem Bauernmarkt gewesen waren, hatte es auf dem Rückweg nur dieses Thema gegeben, und inzwischen war er genervt. „Hör zu, ich weiß, du machst dir Sorgen. Und was die momentane Situation des Restaurants betrifft, mache ich mir nichts vor. Ich kenne den Ernst der Lage, das kannst du mir glauben. Es vergeht keine Nacht, in der ich nicht aufstehe und immer und immer wieder die Bücher durchgehe, weil ich sonst keinen Schlaf finden kann. Aber das, was du da vorschlägst, würde das endgültige Aus für uns bedeuten, dessen bin ich mir absolut sicher. Weder die Einheimischen noch die Touristen hätten für derartige Sparmaßnahmen Verständnis. Qualitativ hochwertige Lebensmittel aus der Region, das ist es, was von uns erwartet wurde und wird. Sparen müssen wir an anderen Ecken.“
„Und wo?“ Seine Mutter, die begonnen hatte, die Einkäufe in die verschiedenen Regale zu räumen, hielt inne und sah ihn fragend an. In ihrem Blick lag tiefe Besorgnis. „Sag mir, wo sollen wir noch sparen?“
„Woher soll ich das wissen?“, entgegnete er nun wieder deutlich schärfer. „Und warum überhaupt muss ich das wissen? Wenn Vater das Restaurant nicht in einem solchen Zustand hinterlassen hätte …“
Er brach ab, als er sah, wie seine Mutter zusammenzuckte. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wandte sich hastig ab. Kopfschüttelnd trat er von hinten an sie heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid, Mutter“, sagte er. „Das hab ich so nicht sagen wollen, aber …“ Er seufzte. „Es ist doch wahr. Dem Lokal ging es doch schon lange schlecht, und als Papa dann ins Gefängnis musste …“
Seine Mutter senkte den Blick. „Dein Vater hat sich immer bemüht …“
Niels winkte ab. Das hatte er schon unzählige Male gehört. So recht daran glauben konnte er allerdings nicht. Was aber nicht bedeutete, dass er seinem Vater die Schuld an allem gab. Nein, die Katastrophe wäre zu verhindern gewesen. Alles, was es gebraucht hätte, wäre …
Mit einem hastigen Kopfschütteln verdrängte er den Gedanken. Er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren und eine Lösung für seine Probleme finden. Das würde ihm nicht gelingen, wenn er sich immer wieder von der Vergangenheit einholen ließ.
„Lass es, Mutter. Das ist eine Unterhaltung, die wir schon unzählige Male geführt haben. Und letztlich läuft es doch immer wieder auf dasselbe hinaus. Denn im Grunde ist nur einer an dieser vertrackten Situation schuld.“
„Du sprichst von Joachim …“
Er verzog das Gesicht. Wie immer, wenn der Name seines Onkels fiel, spürte er, wie Wut in ihm hochkochte. Deshalb vermieden seine Mutter und er es in der Regel, über den älteren Bruder seines Vaters zu sprechen.
Den Mann, der seine Familie zerstört und seinen Vater in den Tod getrieben hatte.
Der ihn dazu gezwungen hatte, seinen großen Traum aufzugeben und seiner Mutter zur Hilfe zu eilen. Niels schüttelte den Kopf. Dabei war er so froh gewesen, Rügen hinter sich zu lassen. Doch er hatte seine Mutter nicht einfach im Stich lassen können.
Zuerst die Verurteilung seines Vaters zu einer Gefängnisstrafe, dann sein Selbstmord. Sie war nicht in der Lage gewesen, das Restaurant allein weiterzuführen. Und die Strand-Schenke war nun einmal ihre Existenz.
„Ich hole dann mal die restlichen Einkäufe aus dem Wagen“, sagte er und verließ die Küche. Als er kurz darauf nach draußen trat, blendete ihn der strahlende Sonnenschein, und er kniff die Augen zusammen. Das Wetter war herrlich, es war Ferienbeginn. Viele Touristen hielten sich auf Rügen auf, und es würden noch mehr werden. Eigentlich gute Voraussetzungen für ihn und das Restaurant. Die Frage war bloß, wie er es schaffen sollte, wieder mehr Leute anzulocken.
Aber darüber würde er sich später wieder Gedanken machen. Für den Augenblick hatte er genug gegrübelt. Und eines stand fest: Sollte ihn heute noch irgendjemand auf seinen Onkel ansprechen, würde derjenige Wünschen, den Mund gehalten zu haben.
***
Hanna lachte vergnügt, als sie die Füße von den Pedalen nahm und sich auf dem Fahrrad den Hügel hinunterrollen ließ. Der Fahrtwind spielte mit ihrem Haar, und sie musste ihren Sonnenhut festhalten, damit er ihr nicht vom Kopf flog.
Es war lange her, dass sie sich so locker und gelöst gefühlt hatte, fast wie ein junges Mädchen, das einfach nur das Leben und die Freiheit genoss. Eigentlich kam es einem Wunder gleich, dass sie noch so voller Energie war. Die vier Stunden auf der Zugfahrt von Hamburg nach Rügen war sie schrecklich nervös und angespannt gewesen. Und auch während der Busfahrt von Bergen nach Sellin hatte sie sich immerzu den Kopf darüber zerbrochen, was sie tun sollte, wenn sie nicht auf Anhieb jemanden fand, der Joachim kannte.
Zum Glück hatte sie sich da ganz umsonst Sorgen gemacht, denn schließlich war sie schon im ersten Café, das sie betreten hatte, nachdem sie aus dem Bus gestiegen war, fündig geworden. Und dort hatte sie es auch einfach nur versucht, weil Cafés ihrer Erfahrung nach wahre Informationsquellen waren – zumindest was die nähere Umgebung und deren Bewohner anging.
Die Sonne stand hoch am strahlendblauen Himmel, an dem sich lediglich ein paar harmlose weiße Wölkchen tummelten. Reetgras und Sand säumten den Weg, und zur Rechten fiel die Landschaft sanft zum Strand hin ab. Auf dem Meer waren einige Surfer unterwegs. Weiter entfernt konnte Hanna bis zum Horizont Boote verschiedener Größe ausmachen. Und als verschwommenen Umriss die Selliner Seebrücke. Das Bauwerk faszinierte sie auf den ersten Blick. Ein langer Steg führte vom Ufer aus bis zu einer Plattform, auf der das Gebäude errichtet war. Zwei Glockentürme flankierten den Eingang, und zu beiden Seiten erstreckte sich ein Seitenflügel. Hinter dem Gebäude ragte der Steg noch weiter bis in die Ostsee hinein.
Als sie das Ende des Hügels erreichte, musste sie wieder in die Pedalen treten, doch das machte ihr nichts aus. Da sie keinen Führerschein besaß und gern unabhängig von Fahrplänen öffentlicher Verkehrsmittel blieb, war sie ans Fahrradfahren gewöhnt.
Zum Glück verlieh die Wirtin der Pension an der Stadtgrenze von Sellin und Baabe, in der sie nach ihrem Gespräch mit der Angestellten des Cafés ihr Zimmer bezogen hatte, Fahrräder gegen eine kleine Gebühr. Zu Fuß wäre es weitaus beschwerlicher gewesen, zu dem Restaurant am nordwestlichen Rande von Sellin zu kommen, das von Joachims Neffen und dessen Mutter betrieben wurde. Von den Kilometern her mochte die Strecke nicht allzu weit sein, doch nachdem Hanna am Vormittag vom Café aus mit ihrem Trolley zu ihrer Pension gelaufen war, wusste sie, dass es sich ohne Fortbewegungsmittel deutlich weiter anfühlte.
Weit konnte es jetzt aber nicht mehr sein, denn sie war schon eine ganze Weile unterwegs. Martha, ihre Hauswirtin, hatte ihr die Strecke noch einmal genau beschrieben und gesagt, dass sie einfach nur dem Radweg folgen müsse, da dieser unmittelbar am Restaurant vorbeiführte.
Der Weg beschrieb eine Kurve, hinter der ein himmelblaues, zweistöckiges Gebäude im Bäderstil auftauchte. Hanna hielt den Atem an. Das musste es sein. Beiden Stockwerken war eine Veranda vorgelagert, und zu den Seiten ragte jeweils ein Türmchen, mit schwarzem Schieferschindeln gedeckt, in den makellosen Sommerhimmel. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift Strand-Schenke.
Hannas Herz fing an, schneller zu pochen. Ja, hier war sie richtig.
Rechts und links der Tür standen Kübel mit bunten Blumen, und auch an den Geländern der Verandas hingen prachtvolle Blühkästen. Das Restaurant wirkte sehr einladend. Umso mehr verwunderte es Hanna, dass draußen auf der unteren Veranda keine Gäste saßen. Und das bei dem Wetter … Ob das Lokal geschlossen war?
Sie stieg vom Rad und stellte es neben der Treppe ab. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie kein Schloss dabei hatte. Unschlüssig blickte sie sich um. Es sah nicht gerade so aus, als ob sich in der Gegend Fahrraddiebe tummelten. Andererseits …
Sie öffnete ihre Handtasche und wühlte darin herum. Vielleicht fand sie ja etwas, mit dem sich improvisieren ließ.
Schließlich benutzte sie einen alten Kugelschreiber, um ihn in die Kette zu stecken. Sie nickte zufrieden mit sich. Wenn irgendjemand versuchte, mit dem Fahrrad wegzufahren, würde er sein blaues Wunder erleben.
Hanna schulterte ihre Tasche und stieg die Veranda hinauf. Auch aus der Nähe betrachtet wirkte das Restaurant noch immer verwaist, daher war sie fast ein bisschen überrascht, als sich die Tür einfach aufdrücken ließ. Ein Glöckchen läutete leise.
„Hallo?“ Suchend ließ sie ihren Blick durch das Lokal schweifen. Dabei nahm sie die Einrichtung in sich auf. Die bestand aus ziemlich dunklen und schweren Eichenmöbeln, Lampen mit beigen Keramikschirmen und künstlichem Efeu, der um Deckenbalken gewunden war. Auf den ersten Blick schien alles sauber und gut gepflegt zu sein – einladend wirkte es jedoch nicht. Vor allem, wenn man bedachte, wie hell und freundlich die Außenfassade aussah.
In den siebziger und achtziger Jahren mochte ein solches Interieur vielleicht einmal modern gewesen sein. Um einigermaßen mit der Zeit zu gehen, war dringend eine Renovierung notwendig. Als PR-Beraterin war sie schon öfter für Restaurantbesitzer tätig geworden, daher kannte sie den Teufelskreis: Die Gäste blieben früher oder später aus, wenn ein Lokal optisch nichts hermachte – da konnte das Essen noch so gut sein. Und für Renovierungen war kein Geld vorhanden, weil die Gäste fehlten.
Aber das ging sie alles nichts an. Sie war nicht hier, um einem angeschlagenen Restaurant aus der Krise zu helfen.
Sondern um Joachim zu finden.
Für ihre Großmutter.
Hanna ging ein paar Schritte weiter in den Schankraum hinein. Bisher hatte sich niemand blicken lassen, was auch nicht unbedingt besonders gastfreundlich war. „Hallo?“, rief sie erneut. „Ist da jemand?“
In einiger Entfernung erklang ein Poltern, dann hörte Hanna jemanden fluchen. „Herrgott noch mal, ich komme ja schon!“
Irritiert hob sie eine Braue. Obwohl sie eigentlich hergekommen war, um Niels Hansen um Hilfe zu bitten, lag ihr ein bissiger Kommentar auf der Zunge. Doch als sie den Mann erblickte, der in diesem Moment durch eine Tür im hinteren Bereich des Raumes trat, fehlten ihr mit einem Mal die Worte.
Groß, dunkelhaarig, mit breiten Schultern und durchtrainierter Statur entsprach er genau dem Typ Mann, auf den sie im Allgemeinen ansprang. Oder genauer gesagt – er war praktisch ein Ebenbild von ihrem Ex Andreas. Zumindest auf den ersten Blick.
Beim zweiten Hinsehen erkannte sie einige kleine, signifikante Unterschiede. Zum einen waren seine Augen nicht blau, sondern von einem faszinierenden Türkisgrün. Sein Haar war auch mindestens zwei Nuancen dunkler. Davon abgesehen hätten sie Brüder sein können.
Etwas, das sie nicht unbedingt für ihn einnahm, wenn sie auch eingestehen musste, dass ihr Herz bei seinem Anblick schneller pochte.
Vor allem, als sich nun ein Lächeln auf seine Lippen legte. „Oh, entschuldigen Sie bitte! Ich dachte …“ Er hielt kurz inne, ehe er andeutungsweise die Achseln zuckte. „Egal. Was kann ich für Sie tun? Heute haben wir Flundern auf der Tageskarte. Möchten Sie nicht lieber auf der Terrasse Platz nehmen? Bei dem herrlichen Wetter …“
Seine Stimme klang warm und weich. Noch etwas, das ihn ganz eindeutig von Andreas unterschied. Aber sie wollte jetzt lieber nicht an ihren Ex denken. Zu tief saß noch immer der Schmerz über das, was er ihr angetan hatte.
Sie zwang sich in die Realität zurück. „Ich … ich bin nicht hier, um zu essen, obwohl Flunder sehr verlockend klingt.“
Er hob eine Braue. „Sie wollen nicht essen? Ich hoffe, Sie verzeihen mir die Frage, aber … Warum sind Sie dann hier?“
Hanna atmete tief durch. Jetzt, wo der Moment der Wahrheit gekommen war, wusste sie nicht, wie sie anfangen sollte. Aber vermutlich war es am besten, wenn sie einfach mit der Tür ins Haus fiel.
„Sie sind der Inhaber des Restaurants, richtig? Niels Hansen?“ Als er nickte, sprach sie weiter: „Ich würde mit Ihnen gern über Ihren Onkel sprechen. Joachim … Jo Hansen.“
Sie hatte noch nie erlebt, dass sich auf der Miene eines Menschen innerhalb von Sekunden so viele widersprüchliche Emotionen abzeichneten. Doch am Ende war es eindeutig Wut, die übrigblieb.
Wut und – Hass?
Sie schluckte hart. Ihr war nicht klar, was sie getan hatte, um so heftige Gefühle in ihm auszulösen.
Niels Hansen schüttelte den Kopf. „Das Thema ist für mich absolut uninteressant. War es das dann? Ich würde wirklich gern weiterarbeiten. Sie entschuldigen mich?“
Brüsk wandte er sich ab, ehe sie noch etwas erwidern konnte. Doch so leicht wollte Hanna sich nicht geschlagen geben. Sie griff nach seinem Arm, um ihn zurückzuhalten.
Steif drehte er sich zu ihr um. „Habe ich mich irgendwie unklar ausgedrückt? Ich denke nicht daran, mit Ihnen über meinen Onkel zu sprechen. Dieser Mann hat für mich keinerlei Bedeutung mehr.“
„Ach, tatsächlich?“ Sie reckte herausfordernd das Kinn. „Und warum reagieren Sie dann so empfindlich?“
Einen Moment lang fürchtete sie, dass er sie auf der Stelle achtkantig vor die Tür setzen würde, doch er schien sich im letzten Augenblick zu besinnen.
„Hören Sie, Frau …“
„Hanna“, sagte sie. „Mein Name ist Hanna Ritter.“ Sie holte tief Luft. „Bitte glauben Sie mir, es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu verärgern. Aber ich muss unbedingt mit Ihrem Onkel sprechen, weil …“
„Tut mir leid, ich kann Ihnen nicht helfen. Mein Onkel und ich reden nicht miteinander. Ich habe ihn schon seit Jahren nicht mehr gesehen, und ich hege auch keinerlei Interesse daran, daran etwas zu ändern. Und nun muss ich Sie wirklich bitten zu gehen.“
Hanna schüttelte den Kopf. „Aber …“
„Kein Aber“, entgegnete er kühl, umfasste ihren Oberarm und führte sie zur Tür.
Hanna versuchte, sich loszumachen, doch obwohl er ihr ganz offensichtlich nicht wehtun wollte, war er doch sehr viel stärker als sie. Und er ließ sie erst los, als sie draußen auf der Veranda stand. „Ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag“, sagte er und wandte sich ab.
„Aber das ist doch …“ Hanna verstummte, als ihr die Tür vor der Nase zuschlug. Kurz blieb sie noch wie angewurzelt stehen, dann wirbelte sie auf dem Absatz herum und eilte die Stufen hinunter.
Wütend schwang sie sich auf ihr Fahrrad. Sie hatte keine Ahnung, wie es jetzt weitergehen sollte. Wenn Niels Hansen sich weigerte, ihr zu helfen, dann war sie vollkommen aufgeschmissen. Verflixt!
Sie setzte sich auf den Sattel, atmete noch einmal tief durch, um sich einigermaßen zu beruhigen. Dann trat sie kräftig in die Pedale. Das Rad nahm Schwung auf – und … Erschrocken schrie Hanna auf, als es plötzlich mit einem heftigen Ruck stehenblieb. Sie versuchte noch, sich mit den Füßen abzustützen, doch ihre Reaktion kam zu spät.
Im nächsten Moment kippte das Fahrrad, und sie stürzte zu Boden.
2.
Niels hörte den Schrei und runzelte die Stirn. Was zum Teufel …?
Im nächsten Moment erklang ein Poltern, dann ein herzerweichendes Wehklagen, im raschen Wechsel mit unflätigem Fluchen, für das seine Mutter ihm selbst heute noch die Ohren langziehen würde.
Hastig eilte er zur Tür hinaus.
Im ersten Moment wusste er nicht, ober lachen oder weinen sollte. Die junge Frau von vorhin – Hanna, erinnerte er sich – lag, scheinbar in inniger Umarmung mit ihrem Fahrrad, auf dem Boden. Es sah tatsächlich beinahe komisch aus, und seine Mundwinkel zuckten zunächst. Doch dann sah er, dass ihre Jeans auf Kniehöhe aufgerissen war. Darunter zum Vorschein kam eine blutende Wunde.
Schlagartig wurde er ernst.
Mit zwei ausgreifenden Schritten war er bei Hanna. Vorsichtig zog er das Fahrrad von ihr weg, sie setzte sich auf und umklammerte ihr rechtes Bein mit beiden Händen.
„Aua“, stieß sie hervor. „Himmel, wie kann ein kleiner Kratzer so wehtun?“
„Na, ein bisschen mehr als ein Kratzer ist es schon.“ Er kniete sich neben sie. „Lassen Sie mal sehen“, sagte er und schob ihre Hände beiseite. Dann verzog er das Gesicht. „Das sieht tatsächlich schmerzhaft aus, aber sehr schlimm ist es nicht.“
Ärgerlich funkelte sie ihn an. „Ach, und das wissen Sie woher? Sind Sie vielleicht Arzt?“
Er hob eine Braue. „Man muss nicht unbedingt Arzt sein, um eine harmlose Schürfwunde erkennen zu können.“ Er erhob sich und streckte ihr die Hand entgegen. „Kommen Sie mit rein, ich schaue mir das Malheur drinnen genauer an.“
Sie zögerte kurz, ehe sie sich von ihm aufhelfen ließ. Es war offensichtlich, dass sie noch immer ärgerlich auf ihn war. Auf der anderen Seite glaubte er, auch Hoffnung in ihren großen grauen Augen erkennen zu können.
Aber wenn sie wirklich glaubte, dass er ihr bei ihrem Anliegen helfen würde, hatte sie sich geschnitten. Joachim war ein heikles Thema, das er ganz gewiss nicht mit einer Wildfremden diskutieren würde. Am liebsten wollte er seinen Onkel vergessen – doch das war nicht so leicht, nach allem, was er der Familie angetan hatte.
Schon spürte er wieder, wie sein Puls zu rasen begann. Verdammt, nicht schon wieder! Das Gespräch mit seiner Mutter vorhin hatte ihm mehr als gereicht. Er sollte sich auf die Gegenwart konzentrieren, und das bedeutete, dass er die Vergangenheit hinter sich lassen musste.
Hanna humpelte, und er reichte ihr seinen Arm, um sie zu stützen. Dabei musste er sich wohl oder übel eingestehen, dass die Berührung ihm durchaus angenehm war. Jedenfalls durchfuhr ihn eine Wärme, die gewiss nicht von der strahlenden Sommersonne kam.
Er schüttelte den Kopf. Noch etwas, das er ganz und gar nicht gebrauchen konnte.
„Was ist denn eigentlich passiert?“, fragte er, als sie durch die Tür in den dunklen und kühlen Gastraum traten. „Ich dachte immer, jeder Idiot kann Fahrrad fahren.“
Sie ließ seinen Arm so hastig los, als hätte sie sich daran verbrannt. „Wie bitte?“, fauchte sie. „Zu Ihrer Information: Ich kann Fahrrad fahren. Und zwar sehr gut. Ich hatte einfach nur vergessen …“ Sie verstummte. Ihre Wangen färbten sich in ein zartes Rosa.
Niels sah sie leicht verträumt an. Es sah hübsch aus. Niedlich. Er verschlug den Gedanken. „Was hatten Sie vergessen?“, fragte er, trotzdem noch immer abwesend.
„Ach, vergessen Sie es. Ist nicht so wichtig.“
„Jetzt bin ich erst recht neugierig.“ Er neigte den Kopf. „Sie werden wohl kaum vergessen haben, wozu die Pedale da sind. Oder wie man den Lenker bedient. Also?“
„Natürlich ist es nichts dergleichen!“, entgegnete sie giftig. „Es ist … ich …“ Sie holte hörbar Luft. „Ich hatte einen Stift zwischen die Speichen im Hinterrad gesteckt. Damit das Fahrrad nicht geklaut wird.“
„Einen Stift?“ Er sah sie einen Moment unverständlich an. „Benutzt man dafür nicht normalerweise ein Schloss?“
„Schon, aber es war keins am Rad. Es ist nur geliehen, und …“
Er winkte lachend ab. „Man merkt, Sie kommen nicht von hier. In Sellin und Umgebung ist die Gefahr, dass ein Fahrrad geklaut wird, wohl kleiner als von einem Dinosaurier gefressen zu werden. Von einem Pflanzenfressenden, wohlgemerkt.“
„Ich wollte halt auf Nummer Sicher gehen.“
„Ach, tatsächlich? Und wenn der Dieb den Stift dann einfach herausgezogen hätte?“
Sie seufzte genervt auf. „Es ging doch nur darum, einen schnellen Diebstahl zu vermeiden. Natürlich habe ich mich darauf verlassen, dass er den Stift nicht entdeckt. Dann hätte er sich aufs Fahrrad geschwunden, wäre losgefahren und auf die Nase gefallen. Das hätte ich gehört und wäre zur Stelle gewesen. So einfach ist das.“
„Tja. Und jetzt sind Sie die, die auf die Nase gefallen sind.“ Er deutete ein Kopfschütteln an. Vielleicht sollte er aufhören, ständig auf ihr herumzuhacken. Sie konnte schließlich nichts dafür, dass sie ihn auf dem falschen Fuße erwischt hatte. „Hören Sie, es tut mir leid. Ich wollte mich nicht über Sie lustig machen, schließlich haben Sie sich verletzt.“ Er zog ihr einen Stuhl zurecht. „Und jetzt setzen Sie sich, damit ich Sie verarzten kann. In der Küche habe ich eine kleine Notfallapotheke für den Fall der Fälle. Ist Vorschrift.“
Sie zögerte kurz, nickte aber schließlich und ließ sich mit einem leisen Ächzen auf den Stuhl sinken.
Auf dem Weg zur Küche blickte er sich mehrmals nach Hanna um. Es war schon beinahe albern, wie schwer es ihm fiel, sie allein zurückzulassen. Sie wirkte so verletzlich und hilfsbedürftig, gleichzeitig aber auch stark und unabhängig. Und er fühlte sich, auch wenn es ihm nicht gefiel, zu ihr hingezogen.
Unsinn! Du kennst diese Frau überhaupt nicht. Und daran wird sich auch nichts ändern. Du klebst ihr jetzt ein Pflaster auf ihre Wunde und schickst sie fort. Danach geht jeder von euch seiner Wege. So einfach ist das.
Einen Moment lang stand er reglos in der Küche und starrte ins Leere. Dann rief er sich zur Ordnung, nahm das Erste-Hilfe-Köfferchen aus dem Schränkchen über dem Gewürzregal und kehrte damit in den Gastraum zurück.
Hanna saß noch immer dort, wo er sie zurückgelassen hatte. Vorsichtig tupfte sie mit einer Serviette, die sie vom Tisch genommen hatte, die Wunde ab. Dabei verzog sie immer wieder das Gesicht und atmete scharf ein.
„Hören sie auf damit“, wies er sie sanft zurecht, stellte das Köfferchen auf dem Tisch ab und zog sich selbst einen Stuhl heran. „Lassen Sie mal sehen.“
Behutsam versuchte er, ihr Hosenbein hochzukrempeln, doch sie keuchte sofort schmerzerfüllt auf. Als er zu ihr aufschaute, sah er, dass sie kreidebleich geworden war und spürte, wie eine heftige Welle Mitgefühl über ihn hinweg rollte. Es kostete ihn alle Selbstbeherrschung, die er aufbringen konnte, um sich nicht anmerken zu lassen, was in ihm vorging. Nach außen hin gelang es ihm, eine kühle, ungerührte Miene zu bewahren, und das war gut so.
„Ich hoffe, Sie hängen nicht besonders an dieser speziellen Hose“, sagte er mit einem kaum hörbaren Beben in der Stimme. „Um die Wunde reinigen und versorgen zu können, werde ich das Hosenbein aufschneiden müssen.“
„Nun machen Sie schon“, drängte sie. „Solange es nur das Hosenbein ist, geht es ja noch. Aber passen Sie bitte auf, ja?“
Es war beinahe anrührend, wie ängstlich sie wirkte. Er holte eine Schere aus dem Erste-Hilfe-Köfferchen und machte sich ans Werk. Lange dauerte es nicht, ehe er den Stoff vorsichtig lösen konnte. Bei der ganzen Prozedur hatte sie die Augen fest zugekniffen.
„Und?“, fragte sie schließlich und kaute dabei mit den Schneidezähnen auf ihrer Unterlippe.
Er verkniff sich ein Lächeln. „Wie ich schon sagte, es ist halb so schlimm. Ich reinige jetzt die Wunde, dann verbinden wir Sie, und alles ist wieder in Ordnung.“ Nun konnte er das Zucken seiner Mundwinkel nicht mehr unterdrücken. „Wer weiß? Wenn Sie brav sind, bekommen Sie vielleicht sogar das letzte Hello-Kitty-Pflaster. Na, was sagen Sie?“
Sie öffnete die Augen wieder und hob eine Braue. „Wie könnte ich einem solch verlockenden Angebot widerstehen?“
Täuschte er sich, oder knisterte die Luft zwischen ihnen? Aber wie war das möglich?
Um sich abzulenken, öffnete er den Verbandkasten wieder und nahm die antibakterielle Lösung und einen Tupfer heraus. „Das könnte jetzt ein bisschen zwicken“, erklärte er, während er die Watte mit der klaren Flüssigkeit tränkte. Als er aufblickte, waren Hannas Augen riesig. Sie wirkte verkrampft, und er brauchte einen Moment, um zu begreifen, dass sie ängstlich war. Er lächelte aufmunternd. „Keine Angst, so schlimm wird es schon nicht werden. Eigentlich tut es gar nicht wirklich weh. Es ist einfach nur ein wenig unangenehm.“
Sie schluckte hörbar. „Sicher?“
Er nickte. „Ganz sicher.“
So behutsam wie nur möglich tupfte er die Wunde mit dem Antiseptikum ab und bemühte sich dabei, sämtliche Fremdkörper wie Schmutz und Staub zu beseitigen. Hin und wieder hörte er Hanna scharf einatmen oder leise zwischen durch die Zähne zischen. Doch immerhin zuckte sie nicht allzu heftig zusammen, das war auch schon viel wert.
Zu guter Letzt holte er ein größeres Pflaster – wie versprochen, mit Hello-Kitty-Aufdruck – hervor und klebte es ihr aufs Knie.
„So“, sagte er schließlich. „Fertig.“ Fragend schaute er sie an. „Tut’s noch sehr weh?“
Sie wirkte wie weggetreten. Niels fing schon an, sich Sorgen zu machen. War sie vielleicht doch schwerer verletzt, als es zunächst den Anschein gemacht hatte? Eine Gehirnerschütterung vielleicht? Doch dann blinzelte sie plötzlich, und ihre Wangen überzogen sich mit einer feinen Röte. Und ihm wurde klar, dass sie aus einem völlig anderen Grund so abwesend gewesen war.
Er unterdrückte einen Fluch. Spürte sie es etwa ebenfalls?
Das war nicht gut. Ganz und gar nicht gut. Er sollte sie jetzt besser schnell loswerden, wenn er nicht riskieren wollte, dass die Angelegenheit aus dem Ruder lief.
Falls es dafür nicht ohnehin schon längst zu spät war.
***
Hanna biss sich auf die Unterlippe. Sie fühlte sich wie vor den Kopf gestoßen – und mit ihrem kleinen Unfall hatte das nichts zu tun. Nein, dafür war ein gewisser dunkelhaariger Mann verantwortlich. Ein Mann, den sie gerade vor einer halben Stunde zum ersten Mal gesehen hatte.
Was stimmte bloß nicht mit ihr? Schlimm genug, dass sie auf die Hilfe dieses Niels angewiesen war. Er hatte sich ihr gegenüber nicht besonders freundlich gezeigt. Und dennoch …
Sie fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht. Ihr Herz flatterte, doch davon durfte sie sich nicht ablenken lassen. Sie war mit einem klaren Vorsatz hergekommen. Und vielleicht war dies ihre zweite und womöglich letzte Chance, Joachims Neffen zu überzeugen, ihr zu helfen.
Verdammt, das konnte doch eigentlich gar nicht so schwer sein. Verlangte sie denn wirklich so viel von ihm? Es sollte doch möglich sein, seinen Groll zu überwinden, wenn es um die Familie ging – oder?
Hanna selbst jedenfalls wäre froh, wenn sie eine Familie gehabt hätte, mit der sie sich versöhnen könnte. Doch ihre Eltern waren jung bei einem Autounfall ums Leben gekommen, und ihre Großmutter war der einzige Mensch, den sie auf der Welt noch hatte. Ihr war nie eine Wahl geblieben. Niels schon. Und er sollte sie, verdammt noch mal, besser nutzen, solange er noch konnte.
Warum reagierst du so emotional auf die ganze Sache? Du schuldest ihm nichts. Er ist kein Familienmitglied, er ist nicht einmal ein Freund. Niels Hansen ist nur ein ziemlich ungehobelter Fremder, der zufälligerweise eine extrem starke Anziehungskraft auf dich ausübt.
Sie schüttelte den Kopf. Es ging hier um ihre Großmutter, um Susanne. Und nur um sie. „Ich … Vielen Dank, dass Sie mir geholfen haben. Wir hatten nicht gerade einen besonders guten Start miteinander, aber …“
„Dafür muss ich mich entschuldigen“, unterbrach er sie. „Es ist sonst nicht meine Art, so unfreundlich zu reagieren. Aber wenn es um meinen Onkel geht, sehe ich leider schnell Rot. Und als Sie nach ihm fragten …“ Er zuckte mit den Schultern. „Tut mir leid.“
Hanna winkte ab. „Nicht der Rede wert“, sagte sie – und überlegte im selben Augenblick fieberhaft, wie sie das Thema erneut zur Sprache bringen konnte, ohne sich seinen immerwährenden Zorn zuzuziehen. Dann seufzte sie, als ihr klar wurde, dass das vermutlich so gut wie unmöglich war. Trotzdem durfte sie nicht einfach so aufgeben. Das war sie ihrer Großmutter schuldig. „Allerdings …“
Er runzelte unwillkürlich die Stirn. „Sie werden keine Ruhe geben, oder?“
Sie schüttelte den Kopf. „Es tut mir sehr leid, aber ich bin extra von Hamburg nach Rügen gereist, um mit Joachim Hansen zu sprechen. Und wie es aussieht, sind Sie die einzige Chance, dieses Ziel zu erreichen.“
Seine Miene zeige überdeutlich, wie sehr ihm allein der Gedanke, mit ihr über seinen Onkel zu sprechen, missfiel. Andererseits wirkte er auch widerwillig neugierig.
„Also schön, erklären Sie mir, warum Ihnen das so wichtig ist. Nach allem, was ich heraushöre, kennen Sie Joachim überhaupt nicht. Wieso ist es Ihnen so schrecklich wichtig, ihn zu treffen?“
Ein zaghaftes Lächeln ließ ihre Mundwinkel zucken. Zumindest hatte er nicht sofort kategorisch abgelehnt – und das war beinahe mehr, als sie zu hoffen gewagt hatte.
„Es geht um meine Großmutter“, entgegnete sie. „Sie hat sich beim Sturz von einer Leiter verletzt, als sie gerade ihre Gardinen zum Waschen abhängen wollte. Im Augenblick liegt sie mit einem gebrochenen Oberschenkelhals im Krankenhaus, und die Ärzte meinten, sie sei noch glimpflich davongekommen.“
„Das ist ja alles äußerst interessant“, kommentierte Niels. „Aber was hat das mit meinem Onkel oder mir zu tun?“
„Dazu komme ich gleich noch“, versprach Hanna rasch. „Jedenfalls hat meine Großmutter angefangen, sich Gedanken zu machen. Was, wenn sie … Sie wissen schon, wenn die Sache weniger glücklich für sie ausgegangen wäre.“ Mit einem Nicken bedeutete er ihr, weiterzusprechen. „Ich denke, das war der Grund, warum sie mir schließlich von ihrer ersten großen Liebe erzählt hat.“
Er hob eine Braue. „Moment mal, Sie wollen mir jetzt nicht sagen, dass …“
„Sie hat mir keine Details verraten, aber ich habe bei ihr zu Hause einen Stapel alte Briefe gefunden, die von einem Mann namens Joachim verfasst worden waren“, fiel sie ihm ins Wort. „Joachim Hansen. Genau deshalb muss ich ihn auch unbedingt finden.“ Seufzend fuhr sie sich durchs Haar. Sie wusste nicht recht, wie sie Niels das alles erklären sollte. Doch sie kam zu dem Schluss, dass es am besten war, einfach der Reihe nach zu erklären. „Meine Großmutter und ihre beiden besten Freundinnen haben als junge Mädchen die Ferien hier an der Ostsee verbracht. Es war ihr letzter gemeinsamer Sommer, als sie am Strand gemeinsam einen großen Bernstein fanden. Bei einem Juwelier ließen sie ihn schneiden und zu einem dreiteiligen, herzförmigen Amulett schleifen. Jedes der Mädchen bekam einen Teil, und sie schworen sich, dass sie ihn so lange tragen würden, bis sie ihre einzige wahre, große Liebe gefunden hätten. An diese wollten sie es dann weitergeben. Nun, und diese wahre, große Liebe für meine Großmutter war …“
„Mein Onkel?“, fragte er skeptisch nach.
Sie nickte. „Genau. Ich weiß nicht, was genau zwischen den beiden vorgefallen ist, aber fest steht, dass meine Großmutter das Amulett noch besitzt. Sie hat es mir sogar anvertraut – wenn Sie es also sehen möchten, um sich von meiner Geschichte zu überzeugen ….“ Sie zuckte mit den Schultern. „Ich nehme an, dass es mit der Teilung Deutschlands zu tun hatte. Ihr Onkel lebte im Osten, meine Großmutter ging mit ihren Eltern in den Westen. Sie lernte einen anderen Mann kennen, meinen Großvater, und heiratete ihn. Danach verfolgte sie die alte Sache wohl nie weiter, auch nach der Wiedervereinigung nicht.“
„Dann kann die Liebe zu meinem Onkel ja nicht so groß gewesen sein“, spottete Niels.
„Das würde ich nicht sagen. Ich glaube eher, dass es etwas mit Respekt vor meinem Großvater zu tun hat, der inzwischen nicht mehr lebt. Fakt ist, dass sie ihren Teil des Amuletts immer behalten hat. Und dass es insgeheim immer ihr Wunsch war, dass eines Tages …“
„Schluss damit!“ Ärgerlich schaute Niels sie an. „Das ist es also, ja? Das ist die Geschichte, wegen der Sie so dringend mit meinem Onkel sprechen wollen?“ Einen Moment lang herrschte Schweigen, dann fing er an zu lachen. Und es klang nicht besonders freundlich. „Das kann unmöglich Ihr Ernst sein! Wegen so einer rührseligen Story erwarten Sie von mir, dass ich Joachim wieder mit offenen Armen in die Familie aufnehme?“ Er schüttelte den Kopf. „Tut mir leid, Hanna, aber das können Sie vergessen.“
„Offenbar habe ich nicht klar genug dargestellt, wie wichtig meiner Großmutter diese Sache ist“, warf Hanna verzweifelt ein. Sie spürte, dass er kurz davor stand, sie vor die Tür zu setzen. Doch das durfte sie nicht zulassen. Sie brauchte seine Hilfe – und sie würde nicht gehen, ohne alles in ihrer Macht Stehende getan zu haben, sie auch zu bekommen!
„Und ich habe mich offenbar nicht klar genug ausgedrückt“, entgegnete er ärgerlich. „Sie verschwenden hier meine Zeit, Hanna. Ich habe hier ein Geschäft zu führen und …“
„Ich bitte Sie“, unterbrach sie ihn mit hochgezogener Braue. „Wenn ich mich hier so umsehe, kann ich mir kaum vorstellen, dass Sie sich allzu bald überarbeiten werden.“ Sie runzelte die Stirn. „Ist es hier immer so ruhig?“
Er stieß ein leises Schnauben aus. „Ruhig? Das haben Sie wirklich hübsch ausgedrückt. Es ist wie ausgestorben. Tot. Und wenn sich daran nicht bald etwas ändert, werde ich das Lokal demnächst schließen müssen.“ Mit beiden Händen fuhr er sich durchs Haar. „Aber was rede ich, das sind meine Probleme, und die werden Sie ganz sicher nicht interessieren.“
„Und wenn ich Ihnen sage, dass ich Ihnen vielleicht helfen kann?“ Hannas Herz fing an, wie verrückt zu klopfen. Sie hatte aus einem Impuls heraus gehandelt, doch es gab keine Garantie, dass sie damit erfolgreich sein würde. Sie konnte nur hoffen, dass er ihren Köder schlucken würde.
Er runzelte die Stirn. „Was soll das nun wieder heißen?“
„Haben Sie schon einmal überlegt, warum Ihr Restaurant so schlecht läuft?“
„Natürlich habe ich das“, entgegnete er hitzig und bedachte sie mit einem ärgerlichen Blick. „Was denken Sie denn? Ich bin schließlich kein Idiot. Mir ist schon klar, dass die Lage nicht unbedingt optimal ist, und die Einrichtung ist auch nicht mehr auf dem neuesten Stand. Aber daran kann ich momentan beim besten Willen nichts ändern. Dummerweise herrscht in meiner Kasse nämlich absolute Ebbe. Und ich übertreibe nicht etwa. Wenn sich nicht ganz schnell etwas ändert, werden wir schon bald zumachen müssen.“
„Zumindest in einem Punkt möchte ich Ihnen definitiv widersprechen: Die Lage Ihres Restaurants ist nämlich nicht schlecht, im Gegenteil. Sie ist ideal. Mit der richtigen Werbestrategie könnte die Strand-Schenke eine echte Goldgrube werden.“
Skeptisch schaute er sie an. „Das klingt, als würden Sie sich mit der Materie auskennen.“
„So könnte man es ausdrücken.“ Sie lächelte. „Ob Sie es glauben oder nicht, ich bin ausgebildete PR-Marketing-Fachfrau. Und wenn es eines gibt, über das ich Bescheid weiß, dann sind es Werbestrategien für Restaurants.“
Er wirkte nach wie vor zweifelnd. „Das sagen Sie jetzt doch nur, weil Sie hoffen, mich damit überzeugen zu können.“
„Wenn es so wäre, würden Sie das vermutlich ziemlich rasch merken.“
Er stand auf und fing an, rastlos auf und abzugehen. Dabei schien er weniger mit ihr als viel mehr mit sich selbst zu reden, als er sagte: „Ich kann mir schon denken, was Sie im Gegenzug für meine Hilfe erwarten. Aber meine Entscheidung steht fest: Ich werde mich nicht mit meinem Onkel aussöhnen – und wenn Sie die Strand-Schenke in einen Prominententreff verwandeln könnten.“
Hanna spürte, dass er längst nicht so unbeirrt war, wie er vorgab zu sein. Es schien in der Luft zu liegen. Seine Unschlüssigkeit und sein Widerwillen rangen um die Oberhand, und sie konnte nur hoffen und bangen, wer am Ende als Sieger aus diesem inneren Kampf hervorgehen würde.
„Und wenn ich Ihnen versichern könnte, dass das tatsächlich im Rahmen des Möglichen läge?“, versuchte sie, ihm einen letzten Schubs in die richtige Richtung zu geben. „Aber, ja, Sie müssten dafür natürlich auch etwas für mich tun. Eine Hand wäscht die andere.“
Er schwieg, und mit jeder Sekunde, die sein Schweigen anhielt, wurde Hanna unruhiger. Sie wollte ihrer Großmutter liebend gern ihren großen Wunsch erfüllen. Es bedeutete der alten Dame so viel. Und Hanna verstand gut, was in ihr vorging. Außerdem brannte sie darauf, diesen Joachim kennenzulernen und zu erfahren, was damals wirklich vorgefallen war. Wie und warum sich ihre Wege getrennt hatten.
Nachdem Susanne ihr am Krankenbett von ihrer großen Liebe erzählt hatte, war ihr sofort klar gewesen, dass sie die Geschichte so auf keinen Fall enden lassen konnte. Ihrer Großmutter war deutlich anzumerken, dass sie mit dem Thema auch nach all den Jahren nicht wirklich abgeschlossen hatte. Hanna glaubte nicht, dass ihre Großmutter ein Happy End wie im Kino erwartete. Nach so vielen Jahren war das vermutlich nur schwer möglich. Aber sie musste das alles irgendwie hinter sich lassen. Und das funktionierte nur, wenn Joachim das Amulett erhielt, das ihm bereits zustand, als Susanne und er Teenager gewesen waren. Hanna nickte sich selbst zu. Genau deshalb hatte sie nicht lange gezögert und sich auf den Weg nach Rügen gemacht – das Amulett aus der Schmuckschatulle ihrer Großmutter, das sie nach deren Beschreibung sofort erkannt hatte, mit im Gepäck. Irgendwie musste sie Joachim ja beweisen, dass sie die Wahrheit sagte. Sofern sie überhaupt dazu kam, mit ihm zu sprechen.
Sie wusste nicht, ob die zwei Wochen Urlaub, die sie sich für dieses Unterfangen genommen hatte, ausreichen würden. Aber wenn nicht, würde es kein Problem sein, noch mehr freie Tage zu bekommen. In dem großen Callcenter, in dem sie als Hilfskraft arbeitete, war sie ohnehin nur irgendeine x-beliebige Frau mit einer Personalnummer.
„Also schön“, sagte Niels. „Überzeugen Sie mich. Als Gegenleistung biete ich Ihnen an, mit meinem Onkel zu sprechen und so den Kontakt für Sie herzustellen. Aber ich warne Sie – wenn Sie Ihren Versprechungen nicht gerecht werden, sehe ich keine Veranlassung, meinerseits etwas zu unternehmen.“
„Das ist nur fair“, entgegnete sie und nickte. „Also dann.“ Nervös streckte sie ihm die Hand entgegen. „Deal?“
Er schlug ein. „Deal.“
3.
Als Hanna am nächsten Morgen aus den Federn kroch, flatterte ihr Herz bereits vor Aufregung. Obwohl sie in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugetan hatte, fühlte sie sich kein bisschen müde. So viel hing davon ab, wie die nächsten Tage verliefen. Niels hatte seinen Standpunkt mehr als deutlich gemacht: Wenn sie es nicht schaffte, ihn zu überzeugen, dann würde er ihr nicht helfen. Ihre einzige Chance bestand also darin, die Strand-Schenke auf Vordermann zu bringen.
Nicht, dass sie sich diese Aufgabe nicht zutraute. Ganz im Gegenteil. Sie war gut in ihrem Job, und das wusste sie auch. Wobei … nun, zumindest war sie es gewesen. Aber dass sie karrieretechnisch bisher nicht wirklich etwas vorzuweisen hatte, lag gewiss nicht an fehlendem Können. Nein, das hatte sie vor allem Andreas zu verdanken. Wenn sie wegen ihm damals nicht alles aufgegeben und stattdessen ihre eigenen Ziele weiter verfolgt hätte …
Sie verdrängte den Gedanken an ihren Ex und zwang sich, all ihre Aufmerksamkeit auf das zu konzentrieren, was vor ihr lag. Nachdem sie sich rasch geduscht und angezogen hatte, ging sie nach unten in den Frühstücksraum der Pension.
„Im Augenblick sind Sie der einzige Gast hier“, erklärte Martha, die Hauswirtin. „Morgen checken wieder neue ein. Normalerweise mache ich das nicht, aber … Wollen Sie nicht gemeinsam mit mir draußen auf der Terrasse frühstücken?“
Hanna lächelte. Vielleicht war das genau das Richtige, um ihre flatternden Nerven zu beruhigen.
So früh am Morgen war es noch recht kühl draußen, doch im direkten Sonnenschein war es gut auszuhalten. Auf dem Tisch, zu dem Martha sie führte, standen bereits allerhand Leckereien. Noch warme Croissants und Brötchen, selbstgemachte Marmeladen, frische Wurst und Käse dufteten so köstlich, dass ihr das Wasser im Munde zusammenlief. Und als ihr dann auch noch der würzige Geruch von Kaffee in die Nase stieg …
Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich, und Martha lachte. „Na, da hat aber jemand ordentlich Hunger!“ Einladend deutete sie mit der Hand in Richtung Tisch. „Bitte, setzen Sie sich doch. Und greifen Sie zu – es ist mehr als genug für uns beide da.“
Das musste sie Hanna nicht zweimal sagen. Obwohl sie morgens für gewöhnlich nicht viel aß, langte sie an diesem Morgen mit großem Appetit zu. Martha schien sich darüber zu freuen.
„Und, was haben Sie heute noch Schönes vor?“, fragte die ältere Frau lächelnd.
Hanna wollte der Pensionswirtin nicht die ganze Geschichte erzählen, deshalb antwortete sie mit einer Gegenfrage: „Kennen Sie das Restaurant Strand-Schenke?“
„Aber sicher. Früher war ich öfter mit meiner Familie dort essen. Aber das muss Jahre her sein. Warum fragen Sie?“
„Ich habe dem Besitzer versprochen, seinen Laden wieder flottzumachen. Warum haben Sie denn aufgehört, dorthin zu gehen?“
Darüber schien Martha einen Moment nachdenken zu müssen. „Um ehrlich zu sein, so genau weiß ich das gar nicht mehr. Ich glaube, es hat alles angefangen, als der Vater von Niels, dem jetzigen Besitzer, noch lebte. Allerhand zwielichtiges Gesindel trieb sich damals dort herum. Das hat die Leute verständlicherweise abgeschreckt. Hinzu kommt, dass die Einrichtung noch aus dem vergangenen Jahrhundert stammt.“
Hanna nickte. Der zweite Teil der Geschichte war ihr bekannt gewesen, der erste hingehen … Sie beschloss, Niels darauf anzusprechen, wenn sich ein geeigneter Zeitpunkt fand.
„Übrigens habe ich gestern aus der Ferne diese wunderschöne Seebrücke gesehen. In dem Gebäude darauf, ist da ein Restaurant oder etwas in der Art?“
Martha nickte. „Ja, auch. Und man kann dort standesamtlich heiraten.“
„Tatsächlich?“ Hanna blinzelte. Im Gegensatz zu den meisten Standesämtern, die doch eher schlicht und nüchtern wirkten, war das sicher ein hübscher Kontrast. Aber das ging sie nun wirklich nichts an. Denn eines wusste sie ganz sicher: Sie selbst würde niemals heiraten. Früher einmal, ja, da hatte sie solche Träume noch gehabt. Aber nach der Sache mit Andreas …
Am Vormittag machte sie sich mit dem Fahrrad auf den Weg zum Restaurant. Die Bewegung tat ihr gut. Der Wind fühlte sich kühl auf ihren Wangen an und sie trat kräftig in die Pedale, auch wenn die Wunde an ihrem Knie noch immer ein wenig spannte.
Der Gedanke daran ließ ihr die Röte ins Gesicht steigen. Es war ihr peinlich, dass sie so eine alberne Methode gewählt hatte, das Rad vor einem Diebstahl zu sichern. Und dann ihr Verhalten, als Niels sie verarztet hatte. Aber sie hatte einfach nicht anders gekonnt. Irgendwie war sie wieder das kleine Mädchen gewesen, das bei dem Autounfall mit im Wagen gesessen hatte, bei dem ihre Eltern ums Leben gekommen waren. Immer wieder passierte ihr das durch kleinere Unfälle verschiedenster Art, dass sie praktisch in die Vergangenheit zurückkatapultiert wurde. Als sie die Nachricht erhalten hatte, dass ihre Großmutter von der Leiter gestürzt und ins Krankenhaus gebracht worden war, hatte sie auch unglaubliche Angst gehabt. Angst, sie ebenfalls zu verlieren.
Als sie die Strand-Schenke erreichte, waren die Türen noch geschlossen. Sie legte die Hände gegen ein Fenster und versuchte, hindurch zu blicken. Hm, alles dunkel. Irritiert runzelte sie die Stirn. Auf dem Schild neben dem Eingang stand aber doch, dass das Restaurant in der ersten Hälfte des Tages von elf bis vierzehn Uhr geöffnet war, weil auch Brunch angeboten wurde. Jetzt war es aber schon fast halb zwölf!
Unzuverlässigkeit war etwas, das im Geschäftsleben noch verheerender war als eine unmoderne Einrichtung oder eine schlechte Lage. Restaurantgäste nahmen nichts übler als mit knurrenden Mägen vor verschlossenen Türen zu stehen.
Sie ging einmal um das Gebäude herum zur Rückseite, wo sie die Küche vermutete. Auch hier lag alles still und verlassen da. Und so langsam fing Hanna an, sich zu ärgern. Sie hatte mit Niels abgesprochen, dass sie sich heute Vormittag gleich hier treffen wollten, und wo steckte er? Ihre gute Stimmung war wie weggeblasen. Was dachte dieser Mann sich eigentlich? Sie mochte auf seine Hilfe angewiesen sein, aber das bedeutete nicht, dass sie sich von ihm eine solch herablassende Behandlung gefallen lassen würde!
Gerade als sie wieder vorne war und auf ihr Fahrrad steigen wollte, hörte sie, wie ein Wagen die Zufahrt hinauffuhr. Sie schaute auf und sah Niels hinter dem Steuer sitzen. Er parkte quer vor dem Gebäude über zwei Parkplätze und stieg aus, kaum dass er den Motor abgestellt hatte.
„Es tut mir leid“, rief er. Sein Haar sah aus, als wäre er gerade erst aus dem Bett gekrochen. Dunkle Schatten lagen unter seinen Augen, und auf seinem Kinn zeichnete sich ein Bartschatten ab. „Ich bin sonst eigentlich nicht unpünktlich, aber meiner Mutter ging es heute Morgen nicht gut. Seit dem Tod meines Vaters ist sie …“ Er unterbrach sich, und seine Miene zeugte deutlich, dass er fürchtete, bereits zu viel gesagt zu haben. „Wie auch immer, jetzt bin ich ja hier, und von mir aus können wir auch gleich anfangen.“
Verwundert schaute Hanna ihn an. „Müssen Sie denn gar nichts für den Tag vorbereiten?“ Sie runzelte die Stirn. „Sagen Sie mir jetzt bitte nicht, dass Sie mit TK-Kost und Fertigware arbeiten.“
„Was? Schuhsohlenschnitzel und Sauce Hollandaise aus dem Tetrapack?“ Allein der Gedanke schien seinen Küchenstolz zu beleidigen. „Nein, so etwas gäbe es hier nur, wenn es nach meiner Mutter ginge. Sie sieht es praktisch als letzten Rettungsweg, um Kosten und Arbeit zu sparen. Aber trotz aller Probleme und Geldsorgen bleibe ich dabei, dass frisch zubereitete Lebensmittel aus der Region genau das sind, was die Gäste von einem Restaurant wie diesem erwarten. Aber ich habe mich entschlossen, das Restaurant für die nächsten zwei Tage geschlossen zu lassen. Ich nehme an, dass einiges an Arbeit auf uns zukommen wird.“ Seufzend zuckte er mit den Schultern. „Und es ist ja nun nicht gerade so, als würden die Gäste uns die Tür einrennen.“
Hanna unterdrückte einen Kommentar darüber, wie unprofessionell es war, eine solche Maßnahme ohne vorherige Ankündigung durchzuführen. Wenn die Geschäfte wirklich so schlecht liefen, wie es den Anschein machte, dann würde sich kaum jemand daran stören. Und es vereinfachte ihr die Arbeit auf jeden Fall sehr.
„Damit haben Sie allerdings recht. Und es wird tatsächlich einfacher sein, einige der notwendigen Veränderungen vorzunehmen, wenn wir uns nicht gleichzeitig noch um das Wohl von Gästen kümmern müssen. Dennoch sollten Sie als Erstes ein entsprechendes Schild gut sichtbar am Eingang anbringen. Am besten, wir veranschlagen zwei Wochen. Vierzehn Tage, in denen wir mit der Renovierung, dem Internetauftritt und den Planungen für die Werbung fertig sein müssen. So ist das Restaurant nicht allzu lange geschlossen, und wir haben gleichzeitig ein festes Ziel vor Augen. Ach ja, und Sie sollten auch auf der Internetseite darauf hinweisen, dass das Lokal in den nächsten Tagen renoviert wird.“
„Internetseite?“
Sie blinzelte. „Ja, natürlich, das ist … Moment mal, soll das heißen, Ihr Restaurant hat überhaupt keinen Internetauftritt?“
Er winkte ab. „Was sollte das schon bringen? Wir sind nur ein kleines Lokal, sowas lohnt sich für uns doch gar nicht. Und davon abgesehen habe ich dafür auch gar keine Zeit.“
„Nicht zu fassen.“ Sie lachte bitter auf. „Du meine Güte, wo haben Sie denn in den letzten Jahren gelebt? Selbst die Bäckerei nahe meiner Pension hat einen Internetauftritt. Die Adresse steht sogar am Schaufenster. Und mein Zimmer habe ich ebenfalls online gebucht. Auf so einer Webseite könnten sich potenzielle Gäste über Ihr Lokal informieren und unterwegs Tische reservieren. Wir sprechen hier schließlich nicht nur von einheimischen Gästen, sondern vor allem von Touristen. Ist Ihnen eigentlich schon mal aufgefallen, dass die mit Sicherheit schon lange nicht mehr mit Reiseführern aus Papier herumlaufen, sondern stattdessen andauernd auf ihre Smartphones starren. Und warum? Weil sie sich im Internet über die Umgebung informieren. Und damit auch über Lokale und …“
„Schon gut, schon gut“, unterbrach er sie genervt. „Sie haben ja recht. Wahrscheinlich bräuchte ich wirklich so eine Webseite.“
„Ganz sicher sogar. Aber keine Sorge, darum kümmere ich mich ebenfalls.“
Fragend schaute er sie an. „Und was haben Sie sonst noch mit meinem Restaurant im Sinn?“
Sofort spürte Hanna, wie erneut Nervosität in ihr aufstieg. Sie hatte die halbe Nacht damit verbracht, genau darüber nachzudenken. Die Möglichkeiten, bahnbrechende Veränderungen vorzunehmen, waren ohne den entsprechenden finanziellen Hintergrund natürlich beschränkt – und der war wirklich alles andere als vielversprechend, wie sie den Unterlagen entnehmen konnte, die er ihr am Abend überlassen hatte. Doch das bedeutete nur, dass sie improvisieren mussten.
„Das Erste, was mir auffiel, als ich die Strand-Schenke gestern betrat, waren die schweren dunklen Möbel und die altmodischen Lampen.“
Er seufzte. „Das ist mir auch schon lange ein Dorn im Auge. Aber was soll ich machen? Ich kann mir nicht einfach so eine neue Einrichtung leisten.“
„Das dachte ich mir bereits“, entgegnete Hanna und nickte. „Genau deshalb habe ich mir auch etwas überlegt. Hier in der Nähe gibt es doch bestimmt einen Baumarkt, oder?“
Skeptisch runzelte er die Stirn. „Wenn Sie das vorhaben, was ich denke, dann weiß ich ehrlich gesagt nicht recht, was ich von der Idee halten soll.“
Sie hob eine Braue. „Ich habe vor, die Tische abzuschleifen und neu zu lackieren. Für die Sitzbänke dachte ich an einen neuen Bezug. Das ist zwar nicht das Nonplusultra, aber es dürfte genügen, bis Sie endlich wieder in den schwarzen Zahlen sind.“
Noch immer wirkte er nicht wirklich überzeugt. „Ich weiß nicht. Wirkt so etwas nicht immer ein bisschen billig? Ich meine, ich habe ehrlich gesagt noch nie gesehen, dass man neu lackierten Möbeln nicht schon auf den ersten Blick ansieht, dass sie eigentlich alt und hässlich sind.“
Hanna lachte. „Nun, zaubern kann man mit einem Eimerchen Farbe ganz sicher nicht. Aber wenn man weiß, wie man es anstellen muss, kann man schon recht ordentliche Ergebnisse damit erzielen. Außerdem werden wir die Speisekarte gemeinsam durchgehen und optimieren, und anschließend überlege ich mir ein paar kostengünstige, aber effektive Werbemaßnahmen.“ Sie holte tief Luft. „Vertrauen Sie mir?“
Darüber schien er kurz nachdenken zu müssen. Aber warum wunderte sie das? Er kannte sie im Grunde überhaupt nicht. Sie waren sich gestern zum ersten Mal begegnet, und dass sie heute hier zusammenstanden, hatte vor allem mit Notwendigkeit zu tun. Sie beide hofften, von ihrem Arrangement zu profitieren.
