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Das Versprechen eines Sommers. Rügen, 1956: Drei Mädchen, drei Teile eines Bernsteinamuletts, die sie jeweils dem Mann ihres Lebens geben wollen. Doch das Schicksal entscheidet anders.
Sechzig Jahre später machen sich drei junge Frauen auf den Weg, um die Bernsteine ihrer Bestimmung zuzuführen ...
Nicht die berühmten Kreidefelsen haben Hanna nach Rügen geführt, sondern Recherchen nach der Jugendliebe ihrer Großmutter. Deren Bernsteinanhänger soll endlich in die richtigen Hände kommen. Doch auch für Hanna selbst hält die Reise eine Überraschung bereit, und zwar in Form des attraktiven Niels ...
Auftakt zur Bernsteinträume-Trilogie. Urlaubsroman von Lilli Wiemers. Erstmals erschienen im Cora Verlag, Hamburg.
Teil 1: Eine Sommerliebe auf Rügen
Teil 2: Eine Romanze im Elbtal
Teil 3: Liebeszauber in Friesland
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Veröffentlichungsjahr: 2022
Lilli Wiemers
Eine Sommerliebe auf Rügen
Bernsteinträume 1
Inhalt
Kurzbeschreibung
Prolog
1.
2.
3.
4.
5.
6.
7.
8.
9.
10.
11.
12.
So geht’s weiter …
Impressum
Kurzbeschreibung
Das Versprechen eines Sommers. Rügen, 1956: Drei Mädchen, drei Teile eines Bernsteinamuletts, die sie jeweils dem Mann ihres Lebens geben wollen. Doch das Schicksal entscheidet anders.
Sechzig Jahre später machen sich drei junge Frauen auf den Weg, um die Bernsteine ihrer Bestimmung zuzuführen …
Nicht die berühmten Kreidefelsen haben Hanna nach Rügen geführt, sondern Recherchen nach der Jugendliebe ihrer Großmutter. Deren Bernsteinanhänger soll endlich in die richtigen Hände kommen. Doch auch für Hanna selbst hält die Reise eine Überraschung bereit, und zwar in Form des attraktiven Niels …
Auftakt zur Bernstein-Trilogie. Urlaubsroman von Lilli Wiemers. Erstmals erschienen im Cora Verlag, Hamburg.
Rügen, 1956.
Die drei Mädchen tanzten im Wind.
Die Luft roch nach Salz und Tang, würzig und verheißungsvoll nach fremden Ländern und Abenteuer. So zumindest empfand es Susanne, die mit ihren vierzehn Jahren die Jüngste der Freundinnen war.
Sie seufzte, als sie ein Segelschiff am Horizont verschwinden sah. „Manchmal beneide ich die Seemänner um ihre Freiheit und die Möglichkeit, die ganze Welt zu bereisen.“
„Das ist doch albern“, entgegnete Christiane und hob eine Braue. „Das hier ist die Ostsee. Wenn du die große weite Welt willst, dann musst du schon an den Atlantik oder wenigstens das Mittelmeer gehen.“
Die Jüngere zuckte die Achseln. Sie versuchte, sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr die herablassenden Worte ihrer Freundin sie trafen. Immerhin wusste sie, dass Christiane es nicht so meinte. Sie war einfach nur frustriert, weil Margarete, die Dritte im Bunde, in ein paar Tagen wegziehen würde.
St. Peter-Ording mochte nicht das Ende der Welt sein, aber den Mädchen kam es beinahe so vor.
„Hey! Susi, Chrissi, kommt mal her! Das müsst ihr euch ansehen!“
Die blonde Margarete war gerade ein kleines Stück am Strand vorausgelaufen. Jetzt blieb sie plötzlich stehen und winkte ihren beiden Freundinnen zu.
Neugierig gingen Christiane und Susanne auf Margarete zu. Die deutete auf einen goldbraun schimmernden Klumpen im feinen Sand.
„Deshalb rufst du uns her?“ Christiane schnaubte leise. „Wegen einem Stein? Wie alt bist du – fünf?“
„Das ist nicht irgendein Stein“, entgegnete Margarete mit einem wissenden Lächeln. „Das ist Bernstein.“
Christiane wirkte skeptisch, doch Margarete war diejenige von ihnen, die sich mit solchen Dingen am besten auskannte, daher widersprach sie ihr nicht.
„Das ist ja aufregend“, rief die schnell zu begeisternde Susanne. „So ein großer Bernstein ist doch sicher unheimlich wertvoll, oder? Der ist ja mindestens so groß wie meine Faust!“
Margarete nickte. „Aber ehrlich gesagt ist es nicht der materielle Wert, der mich interessiert.“
„Was sonst?“, fragte Susanne.
„Na, wisst ihr … Es sind meine letzten Tage mit euch zusammen. Und deshalb möchte ich, dass wir hieraus etwas machen, das uns immer aneinander erinnern wird.“
„Ja, das ist eine gute Idee!“ Christiane war sofort Feuer und Flamme. „Im Ort habe ich einen Juwelier gesehen, der anbietet, Bernstein zu schneiden und zu schleifen, den man am Strand gefunden hat. Was meint ihr, sollen wir das machen lassen?“
Susanne bückte sich, hob den Stein auf und musterte ihn eingehend. Er schimmerte goldbraun und war von dunklen Adern und Wolken durchzogen. Als sie ihn gegen die Sonne hielt, wirkte er wie zu Stein gewordener Honig. „Sieht ein bisschen aus wie ein Herz, findet ihr nicht?“
Die Freundinnen nickten.
„Dann soll der Juwelier ihn in Herzform schleifen und anschließend in drei Teile schneiden. Wenn er danach noch jeweils ein Loch hineinbohrt, kann jede von uns ihr Stück an einer Kette tragen“, schlug Christiane vor.
„Genau“, stimmte Susanne ihr zu. „Und wir werden die Teile so lange tragen, bis wir unserer einzig wahren großen Liebe begegnen – um sie dann dem Jungen zu geben, dem unser Herz gehört.“
Christiane lachte. „Du bist wirklich eine hoffnungslose Romantikerin, weißt du das eigentlich?“
„Ich finde die Idee sehr hübsch“, widersprach Margarete. „Wir wollen uns gegenseitig schwören, dass wir es so machen. Dann werden wir uns niemals vergessen, richtig?“
Susanne juchzte vergnügt. „Richtig.“ Sie knuffte Christiane spielerisch in die Seite. „Komm schon, sei kein Spielverderber. Du findest die Idee doch eigentlich auch gut. Wer weiß, vielleicht kannst du deinen Teil des Amuletts gleich dem Dieter geben. Dem machst du doch schon ewig schöne Augen.“
„Ach, du …!“
Doch Susanne war, in Erwartung des Zorns ihrer Freundin, längst losgesprintet. Der Wind zupfte an ihrem Haar, und sie spürte den feuchten Sand zwischen den Zehen. In ein paar Tagen würden die Ferien und damit ihre gemeinsame Zeit wieder einmal vorbei sein. Genauso wie in jedem Sommer, seit sie sich als kleine Mädchen zum ersten Mal am Ostseestrand begegnet waren. Doch etwas war anders. Margarete würde fortziehen in den Westen und Christiane und sie zurücklassen. Doch daran mochte Susanne jetzt nicht denken. Wenn dies ihre letzten unbeschwerten Sommertage sein sollten, dann wollte sie sie bis zur Neige auskosten.
Lachend landete sie mit den Knien in der Brandung, als Christiane sie erwischte. Ihre Mutter würde ihr später die Ohren langziehen, weil sie ihr gutes Kleid schmutzig gemacht hatte, aber das war im Moment ohne Bedeutung.
Denn wichtig war nur das Hier und Jetzt.
Sommer 2016.
Entschlossen ging Hanna, ihren knallgrünen Trolley im Schlepptau, auf das kleine Café zu, das sich in einem weiß getünchten, im Bäderstil errichteten Haus befand. Die hoch am wolkenlosen Himmel stehende Sonne blendete sie leicht, sodass sie immer wieder blinzeln musste. Von der Ostsee her wehte eine frische Brise, die einen salzigen Geschmack auf ihren Lippen hinterließ. Touristen kreuzten ihren Weg; einige von ihnen schlenderten gemächlich und Eis schleckend von Haus zu Haus, um sich die Auslagen der ansässigen Geschäfte anzusehen, andere eilten mit großen Badetaschen die Straße zum Strand entlang.
Einen Augenblick lang gestattete Hanna sich, all diese Leute zu beneiden. Sie waren nach Rügen gekommen, um die schönsten Wochen des Jahres hier zu verbringen. Sie selbst hingegen war nicht hier, um Urlaub zu machen.
Sondern um ihrer Großmutter ihren allergrößten Wunsch zu erfüllen.
Aufregung erfasste Hanna, als sie das Café betrat. Ihre Finger strichen über die glatte Oberfläche des Bernsteinanhängers, den sie in ihrer Hosentasche aufbewahrte. Es mochte reine Einbildung sein, aber sie hatte das Gefühl, dass er sich warm und irgendwie lebendig anfühlte. Ein Glöckchen über der Tür läutete, und sobald sie über die Schwelle trat, empfing sie der Duft frisch gebackenen Brotes. Hinter der Theke packte eine ältere Angestellte gerade Brötchen in einen Stoffbeutel und überreichte sie einer Kundin. Eine andere, weitaus jüngere Bedienung eilte flinken Schrittes mit einem Tablett, auf dem sich dampfende Kaffeetassen befanden, an Hanna vorbei in den hinteren Teil des Raumes, wo sich das eigentliche Café befand. Der aromatische Kaffeeduft stieg Hanna in die Nase. Automatisch blickte sie der Bedienung hinterher, die die Tassen gerade auf einem Tisch abstellte, an dem ein altes Ehepaar saß, das sich verliebt anblickte. Unwillkürlich musste Hanna an ihre Großmutter denken – und an deren erste große Liebe.
Joachim …
Wäre damals alles anders gekommen, könnten die beiden dort zusammen am Tisch sitzen und Kaffee trinken. Sich verliebt ansehen und auf ihr gemeinsames Leben zurückblicken.
Doch dann wären weder meine Mutter noch ich je zur Welt gekommen …
Hanna spürte, wie sich ihr Herz bei dem Gedanken schmerzhaft zusammenzog. Vielleicht hatte sie sich deshalb verpflichtet gefühlt, nach Rügen zu kommen und ihrer Großmutter zu helfen – natürlich ohne ihr zu sagen, was sie vorhatte. Ihre Großmutter dachte, dass sie sich zu einer Fortbildung in Rostock befand. Hanna wollte nicht, dass sie sich zu große Hoffnungen machte, für den Fall, dass …
„Was kann ich für Sie tun?“
Die weibliche Stimme riss Hanna aus ihren Gedanken. Hastig wirbelte sie herum und blickte in das freundliche, fragende Gesicht der Verkäuferin. Vor der Theke wartete kein anderer Kunde mehr auf Bedienung.
„Ich … ähm …“ Hanna räusperte sich. „Ich bräuchte Ihre Hilfe“, brachte sie schließlich hervor. „Ich suche nämlich einen Mann.“
Die ältere Frau lächelte. „Nun, ich weiß zwar nicht, wie ich Ihnen dabei behilflich sein kann, aber hier auf Rügen ist die Auswahl nicht gerade klein. Zumindest zu der Jahreszeit.“
„Oh.“ Hanna lief rot an. „Nein, so … so war das nicht gemeint“, stellte sie rasch klar. Ganz und gar nicht sogar!, fügte sie in Gedanken hinzu. Denn wenn sie eines nicht gebrauchen konnte, dann irgendeinen Kerl, der ihr Leben wieder durcheinanderbrachte. Nein, von Männern hatte sie die Nase gestrichen voll! „Ich meine nur, dass ich auf der Suche nach jemand Bestimmtem bin. Sein Name ist Joachim. Joachim Hansen.“
Die Verkäuferin zog nachdenklich die Brauen zusammen. „Joachim Hansen?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich fürchte, damit kann ich nichts anfangen.“
Enttäuscht senkte Hanna den Blick. Etwas in der Art hatte sie bereits befürchtet. „Um ehrlich zu sein weiß ich nicht einmal, ob er überhaupt noch lebt“, erklärte sie niedergeschlagen. „Er hat vor der Teilung Deutschlands hier gewohnt. Ich weiß nur, dass er Koch war und sich bei der freiwilligen Feuerwehr engagiert hat.“
„Könnte es sein, dass Sie den alten Jo meinen?“ Sie lachte. „Aber ja, Jo ist die Abkürzung für Joachim. Das könnte der Mann sein, den Sie suchen.“
„Sie kennen ihn also?“ Hanna fühlte sich plötzlich wie elektrisiert. Sollte sich die Reise nach Rügen also doch gelohnt haben?
„Sicher doch. Hier wird er seit jeher immer nur Jo genannt, seinen vollen Namen kennt man eigentlich gar nicht mehr, daher konnte ich ihn anfangs nicht zuordnen. Aber ja, ich denke ich weiß, wen Sie meinen. Allerdings …“
„Ja?“
„Ich fürchte, wenn Sie ihn sprechen wollen, werden Sie kein Glück haben. Er empfängt nämlich grundsätzlich keinen Besuch.“
Aus den Augenwinkeln nahm Hanna wahr, wie die andere Bedienung an der Theke zwei Stück Torte abschnitt und auf Tellern arrangierte, die sie anschließend auf ein Tablett stellte und damit wieder zu dem Tisch eilte, an dem das ältere Ehepaar saß.
„Jo lebt völlig zurückgezogen in einem alten Leuchtturm“, erklärte die ältere Dame nun. „Drüben beim Kap Arkona. Einmal in der Woche versorgt ihn der Besitzer eines Ladens mit den nötigsten Lebensmitteln, aber auch mit ihm wechselt er praktisch kein Wort.“
„Aber ich muss unbedingt mit ihm sprechen“, stieß Hanna verzweifelt hervor. „Es … es geht um meine Großmutter. Sie und Joachim … Jo … Also, sie standen sich vor langer Zeit einmal sehr nah, und … Sie wünscht sich, dass ich ihm etwas von ihr gebe. Etwas sehr Persönliches.“
Die Verkäuferin nickte langsam. „Hm, Sie können natürlich versuchen, ihn einfach aufzusuchen, aber ich kann Ihnen wirklich keine großen Hoffnungen machen. Seit er völlig mit seiner Familie zerstritten ist, nimmt er praktisch gar nicht mehr am Leben teil. Er hat sich komplett abgeschottet und eigeigelt. Er würde Sie nicht einmal anhören. Und nach allem, was man so hört, kann er sehr ärgerlich werden, wenn sich Fremde seinem Leuchtturm nähern. Gerüchten zufolge schreckt er nicht einmal davor zurück, zu seiner alten Schrotflinte zu greifen, um Störenfriede in die Flucht zu schlagen. Aber vielleicht gibt es einen anderen Weg, an ihn heranzukommen.“
„Und der wäre?“
„Sein Neffe Niels. Vielleicht könnten Sie über ihn Kontakt zu ihm aufbauen.“
Hanna kniff die Augen zusammen. „Sagten Sie nicht eben, Jo habe sich mit seiner Familie zerstritten?“
„Nicht ganz. Im Grunde ist es umgekehrt. Nach einem … Vorfall hat sich der Rest der Familie von Jo abgewendet.“
Hanna entging nicht, wie sich bei den Worten ein Schatten auf die Züge der Verkäuferin legte.
„Jedenfalls weiß man hier, dass Jo ziemlich daran zu knacken hat, weil der Kontakt zu seinem Neffen abgerissen ist“, fuhr die Frau fort und fügte hinzu: „Wenn es Ihnen also gelänge, in dieser Angelegenheit zu vermitteln …“
„Sie meinen, so könnte ich an Jo herankommen?“
„Das wäre sicherlich besser, als direkt mit der Tür ins Haus zu fallen.“
Gar keine schlechte Idee, dachte Hanna und schürzte die Lippen. „Und dieser Niels – wo finde ich den?“
„Oh, das ist ganz einfach! Er führt zusammen mit seiner Mutter ein kleines Restaurant ganz hier in der Nähe. Wenn Sie wollen, beschreibe ich Ihnen rasch den Weg.“
„Sehr gerne!“ Hanna atmete erleichtert auf. Sie hatte zwar keine Ahnung, ob ein Treffen mit diesem Niels sie tatsächlich weiterbringen konnte, aber einen Versuch war es allemal wert.
***
„Ich werde in meinem Restaurant ganz bestimmt keine tiefgefrorenen Lebensmittel aus dem Supermarkt verarbeiten!“, stellte Niels entgeistert klar und stellte die Einkäufe in der Küche ab. „So etwas kommt bei mir nicht auf den Tisch, niemals!“
„Aber es wäre doch viel günstiger, und wir bräuchten auch nicht mehr jeden Tag zum …“
„Nein, Mutter!“, erwiderte er scharf. „Nein, nein und nochmals nein!“ Seufzend schüttelte er den Kopf und bemühte sich, etwas ruhiger weiterzusprechen. Ihm war natürlich klar, dass seine Mutter es nur gut meinte, und er wollte sie nicht vor den Kopf stoßen. Aber nachdem sie auf dem Bauernmarkt gewesen waren, hatte es auf dem Rückweg nur dieses Thema gegeben, und inzwischen war er genervt. „Hör zu, ich weiß, du machst dir Sorgen. Und was die momentane Situation des Restaurants betrifft, mache ich mir nichts vor. Ich kenne den Ernst der Lage, das kannst du mir glauben. Es vergeht keine Nacht, in der ich nicht aufstehe und immer und immer wieder die Bücher durchgehe, weil ich sonst keinen Schlaf finden kann. Aber das, was du da vorschlägst, würde das endgültige Aus für uns bedeuten, dessen bin ich mir absolut sicher. Weder die Einheimischen noch die Touristen hätten für derartige Sparmaßnahmen Verständnis. Qualitativ hochwertige Lebensmittel aus der Region, das ist es, was von uns erwartet wurde und wird. Sparen müssen wir an anderen Ecken.“
„Und wo?“ Seine Mutter, die begonnen hatte, die Einkäufe in die verschiedenen Regale zu räumen, hielt inne und sah ihn fragend an. In ihrem Blick lag tiefe Besorgnis. „Sag mir, wo sollen wir noch sparen?“
„Woher soll ich das wissen?“, entgegnete er nun wieder deutlich schärfer. „Und warum überhaupt muss ich das wissen? Wenn Vater das Restaurant nicht in einem solchen Zustand hinterlassen hätte …“
Er brach ab, als er sah, wie seine Mutter zusammenzuckte. Tränen stiegen ihr in die Augen, und sie wandte sich hastig ab. Kopfschüttelnd trat er von hinten an sie heran und legte ihr eine Hand auf die Schulter. „Es tut mir leid, Mutter“, sagte er. „Das hab ich so nicht sagen wollen, aber …“ Er seufzte. „Es ist doch wahr. Dem Lokal ging es doch schon lange schlecht, und als Papa dann ins Gefängnis musste …“
Seine Mutter senkte den Blick. „Dein Vater hat sich immer bemüht …“
Niels winkte ab. Das hatte er schon unzählige Male gehört. So recht daran glauben konnte er allerdings nicht. Was aber nicht bedeutete, dass er seinem Vater die Schuld an allem gab. Nein, die Katastrophe wäre zu verhindern gewesen. Alles, was es gebraucht hätte, wäre …
Mit einem hastigen Kopfschütteln verdrängte er den Gedanken. Er musste jetzt einen kühlen Kopf bewahren und eine Lösung für seine Probleme finden. Das würde ihm nicht gelingen, wenn er sich immer wieder von der Vergangenheit einholen ließ.
„Lass es, Mutter. Das ist eine Unterhaltung, die wir schon unzählige Male geführt haben. Und letztlich läuft es doch immer wieder auf dasselbe hinaus. Denn im Grunde ist nur einer an dieser vertrackten Situation schuld.“
„Du sprichst von Joachim …“
Er verzog das Gesicht. Wie immer, wenn der Name seines Onkels fiel, spürte er, wie Wut in ihm hochkochte. Deshalb vermieden seine Mutter und er es in der Regel, über den älteren Bruder seines Vaters zu sprechen.
Den Mann, der seine Familie zerstört und seinen Vater in den Tod getrieben hatte.
Der ihn dazu gezwungen hatte, seinen großen Traum aufzugeben und seiner Mutter zur Hilfe zu eilen. Niels schüttelte den Kopf. Dabei war er so froh gewesen, Rügen hinter sich zu lassen. Doch er hatte seine Mutter nicht einfach im Stich lassen können.
Zuerst die Verurteilung seines Vaters zu einer Gefängnisstrafe, dann sein Selbstmord. Sie war nicht in der Lage gewesen, das Restaurant allein weiterzuführen. Und die Strand-Schenke war nun einmal ihre Existenz.
„Ich hole dann mal die restlichen Einkäufe aus dem Wagen“, sagte er und verließ die Küche. Als er kurz darauf nach draußen trat, blendete ihn der strahlende Sonnenschein, und er kniff die Augen zusammen. Das Wetter war herrlich, es war Ferienbeginn. Viele Touristen hielten sich auf Rügen auf, und es würden noch mehr werden. Eigentlich gute Voraussetzungen für ihn und das Restaurant. Die Frage war bloß, wie er es schaffen sollte, wieder mehr Leute anzulocken.
Aber darüber würde er sich später wieder Gedanken machen. Für den Augenblick hatte er genug gegrübelt. Und eines stand fest: Sollte ihn heute noch irgendjemand auf seinen Onkel ansprechen, würde derjenige Wünschen, den Mund gehalten zu haben.
***
Hanna lachte vergnügt, als sie die Füße von den Pedalen nahm und sich auf dem Fahrrad den Hügel hinunterrollen ließ. Der Fahrtwind spielte mit ihrem Haar, und sie musste ihren Sonnenhut festhalten, damit er ihr nicht vom Kopf flog.
Es war lange her, dass sie sich so locker und gelöst gefühlt hatte, fast wie ein junges Mädchen, das einfach nur das Leben und die Freiheit genoss. Eigentlich kam es einem Wunder gleich, dass sie noch so voller Energie war. Die vier Stunden auf der Zugfahrt von Hamburg nach Rügen war sie schrecklich nervös und angespannt gewesen. Und auch während der Busfahrt von Bergen nach Sellin hatte sie sich immerzu den Kopf darüber zerbrochen, was sie tun sollte, wenn sie nicht auf Anhieb jemanden fand, der Joachim kannte.
Zum Glück hatte sie sich da ganz umsonst Sorgen gemacht, denn schließlich war sie schon im ersten Café, das sie betreten hatte, nachdem sie aus dem Bus gestiegen war, fündig geworden. Und dort hatte sie es auch einfach nur versucht, weil Cafés ihrer Erfahrung nach wahre Informationsquellen waren – zumindest was die nähere Umgebung und deren Bewohner anging.
Die Sonne stand hoch am strahlendblauen Himmel, an dem sich lediglich ein paar harmlose weiße Wölkchen tummelten. Reetgras und Sand säumten den Weg, und zur Rechten fiel die Landschaft sanft zum Strand hin ab. Auf dem Meer waren einige Surfer unterwegs. Weiter entfernt konnte Hanna bis zum Horizont Boote verschiedener Größe ausmachen. Und als verschwommenen Umriss die Selliner Seebrücke. Das Bauwerk faszinierte sie auf den ersten Blick. Ein langer Steg führte vom Ufer aus bis zu einer Plattform, auf der das Gebäude errichtet war. Zwei Glockentürme flankierten den Eingang, und zu beiden Seiten erstreckte sich ein Seitenflügel. Hinter dem Gebäude ragte der Steg noch weiter bis in die Ostsee hinein.
Als sie das Ende des Hügels erreichte, musste sie wieder in die Pedalen treten, doch das machte ihr nichts aus. Da sie keinen Führerschein besaß und gern unabhängig von Fahrplänen öffentlicher Verkehrsmittel blieb, war sie ans Fahrradfahren gewöhnt.
Zum Glück verlieh die Wirtin der Pension an der Stadtgrenze von Sellin und Baabe, in der sie nach ihrem Gespräch mit der Angestellten des Cafés ihr Zimmer bezogen hatte, Fahrräder gegen eine kleine Gebühr. Zu Fuß wäre es weitaus beschwerlicher gewesen, zu dem Restaurant am nordwestlichen Rande von Sellin zu kommen, das von Joachims Neffen und dessen Mutter betrieben wurde. Von den Kilometern her mochte die Strecke nicht allzu weit sein, doch nachdem Hanna am Vormittag vom Café aus mit ihrem Trolley zu ihrer Pension gelaufen war, wusste sie, dass es sich ohne Fortbewegungsmittel deutlich weiter anfühlte.
Weit konnte es jetzt aber nicht mehr sein, denn sie war schon eine ganze Weile unterwegs. Martha, ihre Hauswirtin, hatte ihr die Strecke noch einmal genau beschrieben und gesagt, dass sie einfach nur dem Radweg folgen müsse, da dieser unmittelbar am Restaurant vorbeiführte.
Der Weg beschrieb eine Kurve, hinter der ein himmelblaues, zweistöckiges Gebäude im Bäderstil auftauchte. Hanna hielt den Atem an. Das musste es sein. Beiden Stockwerken war eine Veranda vorgelagert, und zu den Seiten ragte jeweils ein Türmchen, mit schwarzem Schieferschindeln gedeckt, in den makellosen Sommerhimmel. Über der Eingangstür hing ein Schild mit der Aufschrift Strand-Schenke.
Hannas Herz fing an, schneller zu pochen. Ja, hier war sie richtig.
Rechts und links der Tür standen Kübel mit bunten Blumen, und auch an den Geländern der Verandas hingen prachtvolle Blühkästen. Das Restaurant wirkte sehr einladend. Umso mehr verwunderte es Hanna, dass draußen auf der unteren Veranda keine Gäste saßen. Und das bei dem Wetter … Ob das Lokal geschlossen war?
Sie stieg vom Rad und stellte es neben der Treppe ab. Erst jetzt bemerkte sie, dass sie kein Schloss dabei hatte. Unschlüssig blickte sie sich um. Es sah nicht gerade so aus, als ob sich in der Gegend Fahrraddiebe tummelten. Andererseits …
Sie öffnete ihre Handtasche und wühlte darin herum. Vielleicht fand sie ja etwas, mit dem sich improvisieren ließ.
Schließlich benutzte sie einen alten Kugelschreiber, um ihn in die Kette zu stecken. Sie nickte zufrieden mit sich. Wenn irgendjemand versuchte, mit dem Fahrrad wegzufahren, würde er sein blaues Wunder erleben.
Hanna schulterte ihre Tasche und stieg die Veranda hinauf. Auch aus der Nähe betrachtet wirkte das Restaurant noch immer verwaist, daher war sie fast ein bisschen überrascht, als sich die Tür einfach aufdrücken ließ. Ein Glöckchen läutete leise.
„Hallo?“ Suchend ließ sie ihren Blick durch das Lokal schweifen. Dabei nahm sie die Einrichtung in sich auf. Die bestand aus ziemlich dunklen und schweren Eichenmöbeln, Lampen mit beigen Keramikschirmen und künstlichem Efeu, der um Deckenbalken gewunden war.
