Eine Romanze im Elbtal - Lilli Wiemers - E-Book
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Lilli Wiemers

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Beschreibung

Das Versprechen eines Sommers. Rügen, 1956: Drei Mädchen, drei Teile eines Bernsteinamuletts, die sie jeweils dem Mann ihres Lebens geben wollen. Doch das Schicksal entscheidet anders.
Sechzig Jahre später machen sich drei junge Frauen auf den Weg, um die Bernsteine ihrer Bestimmung zuzuführen ...


Celina möchte ihrer Oma einen besonderen Wunsch erfüllen – das Bernsteinherz von dem falschen Mann zurückholen und es dem richtigen übergeben. Dazu reist sie nach Meißen und trifft dort in den Innenstadt auf dem charmanten Marc. Während die beiden sich rasch näherkommen, läuft in Hinblick auf den Gefallen, den sie ihrer Großmutter tun will, alles nach Plan – bis Celina das Unfassbare erfährt ...

Teil 2 der Bernsteinträume-Trilogie. Urlaubsroman von Lilli Wiemers. Erstmals erschienen im Cora Verlag, Hamburg.

Teil 1: Eine Sommerliebe auf Rügen
Teil 2: Eine Romanze im Elbtal
Teil 3: Liebeszauber in Friesland

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Veröffentlichungsjahr: 2022

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Lilli Wiemers

Eine Romanze im Elbtal

Bernsteinträume 2

 

 

 

Inhalt

 

Inhalt

Kurzbeschreibung

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

So geht’s weiter …

Impressum

 

 

 

Kurzbeschreibung

 

Das Versprechen eines Sommers. Rügen, 1956: Drei Mädchen, drei Teile eines Bernsteinamuletts, die sie jeweils dem Mann ihres Lebens geben wollen. Doch das Schicksal entscheidet anders.

Sechzig Jahre später machen sich drei junge Frauen auf den Weg, um die Bernsteine ihrer Bestimmung zuzuführen …

 

Celina möchte ihrer Oma einen besonderen Wunsch erfüllen – das Bernsteinherz von dem falschen Mann zurückholen und es dem richtigen übergeben. Dazu reist sie nach Meißen und trifft dort in den Innenstadt auf dem charmanten Marc. Während die beiden sich rasch näherkommen, läuft in Hinblick auf den Gefallen, den sie ihrer Großmutter tun will, alles nach Plan – bis Celina das Unfassbare erfährt …

 

Teil 2 der Bernstein-Trilogie. Urlaubsroman von Lilli Wiemers. Erstmals erschienen im Cora Verlag, Hamburg.

 

 

 

1.

 

„Celina Tannert? Ach, du meine Güte, dass du mich tatsächlich mal besuchen kommst, damit habe ich ja überhaupt nicht gerechnet. Wie lange ist es her? Ein Jahr? Zwei?“

„Fast drei Jahre“, entgegnete Celina schuldbewusst. So lange hatte sie ihre Freundin Sandra aus der Ausbildung nicht mehr gesehen. Drei Jahre, in denen eine Menge passiert war – und nicht viel davon war positiv. Seufzend presste sie ihr Handy zwischen Schulter und Ohr. „Ich weiß, ich weiß, ich habe schon lange versprochen, mal vorbeizukommen. Aber dieses Mal hat es sich einfach so ergeben.“

In der nun freien Hand hielt sie ein altes, bereits ziemlich vergilbtes Foto, das drei junge Mädchen zeigte, die in die Kamera strahlten. Jedes von ihnen trug eine Kette um den Hals. Und an jeder dieser Ketten hing ein wunderschöner Anhänger.

Ein Anhänger aus Bernstein.

Die Schwarzweiß-Fotografie wurde der Schönheit des Schmuckstücks nicht gerecht – zumindest hatte Christiane, ihre Großmutter, das behauptet, als vor etwas mehr als zwei Wochen völlig überraschender Besuch in Form eines jungen Pärchens vor der Tür gestanden hatte. Hanna und Niels waren extra aus Rügen nach Leipzig angereist, um mit Christiane zu sprechen.

„Was genau hat sich denn ergeben?“, fragte Sandra. Man konnte das Grinsen förmlich in ihrer Stimme hören. „Lass mich raten: Es geht um einen Mann.“

Nein, dachte Celina, das nun wirklich nicht. Oder? Nun … eigentlich doch. „Ich bin hier in Meißen, weil mein leiblicher Großvater zuletzt hier gewohnt haben soll. Viel mehr weiß ich über ihn nicht. Ich habe lediglich ein Foto und einen Namen.“

„Und damit willst du ihn suchen?“ Sandra machte eine kurze Pause. „Warum ausgerechnet jetzt?“

Nun, das war gar nicht so leicht zu erklären. Celina erinnerte sich noch gut an das Gespräch, bei dem sie Zeugin gewesen war.

 

***

 

„Und Sie sind wirklich Susannes Enkelin?“ Celinas Großmutter wirkte völlig überrascht, aber auch erfreut. „Wie, um alles in der Welt, haben Sie mich ausfindig gemacht?“

„Oh, das war gar nicht so schwer“, antwortete Hanna, eine junge Frau in Celinas Alter, die neben ihrem Begleiter Niels auf dem Sofa im Wohnzimmer der Tannerts saß. „Von Niels‘ Großvater haben wir den Tipp bekommen, dass Sie mit seinem ehemals besten Freund Laurenz in die Sächsische Schweiz gezogen sind. Tja, und durch ein paar Recherchen bei verschiedenen Ämtern fanden wir heraus, dass Sie offenbar nicht mehr mit ihm zusammen sind, sondern einen anderen Mann geheiratet und dessen Namen angenommen haben. Übers Einwohnermeldeamt brachten wir in Erfahrung, dass Sie inzwischen in Leipzig wohnen. Der Rest war im Grunde ein Kinderspiel.“

Celina, die die ganze Zeit schweigend zugehört hatte, schüttelte den Kopf. „Ich verstehe immer noch nicht ganz, was Sie jetzt eigentlich genau hier wollen. Es geht um irgendein Schmuckstück?“

„Nicht um irgendein Schmuckstück“, korrigierte Niels Hansen, der einen Arm um seine Freundin gelegt hatte. „Nicht wahr, Frau Tannert?“

Christiane nickte. „Allerdings“, erklärte sie. „Den Bernstein, der zur Herstellung dieser drei Amulette benutzt wurde, haben wir damals am Strand gefunden.“

„Wir?“, hakte Celina nach.

„Susanne, Margarete und ich. Seit Jahren verbrachten wir jeden Sommer auf Rügen und waren zu besten Freundinnen geworden. In diesem Jahr, das war 1956, ließen wir den Bernstein von einem Juwelier in drei gleichgroße Stücke schneiden und in Herzform schleifen.“ Ihre Augen nahmen einen verträumten Ausdruck an. „Wir schworen uns, dass jede von uns das Amulett so lange tragen würde, bis sie es an den Mann weitergibt, mit dem sie den Rest ihres Lebens verbringen will.“

„Dann hast du es also, Opa?“, fragte Celina an Christianes Mann gerichtet, der ebenfalls anwesend war und bisher kein Wort gesagt hatte.

„Nein, Liebes“, erwiderte dieser. „Deine Oma hatte den Anhänger schon längst nicht mehr, als wir uns kennenlernten.“

„Und warum nicht?“ Fragend schaute Celina zwischen ihren Großeltern hin und her. Die ganze Geschichte war so verwirrend, sie wusste nicht recht, was sie davon halten sollte. Warum hatte ihre Oma ihr nie von diesem Bernsteinamulett erzählt?

Celina musste sich eingestehen, dass sie die ganze Idee schon ziemlich romantisch fand. Das Amulett an seine einzig wahre große Liebe weiterzugeben – an den Menschen, dessen Herz mit dem eigenen in Einklang schlug, der mühelos tief in einen hineinblicken konnte, ein Seelengefährte war …

Christiane räusperte sich. „Ich habe ihn damals ein wenig voreilig Laurenz, dem Vater deiner Mutter gegeben, also deinem leiblichen Großvater. Ich war mir so sicher, dass er die Liebe meines Lebens war. Aber das stellte sich ja leider recht schnell als Trugschluss heraus. Er hat sich einfach aus dem Staub gemacht und mich schwanger sitzen lassen. Nach der großen Liebe klingt das nicht unbedingt, oder?“ Sie seufzte. „Ich kann gar nicht in Worte fassen, wie oft ich seitdem bereut habe, nicht noch gewartet zu haben.“ Sie warf Manfred, ihrem Mann, einen halb sehnsuchtsvollen, halb entschuldigenden Blick zu. „Es gibt in meinem Leben nur einen einzigen Mann, dem das Amulett wirklich zusteht.“

„Genau so hat meine Großmutter es auch empfunden“, erklärte Hanna. „Sie hat ihren Mann, meinen Großvater, zwar sehr geliebt. Aber tief in ihrem Herzen wusste sie wohl immer, dass das Amulett einem anderen zustand. Ihrem Joachim.“ Die junge Frau lächelte. „Tja, und deshalb habe ich mich kurzentschlossen auf den Weg gemacht, um eben diesen Mann ausfindig zu machen. Meine Oma hatte sich kurz zuvor bei einem dummen Haushaltsunfall verletzt und lag im Krankenhaus. Und ich konnte immer nur daran denken, dass es eines Tages vielleicht zu spät sein würde.“

„Und? Waren Sie erfolgreich?“, fragte Celinas Großvater.

„Allerdings.“ Sie warf ihrem Begleiter einen verliebten Blick zu. „Mehr als das. Nicht nur sind meine Oma und ihre große Liebe nun wieder vereint – auch ich habe den Mann gefunden, mit dem ich den Rest meines Lebens verbringen will.“ Sie ergriff Niels‘ Hand und drückte sie. „Und nachdem meine Großmutter nun ihr Glück gefunden hat, wollte ich unbedingt wissen, was aus den anderen Mädchen von damals geworden ist. Tja, und unsere erste Spur führte uns zu Ihnen.“

„Das freut mich. Es ist schön, mal wieder etwas von Susanne zu hören. Es ist ewig her, dass wir uns zum letzten Mal gesehen haben. Wir haben uns damals wegen eines dummen kleinen Streits aus den Augen verloren. Sie wissen ja, wie so etwas läuft. Zuerst ist man zu wütend, um einen Schritt aufeinander zuzugehen, und dann schämt man sich zu sehr. Allerdings muss ich sagen, dass die Erinnerung an das Bernsteinamulett schon ein wenig schmerzt.“

„Warum hast du dir das Amulett dann nicht einfach zurückgeholt?“, wollte Celina wissen.

Ihre Oma lächelte bedrückt. „Anfangs war ich einfach noch zu wütend und verletzt, um mich auf die Suche nach Laurenz zu machen“, entgegnete sie schließlich. „Und dann gab es irgendwie immer andere Dinge, die wichtiger waren. Tja, und irgendwann blieb mir gar keine andere Wahl mehr, als mit der Sache abzuschließen …“

Doch der traurige Ausdruck im Gesicht ihrer Großmutter machte Celina klar, dass die Sache sie bis heute sehr belastete. In diesem Moment fasste sie einen Entschluss.

Einen Entschluss, der sie zwei Wochen später ins wunderschöne Meißen führte …

 

***

 

Tja, und hier war sie nun. In Meißen. Saß in ihrem Wagen vor der Pension, in der sie untergekommen war, und telefonierte mit ihrer alten Freundin.

„Mein leiblicher Großvater hat etwas, das meine Großmutter gern zurückbekommen würde“, erklärte sie knapp. „Und außerdem brauchte ich nach der Sache mit Fe…“ Ihr versagte die Stimme. Wusste Sandra überhaupt, was mit Felix passiert war?

Sie spürte, wie sich ihre Kehle zusammenschnürte. Sie konnte es ihrer Freundin nicht sagen. Nein, auf gar keinen Fall. Sandra würde sich von ihr abwenden! Wobei – sie konnte sie kaum mehr hassen, als sie sich selbst hasste.

„Ist ja auch egal“, wich sie hastig aus. „Jedenfalls bin ich jetzt hier, und da dachte ich, wir könnten uns vielleicht mal treffen.“

„Ja, sicher“, erwiderte ihre Freundin enthusiastisch. „Allerdings muss ich im Moment jede Menge Überstunden machen, weil wir hier im Hotel aktuell eine Firmenversammlung ausrichten. Aber gegen Ende des Monats sollte der größte Stress vorbei sein. Wirst du dann noch hier sein?“

„Hängt davon ab.“ Celina zuckte mit den Schultern. Sie hatte ihrer Großmutter angemerkt, dass der Besuch von Hanna und Niels sie aufgewühlt hatte. Und dass sie am liebsten selbst nach Laurenz gesucht hätte, um den Bernsteinanhänger zurückzuholen. Aber Christiane war eine alte Frau und wollte und konnte sich derartigen Strapazen nicht mehr aussetzen. Entsprechend hatte sie das Ganze heruntergespielt.

„Es ist ja nur ein Gegenstand“, waren ihre Worte gewesen, nachdem Hanna und Niels fort gewesen waren.

Doch Celina wusste, dass der Anhänger für sie mehr war als nur ein Gegenstand. Viel mehr. Und ihr war klar geworden, dass sie ihrer Großmutter das Amulett zurückholen musste.

Seltsamerweise war ihr noch mehr klargeworden. Nämlich, dass sie es nicht nur für ihre Großmutter tun wollte. Sondern auch für jemand anderen.

Für sich selbst.

Sie wollte nach ihrem leiblichen Großvater suchen, um ihn endlich kennenzulernen. Sie hatte schon immer mehr über ihn wissen wollen. Ihre Mutter war gestorben, da war Celina noch ganz klein gewesen, und ihren Vater hatte sie nie kennengelernt – ebenso wie ihr Großvater hatte dieser bereits vor der Geburt seiner Tochter das Weite gesucht.

Celina mochte Manfred, den jetzigen Mann ihrer Großmutter, den sie liebevoll „Opa Manni“ nannte. Sehr sogar. Auch wenn sie nicht blutsverwandt miteinander waren, standen sie sich so nahe, wie es nur irgend möglich war. Und dennoch … Sie wollte ihre Wurzeln kennenlernen. Wollte wissen, wo sie herkam.

„Vermutlich aber schon“, antwortete sie nun. „Es wäre schon eine ziemliche Überraschung, wenn ich meinen leiblichen Großvater auf die Schnelle ausfindig machen könnte.“ Bisher hatte sie in dieser Hinsicht nicht viel erreicht. Besser gesagt gar nichts. Allerdings war sie auch erst vor ein paar Stunden in Meißen angekommen. Nachdem sie ihr Pensionszimmer bezogen hatte, war sie sofort ins Bürgerbüro geeilt, doch wirklich weiterhelfen hatte man ihr dort auch nicht können. Das bedeutete jedoch nicht, dass sie aufgeben würde. Natürlich nicht. Bei all dem Pech, das sie in letzter Zeit gehabt hatte, musste sie doch auch einfach einmal Glück haben …

In den vergangenen Monaten war ihr Leben mehr als einmal auf den Kopf gestellt worden. Angefangen hatte alles mit einem tragischen Schicksalsschlag – dem Tod ihres besten Freundes Felix vor einem halben Jahr.

Damals war sie in ein tiefes schwarzes Loch gefallen, aus dem sie sich aus eigener Kraft nicht hatte befreien können. In ihrer WG in Rostock hatte sie es schließlich nicht länger ausgehalten. Sie war zu ihren Großeltern nach Leipzig geflüchtet, wo sie sich in ihr altes Jugendzimmer eingeigelt hatte. Ihr schlechtes Gewissen hatte sie förmlich aufgefressen. Weil sie nicht für Felix dagewesen war, als er sie brauchte. Weil sie ihn im Stich gelassen hatte.

„Am besten, ich checke hier mal in Ruhe die Lage und rufe dich dann wieder an, einverstanden?“

„Geht klar“, antwortete Sandra. „Also, bis dann.“

Celina legte ihr Handy beiseite; dann lehnte sie sich auf dem Fahrersitz ihres treuen alten VW Käfer zurück, betrachtete das Foto der drei Mädchen noch einmal und steckte es anschließend zurück in ihre Tasche. Als sie kurz darauf den Zündschlüssel ins Schloss steckte und herumdrehte, tat sich … gar nichts.

Celina schluckte und versuchte es noch einmal. Wieder nur Stille.

Der Wagen gab noch nicht mal das übliche heisere Wiehern von sich, das sie dank einer schwachen Batterie im letzten Winter häufiger hatte hören müssen. Doch die konnte in diesem Fall unmöglich der Übeltäter sein. Immerhin war Celina letzten Monat extra in die Werkstatt gefahren und hatte ganze zwei Tage auf ihren geliebten Wagen verzichtet, um ihn rundum auf Vordermann bringen zu lassen. Und laut Reparaturbericht war dabei auch die Batterie erneuert worden. Und doch …

Erneut griff sie zum Zündschlüssel und drehte ihn herum – doch nichts.

Der Motor blieb stumm.

Sie ließ den Kopf aufs Lenkrad fallen.

Einmal.

Das …

Zweimal.

Darf …

Dreimal.

Nicht …

Viermal.

Wahr…

Fünfmal.

S…

Sie schrak zusammen, als plötzlich jemand aufs Autodach klopfte. Unwillkürlich schoss ihr das Blut ins Gesicht. Wie unbeschreiblich peinlich!

Celina schloss die Augen und atmete kurz durch, ehe sie sie wieder öffnete. Dann blickte sie nach links – und sah sich durchs geöffnete Seitenfenster der Person gegenüber, vor der sie sich gerade vollkommen lächerlich gemacht hatte.

Zu allem Überfluss handelte es sich natürlich ausgerechnet um einen gutaussehenden Mann. Nein, mehr noch: nämlich um den attraktivsten Mann, dem sie wohl je in ihrem Leben begegnet war.

Ihr wurde schlagartig ganz heiß, und das lag nicht an den sommerlichen Temperaturen. Wie er so dastand, vorgebeugt und die Arme auf den Rahmen des Seitenfensters gestützt, das dunkle Haar vom Wind leicht zerzaust und ein strahlendes Lächeln auf den Lippen, musste sie unwillkürlich an den Mann aus der Coca-Cola-Light-Werbung denken.

Ihr Herz hämmerte. Sie schluckte. Konnte das wirklich möglich sein? Konnte sie wirklich so viel Pech haben? Warum stand da so ein Typ? Und nicht irgendjemand, bei dem sie sich nicht sofort gleich ganz klein und unbedeutend fühlte?

„… mich nicht lange genug angestarrt?“

Seine Stimme riss Celina aus ihren Gedanken. Hastig räusperte sie sich. „Was?“, fragte sie, wobei ihre Stimme nicht vielmehr als ein heiseres Krächzen war. Sie räusperte sich noch einmal. „Ähm, was haben Sie gesagt?“

„Ich fragte, ob Sie nicht finden, mich lange genug angestarrt zu haben.“

Sie spürte, wie sie noch mehr errötete. „Ich … Entschuldigung, ich wollte nicht …“

Er hob die rechte Hand und winkte ab. „Vergessen Sie es. Eigentlich wollte ich mich nur erkundigen, ob alles in Ordnung ist oder Sie vielleicht Hilfe brauchen.“

Automatisch betastete sie ihre Stirn, schüttelte aber den Kopf. „Nein, danke, es ist alles in Ordnung. So fest war es ja nicht.“

Er schien nicht sofort zu verstehen, was sie meinte, dann jedoch klärte sich sein Blick, und er lächelte. „Ich meine auch nicht Ihre Stirn, sondern vielmehr Ihren Wagen. Er springt nicht an, was?“

„Der Wagen, ach so!“ Celina hätte am liebsten laut aufgeschrien. Konnte man sich in Gegenwart eines solchen Mannes noch dämlicher anstellen? Sie hob die Schultern. „Er gibt überhaupt keinen Mucks mehr von sich.“ Fragend schaute sie den Unbekannten an. „Kennen Sie sich mit so was aus?“

Er lachte leise. „Ich bin jetzt kein Automechaniker, aber ein bisschen was verstehe ich schon davon. Soll ich mir Ihren Wagen mal ansehen?“

Sie zuckte mit den Schultern und sagte ohne große Begeisterung: „Schaden kann’s ja wohl nicht.“

Nachdem sie den Hebel für die Verriegelung der Heckklappe betätigt hatte, trat der Fremde hinter den Wagen. Im nächsten Moment beugte er sich über den Motorraum und verschwand aus ihrem Blickfeld.

„Und?“, rief sie ihm zu, während sie sich halb aus dem Seitenfenster lehnte. „Schon irgendwas entdeckt?“

Sie hörte ihn leise lachen. Das Geräusch drang nur gedämpft bis zu ihr vor. „So gut kenne ich mich nun wirklich nicht damit aus“, antwortete er. „Versuchen Sie’s noch mal?“

Celina drehte den Schlüssel im Schloss.

Nichts.

Er richtete sich auf und schaute sie fragend an. Ein Lächeln huschte über ihre Lippen, als sie sah, dass sich ein breiter Streifen Öl quer über seine Stirn zog. Nun wischte er mit dem Handrücken darüber und verteilte ihn noch weiter. Grinsend schüttelte sie den Kopf.

Ihre plötzliche Heiterkeit schien ihn zu irritieren, denn er runzelte die Stirn. Schließlich verschwand er aber wieder hinter der Motorhaube. Nach ein paar weiteren Minuten bat er sie darum, es erneut zu probieren.

Dieses Mal röchelte der Anlasser, der Wagen sprang aber immer noch nicht an. Celinas Hoffnung schwand bereits, doch der Fremde lachte nur. „Na, wer sagt’s denn. Ich glaube, ich habe den Übeltäter gefunden.“

Und tatsächlich – das nächste Mal, als Celina die Zündung betätigte, sprang der Wagen ohne jedes Problem an. So, als wäre nie etwas gewesen.

Entzückt stieß Celina die Fahrertür auf, stieg aus und eilte um den Wagen herum. „Sie haben es tatsächlich geschafft“, rief sie und fiel ihrem Retter, einem spontanen Impuls nachgebend, um den Hals. Als ihr klar wurde, was sie da tat, ließ sie ihn hastig los und trat ein paar Schritte zurück. „Verzeihung, Herr …“ Sie senkte verlegen den Blick. „Ich weiß nicht einmal Ihren Namen.“

„Marc“, sagte er und streckte ihr die Hand entgegen. „Ich bin Marc. Und es war mir eine Freude, einer so bezaubernden Frau zu helfen. Davon abgesehen war es wirklich nur eine Kleinigkeit. Der Magnetschalter bei älteren Käfern spinnt manchmal. Einmal fest dagegen hauen, kann da Wunder bewirken.“

„Celina“, entgegnete sie. „Also kennen Sie sich doch recht gut mit Autos aus?“

„Nicht unbedingt. Aber mit Käfern schon ein bisschen, und diese Macke habe ich gut in Erinnerung.“

„So oder so.“ Sie lächelte. „Angemessen bedanken möchte ich mich aber auf jeden Fall. Gibt es hier in der Nähe vielleicht ein nettes Café?“

„Sie sind nicht von hier, oder?“

„Wie Ihnen vermutlich schon ein kurzer Blick auf mein Nummernschild verraten haben dürfte.“

Er lachte. „Stimmt. Leipziger Kennzeichen sieht man hier in der Gegend ebenso selten wie alte VW Käfer. Was treibt Sie nach Meißen? Sind Sie beruflich hier oder privat?“

„Oh, ich habe familiär hier zu tun, nutze die Gelegenheit aber auch, um eine alte Freundin wiederzusehen, die sich hier niedergelassen hat.“

„So sollte man es immer machen – das Schöne mit dem Notwendigen verbinden“, entgegnete Marc. „Und was Ihre Frage betrifft – ja, es gibt ein sehr hübsches Café hier gleich um die Ecke in der Altstadt. Ich lade Sie ein.“

„Oh nein, kommt gar nicht infrage! Ich lade Sie ein. Immerhin haben Sie mir geholfen, meine Mareike wieder flott zu machen.“ Kurz wunderte sie sich, warum er sie so verblüfft und irritiert anschaute. Dann wurde ihr klar, was sie da gerade gesagt hatte. Sie schlug die Hand vor den Mund. „Oh je, wie peinlich! Habe ich das gerade etwa wirklich laut ausgesprochen?“

„Mareike? Sie nennen Ihren Wagen Mareike? Hat das irgendeine Bedeutung?“

Sie seufzte. „Das erzähle ich Ihnen dann am besten bei einer Tasse Kaffee, was meinen Sie?“

 

***

 

Marc hatte nicht zu viel versprochen, das Café lag tatsächlich geradewegs um die Ecke, direkt am Marktplatz mit dem Rathaus, der Frauenkirche und den hübschen Häusern im Renaissance- und Barockstil. Da die Augustsonne vom Himmel strahlte und es herrlich mild war, setzten sie sich nach draußen auf die Terrasse. Ein hübscher, weiß-gelb gestreifter Schirm spendete Schatten, sodass es auch nicht zu heiß werden konnte.

Sie befanden sich in einer belebten Fußgängerzone, wo Kinder spielten und die Leute auch mal Zeit hatten, fünf Minuten stehenzubleiben und sich miteinander zu unterhalten. Celina lehnte sich auf ihrem – ebenfalls mit weiß-gelben Kissen dekorierten – Stuhl zurück, genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf der Haut und fühlte sich zum ersten Mal seit ihrer Ankunft in Meißen richtig entspannt.

Und das ausgerechnet in Gegenwart eines wildfremden Mannes.

Nun, ganz wildfremd war er nun ja nicht mehr, immerhin kannte sie bereits seinen Namen. Und sie hatte ihm zu verdanken, dass sie nicht stundenlang an der Straße stehen und auf den Pannendienst warten musste. Diese weniger schöne Erfahrung hatte sie nämlich schon des Öfteren machen müssen.

Sie wurde aus ihren Überlegungen gerissen, als die Bedienung zu ihnen an den Tisch trat.

„Was darf ich Ihnen bringen?“

„Für mich bitte nur ein stilles Wasser“, sagte Celina. Sie war im Moment chronisch knapp bei Kasse. Kein Wunder, schließlich stand sie im Augenblick ohne Job da.

Marc schaute sie fragend an, dann bestellte er sich eine Tasse Kaffee.

Celina hob eine Braue. „Haben Sie das jetzt wegen mir gemacht?“

„Gemacht?“, stellte er sich unschuldig. „Was soll ich denn gemacht haben?“

„Sie haben sich lediglich eine Tasse Kaffee bestellt.“

Er zuckte mit den Schultern. „Das war doch der Deal, oder? Sie laden mich auf eine Tasse Kaffee ein.“

Leise lachend schüttelte Celina den Kopf. „Ein Stückchen Kuchen hätte es schon noch sein dürfen.“

„Mit Sahne?“

„Ja“, entgegnete sie schmunzelnd. „Auch mit Sahne.“

Marc winkte die Bedienung zurück zu ihnen an den Tisch. „Entschuldigen Sie, aber wir hätten gern noch zwei Stücke Meißener Quarktorte dazu. Mit Sahne, bitte.“

Die Kellnerin notierte die Bestellung lächelnd und verschwand.

„Zwei Stücke?“, bemerkte Celina.

Er nickte. „Ja, zwei Stücke. Und die gehen auf meine Rechnung.“

„Aber …“

„Kein Aber.

---ENDE DER LESEPROBE---