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Martin Luther gilt als Schöpfer des modernen Berufsbegriffs. Nicht mehr nur die Geistlichen, sondern jeder Mensch hat seinen Beruf. Die Berufung ist weltlich geworden. Im reformatorischen Berufsverständnis fallen Berufung und Beruf zusammen. Doch wie aktuell ist das reformatorische Berufsverständnis? Wie passt es zusammen mit den Veränderungen in der Arbeitswelt, den Spaltungen im Arbeitsmarkt, den wachsenden Bedeutung des ehrenamtlichen Engagements? Die hier versammelten Beiträge beleuchten das Thema Berufung und Beruf aus der Perspektive der lutherischen, reformierten und katholischen Theologie, der Berufs- und Sozialethik, der Berufsbildung und der Arbeit mit Ehrenamtlichen und Erwerbslosen. In zahlreichen Portraits werden "Berufene" nach ihrem persönlichen Verständnis von "Beruf" und "Berufung" gefragt. Mit Beiträgen von Antje Bednarek-Gilland, Achim Detmers, Martin Eberle, Clinton Enoch, Anika Füser, Traugott Jähnichen, Thomas Kurtz, Hans Otte, Steffi Robak, Gunther Schendel, Jürgen Schönwitz, Kathrin Speckenheuer, Gerhard Wegner. [Profession and Vocation. How Modern is the Reformatory Concept of Profession] Martin Luther is seen as the inventor of the modern concept of vocation. No longer only the clergy, but everybody has a vocation. Vocation has become secular. In a Protestant view vocation and occupation coincide. But how up to date is the concept of vocation? How relevant is it, if you are considering the changing world of work, the divisions in labour market, the increasing contributions of volunteers? The essays in this volume examine the concept of vocation from different point of views – the confessional perspective of Lutheran, reformed and catholic theology as well as the perspective of ethics and vocational education. A special emphasis is put on the volunteer engagement and the perspective of long term unemployed. This book is completed by a gallery of portraits, in which "called" people are presented – contemporaries who present their own perspective on vocation.
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Seitenzahl: 338
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Im Auftrag des Sozialwissenschaftlichen Instituts der EKD hrsg. von Anika Füser, Gunther Schendel und Jürgen Schönwitz
Anika Füser | Gunther Schendel Jürgen Schönwitz (Hrsg.)
Beruf und Berufung
Wie aktuell ist das reformatorische Berufsverständnis?
Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
© 2017 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH · Leipzig
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Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig, mit Unterstützung von creo-media.de
Coverbild: © Robert Uneschke – Fotolia.com
Satz: Formenorm, Friederike Arndt, Leipzig
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2017
ISBN 978-3-374-04889-2
www.eva-leipzig.de
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Gerhard Wegner
1. Berufung hat Konjunktur
Einleitung
Anika Füser, Gunther Schendel, Jürgen Schönwitz
2. Historische Impulse – Folgewirkungen bis in die Gegenwart
Die Erfindung des Berufs? Beruf und Berufung bei Martin Luther
Hans Otte
Von Luthers Berufskonzeption zur innerweltlichen Askese? Calvins Weiterentwicklung des Berufsverständnisses und die umstrittene These Max Webers
Martin Eberle
Vom »Beruf« zum »Job«? Etappen der Verdrängung des Berufsgedankens in der Neuzeit
Traugott Jähnichen
Der Bedeutungswandel des Berufs Eine soziologische Reflexion
Thomas Kurtz
3. Berufung heute
Die gemeinsame Berufung aller Getauften – Pastorale Konsequenzen und Chancen Ein Beitrag aus katholischer Perspektive
Kathrin Speckenheuer
»God at Work« Oder wie die »Workplace Spirituality« von Berufung spricht
Gunther Schendel
Freiwilliges Engagement Berufung außerhalb von Erwerbsarbeit?
Anika Füser
Sinn und Sinnlosigkeit im Leben von Langzeitarbeitslosen Empirische Ergebnisse und kritische Anregungen
Antje Bednarek-Gilland
Berufung und Profession(alität) in der Erwachsenen- und Weiterbildung Bildungsmanagement und Programmplanungshandeln im Fokus
Clinton Enoch/Steffi Robak
Berufsethische Bildung Eine reformatorische Spurensuche
Jürgen Schönwitz
4. Zur Aktualität des reformatorischen Berufsverständnisses
Resümee
Anika Füser, Gunther Schendel, Jürgen Schönwitz
Verzeichnis der Autorinnen und Autoren
Weitere Bücher
Fußnoten
Gerhard Wegner
Der Titel dieses Buches: »Beruf und Berufung. Wie aktuell ist das reformatorische Berufsverständnis?« klingt recht harmlos. Aber das täuscht, es täuscht auf der ganzen Linie! Wer sich ernsthaft mit der Entwicklung des Arbeits- und Berufsverständnisses seit der Reformation in der westlichen Welt beschäftigt, der stößt, so meine These, auf eine nach wie vor pulsierende Schlagader des westlichen Gesellschaftssystems überhaupt. Denn mit der Thematisierung der Beziehung von Beruf und Berufung geht es um die Verhältnisbestimmung von menschlicher Identität, Selbstbewusstsein und der Arbeitsleistung, die Menschen in Kooperation in der Gesellschaft erbringen. Es geht demnach um unsere Sozialität, unsere Rolle im gesellschaftlichen Ganzen. Wer – in welcher Form auch immer – daran festhält, dass der eigene Beruf etwas mit der eigenen Berufung zu tun hat, der beharrt darauf, dass er oder sie selbst einen eigenen Ort in der Gesellschaft hat. Einen Ort, den es sich gegebenenfalls lohnt, ein Leben lang zu suchen. Anders gesagt: Wer so denkt, reklamiert ein nicht entfremdetes Leben – inmitten aller möglichen Zwänge, die uns hindern, wir selbst sein zu können. »Berufung« ist dann letztlich eine Chiffre für das, was wir wirklich sind bzw. sein sollen.
Die Verberuflichung der gesellschaftlichen Arbeit stellt im Rückblick einen gewaltigen Schritt in der Entwicklung und Durchsetzung moderner Wirtschafts- und Lebensverhältnisse dar. Obwohl in der Realität der letzten 500 Jahre immer wieder unterlaufen, transportiert sie eben dieses Versprechen, das wir in unserer Arbeit in der einen oder anderen Weise wiederfinden können, weil wir in ihr einem Auftrag nachkommen, der uns mit Leib und Seele erfasst. Und auch wenn dieses Versprechen im 16. Jahrhundert von Martin Luther und anderen letztlich als Sakralisierung einer Dreiständegesellschaft begriffen werden muss, aus der es letztendlich kein Entkommen gab, so weist es doch weit über die damaligen Bedingungen hinaus und dynamisiert das gesellschaftliche Leben bis hin zur heute anzutreffenden Individualisierung und Eventisierung von Arbeitsvorgängen und Arbeitsplätzen.
Arbeit ist in dieser Hinsicht tendenziell nicht mehr länger eine Tätigkeit, die nur um des eigenen Überlebens willen erbracht werden muss und deswegen, obwohl natürlich absolut nötig, dann doch von den privilegierteren gesellschaftlichen Schichten verachtet werden konnte. Die Entdeckung des Berufs war daher eine veritable Revolution: Arbeit enthält nun in sich den Keim eines umfassenden Selbstbildungsprozesses, der weit über die mit Arbeit in der Regel verbundenen Entfremdungserfahrungen hinausweist, ja sie sprengt – und zwar nicht nur in den gesellschaftlich edleren, weil kreativen Sphären, sondern gerade auch im Falle einfacher und vielleicht sogar verachteter Tätigkeiten. Auch wenn der augenscheinliche Zweck der Arbeit ist, Leistungen und Produkte für andere zu erbringen, um Geld zu verdienen, im Kern gewinnt Arbeit ihren Sinn aus dem, was einen Menschen antreibt; was in ihm arbeitet, wenn er arbeitet; was ihn leitet, wenn er andere leitet. Daraus ist ein Arbeitsethos erwachsen, das die Welt aus den Angeln hob: ein Ethos der inneren Freiheit in der Arbeit, das mehr und mehr auch gesellschaftlich wirksam wurde und Arbeitsbedingungen reklamierte, die der Rolle des Menschen als Mitschöpfer Gottes gerecht wurden. Wer daran festhält, dass hinter jeder Arbeit eine Berufung steckt, der kann sich mit prekärer, fragmentierter Arbeit oder gar ausbeuterischen Arbeitsbedingungen nicht abfinden. Die Idee vom Beruf eines jeden und einer jeden wird (sozial)politisch.
Während bei Luther der Zusammenhang von Arbeit und Bildung noch in mystischen Sprachbildern eingekapselt ist und es die Gnade ist, die den Menschen letztlich Christus vergegenwärtigt (und den Menschen so arbeiten lässt), gewinnt dieser Prozess im humanistischen Bildungsbegriff, aber immer noch deutlich religiös bestimmt, eine Dynamik dahingehend, dass jeder Mensch etwas in sich hat, was er sein und werden soll, und dies seine lebenslange Bildungsaufgabe ist. Spätestens mit Hegel kommen Arbeit und Bildung eng zusammen, und dies gilt nicht nur für die Kopf-, sondern auch für die Handarbeit. Jede Arbeit bildet, weil sie das in den Menschen Veranlagte nach außen kehrt. »Sie verweist auf einen Beruf, der die besonderen Fähigkeiten und Aufgaben mit den Anforderungen der Allgemeinheit vermittelt.«1
Bildung ist folglich weit mehr als der Besitz von Kenntnissen. Sie besteht in der Ausbildung einer inneren Lebensform, die sich letztendlich im Beruf und der durch den Beruf formatierten Arbeit nach außen wendet. Lebensführung hat dadurch ihren Höhepunkt in der beruflichen Betätigung. Und letztendlich schlägt sich dieses Verständnis von der Selbstbildung aller Bürger2 in der Gewährleistung der persönlichen Freiheit, also der freien Selbstbildung aller in Art. 2 GG nieder, demgemäß ein jeder Bürger das Recht auf die freie Entfaltung seiner selbst hat.
Solche »Bildung führt nicht zu Passivität, sondern nötigt immer zu kommunikativen Leistungen, zwingt zur vita activa.«3 Sie sprengt aus sich heraus soziale Schranken und fordert Chancengleichheit für alle ein, damit letztendlich der produktive Beitrag aller in die gesellschaftliche Kooperation eingebracht werden kann. Die Verheißung, die aus dem Zusammenhang von Berufung und Beruf erwächst, transformiert sich in das gewaltige neuzeitliche Bildungsversprechen des Ausgangs des Menschen aus seiner Unmündigkeit und dem Auf bruch in die deliberative Freiheit. Reinhart Koselleck fasst zusammen: »Die neuzeitliche Bildung zeichnet sich also […] dadurch aus, dass sie religiöse Vorgaben umgießt in Herausforderungen persönlicher Lebensführung, dass sie, die Autonomie der Individualität generierend, offen und anschlussfähig ist in alle konkreten Lebenslagen hinein und dass sie, als Arbeit begriffen, das integrierende Element der arbeitsteiligen Welt ist.«4
Der Beruf ist folglich im Kern stets eine durch Selbstbildung gewonnene Qualifizierung der Arbeit, für die der Arbeitende sich selbst und Gott gegenüber verantwortlich ist – auch gegen alle möglichen äußeren An- und Zumutungen. Von dieser Verantwortung entlastet ihn kein Kunde – und auch kein Chef. Das steigert die Ansprüche, mit der Menschen, die ihren Beruf ernst nehmen, an ihre Arbeit herangehen, und macht sie nicht unbedingt zu bequemen Mitarbeitern. Sie wollen mit ihrer Tätigkeit nicht nur etwas ausführen, sondern etwas unternehmen.
Der Beruf ist in dieser Hinsicht eine eminente Form der Weltaneignung. Da ich in ihm selbst im Verhältnis zu meiner gesellschaftlichen Tätigkeit präsent bin, insistiere ich darauf, dass die Arbeit mehr ist als ein müder, monotoner und fragmentierter Rhythmus, in dem Fähigkeiten und Potenziale des Menschen verkümmern. In dieser Hinsicht umfasst Beruflichkeit stets mehr als die subjektive Innerlichkeit – Beruflichkeit drängt auf Verobjektivierung jener Arbeitsbedingungen, die sich als qualifizierte Beruflichkeit ausweisen lassen. Solche Beruflichkeit ist folglich mehr als das, was heute als Optimierung des Selbst vorgegeben und aufgenötigt wird. Der aktuelle Formwandel der Arbeit, ihre erzwungene Subjektivierung, führt allein sicherlich nicht zu einer verbesserten Beruflichkeit, sondern stellt oftmals nur einen Formwandel von Entfremdung dar.5
Dies bedeutet nichts anderes, als dass der Beruf sich als strukturbezogene Kategorie bewähren muss. Wo Arbeitstätigkeiten mit Entfremdungsphänomenen einhergehen, ist es nicht trivial, wenn sie in ihren Arbeitsbeziehungen verletzt werden und sich so von der Welt entfremden.6 Die Kategorie des Berufs antwortet auf die Frage, »was genau die Welt aneignungsfähig oder annäherungsresistent macht«.7 Es geht durchaus um so etwas wie liebende Identifikationen zwischen mir und den Tätigkeiten und Arbeitsvollzügen, mit denen ich vertraut bin. Berufliche Tätigkeit qualifiziert die Aneignungsfähigkeit der Welt: »Eine solche liegt nur dann vor, wenn man sich die Teilhabe an sozialen Praktiken und Institutionen als Teilhabe in einem kooperativen Praxiszusammenhang vorstellen kann, in dem man auf eine bestimmte Weise sozial frei sein kann.«8
Dieses Buch lädt von dieser Perspektive her zu einer Reihe von Entdeckungen ein, die im Verhältnis von Beruf und Berufung und in der Aktualisierung des reformatorischen Berufsverständnisses gemacht werden können. Es beschreibt eine spannende Reise durch viele Facetten dieses Verhältnisses. Eins wird auf jeden Fall deutlich: Das Thema Beruf und Berufung bleibt höchst aktuell!
Anika Füser, Gunther Schendel, Jürgen Schönwitz
Keine Frage: Das Thema Berufung hat wieder Konjunktur. Und zwar nicht nur in religiösen Kreisen, wo die Frage nach der eigenen Berufung vor und nach Martin Luther eine lange Tradition hat; unlängst wurde sie in einer pietistisch-evangelikalen Publikation von einem prominenten Autor ganz direkt aufgegriffen: »Wozu hat [Gott] mich berufen?«1 Nein, das Thema Berufung spielt auch im säkularen Bereich eine Rolle, hat hier längst eine eigene Karriere gemacht. So wirbt eine Großbäckerei mit dem Slogan »Brotmeister aus Berufung«2. Und ganz ähnlich operiert eine Rechtsanwalts- und Steuerkanzlei, die auf ihrer Homepage mit dem Motto wirbt: »Ihr Recht – unsere Berufung«3. Diese Beispiele ließen sich fast beliebig vermehren; die Rede von der Berufung soll hier wohl signalisieren, dass die entsprechenden Anbieter und Betriebe mit Leidenschaft und im Dienst der Kunden dabei sind, dass sie nicht nur kommerziell ausgerichtet sind.
Natürlich kann man kritisch fragen, ob diese Rede von der Berufung die Tiefe des traditionellen Berufungsverständnisses erreicht, wo es ja um nicht weniger als um die Ausrichtung des ganzen Lebens geht. Aber auch diese Dimension findet sich im außerkirchlichen und säkularen Kontext längst mühelos wieder. Ein selbst ernannter »BerufungsBerater« bietet im Internet seine Dienste an und stellt den Besuchern seiner Homepage die klassischen Fragen: »Wofür brennst du? Wo singt dein Herz? Was interessiert dich wirklich? Wo liegen deine Neigungen?«4 Einer anderen »Berufungsberatung« geht es um »Ihre Einzigartigkeit – Ihr tatsächliches Sein«5. Der unausgesprochene Anspruch ist hier: Bei der Berufung geht es um mehr als um den Beruf; hier geht es um eine bestimmte Passung zwischen Person und Tätigkeit, ob es sich nun um »Berufs- und Studienstarter«, den Weg in die Selbstständigkeit, eine berufliche Neuorientierung, die »Berufung 45+« oder die »Berufung statt Ruhestand« geht. In eine ähnliche Richtung argumentieren die zahlreichen gedruckten Berufungsratgeber, die der Soziologe Dirk Kaesler vor einigen Jahren einer eigenen Untersuchung unterzogen hat. Welche Verbreitung diese Ratgeberliteratur hat, ergibt sich schon daraus, dass eine Studentin Kaeslers bei einer Internetrecherche etwa 2.000 solcher Titel ermitteln konnte, die bei einer großen Verkaufsplattform gelistet sind.6
Woher dieses große Interesse am Thema Berufung? Kaesler bringt es mit einer »allgemein herrschenden Unsicherheit bei der Berufswahl« in Zusammenhang: Auf der einen Seite eröffnen sich (entsprechende formale Bildung einmal vorausgesetzt) viele Berufsmöglichkeiten, auf der anderen Seite ist deren Zukunftsträchtigkeit aber oft nur schwer abzuschätzen. Da erscheint der Blick auf die eigene Berufung, die »›endogenen‹ (internen, individuellen) […] Faktoren« eine erfolgsversprechende Entscheidungshilfe.7
Klar ist: An die Berufswahl und die Berufstätigkeit sind heute vielfach bestimmte Sinnerwartungen geknüpft. Und zugleich sind es bestimmte Entwicklungen in der Arbeitswelt selbst, die dafür sorgen, dass der Zusammenhang zwischen Person und Berufstätigkeit enger wird, dass bei vielen Tätigkeiten die Entscheidungsspielräume steigen, die Arbeit den Menschen aber auch »näher rückt«.
Was die Sinnerwartungen angeht, so sind die Ergebnisse der aktuellen Shell-Jugendstudie von Interesse. Schon die Studie von 2006 hat gezeigt: »Die meisten Jugendlichen, vielleicht mit Ausnahme der ›Materialisten‹, heute gehen mehrheitlich nicht mit einer finanziellen Motivation an ihren Beruf heran, sondern im Gegenteil eher mit einer anspruchsvollen Vorstellung von Selbstverwirklichung, Kreativität und Sinnerfüllung.«8 Diese Ergebnisse werden durch die aktuelle Studie von 2015 bestätigt: 90 Prozent der befragten Jugendlichen zwischen 12 und 25 Jahren erwarten von der Berufstätigkeit »Möglichkeiten, etwas zu tun, das ich sinnvoll finde«, und 85 Prozent hoffen auf »Möglichkeiten, etwas Nützliches für die Gesellschaft zu tun«.9 Damit liegen diese Erwartungen bei Jugendlichen immerhin an dritter bzw. fünfter Stelle, während gute Aufstiegsmöglichkeiten und ein hohes Einkommen erst an siebter bzw. achter Stelle stehen (78 bzw. 77 %). Am wichtigsten sind den Jugendlichen ein sicherer Arbeitsplatz und die Möglichkeit, eigene Ideen einzubringen (95 bzw. 93 %), sehr wichtig ist auch »genügend Freizeit neben der Berufstätigkeit« (88 %).
Allerdings unterscheidet sich die Bedeutung dieser Faktoren je nach sozialer und regionaler Herkunft und nach Geschlecht: Jugendlichen aus »unteren sozialen Herkunftsschichten« sind »ein hohes Einkommen und gute Aufstiegsmöglichkeiten wichtig«.10 Eine solche Nutzenorientierung ist bei Jugendlichen aus Ostdeutschland besonders ausgeprägt. Im Geschlechtervergleich fallen die jungen Frauen auf: Sie erwarten von der Berufstätigkeit überdurchschnittlich häufig Erfüllung, indem sie eigene Ideen einbringen wollen und sich eine sinnvolle Tätigkeit wünschen. Zugleich kombinieren viele von ihnen »idealistische[.] und materialistische[.] Ansprüche an den Beruf«11 und wünschen sich ausreichend Zeit und Möglichkeit zum Familienleben.
Diese Ergebnisse belegen die Bedeutung von Sinnerwartungen an den Beruf, sie belegen aber auch den Versuch (gerade von jungen Frauen), die Berufstätigkeit nicht zum alleinigen Sinnlieferanten werden zu lassen. Zugleich erinnern die Ergebnisse zur sozialen und regionalen Herkunft an die Frage von Dirk Kaesler, ob Berufung etwas ist, das man sich erst »leisten« können muss.12 Eine wesentliche Voraussetzung dafür sind Bildung und die damit verbundenen Wahlmöglichkeiten auf dem Ausbildungs- und Arbeitsmarkt.
Aber schauen wir auf die Seite der Arbeitsbedingungen, der Arbeitswelt. Auch hier zeigen sich Entwicklungen, die direkt oder indirekt mit der Berufungsthematik zu tun haben. Die zurückgehende Verbreitung des sogenannten »Normalarbeitsverhältnisses«, das Anwachsen befristeter Beschäftigungsverhältnisse sorgt dafür, dass sich die Einzelnen in ihrer Erwerbsbiografie tendenziell häufiger vor die Entscheidung nach dem »richtigen« Beruf gestellt finden. Die Berufsentscheidung ist nicht mehr zwingend eine Entscheidung für das ganze Leben. Zugleich kann von dieser Entscheidung in Zeiten, da die individuellen Risiken zunehmend privatisiert sind, besonders viel abhängen.
Dazu kommen die Entgrenzungstendenzen in der Arbeitswelt, die dafür sorgen, dass sich viele Arbeitnehmer die Arbeit immer weniger »vom Leib halten« können – und dies zum Teil auch nicht wollen. Die Entgrenzung von Ort und Zeit der Arbeit ist ein Thema, das die Arbeitnehmer einerseits nach der Work-Life-Balance fragen lässt – die angesprochenen jungen Frauen aus der Shell-Jugendstudie sind ein gutes Beispiel dafür. Andererseits geht es mobilen Arbeitnehmern eher um eine »Work-Life-Integration«, um eine optimale Verbindung, vielleicht auch Fusion von Arbeit und Freizeit: »Wieso sollten wir Arbeit und Leben überhaupt trennen?«, fragt die Europa-Chefin eines Internetunternehmens in einem Hochglanzmagazin13 mit der Hauptzielgruppe junge Akademiker. Es geht darum, »die Arbeitsaufgaben in den Lebensrhythmus einzutakten«, wenn nötig und gewünscht auch 24 / 7.14 Die Arbeit ist hier nicht mehr die ungeliebte Zeit am fest definierten Arbeitsplatz, nach der das eigentliche Leben beginnt, sondern sie ist selbstverständlicher und möglicherweise auch lustvoll erlebter Teil des Lebens.
Andere Entwicklungen gehen über den Kreis einer digitalen oder kreativen Boheme weit hinaus. Die Entscheidungsspielräume der Mitarbeitenden wachsen, nicht nur bei »qualifizierten Experten« und Leitungspersonen, sondern auch bei anderen Mitarbeitenden.15 Innerbetriebliche Hierarchien verlieren an Bedeutung, »werden durch horizontale und ›diagonale‹ Aushandlungs- und Abstimmungsbeziehungen ergänzt«16. »Gruppen- und Teamarbeit, Projektgruppen, Zielvereinbarungen« gewinnen in der posttayloristischen Arbeitsorganisation und einer durch Jobenrichment geprägten Arbeitsphilosophie an Bedeutung17, genauso wie die »Kontakte zu Kunden und anderen externen Akteuren« in der Dienstleistungsgesellschaft immer wichtiger werden18. Die Forderungen an »Eigenverantwortung und Lernbereitschaft« steigen.19 Diese inzwischen gar nicht mehr so neue Arbeitswelt hat auch Folgen für die subjektive Einstellung: Gefordert, aber auch ermöglicht ist mehr persönliches Engagement; die Rede ist von einer »Subjektivierung der Arbeit«: »Man arbeitet nicht nur, um Geld zu verdienen, sondern auch, um eigene Ideen umzusetzen, mit anderen an spannenden Projekten zu arbeiten und seine eigenen Möglichkeiten auszunutzen und zu erweitern.«20
Diese Entwicklungen müssen nicht bedeuten, dass alle Mitarbeitenden ihre Arbeit nun als Berufung verstehen. Aber die Subjektivierung der Arbeit verbessert die Chancen, dass Arbeitnehmer ihre Tätigkeit als sinnvoll erleben. Zugleich steigert diese Entwicklung auch die Gefahr der (Selbst-)Ausbeutung: Unternehmer »bekommen von ihren Angestellten mehr Leistung – ohne dafür mehr bezahlen zu müssen«21.
Aber die Erwerbsarbeit ist längst nicht das einzige expandierende Feld, auf dem Sinnerfahrungen gemacht werden können. Auch das freiwillige Engagement ist ein Bereich, in dem nach den Worten des Deutschen Freiwilligensurveys 2014 aus subjektiver Perspektive Erfahrungen »des Findens von Lebensfreude und Lebenssinn« gemacht werden22, der also auch offensteht für Erfahrungen von Berufung. Für das Ansteigen der Engagementquote, das in den letzten fünfzehn Jahren zu verzeichnen ist, gibt es mehrere Gründe: Dazu beigetragen haben die gewachsene Zahl der Angebote, ein verbessertes Freiwilligenmanagement, aber auch die »zunehmende Anzahl von Menschen mit hohem Bildungsabschluss«23. Das heißt im Umkehrschluss, dass bestimmte soziale Gruppen am Aufwuchs des Engagements nicht in gleichem Maße teilnehmen; nach den Ergebnissen des Deutschen Freiwilligensurveys 2014 sind es neben Menschen mit starken gesundheitlichen Einschränkungen vor allem Menschen mit geringer formaler Bildung, bei denen die Engagementquote unterdurchschnittlich ausfällt. Gilt auch hier, dass man sich Berufung leisten können muss?
Unser Überblick macht deutlich: Es ist wohl kein Zufall, dass Berufung und Sinnerwartungen ein Thema sind, jedenfalls in bestimmten Milieus. Im bereits zitierten Hochglanzmagazin für die jungen Akademiker heißt es ziemlich anspruchsvoll: »Mit dem Job ist es wie mit der Liebe. Jeder sucht den Richtigen – ihn zu finden ist aber schwer.«24 Sind diese Sinnerwartungen, die auch im Ehrenamtsbereich eine Rolle spielen, ein Ergebnis des Wertewandels, der Entwicklung von »Pflichtwerten« hin zu »Werten der hedonistisch-materialistischen und der idealistischen Selbstentfaltung«25?
Deutlich ist: Es lohnt sich, sich mit dem Thema Berufung und zugleich auch mit der Frage nach dem Berufsverständnis zu beschäftigen, denn für Martin Luther fiel vor fünfhundert Jahren beides zusammen. »Wie aktuell ist das reformatorische Berufsverständnis?« ist daher die Frage, der wir in diesem Buch nachgehen wollen.
Was haben die Reformatoren unter Beruf bzw. Berufung verstanden? Hans Otte beschreibt in seinem Beitrag »Die Erfindung des Berufs? Beruf und Berufung bei Martin Luther« mit kirchenhistorischem Fokus Luthers Berufsverständnis und verdeutlicht, wie es im Zentrum seiner Theologie verankert ist. Nach Otte war es Luthers zentrale Leistung, das mönchische Verständnis von Berufung auf alle Gläubigen sowohl auszudehnen als auch umzuprägen: Der Beruf ist bei Luther die Aufgabe des Christenmenschen, im Glauben an Gott und im Dienst am Nächsten an Gottes Zuwendung zur Welt teilzunehmen. Luther, so stellt Otte fest, sprach dabei noch nicht von Berufung: Die Rede von der Berufung stammt erst aus dem 19. Jahrhundert, als der Beruf seinen religiösen Hintergrund und Beiklang verloren hatte.
Martin Eberle widmet sich in seinem Beitrag »Von Luthers Berufskonzeption zur innerweltlichen Askese?« der Weiterentwicklung, die Luthers Berufskonzeption bei Johannes Calvin erfahren hat, und rekonstruiert zugleich deren Wirkungsgeschichte nach der berühmten These Max Webers. Weber attestiert dem Protestantismus eine »innerweltliche Askese«, zwischen der und dem aufstrebenden Kapitalismus er eine Art von »Wahlverwandtschaft« sieht. Eberle findet in Calvins Berufsauffassung durchaus asketische Züge, die sich aus der Ausrichtung des Tuns auf den Nächsten ergeben. Er zeigt aber auch, dass es neben Webers These noch andere Ansätze gibt, die die »Modernität« von Calvins Berufsdenken herausarbeiten.
Traugott Jähnichen spannt in seinem Beitrag »Vom ›Beruf‹ zum ›Job‹? Etappen der Verdrängung des Berufsgedankens in der Neuzeit« einen weiten Bogen, der von der Neubewertung von Arbeit im Kontext der sich entwickelnden bürgerlichen Gesellschaft im späten 17. Jahrhundert bis zur Arbeit im Kontext der modernen Massenproduktion und der Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft reicht. Angesichts einer zunehmenden Ökonomisierung der Lebenswelt greift Jähnichen eine in der evangelischen Sozialethik der 1960er Jahre getroffene Feststellung auf: Die gegenwärtige Situation der industriellen Arbeit bedarf eines reformulierten Arbeitsverständnisses, das dem Realismus der Reformatoren entspricht.
In seinem Beitrag »Der Bedeutungswandel des Berufs – Eine soziologische Reflexion« fokussiert Thomas Kurtz die Entwicklung von einer »persönlichen Berufung« zu »Berufen als qualifizierte Erwerbsarbeit«. So stellt er fest, dass sich im Berufsleben die Form der Ethik verändert hat: von einer traditionalistischen Pflichtethik hin zu einer modernen Ethik der Selbstverwirklichung und -verantwortung. Kurtz analysiert darüber hinaus, welche Rolle der Beruf für Menschen in der heutigen Zeit einnimmt, in der er nicht mehr als zwingender Leitfaden für die Lebensführung fungiert.
Kathrin Speckenheuer zeichnet in ihrem Beitrag »Die gemeinsame Berufung aller Getauften – Pastorale Konsequenzen und Chancen« die in der katholischen Kirche gegenwärtig stattfindende Diskussion um die Dimensionen der theologischen Berufung nach. Sie stellt fest: Eine berufungs- und charismenorientierte Pastoral braucht offene Strukturen, damit Menschen ihre von Gott geschenkte Berufung entdecken und entfalten können. Aufgabe der Kirche muss es sein, »die Erfahrungs- und Ermöglichungsräume dafür bereitzustellen und die Entfaltung von Berufungen nicht nur zuzulassen, sondern wirklich zu wollen«.
Einen weiteren Blick in die Ökumene bietet Gunther Schendel mit seinem Beitrag »›God at Work‹– oder wie die ›Workplace Spirituality‹ von Berufung spricht«. Deutlich wird: In der Workplace Spirituality, wie sie besonders in den USA Konjunktur hat, spielt die Rede von Berufung (calling oder vocation) eine zentrale Rolle. Schendel arbeitet exemplarisch zwei verschiedene Konzepte heraus: ein protestantisches Konzept, das in mehreren Spielarten die Tradition des reformatorischen Berufskonzepts reformuliert, sowie ein bewusst synkretistisches Konzept, das sich an mystischen Traditionen orientiert. Nach der Diskussion dieser Konzepte formuliert er Kriterien und Herausforderungen für eine aktuelle Rede von der Berufung.
Anika Füser beschäftigt sich mit der Frage, ob sich der Begriff Berufung heutzutage über Erwerbsarbeit hinaus erweitern lässt. In ihrem Beitrag »Freiwilliges Engagement – Berufung außerhalb von Erwerbsarbeit?« stellt sie die Ergebnisse aktueller Untersuchungen zu der Motivation, die hinter freiwilligem Engagement stehen kann, vor und betont, ein aktuelles Berufungsverständnis müsse sowohl die spirituelle als auch die säkulare Berufung in den Blick nehmen.
Der Beitrag »Sinn und Sinnlosigkeit im Leben von Langzeitarbeitslosen« von Antje Bednarek-Gilland nimmt eine Personengruppe in den Blick, die man möglicherweise nicht sofort mit dem Thema Berufung in Verbindung bringt: Langzeitarbeitslose. Bednarek-Gilland fragt, ob Sinnerfahrungen zwangsweise mit Erwerbsarbeit verknüpft sein müssen. Auf Basis ihrer eigenen Studie stellt sie fest, dass Langzeitarbeitslose unterschiedliche Strategien nutzen, um mit ihrer Situation umzugehen: Manche leiden an der Sinnlosigkeit, andere finden neuen Sinn. Wünschenswert wären, so Bednarek-Gilland, Fragen nach und Konzepte für Sinnschöpfung außerhalb von Erwerbsarbeit.
Annalena
Dipl.-Ing. Architektin, zum Zeitpunkt des Interviews in Elternzeit
»Meine Arbeit ist für mich jeden Tag aufs Neue eine Herausforderung. Muttersein ist für mich kein Beruf, sondern vielmehr Gefühl oder Instinkt. Im Vergleich zu meinem Beruf kann ich Muttersein nicht in einem Studium oder einem Kurs erlernen, sondern erlerne es erst im täglichen Leben mit Kind. Ich glaube aber, dass Muttersein durchaus eine Berufung sein kann.«
»Ich bin Architektin geworden, weil ich das Berufsfeld sehr interessant finde – die Verknüpfung von Technik und Kreativität. Ich finde das Zusammenspiel dieser beiden Felder spannend und herausfordernd.«
»Wenn ein Projekt fertiggestellt, also gebaut wird, macht mir das besonders viel Spaß. Also eigentlich sind Anfang und Ende eines Projektes am schönsten. Der Anfang, weil man sich einer neuen Aufgabe stellt, von Null an kreativ sein kann und noch nicht so festgefahren ist, sondern frei denken kann. Das Ende, weil man sieht, was aus den ersten Ideen geworden ist und was man alles geschafft hat.«
»Stressige Bauleitungsphasen empfinde ich manchmal als belastend, weil man immer der Ansprechpartner ist, der unter Umständen morgens um halb sieben angerufen wird, weil es mal wieder irgendwo reinregnet.«
»Wenn Geld keine Rolle spielen würde, würde ich gerne weiter Architektur machen, aber dann vielleicht eher dieses typische Schulen-bauen-in-Afrika oder etwas anderes Gemeinnütziges, bei dem ich meine Fähigkeiten einbringen kann. Konzepte für Flüchtlingsunterkünfte entwickeln oder diese bauen zum Beispiel.«
»Für meine berufliche Zukunft wünsche ich mir spannende Projekte, nette Bauherren und weniger Zeit- und Kostendruck in den Projekten. Eine bessere Bezahlung würde ich mir auch wünschen. Und jetzt gerade aktuell eine gute Vereinbarkeit von Familie und Beruf.«
In ihrem Beitrag »Berufung und Profession(alität) in der Erwachsenen- und Weiterbildung« legen Clinton Enoch und Steffi Robak ihr Hauptaugenmerk auf zentrale Tätigkeiten von Erwachsenenbildnern, die auf der Leitungsebene agieren und dort im Bereich der Programmplanung und des Bildungsmanagements professionell handeln. Ihr Berufungsbegriff, der sich von seiner religiösen Tradition gelöst hat und der starke biografische Aspekte beinhaltet, macht sich fest an einem professionellen Handeln, das durch eine relative Autonomie gekennzeichnet ist. Das heißt: Im Handeln des Erwachsenenbildners ist seine hohe situativ-flexible Planungskompetenz Ausdruck von Souveränität und Professionalität.
Ausgehend von Martin Luthers Berufsethik stellt Jürgen Schönwitz die Frage: Was macht eine berufsethische Bildung aus, die sich ihrer reformatorischen Wurzeln bewusst ist? In seinem Beitrag »Berufsethische Bildung – eine reformatorische Spurensuche« wird an Beispielen der institutionellen Erwachsenenbildung aufgezeigt, dass das »protestantische Prinzip« (Paul Tillich) in heutigen berufsethischen Bildungsprozessen immer noch kommunizierbar ist. Eine andere Frage ist, ob sich in Prozessen der Selbstbildung eine Berufsethik »von innen herausbilden« lässt, die Luthers Leitbild von der Freiheit eines Christenmenschen aufnimmt.
Im abschließenden Resümee »Zur Aktualität des reformatorischen Berufsverständnisses« skizzieren Anika Füser, Gunther Schendel und Jürgen Schönwitz eine Antwort auf die im Titel dieses Buches gestellte Frage: »Wie aktuell ist das reformatorische Berufsverständnis?«
Sehr anschaulich wird das Nachdenken über Beruf und Berufung darüber hinaus in den Porträts berufstätiger Menschen, die Anika Füser interviewt und fotografiert hat. Die Porträts und Aussagen zeigen eindrücklich die Aktualität des Themas »Beruf und Berufung«.
Hans Otte
Die Überschrift führt Beruf und Berufung zwanglos zusammen. Aber wie verhält sich beides zueinander? Und was sagte Luther dazu? In jedem Fall ist die Frage nach Beruf und Berufung ein Teil von Luthers Biografie, und – das ist die These dieses Textes – diese Frage führt sogar ins Zentrum von Luthers Theologie.1
Sie tut dies, auch wenn man es auf den ersten Blick nicht vermutet. Das ist biografisch und sachlich bedingt. Luther stellte sich die Frage nach Beruf und Berufung ganz elementar, als er noch vor Ende seines Studiums seinem bisherigen Leben durch den Eintritt ins Kloster eine ganz andere Richtung gab. Bis dahin war er den Wünschen des Vaters gefolgt: Er hatte in Erfurt das Studium an der philosophischen Fakultät als Magister erfolgreich abgeschlossen, hatte dort schon unterrichtet, während er in der juristischen Fakultät noch weiter studierte. Als die Frage nach dem künftigen Beruf drängend geworden war, brach er 1505 sein Studium ab und trat in das Erfurter Kloster der Augustiner-Eremiten ein. Luther löste damit ein Gelübde ein: Auf dem Rückweg von Eisleben, seiner Heimatstadt, war er in ein Gewitter geraten und hatte, als ein Blitzeinschlag ihn am Bein verletzte, in Todesangst die Heilige Anna angerufen und gelobt: »Ich will Mönch werden!« Das Gelübde zu erfüllen, fiel Luther nicht leicht. Er zögerte und beriet sich mit Freunden und der Familie; sein Vater war nicht einverstanden und hatte den Sohn auf das vierte Gebot hingewiesen, also auf die Pflicht, Vater und Mutter zu ehren. Doch für Luther wog das Gelübde schwerer als das Gebot. Nicht nur er, auch die Menschen seiner Umgebung sahen in der Rettung nach seinem Gelübde ein himmlisches Zeichen – selbst sein Vater, der hier allerdings teuflisches Blendwerk vermutete.2 Dieser besonderen Berufung entzog sich Luther nicht.
Es entsprach monastischer Tradition, den Eintritt in einen Orden und das Leben in einem Kloster als Berufung zu verstehen. Damit wurde eine frühe Tradition des Christentums weitergeführt. Im Neuen Testament war mehrfach der Begriff »Berufung« (griech. Klesis, lat. Vocatio) verwendet worden,3 in den Missionsgemeinden galt der Eintritt in die christliche Gemeinde als Antwort auf Gottes Ruf. Durch ihre Berufung unterschieden sich die Christen von ihrer Umgebung, da sie ihrer Berufung entsprechend leben sollten. Der Begriff Klesis verlor seine Bedeutung als ein Herausrufen aus der bisherigen Umgebung als sich die christlichen Gemeinden fest in der Welt einrichteten, die Kindertaufe praktizierten und sich mehr und mehr als Teil der öffentlichen Ordnung verstanden. Wer als Kind getauft wurde, brauchte keine besondere Berufung mehr. In dieser Situation, im Übergang vom dritten zum vierten Jahrhundert, griffen die ersten Mönche die Idee einer besonderen Berufung für ihr Leben auf. Sie wollten sich von dem angepassten und weltförmigen Christentum unterscheiden, wie es in den christlichen Gemeinden zur Normalität wurde. Sie orientierten sich dabei an den Ratschlägen im Matthäus-Evangelium (Mt 19,16 – 26), die Jesus dem Jüngling für ein vollkommenes Leben in Armut, Keuschheit und Gehorsam gegeben hatte. Um diese sogenannten evangelischen Räte als Grundlage des Lebens zu nutzen, bedurfte es einer besonderen Berufung, die die Mönche für sich in Anspruch nahmen. Mit diesem Selbstverständnis wurde das Mönchtum als besonders intensive Form des Christentums von der Kirche wahrgenommen und gebilligt. Damit wurde eine Zwei-Stufen-Ethik akzeptiert: Die niedrigere Stufe galt für die Weltchristen, hier genügten die Zehn Gebote zur ethischen Orientierung; die höhere Stufe der Ethik war für Ordensleute bestimmt, die nach Vollkommenheit strebten und sich mit ihrem Gelübde, das als eine zweite Taufe wirkte, zum Leben nach den evangelischen Räten verpflichtet hatten. Diese prinzipielle Unterscheidung war mit der Vorstellung verbunden, dass das klösterliche Leben einer Vita contemplativa mit Gebet und Fürbitte vor Gott wertvoller sei als ein Leben im Getriebe der Welt,4 für das die Orientierung am Naturrecht mit den Zehn Geboten genügte. In der mittelalterlichen Theologie wurde dazu die Vorstellung der Arbeitsteilung propagiert: Die Laien sorgten für den Unterhalt der Kleriker und Ordensleute, diese wiederum sorgten durch ihre Gebete für deren Seelenheil.
Mit seinem Eintritt ins Kloster übernahm Luther diese Vorstellungen. Er wählte sich für die Einlösung seines Gelübdes das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt, das einer strengen Auslegung der Augustinus-Regel verpflichtet war. Hier war das Streben nach Vollkommenheit und der damit verbundenen göttlichen Anerkennung besonders ausgeprägt – wohl deshalb entschied sich Luther für diesen Orden. Dass er irgendwann mit der Ordenstheologie und dem Konzept einer besonderen Berufung für Kleriker und Mönche brechen würde, war zu diesem Zeitpunkt noch nicht zu erahnen. Ein anderes, für ihn allerdings zentrales Ereignis war der Auslöser dafür: Seit 1512 war er als Wittenberger »Professor in Biblia« zur Auslegung der Bibel verpflichtet. In seinen frühen Vorlesungsnachschriften wird deutlich, wie er schrittweise den überkommenen Gedanken aufgab, man könne sich vor Gott Verdienste erwerben. Luther folgte damit dem theologischen Ansatz des Kirchenvaters Augustin.5 Augustin hatte darauf beharrt, dass der Mensch sich nicht selbst erlösen könne, sondern stets auf die Gnade Gottes angewiesen sei. Luther interpretierte diesen theologischen Grundsatz im Rahmen der spätmittelalterlichen Theologie, in der er ausgebildet worden war: Gottes Majestät ist so groß, dass der Mensch ihr gegenüber eigene Leistungen nicht vorbringen kann. Wer sich im Verhältnis zu Gott auf seine Verdienste beruft, verkleinert nur Gottes Gnade.
Diese entschiedene Gnadentheologie war die Basis für seine Kritik an der Ablasspraxis, denn der Ablass setzte voraus, dass die Kirche mit ihren Heiligen vor Gott Verdienste hatte. Dieses Verständnis von Buße und Ablass machte Luther in seinen 95 Thesen öffentlich. Sein Grundverständnis beschrieb er gleich in der ersten These: »Als unser Herr und Meister Jesus Christus sagte: ›Tut Buße, denn das Himmelreich ist nahe herbeigekommen‹, wollte er, dass das ganze Leben der Gläubigen Buße sei.«6 Damit bestritt Luther die herrschende Auffassung vom kirchlichen Institut der Buße, das sich im Mittelalter zu einem ausgefeilten juristisch dominierten Heilsweg mit unterschiedlichen Bußstrafen entwickelt hatte. Es gab hier genaue Tarife – je nach Art und Form der Verfehlung hatte der Priester dem Sünder unterschiedliche Bußübungen aufzuerlegen. Diese Vorstellung eines geregelten Bußwegs war im späten Mittelalter noch erweitert worden, er galt auch für die Zeit nach dem Tod, die Zeit des Fegefeuers. Der Ablass war eine Form, die Zeit im Fegefeuer, die als Zeit der Buße galt, zu verkürzen. All dies lehnte Luther ab, deshalb bestritt er die Ablasspraxis.
Für Luther war der Kern der lebenslangen Buße die Selbstverachtung (Odium sui) und Demut. Sie waren herkömmlich zwei zentrale Kennzeichen eines Lebens als Mönch und Nonne und wurden bei ihm zum Kennzeichen des christlichen Lebens schlechthin.7 Demut war eine Leistung, die je nach Berufung und Fähigkeit steigerungsfähig war; Thomas von Aquin (1225 – 1274) ging davon aus, dass ein Christ durch ein Gelübde, das ihn lebenslang verpflichtet, eine höhere Stufe im Glauben erreicht als ein Christ, der ein solches Gelübde nicht abgelegt hat.8 So konnte die Demut in gesteigerter Form als besonderes Kennzeichen des monastischen Lebens gelten. Bei Luther hingegen markiert die Demut keine Stufe im Christsein, denn er verstand unter Demut die demütig-hinnehmende Unterwerfung unter Gottes Gericht.9 Luther übernahm hier einen Leitbegriff der monastischen Theologie, radikalisierte ihn aber, denn er nahm für jeden Christen in Anspruch, was zuvor als Ausdruck eines besonders intensiven klösterlichen Christentums gegolten hatte. Implizit bestritt er damit die Zwei-Stufen-Ethik; für jeden Christen sollte gelten, was bisher nur für Nonnen und Mönche gegolten hatte.
Es ist verständlich, dass dieses Verständnis der Buße und des christlichen Lebens Diskussionen provozierte – so war es von Luther auch gedacht, als er seine 95 Thesen zum Ablass bekanntmachte. Aber welche weitreichende Konsequenz seine Bußlehre in sich trug, wird Luther noch nicht klar gewesen sein. Durch die Diskussionen und Disputationen mit Freunden und Gegnern gelangte er zur Überzeugung, dass es in der Kirche keinen prinzipiellen Unterschied zwischen Priestern und Laien geben dürfe. Entscheidend war für ihn dabei die Einsicht, dass Gottes Gnade nicht eingeschränkt werden darf: Gott rechtfertigt allein aufgrund seiner freien Gnade den Menschen. Diese Gnade kann sich der Mensch nicht verdienen, er kann sie nur annehmen und Gott vertrauen. In dieser Perspektive beschrieb Luther die Taufe als Gottes Werk an uns, als Bad der Wiedergeburt und Erneuerung.10 Weil in der Taufe Gott an dem Menschen handelt, ihn »erneuert«, ist die Taufe durch kein menschliches Handeln zu überbieten; damit ist jedes Gelübde zweitrangig. Also konnten die monastischen Gelübde nicht den gleichen Wert haben wie die Taufe. Sie gilt für alle, Geistliche (Priester, Mönche) und Laien, in gleicher Weise. Damit hatte die Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen Ständen in der Kirche ihren prinzipiellen Charakter verloren. In seiner Reformschrift »An den christlichen Adel deutscher Nation« (1520) führte Luther diesen Gedanken zum ersten Mal aus, er erklärte die Trennung zwischen dem Priesterstand und dem Kirchenvolk der Laien für hinfällig: »Denn alle Christen sind wahrhaftig geistliches Standes, und ist unter ihnen kein Unterschied, denn [= außer] des Amts halben allein, wie Paulus 1Kor 12 sagt, dass wir allesamt ein Körper sind, doch ein jegliches Glied sein eigen Werk hat, damit es den anderen dient; das macht alles, dass wir eine Taufe, ein Evangelium, einen Glauben haben und sind gleiche Christen […]. Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das mag sich rühmen, dass es schon [zum] Priester, Bischof und Papst geweiht sei, obwohl [es] nicht einem jeglichen ziemt, solch Amt zu üben.«11
In der Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen«, die er im gleichen Jahr veröffentlichte, formulierte Luther, was das für die Stände in der Christenheit bedeutete: »Außerdem sind wir Priester, das ist noch viel mehr als König zu sein, darum, dass das Priestertum uns würdig macht, vor Gott zu treten und für andere zu bitten. […] Also hat uns Christus erworben, dass wir mögen geistlich vor einander zu treten und bitten, wie ein Priester für das Volk leiblich tritt und bittet […].«12
Aus theologischen Gründen hat Luther die Grenzen zwischen den verschiedenen Ständen in der Kirche, vor allem zwischen den Geistlichen und Laien, eingerissen; das Wachsen dieser Einsicht spiegelt sich auch in Luthers Verwendung der Worte »Ruf« und »Beruf«. Das Wort »Berufung« benutzt Luther noch nicht,13 daher muss sich jeweils aus dem Zusammenhang ergeben, ob Luther Beruf hier im Sinne unseres heutigen Verständnisses des Berufs, eines Amtes oder einer Berufung versteht. Anfangs nutzte er das lateinische Vocatio mit Vorliebe im Plural als technischen Begriff, der die kirchlichen Stände der Apostel, Märtyrer, Doktoren und Mönche mit ihren jeweils spezifischen Aufgaben bezeichnete. Zu ihren Vokationen gehörten die Aufgaben Zeugnis, Gebet, Predigt und – für Märtyrer – die Standhaftigkeit.14 Seine Überlegungen basierten vor allem auf der Mahnung des Apostels Paulus im 1. Brief an die Korinther (1Kor 7,17 – 22): »[…] Doch soll jeder so leben, wie der Herr es ihm zugemessen, wie Gott einen jeden berufen hat. […] Ein jeder bleibe in der Berufung, in der er berufen wurde. Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch kannst du frei werden, so nutze es umso lieber. Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freigelassener des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi. Ihr seid teuer erkauft; werdet nicht der Menschen Knechte.«15 Die Mahnung, in seinem Stand zu bleiben, galt nicht nur für die kirchlichen Stände. In seiner Auslegung des Richterbuchs (1516) sah er überall den Wunsch, die eigene Vokation mit den dazugehörenden Pflichten zu verlassen: Mönche ebenso wie Prälaten, Ritter und Händler, Bauern und Bürger – ein jeder wolle gern im Stand eines anderen leben. Deshalb war Luther die Mahnung des Paulus so wichtig, dass jeder in der Vokation bleibe, in der er berufen sei.16
In Luthers Römerbrief-Vorlesung aus dem Jahr 1515 / 16 findet sich die gleiche Ausweitung des Begriffs der Vokation. Auch hier beobachtet er bei jedem den Wunsch, die Grenzen seiner Vokation zu überschreiten. Und Luther warnt: Dies zerstöre die Kirche. Uneinigkeit und Verwirrung seien die Folge, wenn jeder seine Berufung verlasse. Das gelte ohne Unterschied für geistliche und weltliche Berufe.
Geleitet durch die Aufforderung des Paulus in 1Kor 7 hatte die Vokation also ihren spezifisch geistlichen und monastischen Charakter verloren. Die Ausweitung der Vokation wurde bei Luther auch in der Sprache deutlich; für sie verwendete er zunächst das Wort »Ruf«,17 wenig später »Beruf«. In der ersten Auflage seiner Übersetzung des Neuen Testaments, die im September 1522 erschien, übersetzte er die Berufung (Klesis) mit »Ruf«: »(17b) Ein jeglicher, wie ihn der Herr berufen hat, so lebe er. […] Ein jeglicher bleibe in dem Ruf, in dem er berufen ist. Bist du als Knecht berufen, so sorge dich nicht; doch wenn du frei werden kannst, so nutze es umso lieber. Denn wer im Herrn als Knecht berufen ist, der ist ein Freier des Herrn; desgleichen wer als Freier berufen ist, der ist ein Knecht Christi.«18
Wenig später ersetzte Luther das Wort »Ruf« durch »Beruf«, so schon in seiner »Postille« (1521) und in der Predigtsammlung, die am Jahresende 1522 erschien. Luther hat das Wort »Beruf« nicht erfunden, aber durch ihn wurde es verbreitet und fester Bestandteil der deutschen Sprache. Dabei ist auffällig, dass Luther dieses Wort von Anfang an mit der Mahnung verband, in den Grenzen seines »Berufs« zu bleiben. Es war aber nicht nur die Paulusstelle, die ihn zu dieser Mahnung führte, sondern auch der Weisheitslehrer Jesus Sirach, der in der apokryphen Schrift seinen Schüler so ermahnte. In Luthers Übersetzung der Apokryphen zum Alten Testaments, die 1533 erschien, lautete diese Stelle: »Vertrawe du Gott, und bleibe in deinem Beruff. Denn es ist dem Herrn gar leicht, einen Armen reich zu machen« (Sirach 11,20).19
Aber im Unterschied zu Jesus Sirach ging es Paulus gar nicht um die Grenzen des Berufs für Christen, sondern um die Freiheit, die ein Christ auch gegenüber seinem Stand und Beruf besaß.20 Aber durch die Tradition – schon die spätmittelalterlichen Bußprediger hatten ihre Zuhörer davor gewarnt, ihren »Ruff« zu verlassen21 – und durch die Mahnung bei Jesus Sirach war Luthers
