BERÜHRUNG - Alexander Chrispens - E-Book

BERÜHRUNG E-Book

Alexander Chrispens

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Beschreibung

Der Roman „BERÜHRUNG“ ist ein sehr persönliches, mit großer Aufrichtigkeit und erkennbarem schriftstellerischem Talent verfasstes Werk. Der Roman beruht auf realen Begebenheiten aus dem Leben des Autors und liest sich äußerst kurzweilig. Ein Mensch, der dem Glauben gegenüber völlig gleichgültig ist, wird eines Tages von Gott besucht, welcher ihm ein Geheimnis offenbart...

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Veröffentlichungsjahr: 2019

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Inhaltsverzeichnis

Teil I. Chronik eines gewöhnlichen Lebens

Kapitel 1. Der Mensch wurde geboren

Kаpitel 2. Erste Entdeckungen

Kapitel 3. Erste „Geschichtsstunden“

Kapitel 4. Erlebnisse der Schulzeit

Kapitel 5. Ein unglaubliches Ereignis

Kapitel 6. Glaubensanzeichen

Kapitel 7. Eine Stimme … des Schicksals?

Kapitel 8. Neues Leben

Kapitel 9. Werk- und Feiertage mit der Familie

Kapitel 10. Wichtige Entscheidungen

Teil II. Verstand und Gefühle

Kapitel 11. Gefühlsverwirrung

Kapitel 12. Neue Überraschungen …

Kapitel 13. Überlegungen im Stile „banaler Wahrheiten“ …

Kapitel 14. Zeit für schwierige Entscheidungen

Kapitel 15. Unausweichliche Änderungen

Kapitel 16. Erkenntnis

Kapitel 17. Vertrauliches Gespräch über die empfangenen Offenbarungen

Teil III. Reinigung der Seele

Kapitel 18. Auf der Suche nach der Wahrheit

Kapitel 19. Zorn

Kapitel 20. Prüfungen für meine Seele

Kapitel 21. Das helle weiße Licht

Epilog

Impressum

Dieses Buch ist meinen

Nächsten gewidmet …

Denn nahe steht uns

letztlich jeder …

Aus dem Russischen von Markus Maneljuk

© 2012 Alexander Chrispens. BERÜHRUNG: Roman

Alle Rechte vorbehalten.

Zahlreiche Vor- und Nachnamen im Buch wurden geändert. Etwaige Übereinstimmungen mit real existierenden Personen sind rein zufälliger Natur.

Teil I. Chronik eines gewöhnlichen Lebens

Was führt den Menschen zum Glauben? Tragische Fehler, Leiden, kurze Glücksmomente oder vielleicht eine lange Kette von Übereinstimmungen, die wir Zufälle nennen?

Bei der Auseinandersetzung mit dem Leben der Hauptfigur des Romans „BERÜHRUNG“ hätte sich möglicherweise auch Sigmund Freud, einer der Begründer der Psychoanalyse, genau diese Frage gestellt, doch ihm war dies leider nicht GEGEBEN …

Es kann am Rande des Abgrunds geschehen oder auch dann, wenn man sich wie gerädert von der Alltagsroutine vor Müdigkeit aufs Bett wirft und die Augen schließt … In wenigen kurzen Momenten läuft dein ganzes Leben vor dir ab, dessen hellste und sonderbarste Ereignisse vom Bewusstsein nach oben gespült werden: die Bekanntschaft mit einer geheimnisvollen, gleichsam aus dem Nichts hervorgetretenen inneren Stimme, die dir unvermutet deinen tatsächlichen Geburtstag offenbart … Es ist unplausibel und schwierig, all dem, was hier vor sich geht, Glauben zu schenken, und doch ist dies nicht das Ende, sondern erst der Anfang des dornenreichen Pfades der Erkenntnis.

Dem einen oder anderen mögen die Ereignisse, die der Roman beschreibt, unbedeutend vorkommen, uninteressant im Vergleich mit dem eigenen Leben; doch gerade sie, diese unfassbaren Ereignisse, die sich mit mir zugetragen haben, haben meine Vorstellungen über das Leben und über menschliche Beziehungen vollständig auf den Kopf gestellt …

Mir wurde klar, dass zwischenmenschliche Beziehungen ohne geistige Selbstbildung niemals die wahre Größe erlangen können, zu welcher die Erkenntnis den Menschen führt. Doch zur Erkenntnis gelangt man nur über Leid und Entdeckung, Aufstieg und Fall, über Einsamkeit und geistige Qual. Ja, der Geist, der lebendige, jedoch blind im menschlichen Körper – einem vollkommenen, wenngleich vergänglichen Körper – lebende Geist, der mit den Augen des Verstandes sieht – eines allmächtigen, wenngleich beschränkten Verstandes …

Kapitel 1. Der Mensch wurde geboren

Wir beginnen in Zentralasien, im südöstlichen Kasachstan, an den Südhängen des Tarbagataj-Gebirges, in der Ortschaft Urdzhar – einer Kleinstadt mit ungefähr 20.000 Einwohnern. Es ist Freitag, der 21. Dezember 1973, sieben Uhr morgens. Einer jungen Frau, die vor Schmerzen im Bauch aufgewacht ist, wird klar, dass die Stunde der Geburt ihres Kindes gekommen ist …

Ihr jüngerer Bruder, der zu dieser Zeit zu Gast bei seiner Schwester war, rennt auf der Suche nach Hilfe zu den Nachbarn. Wohin er rennen muss, weiß er: In der Nachbarschaft wohnt die Krankenschwester Maljuscha (Amalia), ein überaus gutmütiger und stets hilfsbereiter Mensch.

Maljuscha:

– Vanja1! Ich bin doch bloß Krankenschwester, ich habe noch nie entbunden und habe Angst davor. Komm, ich renne zu deiner Schwester Ella und du zu Emma Kondratjevna2, sie ist Gynäkologin und muss zuhause sein, wenn sie keine Nachtschicht hat.

In diesem Moment hält ein vorbeifahrendes Auto an. Die Männer, die darin sitzen, sehen die beunruhigten Leute auf dem Hof und fragen:

– Was ist denn bei euch los?

Vanja:

– Meine Schwester hat ihre Wehen, wir brauchen schnellstens einen Arzt!

Die Männer fragen:

– Und wo ist Romka3?

– Auf Dienstreise …

– Wir bringen sofort Emma Kondratjevna her!

Glücklicherweise kam Emma Kondratjevna gerade aus dem Krankenhaus nach Hause, sie hatte Nachtdienst gehabt. Fünf Minuten später betrat die Ärztin das Haus.

Das Kind wird schnell geboren. Um sieben Uhr dreißig morgens erblickte ein Junge das Licht der Welt. Dieser Junge war ich: der erste Sohn seiner Eltern, das zweite Kind in der Familie, das erste war meine ältere Schwester Elvira, ein Mädchen mit blonden Haaren und blauen Augen, die bei hellem Sonnenlicht mit einem interessanten Grünstich funkelten …

Meine Mutter ist eine bemerkenswerte Frau, sehr hübsch, mit dichten schwarzen, sich kräuselnden Haaren und braunen Augen – sie würde ihr Leben für ihre Kinder opfern!

Mein Vater ist ein sanfter und offener Mensch, ein Mann von kleiner Statur mit sonnenfarbenen Haaren und blauen Augen. Zu Hause trifft man ihn in der Regel nur selten an: Er war Versorgungsleiter einer Kolonne von ungefähr 400 LKWs und häufig auf Dienstreisen …

Die Wurzeln unserer Familie und unseres Nachnamens lagen in Deutschland, denn alle meine Vorfahren waren deutsche Aussiedler. Die kurze Geschichte ihrer Übersiedlung nach Russland hatte ich mit großem Interesse studiert: „Im 18. Jahrhundert begann auf Einladung (Manifest vom 4. (15.) Dezember 1762) der russischen Zarin Katharina II. (der Großen) die Übersiedlung deutscher Bauern, der sogenannten Kolonisten, auf freie Ländereien im Wolgagebiet und später im nördlichen Schwarzmeergebiet; viele dieser Bauernfamilien blieben über eineinhalb Jahrhunderte lang an ihren kompakt angelegten ersten Wohnorten und bewahrten die deutsche Sprache (natürlich in einer konservierten Form im Vergleich zu dem Deutsch, das in Deutschland gesprochen wurde), den Glauben und Elemente ihrer nationalen Mentalität. In der Regel waren sie Angehörige der katholischen oder der evangelisch-lutherischen Kirche“ („Wir sind Kinder des Planeten Erde“, Mariam Ibragimova).

Die Eltern meines Vaters hatte ich niemals zu Gesicht bekommen, denn sie waren lange vor meiner Geburt gestorben. Sein Vater Alexander Fedorovitsch4 Chrispens war ein kräftiger und nachgiebiger Mann von kleiner Statur, er hatte dunkelblondes Haar und einen ausgeprägten Sinn für Humor. Auch er war ein deutscher Übersiedler und stammte aus einer wohlhabenden Familie aus dem Wolgagebiet. Im Alter von 13 Jahren teilte er seinem Vater (Johann Friedrich Chrispens, geb. 1860) mit, dass er sich fortbilden möchte, und bat ihn um seinen Erbteil, woraufhin er der Erzählung meines Vaters zufolge folgende kategorische Antwort seines Vaters erhielt: „Nein, du bleibst hier.“

Als Antwort darauf verliebte sich mein Großvater in meine Großmutter, Amalia Reinholdovna Metzler, sie wurde 1903 geboren und war zwei Jahre älter als mein Großvater. Das dunkelhaarige hübsche Mädchen stammte aus ärmlichen Verhältnissen und arbeitete als Dienstmädchen bei meinem Urgroßvater. Als ihm die Gerüchte über ihre Liebesbeziehung zu Ohren kamen, jagte er meinen Großvater aus dem Haus.

1917 brach der Bürgerkrieg aus. An die Macht kamen die Bolschewiken, die alle mehr oder weniger wohlhabenden Menschen „entkulakisierten5“, d. h. sie nahmen ihnen alles weg und zerstörten die durch Arbeitseinsatz erwirtschafteten Besitztümer. „Wer nicht mit uns ist, ist gegen uns“, lautete ihre Losung.

Eine neue Zeit mit neuen – kommunistischen – Ansichten brach an, und diejenigen, die ihren bisherigen Überzeugungen, insbesondere ihrem Glauben, nicht entsagten, wurden erschossen oder ins Arbeitslager verbannt. So verschwand auch mein Urgroßvater, und niemand weiß, was mit ihm geschehen ist. Zu jener Zeit verließen viele vor Entsetzen fluchtartig das Land und ließen dabei alles stehen und liegen, ohne darüber nachdenken zu können – Angst bemächtigte sich der Menschen …

Als mein Großvater erfuhr, dass seine Familie Russland den Rücken kehrte, eilte er ihnen nach, doch als er in der Schlange vor dem Dampfschiff Richtung Amerika stand, vernahm er plötzlich einen drohenden Befehl: „Die Grenze wird geschlossen. Alle, die sie noch nicht passiert haben, gehen zurück!“ So blieb mein Großvater in Russland, und er und meine Großmutter heirateten.

Doch zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden sie 1941 als Angehörige der deutschen Nation auf Befehl Stalins nach Kasachstan verbannt, wo sie sich im Ort Alekseevka im Urdzharsker Bezirk der Region Semipalatinsk niederließen. Dieser war sieben Kilometer vom schönen Tarbagataj-Gebirge entfernt.

Doch das Leben meines Großvaters kam nicht zur Ruhe. Er wurde ins Arbeitslager geschickt, in die russische Stadt Tscheljabinsk, aus der er 1942 davonlief. Nachdem er 2000 Kilometer zu Fuß zurückgelegt hatte, fand der Großvater seine Familie, doch er versteckte sich lange Jahre im Tarbagataj-Gebirge.

An jene Zeit erinnerte er sich ungern, er erzählte niemandem, was er durchleben musste, und machte ständig ein Geheimnis daraus, aus welcher Familie er stammte und welche weiteren unerfreulichen Einzelheiten das Leben für ihn bereitgehalten hatte. Ihm war schwer ums Herz, aufgrund von Hunger und Kälte hatten sie vier Kinder verloren, und die Großmutter meinte häufig: „Wäre euer Vater nicht zurückgekommen … wie viele wären wohl am Leben geblieben?“

Meine Großeltern waren sehr gläubige Menschen, sonntags versammelten sie sich heimlich in den Häusern zuverlässiger Freunde und feierten Gottesdienst: Sie sangen Psalmen und beteten zu Gott.

Nach dem Krieg wurde 1949 ihr elftes Kind geboren: ihr Sohn Reinhold, der im Alltag wegen der schwierigen Aussprache seines Namens mit dem russischen Namen „Roman“ angesprochen wurde. Das war mein Vater, der niemandem ähnelte und ein Junge mit sonnenrotem Haar war. Reinhold konnte vor der Schulzeit kein einziges Wort Russisch, in die erste Klasse begleitete ihn seine ältere Schwester Erna, die alles für ihn übersetzte. Die anderen Kinder in der Schule lachten meinen Vater aus und nannten ihn häufig „Faschist“.

In der neunten Klasse verliert mein Vater seine Mutter; nach einer längeren Krankheit scheidet meine Großmutter aus dem Leben. Jener Tag blieb meinem Vater für immer in Erinnerung. Er wohnte zu dieser Zeit in einem Nachbardorf und schloss die neunte Klasse der dortigen Mittelschule ab, da es in ihrer Siedlung nur eine unvollständige Mittelschule gab. Mein Vater lebte in einer Wohnung und hörte eines Tages plötzlich im Traum, wie jemand ihn beim Namen rief: „Reinhold! Reinhold!“ Dazu klopfte es ans Fenster. Er rannte auf die Straße hinaus, dort jedoch war niemand …

Am folgenden Tag kam der Schuldirektor ins Klassenzimmer und bat meinen Vater, mit ihm nach draußen zu gehen. Sie standen einander gegenüber. Der Direktor stieß einen tiefen Seufzer aus und meinte mitfühlend: „Reinhold! Seien Sie stark, heute Nacht ist Ihre Mama gestorben …“

Nach Beendigung der Schule schreibt mein Vater sich am Fahrzeugmechaniker-Technikum ein, beendet es erfolgreich und erhält ein Diplom. Im Alter von 20 Jahren, als er seinen Wehrdienst in der Sowjetischen Armee leistet, wird er in einem Telegramm über den Tod seines Vaters Alexander Fedorovitsch unterrichtet.

Meine Großeltern mütterlicherseits, die bis 1941 in der Ukraine im Donbass gelebt hatten, waren ebenfalls Nachfahren deutscher Aussiedler.

Der Vater meiner Mutter hieß Ivan Ivanovitsch Gewner (geb. 1912). Mein Großvater erweckte den Eindruck eines strengen und anspruchsvollen Menschen. Er war ein großer Mann, der Ordnung in allen Dingen schätzte. Häufig war er bei uns zu Gast, denn wir lebten im Bezirkszentrum, wo sich das Krankenhaus befand, in dem er behandelt wurde. Mein Großvater litt unter Schmerzen in den Beinen und hatte ernsthafte Probleme mit dem Magen; diese Krankheiten hatte er sich während des Krieges zwischen der UdSSR und Deutschland zugezogen.

Wie alle Deutschen, die zu jener Zeit in der Sowjetunion lebten, wurde auch er ins Arbeitslager geschickt, wo diese armen, völlig unschuldigen Menschen vom Morgen bis zum späten Abend wie Gefangene arbeiteten, vor Müdigkeit und Krankheit sämtliche Kräfte einbüßten und dabei nicht genug zu essen bekamen. Viele von ihnen hielten das nicht aus und kamen ums Leben. Mein Großvater hatte 1944 ein tödliches Stadium erreicht: Er konnte sich nicht mehr fortbewegen. Da warfen ihn die Soldaten mit den folgenden Worten aus dem Lager: „Stirb doch, wo du willst!“; er jedoch überlebte, indem er auf der Suche nach etwas Essbarem durch die Müllhalden streifte, ohne zu begreifen und entsetzt darüber, wie man all das essen konnte. Doch er aß es …

Die Mutter meiner Mutter, meine Oma Maria Fedorovna Klein (geb. 1915), war eine kleine, dürre und überaus nett anzusehende Frau mit prächtigen langen weißen Haaren, die zu einem Zopf geflochten waren. Die Erinnerung an sie ist von steter Wärme umgeben: von ihrem Blick und der Berührung ihrer Hände. In meiner Großmutter vereinigten sich alle Qualitäten einer wunderbaren Frau, die kein leichtes Leben gehabt hatte. Mit 20 Jahren verlor sie ihren Mann, der im Don ertrank, als er beim Baden der Pferde in einen Strudel geriet. 1941, als der Krieg ausbrach, wurde die Großmutter mit der kleinen Tochter im Arm und den Kindern der Schwester nach Kasachstan verbannt, wo Hunger und Kälte auf sie warteten.

Doch die ansässigen Bewohner waren gutmütig zu den deutschen Übersiedlern und gaben ihnen wenigstens etwas Brot, damit sie den Winter überstehen konnten …

Nach dem Krieg war mein Großvater lange Zeit auf der Suche nach seiner Familie aus erster Ehe: nach seiner Frau Erna und seiner Tochter Gerda, doch überall bekam er dieselbe Antwort: „Ihre Familie ist bei einem Bombenangriff ums Leben gekommen.“ Er war am Boden zerstört.

Doch 1948 traf mein Großvater zum Glück meine künftige Großmutter, sie kamen zusammen und bekamen eine Tochter, die sie Ella nannten: ein Mädchen mit lockigen schwarzen Haaren, das einer Zigeunerin ähnlich sah. Das war meine Mutter.

Die makabre Suche nach seiner ersten Familie endete für meinen Großvater 1951, als er eine Nachricht darüber erhielt, dass ein Fehler unterlaufen war und dass seine Familie am Leben war.

Mein Großvater konnte sich ein Leben ohne unsere Großmutter allerdings nicht mehr vorstellen und es gab keine Möglichkeit, irgendetwas zu ändern.

Und dann kam ich – mit meinen dunkelblauen Augen blicke ich in andere Augen und lerne die Welt um mich herum immer besser kennen. Sie war wunderbar, diese Welt: hell und klar, alle waren mit etwas beschäftigt, die einen waren in Eile, die anderen ließen sich Zeit.

Ich spiele mit Kindern, die genauso sind wie ich: unbesorgt, glücklich, unbändig, sie lachen, weinen und vergessen dann doch wieder, leben weiter, indem sie das sie Umgebende aufsaugen wie ein Schwamm, das Gute wie das Schlechte …

Schon stehe ich sicher auf beiden Beinen, laufe durch den Hof, ergreife den Kater, trage ihn, möchte etwas sagen, kann aber nicht, lasse den Kater fallen, laufe zum Hund namens Morjak, streichle ihn: Die Hände gleiten über das kurze weiße Fell, er freut sich über alles, schleckt als Antwort mein Gesicht ab, als würde er es waschen, schmiegt sich an mich, wieder möchte ich etwas sagen, versuche es, doch es geht nicht …

Mit kaum wahrnehmbarem Lächeln beobachtet mein Großvater das sich ihm bietende Bild …

– Elja6! Was denkst du? Warum spricht Sascha7 kein einziges Wort? Das ist doch nicht normal, der Junge ist schon drei Jahre alt und hat noch kein Wort herausgebracht, er wird doch nicht taubstumm sein?

Mama:

– Wie können Sie nur, Papa? Er ist doch noch klein! Sie wissen doch, dass bei ihm alles anders ist: Er hat sich geweigert, in den Kindergarten zu gehen, hat tagelang geweint und keinen Bissen gegessen. Ich dachte zuerst, er würde sich daran gewöhnen, aber nach zwei Wochen Quälerei hat mein Herz es nicht mehr ausgehalten, es hat aufgegeben und ich habe meine Arbeit gekündigt.

Großvater:

– Ich mache mir Sorgen, geh mit ihm zum Arzt …

Der Arzt meint:

– Ich habe mir Ihren Kleinen angesehen, mit ihm ist alles in Ordnung. Machen Sie sich keine Sorgen, so etwas kommt vor, er wird schon noch sprechen.

Der Kleine rennt mit dem Ball in der Hand in die Sommerküche, wo die Frau das Mittagessen zubereitet.

Er ruft:

– Mama! Ball!

Da ruft auch die Mutter verblüfft vor Verwunderung und Freude:

– Sascha! Was hast du gesagt? Du hast gesprochen! Deine ersten Worte und auch noch auf Deutsch! Hat Oma Lida dir das beigebracht? (Oma Lida ist die Stiefmutter meines Vaters, die vor dem Tod meines Großvaters diesem versprochen hatte, sich um seinen jüngsten Sohn Reinhold zu kümmern und die ihr Versprechen gehalten hatte.) Na endlich hast du angefangen zu sprechen, mein Söhnchen …!

Koseform für Ivan (dt. Johann(es)).↩

In Russland ist es seit langem gängig, Erwachsenen bei der Anrede Achtung entgegenzubringen, indem dem Vornamen der Vatersname hinzugefügt wird, der (wie auch der Vorname) je nach Kasus und Genus dekliniert wird.↩

Koseform für Roman.↩

In der russischen Namensgebung wurden fremdländische Namen häufig durch die russischen Versionen ersetzt, z. B.: Friedrich durch Fedor, Johann durch Ivan usw.↩

Unter „Entkulakisierung“ versteht man die gewaltsame Enteignung wohlhabender Bauern (der sog. „Kulaken“) durch den Staat.↩

Koseform für Ella.↩

Sascha, Saschenka, Saschka, Saschok, Sanja, Sanek, San, Sanka, Sander, Schurik, Schurka, Alex …: Umgangssprachliche, teils zärtlich-verniedlichende Koseformen für Alexander.↩

Kаpitel 2. Erste Entdeckungen

Ich und meine ältere Schwester Elvira waren häufig bei unseren Großeltern zu Gast, die 40 Kilometer von uns entfernt im Ort Blagodatnoe wohnten, der fünf Kilometer vom malerischen Tarbagataj-Gebirge entfernt lag.

Immer wenn ich aus ihrem Haus trat, blickte ich in die Berge. Mächtig waren sie, ihr Relief bizarr, und sie hinterließen bei mir einen unvergesslichen Eindruck. Es schien, als könne man nach Erreichen der Bergspitze die Wolken erklimmen, so als würden die Wolken dort beginnen … Dort, wo das Unbekannte war, wohin es einen einfach unaufhaltsam zog. Diese Welt und alles, was sie ausmachte, zog mich in ihren Bann. Ich hatte viele Fragen an meine weisen und gutmütigen Alten, und ich hörte oft als Antwort: „Saschenka, du stellst viele Fragen, auf die nicht einmal wir, deine Großeltern, antworten können. Warte ein wenig, bis du etwas größer bist, dann erfährst und begreifst du alles selbst.“

Wenn ich meine Großeltern betrachtete, sah ich stets ihre vollkommene Ruhe, und nicht nur einmal überkam mich folgender Gedanke: Warum sind alte Menschen so ruhig?

Eines Tages, als ich dem Großvater beim Kaninchenfüttern zusah, meinte ich verträumt zu ihm:

– Opa! Ich möchte auch, dass wir zu Hause Kaninchen haben …

– Nun ja, ich kann dir welche schenken, – meinte mein Großvater lächelnd.

– Wirklich?

– Natürlich, wenn du damit zurechtkommst. Wir, die Menschen, sind nämlich verantwortlich für die, die wir zähmen, das ist schwierig, Enkelchen, aber wenn du darauf bestehst, wenn du von dir überzeugt bist, dann von mir aus gerne!

– Ich bin schon groß, Opa! Und zu Hause füttere ich unseren Morjak schon ganz alleine!

Da beugte sich mein Großvater zu mir und meinte:

– Dann soll es so sein, ich vertraue dir, doch du solltest wissen, dass das ein lebendiges Wesen ist, das fühlen und verstehen, aber nicht sprechen kann. Deswegen musst du behutsam mit ihm umgehen und es rechtzeitig füttern, die Tiere leiden nämlich wie wir unter Hunger, verstehst du, mein Junge?

Ich blickte das mir nur allzu gut bekannte Gesicht mit dem grauen Schnurrbart eindringlich an und meinte:

– Na gut, Opa, ich verspreche es.

– Und noch etwas, Sascha. Du musst sein wie ein Erwachsener, weil dein Vater ständig unterwegs ist, musst du selbst mit Hand anlegen und deiner Mutter auf dem Hof helfen. Ab und zu willst du vielleicht mit deinen Freunden spielen, musst dich aber gerade um jemanden kümmern …

Ich erwiderte:

– Opa, aber ich will mich doch um jemanden kümmern!

So kam ich zu meinem ersten Haushalt, über den ich mich unendlich freute.

Zu jener Zeit hatten meine Eltern schon vier Kinder: Nach mir wurde 1977 meine dunkelhaarige braunäugige Schwester Marina geboren, und danach, ein Jahr später, mein blondes Brüderchen Andrej, auch er mit braunen Augen. Im Alter von sechs Jahren, als ich hier und da schon etwas begreifen konnte, sah ich, dass mein Vater zu trinken anfing und oft länger auf der Arbeit blieb.

Meine Mutter versuchte mit aller Kraft, sich zurückzuhalten, geriet jedoch immer häufiger außer sich, und ich hörte dabei zu …

Mama:

– Habt ihr schon wieder gefeiert? Du hast vier Kinder und gehst saufen, und wer soll sie erziehen?! – sie beginnt zu weinen.

Mein Vater lässt sich zu uns auf den Boden fallen, als sei nichts gewesen, er spielt mit uns und lässt uns wie ein Pferdchen auf seinem Rücken reiten, während er auf allen Vieren durchs Zimmer kriecht …

Mama:

– Sieh nur: Der Hof verfällt, die Tiere sind nicht gefüttert; ich hätte niemals gedacht, dass ein Mensch, dass ein Mann so tief fallen kann! Wenn du schon nicht an dich denkst, dann denk wenigstens an die Kinder: Sie müssen doch weiterleben! Mein Vater hätte so etwas niemals getan!

Vater antwortet:

– Alle sagen zu mir, dass du mich herumkommandierst, aber ich bin ein Mann! Kann ich es mir etwa nicht erlauben, mit Freunden zusammenzusitzen!? Du lässt das hier ja nicht zu, also bin ich bei ihnen, bei Albert im Übrigen …

Meine Mutter hört ihm zu, schweigt und antwortet dann:

– Das hätte gerade noch gefehlt, dass du deine Alkis hierher bringst!

– Was ist das für ein Haus!? In dem man weder rauchen, trinken, noch sich mit Freunden unterhalten darf!

– Wenn du ein solches Haus wolltest, hättest du nie heiraten und eine Familie gründen dürfen!

– Dich hätte ich wahrscheinlich nicht heiraten dürfen! Das sind doch alles nur zeitlich bedingte Irrtümer: heiraten, eine Familie gründen, Kinder bekommen, über menschliche Gefühle verliert man hingegen kein Wort …

– Niemals hätte ich gedacht, dass du so weit gehst, wenn dein Vater gehört hätte, was du redest und wie du aussiehst, du riechst wie ein Fass Wein, denk an deine Worte: „Ich trinke nur Rotwein und höre nach der Hochzeit mit dem Rauchen auf!“

– Und wer ist daran schuld? Das ganze Leben lang nichts als Stress. Du verstehst rein gar nichts! Du schwebst irgendwo in den Wolken, komm runter auf die Erde und schau, wie die anderen leben, wie unsere Gesellschaft aufgebaut ist: Alle Geschäfte enden am Tisch, und wer nicht mitmacht, bekommt die Ersatzteile nicht rechtzeitig, das heißt, dass die Fahrzeuge länger in der Werkstatt stehen, das wiederum führt zum Nichterfüllen des Plans unserer Firma und letzten Endes zur Streichung der Provisionen, des 13. Gehalts usw … Darin besteht doch die staatliche Politik!

– Ich schwebe nirgendwo herum, aber ich sehe, dass du dich um den Verstand säufst …

Die Kinder spielen auf der Straße. Unter ihnen ist ein Junge, um ihn herum sind lauter Mädchen, die alle Freundinnen meiner Schwester Elvira sind. Sie spielen mit Puppen, ich mit Spielautos, wir rennen, lärmen und unterhalten uns. Ich bemerke den Unterschied zwischen uns, unsere unterschiedlichen Interessen.

Aufmerksam schaue ich mir Katja1 an … Katja ist ein Jahr jünger als ich, ein fröhliches Mädchen mit hellen Haaren, die zu einem Zopf geflochten sind, und großen blauen Augen …

Unsere Blicke treffen sich und wandern schamvoll sofort wieder zu den Spielzeugen. Nach einiger Zeit bleibt mein Blick wieder an Katja haften und ich sehe sie mir aufmerksam an: Sie ist anders, sie bezaubert mich, mein Interesse ist geweckt … Wir spielen Fangen; ich versuche mit aller Kraft, Katja zu fangen, um sie zu berühren.

Katja:

– Sascha! Du versuchst die ganze Zeit, nur mich zu fangen, das ist ungerecht!

– Ich kriege immer dich, weil du nicht so schnell rennst wie die anderen – ich kann sie nicht fangen, sie rennen zu schnell …

– Du bist doch ein Junge, Jungs sind stärker und schneller als Mädchen, sagt meine Mama …

Ich fange an zu nuscheln, will mich rechtfertigen:

– Aber sie sind älter als ich …

Ich konnte nicht zugeben, dass die Hauptursache darin lag, dass ich neben Katja sein wollte. Es war, als ob sie es fühlen konnte, sie musste mich nicht einmal ansehen und blickte zur Seite, wenn unsere Augen aufeinandertrafen.

Unsere Familien waren miteinander befreundet, und bei einer Unterhaltung unserer Mütter hörte ich, wie Tante Ljuba zu meiner Mutter sagte:

– Elja! Wie hältst du diesen Kindergarten nur aus? Wenn sie sich bei uns zu Hause treffen, dreht sich mir der Kopf … Meine Mutter antwortete:

– Ich weiß nicht, bei mir kommt so etwas nicht vor. Ich habe sie einfach alle unheimlich gern, sie sind alle so verschieden, ihre Welt interessiert mich, sie fasziniert mich!

Eines Tages, als wir Verstecken spielten, versteckte ich mich mit Katja bei uns auf dem Heuboden. Während wir in der Ecke saßen und uns eng aneinanderschmiegten, trafen sich unsere Blicke, ich wandte meine Augen nicht von ihr ab und Katja dieses Mal auch nicht. Dann kam sie noch näher an mich heran und küsste mich, ich blickte sie fragend an …

Katja meinte belehrend:

– Das ist ein Kuss; so küssen sich die Erwachsenen, die Mamas und die Papas. Ich habe meine Eltern beobachtet, sie haben sich so geküsst und miteinander geflüstert, wir können es auch ausprobieren und „Mama und Papa“ spielen … Hast du Lust?

– Und wie geht das?

– Ich bin die Mama und du der Papa, du gehst zur Arbeit, und ich werde auf dich warten, Sascha: das Essen kochen, die Küche und das Schlafzimmer richten …

Plötzlich konnte man Schritte vernehmen, die immer näherkamen, und dann die gerufenen Worte:

– Hier seid ihr also!

Es waren unsere älteren Schwestern, meine Schwester Elvira und Maria, die ältere Schwester Katjas. Die beiden waren im selben Alter. Maria war ein sehr hübsches Mädchen, das dunkelblonde Haare und dieselben großen blauen Augen wie seine jüngere Schwester hatte.

Maria:

– Wir suchen euch überall und ihr habt euch hier versteckt!

Katja:

– Und wir wollen nicht mit euch spielen, wir spielen ein anderes Spiel …

Elvira:

– Was für eins?

Katja:

– Mama und Papa!

Maria:

– Was für ein Spiel ist denn das?

Katja:

– Ich bin die Mama und Sascha der Papa! Ich koche ihm zu essen, und er geht zur Arbeit und verdient Geld für uns, wir kümmern uns zusammen um unsere Familie …

Elvira:

– Oh! Und wo sind eure Kinder?

Katja überlegte kurz und schlug dann vor:

– Ihr könnt unsere Kinder sein!

Maria lachte verwundert:

– Kinder, die älter sind als ihre Eltern? Wo gibt es denn so was?

Katja legte die Stirn in Falten:

– Bei uns gibt es das! Ich und Sascha, wir lieben einander, wir haben uns schon geküsst!

Maria:

– Was? Katka! Wenn das die Mama erfährt, dann kriegst du eins von ihr …

Katja:

– Sie erfährt es aber nicht, wenn du es ihr nicht erzählst! Also, spielt ihr jetzt mit uns oder nicht?

Neugierig schaute ich mir die gesamte Szene an, und sie war überaus interessant für mich: Ich sah, wie unsere älteren Schwestern schrecklich erstaunt waren und uns beim Näherkommen wie ein Wunder betrachteten, während sie schweigend Blicke untereinander austauschten, schallend lachten und uns dann einstimmig hänselten:

– Bräutigam-Braut, das Haus halb gebaut, doch dann stürzt es ein und die Braut fällt rein!

Katja sprang aus der Hocke auf und meinte beleidigt:

– Sascha, komm, wir spielen ohne sie!

Maria:

– Na gut! Ich sage Mama nichts, kommt wir spielen!

Auf dem Heuboden bauten wir uns ein Haus aus dem Material, das wir finden konnten, und teilten die Zimmer ein. Wir waren so in unser Spiel vertieft, dass wir nicht merkten, wie eifrig wir in unsere Rollen hineinwuchsen, in denen jeder seine Pflichten erfüllte: die Eltern genau wie die Kinder, ab und zu beobachteten die Kinder die Eltern und die Eltern regten sich auf …

Katja ging in ihrer Rolle förmlich auf:

– Ja schämt ihr euch denn nicht?! Ihr seid unsere Kinder, ihr dürft uns nicht verfolgen und beobachten, was wir machen …

Die Schwestern lachten und nannten uns erneut „Bräutigam und Braut“ … Ich und Katja regten uns auf und rannten vor ihnen davon, wir versteckten uns im Vorgarten, im Gemüsegarten und in den Obstgärten; unsere Schwestern suchten uns, doch manchmal hatten sie genug davon und beschäftigten sich mit etwas anderem: Sie gingen fort, um mit ihren Puppen zu spielen und vergaßen uns …

Einmal versteckte ich mich mit Katja bei uns im Obstgarten; dort, wo die eineinhalb Meter hohen Kirschbäume in zwei Reihen wuchsen, und in der Ecke schwarze Johannisbeersträucher, die von hohem Gras überwuchert waren. Dort saßen wir und lachten über unsere Schwestern: wie sie sich umsonst bemühten, uns zu finden, und dann verschwanden, ohne uns entdeckt zu haben …!

Ich und Katja schauen uns an, danach küssen wir uns. Es war ein Kuss zwischen Kindern, und doch zog mich irgendeine erregende Unkenntnis an wie ein Magnet, und zusammen mit einer unverständlichen Hitze im Bauchbereich stellte sich mir die Frage: Wodurch fühlen sich erwachsene Männlein und Weiblein zueinander hingezogen?

Plötzlich sagte Katja:

– Sascha, komm wir probieren es aus wie in echt! – und sie begann sich auszuziehen.

Ich erstarrte bei ihrem Anblick. Zwar war mir bereits früher der Unterschied zwischen Jungen und Mädchen bewusst geworden, niemals jedoch in einer solchen Nähe. In mir kam etwas zum Bersten, übergoss mich mit Hitze, wir fielen umschlungen aufs Gras und zwischen uns geschah das, was zwischen erwachsenen Männlein und Weiblein geschieht …

Natürlich war alles kindlich, unbeholfen und schlecht, und wir hätten uns am liebsten in Luft aufgelöst, und doch traf ich mich mit Katja immer wieder, ohne dass die anderen es wussten, wir lagen stundenlang umschlungen herum und unterhielten uns über alles Mögliche; für mich war es sehr einfach, weil Katja für ihr Alter ein sehr entwickeltes Mädchen war, sie konnte schon viele Wörter lesen und kannte das Alphabet, kurzum: Für mich war es unglaublich interessant mit ihr …

Eines Tages, an einem heißen Tag im Juli, kam Katjas Mutter Tante Ljuba ins Haus. Sie sah mich irgendwie seltsam an, sagte jedoch kein Wort und schlüpfte an mir vorbei in die Sommerküche. Ihr Besuch machte mich sehr neugierig, doch ich hörte nur, wie Tante Ljuba und meine Mutter über etwas tuschelten, danach klirrten die Teller, und Tante Ljuba ging mit dem selben Gesichtsausdruck, mit dem sie gekommen war, aus dem Haus. Während meine Mutter sie begleitete, hatte sie ihren Blick fest auf mich gerichtet …

Danach kam sie auf mich zu:

– Mein Söhnchen, ich muss mit dir reden … Wir haben von deiner Beziehung zu Katja erfahren, sie ist jetzt krank, sie hat Bauchweh, und ihre Schwester Maria hat erzählt, warum sie eventuell Bauchweh hat … Also, Sascha, du bist schon ein großer Junge und musst verstehen, dass solche Beziehungen in eurem Alter nicht normal sind, davon werden Kinder geboren.

Doch die Natur hat vorgesorgt und ihr könnt noch keine Kinder bekommen, doch die Zeit wird kommen, in der das geschehen kann, und ihr, wo ihr doch selbst noch Kinder seid, bekommt Kinder. Du verstehst doch, was dann los ist … Saschenka, mein Söhnchen, richte dich und Katja nicht zugrunde! Ihr müsst euer Leben als Kinder leben, und in ihm darf es keine solchen Beziehungen geben, verstehst du? Euer Leben muss rein sein, mit reinen Gedanken und reinen Taten …

Und wenn ihr erwachsen werdet, dann könnt ihr Bräutigam und Braut sein, ihr heiratet und erst dann habt ihr solche Beziehungen und bekommt Kinder – so wie du und Katja. Sascha! Ich will dich nicht bestrafen. Ich fühle, dass du alles verstanden hast, ich glaube an dich und vertraue dir, du hast mich bis heute noch nie betrogen und tust es hoffentlich auch nie. Versprich mir, dass du Katja nie wieder anrührst und all meine Wünsche erfüllst. Versprichst du es, mein Sohn?

Während ihres Monologs war es, als würden in meinem Kopf die Glocken läuten. Die Worte meiner Mutter berührten mich tief in meiner Seele und ich flüsterte schluchzend und vor Tränen um Atem ringend:

– Ich verspreche es, Mama …

Mit Katja waren wir weiterhin befreundet, wir trafen uns, unterhielten uns, und nur in seltenen Fällen verrieten unsere Blicke, dass irgendeine seltsame Sehnsucht unsere Seelen ergriffen hatte … Doch niemals kamen wir einander wieder näher.

Die Zeit verflog, der Sommer ging schon dem Ende zu, und es war schade um ihn: Die Schulzeit rückte unaufhaltsam näher. Ich beobachte meinen Vater, wie er vor dem Tor auf einen Dienstwagen wartet und dabei eine Zigarette raucht. Endlich hält ein Auto neben ihm, und mein Vater lässt die Zigarette fallen, ohne sie auszutreten …

Er sagt zum Fahrer:

– Kolja2, was ist passiert? Wo warst du? Die Mittagspause ist doch schon lange zu Ende!

Die Tür wird zugeschlagen, das Auto fährt los und ich blicke wie gebannt auf die nicht ausgetretene Zigarette, deren Rauch wie ein dünner Faden nach oben steigt und sich in Nichts auflöst … Plötzlich überkommt mich das unzähmbare Verlangen, das Rauchen auszuprobieren; ich hebe die Zigarette von der Erde auf und betrachte sie, sie glimmt, qualmt, verströmt einen bestimmten Geruch – einen ungewohnten, süßlich-betörenden Geruch, er lockt mich und ich ziehe an der Zigarette, huste, spucke auf den Boden …

– Pfui, wie widerlich!

Mein erster Wunsch besteht darin, sie wegzuwerfen, doch die Hände halten die Zigarette fest und werfen sie nicht weg; ich huste mich aus und ziehe noch einmal daran: Der Husten ist schon nicht mehr so stark und es ist weniger widerlich, ich schaue sie an und rauche weiter. Von nun an beobachte ich Vater immer häufiger und warte darauf, dass er die Zigarette wegwirft, ich rauche erneut und fühle, wie etwas in mir vorgeht. Irgendwo tief drinnen fühle ich mich unruhig, mir ist klar, dass es schlecht ist, und was, wenn die Eltern es sehen? Wie soll ich ihnen dann in die Augen sehen?

Ich beginne mich zu schämen, lasse die Zigarette fallen … Allerdings beschäftigte mich die Frage: „Warum rauchen die Erwachsenen so viel?“ noch sehr lange.

Vor der Schule fahre ich mit meinem Vater in den Hauptort unserer Region, in die Stadt Semipalatinsk: mein Vater geschäftlich und ich für eine Woche zu Rafael, dem Onkel meiner Mutter.

Semipalatinsk liegt 500 Kilometer von uns entfernt, die Fahrt dauert lange und ich sehe mir den Weg an – hier ist alles neu für mich! Mir fällt auf, wie die Landschaft sich schrittweise ändert und in uferlose Steppe übergeht. Mein Vater unterhält sich mit Onkel Kolja, dem Fahrer. Hier und da lausche ich ihrer Unterhaltung, doch dann lasse ich meinen Blick doch wieder in die Ferne schweifen.

Die Sonnenstrahlen brennen im Gesicht, blenden die Augen und zwingen dazu, die Stirn in Falten zu legen: Die Sonne geht auf und erfüllt die Erde mit Wärme. Der Anblick dieses Bildes stellt etwas in meinem Inneren auf den Kopf: Eine unbewusste Freude überkommt mich, ein vollkommen unbegreifliches Gefühl … Was genau, weshalb und vor allem – was ist sonst noch dazu in der Lage, ein solches Gefühl der Freude beim Menschen hervorzurufen? Die Bekanntschaft mit etwas Neuem? Wünsche, die in Erfüllung gehen?

Als ich mich mit diesen ernsten Problemen beschäftigte, vernahm ich ein leises Schnarchen. Na klar – mein Vater hatte genug geredet und war eingenickt.

Onkel Kolja blickte in den Spiegel und meinte zu mir:

– Na, Sascha, interessant?

– Ja, sehr!

– Beim ersten Mal ist alles interessant, doch dann wird es zum Alltag, weißt du … für uns Erwachsene zumindest. Schau dir deinen Vater an – er kennt schon alles und hat alles gesehen, er schläft während der Fahrt immer ein, und sein Schlaf ist tief.

Einmal wurden wir mit ihm auf diesem Weg hier in einen Unfall verwickelt, alles ging so schnell, wir hatten nicht einmal Zeit zum Nachdenken! Wir haben uns überschlagen, lagen kopfüber da, und erst da ist dein Vater aufgewacht …

Ich fand das lustig:

– Wie konnte das sein?

Onkel Kolja lächelte ebenfalls und wandte den Blick gen Himmel:

– So etwas gibt es in dieser Welt, Sascha, in einem einzigen Moment kann sich alles ändern …

Gegen Abend kamen wir zu einem großen Einzelhaus, und mein Vater sagte:

– So, Saschok, wir sind da, das ist das Haus von Onkel Rafael!

Beim Aussteigen aus dem Auto nahm er unsere Sachen und die Gastgeschenke mit. Eine etwa 60-jährige Frau kommt uns entgegen und umarmt meinen Vater lächelnd:

– Grüß dich, Reinhold! Ist das Sascha?

– Und ob er das ist!

Tante Katja umarmt mich:

– Grüß dich, Sascha! Wie groß du schon bist!

Verlegen lächelnd antwortete ich:

– Ich grüße Sie …

Tante Katja:

– Kommt mit … Geht durch ins Gästezimmer und setzt euch. Rafael kommt gleich von der Arbeit, ruht euch aus, ich gehe solang in die Sommerküche und bereite das Essen vor!

Ich sehe mich um und gehe durchs Haus: Es besteht aus sechs Zimmern, ich schaue mir die Bilder und Fotografien an, berühre die Möbel, bemerke, dass sie materiell besser gestellt sind als wir, überall herrscht Reinlichkeit und Ruhe … letztere wird durch ein Gespräch im Hof unterbrochen:

– Grüß dich, Reinhold! Kannst du dich immer noch nicht von deiner Zigarette trennen …?

– Ich grüße Sie, Onkel Rafael! Ich kann einfach nicht damit aufhören …

– „Ich kann nicht“ gibt es nicht, sag lieber „Ich will nicht!“ Nun sag schon, wo er ist, dein Nachfolger!

– Im Haus. Sascha! Komm hierher, was sitzt du denn allein dort herum?

Ich trete heraus, schiebe den Vorhang in der Tür zur Seite, der als Mückenschutz dient, und mein Blick fällt auf einen Mann mittleren Alters mit wenigen dunklen Haaren auf dem Kopf, mit Geheimratsecken; ich entdecke eine gewisse Ähnlichkeit mit meinem Großvater …

Onkel Rafael meint:

– Na grüß dich, Alexander! – und streckt mir die Hand entgegen.

Schüchtern antworte ich:

– Ich grüße Sie, Onkel Rafael! – und strecke ebenfalls die Hand aus.

– Ah ja, ein ganz Schüchterner! Da sieht man sofort die Erziehung der Mutter, lass dich mal näher anschauen … Sascha, du bist deinen Eltern gar nicht ähnlich – was für helle Haare und was für Augen du hast!

– Er ähnelt meinem Vater, ab und zu sehe ich sogar ihren ähnlichen Charakter!

– Jetzt sag nur, dass er überhaupt nichts „von uns“ hat! Vergiss nicht, Reinhold, dass er von allen gleichviel abbekommen hat! Sascha, wessen Sohn bist du?

– Der von Papa! – antworte ich, ohne nachzudenken.

Mein Vater lächelt:

– So ist’s recht, mein Sohn!

Onkel Rafael:

– Das sagt er jetzt, weil Ella nicht bei uns ist, wie geht’s ihr denn?

Die Unterhaltung ging über zu Themen für Erwachsene, und ich setzte die Erkundung ihres Besitzes fort: Der Hof war klein, besser gesagt gab es überhaupt keinen Vorhof – die zementierten Wege waren etwa eineinhalb Meter breit und an der Seite wuchsen Blumen in einer Reihe, weiter gab es einen großen Gemüsegarten und einen Hinterhof, fast wie bei allen anderen; in ihm springen die Hühner herum und ein Hund dreht sich an seiner Kette und bellt mich an.

Vorsichtig, ja zaghaft gehe ich hinüber zur Scheune, wo ich die Kaninchenkäfige sehe. Dort kann ich mich nicht mehr zurückhalten: Ich beuge mich zu ihnen hinunter, spreche mit den Kaninchen und sehe sie mir genau an …

Die ganze Woche verbrachte ich mit Onkel Rafael und Tante Katja, in ihrem orangefarbenen Auto der Marke „Zhiguli-01“ fuhren sie mich von Geschäft zu Geschäft, wählten eine Schuluniform und einen Schulranzen für mich aus, gingen mit mir Karussell fahren, auf den Rummelplatz und waren mit mir im Krankenhaus, wo ihr Sohn Artur Arzt war. Ich gewann eine Menge neuer Eindrücke …

Katja, Katka, Katenka, Katjuscha, Katjucha …: Umgangssprachliche, teils zärtlich-verniedlichende Koseformen für Katharina.↩

Koseform für Nikolaj (dt. Nikolaus).↩

Kapitel 3. Erste „Geschichtsstunden“

Erster September 1980. Mama bringt mich zur Schule! In die nullte Klasse, die auch Vorbereitungsklasse genannt wurde; in diese gingen die Kinder, die nicht in den Kindergarten gegangen waren.

So viele Kinder sehe ich zum ersten Mal, verwundert blicke ich sie an und versuche sie zu zählen …

Irgendwo tief in mir fühle ich mich beängstigt – ich kann es nicht begreifen und versuche doch zu verstehen, woher dieses Gefühl kommt.

Der Unterricht hat begonnen, die Lehrerin geht durch die Reihen, schreibt die Nachnamen auf, muss bei meinem noch einmal nachfragen und fragt mich dann:

– Bist du Deutscher?

Ich blicke sie mit fragenden Augen an.

– …?

– Alles klar, wo wohnst du, in welcher Straße?

– In der Voronkovaja!

– Also Deutscher!

Die Lehrer beratschlagen sich, dann hört man Folgendes:

– Alle deutschen Kinder, einen Teil der russischen und einen Teil der kasachischen nehme ich zu mir, die übrigen übernimmst du.

Ich verstand nur wenig von diesen Problemen, in der Folge wurde mir jedoch aufgrund dieses einen und vieler weiterer Ereignisse klar, dass genau mit diesen Fragen meine „Geschichtsstunden“ begannen: die ausweglose und bedrückende Geschichte der Erwachsenen …

Der Unterricht beginnt, meine linke Hand möchte zum Füller greifen, Nina Fedorovna korrigiert mich:

– Sascha! Wir schreiben alle mit rechts und zeichnen alles fein säuberlich, so wie es an der Tafel steht …

Für mich ist es unbequem, zu Hause habe ich immer mit der linken Hand Bilder gezeichnet, ich probiere es mit rechts, dann denke ich nicht mehr daran und schreibe wieder mit links, die Lehrerin korrigiert mich …

In den Pausen spielen die Kinder miteinander und ich stehe abseits – ich traue mich nicht, als erster auf sie zuzugehen und jemanden kennenzulernen …

Nach Hause gehe ich alleine, als ich schon unsere Straße erreicht habe, höre ich eilige Schritte und drehe mich um – Es sind zwei Jungen aus unserer Klasse:

– Hey, du! Wer bist du denn? Du weißt schon, dass du auf unserer Straße läufst, oder …?

– Ich wohne in dieser Straße …

– Wir kennen dich nicht, du darfst hier nicht laufen, wenn wir dich nochmal hier treffen, kriegst du Haue von uns, ist das klar?

Schweigend setze ich meinen Weg fort.

– Kannst du nicht reden …?

Ich antworte nicht und laufe weiter, an der Kreuzung erscheint meine ältere Schwester Elvira, die schon in die zweite Klasse ging. Sie fragt:

– Sascha! Hast du auch vier Stunden gehabt?

– Ja.

– Und ich habe dich gesucht, wahrscheinlich sind wir aneinander vorbeigelaufen …

Die Jungen meinen:

– Oh! Bist du etwa auch noch mit Mädchen befreundet? – Gelächter machte sich breit.

Elvira:

– Hey ihr zwei, das ist mein jüngerer Bruder! Sascha! Lassen sie dich nicht in Ruhe?

– Hey Mädel, wir kennen auch dich nicht, das ist unsere Straße, wir verbieten dir, hier zu laufen!

– Wer seid ihr denn? Ihr Schmeißfliegen!

– Was hast du gesagt?

Man konnte hören, wie sie sich uns näherten, und meine Schwester drehte sich um:

– Was wollt ihr von uns?!

Sie warfen sich auf meine Schwester; in mir, irgendwo im Inneren, entfachte sich der Zorn, ich warf den Schulranzen weg und beteiligte mich am Kampf. Es war ein richtiger Kampf zwischen Kindern, nach welchem ein Junge in der Pfütze liegen blieb und der andere davonlief …

Meine Schwester rief ihnen siegesgewiss hinterher:

– Wenn ihr uns noch einmal etwas antun wollt, könnt ihr noch mehr haben!

Eine halbe Stunde später kam eine unbekannte Frau zu uns, zeigte die Jacke ihres Sohnes, sprach mit unserer Mutter, und wir konnten ihr Gespräch vernehmen:

– Schauen Sie nur, was Ihre Kinder meinem Sohn angetan haben!

– Ich entschuldige mich für meine Kinder; wenn sie eine Schuld trifft, bestrafe ich sie, und die Jacke können Sie hier lassen, ich wasche sie!

– Danke, nicht nötig, das mache ich selbst.

Das war der erste Kampf meines Lebens. Auch wenn es zwischen mir und meiner Schwester manchmal zu Konflikten kam, erreichten sie doch nie ein solches Ausmaß.

Normalerweise wachten ich und meine Schwester morgens um fünf Uhr dreißig auf. Wir hörten stets, wie im Nachbarzimmer Mutters Wecker klingelte: Sie stand auf, molk die Kuh und brachte sie hinaus zur Herde, während wir uns derweil wuschen, anzogen und im Wohnzimmer auf sie warteten.

Mama:

– Seid ihr schon wieder so früh aufgestanden, könnt ihr denn nicht schlafen? Ich an eurer Stelle würde gern noch weiterschlafen. Ihr kommt als erste zur Schule, dann wartet ihr noch eine halbe Stunde, bis man euch das Klassenzimmer aufmacht! Was ist so interessant daran, dort herumzustehen und zu warten, wo ihr noch in euren Betten liegen bleiben könntet?

Elvira:

– Wir können nicht schlafen, außerdem laufen wir zusammen mit Maria und Katja zur Schule. Ihre Schule ist weiter weg, bei unserer Schule gehen wir auseinander, und sie müssen noch einen Kilometer weit laufen … Sie, Mama, wollten uns ja nicht in die Gorkij-Schule gehen lassen und meinen, dass zwei Kilometer in eine Richtung zu weit ist, aber dafür ist das eine Mittelschule, während wir nur eine unvollständige Mittelschule haben, und dort ist der Unterricht besser.

Mama:

– Ihr habt mir leid getan, außerdem gehen alle gleichaltrigen Kinder aus unserem Gebiet in eure Schule. Ihr habt es schon geschafft, euch mit einigen anzulegen, wo ihr doch eigentlich untereinander befreundet sein müsstet …

Elvira, die der Mutter beim Frühstück machen half, meinte:

– Aber Mama! Sie wohnen weiter oben als wir, wir kennen sie nicht …

– Dann lernt ihr sie kennen. Der Mensch kann nicht das ganze Leben lang isoliert leben, es kommt die Zeit, in der er Teil der Gesellschaft wird, diese Zeit hat für euch begonnen. Ihr müsst lernen, mit anderen Kindern in Kontakt zu treten und euch nicht zu verschließen, sondern zu öffnen, ihr müsst lernen, Freundschaften zu schließen …

Wir hörten ihr aufmerksam zu, dann sagte Elvira, als sie das Geschirr ins Waschbecken räumte:

– Sascha! Gestern Abend habe ich das Geschirr gewaschen, jetzt bist du dran, und ich trockne ab …

– Natürlich, Elvira, ich erinnere mich.

Wir halfen unserer Mutter stets gerne, wir hatten den innigen Wunsch, ihr das Leben zu erleichtern.

Als wir wie immer eine halbe Stunde zu früh zur Schule kamen, standen wir im Flur und warteten darauf, dass das Klassenzimmer aufgeschlossen wurde, doch heute war für mich ein besonderer Tag – etwas in mir ließ mir keine Ruhe: Ich wartete auf die Jungen von gestern und dachte darüber nach, was kommen würde. Sie waren zu zweit und ich allein, einer war größer als ich, der andere etwa so groß wie ich. Ja … in der Ferne sehe ich eine Jungengruppe, sie kommen näher, ich erkenne unter ihnen auch unsere gestrigen Übeltäter.

– Das ist er …

Aus der Gruppe tritt ein Junge hervor, der, wie mir schien, ihr Anführer war:

– Bist du der, der gestern mit seiner Schwester Vovka1 etwas getan hat?

Sie stellten sich um mich herum auf. Ich weiß nicht warum, aber ich hatte keine Angst vor ihnen:

– Ja, das bin ich!

Er streckt mir die Hand aus:

– Sergej!

Auch ich strecke die meine aus, und wir drücken einander die Hände:

– Sascha!

– Sanja! Also, wir tun dir nichts, weil du aus unserem „Berliner“ Gebiet kommst, wir müssen zueinander halten. Wollen wir Freunde sein?

Zu irgendeinem Zweck blickte ich nach beiden Seiten:

– Ja, gerne …

Wie Erwachsene schüttelten wir einander die Hände, jeder nannte seinen Namen und mein „männliches“ Leben nahm von da an seinen Lauf: Ich verbrachte schon mehr Zeit mit den Jungen, in den Pausen trafen wir uns in Gruppen, unterhielten uns, erzählten einander irgendwelchen Unsinn und spielten „Kosakenräuber“. Schritt für Schritt wurden wir zu echten Freunden, die ein unsichtbares Band zusammenhielt …

Schon auf dem Weg in die Schule hörte man das Pfeifen, wenn hinter uns meine Klassenkameraden liefen: „Sanek!“. Ich ließ meine Mädchen ziehen und wartete auf die Jungen, womit ich meiner Schwester die Möglichkeit gab, sich alleine mit ihren Freundinnen zu unterhalten.

Ich selbst vertiefte mich ins Gespräch mit meinen Freunden und es gab immer Themen, die es zu bereden galt. Nach Hause gingen wir gemeinsam und unbekümmert, und jeder sprach mit jedem; ständig bleibt einer irgendwo stehen, schaut sich etwas an und holt uns dann ein.

So sprang an einer Stelle ein kleiner schwarzer Welpe mit weißen Flecken aus dem Haus und lief mir direkt zwischen die Beine: Er schmiegt sich an mich, streckt sich, springt an mir hoch und fletscht die Zähne! Ich bückte mich, nahm ihn in die Arme und umarmte ihn.

Die Jungs waren verblüfft:

– Sanja! Das ist doch eine Hündin, lass sie los, wozu brauchst du sie?

– Sie gefällt mir!

Ein Mann tritt aus dem Haus:

– Ah, hier bist du also, „Kukla“2 …

Ich blicke den Mann mit meinen kindlichen Augen an und halte ihm den Hund hin. Er lächelt:

– Die Kleine gefällt dir, was? Hast du Platz für sie? Kannst sie zu dir nehmen!

Ich nicke dankbar und drücke den Welpen ganz fest an meine Brust … Die Jungs können es nicht fassen:

– Und wenn deine Eltern „nein“ sagen, was machst du dann mit ihr?

– Meine Eltern sind gutmütig, sie erlauben es mir …

Ich komme nach Hause und zeige den Welpen meiner Mutter:

– Mama, er heißt Kukla.

Mutter blickt mich fragend an:

– Sascha! Reicht dir Morjak denn nicht? Da, wo du den Hund herhast, da bring ihn auch wieder hin.

Ich drücke den Welpen an meine Brust, und irgendwo im Inneren eine tiefe Kränkung empfindend, brach ich in Tränen aus …

– Mama! Ich gebe ihn nicht her!

Meine Mutter seufzte, lächelte dann und sah mich mit ihren gutmütigen Augen an:

– Na gut! Aber sonst bringst du mir niemanden mehr ins Haus, abgemacht?

Freudig nickte ich und trocknete mir die Tränen ab:

– Danke, Mama!

Die Jahre vergehen, ich bin schon acht Jahre alt, komme eines Tages aus der Schule nach Hause und höre, wie meine Mutter weint:

– Mein Sohn, dein Großvater ist gestorben …

Bei der Beerdigung schluchze ich laut, ich sehe, wie meine Mutter nicht von meinem Großvater weicht, sie liegt auf seiner Brust, mein Vater tritt hinzu, hebt sie an, meine Mutter weint:

– Nein, nein …

Ich höre die Stimme meiner Großmutter:

– Elja! Nun nimm dich mal zusammen, alles hat seine Zeit, für deinen Vater war es Zeit zu gehen …

Meine Mutter, die vor lauter Tränen die Arme in die Höhe geworfen hatte, rief:

– Und wohin? Wohin?! Was redet ihr da?!

Großmutter schaut Mutter in die Augen und meint:

– Kind! Sei nicht blind, wir sind alle zu Gast hier, wir kommen alleine hierher und wir gehen alleine – dorthin, wo unser Schöpfer …

Mutter schüttelt zum Zeichen des Protests den Kopf:

– Wie lange wollt ihr euch noch etwas vormachen? Es gibt Ihn nicht auf der Welt, Er ist einfach nicht da.

Nach der Beerdigung höre ich, wie die Erwachsenen besprechen, wie man das Grab anlegen und welchen Grabstein man anbringen sollte.

Großmutter seufzt:

– Ein Grabstein ist nicht nötig, stellt uns ein einfaches Kreuz auf …

– Im Ernst, Mama? Ein Grabstein ist doch besser! – schlagen meine Onkel und meine Mutter einstimmig vor.

Etwas enttäuscht, doch unbeirrt antwortet Großmutter:

– Ich und der Vater, wir haben euch falsch erzogen: Wir haben geschwiegen, wir hatten Angst, den Mund aufzumachen, doch wenn man sieht, dass die eigenen Tage gezählt sind, dann verschwindet auch die Angst vor dieser Welt und wird durch eine andere Form der Angst ersetzt … also, meine Kinder, stellt uns ein einfaches Kreuz auf: „Im Namen unseres Herrn Jesus Christus sind wir gerettet!“ Dieses Zeichen möchten wir auf unseren Gräbern haben …

Es kam das neue Jahr 1983. Einmütig und heiter hießen wir es mit der ganzen Familie willkommen, und am Tag darauf, dem zweiten Januar, feierten wir meinen Geburtstag. Alle kamen zum Gratulieren: Albert, Vaters Freund aus Kindheitstagen, mit seiner Familie, Nachbarn und Freunde. Wir, die Kinder, blieben beim Spielen unter uns, doch ich wurde häufig von den Eltern gerufen, um mir Gratulationen und gute Wünsche anzuhören. An diesem Tag wurde ich neun Jahre alt, und natürlich hatten viele Wünsche mit der Schule zu tun. Ich bedankte mich artig, doch die Gedanken in meinem Kopf drehten sich um den Sommer …

Und da ist er auch schon – es ist wieder Sommer! Ich bemühe mich, überall hinzukommen, bei allen zu Gast zu sein und alles zu schaffen … Als wir einige Tage bei Onkel Samuel, dem Bruder meines Vaters, im Ort Aleekseevka zu Gast waren und uns mit unseren Cousins Alexander und Viktor und unserer Kusine Lida austauschten, spielten wir bis zur Erschöpfung Fangen und Krieg, wobei wir grüne Äpfel als Waffen benutzten. Diese Äpfel hingen im Übrigen überall, in jeder Ecke, und man gewann den Eindruck, es seien keine Gärten, die sich auf jedem Grundstück befinden, sondern das Dorf selbst liege in einem großen Apfelgarten.

Nachdem wir also bei unserer Verwandtschaft waren, setze ich mit Elvira meine Reise in die Ferien fort, unseren Weg, der uns nun ins Dorf Blagodatnoe zu Oma Maria führt. Der Weg führt durch eine gebirgige Gegend, ein Hügel nach dem anderen, immer näher an die Berge heran, aus dem Fenster erblickt man Sträucher, Weizen- und Sonnenblumenfelder, gemähtes Heu … eine unendliche Weite und Schönheit!

Großmutter kommt uns lächelnd entgegen:

– Meine lieben Enkelkinder! Seid ihr es wirklich? Ich lausche schon die ganze Zeit, ob der Bus nicht angehalten, ob meine Enkel nicht schon angekommen sind …

Ich und meine Schwester reden wild durcheinander drauflos, während wir Großmutter umarmen und küssen:

– Oma, unsere gute, liebe Oma (manchmal verspürten wir den innigen Wunsch, unsere Oma mit „Babulja“3 anzusprechen und sie zu duzen; diese Form der Anrede kam uns wärmer vor, doch unsere Erziehung gestattete es uns nicht, dies zu tun. So sprachen wir sie weiter so an, wie unsere Eltern es uns gelehrt hatten, die wiederum von ihren Eltern gelehrt worden waren; das hatte natürlich seine Vor- und Nachteile …), wir grüßen Sie! Wir können die Ferien immer kaum erwarten, um Sie zu besuchen, wir vermissen Sie, und wir lieben Sie!

– Dann erzählt mal! Wie geht es eurer Familie, wie geht es meinem Enkelkind Marina und was machen die Enkel Andrjuscha, Vanja und Kolja? Kommen eure Eltern gut miteinander aus? Streiten sie sich nicht?

Meine Schwester und ich waren irritiert, wir tauschten ein paar Blicke aus, und Elvira gab mir zu verstehen, dass sie das Wort ergreifen wollte:

– Oma, Sie möchten etwas über die Eltern wissen? Da gibt es nichts Gutes zu berichten: Papa trinkt häufig, Mama ist wütend auf ihn, mault, schimpft und droht mit der Scheidung, doch dann beruhigt sie sich, und nach einiger Zeit geht alles wieder von vorne los: Papa kommt wieder betrunken nach Hause, er hat wieder „Geschäftsreisen“ … Einmal habe ich ein Gespräch zwischen Tante Ljuba und unserer Mutter gehört: Soll ich davon erzählen?

Tante Ljuba meinte: „Elja! Unsere Männer waren gestern zusammen irgendwo saufen, und als sie auseinandergehen wollten, haben sie noch lange auf der Straße geflüstert, ich habe ihr Gespräch belauscht! Dein Roman hat etwas über eine Tamara aus der Stadt erzählt …“ Und dann haben sie noch lange miteinander gesprochen. Seit ihrem Treffen setzt Mama Papa erst richtig zu, sie mäkelt an allem herum und ist mit nichts zufrieden: „Er schnarcht, stinkt fürchterlich nach Tabak und Alkohol, sitzt und steht am falschen Ort …“ Selbst wenn er nüchtern nach Hause kommt, findet sie auf jeden Fall einen Grund zum Streiten!

– Meine lieben Enkel, hört gut zu, was eure Oma euch sagt: Ihr lebt in keiner guten Zeit. Die Welt hat sich geändert und mit ihr auch die Leute und ganze Generationen! Was früher nicht erlaubt und peinlich war, wird jetzt von manchen Leuten zur „Verhaltensnorm“ erhoben; ihr seid schon groß, ihr müsst daraus eure Lehren ziehen und dürft die Fehler eurer Eltern auf keinen Fall wiederholen! Mischt euch nicht ein in ihre Streitigkeiten, lebt euer eigenes Leben und nehmt das Schlechte nicht in eure zukünftigen Familien mit.

Wenn die Zeit kommt, dann wählt eure Partner nicht nur nach dem Äußeren; sie müssen alle freudvollen und schwierigen Momente und alle Lebensvorsätze mit euch teilen, sie müssen dieselben Ziele im Leben haben wie ihr. Gerne würde ich euch auch etwas über das geistige Leben erzählen, aber ich kann nicht – die Zeiten haben sich geändert, ich sage nur Folgendes: Seid anständig, meine Kinder …

Unsere Großmutter war eine weise Frau.

In jenem Alter hatten sich meine Lebensansichten bereits herausgebildet. Es gab Freunde, dann beste Freunde und schließlich einfach nur Bekannte. Zu einem meiner besten Freunde wurde Sascha (Alexander), ein Junge mit gekräuselten schwarzen Haaren, der wie ich von kleiner Statur war. Unsere Freundschaft war intensiver als die zu den anderen Jungs und wir wurden beste Freunde. Zeitweise war es jedoch nicht einfach für uns, unsere Freundschaft aufrechtzuerhalten: Nachdem wir uns wieder einmal gestritten hatten, hatten wir lange Zeit keinen Kontakt, und als wir uns schließlich versöhnt hatten, schworen wir einander: „Wir schwören, künftige Streitereien nicht mehr als solche wahrzunehmen, die Freundschaft wieder aufzunehmen und den, der dem anderen in Zukunft als erster die Hand gibt, nicht als Verlierer zu betrachten.“

Alexander wohnte unweit von uns auf dem „Feld“ – so wurde das riesige Brachland genannt, auf dessen gegenüberliegender Seite sich unsere Wohnsiedlung erstreckte. Dort lebten überwiegend Kasachen und dieses Gebiet wurde in der Umgangssprache als „Karabulak“4 bezeichnet.

Dieses Feld stellte einen neutralen Streifen dar, auf dem wir uns mit anderen Jungs unterschiedlichen Alters von unserer Straße versammelten und Fußball und Volleyball spielten. In den Pausen diskutierten wir die Strategie unserer „Brüderschaft“: mit welchem Gebiet wir uns bekämpften, mit welchem wir Bündnisse eingingen und alle möglichen weiteren Themen …

Wenn wir uns auf unserer Straße versammelten, stellten wir den Jungs aus dem „Karabulak“, die in die kasachische Schule gingen, einen Hinterhalt. Ihr Weg führte durch unser Gebiet „Berlin“, das wegen seiner vorwiegend deutschen Bewohner so genannt wurde, woraufhin alle kasachischen Jungs einen Umweg machen mussten; nur die kasachischen Mädchen konnten unbehelligt auf unserer Straße laufen, und in mir wuchs ein zunehmender Nationalismus heran …

Für unsere deutsche Herkunft waren wir bereit, bis zum Äußersten zu gehen, und wenn uns in der Schule jemand „Faschisten!“ hinterherrief, dann riefen wir als Antwort: „Kalbity5, Tshurki6!“, und es kam zu einem ernsthaften Kampf, nach dem man unsere Eltern zur Schule rief. Ich lud dazu immer Mutter ein, vor meinem Vater hatte ich Angst, außerdem war er fast immer unterwegs.

So musste ich zu Hause häufig die Rolle des Hausherren übernehmen und für die Haustiere sorgen: für die Kuh, die Hammel, die Schweine, die Hühner, und ich kümmerte mich um meine geliebten Kaninchen; manchmal arbeitete ich bis zum späten Abend und vergaß dabei alles Übrige.

Nach den Schulgesprächen kam Mutter häufig mit Tränen in den Augen nach draußen:

– Sascha! So bist du doch gar nicht, innerlich bist du ganz anders, ich bin deine Mutter, und ich kenne dich, warum prügelst du dich also? Warum tanzt du nach der Pfeife von anderen? Du nennst deine Mitschüler „Tshurki“ und willst damit sagen, dass sie Dummköpfe sind und die Unterrichtsthemen nicht immer begreifen. Das ist dumm, Sascha. Du vergisst, dass sie auf ihrem ursprünglichen Land leben und dass Russisch nicht ihre Muttersprache ist; sie denken in ihrer Muttersprache, auf Kasachisch, also müssen sie den gesamten Lehrstoff innerlich ins Kasachische übersetzen! Es tut mir leid um dich, mein Sohn, dein Herz versteinert …

Ich empfand Mitleid mit meiner Mutter – tief im Inneren weinte ich mit ihr, was ich ihr jedoch nicht zeigte …

Mit den anderen Jungs wähnten wir uns damals im Recht, wir glaubten, dass alles so seine Richtigkeit hatte und machten weiter mit unseren hemmungslosen und grausamen Scharmützeln. In unserer Straße befand sich eine kleine christliche Kirche, in die ziemlich viele Menschen mit Kindern verschiedenen Alters gingen; ich und die anderen Jungs lachten über sie und beschimpften sie untereinander als „Baptisten“, und wenn die Kinder ohne Eltern in die Kirche gingen, kränkten wir sie, indem wir sie laut „Gottesanbeter“ riefen …

Herbst 1984. Ich gehe in die vierte Klasse und es gibt nichts, worauf ich stolz sein könnte: Mein Lernerfolg ging zurück: Von einem der besten Schüler war ich zu einem Dreierkandidaten geworden und mein Verhalten war klar mangelhaft. Die Lehrer beschweren sich häufig über mich: Wir sind unartig, kämpfen und raufen in den Pausen, was teilweise auch in die Klassen übergeht. Die Unterrichtsstunden sitze ich irgendwie bis zum Ende aus, vor einigen Lehrern habe ich Respekt, wie etwa vor meiner Geschichtslehrerin Tatjana Petrovna, und obwohl ich tatsächlich alle Anstrengungen unternehme, um mich in Geschichte besser auszukennen, kommt es auch hier zu Unannehmlichkeiten …

Das Thema der Unterrichtsstunde lautet Religion, und schon bei der Erwähnung des Namens „Jesus Christus“ machte sich in der Klasse Gelächter breit, aus allen Ecken konnte man ein an mich gerichtetes „Christus!“ vernehmen; ich schaute nach allen Seiten, alle wendeten sich ab, lachten jedoch weiter, wobei sie sich in ihre Bücher vertieften oder einander ansahen.

Tatjana Petrovna, die mit einem verwunderten Gesichtsausdruck erstarrt war, fragte streng:

– Was ist los? Ja, Jesus Christus ist das Thema! Was ist daran so lustig? Ruhe! Nach dem Lehrplan müssen wir religiöse Fanatiker durchnehmen, von denen Jesus Christus einer ist. Mit seiner Geburt ist der Beginn der „neuen Zeitrechnung“ verknüpft, die wir jetzt verwenden. Draußen ist das Jahr 1984, das bedeutet, dass Jesus Christus vor 1984 Jahren geboren wurde. Er vollbrachte viele Wunder und nannte sich Menschensohn und Sohn Gottes – des Gottes, der angeblich im Himmel lebt. Wir jedoch wissen jetzt, dass der Himmel eine Schicht der Atmosphäre ist, und mit dem Flug des weltweit ersten sowjetischen Astronauten Jurij Gagarin, nach dem unsere Schule benannt ist, konnten wir uns vergewissern, dass es in der gesamten Galaxis außer uns keinen weiteren Verstand und kein Leben auf anderen Planeten gibt.