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Fahrlehrer brauchen Nerven aus Stahl. Denn auf dem Beifahrersitz erlebt man so einiges. Sei es die Fahrschülerin, die dringend aufs stille Örtchen muss und kurzerhand eine Vollbremsung einlegt, um sich neben dem Fahrschulauto hockend zu erleichtern. Oder die lieben Eltern: Mütter, die Stullen für die Fahrstunde schmieren, und Väter, die dem Fahrschulauto argwöhnisch hinterherfahren. Fahrlehrer Christoph Flittner erzählt humorvoll von den kuriosesten Vorfällen. Und er liefert endlich Antworten auf Fragen, die man in keiner Fahrschule lernt: Darf ich im Auto rauchen? Kann ich als Fußgänger Punkte in Flensburg bekommen? Und warum heißt der Kotflügel eigentlich Kotflügel? Ein verblüffendes Nachschlagewerk für alle Autofahrer und Verkehrsteilnehmer – und alle, die es werden möchten.
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Seitenzahl: 234
Veröffentlichungsjahr: 2025
HerrFahrschule
»BESOFFEN MIT
FAHRRAD IST
OKAY, ODER?«
Verrückte Geschichten aus dem Alltag eines Fahrlehrers
Alles, was du schon immer übers Autofahren wissen wolltest
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://dnb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen
Wichtiger Hinweis
Ausschließlich zum Zweck der besseren Lesbarkeit wurde auf eine genderspezifische Schreibweise sowie eine Mehrfachbezeichnung verzichtet. Alle personenbezogenen Bezeichnungen sind somit geschlechtsneutral zu verstehen.
Originalausgabe
2. Auflage 2026
© 2025 by riva Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH
Türkenstraße 89
80799 München
Tel.: 089 651285-0
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden. Wir behalten uns die Nutzung unserer Inhalte für Text und Data Mining im Sinne von § 44b UrhG ausdrücklich vor.
Redaktion: Martin Spieß
Umschlaggestaltung: Karina Braun
Umschlagabbildungen und Abbildungen Innenteil: AdobeStock/Hurca!, luisrftc, o_a, Tartila; Christoph Flittner
Layout: Manuela Amode
Satz: inpunkt[w]o, Wilnsdorf (www.inpunktwo.de)
eBook by ePUBoo.com
ISBN druck 978-3-7423-2940-0
ISBN ebook (EPUB, Mobi) 978-3-7453-2689-5
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.rivaverlag.de
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Prolog
Würden Sie bitte mal pusten? Danke!
Die Route enthält Verkehrsstörungen
Achtung! Hubschrauberlandeplatz! Nicht parken!
Vorsicht! Gegenverkehr!
Pannenhilfe
Vorfahrt beachten!
Allgemeine Verkehrslagen
Vergisst du den Schulterblick – und anderes, was so passieren kann
Na, dann fahren wir mal los
Sie haben Ihr Ziel leider nicht erreicht
Mist, ich muss schon wieder tanken
Haben Sie noch irgendwelche Fragen?.
Theorie und Praxis
Epilog
Danksagung
Über den Autor
Jungs werden Piloten, Feuerwehrmänner oder Polizisten. Welcher Junge träumt wohl davon, Fahrlehrer zu werden? Keiner! Ich auch nicht! Heute wäre das ganz anders. Damals träumte ich davon, ein guter Radiomoderator zu sein. Tolle Musik zu spielen und damit die Möglichkeit haben, vielen Menschen Freude und glückliche Stunden zu schenken, das sollte meine Mission sein. Träume real werden lassen. »Es kommt drauf an, was man draus macht« war schon immer meine Devise. Also hatte ich mit 15 Jahren eine eigene Radiosendung, genannt Jugendtreff. Ich spielte »unsere« Musik und behandelte »unsere« Themen. »Von der Jugend für die Jugend« lautete das Motto und ich fieberte jedem Freitagnachmittag entgegen, um wieder am Mikrofon zu sitzen und mein rasant wachsendes Publikum zu begrüßen. Dann ging meine Moderatorenlaufbahn weiter und ich hatte keinen Traum davon, wohin sie mich führen würde.
Wenn Franzi so ganz entspannt und gedankenverloren durch den Wald schlendert, kann sie zuckersüß schmeckende Walderdbeeren und manchmal sogar Himbeeren finden. Aber Franzi erwacht schweiß gebadet aus ihrem Albtraum. Immer noch am ganzen Körper zitternd realisiert sie nach und nach, dass die wilde Verfolgungsjagd durch den Wald doch nur ein Traum war. Wenn ich Franzi nun fragen würde: »Sind dir denn die leckeren Erdbeeren über diesem leuchtenden Grün des Waldbodens überhaupt nicht aufgefallen?« Wie würde Franzi reagieren? Vermutlich würde sie in Tränen ausbrechen und mir aus tiefstem Herzen ein verzweifeltes »Natürlich nicht!« entgegenschluchzen.
Der Fahrprüfer fragte Franzi mit einem Ausdruck tiefster Verwunderung: »Ist Ihnen denn das große, rote Stoppschild überhaupt nicht aufgefallen?« »Natürlich nicht!«, schluchzte Franzi ihm verzweifelt entgegen. Jetzt war mir klar: Für Franzi war die Fahrprüfung eine Verfolgungssituation, ja fast schon ein Albtraum. Ich realisierte das und konnte es nie wieder vergessen. Wer durch den Wald spaziert, kann köstliche rote Erdbeeren finden. Wer durch den Wald flieht, wird keine Beeren entdecken. Wer mit mir entspannt bei einer Übungsfahrt unterwegs ist, wird rote Ampeln und Stoppschilder sehen. Wenn derselbe Mensch mit dem Fahrprüfer auf dem Rücksitz unterwegs ist, kann es, der besonderen Situation geschuldet, durchaus vorkommen, dass Ampeln übersehen werden, auch wenn sie ihr allerschönstes leuchtend klares Rot zeigen. Ab da war mir klar: »Ich werde es irgendwie anders machen.« Bald darauf erfand ich mein erstes Mutgespräch, damit auch Flüchtende Stoppschilder erkennen. Es ist mir auch wichtig es »Mutgespräch« zu nennen und nicht »Prüfungsangstseminar«. Angst ist negativ, Mut aber gibt Kraft und ist positiv. Das ist schon der erste Schritt zum Bestehen einer Führerscheinprüfung – sie mit etwas Positivem zu verknüpfen. Das ist sie ja auch: Hey, ab jetzt darf ich alleine Autofahren, wie cool ist das bitte?
Es sind Erkenntnisse und Fügungen wie die Erfahrung mit Franzi, die mich Fahrlehrer werden und Fahrschulen gründen ließen. Auch »HerrFahrschule« auf TikTok und dieses Buch sind meinem Sendungsbewusstsein entsprungen – immerhin war ich ja mal Radiomoderator und da auch auf Sendung. 😊 Den Menschen im immer anspruchsvoller werdenden Straßenverkehr Gutes zu tun, das sollte wohl meine Mission werden. Ganz besonders liegt mir am Herzen, dass alle Fahranfänger jeden Abend gesund und glücklich nach Hause kommen.
Schon als Schulanfänger durfte ich erfahren, dass Lernen gelingen kann, wenn man das Glück hat, eine wundervolle Lehrerin oder einen coolen Lehrer zu haben. Ich denke dabei an eine Wissensvermittlung mit Begeisterung und Humor mit einfühlsamer Wertschätzung sowie Freude am Beruf und dem damit verbundenen ehrlichen Lächeln. An diese Erfahrung dachte ich bei der Vorbereitung zu meinem ersten selbstständigen Theorieunterricht, meinem ersten TikTokVideo und meinem ersten Buch, das du nun in Händen hältst. Steigen wir ein.
Hier eine kleine Episode für den Einstieg
Wir befanden uns auf der Autobahnfahrt – A9 – neben mir Carlo, mein erster italienischer Fahrschüler. »Ich komme aus Neapel, das liegt in Sizilien und ich bin kein Mafioso.« Das war einer der ersten Sätze, als er sich zum Führerschein angemeldet hat. Ich fragte mich sofort, wieso er denkt, darauf hinweisen zu müssen, dass er nichts mit der Mafia zu tun hat. Ab diesem Moment dachte ich immer an einen vollschlanken Mafiaboss mit dicker Zigarre im Mund, wenn ich Carlo begegnete.
Wir waren also auf der Autobahn unterwegs und Carlos perfektes Deutsch beschränkte sich im Wesentlichen auf den Satz mit Neapel und der Mafia. Ansonsten waren seine Sprachkenntnisse gerade so ausreichend, um im Alltag einigermaßen klarzukommen. Deshalb verlief auch unsere Fahrt auf der Autobahn relativ wortkarg.
Ganz unvermittelt fragte Carlo dann: »Sag mal Christoph, diese Ort Ausfahrt, was ist das für eine riesengroße Ort? Alle Schilder egal, überall geht zur Stadt Ausfahrt.« Ich versuchte mit aller Kraft, mein Lachen mehr wertschätzend als milde bedauernd zu gestalten. Dabei hilft mir der Gedanke daran, wie es für mich in einer italienischen Fahrschule wäre. Ich hätte mich vermutlich mit den Worten vorgestellt: »Ich bin Christoph aus Bayern, das liegt in Deutschland, aber ich mag kein Bier und esse kein Fleisch!«
Also verließ ich mit Carlo die Autobahn bei dem nächsten Hinweis auf die Stadt Ausfahrt und siehe da, wir landeten in Nürnberg. Jetzt konnte auch Carlo aus vollem Herzen lachen.
Oh, ja – natürlich! Mein Fahrlehrermärchen hat selbstverständlich ganz genau so angefangen, wie Märchen halt anfangen. Es war einmal…
Es war meine Oma, und ich hatte eine sehr aktive Oma. Eine alleinerziehende Vollblutunternehmerin, das war sie. Meinen Opa konnte ich nicht kennenlernen, weil er schon bald, nachdem er ein Straßenbau und Fuhrunternehmen gegründet hatte, verstorben war.
Er hinterließ eine Tochter (meine Mama) und das Unternehmen. Also wurde meine Oma alleinerziehende Spezialistin für Tiefbau. Wenn so eine Oma eine Vision hat, gibt es wohl keine Hindernisse, die sie an der Umsetzung hindern würden. Sie hatte für mich das klar definierte Ziel: »Der Bub muss was Vernünftiges lernen.« Vernunft war damals, und nicht nur damals, nicht gerade so sehr meine hervorstechendste Tugend. Also baute ich wie Oma beim Tiefbau Hügel und Berge, um nach der Schule erst einmal etwas chillen zu können. Meine Tiefbauoma bügelte alles nieder und ich lernte IT, also etwas Vernünftiges. Zum Glück hatte ich daneben noch das Radio und meinen Jugendtreff. Kaum war die vernünftige Ausbildung erfolgreich abgeschlossen, zog mich das Radio voll und ganz in seinen Bann.
Ein Praktikum bei Antenne Bayern bestätigte mich in meinem Ziel. Also landete ich bei einem sehr bekannten Regionalradio, um meinen Traum voll und ganz wahrwerden zu lassen. Doch da war im Hintergrund immer noch meine Oma, und die hatte auch so ihre Träume und Realvorstellungen, was mich betraf. Entscheidend war jedoch ihre Durchsetzungsstärke aus dem Tiefbau. »Das mit dem Radio ist doch wirklich nichts Gescheites. Jetzt machst du erst einmal einen LkwFührerschein!« So langsam dämmerte auch mir, welche Zieleingabe Omas Navi erhalten hatte. Da gab es ein Unternehmen, eine Oma und einen Enkel. Der konnte jetzt schon etwas IT, und wenn er auch noch den LkwFührerschein hat, ist er schon ein gutes Stück weiter auf dem Weg zur Unternehmensübernahme. Damit konnte ich absolut keinen romantischen Traum assoziieren. Schon als kleiner Junge brüllte ich wie ein angeschossener Löwe, wenn man mich in das Führerhaus eines riesigen Laders hievte. Aber egal, wie unromantisch die Vorstellung für mich war: Meine Oma hatte ihr Navi, auf dem für den Enkel eine klare Richtungsvorgabe eingestellt war. Es ging also in Richtung LkwFührerschein. Der Fahrlehrer war sympathisch und der Lkw weniger problematisch, als ich dachte. Zwischendurch machte mir die Ausbildung richtig Spaß. Meinem Fahrlehrer, der auch Inhaber der Fahrschule war, ging es wohl ähnlich. Außerdem hatte ich ihm eröffnet, dass meine Leidenschaft der Kommunikation und dem Radio galt. Alles zusammen führte wohl dazu, dass er mich bei Übergabe des LkwFührerscheins fragte, ob ich mir vorstellen könnte, bei ihm als Fahrlehrer zu arbeiten.
Das konnte ich absolut nicht. Wirklich nicht!
So unhöflich, das gleich rauszublöken, wollte ich nicht sein und versprach, mir darüber Gedanken zu machen.
Aber natürlich verschwendete ich keinen einzigen Gedanken daran.
Den ganzen Tag im Auto zu sitzen und immer nur dasselbe zu tun, erschien mir absolut indiskutabel. So ganz nebenbei und beim Abendessen zu Hause erwähnte ich das Ansinnen meines Fahrlehrers. Am nächsten Morgen meinte mein Vater: »Ich hab da mal gegoogelt und so eine Ausbildung zum Fahrlehrer sieht irgendwie anspruchsvoll und interessant aus. Du fährst doch so gerne Auto und ein zweites Standbein könnte doch auch der Oma zu vermitteln sein.« Ich beschäftigte mich zunächst widerwillig mit dem Thema, doch eine neue Herausforderung, auf welchem Gebiet auch immer, fand ich irgendwie spannend. Oma winkte den Zweitbeingedanken mit einem Augenzwinkern durch und so landete ich tatsächlich bei meinem Fahrlehrer, der seine Begeisterung darüber nicht verbergen konnte. Ich meldete mich zur Ausbildung bei einem bekannten Institut an.
Die Fahrlehrerschule war in MünchenGiesing am 60er Stadion, und direkt neben der Schule war ein geschichtsträchtiger Ort: Deutschlands erster McDonald’s, eröffnet am 4. Dezember 1971. Dieses Datum weiß ich heute noch auswendig. Ist auch keine große Leistung, wenn man das neun Monate lang dreimal täglich liest. Ja, ich habe da gefrühstückt, Mittag gegessen; und Kaffee und Kuchen gab’s auch jeden Tag. Exakt zehn Kilo – natürlich nur am Bauch – habe ich dort zugenommen. Fahrlehrerbauch – hier bin ich.
Oma war froh, dass ich täglich duschte, mich halbwegs gesund ernährte (naja) und einer Arbeit nachging, anstatt – was ihre größte Angst war – ein hilfsbedürftiger Verwahrloster zu werden. Sie fragte regelmäßig nach und schien zufrieden, dass ich am Telefon weder lallte noch »Wer sind Sie?« fragte.
Wie durch ein Wunder erkannte ich eines Tages und nach einer Präsentation eines Mitschülers, die an Langeweile nicht zu überbieten war, meine große Chance. Ich begann damit, bei nur noch körperlicher Anwesenheit, so ganz nebenbei neue und spannende Konzepte für eine moderne und mitreißende Fahrschulausbildung zu entwickeln. Dieser Aufgabe konnte ich mich voll und ganz hingeben. Meine Besuche bei Mäckes wurden seltener und die durchgearbeiteten Mittagspausen mehr. Bestimmt waren auch Lehrer und Ausbilder zutiefst darüber verwundert, dass da einer so begeistert über ihren Unterricht ist, dass er sich sogar noch in der Pause mit dem Stoff beschäftigt und dabei sogar die Mahlzeiten vergisst. Es war also eine optimale WinWinSituation.
Erfahrungsgemäß gehen leider die guten und zum Glück auch die weniger guten Zeiten vorüber. Immer half und hilft meine Devise: »Es kommt immer drauf an, was man draus macht.«
Nun war ich also Fahrlehrer und brannte darauf, meine Konzepte in die Tat umzusetzen.
Meine aufregende Reise in ein Fahrlehrerdasein hatte begonnen. Ja, so fing das an und eines war mir sonnenklar: Ich werde es anders machen!
Es war meinem Chef sicher nicht unangenehm, das lodernde Feuer in mir zu sehen, und so »durfte« ich von Anfang an alles alleine machen. Theorieunterricht ab der ersten Stunde ganz ohne jede Unterstützung. Fahrunterricht ab dem ersten Mal ganz ohne Unterstützung. Nebenbei erwähnt hätte ich mir nichts Besseres wünschen können als »ganz ohne Unterstützung«. In der Summe wieder eine WinWin Situation für den Chef und mich: Finanziell profitierte mein Chef allerdings mehr, denn die Anmeldungen zum Führerschein nahmen zu. Ich freute mich darüber, dass die Führerscheinbewerber ihre Handys aus der Hand legten, als der Theorieunterricht begann. Ich experimentierte zwischen Entertainment und Sachlichkeit, versuchte es mit Spaß und Unterhaltung. Mehr und mehr gelang es mir, ein ausgewogenes Verhältnis zu finden, und die Schülerinnen und Schüler waren gleichermaßen begeistert.
Auch, wenn es zuweilen etwas persönlich wurde. Alle hatten Verständnis und ich verstand nach und nach, wie es optimal funktioniert. Am Ende war es dann halt doch nicht meine Fahrschule und meiner Fantasie waren deshalb gewisse Grenzen gesetzt. Ich spielte immer mehr mit dem Traum von Selbständigkeit. Ungefragt ermutigten mich viele Fahrschülerinnen und Fahrschüler, die zu Freunden geworden waren. Zufällig entdeckte ich einen Friseursalon, der einen Nachmieter suchte. Ich besichtigte den Raum und fand ihn und die Lage absolut für eine Fahrschule geeignet. Es folgten noch ein paar wache Nächte und der Beschluss war gefasst.
Oma stand nur eingeschränkt zur Beratung zur Verfügung. Mein Papa hatte Omas antilopenbraunen Volkswagen Jetta ausgeliehen und war auf regennasser Fahrbahn nebst frischer Ölspur ins Schleudern geraten. Nach mehrfachem Überschlag war der Jetta Totalschaden und Papas Sprunggelenk gebrochen. Reumütig rief er Oma an, um ihr das Malheur zu gestehen. Oma realisierte offensichtlich nicht die ganze Dramatik und antwortete: »Kannst du bitte nachsehen, ob die Radioantenne noch in Ordnung ist? Ich hab sie erst letzte Woche ersetzen lassen.« Sie kaufte dann einen hellblauen Mercedes, in der Hoffnung, dass diese freundlichere Farbe unter einem glücklicheren Stern stehen würde.
So begann also mein Fahrlehrerdasein. Anfangs dachte ich noch, dass mir eine Fahrschule völlig reichen würde, ich wollte vielleicht irgendwann noch einen Fahrlehrer einstellen, aber mehr auch nicht. Es ging nur darum, dass ich auch mal krank oder im Urlaub sein konnte, ohne die Fahrschule zumachen zu müssen. Allerdings hat die Umsetzung meiner Ideen von einer neuen, kundenorientierten Fahrschule nach und nach so eingeschlagen, dass ich schon nach drei Monaten jemanden einstellen musste, und dann nach weiteren drei Monaten noch einen und immer so weiter. Ich habe es halt anders gemacht als die anderen. Moderner. Frischer. Jeder, der sich bei mir zum Führerschein anmeldet, kriegt ein kleines Geschenk – eine Schultüte gefüllt mit Süßigkeiten und Werbegeschenken von meiner Fahrschule. Die Getränke für meine Schülerinnen und Schüler im Theorieunterricht gibt’s gratis, und kleine Snacks dazu. Ich gestalte den Unterricht lockerer, ein bisschen wie eine Saturday LateNightShow– voll mit Interaktionen, lustigen Momenten und Überraschungen. Da hört man gern zu, hat Spaß und lernt, ohne es zu merken. Viele meiner Schüler kommen häufiger zum Unterricht, als sie müssten – der Rekord liegt bei 78 Theoriestunden, obwohl nur 14 Pflicht sind. Ich bilde mit Struktur aus, fahre nicht einfach so in der Weltgeschichte rum. Nein, ich überlege mir, was ein Fahranfänger können und wissen muss, und habe mir mein eigenes Konzept überlegt. Stellen, die wichtig sind, Aufgaben, die erledigt werden müssen, Kreuzungen, die Probleme bereiten. Für alle meine Schüler drehe ich TutorialVideos, die man sich vor den Fahrstunden anschaut. Das spart Zeit und Geld.
Meine »Kinder« sollen sich wohlfühlen und mit Freude zur Fahrstunde oder in die Theorie kommen. Und mein Leitsatz war schon immer: Was du mit Freude lernst, wirst du immer im Kopf behalten!
Heute darf ich mit Stolz behaupten, dass ich mittlerweile drei Fahrschulen habe und – je nach Saison – bis zu 20 Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen beschäftige.
Wenn ich so zurückdenke an diese erste Zeit als Fahrlehrer, dann fällt mir immer als Erstes ein, wie schlecht gelaunt, unhöflich, aggressiv oder sogar richtig böse manche Autofahrer Fahrschulautos und ihren Insassen gegenüber waren. Da wurde gehupt, gepöbelt, geschrien, und manchmal dachte ich nur: »Wieso sind die so? Warum kann man nicht mal ein bisschen geduldiger sein, wir haben doch alle mal angefangen.« Aber man kam ja an die Leute nicht ran, die fuhren hupend weiter und knurrten unbehelligt vor sich hin. Das Blöde ist: Es wurde und wird immer schlimmer. Dazu später mehr.
Dann, man wird sich erinnern, kam der CoronaLockdown. Alles dicht, alles zu, alles hielt den Atem an und setzte Masken auf. In dieser Zeit habe ich mich aus lauter Langeweile – die Fahrschule war ja geschlossen – bei TikTok angemeldet und surfte da so rum. Mir fiel auf, dass es unglaublich viele Videos ohne wirklichen Sinn dahinter gab (Susi einfach so am Strand, Susi tanzend am Strand, Susi trinkt am Strand Wasser, Susi sonnt sich am Strand), und hier sah ich plötzlich meine Chance: Warum nicht einen TikTokKanal eröffnen und mit Beiträgen übers FahrenLernen bestücken? So könnte ich all die Leute erreichen, die eben nicht in meinem Auto sitzen, das wäre doch was. Mein Ziel war klar: Mit Missverständnissen, Mythen und Vorurteilen im Straßenverkehr aufzuräumen, jedes Video sollte einen Mehrwert für den User haben, ich wollte gute Laune verbreiten, es sollte Spaß machen und die Leute da draußen sollten ohne erhobenen Zeigefinger was lernen! Das Gute war: Ich konnte das. Als Radiomoderator hatte ich gelernt, Beiträge sinnvoll zu verpacken und zu transportieren. Das war wohl alles Schicksal!
Ja, so war das. Ich begann, den Kanal »HerrFahrschule« mit meinen Erlebnissen, mit Fakten, ja, mit allem Möglichen zu füttern. Stoff zum Füttern hatte ich mehr als genug. Als Fahrlehrer kann ich ein Lied davon singen. Der Name »HerrFahrschule« kam übrigens von einer Dame um die Vierzig, die mich immer so genannt hat. Ich fand das witzig und hab es übernommen.
Und jetzt fahren wir mal los!
Ich habe als Fahrlehrer mittlerweile etliche Jahre auf dem Buckel und kann mit Fug und Recht behaupten, schon viel erlebt zu haben. Mal ist das witzig, mal tragisch und mal so, dass man einfach nur den Kopf schütteln kann, wenn auch schmunzelnd.
So hatte ich einen Fahrschüler, Ali. An einem Theorieabend besprachen wir das Thema Alkohol am Steuer. Ali war außer sich, als das Thema zur Sprache kam. Er kriegte sich kaum noch ein. Ali war richtig giftig.
»Brauch ich nicht, Herr Fahrlehrer. Allah ist nämlich sehr, sehr böse, wenn ich Alkohol trinke, also trinke ich keinen Alkohol. Denn Alkohol ist auch böse.«
»Du musst diese Stunde trotzdem mitmachen, Ali«, sagte ich. »Das ist Pflichtunterricht.«
Ali war beleidigt, weil Allah ihn ja verachten würde, wenn er, Ali, einen Kurzen kippt. Und er nahm Allah ernst, Allah war wichtig, Allah war allwissend, Allah war einfach Allah. Gut. Ali absolvierte grummelnd die Stunde und antwortete, wenn er was gefragt wurde, nur: »Das hat Allah mir nicht gesagt, Allah kennt sich nicht aus mit Alkohol.« Ja, Ali war bockig. Allah wahrscheinlich auch. Ich musste lachen.
Tja, und ein paar Wochen später sah ich einen jungen Mann, der sturzbetrunken übers Erdinger Volksfest taumelte. Er bewegte sich ungefähr wie Ali, sah aus wie Ali und ja: es war Ali. Er hatte eine Maß Bier in der Hand und das war mit Sicherheit nicht die erste heute Abend. Ich war fassungslos.
»Ali«, sagte ich. »Was sagt denn Allah dazu, dass du betrunken bist?«
»Och, Herr Fahrlehrer«, sagte Ali und kicherte, während er mir zuprostete und dabei stolperte. »Allah hat einmal im Jahr eine Woche
Urlaub und der ist immer dann, wenn hier in Erding Volksfest ist.« Und da musste ich dann auch lachen.
Ja, bei unseren Festen im Ort ist immer viel los und natürlich wird auch recht viel getrunken, das ist in Bayern nicht anders als in Hessen oder NRW. Jedenfalls hatten wir auch mal wieder Volksfest, meine Fahrschule in Erding ist nicht weit vom Festplatz entfernt, und nach der Arbeit bin ich mit meiner Frau mal kurz drüber gegangen. Auf dem Rückweg fiel uns ein Mann auf, der verzweifelt versuchte, seinen Autoschlüssel ins Schloss zu stecken. Ergebnislos. Es sah ein wenig so aus, als wolle er den Wagen umwerfen.
»Kann ich dir helfen?« Man hilft ja, wo man kann.
»Brdicöibhepäwjäjmdfuj.«
Ich verstand natürlich gar nichts, sagte aber höflich: »Ach so. Wo willst du denn hin?«
»Ööekjgjkvmveijnhause.«
»Nach Hause?«
Nicken. Schielend wurde ich angeschaut. »Chfahrjetz, hicks.«
»Das geht nicht. Gib mir mal deinen Schlüssel.« Auf gar keinen Fall hätte ich zugelassen, dass er fährt, aber was sollte ich jetzt tun?
Erstmal wollte ich ihn von der Straße bekommen und öffnete seine Autotür. Bevor ich ihm überhaupt ansatzweise hätte helfen können, fiel er schon bäuchlings voraus in sein Auto. Das Gesicht im Beifahrersitz, den Schalthebel unter der linken Achsel und die Füße standen zur Tür raus. So war er erstmal in Sicherheit. Und jetzt? Einfach so liegen lassen konnte ich ihn nicht, zum Heimtragen war er zu schwer und der Weg zu weit, also rief ich die Polizei an. Meine Hoffnung war, dass sie ihn mitnehmen und er dort in der Ausnüchterungszelle seinen Rausch ausschlafen konnte.
Wenige Minuten später waren zwei sehr freundliche junge Polizisten vor Ort. Noch bevor sie aus dem Streifenwagen stiegen, rief ich unserem Bierfreund zu: »Du bist jetzt ganz still, ich regle das für dich, okay?« Noch bevor ich den Polizisten ein »Guten Abend!« zurufen konnte, fragten sie mich: »Wollte der besoffen fahren?«
»Nein, natürlich nicht! Wir haben ihn nur in sein Auto gelegt, damit er nicht auf der Straße in Gefahr ist.«
»Okay, und was sollen wir jetzt machen?« wollte die Polizistin wissen.
»Naja, könnt ihr den vielleicht mitnehmen und er schläft seinen
Rausch bei euch auf der Wache aus?«
»Nein«, sagte sie. »Wir sind heute Nacht schon voll!«
»Naja, ich würde ihn schon heimfahren, aber ich hab ein paar Mal an der Weinschorle meiner Frau genippt.«
Noch bevor ich diesen Satz zu Ende gesprochen hatte, streckte mir die Polizistin ihren Alkomaten entgegen. »Reinpusten und erst aufhören, wenn ich es sage!« Piep – 0,0 Promille.
»Na wunderbar, fahren Sie vorsichtig und vielen Dank für Ihre Hilfe«, sagte die Polizistin und man verabschiedete sich. Gemeinsam mit meiner Frau hievte ich den Mann auf die Beifahrerseite.
»Wo wohnst du denn?«
Nach 50 Versuchen (seinen Ausweis mit Adresse hatte ich gesucht, aber nicht gefunden) hatte ich endlich den Straßennamen verstanden. Ich fuhr ihn nach Hause, während er den Kopf aus dem Wagen hängen ließ – wahrscheinlich hatte er Angst, dass er sein Auto vollkotzen könnte. Meine Frau ging währenddessen zur Fahrschule zurück, um mich dann abzuholen.
Am nächsten Morgen hatte ich bei Facebook eine Nachricht: »Hey, warst du das, der mich gestern nach Haus gefahren hat?« Aha. Offenbar konnte er sich noch an mich erinnern. Als ich bejahte: »Was kann ich denn tun, um mich zu bedanken?«
Mit guter Laune schrieb ich: »Ach, wenn du schon so fragst, kannst du bei mir in der Fahrschule alle Fenster putzen.« Wir lachten. Ich war sicher, dass ihm klar war, dass ich einen Witz gemacht hatte.
Offenbar hatte ich mich geirrt. Am nächsten Tag stand er, bewaffnet mit Eimer, Lappen und Stange vor der Fahrschule und putzte tatsächlich alle Fenster – streifenfrei. 😊 Das fand ich wirklich cool.
Ungefähr zehn Jahre später stand er wieder da und meinte: »Na, kennste mich noch?« Ich musste kurz überlegen, dann fiel es mir wieder ein und wir lachten. Er hat sich dann zum Motorradführerschein angemeldet – mittlerweile ist er übrigens Anwalt für Verkehrsrecht geworden – wer weiß, ob er das hätte machen können, wenn er damals gefahren und einen Unfall gebaut oder jemanden überfahren oder sich selbst verletzt hätte.
Ich bin im Nachhinein noch sehr froh, dass ich damals so gehandelt habe.
⇒Ich weiß es und du weißt das auch: Alkohol enthemmt, man fühlt sich in einer gewissen Phase der Trunkenheit stark und unbesiegbar. Aber Alkohol verschleiert die Sinne. Alkohol sorgt dafür, dass wir alles doppelt und dreifach sehen, dass wir die Kontrolle über uns, unser Fahrzeug oder beides verlieren. Wie oft liest man, dass gerade junge Leute sich am Wochenende nach einem ClubBesuch totfahren und die anderen Mitfahrer mitreißen?
⇒Bitte, bitte, denkt nicht mal dran, ein Auto oder Motorrad oder auch Fahrrad zu benutzen, denn JA, auch hier kriegt man den Führerschein abgenommen. Die Promillegrenze: 1,6. Das wissen auch viele nicht. Hier habe ich eine Geschichte für euch, die hat mir eine Fahrschülerin im Theorieunterricht zum Thema Alkohol erzählt. Sie wusste, Autofahren ist nicht okay, aber: »Besoffen mit Fahrrad ist okay, oder?« Oder etwa nicht? Das wäre ja wohl nicht weiter schlimm (ich sag nur 1,6 Promille). Sie fuhr von einer Hausparty alleine auf ihrem superschnellen Rennrad nach Hause. Natürlich ohne Licht, damit die Polizei sie nicht sieht. Beim Wechsel von der Straße auf den Gehweg (eh klar, weil man fährt ja auf dem Gehweg), geriet sie mit den dünnen Rennradreifen ins Straucheln. Zack – Sturz – voll auf die Nase. Passanten haben das gesehen und einen Krankenwagen gerufen. Sie hatte eine gebrochene Nase und blutete stark. Als mit dem Krankenwagen auch die Polizei kam, hat die völlig besoffene Fahrschülerin versucht, die Beine in die Hand zu nehmen, und ist wie eine Verrückte weggelaufen. Ihr Papa ist Anwalt, und sie hat gelernt, dass sie immer vor der Polizei weglaufen darf, wenn sie Scheiße gebaut hatte. Der Fluchtversuch endete nach wenigen Metern mit dem Knie eines Polizisten im Rücken. Mit Handschellen wurde sie dann ins Krankenhaus gebracht. Gerade die Handschellen passten so gar nicht zu ihr – sie wiegt etwa 45 kg und ist eine ganz Liebe und Schüchterne. Die Blutwerte im Krankenhaus haben fast zwei Promille ergeben.
⇒Es muss natürlich nicht immer so dramatisch enden. Aber: Alkohol im Straßenverkehr kann nur mehr oder weniger schlimme Folgen haben. Positiv wird es nie ausgehen. Besonders dramatisch finde ich, dass man nicht nur sich selbst, sondern auch andere und in den meisten Fällen vollkommen unschuldige Menschen, im schlimmsten Fall sogar Kinder, gefährdet. Das kann tragische Auswirkungen auf das ganze weitere Leben haben. Wählt am Wochenende immer einen zum Fahrer, der nichts trinkt – viele Kneipen und Clubs spendieren dem oder derjenigen oft alkoholfreie Freigetränke. Und viele geben den Leuten TShirts, auf denen erkennbar ist, dass der oder diejenige heute keinen Alkohol trinkt. Und es wirkt geradezu ernüchternd, mal nüchtern zu sehen, was Alkohol mit Menschen machen kann – wenn die sich nicht mehr artikulieren oder gerade stehen können.
Die meisten meiner Schülerchens haben keine Marotten oder Macken. Die meisten sind einfach Fahrschülerinnen und Fahrschüler, die bei mir etwas lernen wollen. Das Ziel von allen ist natürlich, dass sie den Führerschein bestehen wollen. Es kann schon mal vorkommen, dass es jemand nicht gleich beim ersten Anlauf packt, aber am Ende haben bisher alle ihren Führerschein erhalten.
Ein gutes Beispiel dafür, wie man es bitte nicht machen sollte, ist die Geschichte eines Fahrschülers, der nicht bestanden hatte.
»Das ist deswegen, weil mein Bruder letzte Nacht gestorben ist«, lautete die Begründung seines Versagens. Der Prüfer und ich waren natürlich schockiert. Der arme Junge! Und trotzdem kommt er zur Prüfung? Er hätte doch was sagen können!
»Ich konnte mich nicht konzentrieren«, hat er geheult. Natürlich nicht, wie denn auch?
»Warum hast du denn nix gesagt?«
»Na, weil ich dachte, ich muss die Prüfung dann trotzdem bezahlen.«
Wir versicherten ihm, dass er das natürlich nicht müsse.
Und hatten schreckliches Mitleid.
Aber am Abend stand dann plötzlich sein Vater in der Fahrschule vor mir. Wütend und außer sich: »Wieso ist mein Sohn durchgefallen? Das gibt’s doch gar nicht. Der hat doch dauernd gelernt. Das kann doch gar nicht sein!«
»Beruhigen Sie sich …«, bat ich ihn und wunderte mich etwas darüber, dass dieser Vater offenbar überhaupt nicht trauerte. Immerhin hatte er doch letzte Nacht einen Sohn verloren. Was war denn da schon eine nicht bestandene Fahrprüfung?
»Nun sagen Sie schon!«, wurde ich angefahren.
»Haben Sie noch einen anderen Sohn?«, fragte ich vorsichtig.
»Ja, aber was hat der damit zu tun?«, fauchte mich der Vater an. »Geht es dem denn gut?«
»Natürlich, der fährt schon seit vielen Jahren Auto, aber was spielt das für eine Rolle!?«
