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Neun junge Menschen, die ihr Talent zum Schreiben mit der Außenwelt teilen wollten, haben sieben vor Individualität und Ideenfrische strotzende Kurzgeschichten abgeliefert. Welche finsteren Pläne verfolgt das schulkantinensteuerhinterziehende teuflische Trio? Was, wenn ein Mädchen plötzlich mit paranormalen Fähigkeiten konfrontiert wird und ein unbekanntes Volk retten soll? Von der wahren Begebenheit eines alten Eisverkäufers über eine Mordermittlung in bester englischer Krimitradition bis hin zur wortgewaltigen Kritik am Schulsystem. Skurril nachdenklich, philosophisch und fantasievoll zeigen die sehr persönlichen Geschichten, wie Jugendliche die Welt sehen - oder die Parallelwelten, die eine Weltenspringerin entdeckt. Und wie bitte denkt ein Polizeihund über die komplizierten Zweibeiner? In diesem Buch erfahren Sie es. Besser geht‘s wirklich nicht! Die Kurzgeschichten entstanden, begleitet von der Autorin und Schreibberaterin Dr. in Alexandra Bleyer, im Zuge einer kreativen Schreibwerkstätte am Bundesgymnasium Porcia in Spittal an der Drau/Kärnten.
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Seitenzahl: 137
Veröffentlichungsjahr: 2017
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Vorwort
Von der Idee zum Buch
Scotty Twist, Kathy Tyra und das Teuflische Trio
Arno und Pseudo Nym
Der Heilige
Hannah Schusteritsch
Weltenspringerin
Marlene Prix
Quantum Glass
Julian Brandstätter
Icy Snow
Mariken und Johanna
Der Sturm auf meinen Lebens(alpt)raum
Timon Ian Lennart Schrofner
Ein heldenhafter Hund
Johanna Magdalena Hauptmann
Wer das Bundesgymnasium Porcia besucht, hat sich dafür entschieden, im sprachlichen, musikalischen und kreativen (einschließlich der Möglichkeit der Teilnahme an einem Theatermodul) Bereich besonders gefördert zu werden und seine Talente ausleben zu können. Weiters haben hochbegabte junge Menschen ein Anrecht darauf, dass ihre besondere Begabung im schulischen Bereich gefördert wird.
Genau diese beiden Aspekte haben im Schuljahr 2016/17 dazu geführt, dass sich die Schule entschlossen hat, literarisch begabten SchülerInnen eine Schreibwerkstatt anzubieten, nachdem die Betreuung durch das Projekt „Schulhausroman“ nicht zustande kam, denn die Förderung von jungen Schreibbegeisterten im Zuge desselben kommt ausschließlich Neuen Mittelschulen bis hin zur Veröffentlichung der entstandenen Texte zugute.
Fassungslos ob dieser Tatsache, aber gerade deswegen wild entschlossen, war klar, es wird eine Schreibwerkstätte am BG Porcia geben. Nachdem genau zu diesem Zeitpunkt und durch einen glücklichen Zufall „Fachfrau“ Dr. Alexandra Bleyer mit spürbarer Begeisterung sich für die Betreuung der BG-Schreibwerkstatt bereit erklärt hat, war dieses Projekt als Zusatzangebot für unsere literarisch begabten Schülerinnen startklar. Wie qualifiziert und damit ertragreich die Arbeit von Frau Dr. Bleyer bzw. das literarische Talent unserer Schülerinnen war und ist, weiß man, wenn man die nun in gedruckter Form vorliegenden Texte liest.
Die Schulgemeinschaft des BG Porcia freut sich, dass junge Menschen mit viel Arbeit, großem sprachlichen Talent und Freude sich literarisch betätigen und nun mit berechtigtem Stolz ihre Texte vorstellen.
Zu danken ist auch Frau Dr. Bleyer für die erstklassige und fachlich höchst kompetente Betreuung unserer Jungliteraten sowie der Kärntner Sparkasse, die von Anfang an dieses Projekt finanziell unterstützt hat.
Viel Spaß beim Lesen!
Dagmar Rauter
Schulleitung BG Porcia
Kreativität und Lust am Schreiben: Das verbindet die Schülerinnen und Schüler, die im Schuljahr 2016/17 an der Schreibwerkstätte teilgenommen haben, über die Altersklassen hinweg. Mit dem großen Ziel – ein eigenes Buch – vor Augen, stürzten sie sich mit Feuereifer und Ausdauer in das Projekt.
Aufbauend auf theoretischen Grundlagen zum Handwerk des Schreibens und zahlreichen Übungen nahmen die Charaktere und Handlungen nach und nach Gestalt an und formten sich zu Geschichten.
Die jugendlichen Autorinnen und Autoren erschufen neue Welten und Wesen mit übersinnlichen Kräften, entwarfen einen kniffeligen Mordfall, befassten sich ernsthaft bis skurril mit dem Schulalltag, nahmen wahre Begebenheiten als Gedankenanstoß und stellten sich die Frage, wie wohl ein Hund die Welt sehen mag. Jede Geschichte ist etwas ganz Besonderes.
Liebe Johanna und Johanna, Marlene, Mariken, Hannah, lieber Timon und Julian sowie Arno und Pseudo Nym: Es war mir eine Freude und eine Ehre, mit euch zu arbeiten – und eine Mordsgaudi war es auch ;-) –, und ich bin jetzt schon gespannt auf weitere Geschichten von euch.
Ein herzliches Dankeschön an Frau Direktorin Mag. Dagmar Rauter, die auf den Vorschlag einer kreativen Schreibwerkstätte mit Buchprojekt kurz und bündig reagierte: „Das machen wir!“
Ich wünsche viel Freude beim Lesen der Geschichten!
Mag.a Dr.in Alexandra Bleyer
Kulturjournalistin, Autorin von Sachbüchern und Regionalkrimis und ausge
bildete Schreibberaterin
(www.alexandrableyer.at)
Wir sind keine Geschwister, sondern Freunde, und lieben es, unseren Humor durch das Schreiben auszudrücken und dabei Wortspiele einzubauen. Dies mochten wir zwei schon, als wir noch unsere Volksschullehrerin tyrannisierten. Auf die Idee für unsere Geschichte kamen wir, als wir die größten Vollidioten als Protagonisten gewählt hatten und noch dazu Zombies einbauen wollten. Ursprünglich sollte es darum gehen, dass Scotty - damals noch "List" - den Kriminalfall einer CD lösen wollte, aber sie selbst ausgeliehen hatte (vielleicht wird das noch eine Geschichte, wer weiß ;-)). Der Name "Scotty Twist" ist übrigens an das Wort "Plot Twist" angelehnt – etwas, was man in einer guten Geschichte finden sollte.
„Sapperlot! Jetzt ist alles voll!“, fluchte Kathy. Die Tinte floss über ihre Hose, den Boden und, wie es sich im Moment für sie anfühlte, die ganze Welt. Sie fühlte salzige Tränen an ihren heiß angelaufenen Wangen fließen und alles begann, sich zu drehen. Sie sah nur die Tür; wie es schien, ihr einziger Ausweg aus dieser peinlichen Situation, und sie vernahm im Hinausstürmen schallendes Gelächter und von weit hinter ihr ein abwertendes „Kathy, was kannst du eigentlich?“. Ab ins Mädchenklo. Sie war noch nie gut mit peinlichen Situationen gewesen.
Als Kathy schon draußen war, befahl die Lehrerin ihrem Lieblingsschüler, dem unglaublich attraktiven, wahnsinnig schlauen und überaus charmanten Frauenheld (alle Attribute selbsternannt) Scotty Twist, Putzmittel und einen Lappen beim Hausmeister zu holen, welcher erwiderte: „Ich, Meisterdetektiv Scotty Twist, werde mich um den alten Lappen kümmern, und ich meine nicht den Hausmeister!“
Man konnte Kathy von weitem hören und Scotty beschloss, dem Wimmern nachzugehen, bevor er dem Hausmeister einen Besuch abstatten würde. Zwar brauchte er etwas Überwindung, um in das Mädchenklo zu gehen, weil dort oft eigenartige Geräusche zu hören waren, doch er sprang schließlich über seinen Schatten. Als er um die mit Permanentmarker vollgemalte Ecke bog, erblickte er seine Klassenkollegin weinend am Boden. Auch wenn Scotty nach außen hin nicht besonders sensibel wirkte, ging er zu Kathy und drückte sie, obwohl sie noch nie ein Wort miteinander gewechselt hatten. Da er jedoch vor Aufregung schwitzte, löste Kathy sich schnell aus der Umarmung.
Sie schauten sich tief in die Augen und Scotty erkannte, dass sich sein Gegenüber eine ihrer Kontaktlinsen aus dem Auge geweint hatte, und in dem Moment knackste etwas Kleines unter seinem linken Knie. Aber das war in diesem Moment egal, denn sie mussten schnell Putzmittel holen, bevor die Stunde vorbei war.
„Kommst du mit?“, fragte Scotty das Mädchen so zärtlich, wie es für den Beginn einer neuen Freundschaft nur passen konnte. Sie nickte und stand zittrig auf, bevor sich die beiden auf den weiten Weg machten.
Ihre Schritte hallten durch die momentan leeren Gänge, und in der Dunkelheit der fast fensterlosen Schule sahen sie nichts außer grässlichen Schatten um sich herum. Stille umhüllte sie, bis es Scotty zu viel wurde. Er holte tief Luft und sagte das Cleverste, was er zu bieten hatte: „Schönes Wetter heute, oder?“
Verwirrt blickte Kathy zur kahlen Wand, anstatt durch ein nichtexistentes Fenster. „Ich bin heute eine halbe Stunde im Regen zur Schule gerannt, weil mein Bus irgendwo im Matsch versunken ist. Es regnet seit einer Woche und ich habe es satt; aber ja, wenn du das schön findest, gut für dich.“
Als sie nach diesem jämmerlichen Versuch eines Gespräches endlich beim Putzkämmerchen angekommen waren, fanden sie dieses ohne ihren Lieblings- und auch einzigen Hausmeister vor. Wo war er nur? Naja, einen Schwamm zu finden dürfte ja nicht so schwer sein. Auf dem Tisch war schon mal nichts zu sehen.
Erste Schublade: leer. Ebenso die zweite. Doch in der Dritten befanden sich mysteriöse, vielleicht auch schimmlige Dokumente, doch noch immer kein Schwamm.
Aber was war das?
„Kantinensteuerhinterziehungspapiere: Auf keinen Fall illegal!! Nicht ansehen!!! FSK/FKK 60!!!! P. A.“
Scotty brauchte einige Minuten, um das knifflige Wort zu entziffern, doch dann realisierte sogar er, was hier vor sich ging. „Ein echter Kriminalfall!“
Scotty ging auf die Knie und sah Kathy tief in die Augen. „Kathy, das hier … könnte ein echter Kriminalfall werden … nur wir zwei.“ Er schluckte. „Möchtest du meine … hmm … meine Kriminalfallermittlungspartnerin erster Klasse werden?“
Kathy wurde rot. „Ja! Ich will! Aber … wir gehen doch schon lange nicht mehr in die Erste? Nun gut, die ersten zehn Silben kann ich schon machen“ Und die beiden machten einen epischen High-Five.
WUMM! Die Tür wurde aufgeschwungen und Paul Aner, der Hausmeister, betrat das Kämmerchen. „JÅ SÅG AMÅL GEHT’S EICH NOCH GUAT? IN MEI WELT EINBRECHEN??!!! AUSSE MIT EICH SCHIACHEN GFRISS!“
Kathy schnappte sich, schlau wie sie war, heimlich die Papiere und Scotty stotterte: „A… aber wi… – wir müssen d… – doch nur einen Schwamm und P…– Putzmittel holen, d… – das hat unsere L… – Lehrerin gesagt.“
Auf dem Weg nach draußen wurde mit einem Schwamm, der sich wie ein Backstein anfühlte, und mit einer Flasche Reinigungsmittel von Rein Hardt™ nach ihnen geworfen. Die beiden hoben das Putzzeug auf und nahmen ihre Beine in die Hände. Nach kurzer Zeit bemerkten sie, dass die Schule schon aus war und die nette Putzfrau Rosi Nee gerade beim Aufwischen war und sie beide mit einer hochgezogenen Augenbraue anschaute. Scotty und Kathy stellten die Sachen zur Tür, bedankten und entschuldigten sich und machten sich jeweils auf den Weg nach Hause, mit Plänen für den Nachmittag.
Daheim angekommen bettelte Scotty seine Mutter an, Kathy bei ihnen übernachten zu lassen. Diese willigte widerwillig ein und rief Kathys Mutter an. Nach einer gefühlten Stunde kam seine Nachbarin mit ihrem gigantischen Campingrucksack (inklusive Zelt) und mit einem Skateboard an.
„Hallo Skathy!“, rief Scotty, der krankhaft versuchte, witzig zu sein.
Schließlich begannen sie mit den Ermittlungen gegen Paul Aner in ihrem Detektivzelt und um fünf Uhr in der Früh waren sie sich zu 99,908 % sicher, dass ihr Hausmeister überraschenderweise Kantinensteuern hinterzogen hatte. Da ihnen allerdings noch etwas an Beweisen fehlte, beschlossen sie, der Schule abends noch einen Besuch abzustatten. Und so gingen die Ermittler endlich ins Bett.
Der Wecker weckte sie um 5:30 Uhr und ausgeschlafen wie nie, machten sich die beiden auf den weiten Weg zum Frühstück. Am Schulweg besprachen sie den Plan für die Nacht: Zuerst würden sie sich aus ihren Häusern schleichen und sich bei Gleis 3 ¾ beim gegenüberliegenden Bahnhof treffen, um sich anschließend gemeinsam zum Schulgebäude zu begeben. Danach würden sie mithilfe des Schlüssels, den sie an diesem Tag zu klauen planten, in das Gebäude gelangen, um sich nach Beweisen umzusehen.
Nach einem langen Schultag hatten Kathy und Scotty ihre Detektivausrüstung (für jeden eine Taschenlampe, ein zerquetschter Müsliriegel, ein halbes Wurstbrot, eine leere Pipsi™-Flasche und natürlich eine Kamera für Beweisfotos) bereitgemacht und standen nun am Bahnhof an Gleis 3 ¾, jeweils auf einer Seite eines Pfeilers, und fragten sich, wo der andere bloß steckte.
Erst als Scotty wegen einer seiner vielen Allergien niesen musste, bemerkte Kathy ihn und sie grüßten sich mit ihrem geheimen Detektivhandschlag vom Vortag. Auf dem Weg zur Schule zeigte Kathy Scotty den Schlüssel, welchen sie dem Direktor abgeluchst hatte.
Bei der Schule angekommen schlichen sie sich durch den Eingang der Turnsäle hinein und machten sich auf den Weg zum Hausmeisterkabinett, jedoch musste Kathy davor nochmal aufs Mädchenklo; da sie aber alleine Angst hatte, kam Scotty mit.
Jedoch war es sehr dunkel in dem sonst schon gruseligen Raum. Kathy rannte volle Kanne gegen eine Wand.
Doch was war das? Offenbar war Kathy in eine Drehtür gestolpert. War das der Weg zu einem neuen Abenteuer?
Scotty betrat den muffeligen Gang und schaltete die Taschenlampe ein, um einen Lichtschalter zu finden. Bingo! Im grellen Licht bemerkte er nun aber, dass seine Partnerin verschwunden war, und geblendet dachte er für einen Moment, einen Schatten gesehen zu haben. Musste wohl das Phantom des Opas gewesen sein. Kurz vor einer Panikattacke stehend rief er ihren Namen, nur um kurz darauf eine Klospülung, gefolgt von dem Knarzen einer alten Klotür hinter sich zu hören.
„Tschuldigung! Ich wasch mir nur noch kurz die Hände“, rief sie und tappte zum Wasserhahn.
Nach dieser etwas peinlichen Situation nahmen sie den Faden wieder auf und betraten den Gang erneut, der sie zu einer Treppe führte, die nach gefühlten fünf Stockwerken in einem kleinen Raum endete. Dieser war jedoch bis auf ein Bücherregal leer. Kathy freute sich, als sie ein Buch über die berühmtesten Persönlichkeiten der Literatur erblickte, und wollte dieses sofort aus dem Regal ziehen.
Scotty meinte mit einem Lächeln im Gesicht: „Wären wir in einem Film, würde sich das Bücherregal zur Seite schieben und ein geheimer Gang würde sich öffnen, aber das ist ja kein Film, sondern nur eine jämmerliche Kurzgeschichte.“
Und in diesem Moment beschlossen die zwei Autorinnen, dass sich unter den Protagonisten eine Falltür öffnen sollte. Sie waren sich aber noch nicht sicher, ob die beiden weich landen sollten.
„Autsch! Mein Allerwertester!“, rief Scotty schmerzerfüllt, Kathy ebenso.
Die Taschenlampen wurden eingeschaltet und die Ermittler erblickten einen weiteren Gang, der immer enger zu werden schien. Nach minutenlangem Kriechen kamen sie zu einer Luke, die ungefähr einen Quadratmeter groß war und sich quietschend öffnen ließ. Wohin sollte das nur gehen? Es schien so, als wären sie am Ende ihres Weges.
Kathy drückte sich an die Wand und plötzlich ward es Licht. Scotty entwich ein „Potzblitz“, als er die Regale mit Reagenzgläsern erblickte. Doch das war nicht alles: In dem Raum klebten außerdem unzählige Post-It’s, vollgeschrieben mit klischeehaften Horrorgestalten; Raumplänen, Karikaturen vom Schuldirektor und noch viel, viel Schlimmerem – unbeschreibliches, unaussprechliches; schlimmer als Paul Aners Ohrenhaare.
Was ging hier unten bloß vor sich? Die beiden sahen sich etwas genauer um und entdeckten das Protokoll eines Experimentes, wobei es, nach näherer Betrachtung, um ein Serum ging, welches Menschen in einen Bruchteil ihrer Selbst verwandeln konnte (so quasi wie diese Dinge, die in den Horrorfilmen als lebende Tote bezeichnet werden, nur waren die Menschen bei diesem Serum scheinbar nicht tot. Also Lebende? Sie wissen, was wir meinen.). Zur Aktivierung des Gemisches benötigte man auch etwas Rohrohrzucker, warum auch immer.
„Das Serum scheint aber auch Totes wiederbeleben zu können. Du hast doch noch dein halbes Wurstbrot, oder, Scotty?“
Zögerlich nickte er und packte seine Notfallsration aus. Was hatte Kathy nun vor? Sie nahm sich vorsichtig eines der unzähligen Reagenzgläser mit der Aufschrift „BEREIT“ aus der Stellage.
Er traute seinen Augen nicht, als sie einen Tropfen des Serums auf die Wurst fallen ließ: Die Salami begann, sich zu verformen und sich nach links und rechts zu winden, bevor sie hochsprang und davonrannte. Möglicherweise war sogar ein leises Lachen zu hören.
Scotty und Kathy schnellten nach hinten und starrten einander in die Augen. So schnell wie er nur konnte, stieg Scotty brutal auf das Stück Fleisch, und Kathy stülpte ein Glas darüber, dennoch zappelte das seltsame Etwas weiter. Nach diesem Schock gönnten die beiden sich jeweils eine Hälfte des zerquetschten Müsliriegels.
Nun galt es, herauszufinden, wer hinter dieser scheußlichen Sache steckte; jedoch war das nicht schwer, da ein Foto des Teams schön eingerahmt mit dem Namen „das tolle Trio“ an der Wand hing: Es handelte sich um die Kantinenfrau Gitta Stäbe, Paul Aner (der Mann hatte wohl wirklich ordentlich Dreck am Stecken) und Dr. Ogen, den allseits beliebten Chemielehrer.
Kathy war schockiert: „Aber der ist doch viel zu nett und attraktiv für sowas!“
Scotty schüttelte den Kopf. „Er hätte Schauspieler werden sollen.“
Während Scotty Beweisfotos von dem Tatort schoss, füllte Kathy einen Teil des Serums in die leere Pipsi™-Flasche und befestigte diese an ihrem Rucksack; die nun leeren Reagenzgläser versteckte sie hinter einem der vielen Schränke. Das Stück Fleisch, das leise zu fluchen schien, packte sie in ihre Wuppertare™-Box, welche sie vorsichtig in den Rucksack legte.
Die beiden machten sich auf den Weg zurück und Kathy schnappte noch ein pinkes Tagebuch, auf dem in krakeliger Schrift „Paul Aners Eigentum – (Be)treten verboten!!“ stand.
Als sie aus dem Mädchenklo kamen, wollten sie nach draußen schleichen, als sie plötzlich ein lautes „HÅLT STOPP, WER IS DÅ?!! BLEIBTS STEHN IHR RABAUKEN!!“ hörten.
Die beiden rannten so schnell wie sie nur konnten und bemerkten dabei nicht, dass die Flasche mit der bräunlichen Flüssigkeit in der Nähe der Getränkeautomaten aus dem Rucksack flog.
Nachdem sie einen riesigen Umweg gelaufen waren, kamen sie schließlich wieder beim Bahnhof an und beschlossen, sich das Tagebuch gemeinsam anzusehen. Dabei fanden sie heraus, dass ihre These korrekt gewesen war: Das Serum konnte tatsächlich Menschen in Wesen transformieren, die nicht fähig waren, zu denken, und es konnte kleine, tote Lebewesen – oder zumindest Teile davon – wieder zum Leben erwecken. Tatsächlich hatte „das Tolle Trio“, oder, wie Kathy sie nannte, „das Teuflische Trio“, dies ebenso an einer Scheibe Wurst ausgetestet. Laut dem Tagebuch plante das Trio irgendwann kommende Woche, den Direktor und seine Security-Männer zu infizieren, um den Aktenvernichter in dessen Büro zu benutzen, da die drei alle zusammen jahrelang die Steuern hinterzogen hatten. Zuerst war es nur Paul Aner gewesen, dann erwischte Gitta Stäbe ihn und machte mit, bevor als Letzter Dr. Ogen durch Bestechung in die Sache verwickelt wurde und das Serum perfektionierte, nur um dann freiwillig beim Team zu bleiben.
