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Das "Best of Mark Galsworthy" vereint tatsächlich das Beste, was einem beim Lesen passieren kann. In 25 Kurzgeschichten schickt uns der Autor durch die Varianten nahezu sämtlicher Gefühlslagen. Dabei bleibt er seiner Linie, am Ende so zu überraschen, wie es nicht im Entferntesten zu vermuten war, durchweg treu. Von traurig-nachdenklich inklusive Gänsehaut über selbstironisch und schadenfreudig bis hin zu subtil-humoristisch spielt er die gesamte Klaviatur in Perfektion. Und spätestens, wenn im eigenen Kopf ab sofort zum Salamander-Schuh ein neues Bild entsteht und aus den Schlachten das Schlachten wird, kann man das Buch nicht mehr weglegen. Das perfekte Mitbringsel für verschiedene Gelegenheiten - nicht nur, wenn es mal wieder halbe Hähnchen gibt.
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Seitenzahl: 287
Veröffentlichungsjahr: 2016
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1. Meinen Lesern
2. Mein Strebergarten
3. Der Apfelbaum
4. Die Eibe
5. Midnight Lady
6. Nordic Walking
7. Der Ausflug
8. Wiedersehen
9. Mein Wille geschehe
10. Hat es Helmut Schmidt geschadet?
11. Himmelfahrt
12. Ganz in Weiß
13. Bindungen
14. Die Windmühle
15. Der Zwilling
16. Chapter One
17. Nur ein Traum
18. Der Augenblick
19. Coming Out
20. Bildbeschreibung
21. Schwere Geburt
22. audi
23. Leidenschaft
24. Meine Postmaus
25. Die Bäckerin
26. Paul und Paula
27. Perkussion
28. Wer fürchtet sich vorm Schwarzen Mann?
29. Die Qualen des Theodore Antalos
30. Abendmahl
31. Shalom
32. Spieglein, Spieglein in dem Sand
33. Biß zum letzten Tropfen
34. Fairytale
35. Janis for freedom
36. Bruderliebe
37. Affentheater
38. Immer am 1. August
39. Und ab der Luzi!
40. Inkarklatsch
41. Leaf me
42. Kopfbahnhof
43. Happy Birthday
44. Kling Glöckchen klingelingeling
45. Im Auge des Betrachters
46. Angeln macht Spaß
47. Augenblicke
48. Corpus delicti
49. Das nasse Grab
50. Ein Lump, der Böses dabei denkt
51. Neulich auf der Buchmesse
52. Die Brücke
53. Ententanz
54. Jürgen Rabe
55. Gott sei Dank
56. Der Höllenhund
57. Damals in Woodstock
58. Ruhestand
59. Trauma
60. Über die Planke
61. I Will Always Love You
62. Wahlabend
63. Die feurige Nacht
64. Walpurgisnacht
65. Der grüne Schal
66. 2012 der Tag an dem die Welt erlosch
67. Der letzte Flug
68. Die Fallschirmjäger der Cluaran
69. Nichts geht mehr
70. Die Eisfee
71. Wenn alte Liebe rostet
72. Der Sonne entgegen
73. Herodes
74. Ha Ho He
75. Stollenschicksal
76. Erwin der Glücksritter
77. Gelegenheit macht Liebe
78. Father-Bull and Son-Bull
79. Bananenpaul
80. Hot Chicken
81. Berlin ist eine Reise wert
82. Der beste Freund des Menschen
83. Rocker sind nicht durchweg braun
84. Drei sind zwei zuviel
85. Ritter Ethelbert von Rabenstein und der Drache
86. Ritter Ethelbert von Rabenstein und der Keuschheitsgürtel
87. Weihnachtsbäckerei
88. Der Spandauer Weihnachtsmarkt
89. Tim und Struppi
90. Winterabend
91. Und Lennard fährt zum Weihnachtsmann
92. Sonnenuntergang
93. Freiherr vom und zum Stein
94. Un/Geliebte
95. Metamorphose
96. Herbst
97. Entschuldigt
98. Auf der Schwelle
99. Flug
100. In ihrem Sinne
101. Atoll der Sinne
102. Alz die Koralle heimkam
103. Der Liebesbrief
104. Schrödingers Katze
105. Das Floß der Gescheiterten
106. Freispruch für Tantalus
107. Berater
108. Wir machen was aus
109. Platanenallee
110. Das verschwundene Zimmer
111. Ich weiß nicht, was soll es bedeuten
112. Unter den Schwingen des Adlers
113. Der Chor
114. Daniel in der Löwengrube
115. Das Bild von Walter
116. Wenn sich die späten Nebel dreh'n
117. Die Buche
118. Mutter
119. Nachruf
An dieser Stelle möchte ich mich bei meinen Lesern bedanken, besonders bei denen, die mich zu dieser „Gesamtausgabe“ drängten. Ich wünschen allen eine gute Unterhaltung.
Mein Dank gilt besonders auch Christel, Morgana und Sigrid für deren tatkräftige Unterstützung
Mark Galsworthy
Fest und stark ist nur der Baum,
der unablässig Windstößen ausgesetzt war,
denn im Kampf festigen und verstärken sich seine Wurzeln.
Seneca
Ja, da vorne links, die Auffahrt!
Moment, ich springe mal rasch raus und öffne die Schranke.
Sie war wieder nicht abgeschlossen, das waren sicher wieder die Neuen, die haben sich hier noch nicht so richtig eingelebt.
So, jetzt kannst Du auf dem Feld 37 parken, das ist für unsere Gäste.
Wo 37 ist? Na dort!
Siehst Du nicht die netten Keramiktäfelchen? Die hat unsere Frauengruppe getöpfert. Auf jeder ist ein anderes Küchenkraut drauf.
Was das für ein Kraut auf der 37 ist? Keine Ahnung, ich koche ja nicht.
Nein, um Gottes Willen nicht rückwärts einparken. Diese wertvollen Rhododendren vertragen keine Auspuffgase.
Ich finde Deine Idee hervorragend, Dir endlich auch einen Kleingarten zuzulegen.
Du wirst sehen, wie erholsam es ist, mitten in der Natur zu sein.
Und schau, wie schmuck unsere Anlage ist.
Die Hecken alle 1,25 hoch. Alles Liguster, der läßt sich hervorragend pflegen.
Ja sicher, wenn wir das nicht vorschreiben würden, pflanzte hier ja jeder was er will.
Schrecklicher Gedanke! Was sehe ich denn da?!
Wegerich, Wegerich!
Auf dem Weg genau vor der Hecke.
Der Gartenfreund ist gerade im Urlaub. Wenn er wieder hier ist, muß ich mit ihm reden, denn so geht es ja nicht. Dann muß er sich eine Urlaubsvertretung organisieren. Er hat doch einen Sohn, der kann das doch übernehmen.
Was mich das angeht?
Na, Du bist gut, ich bin doch der Wegewart hier! Was das ist? Das sagt doch schon der Name!
Ich überwache hier die Wege, damit wir eine schöne Gesamterscheinung bilden.
Das ist wie ein großes Orchester, das klingt auch nur dann gut, wenn alle demselben Takt folgen.
Ja, das ist ein offizieller Posten. Wege-, Wasser- und Gerätewarte gehören dem erweiterten Vorstand an.
Ja sicher! Wir sind sogar ein eingetragener Verein!
Was der erweiterte Vorstand macht? Einmal im Monat Frühschoppen im Vereinshaus.
Sicher gibt es dort auch Getränke, aber auch Beschlüsse. Was für Beschlüsse?
Viele!
Über unsere Sommerfeste, unsere Arbeitsdienste und Ordnungsmaßnahmen.
Wozu Ordnungsmaßnahmen? Ich gebe Dir mal ein Beispiel:
Letztes Jahr hat der Neue sich einen Grill gemauert. Verstehst Du? Gemauert!
Was dabei ist?
Gemauerte Grills sind auf den Parzellen verboten!
Das ist das ausschließliche Recht vom Vorstand und auch nur am Vereinshaus!
Was wir gemacht haben?
Also, im Vordergrund jeder Ordnungsmaßnahme steht ja der erzieherische Gedanke, also haben wir ihn erstmal bauen lassen. Und als er uns zur Einweihung einlud, haben wir ihm die Gartenordnung vorgelesen.
Er hat den Grill dann wieder abgerissen. Nein, eingeladen hat er uns dann nicht mehr.
Nein, das ist nicht weiter schlimm, wir sind hier eine eingeschworene Gemeinschaft!
So, da sind wir, hier ist mein Reich!
Jadanke, ich gebe mir alle Mühe, damit mein Schmuckstück auch eins bleibt.
Nein, das ist kein Pilz, das ist eine Bierfalle!
Noch nie gehört? Da füllt man Bier hinein, das lockt die Nacktschnecken an, die fallen rein und ersaufen.
Schöner Tod, gell? Hahaha…
Immer schön auf die Steinplatten treten, der Rasen ist sehr empfindlich, ich habe ihn gestern erst vertikutiert und nachgesät.
So, das ist meine Terrasse.
Nein, das ist kein Kalk, das ist Ameisenpulver. Wenn man die Biester nicht in Schach hält, laufen die hier überall herum, als wäre es ihr Revier.
Die Terrasse ist die Zinne eines Kleingartens!
Von hier aus residiert, kommuniziert und kommandiert man. Hahah…
Hallo Gartenfreund, ja das ist mein Arbeitskollege! Er interessiert sich für die freigewordene Parzelle!
Ja, sicher weiß er was Kleingärtnern bedeutet, ja diesmal gehe ich auf Nummer sicher, nicht daß uns wieder so ein Fauxpas passiert wie mit dem Vorgänger. Der pflanzte ja alles, was er wollte.
Du verstehst, er hat auch Sorgen. Du wirst nachher selber sehen, wie verwildert die Parzelle ist. Aber Du bekommst das schon hin! Und für gute Ratschläge hast du ja mich!
Was da an der Wand neben dem Wagenrad knistert? Das ist die elektrische Wespenfalle!
Ungemein effizient!
Wenn es Pflaumenkuchen gibt, dann knistert sie munter vor sich hin, und im Sekundentakt fallen die schwarzgelben Terroristen geröstet in den Eimer darunter. Und nachts wird es besonders schön, dann sieht man ihr UV-Licht glimmen und dann geht es sämtlichen Faltern ans Chitin. Hahaha…
Auf den Komposthaufen? Also Du machst mir Spaß! Weißt Du wie sowas riechen kann?
Und überhaupt, wie sieht das denn aus? Nee, nee! Jeder bekommt ein halbes Dutzend Laubsäcke. Da kommt der ganze Pflanzendreck rein. Das ist eine feine Erfindung und saubere Lösung, schließlich sind wir doch keine Ökos! Hahaha…
Nein, das ist Pflicht! Die Gebühr für die Laubsäcke, wird zusammen mit dem Vereinsbeitrag und der Pacht kassiert. Aber das erkläre ich Dir noch alles ganz genau.
Bäume, wozu? Dann bist Du den ganzen Tag damit beschäftigt, irgend etwas vom Rasen zu harken. Ich müßte dann ja fast jeden Tag mit dem Laubsauger ran. Der ist zwar sehr praktisch, aber mit seinen 1500 Watt kostet mich das richtig Geld!
Und dann sind Laub und andere Dinge im Pool!
Nee, Bäume sind ganz schlecht, glaub mir! Wer ißt außerdem heute noch Obst?
Wie meinst Du das jetzt mit dem Gift?
Das ist doch auf dem Terrassenboden und wenn man mal zum Spray greift, müßte man es ja nicht Richtung Obstbäume tun.
Nein, Bäume sind einfach nur unpraktisch! Gemüse?
Selbstverständlich habe ich Gemüse!
Schau, dieser Topf mit Petersilie aus dem Supermarkt, der fühlt sich sehr wohl hier auf der Fensterbank!
Und die hier sind mein ganzer Stolz: Cocktailtomaten. Das ist bei mir inzwischen Tradition. Die sind lecker auf den Käsepiekern zum Erntedankfest!
Aber genug der Vorrede, ich hole mal den Schlüssel, und dann gehen wir zu Deiner künftigen Parzelle!
Was heißt, Du weißt nicht?
Du hast es Dir überlegt? Ja, nein, kein Problem. Ja, bis morgen im Büro.
Wer nicht will der hat schon.
Es ist schade, daß es Menschen gibt, die jeden Bezug zur Natur verloren haben!
Na, das wird ein hartes Stück Arbeit.
Fünf Meter hat er sicher. Ich kann mich noch daran erinnern, wie mein Vater ihn pflanzte. Ich durfte ihn dann mit meiner kleinen roten Gießkanne angießen.
Dann das Warten im nächsten Frühling und die Enttäuschung, als sich aus allen Knospen nur Blätter entwickelten und keine einzige Blüte.
Mein Vater tröstete mich und meinte, wenn ich ihn jeden Tag schön gieße, dann würde er im nächsten Jahr sicher blühen. Selbstredend bekam er nun jeden Tag eine Kanne Wasser von mir und sonntags sogar zwei.
Der Lohn der Mühe kam dann tatsächlich im nächsten Jahr: Elf rosa Blüten trug der Baum, und es waren die schönsten Apfelblüten, die ich bisher gesehen hatte.
Einige Wochen später waren sechs kleine grüne Kügelchen zu erkennen, und ich fieberte dem Herbst entgegen.
Bis dahin verlor er vier Äpfel, die wurmstichig zu Boden fielen. Nun bangte ich um die letzten zwei und fragte meinen Vater, wann diese wohl reifen würden.
Er meinte, daß es wohl bald soweit sei, und am nächsten Tag erschrak ich, weil an dem einen ein ganzes Stück fehlte. Irgendein Vogel hatte es herausgepickt. Ich rief meinen Vater, und er pflückte die beiden. Den angepickten brachte er Mutter für das Kompott, und den anderen gab er lächelnd mir.
Das war der schönste, wohlschmeckendste Apfel, den ich je gegessen hatte.
Ja, das ist nun 40 Jahre her. Es wird Zeit für etwas Neues. Mein Nachbar hat da schon recht.
Nicht nur, daß er ziemlich dicht am Zaun steht und mit seiner Höhe sein Rosenbeet verschattet; der Baum hätte seine Zeit hinter sich, meinte er. Und er als gelernter Kleingärtner mußte das wissen. Es gäbe jetzt so ganz kleine Apfelbäume, die könnte man sogar in Kübel pflanzen.
Am besten hole ich mal die große Leiter aus dem Schuppen, damit ich die Außenäste kappen kann.
Im Schuppen fällt mein Blick auf das Regal mit den Pflanzgefäßen. Oben drauf liegt meine alte Strickleiter. Während ich die Leiter heraustrage, denke ich wieder ein wenig rückwärts.
Mein Vater hatte mir, als der Baum etwas stabiler war, und ich aus dem Kindergießkannenalter heraus war, ein Minibaumhaus gebaut. Also, es war jetzt eher weniger Haus, als mehr Nest. Ich sah es als Piratenschiff, und das bestieg ich mit besagter Strickleiter.
Im Herbst enterte ich dann den Baum und erbeutete alle Äpfel, derer ich habhaft werden konnte. Das waren inzwischen so viele, daß sie in Mutters Apfelmus landeten, welches uns dann getreu durch den Winter begleitete, bis es gegen Frühling verzehrt war.
Ich stellte die Leiter auf und drückte die Holme mit einem starken Fußtritt auf die unterste Sprosse in den weichen Boden.
Ich hielt inne. Hier lag Doris, mein Meerschweinchen. Papa und ich hatten es hier begraben, nachdem es sein glückliches Nagerleben nach acht Jahren beendet hatte, und meine Mutter mich beim Wekken, ganz vorsichtig, darauf vorbereitet hatte. Ich stelle die Leiter lieber an eine andere Stelle.
Mit welchem Zweig sollte ich anfangen? Der lange dicke? Es war ein Ast, der kaum Nebenzweige hatte. Konnte er auch nicht, denn da hing die Schaukel dran. Die Schaukel, auf der Gitti von nebenan immer so gerne schaukelte, bis ich ihr ganz unvorbereitet einen Kuß gab. Anschließend schaukelte ich eine ganze Weile alleine, denn Gitti betrat unseren Garten nicht mehr.
Der zweite Kuß kam einige Jahre später, hatte schon ein etwas anderes Kaliber und war garniert mit duftenden Apfelblüten um uns herum.
Es war nicht Gitti, und sie floh auch nicht.
Im nächsten Frühjahr stand ein Kinderwagen unter dem Baum, dessen Krone nun stark genug war, Schatten zu spenden. Und es dauerte nicht lange, dann lief ein kleines Mädchen mit meiner alten Gießkanne herum.
Ich trat ein paar Schritte zurück. Seine Krone ist schon recht ausladend und seine Äpfel auch nicht mehr so groß wie früher.
Das letzte Mal, als wir in größerer Runde unter dem Laubdach saßen, war bei der Kaffeetafel nach der Beerdigung meines Vaters, als wir still unseren Kaffe tranken und niemandem zum Lachen zumute war. Bis Helmut einen Apfel auf den Kopf bekam und alles in Gelächter ausbrach. Als wollte uns der Baum sagen, daß das Leben weiter ginge. Vielleicht war es aber auch ein kleiner Trost von Paps gewesen.
Derweil hängt mein Nachbar über unserem Zaun und lobt mich ob meines Tatendranges. Irritiert schaue ich in seine Richtung, in seinen gelackten Garten, in dem er sogar mit einem Sauger durchfuhrwerkte, in seinem Wahn, aus der Natur ein Wohnzimmer zu machen. Alles wie auf einer Ausstellung für Gartenmöbel, mit der Natur als Dekoration.
Ich frage ihn, ob es nicht auch Rosen für Kübel gäbe, was er mir freudig bestätigt. Ich packe meine Leiter und gehe Richtung Schuppen.
„Dann kaufen sie sich die doch!“
Endlich hatte er sie, die Fällgenehmigung. Triumphierend ging er vom Briefkasten in das Haus. Er zog seine alte Arbeitshose an und ein großkariertes Hemd, verließ das Haus durch den Hintereingang und ging zum Schuppen. Keine Sekunde wollte er vergeuden.
Bald hatte er alle Geräte zusammen und die große Kabeltrommel abgerollt.
Er stand vor ihr.
Die Eibe ragte vor ihm 5m in den Gartenhimmel und schien sich der Gefahr nicht bewußt zu sein. Wie sollte sie wissen, daß er sie nur lästig fand, im Wege, Verschattungsobjekt.
Zu Weihnachten holte er sich lieber einen Tannenbaum zum Wegwerfen, als sie zu schmücken und ins Fest mit einzubeziehen.
Er hatte sie nicht gepflanzt und alles was er nicht selber gepflanzt hatte, gehörte auch nicht in seinen Garten. Da war er sehr konsequent.
In allem!
Auf den Naturschutz pfiff er, aber die Eibe war zu groß, zu sichtbar und stand zudem unter dem Schutz des Gesetzes.
Bis jetzt! Im dritten Anlauf war es ihm endlich gelungen den Sachbearbeiter des Grünflächenamtes zu erweichen, der Fällung des Baumes zuzustimmen. Wahrscheinlich wollte jener aber nur endlich seine Ruhe haben.
Er warf einen letzten siegesgewissen Blick auf den Baum, steckte dann das Kabel der Kettensäge in die Kabeltrommel und schritt zur Tat.
In weitem Bogen regnete das Fleisch des Baumes in Spänen aus dem Schlitz, in dem Millimeter für Millimeter das Schwert der Säge versank. Als der Stamm halb durchtrennt war, machte er eine Pause.
Spürte er da etwas? Hatte sich etwas bewegt? Nein, das war sicher der Wind gewesen.
Er setzte die Säge an der anderen Seite des Stammes an, um dort einen Keil herauszuarbeiten, der die Richtung bestimmen sollte, in die der Baum fallen sollte.
Er legte abermals eine Pause ein.
Der Baum stand noch total senkrecht, als wäre sein Stamm nicht schon bizarr in eine klaffende Wunde und einen langen Schnitt geteilt.
Er legte die Säge beiseite und begann, vorsichtig von hinten den Stamm zu drücken. Vergebens. Er ging in den Schuppen und holte ein Seil. Er warf es in einem Bogen so hoch er konnte in den Baum, zog das herunterfallende Ende um den Baum herum, so daß er um den Stamm herum eine Schlinge in ca. 2m Höhe hatte.
Er begann zu ziehen. Nichts. Er ging in den Schuppen und holte den alten Flaschenzug. Er schlug eine schwere Eisenstange in den Boden und befestigte daran den Flaschenzug mit dem Seil.
Nun bemerkte er eine Regung, die Eibe zitterte etwas mit ihren Nadeln, bis sie ganz langsam ihr Gewicht nach vorne verlagerte.
Dann kam der Punkt, wo die noch verbliebenen Holzfasern die Last nicht mehr halten konnten und sie kippte laut knirschend noch vorn.
Er machte einen Sprung zur Seite. Der Baum krachte direkt neben ihm auf den Boden.
Er fluchte!
Ein angebrochener Zweig hatte ihm am Oberschenkel getroffen. Durch den Riß des Stoffes sickerte etwas Blut.
Er ging ins Bad und zog die Hose aus. Eine kleine Schramme - nicht weiter wild. Er klebte ein Pflaster drauf, zog sich wieder an und ging wieder in den Garten, um aufzuräumen.
Im nächsten Frühjahr saß ziemlich genau an dieser Stelle die Kaffeegesellschaft im Garten. Sie hatte viel zu reden.
Über diese Wunde die nicht heilen wollte, die Tetanusspritze die nicht wirkte, die Entzündung, die Krankenhausaufenthalte, die Labore die zu keinem Ergebnis kamen.
Die Verzweiflung als sie ihm das Bein abschneiden mußten, weil es dunkelbraun und schorfig geworden war wie ein alter Baumstamm. Von der noch größeren Verzweiflung, als auch das nichts half, weil irgend etwas immer noch in seinem Körper sein Unwesen trieb. Die einen Ärzte tippten auf das Taxin die anderen auf Bakterien, doch nicht einmal die Obduktion brachte darüber Klarheit.
Alle erzählten, was sie wußten und jeder wußte etwas, aber alles Wissen war nicht der Rede wert.
Keiner bemerkte wie aus der Wunde, die er der Eibe zugefügt hatte, keine 2m hinter ihnen, ein kräftiger hellgrüner Trieb wuchs
Instinktiv hatte sie es geahnt. Sie hätte nicht in das Haus eindringen sollen.
Irgendwann mußte sowas ja mal schiefgehen.
Sicher, sie war sehr erfahren in ihrem Job und beherrschte ihr Handwerkzeug wie im Schlaf. Ihre Sinne waren geschärft, und die Geschwindigkeit, mit der sie sich in manchmal ziemlich halsbrecherischen Aktionen die Fassenden entlang hangelte, war beachtlich.
Vor ihren Raubzügen baldowerte sie das Terrain stets penibel aus.
Auch hier war das nicht anders gewesen. Zwar sah es hier nicht nach fetter Beute aus, aber das eine oder andere Schnäppchen vermutete sie schon hinter dieser Fassade, die ihre besten Jahre schon lange hinter sich hatte.
Sie drang durch ein schludrig geschlossenes Fenster ein. Es war sehr leicht diesmal, allerdings beschlich sie direkt danach schon dieses ungute Gefühl. Sie konnte nicht genau sagen, was es war, aber irgend etwas lag in der Luft.
Diesen Gedanken verdrängend, schlich sie tastend die Wohnzimmerwand entlang. Sie erreichte die Tür, die ebenfalls nur angelehnt war, und gelangte so in den Flur. Es war ein langer und dunkler Flur.
Lautlos schob sie sich auch hier vorwärts. Ganz am Ende des Flures sah sie am Boden einen Lichtspalt. Dahinter hörte sie nun gurgelnde Geräusche.
Die Tür wurde plötzlich abrupt geöffnet, und ein großer Kerl in Unterhosen und Unterhemd stand im Türrahmen seiner Toilette.
Er schaute sie an.
Sie versuchte sich ganz eng an die Wand zu ducken, als wäre es ihr möglich, sich dort unsichtbar zu machen.
Mit einem Grunzen kam er langsam auf sie zu.
„Wen haben wir denn da?“
Sie erstarrte, war unfähig sich zu rühren.
Mit einem Satz überwand er den letzten Meter, der die beiden noch getrennt hatte.
Er packte sie mit einer Geschicklichkeit, die sie solch einem groben Kerl niemals zugetraut hätte.
Es war aus, dachte sie, aber sie wollte sich auch nicht in ihr Schicksal ergeben. Doch seine Hände umfaßten sie stärker als Schraubstöcke, es gab kein Entrinnen.
Er ging mit ihr in das Zimmer, in das sie durch das Fenster eingedrungen war.
Er stieß es mit dem Ellenbogen auf, hielt sie gefühlte Stunden über den Abgrund der Straße und setzte sie dann völlig überraschend auf den Sims.
Er schloß das Fenster diesmal richtig und rief ihr zu:
„Fang Deine Fliegen wo Du willst, aber nicht bei mir!“
Eins-zwei, eins-zwei, im Sauseschritt, die Stöcke fliegen, ich fliege mit!
Mit Jumps und meisterlichen Doppelstockschüben pflüge ich durch die Außenbezirke Berlins. Meine Arme laden so weit aus, daß Albatrosse vor Neid erblassen würden, wären sie nicht ohnehin schon farblos.
Neid bemerke ich in den Gesichtern, die ich achtlos links und rechts meiner Bahn zurücklasse. Ich weiß genau, was die denken. Zerrissen von ihrer eigenen Mißgunst, meine ich sie tuscheln zu hören, wo ich denn meine Ski gelassen hätte, warum ich denn ohne diese rumlaufen würde.
Ignorantes Fußgängerpack! Von wegen umlaufen! Nordic walken bedarf eines höchsten Maßes an navigatorischem Können.
Taucht auf der Bahn z.B. in 10m Entfernung ein Hundehaufen auf, dann sind alle Sinne gefordert!
Entfernung abschätzen, durch die exakte Schrittlänge teilen, die Auftreffwahrscheinlichkeit berechnen, und das alles in Bruchteilen von Sekunden. Bei einer Auftreffwahrscheinlichkeit höher 70%, sofort Ausweichkurs berechnen, sanft, aber schnell auf diesen einschwenken und nur ja nicht aus dem Takt kommen, oder was noch schlimmer wäre, die Geschwindigkeit verringern. Nulltempo gilt nur an roten Ampeln, aber ohne den Schrittrhythmus zu ändern.
Mögen diese Ignoranten doch behaupten, das sähe so aus, als wäre ein Aufziehhase gegen eine Wand gelaufen, was juckt mich das.
Mit Schrecken denke ich an das Frühjahr, als die Krötenwanderung war. Diese dummen Tiere sind ja total unberechenbar und entziehen sich jeglicher korrekter Kursberechnung.
In solchen Fällen kann die Devise nur lauten: „Augen zu und durch durch den Lurch!“.
Was ich da anschließend an Lurchigem aus meinen Profilsohlen rauspuhlte, gab dem Begriff Salamanderschuh eine völlig neue Bedeutung.
Aber heute walkt alles perfekt.
An der Buswendeschleife biegen zwei Mitwalker auf meine Bahn ab und fädeln sich ein. Ein kurzes Kopfnicken reicht als Begrüßung, denn nun kommt die Zeremonie der Synchronisation der Bewegungen. Wie bei Musikern in einem Orchester wird der Takt übernommen und nun stampfen 6 Füße und staksen 6 Stöcke wie die Kolben eines Schiffsdiesels. Eins zwei, eins zwei…
Es ist ein sehr erhabener Moment, und er gibt uns den Habitus einer Marschkolonne. Wenn jetzt einer mit einem Marschlied begonnen hätte, wer weiß, ob wir rechtzeitig vor dem Ural zu stoppen gewesen wären.
An der Weggabelung verlasse ich die Formation, wippe kurz mit den Flügeln, ähm… Kopf und schwenke zur Siedlung, wo mein Reihenhaus nebst Inhalt auf mich wartet.
Stöcke an die Wand, Jacke aus, durchatmen. Müde, aber glücklich sinke ich in meinen Fernsehsessel.
„Schatz, kannst Du mir bitte mal ein Bier holen?“
„Stundenlang durch die Gegend rennen und nun will der Herr auch noch bedient werden!“ schlägt es mir aus dem Badezimmer entgegen.
„Hol es Dir selber! Ich mach jetzt die Waschmaschine!“
Ich tue so, als hätte ich das Wort „rennen“ nicht gehört. Sie wird das nie begreifen, dabei habe ich es ihr so oft schon erklärt, daß ich walke, wenn ich renne.
Ich stemme mich wieder aus dem gemütlichen Sessel empor, und bevor ich den ersten Schritt mache zucken meine Hände Richtung Stöcke, die verführerisch an der Wand lehnen.
Ich halte kurz inne, widerstehe dem Zwang, lasse sie dort stehen, wo sie sind und gehe barhändig in die Küche.
Hier wird mich ja keiner so sehen.
Er lief über die saftig grüne Wiese so schnell ihn seine kleinen Füße tragen konnten. Die Sonne gab ihr bestes an diesem Spätherbsttag, und der Wind wehte leicht aus der Richtung das nahen Waldes, trug die Würze der Nadelbäume mit sich, wenn er an dem kleinen Mann vorüber wehte.
Er blieb stehen. Da hinten am Waldrain hatte sich etwas bewegt. Er schlich sich langsam in diese Richtung, und dann sah er vor sich, tief ins Gras geduckt, das kleine Rehkitz. Zu gerne hätte er es gestreichelt, aber das durfte man ja nicht, weil die Mutter es dann nicht mehr versorgen würde. Er hatte das jedenfalls so gehört. Aber anschauen, anschauen ging! Und so betrachtete er das kleine Tierbaby ganz still und ohne sich zu bewegen.
Im Augenwinkel bemerkte er eine Bewegung. Er sah etwas ganz langsam näher kommen. Es war die Mutter des Kleinen, die, ihn argwöhnisch fixierend, langsam näher kam.
Das Bambi bewegte sich immer noch nicht. Erst als die Mutter es zart mit ihrer Schnauze anstupste, hob es den Kopf. Es stand auf und suchte nach den Zitzen der Mutter, um zu trinken.
Es ging sehr schnell, auf einmal huschte ein Schatten über die beiden Tiere, und die Mutter sprang ein Stück in das Unterholz, in das das Kleine ihr auf staksigen Beinen zu folgen versuchte.
Er blickte nach oben. Ein weit ausgebreitetes Flügelpaar hatte diesen Schatten gesandt. Es war ein Kranich und somit keine Gefahr für Mutter und Kind. Der Teich war nicht weit, und im Schutz der alten Weiden, die dort standen, brüteten ganze Kolonien dieser wunderschönen Vögel.
Schnell spurtete er wieder los. Er breitete seine Arme weit aus und ahmte Flugzeugmotorengeräusche nach. Es war nicht weit, ein sanfter Abhang führte zum Ufer. Er legte sich hin und ließ sich laut juchzend durch das frische Gras hindurch rollen, bis er am Ufer zu liegen kam.
Es war ein wunderschöner Teich, auf dem noch die letzten Seerosen blühten. Ab und zu schnappte ein Fisch nach Luft und hinterließ Luftblasen im Zentrum ringförmiger Wellen, die die Wasseroberfläche tanzen ließen. Er setzte sich ganz dicht an das Ufer auf ein sehr großes und dichtes Moospolster, steckte die Füße in das Wasser und stützte sich mit den Händen im weichen Gras ab.
Es war wunderschön. Er genoß diesen Augenblick und merkte gar nicht, wie seine Füße immer tiefer in den Boden des Teiches einsanken. Erst als sie so tief drin steckten, daß er sie nicht mehr bewegen konnte, wollte er sie wieder herausziehen. Kräftig drückte er seine Hände in das Gras. Doch je fester er drückte, um so tiefer versanken auch sie. Das ganze geschah nicht blitzschnell, aber mit der Stetigkeit eines Uhrwerks. Er spürte keine Schmerzen, ganz im Gegenteil. Arme und Füße schienen nur nicht mehr da zu sein. Er spürte sie nicht mehr.
Nur noch der leichte Wind war da. Eine vermeintlich unendliche Weile später öffnete er seine Augen.
Er bemerkte die Bewegung.
Unfähig selber einen Muskel zu bewegen, sah er eine Baumreihe an sich vorübergleiten.
Da war wieder dieser Geruch, ein angenehmer und vertrauter. Es war das Parfum seiner Mutter, die ihn wie jeden Tag durch den Stadtpark schob.
Zu gerne hätte er ihr von seinem Ausflug erzählt.
Er ging den hell erleuchteten gefliesten Flur entlang. Die Fußfesseln erlaubten ihm nur kleine Schritte.
Es war wie ein böser Traum.
Dabei wollten sie sich doch nur einen Traum erfüllen, ihren Traum!
Im Wohnmobil durch Kalifornien!
Lange hatten sie dafür gespart und zur Silberhochzeit konnten Sie sich diesen Traum endlich erfüllen.
Schon der Flug in diese ferne Welt war atemberaubend. Die Flugroute über die Gletscher Grönlands hinweg, dann über die Weiten Nordamerikas, die Schleife über die Golden-Gate und die Landung in San Francisco. Dann mit dem Campingbus auf den Highway 1 die Pazifikküste entlang südwärts nach Los Angeles.
Es war ein einmaliges Abenteuer, doch dann wollte sie an diesem einen Tag wieder einmal in einem richtigen Bett schlafen.
Dieses kleine Motel lag zwar wunderschön, machte auf mich aber keinen guten Eindruck. Ich weiß nicht, ob es an dem Blick des Portiers lag oder an den eigenartigen Möbeln, aber es sollte ja nur für eine Nacht sein.
Als die Morgensonne ihr Licht durch die Gardinen schickte, wurde ich wach. Ich setzte mich auf die Bettkannte und schaute durch den Spalt der Gardine auf das Meer.
Einfach wunderschön!
Heute wollten wir nun weiter Richtung Mexiko. Ich fragte sie, ob sie zuerst ins Bad wollte. Aber sie schlief tief und fest. Ich ging zurück zum Bett und tippte sie auf die Schulter. Sie mußte fest schlafen, als ich ihren Arm streichelte, kroch in mir Panik empor. Er war eiskalt. Was dann alles geschah, weiß ich nur noch sehr undeutlich.
Wie in einem Film erlebte ich Hotelpersonal, Sanitäter und diese Polizisten.
Diese arroganten Polizisten!
Sie begriffen nicht, daß ich sie nicht verstand.
Sie sprach perfekt Englisch, ich verstand noch nicht einmal Schlagertexte. Mit meinem Latein, das ich seinerzeit lernte, war ich hier an meinem Ende.
Der Dolmetscher - der Anwalt - ich begriff nur, daß sie an einer Überdosis irgendeiner Chemikalie gestorben war. Sie starb direkt neben mir, ging im Schlaf einfach heim und ließ mich hier zurück.
Das erste Urteil ging an mir vorüber, weil mein Anwalt mir bedeutete, daß er eh in die Berufung gehen würde.
Doch nun gehe ich, gehe ich diesen gefliesten Gang, der mein letzter Weg sein wird.
Die Wache, die vor mir läuft, macht halt und öffnet eine Tür linkerhand zu einem Raum. Auch er ist gefliest. In der Mitte steht eine Liege. Vor dieser angekommen drücken mich die beiden Wachen, die bisher links und rechts neben mir liefen, auf das weiße Einmallaken. Meine Arme und Beine werden angeschnallt.
Jemand redet etwas in diesem verdammten Englisch, als ein Bediensteter sich an meinem Arm zu schaffen macht. Mit einem Stich führt er eine Kanüle in meine Ellenbeuge ein und fixiert sie mit einem Pflaster.
Nun höre ich noch andere Stimmen, verstehe nichts. Ich spüre, daß sich etwas durch die Kanüle seinen Weg in meine Adern bahnt, wie eine böse Schlange in eine Kaninchenhöhle. Es beginnt zu schmerzen, meine Vene brennt wie Feuer, meine Augen werden immer kleiner, ich sehe nur noch durch den Saum meiner Wimpern.
Es wird dunkel.
Da höre ich ihre Stimme. Das Sterben ging ja leichter als ich dachte. Sie ruft meinen Namen, ich meine sie sehen zu können.
Sie freue sich, daß ich bei ihr sei.
Ja ich freue mich auch, aber wie soll das nun weiter gehen?
Mit aller Kraft bemühe ich mich meine Augen zu öffnen. Ganz verschwommen sehe ich einen Umriß. Er ist mit nicht fremd, es ist der mir vertraute.
Langsam, ganz langsam wurde das Blickfeld klarer. Sie ist es wirklich!
„Es wird jetzt alles anders!“ sagt sie lächelnd und hält mir einen kleinen Vortrag über all die Dinge, die ich ab nun nicht mehr tun könne.
„Hören Sie auf Ihre Frau!“ mischt sich nun eine Männerstimme ein. Ich bemühe mich, meinen Kopf in
ihre Richtung zu drehen. Es war mein Bettnachbar der ständig BBC hörte, auch wenn ich schlafen wollte.
„So, fertig!“ fügt die Schwester hinzu, die gerade die Infusionsflasche gewechselt hat. „Und klingeln Sie wenn Sie, etwas möchten, ihre Wunde braucht jetzt absolute Ruhe!“
Schön, daß Du da bist! Ich fühle mich so wohl Dein Gesicht zu sehen, Deinen Blick, Deine Nähe, nur lächeln, lächeln tust Du nie. Ich liebe Dein Lächeln, warum lächelst, warum lachst Du nicht? Ich kann es doch hören, ich kann es doch sehen, warum tust Du es nicht? Weil ich es im Moment nicht kann? Schau in meine Augen, ganz tief in ihnen kannst Du mein Lächeln sehen, schau doch bitte, nein schau nicht weg, ist es Dir so unangenehm mich anzuschauen? Habe ich mich so verändert? Ich kann hier keinen Spiegel sehen. Nur die Lampe über mir, dieses weiße Licht, keine Sonne, dabei weiß ich, daß sie gerade scheint, nur sehen kann ich sie nicht. Lächel doch bitte einmal. Ich sehe eine Träne in Deinen Augen. Weinen kann ich auch nicht mehr, meine Augen sind trocken. Deshalb bekomme ich von der Schwester Augentropfen.
Warum weinst Du heute nur so, sag es mir doch bitte, hören kann ich doch! Aber woher sollst Du das wissen. Verdammt, warum verweigern meine Lippen und meine Zunge ihren Dienst? Warum kann ich Dir nicht sagen, daß ich Dich sehe, rieche und daß ich Dich liebe. Ich liebe Dich wegen unserer gemeinsamen Zeit und weil Du jeden Tag kommst, mich hier zu besuchen, an meinem Bett, an diesem Bett, das mich bettet und fesselt, nein, fesseln tut mich mein Körper. Dieser Panzer, der auf mir liegt, wie aus Blei.
Du denkst ich schlafe, ich schlafe nicht mehr als Du, nur bemerkt ihr das nicht, weil ich mich beim Erwachen nicht räkle, nicht gähne mich nicht bewege, nicht bewegen kann. Aber ich weiß, daß Du spürst, daß ich denke und fühle. Sonst würdest Du nicht jeden Tag bei mir sein. Ich schäme mich fast, Dir diese Zeit abzuverlangen, aber ich genieße sie zu sehr.
Warum bist Du heute so aufgeregt? Warum trauriger als in den Tagen vorher? Du schaust zur Tür. Ich kann sehen weshalb. Der Chefarzt ist eingetreten. Ein netter Mann. Ich habe vor dieser Sache oft mit ihm gesprochen. Wir sind Segelfreunde und haben so manche Seemeile gesurft. Er hat mich allerdings noch nie angeschaut, also als Arzt schon, aber nicht als Freund. Ich glaube, er schämt sich, weil seine Therapie noch nicht wirkt.
Was sagt er zur Dir? Meine Patientenverfügung. Ja die ist für den Notfall, richtig. Ich will nicht leiden und an Apparaten hängen. Will mein Leben selber bestimmen. Er half mir, diese Verfügung so aufzusetzen, daß sie auch im Falle des Falles wirksam ist. Ich bin also für den Fall der Fälle gerüstet. Aber warum erwähnt er das jetzt? Mir geht es doch relativ gut, ich habe keine Schmerzen, kann sehen, riechen, denken und lieben. Sie kann ich lieben, die mir die Idee mit der Verfügung damals ziemlich übelnahm, weil sie meinte, ich würde ihr die Entscheidung nicht zutrauen.
Sie weint, sie sagt, sie würde spüren, daß noch aktives Leben in mir ist. Der Doc meint, sie sähe das esoterisch, vom medizinischen Standpunkt aus wäre ich austherapiert. Austherapiert – ein nettes Wort, er meint eigentlich, das ich tot bin ohne gestorben zu sein.
MANN, ich lebe, Du Trottel, kauf Dir neue Apparate, wenn diese Dir das nicht zeigen!
Nun erklärt er ihr, daß nach der neuen Gesetzeslage die Patientenverfügung ein stärkeres Gewicht hat als ihr Wort und daß ein Intensivbett, wie das meine, sehr viel Geld koste.
Sie läßt ihren Tränen freien Lauf, und ich würde sie so gerne trösten, ihr sagen, daß sie sich nicht sorgen muß, daß ich gewiß wieder Gewalt über meinen Körper bekommen werde.
Ich kann es nur nicht, nicht jetzt. Aber jetzt ist der Doc am Werk und erklärt mich für hirntot. Sie kann nur noch schluchzen, sie rennt aus dem Raum. Diesmal hat sie mir nicht einmal einen Kuß gegeben.
Ich bin allein mit dem Arzt.
