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Robin Fox, ein junger ehrgeiziger Kriminalkommissar führt ein turbulentes Leben zwischen Beruf, Beziehung und Bettgeschichten. Während ihn seine altersschwache Mutter auf Trab hält, versucht er seine eingeschlafene Partnerschaft mit Kilian durch eine heiße Affäre mit dem jungen Marius aufzupäppeln. Je häufiger sich die beiden treffen, umso tabuloser wird der Sex zwischen ihnen. Aber nicht nur die Angst vor einer Entlarvung der geheimen Treffen macht Robin zu schaffen, denn in seiner Heimatstadt Seederstedt beginnt plötzlich ein Albtraum, als sich drei Menschen binnen weniger Tage auf grausame Weise umbringen. Robin will von Anfang an nicht recht an Suizide glauben, obwohl die Todesfälle zunächst in keinem Zusammenhang zu stehen scheinen. Die Spuren führen ihn in ein skrupelloses System aus Macht und Profitgier. Doch als er kurz vor der Auflösung des Falls steht, bemerkt er nicht, wie er immer tiefer in einen Sog aus Gewalt und Wahnsinn gerät ...
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Seitenzahl: 541
Veröffentlichungsjahr: 2010
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Sascha Leßmann
Roman
Himmelstürmer Verlag
eBookMedia.biz
Copyright © Himmelstürmer Verlag
eBook ISBN ePub: 978-3-942441-76-6
Hergestellt mit IGP:FLIP von Infogrid Pacific Pte. Ltd.
www.himmelstuermer.de
Originalausgabe, September 2009
Coverfoto: (c) http://www.bennothoma.nl
Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus.
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
ESSEN UND BEISCHLAF
SIND DIE BEIDEN GROßEN
BEGIERDEN DES MANNES
(KONFUZIUS)
Die Scheibenwischer arbeiteten im Sekundentakt. Schwere Regentropfen prasselten unablässig in grellen Geräuschen gegen die Windschutzscheibe und Nico hatte immer wieder das beunruhigende Gefühl, diese Geräusche seien das gegenwärtige Spiegelbild seiner Gedanken.
Warum?
Absurd.
So wild, unberechenbar und chaotisch konnte es in seinem Kopf gar nicht zugehen.
Definitionssache.
Vielleicht zersprangen die Tropfen auch nicht in einem grotesken Prasseln auf dem triefenden Glas, sondern in einem Meer aus Klängen, einem Teppich aus Melodien, die ihn zu einem Ziel geleiten sollten, das für ihn im Moment in unerreichbarer Ferne lag.
Nico Harder war in Richtung Seederstedt zur L846 unterwegs. Um ihn herum herrschte nichts weiter als tiefe Finsternis. Nur die Scheinwerfer huschten im Dunst über den feuchten Asphalt und suchten den weiteren Verlauf der Straße. Es machte ihm Sorgen, dass das elektrische Licht ihm die Aufgabe abnahm. Eigentlich wusste er nicht, warum er sich sorgte und einer melancholischen Stimmung verfallen war. Schließlich war der Tag hervorragend gewesen. Nicht nur, dass er einen schier ewig andauernden Streit mit seinen Eltern beigelegt hatte - er hatte außerdem endlich seinen Schulabschluss in der Tasche und konnte Anfang August mit der Ausbildung in der Möbeltischlerei beginnen. Dies war ein Umstand, den ihm viele Familienmitglieder vor wenigen Monaten noch nicht zutrauten. Aber er hatte es ihnen allen Unkenrufen zum Trotz bewiesen. Viel Geld verdiente er im ersten Lehrjahr zwar nicht, doch wenigstens musste er nicht mehr vor seinem alten Herrn auf Knien rutschen und ihn um ein paar lausige Kröten anbetteln. Der Sack wusste noch überhaupt nicht, dass er die Lehrstelle antreten konnte. Um 17 Uhr hatte er nach dem Vorstellungsgespräch gleich die Zusage erhalten, war auf direktem Wege zu seinem Kumpel Basti nach Lohne gefahren und hatte mit ihm ein Bierchen getrunken und Playstation gezockt. Nico freute sich tierisch, den blöden Gesichtsausdruck seines Vaters zu sehen, wenn sein Versagersohn ihm von einer geregelten Zukunft berichtete. Die würde er nun eben nicht in einem schlecht klimatisierten Büro verbringen, wie Papa Gregor, Industriekaufmann seines Zeichens, es sich so energisch wünschte.
Ein fantastischer Sieg.
Eigentlich war im Moment alles bestens.
Nun war Nico auf dem Heimweg. Er steuerte die Familienkutsche seiner Mutter über eine Landstraße, die eine Gerade ohne Randbebauung darstellte. Dies mochte wohl ein zusätzlicher Grund für seine plötzliche Müdigkeit sein. Die Nacht, der feuchte Asphalt und der Regen wirkten hypnotisch auf ihn. Nico schossen die Ereignisse des Tages als grellbunter Fotoband durchs Hirn. Erfreuliche Ereignisse, befriedigende Ereignisse. Doch irgendwie keine Ereignisse, die ihn auf Dauer optimistisch stimmen würden. Sie lenkten nur ab von dem Ziel, das er nicht klar erkannte, aber von dem er genau wusste, dass es existierte. Irgendwo da draußen in der verregneten Nacht. Aber er würde dieses Ziel auch nicht mit einer Handwerksausbildung erreichen. Eigentlich war er der Meinung, in seinem bisherigen Leben nichts weiter erreicht zu haben als einen Haufen Scheiße.
Toll, eine Ausbildung. Und dann? Für den Rest des Lebens Möbel bauen?
Im milchig gespenstischen Dunst an der rechten Fahrbahnseite zeichneten sich die schemenhaften Umrisse einer schwarzen Gestalt ab, die sich im Kegel der Scheinwerfer umdrehte, den Arm ausschwenkte und den Daumen hob.
Nico setzte den Blinker, trat auf die Bremse und fuhr an den Randstreifen. Er kannte die leidliche Situation, bei strömenden Regen zu trampen.
Gut zehn Meter hinter der Gestalt stoppte er den Wagen und nutzte die Gelegenheit, um die beschlagenen Scheiben mit einem Schwamm frei zu wischen. Nico blinzelte währenddessen in den Rückspiegel und erkannte, dass es sich um eine männliche Person handelte, die mit eingezogenem Kopf auf die Tür zugerannt kam. Glücklich riss sie sie auf und schrie, um den tosenden Regen zu übertönen: „Seederstedt?"
Nico nickte. „Ja! Steig ein!"
Triefnass nahm der in durchweg schwarze Klamotten gehüllte Junge auf dem Beifahrersitz Platz und schlug erleichtert die Tür neben sich zu. Unbeabsichtigt trat er auf eine Plastikflasche und eine quadratische Pappschachtel. Im Auto roch es nach Essen.
Nico legte den ersten Gang ein und beschleunigte. Er bereute seine Hilfsbereitschaft, denn er wollte sich nicht unterhalten. Nicht jetzt, wo er auf der Suche nach einem Ziel war. Der Junge neben ihm überwand sich zu einigen freundlichen Worten. Offenbar fühlte er sich unwohl, auf einen Fremden angewiesen zu sein und wollte dies mit einem gezwungenen Gespräch überspielen.
„Gibt nicht viele, die um diese Uhrzeit hier draußen anhalten."
„Nein", antwortete Nico einzig und allein aus Höflichkeit.
„Ich stand zwei Stunden an der Straße, aber keine Sau hat angehalten. Da bin ich losgegangen und habe gehofft, dass mich jemand auf der Strecke mitnimmt."
„So? Eine Sau hat angehalten." Ich bin also eine Sau, dachte Nico garstig. Undankbarkeit ist der Welten Lohn.
„Find ich cool", bemühte sich der Junge, seine Dankbarkeit zu zeigen, ohne sie aussprechen zu müssen.
Nico demonstrierte dem ungebetenen Fahrgast seine Abneigung mit kühlem Schweigen. Aus den Augenwinkeln musterte er den Mitfahrer, der einen schwarzen Mantel trug. Über die Hände hatte er sich schwarze Wollhandschuhe gestülpt, die Fingerkuppen lagen jedoch frei. Die Nägel waren schwarz lackiert. Sein Gesicht hatte er leichenweiß geschminkt, nur die Augenpartien waren hinter den Gläsern einer Hornbrille mit schwarzem Kajalstift hervorgehoben. Die rußigen Haare hingen ihm wirr ins Gesicht.
So ein Typ aus der Gruftiszene, dachte Nico. Wahrscheinlich frisch von einer schwarzen Messe.
„Hast du schon lange einen Führerschein?", versuchte der Junge die unbehagliche Stille zu durchbrechen.
„Ein halbes Jahr", antwortete Nico. „Warum?"
„Nur so ... Du siehst noch nicht aus wie 18."
„Danke."
„Sollte keine Beleidigung sein."
„Mir egal."
„Ich bin übrigens Lukas."
„Schön."
„Hast du auch einen Namen?"
„Nico."
Seit wann tauschte man Namen aus, wenn man trampte?
Aus Verlegenheit wrang Lukas Wasser aus seinen Haaren. Verärgert sah Nico mit an, wie Tropfen auf die Innenverkleidung spritzten. Seine Mutter würde ihm die Hölle heiß machen, wenn sie morgen früh in ein dreckiges Auto steigen müsste. Das war dieser ignoranten Frau am Wichtigsten: Sauberkeit.
„Ich gehe auf die Berufsschule", meinte Lukas nach einer Weile.
Nico sagte kein Wort.
„Du bist nicht sehr gesprächig", stellte Lukas fest, lächelte schwach und putzte die Brillengläser mit den trockenen Innenseiten der Ärmelränder ab.
Nico hatte den Eindruck, dass er sich mit dem Lächeln ein wenig lockerer geben wollte, im Endeffekt aber nur über die Erkenntnis bestürzt war, womit er die Zeit seines Lebens verschwendete: mit der Berufsschule.
„Und was machst du so?", erkundigte sich Lukas.
Erneut erfüllte ungemütliches Schweigen die Fahrerkabine, bevor Nico mit einem Seufzen erwiderte: „Ausbildung."
„Das klingt nicht sehr begeistert."
„Ich würde mich lieber selbst ausbilden."
„Dann mach's doch. Du kannst doch selbst bestimmen, was aus dir wird. Wenn nicht du, wer dann?"
Klugscheißer, dachte Nico.
Im Lichtkegel der Scheinwerfer tauchte eine neue Gestalt im Regen auf. Auch sie wollte mitgenommen werden. Nico rauschte so dicht an ihr vorbei, dass sie einer aufpeitschenden Wasserfontäne nicht ausweichen konnte. Nur kurz sah Nico ihr Gesicht.
Und erschrak.
In ihm begann etwas zu rumoren. Er fand das Ziel nicht. Die Scheinwerfer erfassten ein Schild, das auf eine scharfe Kurve hinwies, die Geschwindigkeit sollte auf 40 Stundenkilometer gedrosselt werden.
Nico trat auf das Gaspedal, während Lukas ängstlich auf die Tachometernadel starrte. Sie stieg allmählich über 80. Die Wasserflasche rollte von einem zum anderen Fuß. Sie machte ihn noch nervöser.
„Bist du in Seederstedt zur Schule gegangen?"
Nico wollte nicht reden. Schon gar nicht über seine Schulzeit. Und er wollte auch keine trivialen Fragen beantworten.
Verdammte Fragerei.
„Zur Hauptschule", entgegnete Nico.
„Da war ich auch. Aber die Berufsschule gefällt mit besser."
„Was gefällt dir an der Ausbildung zum Kapitalismus besser?", fragte Nico rotzig.
Er wurde immer gereizter und erwartete eine zufriedenstellende Antwort von Lukas, der sich offensichtlich sehr geborgen in seinem Leben fühlte. Wie konnte man sich in der heutigen Welt geborgen fühlen?
An der Fahrbahnseite stand ein weiterer Anhalter und streckte den Arm aus. Nico erkannte den gleichen dunklen Mantel, die gleichen fingerlosen Handschuhe, die blasse Miene und die schwarzen Haare, die träge tropfend an seinen Wangen hinab hingen und die Brille leicht verbargen.
„Man kann alles übertreiben", stöhnte Lukas rekapitulierend.
„Und man kann alles verharmlosen", konterte Nico.
Er machte keine Anstalten, das Tempo zu mindern und manövrierte das Auto in die Kurve.
Lukas zögerte mit seinem Kommentar, was ihm hörbar schwer fiel. „Da war ein Schild! Hast du das gerade übersehen?" Vorher hatte er keine Veranlassung dazu gesehen, aber nun schnallte er sich vorsichtshalber an.
„Kannst sofort aussteigen, wenn's dir nicht passt", blaffte Nico ihn kaltschnäuzig an.
Lukas krallte sich stumm am Stoff des Sitzes fest und versuchte, der Fliehkraft zu trotzen. Nico sauste viel zu schnell in die S-Kurve. Die linke Fahrbeinseite war von einer Felswand geprägt, rechts ging es einen steilen Hang hinab. Die Tachometernadel stieg auf über 85 Stundenkilometer, wie Lukas mit zunehmendem Entsetzen feststellte.
Angst baute sich in ihm auf. Das Angebot in Lohne zu übernachten hatte er dummerweise abgelehnt, stattdessen hatte er sich fürs Trampen entschieden und war nun im Auto von diesem unberechenbaren Irren gelandet. Und der schien nicht mal Alkohol getrunken zu haben. Zumindest roch es nicht danach. Garantiert hatte er sich irgendeine Pille geworfen, denn Nicos Augen blinzelten und waren pechschwarz, als ob die Pupille die Iris verschlungen habe.
Als der Wagen aus der Kurve schoss und sich wieder auf gerader Strecke befand, beruhigte sich Lukas etwas und seine Hände umschlossen den Türgriff nicht mehr ganz so krampfhaft.
Schweißperlen rannen Nico von der Stirn.
Am Straßenrand erkannte er einen dritten Anhalter. Ein Zwillingsbruder von Lukas. Der gleiche Mantel, die gleichen Handschuhe, das gleiche Gesicht, die gleichen nassen Haare und darunter die Brille vor den schwarzen toten Augen.
„Habt ihr das Tier gegessen?", fragte Nico.
„Was?" Lukas reagierte fassungslos. „Was meinst du?
„Na, das Tier, das du mit deinen Brüdern während der Messe geschlachtet hast. Ihr bringt dem Teufel doch Opfer dar, oder?"
Lukas schluckte. „Ich weiß nicht, wovon du sprichst."
Aber Nico ließ sich von ihm nicht für dumm verkaufen. Er registrierte sie jetzt ganz deutlich. Im Scheinwerferlicht zeichneten sich immer mehr Anhalter ab. Zuerst waren es wenige gewesen, dann summierten sie sich zu Dutzenden an beiden Straßenseiten. Es war, als führe Nico durch ein gespenstisches Volksfest aus lauter Klonen. Mitten in der Nacht.
Sie waren alle gleich!
Ein jeder trug den Mantel, die Handschuhe und die Hornbrille. Sie streckten die Arme aus, drehten die Daumen nach unten. Höhnische bleiche Fratzen lachten ihn aus. Vielleicht hatten die Sektenmitglieder gar kein Tier getötet, sondern waren noch auf der Suche nach einem Opfer für ihre Zeremonie. Und sie hatten eins gefunden: ihn.
„Bitte lass mich aussteigen", stotterte Lukas plötzlich und blickte auf den Tachometer. Der unheimliche Fahrer beschleunigte auf über 100 Stundenkilometer. „Lass mich raus! Ich will raus!"
„Ich weiß, warum du das willst. Weil du mich dann mit deinen Brüdern aus dem Auto schleifen kannst!"
„Du tickst ja nicht ganz richtig! Halt an!"
Die Tachometernadel bewegte sich langsam, aber stetig auf die 160-Markierung zu.
Nico spürte das nackte Grauen, das von allen Seiten auf ihn zukroch: aus der verregneten Dunkelheit und aus dem Beifahrer. Seine Gliedmaßen waren wie von einer eisigen Kälte betäubt. Er war nicht mehr imstande, irgendwas zu unternehmen, seine Hände klebten am Lenkrad, der Fuß auf dem Gaspedal.
Von irgendwoher zuckte ein greller Blitz, obwohl es nicht donnerte.
„Hast du keinen Selbsterhaltungstrieb? Du fährst viel zu schnell!" Lukas klang auf einmal weniger aufdringlich oder besserwisserisch. Er wollte Nico nicht unnötig aufregen und probierte es mit einer besänftigenden Strategie. „Was auch immer dich belastet", sagte er beschwichtigend, „alles wird irgendwann wieder gut."
Nico hörte nicht hin. Der Tramper wollte ihn nur in die Falle locken. Wenn er jetzt anhielte, würden sich seine Brüder auf das Auto stürzen und dann würden sie sonst was für kranke Dinge mit ihm tun.
Auf einmal verzog Lukas das Gesicht zu einer bösen Grimasse, die allen angestauten Zorn aus sich heraus spie: „Ich kann dich in deinem Innern jammern hören!"
Wie gelähmt starrte Nico den Tramper an, der sich zu verwandeln schien und immer größer wurde, bis er den Kopf einzog, damit er nicht unter das Dach stieß. Seine Gesichtshaut begann bis auf die Muskelstränge abzufaulen, als bespritze man sie mit ätzender Säure. Aus den schwarz lackierten Fingernägeln wuchsen dolchartige Krallen, die den Stoff des Sitzes aufschlitzten. Aus seinem Oberkiefer wuchsen spitze Reißzähne. Die Augen loderten rot. Seine Stimme wurde schrill und markerschütternd wie die einer dämonischen Kreatur.
„Ich kann dich in deinem Innern jammern hören!"
Der Motor heulte gequält auf, als Nico das Gaspedal bis zum Anschlag durchdrückte. Das Tachometer zeigte mittlerweile 180 Stundenkilometer an. Und die Nadel bewegte sich weiter. Nico brüllte sich vor Panik die Kehle aus dem Leib. Seine Hände griffen fest um das Steuer, während er beide Arme durchstreckte. Er durfte bloß nicht anhalten! Sie kriegten ihn nicht!
„Ich kann dich jammern hören!"
Nico sah seinen monströsen Beifahrer an und dann wieder auf die Straße. Eine der teuflischen Bestien hechtete plötzlich mit einem insektenartigen Sprung vom Fahrbahnrand zur Mittellinie. Aus Reflex riss Nico das Steuer herum und raste direkt auf die Leitplanke zu. Für den Bruchteil einer Sekunde erhaschten die Scheinwerfer einen Blick auf die grässliche Visage. Der Dämon versuchte, ihm ins Lenkrad zu fassen, aber dafür war es zu spät. Mit ohrenbetäubendem Krachen schmetterte der Wagen durch die Planken. Mit einem Mal war die Straße verschwunden und Nico hatte das Gefühl, in einem Flugzeug zu sitzen. Hinter der regennassen Windschutzscheibe tat sich gähnende Schwärze auf.
Nico schrie, als würde er nach einem langen Marathon die Ziellinie erreichen. Er löste seinen Sicherheitsgurt, befreite sich von den modernen Fesseln.
Der Aufprall war hart und brutal. Nico kümmerte sich nicht um seinen Beifahrer, der inzwischen ebenfalls brüllte. Und irgendwie hatte er auf einmal auch keine Angst mehr.
Er sah sein Ziel näher rücken. Und nicht nur sein Ziel rückte näher. Auch die Windschutzscheibe, die in dem Moment mit einem lauten Klirren barst als sein Schädel sie durchstieß. Vielleicht war es gar kein Klirren, sondern ein Meer aus Klängen - ein Teppich aus Melodien - die ihn zu einem Ziel geleiten sollten, das für ihn jetzt in erreichbarer Ferne lag.
Die Öffnung im Zaun war zwei, vielleicht noch drei Meter entfernt. Bald hatte er sie erreicht. Der Schmerz in seiner Wade war unerträglich, doch dieser intensive Schmerz war es, der ihn vorwärts trieb. Er setzte einen Arm vor den anderen und spürte das weiche Gras an seinen Ellenbogen. Er drehte den Kopf, sah aber nicht genau, was passierte, sah lediglich den klobigen Schatten des Tieres, dessen aggressive Kiefer immer wieder nach ihm schnappten, wenn er mal nicht verzweifelt danach trat.
Wach auf!
Das kehlige Knurren dröhnte in seinen Ohren. Das Rufen der Nachbarin hallte wieder und wieder energisch über den Rasen, zeigte aber offenbar keine Reaktion bei dem Tier, denn mit seinem angeborenen Jagdtrieb biss es ein weiteres Mal in seine Wade.
Wach auf! Das ist nur ein Traum!
Robin strampelte heftig mit den Beinen und erwischte den Hund zufällig an der Schnauze, konnte ihn somit zwar abschütteln, machte ihn dadurch aber auch noch angriffslustiger.
Robin robbte weiter auf das Zaunloch zu. Das Maschendrahtgeflecht war zum Glück nur so weit aufgeribbelt, dass er durchpassen würde, nicht aber der Hund.
Wach auf!
Und dann gelang es ihm endlich. Kerzengerade und schweißgebadet saß er im Bett zwischen den zerwühlten Laken und brauchte einen Augenblick, um die Orientierung wiederzufinden. Er befand sich nicht mehr in dem Garten, sondern war zurück in seinem Schlafzimmer. Automatisch beugte er den Oberkörper nach vorn und ließ seine Hand unter dem Laken zur Wade gleiten. Dort war sie, die Narbe, die er ertastete. Ein zusammenhängendes Gebilde aus runden leicht knorpeligen Malen. Unverändert seit jenen Tagen aus seiner Kindheit.
Kilian schlief seelenruhig neben ihm, drehte sich nach dem Ruck, den Robin beim Auffahren verursacht hatte, lediglich auf die Seite und räusperte sich kurz.
Robin erinnerte sich morgens nie an seine Träume, außer an diesen einen, der ihn regelmäßig aus dem Schlaf scheuchte. Er kannte ihn in und auswendig. Im Lauf der Jahre hatte er sich angewöhnt, den Traum zumindest insofern zu kontrollieren, dass er schlagartig erwachte, wenn er es sich befahl.
Er schaute durch das Fenster auf den leuchtenden Vollmond, der das Schlafzimmer in trübes Licht tauchte. Regen rauschte an den Scheiben hinab. Bei Vollmond hatte er vermehrt diesen Traum. Er musste endlich mal lichtundurchlässige Vorhänge besorgen, das hatte er bis jetzt immer aufgeschoben. Ein Raum musste stockdunkel für ihn sein.
Nach einem Blick auf den Wecker stellte er fest, dass es erst ein Uhr nachts war. Er konnte sich noch ein paar Stunden ausruhen und trotz der feuchten Schwüle im Raum schlummerte er irgendwann erneut ein.
Um halb vier war Robin hellwach und fühlte sich fit, obwohl er kaum und schlecht geschlafen hatte.
Es war Samstag, der 17. Mai 2008.
Der Regen hatte inzwischen aufgehört und ein goldgelbes Leuchten über den Dächern der Stadt kündigte die Morgendämmerung an. Wolken glühten in schillerndem Orangerot. Bevor er sich noch gelangweilt herumwälzte, wollte er lieber aufstehen und die Zeit nutzen. Er verspürte geile Lust und ihn packte das Verlangen mit Kilian zu schlafen. Er legte seine Hand über Kilians Körper auf seine unter hypnotischen Atemgeräuschen steigende und senkende Brust und ließ sie rasch nach unten in seinen Schritt wandern. Gleichzeitig liebkoste er mit der Zungenspitze sein Ohrläppchen. Aber Kilian schien gar nicht richtig mitzubekommen, was passierte. Im Halbschlaf murmelte er: „Was für eine unmenschliche Zeit zum Aufstehen." Es dauerte nur ein paar Sekunden und er schnarchte seelenruhig weiter.
Enttäuscht kroch Robin vom Bett, reckte und dehnte seine vitale sehnige Statur und ging zum Fenster, um die frische Morgenluft zu genießen. Er schlief jede Nacht bei geöffnetem Fenster, denn er liebte Frischluft. Danach stellte er sich in die Duschkabine und onanierte. Anschließend wusch er die Hände und rasierte sich die Bartstoppeln ab. Im Spiegel untersuchte er sein Gesicht, schob mit den Fingerspitzen Hautpartien zusammen und zog sie wieder auseinander, wandte den Kopf, um sich im Profil zu betrachten. Da war nichts, worüber er sich sorgen brauchte: gesunder frischer Teint, bronzefarbene straffe Haut, dichtes schwarzes Haar, lebensfrohes Glänzen in den blauen Augen. Ja, die Natur hatte es gut mit ihm gemeint. Die meisten Leute schätzten ihn jünger als er tatsächlich war. Dennoch wusste er, dass die Spuren des Alters eines Tages kommen würden. Er fürchtete sich weniger vor Falten als vor den Dingen aus seiner Kindheit, die irgendwann durchbrechen konnten. Üble verräterische Dinge. Er empfand nicht, dass die Zeit ihn altern ließ, sondern das, was er erlebte.
Das Gesicht ist das Spiegelbild der Seele.
Manches wollte er einfach nicht nach außen tragen.
Bevor er sich zum Joggen aufmachte, warf er noch einen Kontrollblick durch die Terrarienscheibe auf sein dösendes Haustier.
In drei Stunden würde er sich bereits mit Bernd und Peyman zum Frühstück treffen. Es war sein dienstfreies Wochenende.
Robin Fox war Seederstedter von Kindestagen an. Damals hatte er noch mit seinen Eltern in einem Einfamilienhaus eines friedlichen Vorortes gelebt. Verschiedene Faktoren führten dazu, dass das Haus verkauft werden musste. Magdalene, Robins Mutter, machte den Alkoholismus ihres Ehemannes und die daraus resultierende finanzielle Notlage verantwortlich, während Konrad die Schuld für seine Sucht auf Magdalenes renitenten Charakter schob. Zudem störte ihn die sexuelle Orientierung seines Sohnes. Robin hatte diesbezüglich schon sehr früh Nägel mit Köpfen gemacht. Woran die Beziehung nun wirklich scheiterte, wusste wohl niemand so genau. Robin hatte gelernt, sich trotz des schwierigen familiären Verhältnisses mit seinen Eltern zu arrangieren. Eine Distanzierung zu beiden konnte er dennoch nicht vermeiden. Eine Trennung stand für sie nie zur Debatte, weil man so etwas einfach nicht tat, wenn man sich einmal vor dem Altar das Jawort gegeben hatte. Der Umzug in einen grauen Plattenbau in die Innenstadt verhalf der Ehe natürlich auch nicht auf einen rettenden Zweig. Nachdem Konrad zum neunten Mal im Delirium zusammenbrach und notfallbedingt ins Krankenhaus eingewiesen wurde, kam er danach nicht wieder nach Hause, sondern in eine Klinik für Korsakowsyndrompatienten. Dort wurde er bis zu seinem Tode behandelt. Konrads Tod war wie ein Schlusspunkt gewesen, ein Zeichen, dass die Tragödie vorüber und es an der Zeit war, optimistisch in die Zukunft zu schauen.
Die Trauer darüber hatte Robin längst überwunden. Bernd, sein bester Freund, hatte ihn oft in jeglicher Hinsicht unterstützt, obwohl der auch kein Anhänger konventioneller Lebensart war. In seinem turbulenten Umfeld empfand es Robin quasi als Pflicht, über den Dingen zu stehen und sich selbst zu erziehen. So erwarb er einen ausgezeichneten Realschulabschluss und machte danach sein Abitur nach. Direkt im Anschluss zog er nach Hamburg und begann dort seine Ausbildung zum Beamten im gehobenen Kriminaldienst, die insgesamt sieben Jahre in Anspruch nahm. Um einige der Zulassungsvoraussetzungen kümmerte er sich bereits während er fürs Abitur paukte, wie zum Beispiel das Deutsche Sportabzeichen und das Rettungsschwimmabzeichen in Bronze.
Wie alle anderen angehenden Polizisten fing er mit einem dreijährigen Bachelorstudium an, das nicht nur theoretische Lerninhalte und praktische Trainings, sondern auch etliche Wochen Praxis im Streifendienst umfasste. Danach leistete er ein Jahr im operativen uniformierten Dienst als Polizeikommissar und nachfolgend drei weitere Jahre in einer Einsatzhundertschaft ab. Er wusste nicht mehr, mit wie vielen anderen Auszubildenden er geschlafen hatte, aber er brauchte mehrere Hände, wollte er sie an Fingern abzählen.
Magdalene blieb unterdessen allein in Seederstedt zurück und verbitterte nach und nach etwas mehr, was sie jedoch mit bittersüßem Sarkasmus und unmanierlicher Geradlinigkeit zu kaschieren wusste.
Vor seiner Zeit bei der hiesigen Kripo durchlief Robin sämtliche Dienststellen in Norddeutschland und lernte neben den Tätigkeiten in den unterschiedlichen Dezernaten auch die großstädtischen Schwulenszenen in all ihren mannigfaltigen Facetten kennen. Wenn er Druck hatte, war die Szene der simpelste Weg, ihn loszuwerden. Kilian war er dort aber nicht begegnet, denn der hielt sich der schwulen Welt größtenteils fern und er fasste es auch nicht als Prämisse auf, ihr als schwuler Mann verbunden sein zu müssen.
Am Ende der Ausbildung war er der Meinung, sich genug ausgetobt zu haben und wollte in Seederstedt sesshaft werden, zumal es seinen dortigen Freundeskreis nicht in die weite Welt gelockt hatte und noch immer in angestammter Konstellation existierte.
Nahe dem Westpark verliebte er sich sofort in ein weiträumiges Dachgeschossapartment mit zwei Balkonen, von denen aus man mehr Grün als Stadt sah. Im Frühling und Herbst konnte man im Park sogar die Kraniche beim Rasten beobachten. Seit er sich nun vier Jahre lang an das bürgerliche Leben in seiner Heimat gewöhnte, stellte er fest, dass er Marotten aus seiner Jugend mit ins fortgeschrittene Alter genommen hatte.
Denn eine gewisse Struktur erachtete Robin als unbedingt notwendig, damit sein Leben in geordneten Bahnen verlief. Dies war umso merkwürdiger im Hinblick auf seine chaotische Haushaltsführung. Zum Aufräumen fehlte ihm meistens einfach die Zeit und wenn er freie Minuten hatte, hatte er nicht die geringste Lust dazu. Penetrante Sauberkeit war ihm ebenso unwichtig. Im Bad und in der Küche achtete er lediglich darauf, dass sich kein Gast ekelte. Kilian hingegen bewies immer wieder seinen Hang zur Ordnungsliebe und verrichtete wohl mehr Arbeit in Robins Apartment als Robin selbst. Robin war das oft nicht recht, weil er dann seine Sachen nicht wiederfand. Er nannte sein Durcheinander liebevoll Anarchie im System.
Zur festen Tagesstruktur zählte vor allem der Sport. Auch heute blieb er ihr treu.
Er nahm die Route durch den Westpark am Fluss entlang. Die Sonne stand noch tief über dem Land und warf honiggelbes Licht auf die reflektierende Wasseroberfläche der Aller, wie ein Strom aus flüssigem Bernstein, der zwischen den grünen Ufern dahinrauschte. Vögel zwitscherten im ausufernden Stakkato ihre Konzerte.
Ein malerischer Morgen wie aus dem Märchen.
Unterwegs meldete sich Robins Mobiltelefon. Es war Lienhard Kohlhagen, der Nachtdienst in der Präsidiumsleitstelle schob. „Morgen Robin, tut mir leid, dass ich so früh stören muss."
„Morgen Lienhard", keuchte Robin und verharrte im Laufschritt an einem Fleck. „Macht nichts, bin schon wach. Was gibt's?"
„Ein Unfall auf einer Seitenstraße zur L846. Der Fahrer ist tot, der Beifahrer hat wie durch ein Wunder überlebt. Alex ist bereits am Unfallort. Sie sagt, sie braucht dich dort."
„Was ist mit Andree?"
„Der ist vor einer halben Stunde nach Hause. Grippe. Dem ging's total dreckig. Deswegen ruf ich dich an."
„Das ist nicht der wahre Grund ..."
„Na gut, Alex hat mich gebeten, dich anzurufen."
„L846 sagst du?"
„Ja, wenn du Seederstedt durchs Industriegebiet verlässt."
„Ich weiß. Bin schon unterwegs."
Der Unfallort war bereits weiträumig abgesperrt und der Verkehr wurde durch Kollegen bereits am Seederstedter Stadtrand umgeleitet, wenngleich um diese Uhrzeit noch nicht viele Autos unterwegs waren.
Um ziemlich genau fünf Uhr trudelte Robin an der von Lienhard durchgegebenen Stelle ein. Er war auf dem schnellsten Wege nach Hause gesprintet, hatte sich den Schweiß von der Haut gewaschen und den Privatwagen genommen. Normalerweise ist bei einem tödlichen Verkehrsunfall grundsätzlich die Schutzpolizei und als Fachdienststelle das Verkehrskommissariat zuständig. Stellt sich heraus, dass es sich dabei um ein vorsätzliches Delikt handelt, geht die Zuständigkeit auf die Kriminalpolizei über. Die Kollegen vom Wachdienst, die den Unfallort aufnahmen, waren sich in diesem Fall wohl nicht ganz sicher, womit sie es zu tun hatten und informierten Alex prophylaktisch.
Nun sah Robin durch die Windschutzscheibe den Notarztwagen, das rotierende Blaulicht der Rundumkennleuchte auf dem Rettungswagen, die Feuerwehr und ein Abschleppfahrzeug. Rechts an der Leitplanke parkten zwei Streifenwagen. Er stellte sein Auto hinter dem letzten ab und stieg aus. Schon aus einiger Entfernung beobachtete er, wie sich eine korpulente Person mit blonden Haaren aus einer Traube von Menschen löste und auf ihn zukam. Es handelte sich dabei um seine Kollegin Alexandra Braun. Für ihn war sie sogar mehr als eine Kollegin, denn obwohl sie sich aufgrund ihres Übergewichts und ihrer Sentimentalität oftmals dumme Sprüche anhören musste, mochte er sie ungemein. Sie war eine richtig gute Seele, der man sich jederzeit anvertrauen konnte. Außerdem war sie der einzige Mensch im Präsidium, der von seiner Homosexualität wusste. Nicht, dass er sich am Arbeitsplatz vor Diskriminierung gefürchtet hätte, aber er zog klare Grenzen zwischen Freizeit und Berufsleben. Bisher wurde er noch nicht nach einer Freundin gefragt. Würde es eines Tages soweit sein, legte er die Wahrheit schon offen auf den Tisch.
„Hi, Alex!", rief Robin ihr entgegen.
„Grüß dich, Robin", sagte Alex und blickte leicht beschämt zu Boden. Dass sie sich in ihn verknallt hatte, vermutete er schon länger, aber möglicherweise genierte sie sich im Moment deshalb, ihm in die Augen zu sehen, weil sie ihn direkt angefordert hatte und nicht einen diensthabenden Kollegen außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches. Mit ihm konnte sie ohne Schwierigkeiten arbeiten. Er machte es ihr nicht zum Vorwurf. Er sprach sie auch nicht darauf an, sie hätte es sowieso nicht zugegeben.
„Habt ihr schon was herausgekriegt?", fragte er sie.
„Nicht viel."
Sie bahnten sich eine Schneise durch den Wald parkender Autos und diskutierender Hilfskräfte. Die meisten von ihnen kannte Robin bereits, einige besser, manche schlechter. Er grüßte sie mit einem raschen Nicken.
Alex geleitete ihn zur Leitplanke, in der ein großes Loch klaffte. Die abgerissenen fransigen Enden waren extrem weit nach hinten gebogen. Zwischen ihnen lag ein Abstand von knapp vier Metern.
„Heilige Scheiße. Sind die da mit einem Panzer durch?" Geräuschvoll blies Robin den Atem aus.
„Man könnte es fast annehmen", antwortete Alex und wies auf das Wrack am Fuße des Hangs. Es war auf drei Meter zusammengequetscht worden und lag auf dem Dach. Seine mechanischen Eingeweide ragten wie blattloses knochiges Geäst in den Himmel. Es fehlten - bis auf den linken vorderen - alle Reifen. Der übrig gebliebene Reifen bestand nur noch aus einer verbeulten Radkappe und einem Fetzen Gummi. Von der einstigen Farbe konnte man nichts mehr erkennen, denn die Erde des Ackers, auf dem das Wrack wie ein abgestürztes UFO gestrandet war, klebte überall am Lack. Etwas weiter entfernt lag das Stück der Leitplanke. Von hier oben mutete es allerdings eher wie ein abstrus verformter Streifen Aluminiumfolie an. Ein paar Meter abseits davon bedeckte eine weiße Decke einen menschengroßen Gegenstand. Der Notarzt und ein Sanitäter machten sich daran, ihre Kanten mit Steinen zu beschweren. Auf den umliegenden Feldern waberte dichter Nebel. Ein Schwarm Krähen landete ganz in der Nähe und beobachtete unter krächzenden Lauten den Schauplatz.
„Wenn Lienhard es mir nicht durchgegeben hätte, würde ich nicht glauben, dass das mal ein Auto gewesen ist." Robin war von dem Bild des deformierten Wracks deprimiert.
„Die beiden jungen Männer", begann Alex, „sind mit dem Wagen durch die Planken gekracht, ein paar Meter durch die Luft gesegelt, am Ende des Steilhangs aufgetroffen, haben sich ein paar Mal überschlagen und sind dann auf dem Acker liegen geblieben."
„Was ist mit den Insassen?"
„Der Fahrer, der mittlerweile anhand seines Personalausweises als Nicolai Harder identifiziert wurde, liegt vor dem Wrack. Er ist durch die Windschutzscheibe geschleudert worden. Sein Airbag scheint defekt gewesen zu sein."
„Und der andere?"
Alex zückte einen Notizblock aus ihrer Manteltasche: „Lukas Isermann. Berufsschüler aus Seederstedt. Es ist kaum zu glauben, dass er mit einem Schock davon gekommen ist. Er ist allein herausgekrabbelt. Die Feuerwehrleute mussten ihn nicht mal rausschneiden. Die Ärzte sagen, sein Gesundheitszustand ist stabil. Er hat ein Schädelhirntrauma und ein paar Verletzungen durch Glassplitter im Gesicht und an den Armen. Allerdings ist er noch nicht vernehmungsfähig. Er hat gut zwei Stunden in dem Auto gelegen. Jetzt wird er im Rettungswagen versorgt."
„Wer hat den Unfall gemeldet?"
„Ein Patrick Henschel. Seine Personalien wurden bereits aufgenommen."
„Wissen die Eltern von Harder schon Bescheid?"
„Micus ist zufällig hier vorbeigekommen und hat sich angeboten. Da hab ich natürlich nicht nein gesagt. Ich denke, ein Geistlicher kann es ihnen schonender beibringen als ich."
Robin atmete erleichtert auf. Er hatte erst zweimal eine Todesbotschaft überbringen müssen, aber diese unliebsamen Erlebnisse geisterten noch immer durch seinen Schädel.
„So hab ich auch reagiert", sagte Alex, als sie Robins Betroffenheit sah. „Zum Glück müssen wir's nicht tun."
„Wann ist der Unfall passiert?"
„So gegen drei."
„Stand der Fahrer unter Alkohol- oder Drogeneinfluss?"
„Zum jetzigen Zeitpunkt unmöglich zu sagen."
„Waren Harder und Isermann Freunde?"
„Wie gesagt, Lukas Isermann ist noch nicht vernehmungsfähig. Er hat nicht einmal mit den Rettungssanitätern gesprochen. Seine Personalien kennen wir, weil wir sein Portemonnaie auf dem Acker gefunden haben. Wir wissen also nicht, in welcher Beziehung die beiden zueinander standen." Alex zögerte einen Augenblick, bevor sie fortfuhr: „Ich habe dich rufen lassen, weil mich etwas stutzig gemacht hat."
„So?" Robin horchte neugierig auf. „Was denn?"
„Ich war nach Henschel und den Kollegen vom Wachdienst die vierte Person am Unfallort. Die Straße war noch nicht mit Autos zugepflastert."
„Und?"
„Es gibt gar keine Bremsspuren."
„Aquaplaning? Es hat stark geregnet."
„Die Straße ist zwar voll mit Schlaglöchern, aber wie du siehst, nicht auf diesem Stück. Hier können sich keine Wasserlachen ansammeln. Das ist schon seltsam, wenn man bedenkt, mit was für einer Geschwindigkeit Harder und Isermann durch die Planken gerast sein müssen. Sie waren in Richtung Seederstedt unterwegs. Drei Kilometer weiter kreuzt diese Straße die L846. Wir gehen davon aus, dass Harder alkoholisiert am Lenkrad saß und viel zu rasant in die Kurve gefahren ist."
„Die Todesumstände sind also unklar ..."
„Richtig. Deswegen habe ich eine Blutanalyse in der Gerichtsmedizin veranlasst."
„Was ist mit dem Traffipax? Ich weiß, dass es auf dieser Strecke eines gibt. Das müssen sie passiert haben."
Ein Traffipax speedophot ist nichts anderes als ein Verkehrsradargerät.
„Richtig", erwiderte Alex. „Es wird bei einer Geschwindigkeitsüberschreitung sicher zwei nette Bilder von den beiden gemacht haben. Carsten hat die Kamera sofort zur Entwicklungsstelle gebracht. Allerdings kann das eine Weile dauern, da bei der Kamera Ansatzmagazine verwendet werden. Das bedeutet, dass sie eine Kapazität von 800 Aufnahmen hat."
„Du hast von zwei Bildern gesprochen ..."
„Die Kamera macht zwei Bilder in der Sekunde."
„Was, glaubst du, wird auf den Fotos zu sehen sein?"
„Versteckte Anhaltspunkte. Gesichtsausdrücke der Wageninsassen. Wir werden zwei junge Männer kurz vor einem Unfall sehen. Zumindest haben wir die Geschwindigkeit plus minus drei Toleranzpunkte."
„Toleranz nützt den beiden jetzt auch nichts mehr."
„Warum gibt es also deiner Ansicht nach keine Bremsspuren?"
Ein dürrer Mann mit olivfarbenem Regenmantel, einem viel zu groß geratenen Hut und Gummistiefeln kroch hinter der Planke den Abhang hoch und steckte sich eine Zigarette an. Max Schmeling vom Abschleppdienst gesellte sich zu den Kripobeamten.
„Wollen Sie sich den Wagen genauer ansehen?", fragte er und zog seinen Rotz hoch. „Die Feuerwehr hat Entwarnung gegeben, es besteht keine Explosionsgefahr."
„Schaden kann's ja nicht." Robin spürte einen heftigen Widerwillen. Unfallorte kosteten ihn starke Nerven und häufig machte er zum Scheitern verurteilte Witze, um sich selbst davon abzulenken.
„Schicker Hut", sagte er zu Schmeling, der den Kommentar mit entnervt drehenden Augen honorierte.
„Wir sind hier nicht auf einer Modenschau", konterte er.
„Was ist mit dir?", fragte Robin an Alex gewandt, die jedoch schnell den Kopf schüttelte.
„Ich bleibe lieber hier oben."
Sie hatte wahrscheinlich Angst davor, den Hang nicht wieder hochzukommen. Robin verspürte einen Anflug von Mitleid.
„Okay", sagte er.
„Soll ich Ihnen ein paar Gummistiefel besorgen?", fragte Schmeling.
„Danke, nicht nötig."
Robin und Schmeling begannen mit dem Abstieg des Steilhangs, der als grasbewachsene Fläche an dem Acker endete. Vorsichtig tastete er sich vorwärts, da das Gras durch den nächtlichen Niederschlag gefährlich rutschig geworden war. Gut, dass Alex oben geblieben war.
Schmeling hatte weniger Probleme. Wahrscheinlich, weil er den Weg an diesem Tage bereits dutzendfach gegangen war und Übung darin hatte, die unmöglichsten Unfallorte mehrmals zu begehen und zu verlassen.
„Können Sie nicht ein Seil spannen oder so? Das ist ja lebensgefährlich!", beschwerte sich Robin.
„Wir sind dabei."
Sie erreichten den Acker und Robin versank mit seinen Turnschuhen in der Erde. Die Morgensonne würde noch eine Weile brauchen, um die Umgebung zu trocknen. Seine Sohlen waren schnell beschmutzt und wurden so schwer, dass das Gewicht deutlich an den Füßen zerrte. Er umkreiste das Wrack, Schmeling im Schlepptau.
„Irgendetwas stimmt an diesem Unfall nicht", murmelte Robin vor sich hin.
„Sie sprechen in Rätseln, Fox."
„Ist nur ein Gefühl. Er wirkt so surreal."
„Jeder Unfall wirkt wirklichkeitsfremd."
Robin bückte sich und inspizierte den weitgehend zerstörten Innenbereich des Wracks.
„Vorsicht", warnte Schmeling.
„Ich dachte, eine Explosionsgefahr sei ausgeschlossen?"
„Schon, aber der Fahrerairbag kann noch verspätet losgehen."
„Warum wurde er nicht während des Aufpralls ausgelöst?"
Schmeling zuckte mit den Achseln. „Keine Ahnung. Ein Airbag ist ein komplexer Mechanismus. Vielleicht waren die Sensoren oder der Zündmechanismus für die Treibladung defekt. Normalerweise darf keiner versagen. Passiert trotzdem immer wieder. Statistisch gesehen kommt das Nichtauslösen häufiger vor als das unbegründete Auslösen. Naja, zumindest der des Beifahrers hat einwandfrei funktioniert und ihm das Leben gerettet." Schmeling rieb sich einen Tropfen Rotz von der Nase und wischte ihn an der Krempe seines Hutes ab. „Scheiß Sommergrippe."
Robins Blick wanderte durch die Kabine. Getrocknete Blutspritzer überzogen das Armaturenbrett. Der Boden, beziehungsweise das Dach, war mit kleinen eckigen Splittern übersät. Das Handschuhfach hatte sich durch den Aufprall geöffnet und der Inhalt lag nun überall verstreut: Kugelschreiber, Parkscheiben, Stadtkarten und Taschentücher. Auf der Beifahrerseite hing das faltige Luftkissen wie ein geplatzter Luftballon herunter.
Im Moment der Kollision muss das Luftkissen in fünfzigtausendstel Sekunden durch Gas aufgeblasen werden. Bereits zweizehntel Sekunden später muss es wieder erschlaffen, da die Insassen sonst lebensgefährlichen Risiken ausgesetzt sind.
Robin erhob sich und starrte zur Decke mit dem menschlichen Leib. Die Umrisse darunter sahen jedoch nicht mehr menschlich aus. Harders Gliedmaßen mussten total verdreht sein, wie bei einer Stoffpuppe, die man aus dem fünften Stock geworfen hatte. Er suchte die Umgebung des Wracks ab. Rundherum war Müll verstreut. Robin pickte eine Wasserflasche und eine orangefarbene Kartonage auf und warf die Sachen ins Fahrzeug.
Schmeling grinste. „Dafür sind Sie doch gar nicht zuständig."
Plötzlich hörte Robin Doktor Villmanns Stimme hinter sich. Er ging mit dem Arztkoffer von der Leiche auf ihn zu. Die beiden hatten schon öfter miteinander zutun gehabt.
„Morgen, Herr Fox", sagte er niedergeschlagen. „Das guten spare ich mir wohl lieber. Es ist immer wieder eine Tragödie, bei solch jungen Menschen den Tod festzustellen."
„Ist es das nicht bei jedem Menschen?"
Villmann nickte. „Natürlich. Wollen Sie den Leichnam sehen? Ich muss Sie jedoch vorwarnen. Es ist kein schöner Anblick."
„Nein."
Villmann winkte zwei Sanitätern auf der Straße zu, die wie auf Kommando mit einer Bahre den Hang hinunterschlitterten und den Toten abtransportierten. Villmann sah ihnen betrübt bei der Arbeit zu, wie sie die Steine und die Decke entfernten und den leblosen Körper auf die Bahre hievten.
„Unvorstellbar, dass da überhaupt jemand lebend rausgekommen ist. Was schätzen Sie, wie schnell die Jungs den Berg runter sind?"
„Das Gras weiter oben am Hang ist nicht niedergemäht worden", erklärte Robin. „Erst weiter unten sind die Spuren des Unfalls zu erkennen. Deshalb muss Harder mit ungeheurem Tempo über die Kante des Hangs hinweggeschossen sein. Die zulässige Höchstgeschwindigkeit auf dieser Strecke beträgt 100 Stundenkilometer. Harder hatte garantiert das doppelte drauf."
„So ein Leichtsinn", seufzte Villmann und wechselte seinen Arztkoffer von der rechten in die linke Hand.
„Ich hörte, Lukas Isermann sei mit einem Schock davongekommen?"
„Ja, aber wir mussten ihm Diazepam zur Beruhigung verabreichen. Seine Eltern habe ich direkt ins Krankenhaus bestellt. Er wird geröntgt und nachuntersucht. Wir müssen sicher gehen, dass keine inneren Organe verletzt sind. Ich werde Sie anrufen, sobald er wieder ansprechbar ist."
„In Ordnung."
Robin watete durch den Matsch zur Fahrertür. Er ließ sich auf die Knie fallen und schob seinen Oberkörper durch den verbogenen Fensterrahmen. Konzentriert musterte er den Sicherheitsgurt, der wie eine Liane vom Fahrzeugboden baumelte. Er bemühte sich, so wenig wie möglich anfassen zu müssen. Er stellte befremdet fest, dass der Gurt intakt und weder gerissen noch dessen Verschluss beschädigt war. Robin ließ den Blick nach oben am Sitz entlang gleiten. Auch der Knauf zum Einrasten des Gurtes war in makellosem Zustand, von ein paar Blutflecken abgesehen. Robin kroch rückwärts aus der Fahrerkabine hinaus und betrachtete seine eigene Kleidung, die über und über mit Erde verdreckt war. In seinen Handflächen, auf die er sich im Wagen gestützt hatte, steckten winzige Splitter der Windschutzscheibe.
Schmeling meldete sich wieder zu Wort. „Kann ich das Auto jetzt abschleppen?"
Robin bejahte die Frage und kämpfte sich mit Villmann den glitschigen Berg hinauf. Oben nahm sie Alex in Empfang, die sich dem Gespräch mit zwei Verkehrspolizisten abwandte. Der Tumult auf der Straße war noch nicht abgeflaut.
„Ich kann hier ja eigentlich nichts mehr tun", sagte Robin zu ihr.
Sie legte ihre Hand auf seine Schulter. „Danke, dass du gekommen bist."
Robin lächelte.
Als Doktor Villmann mit dem Sanitäter in den Rettungswagen stieg, brauste dieser sogleich los. Robin und Alex wurden von einem behelmten Feuerwehrmann gebeten, Platz zu machen, damit das Abschleppfahrzeug sich mit dem Heck parallel zum Loch in den Leitplanken positionieren konnte. Eine Seilwinde mit massivem Karabinerhaken wurde direkt über den Acker zum Wrack verlegt.
„Wir können hier eh nichts mehr ausrichten", sagte Alex und klopfte auf Robins Schulter. „Lass uns gehen. Hast du schon gefrühstückt?"
„Nein, aber ich bin mit Bernd und Peyman verabredet. Peyman will irgendeine Überraschung verkünden. Hat ein ziemliches Geheimnis draus gemacht."
„Was denn?"
Robin lächelte. „Ich weiß es nicht. Deswegen ist es ja ein Geheimnis."
Sie gingen zu ihren Wagen.
„Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie ein Auto von einer geraden Straße abkommt", meinte Robin auf dem Weg dorthin. Im Geiste versuchte er, sich ein Bild von dem zu machen, was ihn glauben ließ, dass etwas nicht stimmte. Er kam nicht drauf. Aber er war von Anfang an skeptisch. So, als ob Harder und Isermann keine Schuld an dieser Katastrophe trugen. „Und es gibt keine Bremsspuren", fügte er hinzu.
„An was denkst du?"
„Isermann war angeschnallt, er hat sich selbst aus dem Wrack befreit. Harder war nicht angeschnallt."
„Ist dir klar, wie viele Jugendliche sich schon nach einer Sauftour auf dieser Strecke das Genick gebrochen haben? Allein in diesem Jahr sind es mit dem von heute drei. Guck dir doch die ganzen Kreuze am Fahrbahnrand an."
Seufzend zupfte Robin einen Splitter aus seiner Handfläche und wischte sich Erdklumpen von den Knieflächen.
„Du holst dir noch eine Blutvergiftung."
Robin hörte ihr nicht richtig zu, sondern drehte sich noch einmal um. Der Körper von Nicolai Harder wurde gerade in einen Transportsarg gelegt und dann in das Bestattungsfahrzeug geschoben.
„Was ist", fragte Robin in sich gekehrt, „wenn Harder und Isermann Selbstmord begehen wollten?"
Während der Rückfahrt nach Seederstedt rief Kilian über das Mobiltelefon an. Robin steckte sich flink das Headset hinters Ohr.
„Wo steckst du?", hörte er Kilian verschlafen fragen.
„Am liebsten würde ich jetzt in dir stecken", lachte Robin verschmitzt und sah dabei in den Rückspiegel. Alex, die die ganze Zeit hinter ihm hergefahren war, winkte ihm durch die Windschutzscheibe des Dienstwagens zu, bevor sie an einer Kreuzung zum Polizeipräsidium abbog. Sie hatte sich jetzt um eine Menge Papierkram zu kümmern. Er selbst würde später noch mal zum Präsidium fahren.
„Dann komm vorbei", kicherte es aus dem Hörer, „ich stehe grad im Bad. Nackt."
Robin spähte auf die Uhr am Armaturenbrett.
Scheiße, dachte er, gleich sieben.
„Wird nichts draus, geiles Stück", antwortete er. „Ich bin mit Bernd und Peyman zum Frühstück verabredet. Peyman hat eine besondere Mitteilung zu machen. Weiß nicht, was auf mich zukommt. Wir treffen uns in diesem neuen Restaurant."
„Ich bin bis heute Abend unterwegs. Die Präsentation muss morgen früh auf dem Tisch liegen. Kann später werden."
„Ach so."
„Kannst du was zu Essen besorgen?"
„Ja, werd einen Abstecher in den Supermarkt machen."
„Was für's Tiefkühlfach?"
„Ja."
„Und Joghurt?"
„Ja."
„Und Kekse?"
„Ja."
„Die vom letzten Mal, mit dieser geilen Minzschokolade drumherum ..."
„Geht klar."
„Und Gleitgel?"
„Mach ich. Noch was?"
„Deine Mutter hat vor zehn Minuten angerufen."
„Was wollte die denn schon wieder?"
„Du sollst ihr die Küchenuhr umhängen."
„Das hab ich doch gestern erst gemacht!"
„Ich soll's dir so auftragen."
„Warum ruft sie mich nicht auf dem Handy an?"
„Ich verhalte mich zwar manchmal wie deine Mutter, aber ich bin nicht deine Mutter. Was fragst du mich das?"
„Ich fahre nach dem Frühstück vorbei. Kannst du Enver füttern, bevor du gehst? Frisches Wasser und vielleicht etwas Obst, wenn nichts mehr in seiner Schale liegen sollte."
„Kein Problem! Bis heute Abend!"
„Wir freuen uns auf dich!"
„Ich versuche, dass es nicht zu lange wird!"
„Bis dann!"
Robin knipste das Headset aus, warf es auf den Beifahrersitz und konzentrierte sich auf den morgendlichen Verkehr. Das Autoradio blieb ausgeschaltet. Naja, nicht ganz. Der CD-Spieler dudelte Denkaufgaben vor sich hin. Im Auto hörte Robin sich permanent Konzentrationsübungen an, lauschte einem Märchen oder einer Novelle und beantwortete dem imaginären Geschichtenerzähler hinterher knifflige Fragen. Er hatte auch einen Faible für logische Rätsel, die er während der Fahrt im Kopf löste. Manchmal waren die Lösungswege so vertrackt, dass er sich die Aufgaben mehrmals anhören musste. Für Musik hatte er nicht viel übrig. Er hörte zwar ab und zu welche, besaß aber weder eine Stereoanlage, noch gab er Geld für Tonträger aus. Auch hier stellte Kilian den krassen Gegensatz dar. Er hatte einen Ghettoblaster angeschleppt und investierte viel in klassische Musik und Rocksongs.
Das Restaurant befand sich irgendwo am nördlichen Stadtrand von Seederstedt. Vor allem in den lokalen Medien hatte es einen Riesenrummel darum gegeben, denn das FFR stellte das Pilotrestaurant einer ganzen, futuristisch angehauchten Fast Food Kette dar, auf die der Entwickler sogar ein Patent angemeldet hatte. Robin wusste nicht, was die Abkürzung FFR bedeutete. Erst als er den Hinweisschildern folgte und letztendlich auf den großen Parkplatz fuhr, wurde er über das Akronym aufgeklärt:
FUTURE FOODS RESTAURANT
GESUNDES ESSEN FÜR EINE GESUNDE ZUKUNFT
Das Gebäude war ein opulenter Anblick und wirkte von außen eher wie der utopische Rundbau aus einem Krieg der Sterne Film als ein Ort der Gastronomie. Die beinah gänzlich gläsernen Fronten zwischen den Sichtbetonpfeilern, auf denen eine Lichtkuppel ähnlich der Pinakothek in München thronte, ließen einen verheißungsvollen Blick ins Innere zu. Des Weiteren wurde die Konstruktion von kleinen halbkreisförmigen Gebilden ummantelt, die sich nahtlos an den Hauptbau anschmiegten, in die man jedoch nicht einsehen konnte. Für Robin sah das alles sehr verdächtig aus und er glaubte nicht, ein exquisites Frühstück für wenig Geld ergattern zu können. Doch Peyman hatte für das Buffet geschwärmt, redete sogar vom besten, das man in der ganzen Stadt bekommen konnte. Nun ja, er würde sich überraschen lassen.
Robin manövrierte seinen Wagen auf einen Parkplatz in der Nähe des Eingangsbereichs und stellte den Motor ab. Laut Peyman öffnete das FFR täglich um sechs Uhr seine Pforten und anhand der Anzahl der Autos schätzte Robin, dass drinnen bereits der Bär los war.
Er ging durch eine automatische Doppelschwingtür hinein und gelangte an einen Tresen, wo ihn ein freundlich lächelnder junger Mann begrüßte und ihm eine Plastikkarte mit Magnetstreifen reichte. Die schwarze Hose und die Weste über dem weißen Hemd verliehen ihm eine außerordentlich elegante Note.
„Guten Morgen und herzlich willkommen im Future Foods Restaurant", sagte der Mitarbeiter. „Wissen Sie schon, wie unser System funktioniert?"
Ein unglaublich süßer Typ, wie Robin fand. Blondes, flippiges Wuschelhaar, unschuldiges, leicht nach unten geneigtes Gesicht, die linke Augenbraue etwas nach oben gezogen, makellose Wangen und ein geheimnisvoller Blick, der nicht entlocken ließ, zu welchen Schandtaten das Hirn hinter dem hübschen Gesicht bereit war.
In Gedanken war er schon auf dem Weg zur Toilette mit ihm.
„Nein", antwortete Robin bezirzt. „Erklär's mir."
„An jedem Sitzplatz befindet sich ein Terminal. Dort können Sie per Touchscreen virtuelle Speisekarten aufrufen und Bestellungen aufgeben. Danach führen Sie einfach die Karte in den rot markierten Schlitz ein, bis ein Signalton zu hören ist ..."
Einführen, dachte Robin, welch aufregende Vorstellung. Hier werde ich häufiger essen.
„... Dann ziehen Sie die Karte wieder heraus und geben sie bei mir ab, sobald Sie das Restaurant verlassen wollen. Ihr Preis wird je nach Speise individuell berechnet und ist bei mir zu zahlen."
An dich zahl ich jeden Preis.
„Falls ich noch Fragen habe, kann ich mich jederzeit an dich wenden?"
„Äh", druckste der Mitarbeiter perplex (so eine Frage hörte er wohl nicht oft), „selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung."
„Ausgezeichneter Service", lächelte Robin und zwinkerte ihm neckisch zu.
„Hey Foxi! Unser Ordnungshüter ist ausnahmsweise mal pünktlich!", hallte ihm eine bekannte Stimme jäh in den Ohren. Unverwechselbar das laute Organ von Peyman.
Verdammt.
Robin verwahrte die Karte in seiner schmalen Ledergeldbörse und wandte sich Peyman zu, der weiter hinten in der Rotunde winkend auf ihn wartete.
„Wir sind hier drüben!", rief er und es war ihm scheißegal, dass sich alle Gäste nach ihm umschauten.
Robin entschied, lieber schnell zu ihm zu gehen, bevor er es mit dem jungen Mann in einer Klokabine trieb. Außerdem war ihm Peymans Auftritt peinlich.
Peymans vollständiger Name lautete Oktay Peyman Aksogan. Um seine türkische Abstammung machte er nie einen Hehl. Warum auch? Obwohl er seit seiner Geburt in Hannover in Deutschland aufwuchs, hatte er die deutsche Staatsbürgerschaft nicht angenommen. Robin waren solche Dinge sowieso schlichtweg egal. Er interessierte sich für die Menschen, nicht für ihre Nationalitäten. Ihn reizten die Seelen, nicht die Ausweise in den Taschen. Und an Peyman konnte man so einiges reizend finden. Zum einen seine schrullige Aversion gegen den Vornamen Oktay, der ihn an die Bezeichnung eines Seemonsters aus einem billigen Gruselstreifen erinnerte. Daher bestand er darauf, dass ihn alle mit seinem zweiten Vornamen anredeten. Nichteinhaltung dieser Forderung bedeutete Strafe durch sofortige Maßregelung.
Zum anderen seine eitle Art, wenn man bedachte, was für einen Wert er darauf legte, als richtiger Mann akzeptiert zu werden. Beim Autofahren oder im Kino trug er eine schwarze Horngestellbrille, ansonsten verbannte er sie hasserfüllt in irgendeine Ecke. Bevor er sich in der Öffentlichkeit zeigte, verschwand er manchmal bis zu einer Stunde im Bad und machte damit seinen wechselnden Frauenbekanntschaften ernsthafte Konkurrenz. Aber das Ergebnis lohnte sich. Auch heute war er geschniegelt und gestriegelt und sah obendrein verblüffend gut aus. Um seinen wohlproportionierten Oberkörper spannte sich ein rotblaugestreiftes T-Shirt, dessen Ärmel sich eng um die muskulösen Oberarme schlossen. Eine auf alt getrimmte Jeanshose betonte seine schlanken, athletischen Beine. An den Füßen trug er lässige Sportschuhe. Das schwarze Haar hatte er sich mit Gel künstlich wüst hochgestylt. Nicht selten hatte sich Robin in seiner Fantasie ausgemalt, wie wohl ein hemmungsloser Fick mit ihm sein würde. Allerdings bremste er sich in Peymans Gegenwart damit aus, denn neben Bernd war es ein guter Freund, der auch ein guter Freund blieb, wenn er die unschönen Charaktereigenschaften eines Gegenübers kennenlernte. Und manchmal konnte Sex ja durchaus schädlich für eine Freundschaft sein. Deshalb ging Robin das Risiko erst gar nicht ein. Trotz der sechs Jahre Alterunterschied, harmonisierten sie prima miteinander. Sie begegneten sich zum ersten Mal auf einer Szeneparty, die Peyman besucht hatte, weil eine damalige Freundin ihn dazu überredet hatte. Robin hatte ihn ungeniert angebaggert und eine eiskalte Abfuhr erhalten. Doch allein die Tatsache, dass Peyman trotz seiner konservativen Erziehung das schwule Metier nicht scheute und keinerlei Berührungsängste diesbezüglich zu haben schien, machte ihn sympathisch. Und obwohl er sich nicht als paarungswillige Beute erwies, führten sie ein Gespräch, das über das übliche Geplänkel hinausging und dauerte, bis die Musik verstummte und die Türsteher die letzten Gäste zum Gehen drängten. Fortan trafen sie sich sporadisch in der Fußgängerzone oder in Kneipen. Irgendwann wurden die Treffen gezielter. Die Chemie passte.
Jetzt waren sie gemeinsam mitten drin im Trubel des Lebens, erlebten die beruflichen Werdegänge des anderen genauso wie Liebeskrisen und überraschten sich immer wieder aufs Neue - mal positiv, mal negativ. Die klassischen Höhen und Tiefen.
Heute sollte ein Höhepunkt werden. Anhand von Peymans Euphorie war es sicher einer. Robin wusste nur noch nicht, was für einer.
„Ich muss dich jetzt schon für deine Lokalauswahl loben", flachste Robin. „Wirklich niedliche Hilfskräfte haben die hier." Er schüttelte Peyman die Hand. Normalerweise umarmten sie sich und gaben sich Küsse links und rechts an die Wange, gemäß der traditionellen türkischen Empfangszeremonie. Aber je nach Umfeld verzichteten sie hin und wieder auf diese Form der Begrüßung.
„Keine Hilfskräfte im herkömmlichen Sinne", sagte Peyman. „FFR beschäftigt nur Fachpersonal, das überwiegend in gastronomischen Bereichen ausgebildet ist. FFR selbst bietet auch Ausbildungsplätze an. Aber du wirst nicht viele Opfer finden. Hinsichtlich hoher technologischer Standards ist hier nur eine minimale Mitarbeiterkapazität notwendig."
„Woher weißt du denn das?"
„Wart's ab."
Peyman lotste ihn an modernen Esstischen und Stühlen aus gebeiztem Bugholz vorbei. Erst jetzt registrierte Robin die ganze Wucht der Rotunde. Unter dem gläsernen Dach herrschte ein durch und durch gemütliches Ambiente. Sonnenstrahlen fielen auf den rötlich schimmernden Laminatfußboden aus Kirschbaumholz und erzeugten abstruse Muster. Zu Dekorationszwecken hatte man im gesamten Raum Fachwerkbalken drapiert, die nicht der Statik dienten und dem Szenario einen rustikalen Charakter gaben. Der Kontrast zwischen alt und neu erzielte einen eigensinnigen Effekt. Alles war mit üppigen Ranken und anderen Grünpflanzen geschmückt. Im Zentrum der Rotunde erhob sich eine mächtige Säule. An der einen Säulenseite befand sich ein umfangreiches Buffet, auf der anderen eine Bar mit Theke, die im Moment aber geschlossen hatte. Rundum zweigten halbrunde Separees vom öffentlichen Essbereich ab. Die im Gegensatz zur übrigen Ausstattung trist in weiß gehaltenen Nischen konnten durch eine Glastür verschlossen werden. Die meisten Separees waren jedoch frei, dafür tummelten sich umso mehr Menschen an den nicht abgeschotteten Plätzen in der Rotundenmitte. Robin grüßte zwei Polizisten, die sich an einen der Vierertische niedergelassen und gerade einen Teller mit Rührei voll geschaufelt hatten. Der Clou an den Tischen waren je vier in die Tischplatte eingelassene Touchscreens.
Ein Abschnitt der Wand beherbergte keine Separees, sondern eine weitflächige Panoramascheibe, durch die man eifrige Köche beim Zubereiten der Speisen beobachten konnte.
„Was ist denn das für ein Laden?", fragte Robin bei all diesen Impressionen.
„Cool, oder? Eröffnung war vor einer Woche."
„Ich hab davon gehört."
„Scheint gut anzukommen bei den Leuten. Abends rennen sie dich hier tot."
Zielstrebig steuerte Peyman auf ein Separee zu, in dem Bernd vor einer dampfenden Tasse Tee saß und sich gerade die Nase schnäuzte.
„Ich würd mich lieber in die Mitte setzen", moserte Robin. „Da drin komm ich mir vor wie in einem Kerker."
„Nun wart's doch ab, du alter Knötterkopf!"
Er führte ihn in den kleinen Raum und schloss die Tür.
Bernd schaute demonstrativ auf seine Armbanduhr. „Sogar überpünktlich!"
„Eintrag in den Kalender!", ulkte Peyman.
„In Rot!"
Plötzlich gaffte Bernd ihn merkwürdig an und nickte in Richtung seiner Beine. „Wo bist du denn schon rumgekrochen?"
Eine Anspielung auf den inzwischen getrockneten Dreck an Robins Hose. Seine Stimme klang guttural und erkältet.
„Ich war heute schon im Einsatz. Ich hätte es nicht mehr pünktlich geschafft, wenn ich nach Hause gefahren wäre und mich umgezogen hätte. Ich wollte mir eure blöden Kommentare ersparen." Robin machte ein breites Grinsen und zeigte seine weißen Zahnreihen.
Bernd Quest - der dritte im Bunde und der Freund, den Robin von allen am meisten schätzte. Sie hatten schon seit Kindheitstagen im berühmten Sandkasten miteinander zu tun. Auch er - wie Peyman - ein attraktiver Zeitgenosse und Frauenheld. Robin konnte es dem weiblichen Geschlecht nicht verdenken. Er war eine lässige und männliche Erscheinung mit seinen breiten Schultern und seinem von Rissen gespickten Jeansanzug. Über seinen Schädel verlief eine steil frisierte hellblonde Mohikanerfrisur und endete in einer kurvenlosen Strähne vor der hohen Stirn. Bernds Augen waren von lichten halbmondförmigen Brauen geprägt und seine schmalen Lippen sowie der kleine gerade Mund gaben ihm eine spitzfindige und zugleich schlitzohrige Nuance.
Robin waren die Gründe für seinen eminenten Haarschnitt klar. Bernd liebte schon als Jugendlicher die öffentliche Provokation und kleidete sich auch dementsprechend. Mit 18 Jahren wurde er aktives Mitglied bei einer Umweltschutzorganisation und demonstrierte unter anderem gegen Urantransporte und die Globalisierung. Er gehörte zu den Extremisten, die sich bedingungslos an Bahngleise ketteten. Auch an den Chaostagen in Hannover konnte man ihn früher antreffen. Im Fernsehen war er ein paar Mal zu sehen gewesen - und zwar in jenen verwackelten Aufnahmen, die die gewalttätigen Ausschreitungen zwischen Polizei und Demonstranten dokumentierten. Mit zunehmender Reife machte er die Erfahrung, dass Protest auf diese drastische Weise nicht förderlich, sondern kontraproduktiv war. Also orientierte er sich um und überlegte, wie er mit friedlichen Methoden eine Botschaft an ein breites Publikum übermitteln konnte. Und das gelang ihm seiner Meinung nach am besten in der Mediendomäne durch Informationssendungen. Und Seederstedt mit seinen unzähligen Fakultäten bot den passenden Nährboden für eine Ausbildung. Er absolvierte eine Lehre in einem Filmwirtschaftsbetrieb und studierte mittlerweile Journalismus. Nebenbei besuchte er so viele Weiterbildungskurse und Seminare, dass Robin längst den Überblick darüber verloren hatte, was er alles in seiner spärlich gesäten Freizeit tat. Für die Zukunft plante er Zusatzqualifikationen bei ausländischen Nachrichtensendern einzuholen und gleichzeitig seine Fremdsprachenkenntnisse auszubauen. Englisch, Spanisch und Französisch hatte er gelernt.
Diese Lebensdisziplin stand im krassen Gegensatz zu seiner wilden Jugend. Das einzige Relikt von damals schien seine Frisur zu sein.
Robin ließ sich auf dem Stuhl neben Bernd nieder. Das Mobiliar in den Separees bestand aus einer Mischung aus eloxiertem Aluminium und geflochtenem Polyethylenband.
„Ist jemand bei dem Unfall gestorben?", fragte Bernd und holte ein Fläschchen Nasenspray aus seiner Jackentasche. Er löste die Verschlusskappe und inhalierte jeweils zwei Sprühstöße.
„Nicht jetzt", blockte Robin ab, „wir haben uns getroffen, weil Peyman etwas zu sagen hat. Ich würde mich nur gern woanders hinsetzen, weil ich diesen kahlen Raum nicht mag."
„Sei doch nicht so ungeduldig", meckerte Peyman. „Es gibt zwar noch Chill-Out-Räume mit bequemen Sesseln, aber die sind gegen diese Separees ein Witz!"
„Wenn die Wände weich wären", erwiderte Robin zynisch, „würd ich mir glatt wie in der Gummizelle vorkommen. Und jetzt sag endlich, womit du uns überraschen willst."
„Bevor ich das tue, werden wir zuerst entscheiden, wo wir essen."
„Mensch, machst du ein Zinnober darum."
„Was meinst du mit entscheiden, wo wir essen?", erkundigte sich Bernd und verstaute das Spray wieder in seiner Tasche.
Peyman antwortete nicht, stattdessen zückte er seine Magnetkarte und steckte sie in den Schlitz seines Touchscreendisplays.
„Haben die keine Angst, dass die Dinger zerkratzen?"
„Basiert alles auf Nanotechnologie", erklärte Peyman lapidar. „Da zerkratzt gar nichts." Er drückte mit der Kuppe seines Zeigefingers auf ein Menüfeld. Robin beugte sich interessiert über den Tisch.
„Wo wollen wir essen, Jungs? Auf dem Eifelturm, in einem Alpenrestaurant, an den Niagarafällen, an einem Strand der Malediven, unter Wasser oder hoch über den Wolken gemeinsam mit der Sonne?"
„Ich weiß zwar nicht, was du meinst", sagte Bernd trocken, „aber unter Wasser hätte ich bestimmt das Gefühl abzusaufen."
Die drei einigten sich nach kurzem hin und her für den Strand der Malediven, obwohl niemand, bis auf Peyman offenbar, eine Ahnung hatte, wozu sie das taten. Peyman tippte erneut auf den Schirm und zeitgleich geschah eine verblüffende Veränderung. Das Separee verwandelte sich in einen Traumstrand. Robin fühlte sich wie in ein 360 Grad Kino versetzt, das er als Kind mit seinen Eltern in einem Vergnügungspark besucht hatte. Damals hatten sie sich drei Sequenzen angeschaut - einen Killerwal, der direkt auf sie zuzuschwimmen schien, eine rasante Achterbahnfahrt und einen Flug durch den Weltraum. Manchmal war Robin richtig zusammengezuckt, wenn das Raumschiff knapp einem Meteor auswich oder der Achterbahnwagon in einen steilen Abgrund raste. So real war ihm die Welt im Kino vorgekommen - damals, als sein Vater noch nicht zur Flasche griff und die Familie noch intakt war.
Die Sequenz im Separee kam der aus dem Kino sehr nahe. Die gewölbten Wände sorgten für einen gelungenen 3D-Effekt, die gekrümmte Kuppel verstärkte diesen noch. In einer brillanten, gestochen scharfen Bildauflösung rollten seichte türkisblaue Wellen gemächlich gegen den weißen Strand und Palmenwedel schwankten vor einem traumhaft blauen Himmel in sommerlichen Brisen. Der Übergang von den Wänden zur Kuppel war absolut flüssig. Der Stereoklang von Meeresrauschen, Windgeräuschen und dezenten Vogellauten aus versteckten Lautsprechern erzeugten den Eindruck, wirklich an einem Tisch an einer Küste des Indischen Ozeans zu sitzen. Es roch sogar nach Salzwasser.
„Wow, das hat was", sagte Robin fasziniert.
„Ernährungswissenschaftler vermuten", schwadronierte Peyman, „das unterschiedliche Lichtstimmungen auf das Essverhalten Einfluss haben. Angeblich essen Gäste bei rotem Licht schneller und bei blauem Licht weniger. Deswegen hat jede Sequenz ihren eigenen Farbcharakter. Diese hier ist dann wohl für dicke Leute bestens geeignet. Die Gerüche, die zusammen mit Frischluft hier hereingeblasen werden, basieren auf denen von echten Meeresgerüchen aus der Gegend. Wir arbeiten eng mit Artificial Taste And Fragrance zusammen, einem amerikanischen Konzern, der künstliche Geschmacks- und Duftaromen produziert."
Robin hielt inne. „Moment, wir?"
Peyman lehnte sich zurück und schlug mit den Händen auf die Oberschenkel. „Jungs, ihr werdet es nicht glauben. Ich habe einen mordsmäßigen Job als Lebensmittelchemiker in der Future Foods Corporation ergattert! Saugeile Bezahlung! Super Aufstiegschancen in einem rosigen Unternehmen! Montag geht's los!"
„Wahnsinn, alter Kümmeltürke!", rief Bernd. „Herzlichen Glückwunsch! Deswegen weißt du so gut über den Laden Bescheid."
Er und Robin gratulierten Peyman, der bis über beide Ohren strahlte.
„Jetzt wollen wir's aber genau wissen", sagte Robin.
„Die FFR-Kette ist ein Tochterunternehmen der Future Foods Corporation, einem Global Player, wenn man so will. FFC hat parallel zur Neueröffnung des Pilotrestaurants ein Labor in Seederstedt eingerichtet. Dort werde ich hauptsächlich in der Forschung tätig sein, analysiere die Zusammensetzungen von progressiven Nahrungsmitteln und die Wechselwirkungen ihrer Inhaltsstoffe oder untersuche sie auf ihre Verträglichkeit hin. Während meines Examens habe ich gelesen, dass FFC Stellen anbietet. Ich habe mich beworben und hatte Glück. Nach dieser berufspraktischen Ausbildung sollte ich die staatliche Anerkennung in der Tasche haben. Ich liebäugle auch noch mit einem Masterstudium, aber erstmal sehen, was die Zukunft so bringt."
„Das alles freut mich für dich, aber du wolltest doch eigentlich in die Pharmazie?", bemerkte Bernd und schlürfte seinen Tee, der sich mittlerweile auf ein erträgliches Maß abgekühlt hatte. Es klang beinahe wie ein Wasserrohrbruch.
