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Der kaltblütige Mord an einer alten Landwirtin schockiert die Stadt Seederstedt. Ihr Mann will kurz zuvor höchstpersönlich den Leibhaftigen gesehen haben, der sich der Seele seiner Frau bemächtigt hat. Kommissar Robin Fox, der momentan in einer tiefen Lebenskrise steckt und sich zu allem Überfluss auch noch in einen seiner besten Freunde verliebt, ermittelt. Doch die Spuren verlaufen im Sande. Während weitere Morde ohne Anhaltspunkte auf Täter oder Motive geschehen, geht in der Stadt das Gerücht eines unheimlichen Kriegers um, der des Nachts auf den Straßen gesichtet wird. Hat er etwas mit den Morden zu tun? Ohne es zu wissen, gerät Robin in eine befremdliche Welt, die seine Moralvorstellungen aus den Angeln zu heben droht und die ihn in eine dunkle Vergangheit führt. Robin wird nicht nur mit einem gesellschaftlichen Ungeheuer konfrontiert, sondern auch mit der Antwort auf all seine Fragen ...
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Seitenzahl: 571
Veröffentlichungsjahr: 2011
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Von Sascha Leßmann bisher erschienen:
„Besuch der Schatten“. ISBN 978-3-940818-32-4. Herbst 2009
„Mandibular“. ISBN 978-3-940818-47-8. Herbst 2010
Auch als E-books erhältlich.
Himmelstürmer Verlag, 20099 Hamburg, Kirchenweg 12
www.himmelstuermer.de
E-mail: [email protected]
Originalausgabe, September 2011
Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlages
Rechtschreibung nach Duden, 24. Auflage
Coverfoto: © http://www.bennothoma.nl
E-Book-Konvertierung: Satzweiss.com Print Web Software GmbH
Das Modell auf dem Coverfoto steht in keinen Zusammenhang mit dem Inhalt des Buches und der Inhalt des Buches sagt nichts über die sexuelle Orientierung des Modells aus.
Umschlaggestaltung: Olaf Welling, Grafik-Designer AGD, Hamburg. www.olafwelling.de
Printed in Czec Republic
Printausgabe: ISBN 978-3-86361-067-8
Sascha Lessmann
ROBIN FOX III
DER VERGESSENE KRIEGER
ROMAN
„WER MIT UNGEHEUERN KÄMPFT, MAG ZUSEHN
DASS ER NICHT DABEI ZUM UNGEHEUER WIRD.
UND WENN DU LANGE IN EINEN ABGRUND BLICKST,
MITTWOCH, 30. JUNI 2010
Ketten sind vielseitig einsetzbar. Meistens werden sie dazu verwendet, um etwas abzusperren oder etwas zu versperren. Ihre Geburtsstunde verdanken sie der Idee als Schmuckstück. Erst später entwickelten sie sich durch die Forcierung vieler Gelehrter – unter anderem Leonardo da Vinci und dem griechischen Feinmechaniker Philon von Byzanz – zum technischen Element. In der Regel werden Ketten aus Metallen unterschiedlicher Art und in verschiedenen Längen, Formen und Stärken hergestellt.
Seltener hingegen benutzt man sie, um jemanden damit zu fesseln oder sie für sonstige Freveltaten am Menschen zu missbrauchen.
Doch genauso plante es dieser Mann.
In einer hellen Mondnacht bewegte er sich lautlos am Flussufer entlang. Er genoss es, die nackten Fußsohlen ins feuchte Ufergras eintauchen zu lassen. Von der trägen Strömung des Flusses bekam er kaum etwas mit. Nur, wenn das Wasser gegen einen Haufen Steine oder einen Strauch traf, hörte man leises Plätschern. Das lose Ende der verrosteten Ankerkette, die er wie ein aufgerolltes Kabel um die Schulter trug, klimperte vor seinem Bauch. Den schweren Stockanker hielt er vor sich in den Händen und stellte sich vor, er sei eine Armbrust. Er musste ihn ganz ruhig in den Händen halten, damit der Schäkel, das U-förmige Verbindungsstück zwischen Anker und Kette, nicht rhythmisch quietschte. Er liebte den Kontakt von Gegenständen an der bloßen Haut. Nicht, weil es ihn erregte, sondern weil er dann die Empfindung einer intensiveren Wahrnehmung hatte.
Die alte Ankerkette hatte er an einem verwaisten Steg gefunden und ihm war, als habe sie ihm der Himmel geschickt. Niemand würde sie vermissen oder jemals erfahren, für welch schrecklichen Zweck sie entfremdet wurde. Ein Eisenglied war fast 15 Zentimeter lang und dicker als der Daumen eines Hünen. Er hatte Glück, dass sie nicht mehr vollständig erhalten war, denn sonst hätte er sie nicht an diesen Ort schleppen können. Seinen Ballast schätzte er auf rund 40 Kilogramm.
Und darauf kam es an.
Er warf einen Blick zum Gebäude und vergewisserte sich – auch wenn die Wahrscheinlichkeit zu diesem Zeitpunkt sehr gering war –, dass ihn niemand beobachtete. In nur wenigen Zimmern brannte noch Licht. Dann legte er den Anker nahe des Ahornbaumes und der Sitzbank im Schutz eines Gebüsches ab. Trotz nahezu vollständiger Windstille hörte er hin und wieder die hohlen Bambuszylinder eines Windspiels im Sinnesgarten friedlich gegeneinander klappern.
Gelegentlich überkamen ihn Zweifel, ob er an seinem Plan festhalten sollte. Ob er wirklich so weit gehen und seine eigenen Grenzen zur Befriedigung des Rachedursts überschreiten sollte.
Doch dann dachte er wieder an den einen Raum und an das, was sich darin abgespielt hatte. Er wurde die Worte einfach nicht mehr los. Sie hatten sich unwiderruflich in seinem Gedächtnis eingebrannt, verfolgten ihn morgens, mittags, abends und noch viel schlimmer: bis tief in die Nacht hinein. Er konnte sich durch nichts ablenken. Stets begleiteten sie ihn, kreisten in seinem Kopf, als bestünde sein Erinnerungsvermögen aus nichts anderem als diesen verdammten neun Wörtern.
Was man anfängt, muss man auch zu Ende bringen.
Julius Terboven kannte jedes Geräusch seines Hofes, jedes Anzeichen dafür, wenn etwas auf dem Grundstück nicht stimmte. Damals, als der Orkan Kyrill über Deutschland hinweg fegte, hatte das Vieh bereits Stunden zuvor nervös auf die Vorzeichen des Jahrhundertsturms reagiert. Normalerweise hörte man nachts nicht einen Mucks. Und wenn man doch einen hörte, konnte man sicher sein, dass etwas anders war als sonst. In den frühen Morgenstunden war das Krähen des Hahns das erste Lebenszeichen.
Heute herrschte eine ebensolche unruhige Atmosphäre wie vor drei Jahren bei Kyrill. Die Stille der Nacht wurde immer wieder von Rasputins Gebell und dem Wiehern der Pferde unterbrochen. Und ausgerechnet gestern waren seine beiden Söhne mit ihren Familien in den Urlaub gefahren. Terboven befand sich mit seiner Frau ganz allein auf dem Hof. Leise flüsterte er ihren Namen, aber sie schlief mit flachem gleichmäßigem Atem und bekam von den sporadischen Tierlauten nichts mit. Damit das auch so blieb und er sie nicht unnötig verängstigte, schob er sachte die schwere Daunenbettwäsche zur Seite und stand vorsichtig auf, um das Ächzen der ausgedienten Matratze zu dämpfen. Er setzte die Brille auf, ging zum Fenster und starrte nach draußen in die Dunkelheit. Die sich nach Osten erstreckende Pferdekoppel lag friedlich da. Terboven erkannte die schwarzen Schemen zweier graziler Tiere, die an der Wassertränke am Gatter ausharrten und schnaubten. Pferde verfügen über kein gutes Sehvermögen, haben dafür aber ein ausgeprägtes Gehör. Eine Weile suchte Terboven die Gegend aufmerksam ab. Er wollte keinen Sadisten auf dem Land haben, der wahllos die Tiere auf der Weide meuchelte. Solche Fälle geisterten ja immer wieder durch die Medien und waren der Albtraum eines jeden Landwirtes. Da Terboven hier nichts Ungewöhnliches beobachten konnte, huschte er aus dem Schlafzimmer durch den Flur in die Küche. Von dort aus konnte er mehr schlecht als recht in den Innenhof blicken. Am Tor des Wirtschaftsgebäudes gegenüber brannte die gusseiserne Laterne einsam vor sich hin. Ihr Licht reichte aber nicht annähernd aus, um jeden Winkel auszuleuchten. So blieb der Gang hinter den Arkaden, die den gesamten Hof umfriedeten, im Schatten verborgen. Lediglich die historische Kolbenpumpe ragte wie ein dürrer Finger in der Mitte der gepflasterten Fläche aus dem Boden. Nicht weit davon stand der Zwinger, in dem Rasputin mit gespitzten Ohren saß und zur Hofausfahrt gen Süden starrte. Das bedeutete, dass er nicht in Alarmbereitschaft war, ihn aber etwas stutzig gemacht hatte. Auch Terboven witterte eine unmittelbare Bedrohung. Dafür hatte er einen feinen Instinkt entwickelt – in einer Zeit, an die er lieber nicht zurückdachte.
Der Festnetzapparat befand sich im Erdgeschoss. Jan, sein jüngster Sohn, hatte ihm zwar ein Handy gekauft und ihm zig Mal geduldig die Funktion erklärt, aber Terboven konnte sich mit diesem neumodischen Krams einfach nicht anfreunden. Das Telefon war für eventuelle Notfälle gedacht und lag in der Schublade seines Nachtschränkchens. Jetzt wünschte er sich, er hätte Jans Erklärungsversuchen mehr Aufmerksamkeit geschenkt.
Terboven schlich ins Schlafzimmer zurück, schlüpfte in seine Filzpantoffel und zog sich den Morgenmantel über die Schultern. Widerwillig stieg er die knarrenden Stufen der alten Holztreppe zum Erdgeschoss hinunter. Er knipste dabei jeden Lichtschalter an, den er passierte. Unter dem Gewicht seiner Schritte bogen die Dielenbretter ein wenig durch. Das Telefon stand auf einer rustikalen Kommode neben der Haustür. Er nahm den Hörer aus der Ladestation, begann zu wählen und steckte ihn dann doch wieder kopfschüttelnd zurück, weil er dachte, viel zu paranoid zu handeln. Außerdem würde die Polizei wissen wollen, warum er sich ohne ersichtlichen Grund derart fürchtete. Die Wahrheit konnte er ihr unmöglich sagen. Es klang unglaubwürdig, wenn jemand wie Terboven, der sein ganzes Leben lang in Abgeschiedenheit auf dem Land wohnte, sich aus heiterem Himmel fürchtete.
Argwöhnisch schaute er sich im Flur um. Während er gleichzeitig in die Stille des Hauses horchte, sehnte er sich nach Tageslicht und den üblichen Geräuschen, dem Jauchzen der Kinder und dem entfernten Knattern der Traktoren oder dem Dröhnen der Mähdrescher auf den Feldern.
Als er nach draußen in die kühle Nacht trat, fiel ihm ein Stein vom Herzen. Rasputin lag wieder friedlich vor seiner Hütte im Zwinger und gab keinen Ton von sich. Mit der Hand fest die Klinke der Haustür umschließend, machte Terboven einen Rundumblick. Er hatte sich geirrt. Zum ersten Mal führte ihn sein Instinkt an der Nase herum. Alles war so, wie es sein sollte.
Terboven hatte Glück, dass er seine Jungs von klein auf für die Landwirtschaft begeistern konnte und sie bereitwillig den Betrieb übernahmen. Sie führten das fort, was schon ihr Ur-Ur-Ur-Urgroßvater begonnen hatte.
Der Hof wurde bereits 1779 gebaut und befand sich seit 1825 im Familienbesitz. Die Bewirtschaftung erfolgte also über mehrere Generationen. Es dauerte Jahrzehnte, den Komplex Stück für Stück zu sanieren: Wirtschaftsgebäude, Wohnhaus und Kuhstall. Der Stall hatte es dringend nötig gehabt, stellte er doch das älteste Gebäude auf dem Hof dar. Um die ursprüngliche Bausubstanz zu erhalten, wurden bei den Ausbesserungsarbeiten überwiegend herkömmliche Baumaterialien verwendet. 2003 folgte dann der Neubau des Gestüts im Norden, um dessen Finanzierung sich Jan kümmerte.
Der ideelle Wert war für Terboven unermesslich und es bedeutete ihm sehr viel, dass hier nichts dem Verfall geweiht war und die Eggen und Pflüge nicht rosteten. Die permanente Instandhaltung betrachtete er trotz seiner 76 Jahre als Pflichtübung. Allein hätte er die Schufterei kaum mehr bewältigen können. Vor vier Jahren war ihm beim Ausmisten eines Stalls auf einmal schwindelig und schwarz vor Augen geworden. Danach übergab er sich neben dem Misthaufen. Zuerst glaubte er, dass sein Kreislauf schlapp machte. Später im Krankenhaus – seine Frau Herta bestand mit drastischen Worten darauf, dass er sich von Jan auf der Stelle dorthin fahren ließ –, diagnostizierten die Ärzte einen Herzinfarkt, der noch mal glimpflich verlaufen war. Herta hatte ihm das Leben gerettet. Denn er selbst schob Arztbesuche immer gern auf, weil er davon ausging, dass ihn so schnell nichts von den Beinen holen konnte. Sein Hausarzt als auch seine Familie rieten ihm damals eindringlich von schwerer körperlicher Arbeit ab, aber er ließ sich von ihrer Panikmache nicht einschüchtern. Was blieb ihm noch im Leben, wenn er auf seinem eigenen Hof nicht mehr Hand anlegen durfte?
In der Zeit, in der Jan und Holger Ferien an der Ostsee machten, packten Hilfskräfte mit an, die über die Arbeitsagentur an den Job gelangt waren.
Terboven wollte gerade die Tür wieder schließen und sich zu seiner Frau ins Bett legen, als es ihm auffiel: Das Tor am Wirtschaftsgebäude, der Zugang zu den Schweineställen, war einen Spalt breit geöffnet. Möglich, dass er es am Abend versehentlich nicht richtig geschlossen hatte, aber ziemlich unwahrscheinlich. Er achtete pedantisch darauf, dass am Ende des Tages alle Türen ordentlich verriegelt waren. Misstrauisch ließ Terboven die Hand von der Klinke gleiten, schnürte den Mantel enger und ging quer über den Hof auf das Tor zu. Aus den Ställen drang kein Laut zu ihm hervor. Kein Gegrunze und kein Gequieke, obwohl eine Sau gestern erst geferkelt hatte. Zaghaft schob Terboven das Tor auf und huschte ins Innere. Gewöhnlich war es mit einem einfachen Holzriegel gesichert. Die ungeölten Scharniere quietschten schrill. Eine Welle eigenartigen Geruchs schlug ihm ins Gesicht. Seine Hand tastete nach dem Lichtschalter an der Wand. Er fand ihn nicht auf Anhieb, fühlte nur kalten Stein und geriet etwas in Panik. Erst als die vergitterten Stalllampen unter den Balken brannten, beruhigte er sich wieder. Das Licht scheuchte Scharen von Fliegen auf, die aufgeregt umher schwirrten. Unter dem wuchtigen Giebelgebälk tummelten sich weitere Schwärme, die einen solchen Krach produzierten, dass er seine eigenen Schritte nicht mehr hörte.
Der Stall war riesig. Zu beiden Seiten breiteten sich die Viehboxen aus, knapp einen Meter fünfzig hohe Mauern, die an ein Miniaturlabyrinth erinnerten. Neben den Türen waren Schlitze in die Mauern eingelassen, durch die das Futter direkt in die Tröge geschüttet werden konnte. Bedächtig näherte sich Terboven dem ersten Koben. Obwohl er es sich nicht ausmalen wollte, ahnte er, was für ein Anblick ihn erwartete. Die Tiere im Koben regten sich nicht, lagen wie steife Klumpen auf den Seiten und wurden von einem kohlrabenschwarzen Leichentuch aus Insekten bedeckt. Der Gestank, der von ihnen ausging, war ekelerregend. Terboven wedelte unentwegt mit den Händen vor seinem Gesicht, damit die Fliegen ihn in Ruhe ließen. Sein Herz polterte gegen den Brustkorb. Es war nicht gut, wenn er sich aufregte. Aber irgendetwas hatte drei seiner Schweine dahingerafft und die Angst, die ihn jetzt überwältigte, war fast genau so heftig wie die, die er nach dem Infarkt vor dem Tod verspürte. Wenngleich all seine Sinne ihn aufforderten, den Stall schleunigst zu verlassen, trieb ihn die Neugierde vorwärts. Er musste wissen, was den restlichen Tieren widerfahren war, denn die trügerische Ruhe in den anderen Koben verhieß nichts Gutes.
Das Surren der Fliegen in dem bestialischen Gestank schwoll nicht ab. Terboven machte einige Schritte und spähte in den nächstgelegenen Koben: vier tote Schweine. Im angrenzenden fünf. In den folgenden Stallboxen lagen unterschiedliche Mengen. Schockiert fragte sich Terboven, wer ihn und seine Familie so inbrünstig hasste, dass man ihnen diese Schmach antat. Er fühlte sich nicht einmal imstande, Wut zu empfinden, da ihn diese Frage nicht mehr losließ.
Der Stallweg aus furchigen vergammelten Backsteinen erstreckte sich knapp 30 Meter zwischen den Koben entlang und endete an einer Tür, die ins Freie zum Gestüt führte. Es dauerte Minuten, bis er ihn komplett abgegangen war und feststellte, dass ausnahmslos alle Schweine getötet worden waren. Wie sie umgebracht wurden, konnte er nicht erkennen. Betroffen wischte sich Terboven eine Träne von der Wange. Instinktiv drehte er den Kopf zur Tür am Nordausgang und sein Blick fixierte den langen rostigen Nagel, der krumm aus der Wand ragte. Dort hing normalerweise das Bolzenschussgerät, welches sie bei den wöchentlichen Schlachtungen zur Betäubung der Tiere benutzten. Normalerweise … Nun war es verschwunden und er konnte sich nicht daran erinnern, dass er es selbst weggelegt hatte.
Plötzlich hörte er Glas platzen und gleichzeitig erlosch das Licht über den Koben im Eingangsbereich, der nun in diffusem Schein versank. Feine Splitter rieselten auf den Mittelgang und ein Stein kullerte Terboven mit klackenden Geräuschen vor die Füße. Zuerst begriff er nicht, was passiert war, dann dämmerte es ihm: Jemand hatte die Glühbirne der vorderen Lampe kaputt geworfen.
Ich bin nicht allein hier drin, dachte er entsetzt und spürte schlagartig die Präsenz eines anderen Lebewesens - eines Wesens, das nichts Gutes im Schilde führte und ihm feindlich gesinnt war. Er fühlte sich beobachtet, suchte nach garstigen Augen in der Dunkelheit, sah aber nichts. Er vermutete, dass der unheimliche Steinwerfer irgendwo in der Nähe des Tores lauerte. Doch die Koben versperrten ihm die Sicht.
An diesem Ort konnte er nicht bleiben.
Und wollte er nicht bleiben.
Sich hier zu verstecken, bedeutete, starke Nerven zu haben. Und die hatte er nicht mehr. Sein Herz raste und er bemerkte einen stechenden Schmerz in der linken Brustkorbhälfte. Einen Augenblick musste er sich an einer Kobenmauer abstützen, um nicht hinzufallen. Viel zu spät registrierte er dabei aus den Augenwinkeln eine grazile Gestalt, die sich am Ende des Mittelgangs flink und beinahe lautlos von einer zur anderen Mauer bewegte und dort versteckte.
Terboven traute seinen Augen nicht. Die Silhouette, auch wenn er ihrem Lauf nur ein, zwei Sekunden folgen konnte, entsprach nichts, was er schon einmal gesehen hatte. Er bildete sich sogar ein, einen buschigen Kamm auf dem gekrümmten Buckel ausgemacht zu haben. Die vorderen Extremitäten der Kreatur schienen deutlich länger als die Hinterbeine und dienten ihr wie einem Gorilla zur Fortbewegung. Um was es sich auch handelte – aus seinem Tierbestand stammte das Ding nicht.
Vielleicht stimmte es ja, was einige Menschen behaupteten und der Antichrist tauchte höchstpersönlich auf, um Sünder in die Hölle zu schleifen, wo er sie für ihre grausamen Taten ebenso grausam bestrafte. Er hatte nie an das konservative Gerede seiner Mutter geglaubt, aber jetzt rückte er nah an die Grenze, es doch zu glauben.
Der Druck in seiner Brust wurde immer intensiver. Terbovens Medikamente lagen in der Schublade des Nachtschränkchens, neben dem Mobiltelefon.
In panischer Angst suchte er nach einem geeigneten Zufluchtsort und wählte die Viehbox in nächster Nähe als Schlupfwinkel. Natürlich hätte er den Stall auch durch den Nordausgang zum Gestüt verlassen können, doch er vermutete, dass der schauerliche Besucher ihn dort eventuell abfing. Er schloss also die Brettertür hinter sich und versank mit den Pantoffeln mehrere Zentimeter im Kot. Sechs Schweine waren hier in ihrem eignen Dreck verendet.
Wenn das alles ein dummer Jungenstreich sein sollte, würde er den Bengeln persönlich eine Tracht Prügel verpassen, die sie bis an ihr Lebensende nicht mehr vergessen würden.
Terboven ging in die Hocke und hielt sich an der äußeren Wand des Kobens fest. Fliegen summten um ihn herum und er musste sich Mund und Nase mit einer Hand zuhalten, damit er sie nicht in die Schleimhäute bekam. Schnell taten ihm die Knie weh.
Ein alter Mann sollte nachts nicht in Schweinescheiße kauern, dachte er. Schon gar nicht nach einem Herzinfarkt.
Hier zwischen stinkendem Aas kämpfte er gegen den Brechreiz an. Vorsichtig richtete er sich ein Stück auf und lugte über den Rand der Viehbox hinweg. Er konnte nichts sehen. Aber er traute der Grabesstille nicht und ging erneut in Deckung. Kurz überfiel ihn die Schnapsidee, sich mit einer Forke zu verteidigen. Es stand eine in der Ecke, gleich neben der Tür. Doch er wusste ja nicht einmal gegen was er sich verteidigen sollte. Er konzentrierte sich auf das Geschehen außerhalb der Koben. Tatsächlich vernahm er ein unterdrücktes leises Schnaufen. Behäbig und gezügelt. Der Atem eines Schweins, das noch nicht gestorben war?
Draußen auf dem Mittelgang rannte etwas in hohem Tempo an ihm vorbei. Er hörte, wie nackte Füße über harten Boden patschten und ganz in seiner Nähe stoppten. Das Luftholen fiel Terboven schwer, als breite sich flüssige Betonmasse in seinem Brustkorb aus. Während ihm der Schweiß ausbrach, verharrte er still in seiner unbequemen Position und ahnte, dass es auch das Wesen tat und auf ein verräterisches Geräusch wartete. Doch erfolglos galoppierte es wieder zurück zum Tor.
Leise wandte sich Terboven um. In der Außenwand des Gebäudes befand sich eine kleine quadratische Öffnung, die mit einem Brett abgedichtet war. Eine bauliche Gegebenheit, die es schon gab, seitdem der Hof existierte und deren Sinn Terboven nie verstanden hatte. Oft hatte er sich vorgenommen, dieses Loch zuzumauern. Jetzt war er heilfroh, es nie getan zu haben. Wie bei einem Kinderspiel ging er in hockender Körperhaltung auf das Loch zu, verlor die Balance und landete mit dem Rücken im Mist. Auf diese Weise konnte er nicht weiter kommen. Dafür waren seine Knochen einfach zu alt und ungelenkig. Unbeirrt rappelte er sich wieder hoch und kroch auf allen Vieren vorwärts. Stroh und Kotreste klebten an seinem Mantel und beschmierten seine Hände. Leise zerrte Terboven an dem Brett. Es ließ sich leicht von der engen Öffnung wegziehen, da es nicht an die Wand montiert war.
Er zwängte sich rückwärts hinein. Und blieb stecken.
Er krabbelte aus dem Durchlass heraus und befand sich wieder im Koben. Der zweite Versuch – diesmal quetschte er sich mit den Armen voran durch die Öffnung – glückte und er sog erleichtert die frische Luft ein. Er starrte nach rechts. Am Tor war niemand zu sehen. Dann sah er nach links zum Zwinger. Rasputin lag unverändert vor seiner Hütte, aber Terboven glaubte nicht daran, dass er einfach nur schlief. Mit letzter Kraft schleppte sich der Landwirt über den Hof zum Wohngebäude, blickte dabei immer wieder ängstlich über die Schulter zum Tor. Jede Sekunde, so dachte er, könnte etwas Schreckliches aus dem finsteren Spalt springen und ihm nachsetzen.
Terboven eilte ins Haus und warf sich mit der Schulter gegen die Tür, die daraufhin ins Schloss krachte. Um keine Zeit zu verschwenden, schnappte er das Festnetztelefon von der Kommode und quälte sich die Treppe zum Schlafzimmer hoch. Er roch nach Schweiß und Schweinekot, presste sich mit der rechten Hand gegen seine Brust, als ob er sein Herz mit einer spirituellen Macht abregen konnte. Bis zum nächsten Hof war es ein 10 Minuten-Fußmarsch. Fernab der urbanen Zivilisation friedeten Maisfelder, Wiesen und ebenes Ackerland den Hof ein. Er musste schnell die Polizei rufen. Da er sich benommen fühlte und kaum noch in der Lage zu sprechen war, sollte seine Frau Herta das Telefonat führen. Schwankend stolperte er ins Schlafzimmer, stützte sich mit einer Hand an der Türzarge ab und begann zu schreien, als sein Blick auf das Bett fiel.
Jenes unheilvolle Telefonklingeln riss ihn aus dem Schlaf, das ihm sofort ein schlechtes Gewissen einflößte, weil er bis zwei Uhr gesoffen und der Restalkohol sich garantiert noch nicht aus seinem Blutkreislauf verflüchtigt hatte.
Der Wecker zeigte 5:30 Uhr an. Genervt griff Robin zum Diensthandy, welches durch den Vibrationsalarm über den Nachtschrank ratterte.
„Ich bin müde“, seufzte er schläfrig und hielt sich die linke Hand vor die Stirn.
„Und ich bin Lienhard.“
„Eine so schöne Stimme, die mir ständig so unschöne Dinge am Telefon erzählt.“
„Ich mach da heute leider keine Ausnahme.“
„Was ist los?“
„Schlimme Sache. Eine 73jährige Frau wurde auf einem Bauernhof umgebracht.“
„Wie ist es passiert?“
„Mit einem Schlachtschussapparat.“
Als Robin das hörte, wusste er schlagartig, dass die Nacht gelaufen war und die kommenden Tage alles andere als ein Zuckerschlecken werden würden. „Gibt es irgendeinen Verdacht?“
„Nicht den Geringsten.“
„Typisch.“
„Am besten, du siehst es dir selber an“, sagte Lienhard. „Gut Terboven. Weißt du, wo das liegt?“
„Ja, ich fliege.“
„Beeil dich!“
Unmotiviert pfefferte Robin die Bettdecke zur Seite und musste sich erst einmal daran gewöhnen, dass er von nun an in einem anderen Raum aufstand. Sesamfarbene Wände und cremefarbener Teppich anstatt Ahornlaminat. Außer dem Bett und dem Nachtschrank hatte er noch keine anderen Möbel aufgebaut. Dazu fehlten ihm Zeit und Lust. Neben der Tür türmten sich Umzugskartons, die noch darauf warteten, ausgepackt zu werden. In der Ecke am Fenster stand eine Yuccapalme. Seine vorherige Wohnung am Westpark hatte er schon vor dem Umzug gewissenhaft entrümpelt und den alten Plunder einer Gebrauchtmöbelbörse gespendet. In den anderen Räumen sah es ähnlich aus. Er fühlte sich noch nicht Zuhause in seinen neuen vier Wänden.
Insgesamt fiel sein neues Dachapartment etwas kleiner aus. 60 Quadratmeter mit überwiegend gefliesten Räumen und Fußbodenheizung. Die niedliche Küche hatte er samt Elektrogeräten dem Vorbesitzer abgekauft. Praktischerweise entsprach auch die Farbgebung der Räumlichkeiten seinem Geschmack, also brauchte er sich nicht um eine kostenaufwendige Renovierung zu kümmern und hatte relativ wenig Arbeit. Zwar hatte er wieder eine Bleibe mit großem Balkon gewählt, vermisste aber den Blick auf die Bäume des Westparks. Dafür blickte er jetzt auf die Dächer der Altstadt und fühlte sich manchmal in eine mittelalterliche Epoche versetzt. Außerdem hatte er sich von etwas getrennt, was ihm nur schweren Herzens gelang: Von seinem Hausleguan Enver, den er vor Jahren während eines Urlaubs in einer spanischen Zoohandlung gekauft hatte.
Er war im scheußlich kalten März umgezogen und alle hatten geholfen: Bernd, Peyman und Alex.
Aber es war dringend nötig gewesen, den Resetknopf zu drücken und einen Neuanfang zu bestreiten.
In allen Lebensbereichen war ihm dies noch nicht gelungen. Ganz oben auf seiner Noch-nicht-abgehakt-Liste stand die Beziehung zu seinem Ex-Freund Kilian Vahrenhorst. Er hatte es nicht geschafft, sich von ihm zu lösen, wollte ihn sogar wieder für sich gewinnen. Das stellte sich allerdings als schwierige Angelegenheit heraus, denn Robin hatte sein Vertrauen verspielt. Vor knapp eineinhalb Jahren hatte Kilian auf sehr unangenehme und peinliche Art herausgefunden, dass Robin ihn mit einem anderen Mann betrog. Er konnte es ihm nicht verzeihen und brach den Kontakt zu Robin radikal ab. In etlichen Vollräuschen versuchte Robin, ihn anzurufen, doch Kilian reagierte nicht darauf. Im Winter 2009, kurz vor Weihnachten, trafen sie sich zufällig im Supermarkt und Robin konnte ihn zu einem Klärungsgespräch überreden, das sie dann in einem lauschigen Biercafé führten. Zum ersten Mal nach ihrer Trennung saßen sie wieder an einem Tisch. Robin war überrascht, wie sehr er sich noch zu Kilian hingezogen fühlte und die Geborgenheit in seiner Nähe vermisste, die er bei den anderen Kerlen auf diese intensive Weise nicht empfand. Viele hatte er in den vergangenen Monaten aufgerissen, mal aus Geilheit, mal aus Langeweile. Die Wenigsten blieben bis zum Frühstück. Und das war ihm meistens auch ganz recht so. Einmal war er bei einem Typen um die 30 gelandet, der sein Bett mit Spiderman–Bettwäsche bezogen hatte. Doch Robin machte unmissverständlich klar, dass ihn das abturnte. Seit dem zählte für ihn der Grundsatz, dass er nicht in Spiderman–Bettwäsche fickte.
Die Atmosphäre in der Kneipe war entspannter als Robin gedacht hatte und er schöpfte anhand des Gesprächs sogar neue Hoffnung hinsichtlich einer gemeinsamen Zukunft. Bis zu dem Satz, als Kilian ihm mit einer gewissen Genugtuung berichtete, einen interessanten Mann während eines Geschäftsessens kennengelernt zu haben.
„Was ist das für ein Typ?“, fragte Robin mit einer Mischung aus Neugierde und Enttäuschung und kratzte verlegen mit dem Fingernagel kleine Dreiecke in das Etikett der Bierflasche.
„Eigentlich geht es dich nichts an“, antwortete Kilian abgestumpft.
„Ich wollte dir nicht zu nahe treten.“
Kilian seufzte. „Er hat Design studiert und entwirft Aufdrucke für T-Shirts.“
„Aufregend. Woher kommt er denn?“
„Berlin. Die Chancen stehen also gut, dass du noch nichts mit ihm hattest.“
Berlin, dachte Robin gehässig und ließ die Stichelei an sich abprallen, viel zu weit für eine Beziehung.
Doch Kilian setzte noch einen Kracher drauf. „Wahrscheinlich werde ich Seederstedt verlassen und nach Berlin gehen.“
„Wegen ihm?“, fragte Robin entrüstet.
„Natürlich nicht wegen ihm. Ich will einfach nur was Neues erleben.“
„Aber Berlin? Du hast hier doch einen guten Job …“
„Den werde ich auch in Berlin finden.“
„Muss ja ein toller Hecht sein, wenn er dich zu solchen Höhenflügen inspiriert.“
„Rede keinen Scheiß!“
„Hat der irgendwo ein Chatprofil?“
„Nein. Und gerade das macht ihn sympathisch.“ Kilian lehnte sich zurück und verschränkte die Hände vor der Brust. Robin kannte diese Geste und ihre Folgen noch sehr gut von früher. Sie bedeutete, dass er jetzt Tacheles reden wollte. „Lassen wir doch dieses Höflichkeitsgeplänkel und kommen zur Sache: Warum wolltest du dich unbedingt mit mir treffen?“
„Weil ich mit dir über ein Wort sprechen möchte.“
Kilian zog die Augenbrauen hoch. „Und das lautet?“
„Das Wort heißt Vertrauen.“
„Uh“, winkte Kilian rasch ab. Seine Stimme wurde von einem bösen Unterton begleitet. „Ganz schlechtes Thema zwischen uns beiden.“
„Bitte …“
„Vertrauen ist ein Wort, größer als jeder Schwanz. Man sollte es nicht so schnell in den Mund nehmen. Vor allem du nicht, Robin.“
„Ich weiß“, erwiderte Robin schuldbewusst.
„Als wir das letzte Mal darüber geredet haben, musste deine Schranktür dran glauben. Tut mir echt leid.“
„Du irrst. Wir haben nicht darüber geredet. Du bist abgehauen, ohne ein Wort zu sagen.“
„Da gab es auch nichts mehr zu sagen.“
„Ich habe dich verletzt.“
„Gelinde ausgedrückt“, stöhnte Kilian, beugte sich nach vorn und stützte sich mit den Unterarmen auf der Tischplatte ab. In seinem Gesicht lag etwas Aggressives. „Machen wir es kurz: Die Wunde, die du mir zugefügt hast, sitzt tiefer als du glaubst. Ich mache dir nicht zum Vorwurf, dass du dir das holst, was du brauchst. Aber ich mache dir zum Vorwurf, dass du dein Leben nicht nach deinen Bedürfnissen ausrichtest. Du kannst einfach nicht ehrlich sein, Robin. Das liegt dir nicht im Blut. So bist du nicht gemacht. Dass du eines Tages eine treue Beziehung führen kannst, ist Utopie. Es ist genauso unmöglich wie Wasser den Berg hochfließen kann. Daran ist nichts Schlimmes. Nur kann ich es für mich nicht akzeptieren. Und das wiederum wirst du akzeptieren müssen. Du wirst dir jemanden suchen müssen, dem deine Liebschaften nichts ausmachen. Mir machen sie leider etwas aus und Fassadenmenschen kann ich nicht ausstehen und mit einem zusammen sein will ich schon gar nicht. Ich habe mich nur aus dem einen Grund auf dieses Treffen eingelassen, um dir endgültig zu sagen, dass es aus zwischen uns ist. Ich möchte nicht mehr, dass du mich mitten in der Nacht anrufst, nachdem du dir Mut angetrunken hast.“
„Warum hast du mir das nicht am Telefon gesagt?“
„Du machst mir Angst, Robin. Angst, weil du mich für so blöd hältst. Ich habe keinen blassen Schimmer, mit wie vielen du ungeschützten Verkehr hattest, aber du hattest ihn sicher. Und dass du das Risiko einer Aidsinfektion in Kauf genommen hast, ohne mir was davon zu sagen, hat mich total fertig gemacht. Du hast für deinen Spaß mein Leben aufs Spiel gesetzt.“
„Ich habe immer Kondome benutzt …“
„Was soll ich dir jetzt noch glauben?“, fragte Kilian wütend.
„Wir waren doch mal … Partner.“
„Du warst kein Partner. Du warst Zeitverschwendung. Wenn ich einen deiner Anrufe vor dem Testergebnis entgegengenommen hätte, hätte ich dich nur angeschrieen und beleidigt. Es hätte nichts genutzt. Es ist aus. Ruf mich nicht mehr an. Ich hoffe, ich habe mich klar und deutlich ausgedrückt.“
Robin starrte auf seine Bierflasche und klammerte sich mit beiden Händen an ihr fest, als könne sie ihm Trost spenden. „Hast du.“
„Dann ist ja gut“, antwortete Kilian mit eisigem Ton, stand auf und zog seine Jacke an, die er über die Stuhllehne gehängt hatte. „Übrigens“, sagte er und zeigte auf Robins Flasche, „das Zeug macht dich verdammt unsexy.“
Das Gespräch geisterte Robin oft durch den Schädel, besonders an einem Morgen wie diesem, an dem er keine Zeit hatte, seine Gedanken zu Ende zu denken. Stattdessen plagte er sich mit Leuten ab, die noch heftigere Probleme hatten als er. Auf Dauer konnte das nicht gesund für die Seele sein. Wenigstens schien draußen vor dem Fenster die Sonne.
Er eilte aus dem Zimmer, stieß sich den kleinen Zeh an einem der Kartons und humpelte fluchend ins Bad weiter. Dort hielt er sich die gewölbte Hand vor Nase und Mund und hauchte einmal hinein. Er roch seinen üblen Atem, aber die Zeit reichte nicht zum Zähneputzen oder Duschen. Saubere Klamotten fischte er aus dem Müllsack und schlüpfte rasch hinein. Weites Shirt und Jeans. Ein Tanktop trug er aus Eitelkeit schon lange nicht mehr. Der Rettungsring darunter erinnerte ihn ständig an seinen Lebenswandel. Für unterwegs nahm er einen Apfel und Kaugummis mit.
Sechs Uhr zehn. Der Weg aus feinem Schotter zum Gut von Julius Terboven war holperig. Die kleinen kantigen Steine wurden von den Reifen hochgeschleudert und verursachten im Radkasten klackende Geräusche. Umso mehr Spaß bereitete es Robin, rasant in die schmalen Kurven einzufahren und das Risiko einzugehen, dass das Heck seines Autos jeder Zeit ausbrach. Äste von Sträuchern am Wegrand schrammten längs an der Flanke vorbei. Robin war es egal, ob sie Kratzer im Lack verursachten. Er fuhr ja nicht den Dienstwagen. Polizeichef Dobner hatte sich oft über seinen rüden Umgang mit polizeilichem Eigentum beklagt und drohte scherzhaft, Robin würde als einziger Beamter ein Dienstfahrrad zugewiesen bekommen.
Nun brauste er auf die beiden Silos zu, die entfernt an die Schlote eines Atomkraftwerkes erinnerten. Er wusste nicht, ob er überhaupt schon fahren durfte. Während er mit einer Hand lenkte, steckte er sich mit der anderen einen Kaugummi in den Mund.
Noch vor dem Hof parkten Streifenwagen und zivile Dienstfahrzeuge zu beiden Seiten an den Zäunen, was die Durchfahrt ziemlich kompliziert machte. Robin manövrierte mittig durch die schmale Gasse, um keinen Seitenspiegel abzurasieren. Ein Schrottgetümmel wie bei einer Konzertveranstaltung. Am Ende der Schlange reihte er sich ein, warf seine Brille auf den Beifahrersitz und stieg aus. Es war angenehm warm. Der süße Geruch von blühendem Raps schmeichelte seiner Nase. Leider wurde er sofort von dem gespritzter Felder übertüncht. Über die saftig grünen Weideflächen verteilten sich die Sprenkel gelber Löwenzahnblüten. Die Szenerie war idyllisch und doch trog sie nur über die Schrecken hinweg, die sich im Haus vor ihm ereignet hatten.
Er stakste durch eine empört gackernde Kompanie von Hühnern zum Hof hinüber. Ab und zu machte er weite Schritte über vereinzelte Hühnerhaufen, damit er seine weißen Sneakers nicht voll schmierte.
Lienhard Kohlhagen wartete an einer grün lackierten Wasserpumpe auf ihn. Als er Robin sah, eilte er ihm entgegen.
Lienhard, das Kind im Manne. Dieses Image hatte er sich unter Kollegen durch seinen schrulligen Hang zu mythologischen Welten eingeheimst. Seit einiger Zeit zeigte er zudem großes Interesse an Kryptozoologie, der Erforschung unbekannter Tierarten. Er sprach häufiger von dem Wunsch, sich mit seinen Kindern am Loch Ness auf die Jagd nach dem sagenumwobenen Ungeheuer machen zu wollen. Seine Frau war davon weniger begeistert. Natürlich war ihm bewusst, dass es nicht existierte. Für ihn zählte allein die Magie der Vorstellung.
Nicht nur eine beiderseitige Sympathie verband ihn und Robin, sondern auch sich ähnelnde Kindheitserlebnisse – ja sogar Traumata. Ganz tief in seinem Innern waren sie ihm noch deutlich anzuspüren, die Spuren, die die Schmerzen der Prügel in ihm hinterlassen hatten. Prügel von Menschen, von denen man sie am wenigsten kriegen wollte: den eigenen Eltern.
Früher sehr auf ein gepflegtes Äußeres bedacht, ließ er es inzwischen etwas schleifen. So umwucherte ein Vollbart sein charakteristisches Kinn, anstatt der sportliche Dreitagebart. Und selbst das üblicherweise kurz geschnittene blonde Haar wallte ihm nun vor den Augen. Sein Gesicht war feister geworden, die Wangenpartien fülliger und die Statur molliger. Kaum merklich, doch die Bezeichnung drahtig ging bei ihm nicht mehr durch.
Viele Kollegen hatte Robin im Laufe der Jahre zunehmen sehen, aber keine Fettpolster hatten ihn so sehr abgeschreckt wie die eigenen.
„Die Spurensicherung ist fast fertig!“, rief Lienhard. An seinem geröteten Gesichtsausdruck erkannte Robin, dass er sich an diesem Ort fernab magischer Fabelwesen nicht besonders wohl fühlte.
„Wo liegt die Leiche?“
Lienhard zeigte zum Wohnhaus. „Im ersten Geschoss.“
„Und es war eindeutig Mord?“
„Bilski sagt ja. Und die Bulldogge und der Marder sind so besorgt, dass sie überlegen, Ulrich Barkhausen herzubestellen.“
„Den Fallanalytiker aus der OFA?“, fragte Robin und marschierte mit Lienhard auf das Wohngebäude zu.
Lienhard nickte.
Robin und die Kripo Seederstedt arbeiteten im letzten Jahr mit Barkhausen zusammen. Damals jagten sie einen unberechenbaren Mörder, der zwei junge Menschen umbrachte und den die Medien den Dysmorpher tauften. Robin hatte ihn sogar persönlich gekannt und war in Lebensgefahr geraten. Am Ende entpuppte sich der Täter als Minderjähriger, was die Nation nachhaltig erschütterte und hitzige Diskussionen darüber entfachte, ob die Jugend immer brutaler würde. Robin schloss sich dieser Schwachsinnsdebatte nicht an. Er glaubte nicht daran, an einigen wenigen Fallbeispielen die Entwicklung einer Generation ausmachen zu können.
„Wer von uns ist am Tatort?“, fragte er.
„Bilski ist dabei, die Leiche zu untersuchen. Alex und Marder sehen sich oben noch um. Dobner ist schon wieder gefahren. Werner und Martin vernehmen die zwei Angestellten. Sie heißen Kolja Piecek und Dominik Weber. Normalerweise wird der Betrieb ausschließlich von den beiden Söhnen, Jan und Holger Terboven, geführt. Aber die befanden sich zur Tatzeit mit ihren Familien im Urlaub. Inzwischen sind sie informiert worden und auf der Rückreise. Piecek und Weber, die während der Abwesendheit der Terbovens auf dem Hof aushelfen, wollten um 5 Uhr mit ihrer Arbeit beginnen. Piecek hat das Paar um circa fünf Uhr fünf im Schlafzimmer gefunden. Er hatte sich gewundert, da die Terbovens um die Uhrzeit normalerweise schon wach sind und die Haustür offen stand. Der Mann, Julius Terboven, lag bewusstlos in der Tür auf dem Boden. Sein Hausarzt hat ihn zur Beobachtung ins Krankenhaus überwiesen. Er hat einen schweren Schock erlitten.“
„Konnte er vernommen werden?“
„Hm.“ Lienhard zuckte ratlos mit den Achseln. „Mehr schlecht als recht. Als die Rettungssanitäter ihn auf die Bahre gelegt haben, faselte er, dass die Tiere Alarm geschlagen hätten. Das Stalltor wäre geöffnet gewesen, was gewöhnlich nicht so sei. Er hat nachgesehen und wäre dann verfolgt worden.“
„Verfolgt?“
„Ja.“
„Konnte er jemanden erkennen?“
„Nun …“ druckste Lienhard.
„Ich höre …“
„Er sagte, ein Monster hätte ihn verfolgt.“
Robin blieb stehen und sah Lienhard säuerlich an. „Du holst mich aus dem Bett und erzählst mir was von Monstern?“ Zynisch lächelnd ging er weiter. „Du hockst zu viel vorm Computer.“
„Im Ernst. Terboven will ein Wesen mit einem Rückenkamm oder Federn gesehen haben.“
„Weißt du, ich glaube nicht an Geister und Dämonen. Und selbst wenn, würde die Verhaftung von Übersinnlichem nicht in unser Ressort fallen.“
„Ich habe auch nicht von Geistern oder Dämonen geredet, sondern von Monstern.“
„Das macht’s nicht unbedingt besser. Glaubst du ihm etwa?“
„Natürlich nicht, dass er ein Monster gesehen hat. Womöglich ein Schwein oder so.“
„Seit wann haben Schweine Rückenkämme? Oder betreiben die hier eine geheime Genfarm?“
„Empfindlich wie eine Prinzessin“, stichelte Lienhard sarkastisch. Er roch förmlich, dass er überstürzt aufgebrochen war und vergessen hatte, eine Schmerztablette gegen den Kater zu schlucken. „Ich berichte dir ja nur, was er gesagt hat. Wir müssen mit einer richtigen Vernehmung eben warten, bis es ihm besser geht.“
Sie scheuchten ein Huhn auf, das bisher unbeeindruckt in den Steinfurchen nach Körnern pickte.
„Warum läuft hier eigentlich das Federvieh rum?“, grantelte Robin. „Das macht alle Spuren zunichte!“
„Die Angestellten haben sie frei gelassen, bevor sie auf die Tat aufmerksam geworden sind“, antwortete Lienhard. „Der Sachschaden beträgt schätzungsweise 5.000 Euro. 34 Schweine und der Wachhund sind getötet worden. Wahrscheinlich vergiftet. In den Trögen liegt Futter, das Terboven normalerweise nicht verwendet. Die Spurensicherung hat bereits Proben entnommen. Merkwürdig, dass nur die Schweine getötet und das andere Vieh verschont wurde …“
„Verzeihung, aber in meiner Werteskala steht der Mensch immer noch über dem Tier. Nachdem wir die Tiere also betrauert haben, können wir ja mal auf die Frau zu sprechen kommen.“
„Überlegenheitswahn und der Mensch als Krone der Schöpfung“, zickte Lienhard.
„Bitte …“
Sie gelangten zum buckelig gepflasterten Hof, auf dem die Techniker mit wetterfester Kreide einen Pfad markiert hatten. Der Pfad diente dazu, dass alle Mitarbeiter am Tatort ein und denselben Weg benutzten und somit nicht unbeabsichtigt ermittlungsrelevante Spuren verwischten. Die tief stehende Sonne warf lange Schatten und verwandelte den Innenhof in ein kaltes Mausoleum. Ein frischer Wind wehte.
Am Tor des Stalls geisterten Gestalten in weißen Tyvekanzügen mit Kapuzen und Mundschutzen herum. Unter den Arkaden deponierte man prophylaktisch Faltpavillons. Falls ein Ansturm der Presse erfolgte oder plötzlich Regen einsetzte und man unter freiem Himmel weiterarbeiten musste, würde man diese Schutzzelte aufbauen. Aber bis jetzt schien es so, als würden sie heute nicht gebraucht. Weder Journalisten noch dunkle Wolken kündigten sich an. Robin fragte sich, was er weniger mochte. Die Zufahrt an der Hauptstraße wurde von einem Beamten überwacht. Sollte sich der Van eines Fernsehsenders nähern, würde dies umgehend gemeldet.
Unter den Geruch von Raps und Pestiziden mischte sich ein extremer Gestank, wie von verwesendem Kadaver.
„Herta Terboven war 73 Jahre alt“, sagte Lienhard. „Sie lebte mit ihrem Mann im Obergeschoss des Hauptgebäudes dort rechts.“ Er nickte in die Richtung. „Ihr älterer Sohn Holger wohnt mit seiner Familie im Erdgeschoss. Der jüngere, Jan, im Gestüt. Das kann man von hier aus aber nicht sehen.“ Lienhard deutete über den Hof. „Julius Terboven ist durch diese Luke da aus dem Stall geflohen und dann sofort hoch ins Schlafzimmer gelaufen. Dort fand er seine Frau bereits tot vor.“
„Dann blieb dem Mörder nicht viel zeitlicher Spielraum.“
„Im Prinzip können wir uns nicht vorstellen, wann es passiert sein soll.“
„Ich möchte zuerst die Leiche sehen und dann mit den Angestellten reden.“
An der Haustürschwelle wies Lienhard ihn darauf hin, sich immer an der Wand zu halten und sich nicht in der Mitte der Diele zu bewegen. „Da sind überall Spuren, deren Relevanz wir noch nicht abschätzen können“, informierte er.
Dann gingen die Männer ins Haus. Auf dem Dielenfußboden bemerkte Robin sporadische Ansammlungen schwarzer Bröckchen und Schlieren.
Familie Terboven, die sich gerade wegen einer Hiobsbotschaft auf die völlig überstürzte Heimreise aus dem Urlaub begab, lebte in zahlreichen, aber beengten Räumen. Es dominierte ein geschmackvoller Landhausstil aus massiven, mit honigfarbenem Wachs behandelten Naturholzmöbeln. In der schlauchartigen Diele residierte ein wuchtiges Vertiko, vollgestellt mit Familienportraits. Robin betrachtete die Motive in den Holzrahmen. Ein Foto zeigte eine vierköpfige, ein anderes eine fünfköpfige Gemeinschaft und ein Drittes alle zusammen, inklusive zwei alter Leute, die beide gezwungen in die Kamera lächelten. Die Bilder wurden offenbar am selben Tag und am gleichen Ort gemacht: auf einer Weide mit dem Terboven-Anwesen als Hintergrund. Auf den restlichen Aufnahmen posierten Kinder – mal auf einer Schaukel, mal auf einem Pferd sitzend. Glückliche Gesichter, alle weit von den Tücken des Erwachsenseins entfernt und unbeschwert. Robin fragte sich, wer auf den Fotos Holger und wer Jan Terboven war. Beim Anblick der alten Frau fühlte er sich, als habe er Steine im Magen.
Er steckte seinen Kopf rasch in die übrigen Räumlichkeiten, die von der Diele abzweigten. In der Küche roch es nach Gewürzen. Mittig stand ein Tisch mit vier Stühlen. Das Tafelgeschirr war in einem Buffetschrank mit Glastüren verstaut. Ein Techniker des Erkennungsdienstes überprüfte die Oberflächen mit schwarzem Fingerabdruckpulver und einem Fiberglaspinsel. Der Spurensicherungskoffer lag aufgeklappt auf einem der Stühle.
„Haben Sie etwas?“, fragte Robin.
„Natürlich“, antwortete der Techniker. „Dies ist eine Familienküche. Es wimmelt hier nur so von Abdrücken.“
„Okay. Machen Sie weiter.“
Als nächstes warf Robin einen Blick ins Wohnzimmer. Dort stand ein moderner Flachbildschirmfernseher, der nicht ganz in das altertümliche Ambiente passte. Danach eskortierte Lienhard ihn die Treppe hinauf. Auch hier fielen Robin Verunreinigungen durch winzige Brösel auf. Über einen speckigen Läufer gelangten sie direkt zur Schlafzimmertür, wo Robin ein eigenartiger Muffgeruch entgegen schlug. Er erinnerte ihn stark an den Geruch von Mottenkugeln aus Magdalenes altem Schlafzimmer im Kameliterweg.
Am Eingang stand ein Techniker mit einem Klemmbrett, das er auf dem Unterarm balancierte. Er protokollierte genau, wer wann welchen Raum betrat und gegebenenfalls Veränderungen an Gegenständen vornahm.
Staatsanwalt Jochen Marder und Alexandra Braun, Robins langjährige Kollegin und Freundin, eilten aus dem Zimmer und rissen sich nacheinander den Mundschutz vom Gesicht. Sie grüßten einander.
„Machen Sie sich ein Bild und dann reden wir“, sagte Marder. „Bilski ist noch drin.“
„Schlimm?“, fragte Robin.
Alex nickte. „Schlimm.“
Er versorgte sich vorschriftsmäßig mit Handschuhen, Schuhüberziehern und Mundschutz und ging in den Raum.
Etliche Leichen hatte er in seiner Karriere bis jetzt gesehen und sogar bösartiger zugerichtet als diese – er dachte dabei an einen Jungen, den man mit zertrümmertem Schädel in seinem Bett aufgefunden hatte. Aber beim Anblick der Toten im Bett spürte er, wie ihm die Farbe aus dem Gesicht schwand und seine Beine unwillkürlich wegsackten. Seine Hände begannen unter dem Nitrilkautschuk zu schwitzen. Ihm wurde richtig schlecht und er musste sich mit einer Hand am Türrahmen abstützen. Gewalt, die alten Leuten angetan wurde, machte ihn immer sensibel und mürbe. Selbst, wenn er im Supermarkt eine alte Frau mit ihrem Einkauf an der Kasse kämpfen sah, fühlte er eine unbeschreibliche Form von Mitleid.
Herta Terboven wirkte so friedlich und unscheinbar unter der dicken, mit kitschigen Rosen bestickten Bettwäsche – hätte da nicht die merkwürdige pflockähnliche Apparatur schräg aus ihrem Mund geragt. Die blau angelaufenen Lippen wirkten wie Gummiringe, die das Gerät in starrer Position fixierten. Ihre faltigen Arme ruhten auf der Bettdecke und ihre Augen waren geschlossen, als hätte sie jeden Moment aufwachen können. Es hatte nicht den Anschein, dass sie sich gegen den Angreifer gewehrt hatte, wer auch immer diese Tat beging.
„Alles klar?“, fragte Bilski, der Robin besorgt anschaute.
„Geht gleich wieder“, antwortete Robin. „Einen Moment.“ Er musterte die Details des Raums, um sich abzulenken. Sein Blick wanderte im Uhrzeigersinn. Frau Terboven lag in einem archaischen Bauernbett aus Weichholz, das vom Wurmbefall durchlöcherte Kopfteil reichte Bilski bis zum Bauchnabel. Über dem Bett hing ein altes, in einem goldfarben gestrichenen Rahmen gefasstes Gemälde an der weiß tapezierten Wand. Es zeigte Hirsche auf der Wiese einer Berglandschaft. Unter der Decke war eine hässliche Lampe mit giftgrünem Stoffschirm, der die Form eines Kürbisses hatte, befestigt. Rechts stand ein klobiger dunkler Kleiderschrank, der den engen Raum zusätzlich drückte und links ein Bügelbrett, das unter der Last einer voll gestopften Wäschewanne ächzte. Die drei Techniker mussten aufpassen, dass sie sich beim Nummerieren und Fotografieren der Spuren nicht gegenseitig auf die Füße traten. Neben dem Fenster hing ein handgeschnitztes Kreuz an einem Nagel.
„Bist du wieder zurechnungsfähig?“, fragte Bilski und rollte gerade die Bettdecke zurück, während einer der Erkennungsdienstler vorsichtig Herta Terbovens altersfleckige Arme anhob. Ein pinkes Nachthemd wurde sichtbar. Zwei massige Beine lugten daraus hervor, die knittrige Haut von Krampfadern durchzogen.
„Bin ich“, antwortete Robin.
Roland Bilski – eine dürre Gestalt mit pummeligem Gesicht, Halbglatze und Drahtgestellbrille – war Gerichtsmediziner im forensischen Institut und für Robin seit Jahren ein versierter Stichwortgeber. Schon oft hatten sie ermittlungstechnisch zusammengearbeitet. Robin hoffte, dass sie bei diesem Fall genauso erfolgreich sein würden wie in der Vergangenheit.
Wie üblich begann Bilski, die sachlichen Fakten knochentrocken herunter zu leiern. „Der Tod ist vor circa fünf Stunden eingetreten“, sagte er. „Herta Terboven ist vermutlich nicht durch die direkte Einwirkung des Schlachtschussapparates gestorben, sondern an den unmittelbaren Folgen der Verletzung im Rachenraum. Wahrscheinlich ist sie an ihrem eigenen Blut erstickt.“
„Wie funktioniert das Ding?“, wollte Robin wissen.
„Da gibt es unterschiedliche Bauweisen. Ich kann dir erst sagen, was passiert ist, wenn ich es entfernt habe. Normalerweise werden Tiere damit nur betäubt.“
„Braucht man dafür einen Waffenschein?“
„Soweit ich weiß nicht, wenn man es ausschließlich zur Viehbetäubung verwendet.“
„Könnte es ihr Mann gewesen sein?“
Bilski schüttelte entschieden den Kopf. Er befand sich am Fußteil des riesigen Bettes und verschränkte die Arme vor der Brust. „Ich denke nicht.“
„Und wieso?“
„Julius Terboven lag bewusstlos an der Stelle, wo du jetzt stehst. Das Telefon lag neben ihm. Die Kappe vom Batteriefach ist beim Aufprall abgeplatzt. Es sieht tatsächlich so aus, als hätte ihn der Schock von den Füßen gerissen.“
Ein Daktyloskop namens Treder – ein Kriminaltechniker, der auf die Sicherung und Identifizierung von Finger- und Fußabdrücken spezialisiert ist – mischte sich in die Unterhaltung ein. „Er war von oben bis unten mit Schweinekot verdreckt, nachdem er aus dem Stall geflohen war. An seinen Pantoffeln befand sich ebenfalls Kot. Die Spuren führen durchs ganze Haus, aber nicht bis ans Bett.“
Die Bröckchen in der Diele waren also Kotspuren.
„Dem Täter kann nicht viel Zeit geblieben sein, ins Haus einzudringen und wieder daraus zu verschwinden. Wie hat er das bewerkstelligt?“
„Wir wissen es nicht“, sagte Treder kopfschüttelnd. „Alles, was wir gefunden haben, ist ein Fußabdruck.“ Bei der geringsten Bewegung raschelte sein weißer Schutzanzug. Man sah nicht mehr von ihm als seine braunen Augen und den schiefen Nasenrücken.
„Dann können wir eine Marke ermitteln. Ist ja für den Anfang schon mal was.“
„Können wir nicht. Wir haben lediglich den Abdruck eines nackten Fußes. Der Täter hat kein festes Schuhwerk getragen.“
„Was?“
Treder winkte ihn zu sich. „Komm her und sieh ihn dir an.“
Neugierig ging Robin zu ihm und überzeugte sich von der Ent-deckung. Man erkannte das Profil nur schlecht, eigentlich konnte Robin es nur erahnen. Der Abdruck befand sich in der Nähe der Heizung unter dem Fenster. Die Konturen der Zehen deuteten in Richtung Bett.
„Ich habe ihn bereits auf Gelatinefolie gesichert“, kommentierte Treder.
Robin drehte sich zu Lienhard um, der ihm in den Raum gefolgt war. „Na, dann können wir einen Dämon als Täter ja schon mal ausschließen.“
Lienhard verdrehte die Augen.
„Das ist noch nicht alles“, sagte Treder. „Draußen auf dem Fenstersims ist noch ein Fußabdruck.“ Der Techniker bat sein ungläubiges Publikum ans Fenster. Es handelte sich dabei um ein doppeltes Flügelfenster, dessen rechte Seite Treder per Handgriff öffnete. Er deutete auf den nummerierten Fleck auf dem abgeschrägten Kunststoffsims. „Wir haben nur den vorderen Teil des Fußabdrucks, aber er gleicht dem Abdruck im Schlafzimmer. Der Abdruck im Schlafzimmer misst in der Länge 25 Zentimeter. Ich tippe, der Täter hat ungefähr Schuhgröße 44 oder 45.“
„Und warum sind nur zwei Fußspuren vorhanden und nicht mehrere?“
„Wir müssen es herausfinden. Zumindest ist der Täter durch dieses Fenster ins Haus gelangt. Er muss sich sehr leise verhalten und Herta Terboven im Schlaf überrascht haben. Als unsere Leute hier eingetroffen sind, stand das Fenster offen. Auch, wenn heute Nacht nur eine Seite auf Kippe stand, hätte der Täter einbrechen können. Mit einem schmalen Handgelenk ist das kein Problem.“
„Vielleicht“, sagte Lienhard, „hat der Mörder nach der Tat hier auf Julius Terboven gewartet. Als der jedoch plötzlich ohnmächtig wurde, ist er durch die Diele nach unten ins Freie getürmt.“
„Bleibt abzuwarten, ob wir minimale Rückstände im Flur finden, die denen der Fußabdrücke gleichen. Wobei die auch von Terboven selbst stammen könnten. Sowohl Verfolger als auch Verfolgter haben sich ja offensichtlich beide im Stall aufgehalten. Wird also schwierig, das herauszufinden.“
Robin schob Treder beiseite, beugte sich mit dem Oberkörper aus dem Fenster und blickte an der Fassade hinab. Dort gab es keinerlei Möglichkeit, ohne Hilfe empor zu klettern – keinen Mauervorsprung oder dergleichen. Er schaute nach oben zum Dach. Die Regenrinne verlief etwa drei Meter über seinem Kopf und das Dach war viel zu steil, als dass man sich innerhalb kurzer Zeit daran hätte abseilen können – oder gar hinab klettern konnte.
„Wie soll man denn hier einfach so mit bloßen Füßen einsteigen?“, fragte Robin.
„Mit einer Leiter?“
„Ziemlich unwahrscheinlich.“
„Auf jedem Bauernhof gibt es eine Leiter.“
„Wieso sollte sich der Täter die Mühe machen?“
„Warten wir’s ab. Es wird noch einige Stunden dauern, bis wir mit dem Asservieren fertig sind.“
„Wir müssen das komplette Grundstück absuchen. Vielleicht finden wir noch irgendwo einen Abdruck. Ich will wissen, warum und wie der Täter an der Hauswand hoch ist.“ Robin drehte sich um und sein Blick glitt automatisch auf die Leiche. „Verdammt noch mal, kannst du ihr nicht endlich das Scheißteil aus dem Mund ziehen?“, herrschte er Bilski an. „Das sieht ja aus, als ob sie …“
Bilski hob forsch die Hand und knurrte: „Du wirst in meiner Gegenwart deinen Gedanken nicht aussprechen. Sie ist eine alte Dame. Lass uns ihre Würde wenigstens im Tod bewahren.“
Der Hof sah aus, als würde er von einer Horde Außerirdischer bevölkert. Marder, Lienhard und Alex diskutierten abseits am Hundezwinger. Robin ging zur zentralen Kolbenpumpe, hielt seinen Kopf unter den Wasseraustritt und zog mehrere Male an dem Schwengel, bis ein Schwall klirrend kaltes Wasser sein zerknautschtes Gesicht erfrischte und an seiner Kehle in den Ausschnitt rann.
Auf einmal stand Alex hinter ihm und nahm ihn sich zur Brust. „Du stinkst wie eine Kneipe aus dem Mund!“
„Na und?“
„Die anderen trauen sich vielleicht nicht, dich darauf anzusprechen, aber mir ist das egal! Ständig kommst du mit einer Fahne zum Dienst und bist schlecht gelaunt! Hast du keine Angst, dass Dobner was merkt?“
„Sollte er? Hat er was gesagt?“
„Bis jetzt noch nicht.“
„Dann mach hier nicht so einen Aufstand.“
„Ist nur eine Frage der Zeit. Ich mein’s nur gut mit dir.“
„Dann sprich nicht so laut …“ Robin blickte sich um und versicherte sich, dass niemand neugierig die Ohren spitzte.
„Es geht mich nichts an, wenn du dir abends die Kante gibst, aber du könntest wenigstens was gegen deine Fahne unternehmen. Schon mal was von Mundspülung gehört?“
„Nein, aber danke, dass du mich jetzt darauf gebracht hast“, spöttelte Robin.
Nach ihrem kleinen Zickenkrieg gesellten sie sich zu Marder und Lienhard. Robin sah durch das verzinkte Drahtgeflecht in den Zwinger. Vor der schlichten kastenförmigen Holzhundehütte und den beiden Näpfen, auf die jemand mit brauner Farbe den Namen Rasputin gepinselt hatte, lag ein großer Körper unter eine Plane. Eine Pfote, die unter der Abdeckung hervorlugte, weckte grausige Erinnerungen in Robin. Erinnerungen an die Geschehnisse damals im Garten seines Elternhauses. Dort hatte ihn eine Dogge angegriffen.[1]
„Was ist mit der Töle?“, fragte er.
„Der Täter hat dem Hund das vergiftete Futter durch die Maschen gereicht“, antwortete Marder und nestelte mit seinem Finger zwischen Hemdkragen und Hals. „Es muss ein schnell wirkendes Gift gewesen sein, denn ihm blieb nicht genug Zeit, um es ganz vom Boden aufzuschlecken.“ Er deutete auf einige Brocken Futter, die im Innern des Zwingers am Einlass vor sich hin trockneten. Dazwischen hatte jemand braune, nierenförmige, leicht glänzende Bohnen ausgestreut.
„Und? Was denken Sie, Robin?“
„Offenbar wurde nichts gestohlen. Keine Spuren deuten daraufhin, dass etwas durchsucht wurde. Raubmord ist also ausgeschlossen. Ich glaube auch nicht, dass jemand, der ein hilfloses Ehepaar ausrauben will, ein Bolzenschussgerät benutzen würde. Warum sollte er das Risiko eingehen, vorher in den Stall einzubrechen und alle Tiere wachzurütteln, die er dann anschließend auch noch vergiftet? Er könnte genauso gut ein Messer oder eine Schusswaffe mitbringen. Die Brutalität der Tat deutet meiner Meinung nach eher auf eine Beziehungstat hin. In drei Viertel aller Fälle kennen sich Opfer und Täter. Glaubt mir, in diesem Fall ist es nicht anders.“
„Soll die alte Terboven etwa eine Affäre gehabt haben, hinter die ihr Mann gekommen ist? So was in der Art?“, fragte Alex.
„Das hab ich nicht behauptet. Aber die Sache ist größer, als wir ahnen. Irgendwas ist faul.“
„Was halten Sie von der Aussage von Julius Terboven bezüglich seines Verfolgers im Stall?“, erkundigte sich Marder.
„Schwer zu sagen.“
„Noch etwas gibt uns Rätsel auf.“
Robin blickte Marder fragend an.
„Der Stall beherbergt einen Keller, der vor ein paar Jahren zu einem Schlachtraum umfunktioniert wurde. Die Türen zu diesem Raum standen offen. Aber Piecek und Weber behaupten steif und fest, dass diese Türen normalerweise immer geschlossen sind.“
„Der Mörder war dort drin?“
„Vielleicht. Wir überprüfen das.“
„Wurde das Bolzenschussgerät im Schlachtraum aufbewahrt?“
„Nein, in den Stallungen.“
Und genau dorthin gingen sie jetzt. Am Tor wurden ihnen spezielle, mit Eukalyptus behandelte Mundschutze gegen den Fäulnisgeruch gereicht. Ein Techniker unterrichtete sie darüber, dass die Schweinekadaver untersucht, dann in luftdichte Maismehlstärkesäcke verpackt und schließlich zu einem Betrieb der Tierkörperbeseitigung abtransportiert würden. Zwei Exemplare würden auch zu Experimentierzwecken in die tierärztliche Hochschule von Seederstedt abgegeben. Robin verlangte, die Kobe zu sehen, in der sich Julius Terboven versteckt gehalten hatte. Außer einer Menge Mist und der engen Luke, durch die er sich gequetscht hatte, fand Robin darin nichts Bemerkenswertes. Den genauen Ablauf der Verfolgung konnte man noch nicht rekonstruieren, weil dazu noch die differenzierte Aussage von Terboven fehlte. Außer den Glassplittern einer Glühbirne hatte man bis jetzt noch keine auffälligen Spuren gefunden.
Marder zeigte auf einen dicken Nagel neben einer Tür. „Laut Piecek hat dort das Bolzenschussgerät gehangen.“
„Wo ist der Schlachtraum?“, fragte Robin.
„Im Keller.“
„Ich möchte ihn sehen. Einer der Angestellten soll mitkommen.“
„Vielleicht sind Werner und Martin mit der Vernehmung schon durch.“
Und so war es auch. Die Vernehmungen hatten separat auf dem Gelände des Gestüts stattgefunden. Durch die Tür gelangten sie an einen stinkenden Misthaufen. Dahinter erstreckte sich weites Gelände, flankiert von einer großen Halle und einem Landhaus mit einem Satteldach aus Schieferplatten. Im Vorgarten erkannte Robin die bunte Schaukel wieder, die er auch schon auf dem Foto im Haus der alten Terbovens gesehen hatte. Sie marschierten auf die von Fliederbäumen umfriedete Terrasse zu, auf der sich vier Männer unterhielten. Zwei davon waren ihre Kollegen Werner Armestran und Martin Soldan.
„… das Areal umfasst rund sechs Hektar Weideland, einen Reitplatz und viele Reitwege. Jan Terboven besitzt nicht nur Zucht-, sondern auch Turnierpferde. Er hat sich auf die Zucht von polnisch gezogenen Vollblutarabern spezialisiert“, sagte gerade einer der unbekannten Männer mit polnischem Akzent, aber fließend deutsch sprechend. Als er Robin mit seinem Gefolge erblickte, unterbrach er seinen Monolog schlagartig und schüttelte ihm die Hand.
Robin spürte raue Schwielen und einen starken Händedruck. „Ich bin Kriminalkommissar Robin Fox von der Kripo Seederstedt.“
„Kolja Piecek“, stellte sich der Mann vor. Eine dicke Ader setzte unter seiner Glatze an und verlief vertikal an der linken Schläfe. Er trug ein ausgeblichenes blaues Holzfällerhemd, Jeans und olivgrüne Gummistiefel. Mit dem Haarwuchs seines Arbeitskameraden Dominik Weber hatte die Zeit mehr Erbarmen gehabt. Auf dem wilden blonden Schopf ruhte eine flache karierte Tweedmütze. Sein grüner Overall war im Brustbereich mit Ölflecken beschmiert. Beide schienen Mittzwanziger mit einer herben Note zu sein, die harte Belastung auf dem Land gewöhnt. Auch Weber begrüßte Robin.
Sogleich versuchte Robin sein Bauchgefühl entscheiden zu lassen, ob einer der beiden in der Lage war, eine alte hilflose Frau mit einem Bolzenschussgerät zu traktieren.
„Sie haben die Leiche von Frau Terboven gefunden?“
Piecek nickte nur, in seinen Augen wüteten Zorn und Irritation.
„Dann würde ich mich gern unter vier Augen mit Ihnen unterhalten. Am Besten, während wir noch einmal den Schlachtraum besichtigen.“
„Wenn es Ihnen hilft.“
Der Staatsanwalt, Weber und die Beamten blieben auf der Terrasse zurück. Piecek begleitete Robin durch die Tür in den Stall, aus dem er gerade erst gekommen war. Sie organisierten Plastiküberzieher und gingen durch eine Tür in der Nähe des Tores. Direkt dahinter führten nackte Betonstufen in die Tiefe.
„Terboven hat den Betrieb 2005 komplett umgerüstet, um den neuen EU-Richtlinien zu genügen und eine Zertifizierung zu erhalten“, sagte Piecek, während sie die Stufen hinunter stiegen. „Am Ende hat es die Terbovens fast 80.000 Euro gekostet.“
„Das ist ’ne Stange Geld“, bemerkte Robin.
„Schon“, antwortete Piecek, „aber ohne die Zertifizierung hätte Terboven nicht mehr schlachten dürfen. Anderen Landwirtschaftsbetrieben stand leider nicht so viel Geld zur Verfügung. Deshalb sind die Terbovens auch die einzigen von drei Betrieben, die in Seederstedt noch schlachten dürfen.“
Sie erreichten eine Edelstahltür, durch die sie wiederum in eine Art Schleuse gelangten.
„Jeder, der den Schlachtraum betritt, muss sich hier normalerweise Waschen und Desinfizieren“, erklärte Piecek. „Selbst die Schuhe müssen in der Stiefelwaschanlage gereinigt werden.“ Er deutete auf eine rechteckige, offene Vorrichtung, aus deren Innenwänden lange weiße Borsten hervorsprossen – wie die Borsten eines Quasts. „Es gelten strenge Hygienevorschriften und Sicherheitsvorkehrungen. Wir halten uns alle daran. Ich und Dominik sind ja das einzige Personal hier auf dem Hof. Der Rest gehört zur Familie. Überall hängen Reinigungspläne, die abgezeichnet und vom staatlichen Veterinäramt regelmäßig überprüft werden. Für Terboven hat schonendes Schlachten oberste Priorität. Jeden Mittwoch werden etwa fünf bis sechs Schweine und manchmal auch ein Rind geschlachtet. Da die Tiere ausnahmslos von diesem Hof stammen, haben sie keinen Transportstress hinter sich. Terboven glaubt hartnäckig daran, dass sich das auch auf die Qualität des Fleisches auswirkt.“
„Die Terbovens müssen ziemlich wohlhabende Leute sein.“
„Ich denke, sie brauchen sich um ihre finanzielle Zukunft keine Sorgen machen.“
„Ich bin kein Fachmann, was Agrarwirtschaft betrifft, aber soweit ich weiß, verdient man als Landwirt eher bescheiden. Wissen Sie, woher das Geld für den Umbau kam?“
„Nein.“
„Haben die Terbovens Bargeld im Haus aufbewahrt?“
„Ich kann es Ihnen nicht sagen.“
„Seit wann arbeiten Sie für die Terbovens?“
„Vor drei Jahren hat mir das Arbeitsamt die Stelle vermittelt. Dominik und ich haben am gleichen Tag angefangen. Wir haben uns schnell wohl gefühlt. Julius Terboven ist ein sehr freundlicher Arbeitgeber. Aber alle hier sind sehr freundlich. Nie hat es irgendwelchen Ärger gegeben. Selbst nicht in Stresssituationen, die so ein Hof auch mit sich bringen kann. Seine Frau hat uns immer bekocht. Manchmal, wenn besonders viel zu tun ist, schlafen wir sogar hier. Uns wurde im Keller ein Raum mit Betten, Kochnische und Fernseher eingerichtet.“
„Das heißt, Sie und Weber besitzen einen Hausschlüssel?“
„Das ist richtig.“
„Und warum haben sie vergangene Nacht nicht hier geschlafen?“
„Weil es dafür keinen Anlass gab. Also bin ich zu meiner Frau gefahren und habe Dominik zu Hause abgesetzt.“
„Bis wann waren Sie gestern hier?“
„Bis circa 19 Uhr.“
„Und wann haben Sie angefangen?“
„Um fünf Uhr. Wie immer.“
„Ein langer Arbeitstag.“
„So ist das auf dem Bauernhof eben.“
„Ist Ihnen gestern etwas seltsam vorgekommen, als Sie den Hof verließen?“
„Nein. Es war alles so, wie es sein sollte. Auch wie immer.“
„Vielleicht haben sich die Terbovens anders verhalten als sonst?“
„Daran könnte ich mich erinnern.“
„Erzählen Sie mir, wie Sie Julius Terboven gefunden haben.“
„Ich hole Dominik jeden Morgen von zu Hause ab, wenn wir hier nicht übernachten. Meistens sind wir etwas früher als fünf auf dem Hof, weil Herta Terboven darauf besteht, dass wir mit ihr einen Kaffee trinken.“ Piecek stöhnte. „Ach verdammt, ich sollte in der Vergangenheitsform reden. Ich glaube, die beiden mochten uns gern und vertrauten uns. Sie hatten vor uns schon andere, die ihnen das Amt vermittelt hatte, aber mit denen waren sie nie zufrieden. Jedenfalls ist uns heute sofort aufgefallen, dass etwas nicht stimmte. Alles war total still. Aus dem Stall war kein Gegrunze zu hören und Rasputin bellte nicht. Das war sehr untypisch. Er machte sich immer bemerkbar, sobald jemand den Hof betrat. Und in der Küche brannte kein Licht. Uns war richtig mulmig. Wir sind ins Haus und dann bin ich sofort hoch und … und…“, schluchzte Piecek und war nicht fähig, den Satz zu beenden.
Für Robin hatte es etwas Absurdes, diesen markigen Kerl beim Weinen zu beobachten. Gleichzeitig fragte er sich, warum er es absurd fand.
„Wir haben sofort die Polizei verständigt.“
