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Julianna Keyes

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Beschreibung

Sie wollte nur eins: unsichtbar sein - doch er hat sie gesehen

Nora Kincaids Ziel für ihr zweites Jahr am Burnham College klingt ganz einfach: Keine Partys, viel Lernen und auf keinen Fall auffallen. Der komplette Gegensatz zu ihrem ersten Collegejahr, das in drei nicht bestandenen Kursen und zwei Verhaftungen endete. Wenn sie sich noch einen Fehltritt leistet, verliert sie ihr Stipendium und damit die Möglichkeit, am College zu bleiben. Allerdings werden Noras gute Vorsätze schnell in Gefahr gebracht, denn sie hatte nicht mir ihrem neuen Mitbewohner und schon gar nicht mit dessen bestem Freund Crosbie Lucas gerechnet. Crosbie ist nicht nur für seine Partyfreudigkeit und Frauengeschichten bekannt, sondern er ignoriert auch Noras Versuche, ihm aus dem Weg zu gehen.

"Ich habe jeden einzelnen Moment von Noras und Crosbies Geschichte geliebt." Good Reads

Band 1 der Burnham-College-Reihe

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EPUB

Seitenzahl: 508

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Inhalt

TitelZu diesem Buch123456789101112131415161718192021EpilogDanksagungDie AutorinImpressum

JULIANNA KEYES

Between us

Ins Deutsche übertragen von Michaela Link

Zu diesem Buch

Sie wollte nur eins: unsichtbar sein – doch er hat sie gesehen

Nora Kincaids Ziel für ihr zweites Jahr am Burnham College klingt ganz einfach: Keine Partys, viel lernen und auf keinen Fall auffallen. Der komplette Gegensatz zu ihrem ersten Collegejahr, das in drei nicht bestandenen Kursen und zwei Verhaftungen endete. Wenn sie sich noch einen Fehltritt leistet, verliert sie ihr Stipendium und damit die Möglichkeit, am College zu bleiben. Allerdings werden Noras gute Vorsätze schnell in Gefahr gebracht, denn sie hatte nicht mit ihrem neuen Mitbewohner und schon gar nicht mit dessen bestem Freund Crosbie Lucas gerechnet. Crosbie ist nicht nur für seine Partyfreudigkeit und Frauengeschichten bekannt, sondern er ignoriert auch Noras Versuche, ihm aus dem Weg zu gehen.

1

Fairerweise muss man sagen: Diesmal ist es wirklich nicht meine Schuld.

Die Anzeige, auf die ich geantwortet habe und in der nach einem »fleißigen, verantwortungsbewussten Mitbewohner« gesucht wurde, versprach einen ebensolchen. Und der Ort war perfekt: ein ruhiges, älteres Haus in einer der vielen baumgesäumten Straßen in Nachbarschaft zum angesehenen Burnham College, im bevorzugten Wohnviertel von Rentnern. Hier gab es keine Versuchungen.

Es waren die Worte »fleißig« und »verantwortungsbewusst«, die mich dazu gebracht haben, graue Hosen mit Bügelfalte, eine weiße Bluse und eine sittsame, schwarze Strickjacke anzuziehen, bevor ich an die Tür der Fir Street 203 klopfe. Ich habe sogar mein schwer zu bändigendes dunkles Haar zu einem respektablen Knoten zusammengebunden. Und genau dieses Outfit ist der Grund, warum ich mich innerlich winde, als die Tür nicht von einem zukünftigen Mitbewohner in Socken und Sandalen und mit gestärktem Kragen geöffnet wird, sondern von Crosbie Lucas, Supersportskanone und berüchtigtem Campus-Partyboy.

Ich weiche einen Schritt zurück. »Ich glaube, ich bin hier an der falschen Adresse.«

Er unterzieht mich mit seinen braunen Augen von oben bis unten einer eingehenden Prüfung. »Definitiv.«

Oh Gott. Nur ich konnte an die Tür des falschen Hauses klopfen und Crosbie Lucas dahinter vorfinden. Er ist eher kräftig gebaut, höchstens zehn Zentimeter größer als ich, aber breit genug, dass man sich vorstellen kann, wie er sich zur Seite drehen muss, um durch die Tür zu passen. Mit seinem dunklen, kastanienbraunen Haar und einer Handvoll Sommersprossen ist er kein Typ aus dem Bilderbuch, aber jeder auf dem Campus weiß, dass er noch nie Schwierigkeiten hatte, ein Date auszumachen.

Da ich im vergangenen Jahr mit einer Art Dauergaststatus auf Verbindungspartys unterwegs gewesen bin, habe ich ihn in Aktion gesehen. Verdammt, wer in den vergangenen zwölf Monaten auch nur in die Nähe des Burnham College gekommen ist, hat Crosbie Lucas gesehen. Er ist das Herz jeder Party: Laut und nervig, macht mit irgendwelchen Frauen in den Ecken rum, schleppt ein Fass nach dem anderen an, gießt einen Drink nach dem anderen ein. Er ist der Inbegriff des Partylöwen, und auch wenn ich im letzten Jahr mein Allerbestes gegeben habe, um sein weibliches Äquivalent zu werden, hat es sich für mich nicht wirklich ausgezahlt. Daher die Strickjacke.

Ich habe mir die E-Mail mit der Adresse ausgedruckt, und jetzt ziehe ich sie aus meiner Handtasche und falte sie auseinander. Als die Hausnummer in der E-Mail sich als die neben der Tür entpuppt, schaue ich misstrauisch zu Crosbie hoch. »Das ist doch das richtige Haus.«

Er kratzt sich am Kinn. »Tatsächlich? Hm.«

Aus zusammengekniffenen Augen sehe ich ihn an. »Wohnst du überhaupt hier?« Jetzt, da ich darüber nachdenke, bin ich mir ziemlich sicher, dass Crosbie in einem Verbindungshaus wohnt und immer dort wohnen wird.

»Streng genommen? Ich …«

Eine Stimme aus dem Haus unterbricht ihn. »Cros, was machst du …? Oh, Scheiße. Ignorier ihn. Ignorier ihn. Bitte, geh nicht weg!« Dann wird das Ganze noch eine Million Mal schlimmer, denn als ich bereits jemanden auf Strümpfen die Holztreppe herunterkommen höre, erkenne ich die Stimme von Kellan McVey, Crosbies bestem Freund, Campus-Hengst und alkoholgeschwängerter Kleiderkammer-One-Night-Stand von mir.

Oh, Scheißdreck.

»Hey, hi, hey!« Kellan schlittert über den Boden und kommt vor mir zum Stehen. Seine Wollstrümpfe sind ihm die Waden heruntergerutscht; dazu trägt er glänzende, schwarze Fußballshorts und das passende T-Shirt. Dunkles Haar lockt sich um seine Ohren und steht ihm auf ganz entzückende Weise vom Kopf ab, seine blauen Augen sehen mich aufrichtig und flehentlich an, als er mir die stumme Bitte übermittelt, nicht wegzulaufen.

»Ich …«, hebe ich zu sprechen an und spüre, dass mein Gesicht heiß wird.

»Ignorier ihn bitte. Es tut mir so leid. Du bist Nora, richtig? Nora Kincaid? Ich bin Kellan. Wir haben uns E-Mails geschrieben.«

Er streckt eine Hand aus, und ich schüttele sie automatisch, selbst als sein Gesichtsausdruck durch und durch freundlich bleibt und sich keine Spur von Wiedererkennen auf seinen attraktiven Zügen zeigt. Er hat keine Ahnung, wer ich bin. Sicher, während unseres … Zwischenspiels auf der Party der Alpha Sigma Phi im letzten Frühjahr habe ich ein glänzendes rotes Korsett und einen Lederminirock angehabt. Jetzt trage ich zwar eine Strickjacke. Aber keine Maske.

Er erinnert sich einfach nicht an mich.

Ich ziehe meine Hand zurück, auch wenn meine Finger versuchen, in seinen zu verweilen, so lange sie können. »In deiner Mail schreibst du, du heißt Matthew.« Ich versuche, nicht vorwurfsvoll zu klingen, obwohl es definitiv ein Vorwurf ist. Wenn ich gewusst hätte, dass ich ein halbes Dutzend E-Mails zu den Themen »Ich mache meine Wäsche dienstags« und »Welche Strategie verfolgst du in puncto Recycling?« mit Kellan McVey ausgetauscht habe, wäre ich heute niemals hier aufgetaucht. Ich hätte gar nicht erst auf »Fleißiger Stubenhocker sucht seinesgleichen« geantwortet.

»Matthew ist mein zweiter Vorname«, sagt er und schafft es, aufrichtig zerknirscht zu wirken. Obwohl jeder süß aussehen würde, wenn er neben Crosbie stünde, der seine kräftigen Arme vor seiner noch kräftigeren Brust verschränkt hat und hämisch grinst, während er den peinlichen Wortwechsel verfolgt. Aber Kellan braucht gar keine Welpenaugen zu machen und schuldbewusst und versöhnlich aus der Wäsche zu gucken, denn er ist einfach … so … attraktiv.

Bäh. Nein. Vergesst die Sache mit der Attraktivität. Ich suche nach jemand Ernsthaftem. Nach jemand Verantwortungsbewusstem. Nicht nach jemandem, der Sex mit mir hatte und mich dann vergessen hat. Verdammt, er sagte, er suche nach den meisten dieser Dinge. Aber selbst während ich es ihm noch übel nehme, dass er gelogen hat, verstehe ich seine Gründe. Wenn er eine Anzeige geschaltet hätte mit dem Inhalt: »Kellan McVey sucht nach einem Mitbewohner«, hätte er eine Million Antworten bekommen. Eine Anzeige, die den Satz enthält: »Strenge Schlafenszeiten, kaum Gäste, liebt Hausaufgaben!« hat wahrscheinlich nur … mich angelockt.

»Crosbie wohnt hier nicht«, erklärt er und stößt seinem Freund einen Ellbogen in die Rippen. »Er hat mir geholfen, ein paar Möbel umzustellen, und jetzt geht er. Er kommt wahrscheinlich nie, nie wieder.«

»Eigentlich dachte ich, ich bleibe hier und stehe dir bei dem Vorstellungsgespräch bei«, sagt Crosbie.

»Ähm, nein.« In diesem Jahr gilt es, gute Entscheidungen zu treffen, und angesichts meiner ersten Herausforderung habe ich nicht die Absicht, an einem »Vorstellungsgespräch« mit den beiden männlichen Schlampen vom Burnham College teilzunehmen. Trotz meines letzten Notenspiegels und meiner jüngsten Polizeiakte habe ich ein Gehirn, und es erkennt eine schlechte Idee, wenn ihm eine präsentiert wird. Letztes Jahr habe ich mein Bestes versucht, mein Highschool-Ich – Nora, die Schlaftablette – auszumerzen, aber in diesem Jahr ist es wieder da und wird bleiben. Oder zumindest seinen Abschluss machen und nicht noch einmal verhaftet werden.

»Schwirr ab«, befiehlt Kellan und schubst Crosbie in Richtung Tür. Ich gehe beiseite, als Crosbie lachend hinausstolpert. Er riecht nach Schweiß und Waschpulver mit Zitrusnote, und als er gegen meine Schulter stößt, fasst er mich um die Hüften, damit ich nicht umfalle, und er hält mich eine Spur zu fest, bevor er mich loslässt.

»’tschuldigung«, sagt er, sieht seinen Freund an und verzieht das Gesicht. »Seine Schuld. Du solltest es dir vielleicht noch einmal überlegen, hier einzuziehen. Er ist ein Arschloch.«

Ich weiß nicht, was ich darauf antworten soll, also sage ich gar nichts. Dann ist Crosbie verschwunden, und ich bin mit Kellan allein.

»Das tut mir wirklich leid«, sagt er. »Willst du hereinkommen? Bitte, komm doch herein.«

Eigentlich sollte ich gehen. Er hat mich angelogen, er hat einen bescheuerten Freund, und er erinnert sich nicht daran, dass wir Sex hatten. Sollte ich damals irgendwelche Zweifel daran gehabt haben, dass dieser One-Night-Stand ein Fehler ist, sind diese schon fünfundvierzig Minuten später verflogen, als ich mit angesehen habe, wie er von einer sehr willigen Blondine sehr öffentlich einen Blowjob bekommen hat.

Die Demütigung dieses Augenblicks müsste eigentlich ausreichen, um mich in die Flucht zu schlagen. Und ich schwöre, das würde sie auch absolut tun, wenn ich mich nicht gestern mit vier anderen potenziellen Mitbewohnern getroffen und zu keinem von ihnen einen Draht gefunden hätte. Und wenn ich nicht bis Ende der Woche aus meinem engen, kleinen Zimmer im Wohnheim ausziehen müsste.

»Sicher«, sage ich.

Es ist ein hübsches, vorhersehbares Haus mit dem gleichen Grundriss wie bei allen anderen in dem Viertel. Die Haustür führt in einen winzigen Eingangsbereich und zu einer Treppe, über die man in den Wohnbereich gelangt. Im größten Raum des Hauses befindet sich eine offene Küche mit einer kleinen Frühstückstheke, und an einer Wand reihen sich drei Türen aneinander – zu zwei Schlafzimmern und einem Bad, wenn man Kellans Anzeige glauben darf. Es ist hell und luftig, mit den ursprünglichen Dielenböden und großen Fenstern. Es gibt nichts besonders Modernes, nur die Standardhaushaltsgeräte und weiße Farbe an den Wänden, und die Wohnung wird gerade möbliert, wie Matthew – Kellan – in seinen E-Mails erklärt hat. In dem Bemühen, ihn von der Party-Clique fernzuhalten, haben seine Eltern zugestimmt, ihm diese Wohnung zu bezahlen, unter der Bedingung, dass er gute Noten schreibt. Doch sie zahlen nur die Miete, daher sucht er nach einem Mitbewohner, um seine Lebenshaltungskosten zu bestreiten. Vor dem heutigen Tag hatte ich angenommen, dass »Matthews« größter Kostenfaktor Katzenfutter und nagelneue Brettspiele sind. Jetzt … nicht mehr so ganz.

»Setz dich doch«, sagt Kellan und deutet auf den kleinen Holztisch, der vorläufig im Niemandsland zwischen der Haustür, dem Wohnzimmer und der Küche steht. Eigentlich ist es eher ein Flur. Oder nach Kellans und Crosbies Verständnis ein Esszimmer.

Ich setze mich steif hin, schlage erst die Beine übereinander, stelle dann beide Füße nebeneinander auf den Boden und überkreuze sie schließlich an den Knöcheln. Ich zupfe an meinem Kragen, davon überzeugt, dass meine Bluse versucht, mich zu erwürgen. Das letzte Mal habe ich sie während meiner Partygirl-Phase getragen, über einem magentafarbenen Spitzen-BH und mit vier geöffneten Knöpfen. Doch heute musste ich einen Sport-BH anziehen, damit sie sich über meinen Brüsten zuknöpfen ließ. Ein zierlicher Körperbau kombiniert mit Körbchengröße D machen es einem nicht leicht, sich anständig zu kleiden.

»Willst du was trinken oder so?«, fragt Kellan. Er wartet ab, bis ich den Kopf schüttele, bevor er sich hinsetzt und die Arme auf den Tisch stützt. Er lächelt schüchtern, seine Zähne weiß und ebenmäßig. Sein Mundwinkel zuckt auf der einen Seite etwas höher hinauf als auf der anderen, und dadurch entsteht das Grübchen in seiner linken Wange. Ja, ich weiß, dass Kellan McVey ein Grübchen in der linken Wange hat. Jeder weiß das. Genau wie die Leute wissen, dass er beim Bankdrücken 280 Pfund stemmt, eine Meile in fünf Minuten läuft und beim nationalen Leichtathletikwettkampf als Dritter ins Ziel gekommen ist. Außerdem ist er im zweiten Jahr eines vierjährigen Soziologie-Studiums. Er ist im Grunde Burnhams Lokal-Promi, und hier sitze ich, in seinem Wohnzimmer. Esszimmer.

Unserem Esszimmer.

Nein. Ich darf nicht einmal darüber nachdenken. Das wäre vergebliche Liebesmüh, und ich hatte im letzten Jahr schon genug Fehlschläge für ein ganzes Leben. Tatsächlich werde ich kein Leben und keine Zukunft haben, wenn ich mein jämmerliches Verhalten vom vergangenen Jahr nicht hinter mir lasse, daher die Verpflichtung zu meinem neuen prüden und anständigen Lebensstil. Nora, die Schlaftablette 2.0.

Ich zwinge mich, das Lächeln zu erwidern, dann studiere ich meine unlackierten Fingernägel in dem Versuch, mir etwas einfallen zu lassen, das ich in dieser Situation sagen kann. »Du hast geschrieben …«, hebe ich im selben Moment an, als Kellan sagt: »Ich weiß, ich …«

Wir brechen beide ab, dann lachen wir verlegen. »Du zuerst«, fordert er mich auf.

»In deiner Anzeige stand, du seist fleißig und verantwortungsbewusst«, antworte ich und hasse es, wie brav ich klinge. »Ich habe mir da nicht wirklich jemanden … du weißt schon … wie dich vorgestellt.«

Er windet sich verlegen. »Klar. Tut mir leid. Aber es ist zu einhundert Prozent wahr. Zumindest wird es das sein. Im letzten Jahr ist alles ein wenig ausgeufert, ich hatte zu viel Spaß, und ich habe den Preis dafür gezahlt. Nicht nur mit meinen Zensuren, sondern auch bei den nationalen Meisterschaften. Ich hätte eigentlich gewinnen müssen und …« Er unterbricht sich kopfschüttelnd. »Das ist nicht wichtig. Der Punkt ist, dass dieses Jahr ein Neuanfang wird. Ich bin aus dem Verbindungswohnheim ausgezogen und will mit jemandem zusammenwohnen, der die gleiche Einstellung hat. Es steht dir frei, dir die Seele aus dem Leib zu feiern, wo immer du willst – solange du es nicht hier tust.« Dann lacht er ein wenig, und mir wird klar, dass es die Vorstellung von mir auf Partys ist, die er amüsant findet.

Ha, ha, Kellan, das ist nur eine verdammte Strickjacke, kein Keuschheitsgürtel.

»’tschuldigung«, sagt er, als er den Ärger in meinem Gesicht sieht. »Ich, ähm … ich dachte, ich würde es mir und meinem Mitbewohner leichter machen, wenn es keine … Versuchungen gibt. Du weißt schon. Die alles komplizierter machen …«

Ich versuche zu verhindern, dass mir der Unterkiefer herunterklappt. Hat er mich gerade hässlich genannt? Oder zumindest unter Personen eingeordnet, die keinerlei Versuchung darstellen?

»Ich meine …« Er windet sich sichtlich und fährt sich mit einer Hand durchs Haar. »Scheiße. Ich kann das wirklich nicht gut. Hör mir einfach zu. Ich meine, ich habe mich nach jemand Fleißigem und Verantwortungsbewusstem umgesehen, damit wir uns gegenseitig auf dem rechten Weg halten, verstehst du? Wenn du keine Leute mitbringst, um Partys zu feiern, und ich keine Leute mitbringe, dann werden wir einfach … lernen, richtig? Und, ich weiß nicht, Nachrichten schauen und … lesen. Puh.« Er lässt den Kopf in den Nacken fallen. »Ich bin so ein Idiot. Es tut mir leid, Nora, das klingt wahrscheinlich so verlockend wie ein Gefängnis. Im Wesentlichen habe ich E-Mails mit, hm, einem halben Dutzend Leuten ausgetauscht, und du warst die Einzige, die überhaupt gut klang. Ich meine, normal und klug und als hätte sie einen Sinn für Humor. Und eine starke Haltung, was Recycling betrifft.«

Ich lächele widerstrebend, und er wirkt erleichtert.

»Komm«, sagt er und steht auf. »Ich zeige dir alles, damit ich nicht weiter in irgendwelche Fettnäpfchen trete.«

Ich stehe ebenfalls auf, aber dann bewegt sich keiner von uns mehr.

»Nun.« Er räuspert sich. »Das hier ist das Esszimmer.« Ich nicke und versuche, nicht zu lachen. Diese ganze Sache ist so dumm und seltsam. Ich werde nicht mit Kellan McVey zusammenwohnen. Er ist nicht nur das komplette Gegenteil von allem, was mein idealer neuer Mitbewohner mitbringen sollte. Sondern wir hatten auch Sex miteinander.

Und er erinnert sich nicht daran.

»Das hier ist das Wohnzimmer«, fährt er fort und deutet hinter sich. Da wir schon so ziemlich mittendrin stehen, bewegt sich keiner von uns. Ich spähe bloß über seine Schulter. An einer Wand befindet sich eine Entertainment-Anlage aus Holz mit einem riesigen Flachbild-Fernseher in der Mitte.

»Kabelanschluss mit allem Drum und Dran«, fügt Kellan hinzu, als ich nicht reagiere. »Einschließlich HBO.«

Ich nicke.

»Ähm …« Er kratzt sich die Schulter und zeigt hinter mich. »Das ist die Küche. Ich kann kochen, und ich mache auch danach sauber. Meine Mutter war Haushälterin, und sie hat dafür gesorgt, dass sie nicht auch noch hinter ihren vier Söhnen herputzen musste, wenn sie nach Hause kam. Daher weiß ich, wie man Geschirr spült und den Müll rausbringt. Alles in der E-Mail entsprach der Wahrheit. Ich habe nicht bloß versucht, dich hierher zu locken.«

»Das hat die ganze Sache interessant gemacht.«

Er lächelt, und da ist wieder das Grübchen.

»Ich schwöre bei Gott, ich bin ordentlich. Komm, ich zeige dir die Zimmer.« Er geht zu der Tür, die der Küche am nächsten ist. »Sie haben die gleiche Größe, den gleichen Schnitt. Ich habe meine Sachen bereits in dieses Zimmer geschafft, aber wenn du lieber hier wohnen würdest, sag es einfach, dann ziehe ich nach nebenan. Ehrlich, ich glaube, Crosbie wollte die Matratze einfach nicht noch einen Meter weiter tragen.«

Ich spähe an ihm vorbei in das Schlafzimmer. Es ist ein Raum von anständiger Größe, in den ein Doppelbett, ein Schrank und ein Schreibtisch sowie ein Haufen noch nicht ausgepackter Kartons mühelos hineinpassen. Angesichts von Kellans Ruf hatte ich irgendwie rote Wände, eine verspiegelte Decke und Kissen mit Zebradruck erwartet, aber vielleicht ist es ihm ernst damit, dass er ein neues Kapitel in seinem Leben aufschlagen will. Vielleicht richtet er aber auch sein Zimmer einfach nur ein wie ein normaler Mensch und nicht wie ein Porno-König.

»Das Nächste«, sagt er, öffnet die andere Tür und zeigt mir ein identisches, unmöbliertes Zimmer. Wieder Dielenboden, ein großes Fenster mit Blick über den Parkplatz hinterm Haus und nackte, weiß gestrichene Wände. Jede Menge Platz für meine Sachen und gut zum Lernen … Nein, nein. Was tue ich hier? Hier zu wohnen darf ich nicht einmal in Erwägung ziehen, selbst wenn das Badezimmer überraschend geräumig ist. Ich werde die Führung über mich ergehen lassen, ihm sagen, dass ich darüber nachdenke, und dann nach Hause gehen und eine höfliche E-Mail verfassen, in der ich das Angebot ablehne. Die anderen möglichen Mitbewohner waren doch gar nicht so übel, oder? Selbst wenn zwei von ihnen dreißig Minuten weit draußen wohnten, einer Kettenraucher war und der andere vier Katzen hatte.

Dieses Zimmer ist außerdem das billigste, da Kellans Eltern diejenigen sind, die eigentlich für die Miete aufkommen. Und Kellan hat keine Katzen, er raucht nicht, was ich zu schätzen weiß, und er sagt, er spüle sein eigenes Geschirr, was … nein. Keine Pro-Liste für diese Wohnung. Nur Kontras.

»Also, das war die Führung.« Kellan tritt zurück und setzt sich auf die Armlehne des braunen Ledersofas gegenüber vom Fernseher. »Und das bin ich. Ich schwöre, ich bezahle meine Rechnungen pünktlich, und ich werde diese Wohnung dazu nutzen, um zu schlafen und zu lernen, keine Partys. Keine Mädchen. Ich weiß, ich habe das in meiner E-Mail geschrieben, und du hast wahrscheinlich gedacht, ich hätte gelogen …«

Ich hatte eher gedacht, dass sowieso kein Mädchen sich versucht fühlen würde, mit Matthew nach Hause zu gehen, der sagt, sein Lieblingsessen seien Käse-Makkaroni …

»… aber ich meine es total ernst. Das hier wäre unser Zuhause, und ich würde deine Grenzen absolut respektieren. Scheiße. Habe ich gerade Grenzen gesagt? Du weißt, was ich meine. Und bitte, mach dir wegen Crosbie keine Sorgen. Er ist in Wirklichkeit gar nicht so übel, aber ich werde ihn von hier fernhalten, wenn er dich nervt.«

Ich zwinge mich zu einem Lächeln. Die Wohnung ist großartig. Und wäre da nicht Kellan, würde ich mich auf dieses Angebot stürzen. Aber wenn ich den Leuten erzählen würde, dass ich mit Kellan McVey zusammenwohne, könnte ich ihnen genauso gut erzählen, dass ich in einem Süßigkeitenladen oder einem Banktresor wohne – sie würden aus den falschen Gründen mit mir befreundet sein wollen. Ganz zu schweigen von … Versuchungen für mich selbst. Ich würde ja gern sagen, dass ich über alledem stehe und das einzige Mädchen auf dem Campus bin, das nicht darauf brennt, mit Kellan McVey auszugehen, aber das stimmt nicht. Selbst angesichts des sehr beleidigenden Problems, dass er sich nicht daran erinnert, mit mir Sex gehabt zu haben, ist er immer noch superheiß. Und er scheint nett zu sein. Und irgendwie verpeilt, was ihn überraschend normal erscheinen lässt und …

Nein. Was tue ich da? Ich kann das hier nicht rechtfertigen. Es gibt nichts, was er sagen kann …

»Ich kann dir auch einen Aufschub bei der Miete gewähren«, bietet er hastig an. »Wie wär’s, wenn du bis Januar mietfrei hier wohnen würdest? Ich habe dir ja bereits gesagt, dass meine Eltern diese Wohnung finanzieren, und ich habe ein paar Ersparnisse. In deinen E-Mails stand, dass du in einem Café arbeitest, richtig? Also kannst du dieses Geld für Bücher verwenden oder für Weihnachtsgeschenke oder was auch immer, und wenn es dir hier im Januar immer noch gefällt, kannst du bezahlen. Wenn nicht, nichts für ungut. Es wäre wie ein Probelauf.«

Habe ich ihn gerade richtig verstanden? Keine Miete?

»Ist es wegen der Schlafzimmer?«, fragt er, weil er mein Zögern falsch deutet. »Du kannst dir gern eins aussuchen …«

»Die Schlafzimmer sind in Ordnung«, unterbreche ich ihn.

Tu es nicht.

»Alles sieht toll aus«, höre ich mich hinzufügen.

Hübsche Wohnung, keine Miete, heißer Mitbewohner?

Das darf ich nicht tun.

»Also … machen wir es?« Er schenkt mir ein zaghaftes Grinsen, und sein Grübchen blitzt auf.

Starr woanders hin statt auf das Grübchen.

Ich schaue auf seinen Brustkorb und strecke die Hand aus.

»Wir machen es«, sage ich.

2

Okay, also ist es heute nicht ganz so gelaufen wie geplant. Es ist größtenteils gelaufen wie geplant, denn ich muss bis zum Wochenende aus meiner gegenwärtigen Bleibe ausziehen und habe ein tolles, kostenloses Zimmer gefunden. Doch mein Mitbewohner ist offensichtlich nicht der Bücherwurm, den ich erwartet hatte. Und wir hatten einmal Sex in einer Kleiderkammer, und er hat es vergessen.

Ich lasse mich auf den Rand der Doppelmatratze in meinem schuhkartongroßen Wohnheimzimmer fallen und seufze, versuche, mir einzureden, dass ich die richtige Entscheidung getroffen habe. Ich meine, wenn ich eine Liste mit Pro und Kontra mache, überwiegen die Pros ganz klar die Kontras. Und was ist das Schlimmste, das passieren könnte? Ich bin für eine Weile in meinen Mitbewohner verknallt. Große Sache. Verknalltsein bringt einen nicht um.

Das winzige Wohnheimfenster ist bereits offen, aber ich schiebe es noch einen Zentimeter weiter auf, als würde mir das das Atmen leichter machen. Nach dem Debakel vom letzten Jahr musste ich Sommerkurse belegen und ins Henley ziehen, das einzige Wohnheim, das Sommerstudenten zur Verfügung steht. Die Räume sind kaum groß genug, um ein Bett und einen Menschen von durchschnittlichen Körpermaßen zu beherbergen, und das Gebäude ist fast leer. Von seinen zehn verfügbaren Stockwerken werden nur fünf genutzt, und auf meiner Etage wohnen vier weitere Personen. Nicht dass ich mit drei Kursen, einem Vollzeitjob und dreihundert abzuleistenden Sozialstunden viel Zeit gehabt hätte für Geselligkeit.

Ich bin letzte Woche mit meinen Sommerkursen und den Sozialstunden fertig geworden, und jetzt habe ich nur noch meinen Job im Beans, dem Café in der Stadt. Letztes Jahr fand ich es noch toll, dort zu arbeiten, aber mittlerweile ist es quälend peinlich. Die Peinlichkeit ist ganz und gar meine Schuld, aber nachdem ich festgenommen worden war und fast vom College geflogen bin, musste ich ein paar Veränderungen vornehmen. Eine dieser Veränderungen bestand darin, die Sache mit Marcela Lopes, meiner besten Freundin und Kollegin, zu beenden. Nachdem mir im Büro des Dekans der Arsch aufgerissen worden war, habe ich den Schalter umgelegt, was Spaß und Frivolität angeht, und das hieß für mich, jeden schlechten Einfluss aus meinem Leben zu verbannen. Bedauerlicherweise fiel Marcela direkt in diese Kategorie, und sie nahm es nicht allzu gut auf, plötzlich gemieden zu werden.

Ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war, den Freundeskreis zu wechseln – oder, genauer gesagt, meinen Freundeskreis aufzulösen und überhaupt keine Freunde mehr zu haben –, aber Marcela vermisse ich wirklich. Sie ist klug und witzig und ein bisschen verrückt, und sie ist der einzige Mensch auf der Welt, die von meinem One-Night-Stand mit Kellan weiß. Sie würde vor Lachen sterben, wenn sie von den Ereignissen des heutigen Tages hörte, aber ich kann sie nicht anrufen. Und wenn ich morgen zur Arbeit gehe, kann ich es ihr auch nicht erzählen. Sie spricht nicht mehr mit mir, und das ist wohl auch besser so.

Da bin ich mir ziemlich sicher.

Ich streife meine einengenden Vorstellungsgesprächsklamotten ab und schlüpfe in eine Jeans und ein langärmeliges Shirt. Dann befreie ich mein Haar aus seinem Knoten, erleichtert, als es mir in hübschen Wellen über den Rücken fällt statt in dem üblichen verhedderten Knäuel. Wir haben auf unserem Stockwerk zwar eine kleine Küche, aber sie besteht nur aus einer verdreckten Mikrowelle und einem Herd mit bloß einer funktionierenden Platte. Also verzichte ich darauf, zu Hause zu essen, schnappe mir meine Jacke und gehe in die kleine Campus-Einkaufsmeile, die während des ganzen Sommers eine Art Geisterstadt war.

Wir haben noch zwei Tage lang August, aber niemand hat Mutter Natur diese Neuigkeit übermittelt, und die Bäume im nördlichen Oregon beginnen bereits die Farbe zu wechseln. Grüntöne weichen gedämpften Gelb- und Rotschattierungen, und die Luft lässt bereits die Frische des Herbstes erahnen.

Am fünften September beginnt offiziell die Uni wieder, einen Tag nach Labor Day, und am dritten dürfen die Studenten einziehen. Bis dahin sind nur ich und eine Handvoll anderer Sommerstudenten hier, um im Hedgehog-Grill, einem der wenigen Campus-Restaurants, die ganzjährig geöffnet sind, für Hamburger und Pommes anzustehen.

»Hey, Nora«, ruft Franco, der Besitzer. »Lass mich raten. Hamburger. Pilze. Schinken. Essig für die Pommes. Und … eine Orangenlimonade?«

»Klingt gut«, sage ich und hole mein Portemonnaie hervor. Es klingt immer gut, da ich hier immer das Gleiche nehme. Ich bezahle und suche mir einen Tisch an der Wand, dann ziehe ich mein Archäologie-Lehrbuch aus der Tasche, fest entschlossen, bis zum Ende des Abendessens so viel Wissen wie möglich über Böden und Ausgrabungsprozesse in mein Gehirn zu packen. Zwar habe ich nicht die Absicht, Archäologin zu werden, aber ich bin im vergangenen Jahr in diesem Kurs durchgefallen, und die einzige Möglichkeit, die Scharte einer Fünf auszuwetzen, ist, den Kurs zu wiederholen.

Ich habe die Seite über Erdschichten zur Hälfte durchgelesen, als ich meinen Namen höre. Doch als ich aufschaue, ist es nicht Franco, der mich an die Theke ruft, damit ich mir mein Essen abhole, es ist Crosbie Lucas, der sich mit einem eigenen Tablett nähert.

»Versuchst du, inkognito zu bleiben?«, fragt er und deutet auf mein offenes Haar und die fehlende Strickjacke. »Wie eine College-Studentin auszusehen und nicht wie eine Gouvernante?«

»Ich schätze, es hat nicht funktioniert.«

»Mich kannst du nicht täuschen.« Ohne auf eine Einladung zu warten, schiebt er sich auf der anderen Seite in die Sitznische und knabbert an einer Fritte. »Was liest du da?«

»Ich lerne.«

»Dachte ich mir. Was denn?«

»Archäologie.«

»Du willst Indiana Jones werden?«

»Ich will nur bestehen.«

Er zuckt die Achseln. »Klar. Verständlich.«

Mein Blick huscht umher, und ich bemerke, dass wir von etlichen Augenpaaren beobachtet werden. Trotz der verantwortungslosen Mätzchen im vergangenen Jahr bin ich ein kleiner Fisch in einem großen Teich, und ich habe keinen gewissen Ruf. Crosbie Lucas dagegen durchaus, und obwohl ich gerade zugestimmt habe, bei seinem besten Freund einzuziehen, habe ich nicht zugestimmt, infolgedessen mit Crosbie befreundet zu sein. Jedes Mädchen, mit dem Crosbie etwas hat, kommt auf die Liste der »Crosbabes«, und auf keinen Fall will ich mich da einreihen, weder gerüchtehalber noch real.

Bevor mir eine höfliche Abfuhr einfällt, ruft Franco, mein Essen sei fertig. Ich gehe rüber, um es mir zu holen, dann kehre ich an den Tisch zurück und seufze, weil Crosbie immer noch keine Anstalten macht zu gehen.

»Was tust du auf dem Campus?«, frage ich. »Ich dachte, du wohnst in der Frat Farm.« So nennen wir in Burnham die kurze Zeile alter viktorianischer Häuser, die zu Verbindungswohnheimen des Colleges umgebaut worden sind und auf der Westseite des Campus liegen. Sie haben sich diesen Namen mehr als verdient, dank der wilden Partys und der Gerüchte über verrücktes Verhalten, die eher Tatsachen als der Fiktion entsprechen. Ich sollte es wissen, da ich im vergangenen Jahr dort Dauergast war.

Crosbie spricht mit vollem Mund. »Ich war trainieren. Das Fitnessstudio Larson hat den ganzen Sommer geöffnet.«

»Ich dachte, es gäbe Gewichte in den Verbindungshäusern.«

»Ach, wirklich? Verbringst du viel Zeit dort?«

»Nein«, lüge ich. »Das war nur geraten.« Obwohl Crosbie und ich uns im vergangenen Jahr niemals offiziell vorgestellt worden waren, sind wir auf vielen gemeinsamen Partys gewesen, und es ist mehr als kränkend, dass er sich nicht an mich erinnert.

Er stopft sich ein paar Pommes in den Mund. »Ich habe einen Crosstrainer und ein paar Gewichte in meinem Zimmer, aber das reicht mir nicht. Und im Fitnessstudio hier ist es im Sommer ziemlich ruhig, daher nutze ich es gern, wenn ich kann.«

»Verständlich.«

»Du bleibst auf dem Campus?«

»Ja. Ich habe Sommerkurse belegt.«

»Du versuchst, ein wenig vorzuarbeiten, was?«

Ha. »Yep«, lüge ich wieder.

»Kell sagt, du ziehst bei ihm ein.«

Ich zögere. Ich weiß ja bereits, dass es so ist, aber es aus dem Mund eines anderen zu hören, fühlt sich seltsam an. Als sei es irgendwie noch realer, noch dauerhafter, noch falscher. So wie man weiß, dass es eine schlechte Idee ist, als Flitzer durch die Main Street zu rennen. Aber wenn man die eigenen Eltern sagen hört: »Du bist nackt durch die Main Street gelaufen, Nora!?«, klingt es noch schlimmer.

»Am dritten September.«

»Das wird bestimmt interessant.«

»Was soll das denn heißen?«

Er zuckt die Achseln. »Es soll heißen, dass Kellan gute Vorsätze hat, in diesem Jahr ein vorbildlicher Student zu sein, aber ich glaube nicht recht daran. Und irgendetwas sagt mir, dass du die Art Mädchen bist, die nicht verdorben werden will.«

Ich ersticke fast an meinem Burger. »Verdorben?«

»Genau. Gehst du jemals auf Partys? Betrinkst du dich? Knutschst du rum? Denn darauf steht Kellan – Gott, deine Nase steckt zwar ständig in einem Buch, aber selbst du musst darüber Bescheid wissen. Ich glaube einfach, dass du in diesem Jahr vielleicht ein klein wenig … entrüstet sein wirst. Deshalb habe ich gesagt, du hättest die falsche Adresse erwischt. Damit du keinen Fehler machst.«

Ich verziehe keine Miene. »Danke, dass du auf mich aufpasst.«

Er zeigt mit einer Fritte auf mich. »Ich sehe, du nimmst das nicht ernst. Ich meine ja nur, mach dir keine allzu großen Hoffnungen.«

»Worauf hoffe ich denn wohl, Crosbie?«

Er grinst. »Worauf jedes Mädchen hofft. Auf ein ›Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage‹ mit Kellan McVey.«

»Ich versuche nur, meinen Abschluss zu machen.«

»Dito«, erwidert er, abgelenkt von irgendeinem Aufruhr hinter mir. »Aber manchmal … gerät man ein wenig auf Abwege.«

»Hey, Crosbie!« Eine Traube von Mädchen in superkurzen Sommerkleidern und High Heels stöckelt vorbei, und jedes der Mädchen schenkt Crosbie sein entzückendstes Lächeln.

Er nickt ihnen zu. »Ladys.«

»Willst du dich nicht zu uns setzen?«, fragt eine von ihnen, als sei ich unsichtbar und Crosbie äße allein. Das scheint das heutige Leitmotiv zu sein.

»Na klar doch«, antwortet er und sieht zu, wie sie kichernd zu einem Ecktisch gehen.

»Du bist gerade ein wenig auf Abwege geraten.«

Er lacht und klaut sich eine meiner Fritten, denn seine sind schon weg. »Morgen bin ich wieder auf dem rechten Weg. War nett, mit dir zu plaudern, Nora.«

»Ja«, pflichte ich ihm bei. »Fantastisch.«

Die meisten Leute hassen Umzüge, aber für mich ist das wirklich keine große Sache. All meine irdische Habe passt in zwei große Reisetaschen und zwei geklaute Milchkisten, die ich alle an mein Fahrrad binde und es am Tag vor Labor Day mühsam hinüber zur Fir Street schiebe.

Es ist seltsam, Burnham wieder so belebt zu sehen, nachdem es den ganzen Sommer über buchstäblich eine tote Zone war. Aber heute ist der erste offizielle Umzugstag, und der Campus wimmelt von neuen und zurückkehrenden Studenten. In Tränen aufgelöste Eltern und ängstliche Erstsemester, die ihr Bestes geben, sich ihre Panik nicht anmerken zu lassen, so weit das Auge reicht. Ersti-Lotsen mit scheußlichen neonfarbenen T-Shirts und Megafonen treiben ihre nervösen jungen Schützlinge zusammen und versprechen ihnen die besten Jahre ihres Lebens.

Ich halte den Kopf gesenkt, manövriere meine sperrige Last durch die Menschenmenge und stoße einen Seufzer der Erleichterung aus, als ich es bis zu den schattigen Pfaden geschafft habe, die sich am Rand des Campus entlangschlängeln. Es ist ruhiger hier, und die Sonne, die durch das Blätterdach der alten Bäume scheint, sprenkelt das Pflaster mit Licht und Schatten. Die Sonne hat ihren Weg zurück nach Oregon gefunden, und es ist wärmer als in den letzten Tagen, so warm, dass ich sogar in Jeans und Tanktop schwitze, als ich die Wohnung erreiche.

Ich bleibe auf dem Gehsteig stehen und betrachte mein neues Heim. Es ist ein kleines Reihenhaus. Jedes in dieser Straße hat einen winzigen Vorgarten, eine rote Backsteinfassade, grüne Türen und ein einziges Fenster im ersten Stock. Es wirkt … gemütlich.

Das Haus, das ich mir mit Kellan McVey teilen werde.

Die Haustür wird aufgerissen, und Kellan und Crosbie stoßen einander die Ellbogen in die Rippen, als sie hinausstolpern, bekleidet mit Sneakers, Shorts und dazu passenden Burnham-Leichtathletik-T-Shirts. Als sie mich sehen, bleiben sie stehen, und ich lächele peinlich berührt, während ich mein Fahrrad den kurzen Weg zur Haustür schiebe.

»Hast du noch mehr?«, fragt Kellan und betrachtet meine Fracht.

»Das ist alles.«

»Das ist alles?« Crosbie wirkt verwirrt. »Wo ist dein Bett? Dein Schreibtisch?«

»Die kommen noch«, antworte ich. »Im vergangenen Jahr war ich im Wohnheim, also habe ich noch keine Möbel. Sie sollen am Dienstag geliefert werden.«

Heute ist Sonntag, und morgen ist Labor Day, Dienstag ist also der früheste Termin, zu dem die Möbel hergeschafft werden können. Ich erwähne nicht, dass die Sachen von Ikea kommen, die Wahrscheinlichkeit ist also groß, dass ich nicht vor dem nächsten Wochenende herausfinden werde, wie das Ganze zusammengebaut wird, falls ich das überhaupt jemals herausfinde.

Als Kellan und Crosbie anbieten, mir dabei zu helfen, die Sachen hineinzubringen, winke ich ab, aber sie bestehen darauf, und nach einer kurzen Aktion ist mein Schlafzimmer mit zwei Milchkisten mit Büchern und zwei Reisetaschen mit Klamotten und Hygieneutensilien gut bestückt.

»Home sweet home«, sage ich, als sie nicht gehen.

»Willst du, ähm, mit uns joggen gehen?«, fragt Kellan. »Wir wollten gerade loslaufen.«

Ich will definitiv nicht joggen. Sport ist nicht meine Stärke. »Danke«, antworte ich, »aber ich muss in einer Stunde bei der Arbeit sein. Ich hänge einfach noch ein paar Sachen in den Schrank und ziehe dann los.«

»Ach ja?«, fragt Crosbie. »Wo arbeitest du denn?«

Obwohl Kellan das bereits aus unserem E-Mail-Verkehr weiß, erzähle ich ihnen vom Beans, das im winzigen Stadtzentrum von Burnham liegt.

»Ich bin schon ein paarmal dort gewesen«, wirft Kellan ein. »Ich glaube nicht, dass ich dich gesehen habe.«

Ich tue mein Bestes, nicht die Augen zu verdrehen. Ich bin unsichtbar. Ich hab’s kapiert. »Dann habe ich wohl gerade nicht gearbeitet.«

»Die veranstalten dort Open-Mic-Abende, richtig?«, erkundigt Crosbie sich interessiert. »Ich meine, für jede Art von Talent.«

Kellan macht sich nicht die Mühe zu verbergen, dass nun er die Augen verdreht. »Alter. Nein.«

Ich erwarte irgendeinen Scherz über sein Talent für Lap Dance oder so etwas, daher ist es eine totale Überraschung, als Crosbie fragt: »Treten dort jemals Zauberer auf?«

Meine Augenbrauen zucken in die Höhe. »Zauberer? Ähm, nein, soweit ich weiß, nicht.«

»Hmm.«

»Niemand interessiert sich für deine Tricks«, murmelt Kellan, dem sein Freund offensichtlich peinlich ist. Aber Crosbie scheint das egal zu sein. »Illusionen«, sagt er. »Ihr interessiert euch nicht für meine Illusionen.«

Ich bin zu überrascht, um zu lachen, aber ich gebe einen seltsamen Laut von mir, halb Schnauben, halb Kichern. Kellan sieht mich verwirrt an, aber Crosbie grinst, und meine Lippen zucken. Jemand, der Arrested Development zitiert, kann nicht ganz schlecht sein.

»An der Kasse liegt ein Buch, in das man sich eintragen kann«, erzähle ich ihm. »Du kannst jederzeit vorbeikommen und dich einschreiben.«

»Vielleicht mache ich das.«

»Ermutige ihn nicht auch noch«, fleht Kellan und zerrt Crosbie aus dem Raum.

»Keine Ermutigung notwendig«, sagt Crosbie. Kurz bevor er Kellan das Tauziehen gewinnen lässt, fügt er hinzu: »Wir sehen uns.«

Das wäre eine Premiere, denke ich, als ich ihnen nachschaue.

Apropos unsichtbar, ich wünschte, das wäre ich im Beans wirklich, und zwar für alle. Weil fast nur Studenten hier arbeiten, haben wir ziemlich feste Schichten, und ich arbeite normalerweise mit Marcela und Nate, unserem Vorgesetzten, zusammen.

Nate und Marcela unterscheiden sich wie Tag und Nacht. Nate ist ein hochgewachsener, blonder Hipster in Skinny Jeans mit dunkel gerahmter Brille, und Marcela ist die Art Mädchen, die Hipster vermöbelt. Sie bevorzugt enge, hohe Stiefel, kurze Röcke und zu knapp sitzende Tops. Gepaart mit ihrem blondierten Haar und ihrem üblichen roten Lippenstift sieht sie aus wie eine Kreuzung aus einem Filmstar aus den Fünfzigern und einem unartigen Schulmädchen – das mich hasst. Ich habe unsere Freundschaft direkt nach meiner Verhaftung im Mai beendet, und ich hatte irgendwie gehofft, dass der Sommer fernab des Burnham College helfen würde, ihren Zorn zu lindern, aber das ist nicht passiert. Sie ist vor zwei Wochen mit dem gleichen Maß an brennendem Groll zurückgekehrt, mit dem sie weggefahren ist.

»Hey«, ruft Nate, als ich durch die Küche laufe und mir die Schürze umbinde. Ich habe mein Fahrrad in der Gasse abgestellt, wasche mir jetzt die Hände und tue so, als würde ich nicht merken, wie Marcela mich ignoriert, während sie ein Blech mit Muffins aus dem Ofen holt. »Du bist spät dran«, fügt er an die Theke gelehnt hinzu.

»Nur drei Minuten«, bemerke ich und trockne mir die Hände ab. »Ich habe die Anfahrtszeit nicht mit einkalkuliert.«

»Du hast seit einem Jahr den gleichen Weg.«

»Heute nicht. Ich bin umge…« Ich versuche, mich zu bremsen, aber es ist zu spät. Nicht dass es ein Problem ist, wenn Nate erfährt, wo ich wohne, aber es ist offensichtlich, dass ich mir eine solche Wohnung nicht allein leisten kann, daher wäre der nächste, naheliegende Schritt, mich nach Mitbewohnern zu fragen, und ich will darüber jetzt nicht reden.

Und auch sonst nicht.

Vor allem nicht, weil Nate vielleicht nichts von der Sache mit Kellan McVey weiß, Marcela dagegen alles.

»Moment mal«, sagt er, als ich versuche, mich nach vorn zu verdrücken. »Du bist umgezogen?«

»Ja«, rufe ich über meine Schulter. »Ich glaube, ich habe die Glocke gehört. Zeit zu arbeiten!«

Ich schiebe mich durch die Schwingtüren in den vorderen Teil des Ladens und atme die vertrauten Gerüche von Kaffee, Vanille und Gebäck ein. Der Inhaber des Beans ist ein großer Förderer der Künste, und auf jedem Quadratzentimeter des Ladens, der nicht Kaffee, Snacks und Sitzplätzen gewidmet ist, sind Kunstwerke ausgestellt. Wir haben alles, angefangen von Gemälden an den Wänden bis hin zu handgefertigten Möbeln, Skulpturen, Schmuck und einem sehr beliebten Satz russischer Matroschkas. Sie sind so bemalt, dass sie aussehen wie berühmte Film-Figuren.

Ich kenne die Frau, die an der Theke wartet. Sie kommt oft her und ist durchaus nett, aber sie gibt zunehmend komplizierte Getränkebestellungen auf, und obwohl sie nur wenig älter zu sein scheint als ich, trägt sie das ganze Jahr über Pelz. Marcela hat ihr den Spitznamen Nerzmantel verpasst, und der Name ist hängen geblieben.

»Möchten Sie etwas bestellen?«, frage ich.

»Ja, bitte. Ich nehme einen kleinen, geeisten, halb entkoffeinierten, doppelt entfetteten Pfefferminzmokka mit Kokosmilch. Ohne Schaum. Zum Mitnehmen.«

Nate lungert neben mir herum, und sie schenkt ihm ein scheues Lächeln, das er kaum wahrnimmt. Ausnahmsweise einmal bin ich dankbar für ihre komplizierte Bestellung. Ich begrüße die Möglichkeit, Nachfragen aus dem Weg zu gehen, und lasse mir absurd viel Zeit, dafür zu sorgen, dass der Becher randvoll ist, bevor ich ihn ihr über die Theke schiebe.

»Vielen Dank.« Sie wirft einen weiteren Blick auf Nate, der bedächtig ein Tablett mit Brownies wieder auffüllt, und verlässt das Café.

»Also«, sagt Nate, als Nerzmantel weg ist. »Du bist umgezogen?«

»Ja.« Ich werfe das Kleingeld in unser Trinkgeldglas. »Nur an den Rand des Campus. Weg vom Campus. So ganz knapp.«

Er legt die Stirn in Falten. »So ganz knapp weg vom Campus ist eine ziemliche hübsche Gegend.«

»Sicher und gut fürs Studium.«

Er verdreht die Augen. Er weiß alles über die Veränderungen, die ich in meinem Leben vorgenommen habe, und obwohl er mir nicht gerade zugejubelt hat, als ich letztes Jahr festgenommen worden bin, findet er doch, dass ich das alles viel zu ernst nehme. Aber so bin ich nun mal. So bin ich immer gewesen. Heiß oder kalt, niemals irgendetwas dazwischen. Unsichtbar oder verhaftet.

Als ich dreizehn war, fing ich an, mich körperlich zu entwickeln, und angesichts der neuen, unerwünschten Aufmerksamkeit, die meine Brüste erhielten, habe ich mich unglaublich geschämt. Denn ich war von einem unbeholfenen, schlaksigen Teenager zu einem Objekt von Pfiffen und lüsternen Blicken geworden, und das ohne Übergangsstadium. Ich habe auf die beste Weise rebelliert, die sich mir anbot, ausgeleierte Sweatshirts und Jeans, Sneakers, kein Make-up getragen. Und eigentlich funktionierte das auch. Ich habe keinerlei Aufmerksamkeit erregt. Ich wurde außerdem um keine Dates gebeten. Niemand hat mich zum Weihnachtsball eingeladen oder zum Homecoming oder auch nur zum Schulball. Ich musste mit meinem Nachbarn Charlie hingehen, der eine Klasse unter mir war. Als ich aus meinem Elternhaus in Washington nach Burnham zog, beschloss ich, es sei Zeit für einen Wechsel. Ich würde mich nicht mehr in übergroßer Kleidung verbergen, die ich auf den Ständern mit den Sonderangeboten fand, ich würde aus meinem mir selbst auferlegten Kokon heraustreten und mein Leben leben. Als ich an meinem zweiten Unitag Marcela kennenlernte, wusste ich, dass sie die ideale Komplizin und die perfekte Führerin durch die Partyszene von Burnham sein würde. Und ich war nicht besonders schüchtern oder verlegen – ich hatte bisher nur meine weltoffene, sexy Seite vernachlässigt.

Die ich dann letztes Jahr wiederentdeckte.

Immer wieder aufs Neue. Endlos. Und manchmal auf illegale Weise.

Ich bin von null auf hundert gegangen, ohne je die Bremse anzutippen, und schließlich ins Schleudern geraten. Also bin ich jetzt hier, zurück bei null, verstecke mich und bezahle für all den Spaß, den ich gehabt habe. War er es wert? Ja, das würde ich schon sagen. Bin ich mir völlig darüber im Klaren, dass ich den Rückwärtsgang einlege und von hundert auf null gehe, ohne je nach einem vernünftigen Mittelweg zu suchen? Noch einmal ja. Ich hatte in der Highschool gute Noten, aber die Highschool war nicht schwer. Das College schon. Burnham ist die alte Alma Mater meines Dads, und nur deshalb bin ich überhaupt dort angenommen worden. Dieses College hat aus gutem Grund so einen hervorragenden Ruf. Unter seinen Ehemaligen befinden sich zwei Präsidenten, ein Friedensnobelpreisträger und ein Richter am Obersten Gerichtshof. Die Professoren lassen einen durchfallen, wenn sie finden, dass man sich nicht genug Mühe gibt, oder wenn sie denken, man bete nur etwas nach. Es reicht nicht, aufzutauchen und seine Hausarbeiten zu schreiben – sie wollen sehen, dass man sich bemüht. Und im letzten Jahr habe ich mich nicht bemüht. Daher ist mein Stipendium halbiert worden. Meine Eltern kommen in diesem Jahr für die restlichen Studiengebühren auf, und ich ziehe zu Kellan McVey, meinem neuen Lernpartner.

Auch wenn ich vielleicht im vergangenen Jahr in Statistik eine Drei minus bekommen habe, weiß selbst ich, dass eine hohe Chance besteht, dass das ganze Arrangement nicht wie gewünscht funktionieren wird.

3

Okay, es ist also möglich, dass ich aus dieser »Kellan-McVey-ist-mein-Mitbewohner«-Geschichte mehr gemacht habe, als unbedingt nötig ist. Ich meine, er ist nur ein Kerl. Ein Typ, der nach einem vormittäglichen Fußballspiel im Regen nach Hause kommt, seinen durchnässten Pullover abstreift, durchs Wohnzimmer geht und mich angrinst, bevor er im Bad verschwindet.

Habe ich erwähnt, dass Kellan einen Waschbrettbauch hat? Einen, bei dem man sich fragt, ob der überhaupt echt sein kann. Denn den hat er. Und auch wenn ich mir gern einrede, es sei das Erdnussbutter-Sandwich, das ich gerade esse, welches mir das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt, ist es das nicht. Das heiße Gefühl, das sich in meinem Bauch ausbreitet, hat auch nichts mit Essen zu tun, aber sehr viel mit der Tatsache, dass ich seit dem einen Mal in der Kammer mit Kellan mit niemandem mehr richtig zusammen gewesen bin.

Und das ist vier lange Monate her.

Ich schließe fest die Tür zu den schmutzigen Gedanken, die versuchen, den Nebelschleier meines Arbeitseifers zu durchdringen, und konzentriere mich darauf, meinen Teller zur Spüle zu bringen, als Kellan aus dem Bad kommt, in Shorts und … das war’s. Nur Shorts. Seine dunklen Locken glänzen feucht, während ein winziger Wassertropfen sich einen Weg zwischen seinen Brustmuskeln hindurchbahnt und über sein Sixpack läuft und …

»Irgendwelche Pläne für heute?«, fragt Kellan, als er sich zu mir in die winzige Küche gesellt und eine Schüssel Käse-Makkaroni von gestern aus dem Kühlschrank nimmt. Er stellt sie in die Mikrowelle und drückt auf ein paar Knöpfe, dann erfüllt das leise Sirren der Ventilatoren die Luft.

»Ach, nur Arbeit«, sage ich. »Ich fange um zwei an.«

»Kein letzter Akt der Rebellion, bevor die Uni wieder anfängt?« Heute ist Labor Day, und offiziell beginnen morgen die Kurse. Ich habe fünf Kurse und zwei Übungseinheiten, und das Jonglieren mit dem College und dem Job sollte mehr als ausreichend sein, um mich vor Schwierigkeiten zu bewahren.

Ich schüttele den Kopf, da die Bildung von Worten eine Herausforderung darstellt, der ich gerade nicht gewachsen bin. Ich habe bereits Kellans Seife im Bad gesehen, aber sie an seinem frisch gewaschenen Körper zu riechen, ist eine ganze eigene Art von olfaktorischer Folter. Ich zermartere mir das Hirn nach einer witzigen, intelligenten Bemerkung, aber mir fällt nur ein: »Was hast du denn vor?«

»Essen«, antwortet er prompt, und die Mikrowelle gehorcht dem Befehl und piepst höflich. Kellan nimmt die Schüssel heraus, rührt um, probiert und nickt zufrieden. Wenn ich in unseren drei Tagen des Zusammenwohnens eines über Kellan gelernt habe, dann dass er nicht gelogen hat, als er sagte, er liebe Käse-Makkaroni. Er kauft sie en gros, und einer unserer vier Küchenschränke ist mit zahlreichen Packungen davon vollgestopft. Ich meine, ich mag Käse-Makkaroni genauso gern wie jeder andere, aber in dieser Menge sind sie irgendwie ekelig. Obwohl es schwer ist, Käse-Makkaroni nicht als sexy und köstlich anzusehen, wenn sie mit einer Gabel in den Mund eines mit freiem Oberkörper dasitzenden Kellan McVey geschoben werden.

»Also«, hebe ich an, bereit, den Rückzug anzutreten und mich hoffentlich nicht noch durch Sabbern in Verlegenheit zu bringen.

»Was studierst du gleich noch mal?«, fragt Kellan, schwingt sich auf die Theke und macht es sich bequem.

Passiert das wirklich? Reden wir? Nur ich und Kellan McVey?

»Ich bin noch unentschlossen«, höre ich mich sagen, und meine Stimme klingt dankenswerterweise normal. »Ich mache in diesem Jahr ein wenig von allem. Du studierst Soziologie, richtig?«

»Ja.« Er zuckt die Schultern. »Das scheint eine sichere Sache zu sein. Eine gute Ausgangsbasis. Damit kann man in viele Richtungen gehen.«

»Klar.« Ich nehme einen Schluck Wasser und versuche, nicht auszusehen, als würde ich in meinem eigenen Zuhause herumlungern. Ich will ein Gespräch mit Kellan führen. Ich will, dass das zu den Dingen gehört, die wir gemeinsam tun. Die Strickjacke habe ich beim Auspacken ganz nach hinten in meinen Kleiderschrank geworfen, und auch wenn ich die Korsetts und die ledernen Miniröcke ebenfalls dort hinten hineingestopft habe, will ich nicht, dass er in mir die zugeknöpfte angehende Bibliothekarin sieht, die er bei unserer ersten Begegnung kennengelernt hat.

Wegen des regnerischen Wetters trage ich Jeans und ein türkisfarbenes Flanellhemd, das mir gut steht und meine Figur zur Geltung bringt. Nicht dass er es zu bemerken scheint. Nach einem langen Moment verlegenen Schweigens seufze ich und wende mich zum Gehen.

»Hey«, sagt er.

Ich bleibe stehen. »Ja?«

»Du kommst doch an der Frat Farm vorbei, wenn du in die Stadt gehst, richtig? Zur Arbeit …«

Ich tue so, als müsste ich darüber nachdenken, als hätte ich nicht eine Menge Zeit dort verbracht. »Ja, schon.«

»Besteht irgendeine Chance, dich dazu zu bewegen, dort für Crosbie etwas abzugeben? Er braucht es morgen früh gleich als Erstes, aber ich komme heute nicht dorthin.«

Es sind ungefähr fünfzehn Minuten von hier bis zur Frat Farm, aber was soll’s. Es liegt für mich auf dem Weg. »Na klar«, antworte ich. »Aber du musst mir die Adresse geben.« Das stimmt sogar – ich weiß, dass Crosbie in einem Verbindungshaus wohnt, aber nicht, in welchem. Im Dunkeln sehen sie alle gleich aus.

»Danke.« Er hüpft von der Theke und joggt in sein Zimmer, während ich versuche, nicht das Spiel seiner Rückenmuskeln zu bewundern. Eine Sekunde später kommt er mit einer Schachtel mit dem Logo einer bekannten Schuhfirma zurück. »Sneakers«, erklärt er. »Spezialbestellung. Ein Typ, den ich kenne, arbeitet in dem Laden, und Crosbie wartet schon seit einer Ewigkeit darauf.«

»Ein Schuh-Typ«, sage ich und studiere die Schachtel. »Wer hätte das gedacht?« Wenn ich an Crosbie Lucas denke – und fairerweise muss ich zugeben, dass das nicht oft vorkommt –, habe ich dreierlei im Sinn: laut, Muskeln und Crosbabes. Nur eine Sache davon weckt mein Interesse, und die reicht nicht aus, um die beiden anderen wettzumachen.

Kellan schüttelt den Kopf. »Verwickle ihn bloß nicht in ein Gespräch über Schuhe. Er hört dann nie wieder auf zu reden. Und was auch geschieht, lass dich nicht dazu überreden, an irgendwelchen Zaubertricks teilzunehmen. Da kommst du niemals lebend raus.«

Illusionen, denke ich. Nimm nicht an irgendwelchen Illusionen teil. »Ist pflichtschuldigst vermerkt«, sage ich. Und aus irgendeinem Grund salutiere ich dann.

Kellan starrt mich eine Sekunde lang an, dann rümpft er die Nase und lässt ein von Herzen kommendes Bauchlachen ertönen. Mit Bauchlachen meine ich Sixpack-Lachen, denn dieses kräuselt sich auf eine Weise, die etwas mit meinem eigenen Magen und einer gewissen Stelle darunter anstellt.

Zwanzig Minuten später lehne ich mein Fahrrad an die Veranda des Verbindungswohnheims von Alpha Sigma Phi. Es ist ein viktorianisches Gebäude mit abblätternder grüner Farbe in einer schattigen, baumgesäumten Straße voller ähnlicher Häuser, die in gedämpften und respektablen Erdtönen gestrichen sind. Weil es der Tag vor Unibeginn ist, geht es in der Frat Farm relativ gesittet zu – Jungs ziehen ein, mehrere Eltern hängen herum, und alle zeigen sich noch von ihrer besten Seite.

Im Wohnheim von Alpha Sigma Phi ist es ruhig, die Haustür ist geschlossen, und eine große Topfpflanze blüht fröhlich unter dem Briefkasten. Es ist die Art von Pflanze, die sagt: »Vertrau uns, Mom – dein Sohn ist hier in guten Händen!« Die Art von Pflanze, die heute in einer Woche tot sein wird.

Ich drücke auf die Klingel und höre es im Haus läuten, und einige Sekunden später wird die Tür von einem großen, schlaksigen Typen geöffnet. Er trägt einen Anzug und eine Krawatte und ein Namensschild mit der Aufschrift: »Ich heiße Dane.« Als er mich sieht, stutzt er, und mir wird klar, dass hier neue Mitbewohner erwartet werden und man darauf hofft, einen guten Eindruck auf die Eltern zu machen. Das ist eine positive Nachricht für mich – Alpha Sigma Phi trägt ihren Namen zu Recht. Die Jungs sind alle Sportler und nehmen das »Alpha« in ihrem Titel sehr ernst, jeder von ihnen ist entschlossen, der Herr des Hauses zu sein. Wenn sie noch im »Beeindrucken-wir-Mom«-Modus sind, ist es unwahrscheinlich, dass ich in eine Orgie hineinplatze.

»Hey«, sage ich.

»Hey.« Er schaut auf die Tüte mit dem Karton in meiner Hand.

»Wohnt Crosbie Lucas hier?«

»Oh.« Dane lächelt und nickt wissend. »Ja, ja. Er wohnt hier. Gleich da oben.« Er tritt beiseite, um den Blick auf eine große Treppe freizugeben, die in den ersten Stock führt. »Geh nur. Zieh dein Ding durch.«

Ich blinzele. Flanellhemd, Jeans und ein Uhr mittags an einem Montag? An mir ist nichts, das sexy oder zweideutig wäre. »Ich brauche nicht nach oben zu gehen«, erwidere ich und bin plötzlich etwas weniger zuversichtlich, dass ich nichts sehen werde, was ich nicht wieder aus dem Kopf kriege. Das Letzte, was ich brauche, ist eine Begegnung mit Crosbie und seinem neuesten Crosbabe. Ich drücke Dane die Papiertüte mit dem Schuhkarton in die Hand. »Könntest du ihm das einfach geben? Es ist von …«

»Sag es ihm selbst«, unterbricht er mich. »Ich übernehme keine Verantwortung für irgendein ›Geschenk‹ für den Typen.«

»Es ist kein Geschenk …«

Aber Dane hat sich bereits zum Gehen gewendet. So viel zu gutem Benehmen.

Ich erwäge es, die Tüte einfach an der Tür stehen zu lassen und Kellan zu bitten, Crosbie anzurufen und ihm mitzuteilen, dass sie da ist. Aber ich weiß, wie verantwortungslos es in Verbindungshäusern zugeht, und werde wohl einfach die Treppe hochlaufen, sein Zimmer suchen, mir die Augen zuhalten und an die Tür klopfen. Keine Chance für irgendwelche Missverständnisse oder peinlichen Begegnungen.

Okay. Jetzt schinde ich Zeit. Ich muss in vierzig Minuten bei der Arbeit sein, und ich bin extra früh losgefahren, damit ich noch Gelegenheit habe, durch die Stadt zu bummeln, solange es noch so ruhig dort ist. Weil heute Labor Day ist und alle damit beschäftigt sind, ihr Zimmer zu beziehen und sich auf die Uni vorzubereiten, wird das kleine Stadtzentrum größtenteils wie leer gefegt sein, und nur ein paar Läden und Restaurants werden für die Einheimischen geöffnet haben. Ruhige, einsame Spaziergänge – wie findest du so eine Rebellion, Kellan?

Ich trete mir meine Sneakers an der Fußmatte ab – wahrscheinlich wird diese Matte den gleichen Weg nehmen wie die Pflanze – und steige die alte Holztreppe ins obere Stockwerk hinauf. Letztes Jahr hatten die Zimmer der Typen Namen, und dieses Jahr ist es nicht anders. Obwohl es ohne laut wummernde Tanzmusik, Hunderte sich windender Körper und klebrige Alkoholpfützen auf dem Boden ganz anders ist als bei meinen früheren Aufenthalten hier.

Ein langer Flur führt in den hinteren Teil des Hauses, gesäumt von Türen zu beiden Seiten. Einige stehen offen, aber die meisten sind geschlossen, und ich höre Musik und Stimmen durch die dünnen Wände. Ich gehe den Flur entlang und überfliege die Namen der Bewohner, bis ich als vorletzten Crosbies entdecke.

Ich schleiche mich dichter heran und horche nach verdächtigen Geräuschen – quietschende Matratzenfedern, schweres Atmen, schmierige Pornomusik –, aber da ist nur ein seltsam rhythmisches Dröhnen und Sirren zu hören.

Ich denke ernsthaft darüber nach, die Schuhe an den Türknauf zu hängen und zu verschwinden, dann sage ich mir, dass ich da jetzt durchmuss und klopfen werde. Er wird schon nicht nackt die Tür aufmachen – da bin ich mir ziemlich sicher. Ich meine, zu fünfzig Prozent sicher. Dreißig.

Ich klopfe. Die Kombi aus Dröhnen und Sirren wird langsamer und bricht dann ab, und nach einer Sekunde wird die Tür aufgerissen, und Crosbie steht auf der anderen Seite, ein kleines Handtuch in einer Hand, während er sich den Nacken abtupft. Er trägt ein weißes ärmelloses Shirt mit einem großen v-förmigen Schweißfleck vorn und dazu graue Jogginghosen. Seine Stirn ist nass und glänzt, und jeder einzelne seiner überentwickelten Muskeln zeichnet sich ab.

Er ist allein.

Und sehr überrascht, mich zu sehen.

»Nora«, sagt er mit seltsam aufgerissenen Augen. Es ist tatsächlich irgendwie süß, vor allem jetzt, da ich leichter atmen kann, weil ich weiß, dass ich nicht in irgendetwas hineinplatze, wovon ich Albträume bekomme.

»Hey«, antworte ich.

Eine Sekunde lang starren wir uns nur an. Es ist eigenartig – als sähe man ein Tier in der Wildnis, das man nur aus dem Zoo kennt.

»Ähm.« Ich schüttele den Kopf und halte ihm die Tüte hin. »Kellan hat mich gebeten, dir das hier zu geben. Es sind Sneakers.«

»Richtig. Okay. Danke.« Er nimmt die Tüte, und dann starren wir uns noch ein bisschen weiter an. »Hast du gerade etwas zu tun?«

Ich spüre meinen Herzschlag. Es ist peinlich, es zuzugeben, aber dieser Spruch hat von anderen Typen letztes Jahr ein paarmal bei mir funktioniert. Doch heute fällt meine Antwort anders aus. »Ich bin auf dem Weg zur Arbeit. Ich fange um zwei an.«

»Ach ja? Um zwei?« Er hat einen MP3-Player in der Tasche und zieht ihn jetzt hervor, um auf die Uhr zu schauen. Dann öffnet er die Tür ein wenig weiter und schaut hinter sich, wo ich ein halbherzig gemachtes Bett sehen kann. »Komm für eine Minute rein.«

»Wie bitte?«

Es dauert eine Sekunde, dann verändert sich sein ganzes Gesicht, und Verwirrung verwandelt sich in Überraschung und dann in Belustigung. »Leg dich einfach für einen Augenblick aufs Bett«, sagt er und versucht, seine ernste Miene beizubehalten. »Es wird nicht lange dauern.«

Ich verdrehe die Augen und komme mir dumm vor. »Halt die Klappe.«

Er lacht. »Ernsthaft, komm rein. Ich brauche jemanden, der mich abfragt, und die Arschgesichter hier weigern sich.«

»Was musst du denn abgefragt werden? Die Uni hat doch noch nicht einmal angefangen.«

»Ich habe morgen Bio bei McGregor.« Er öffnet die Tür noch weiter und bedeutet mir einzutreten. Und aus irgendeinem Grund tue ich es. »Jeder weiß, dass er an Tag Nummer eins gleich als Erstes einen Überraschungstest schreiben lässt, und ich will darauf vorbereitet sein.«

Ich versuche zuzuhören, aber eigentlich sehe ich mir Crosbie Lucas’ Zimmer an. Es ist klein und vollgestopft, mit einem Doppelbett an der Wand auf der rechten Seite, auf dem eine zerknitterte blau karierte Tagesdecke liegt. Der Schreibtisch beherbergt einen Laptop und mehrere Stapel mit Büchern und College-Kram, und der Rest des Zimmers ist dem Sport gewidmet. Die Quelle des Dröhnens und Surrens ist ein Crosstrainer auf der linken Seite des Raums, neben dem ein kleiner Gewichtestapel steht. Obwohl Crosbie genau wie Kellan der Leichtathletik-Mannschaft angehört, befinden sich in seinem Zimmer Hockeyschläger, Baseballschläger, Fußbälle, Volleybälle … so ziemlich alles, was man braucht, um jedes Spiel auf dem Planeten zu spielen.

Ein Schrank, dessen Türen offen stehen, offenbart eine Explosion von Kleidungsstücken, doch es liegen auch noch viele in der Ecke, auf dem Schreibtischstuhl und auf dem Boden neben dem Bett. In einem Mülleimer stehen einige leere Bierflaschen, aber das Fenster mit Blick in den Vorgarten – das von einem Lineal offen gehalten wird – verhindert, dass das Zimmer so übel stinkt, wie es aussieht.

»Hier.« Crosbie reißt ein Lehrbuch vom Crosstrainer und drückt es mir in die Hand. »Setz dich und fang an, mir Fragen über das erste Kapitel zu stellen.«

Der einzige freie Platz ist das Bett, und als ich einen sehnsüchtigen Blick auf den mit Klamotten überhäuften Schreibtischstuhl werfe, lacht Crosbie mich aus. Angesichts unserer ersten Begegnung, bei der ich die Strickjacke anhatte, muss er denken, dass ich schrecklich prüde bin. »Setz dich einfach aufs Bett«, sagt er. »Ich wusste schließlich nicht, dass du kommst. Ich bringe nicht gerade viele Mädchen hier hoch, um mich ›abfragen‹ zu lassen.«

»Die Gänsefüßchen braucht es nicht«, erwidere ich und nehme am äußersten Rand der Matratze Platz. »Ich werde dich tatsächlich nur abfragen.«

Er formt mit der Hand eine Pistole und schießt auf mich. »Ich wusste doch, dass du klug bist.« Dann greift er sich eine Wasserflasche aus dem Flaschenhalter des Crosstrainers, nimmt ein paar große Schlucke und steigt wieder auf die Maschine. »Okay. Fang an.«

Ich schlage das Buch auf, überfliege die erste Seite und hebe die Stimme, um mich bei dem Dröhnen und Surren verständlich zu machen. »Bist du so weit?«

»Schieß los.«

»Erste Frage: Kopf und Schultern, Knie und …?«

»Zehen!« Er reißt die Faust hoch.

»Das war nur zum Aufwärmen. Frage zwei: Der Zehenknochen ist mit dem Fußknochen verbunden, der Fußknochen ist verbunden mit dem …?«

»Knöchelknochen.«

Ich lache und weiche dem Flaschenverschluss aus, den er mir an den Kopf wirft.

»Jetzt stell mir ein paar richtige Fragen«, verlangt er. »Wenn das so weitergeht, bin ich der Klügste in der Klasse.«

»Ich wusste gar nicht, dass du so arbeitseifrig bist.«

»Ich stecke voller Überraschungen.« Er nimmt sich zwei kleine Gewichte, um Bizeps-Curls auf dem Crosstrainer zu machen. Ich versuche, nicht darauf zu schauen, wie seine Muskeln sich bewegen. Er ist viel schwerer als Kellan. Kellan ist gebaut wie ein Läufer, groß und geschmeidig. Crosbie sieht eher aus wie ein Ringer, er ist kleiner, breiter und kräftiger.

»In Ordnung.« Ich zwinge mich, mich zu konzentrieren. Ich soll Crosbie in Bio abfragen und nicht zwanghaft an seinen Körper denken. Dabei interessiert mich sein Körper gar nicht. Aber als ich anfange, ihm richtige Fragen zu stellen, und er sein Bestes gibt, korrekt zu antworten, ist mir das hier plötzlich schon wichtig, aber nur ein ganz klein wenig. Denn er ist absolut und vollkommen bei der Sache, ohne eine Spur der nassforschen Angeberei, die er normalerweise zur Schau stellt. Kein Hinweis auf den Typen, der auf Tischen tanzt und der auf der Liste, die er an der Toilettenwand im dritten Stock des Studentenwerks führt, weitere Crosbabes hinzufügt.